Strom in Handwerk

 

Als der Strom 1904 nach Fellbach kam, waren die Handwerker die ersten Nutzer. Sie hatten schon in anderen Dörfern oder Städten die enorme Arbeitserleichterung erkannt und kennen gelernt. Waren es im Oktober 1904  erst zwei Handwerker, kamen im November bereits fünf weitere dazu, die sich für die neue Technik interessierten. Hier nun einige Erinnerungen von Nachkommen  dieser Fellbacher Vorreiter: Möbel Laipple, Schmiede Dinkelacker und Glaserei Kurrle.  

 

Schreinerei Laipple, Untertürkheimerstrasse 2

Gerhard Laipple, Kelterweg 32:

Gottlieb Laipple, *1860

„Mein Großvater Gottlieb Laipple, damals 23 Jahre alt,  gründete 1883 die Schreinerei Laipple in der Untertürkheimerstrasse 2. Noch vor 1900 wurde eine Dampfmaschine (Lokomobil) angeschafft, um die Sägen per Transmission anzutreiben. Die Maschine wurde vom Brunnen gegenüber durch eine unterirdische Wasserleitung versorgt, die der Großvater eigenhändig gebaut hatte. Die Maschine war eine grosse Arbeitserleichterung, auch andere Handwerker konnten sie gegen Bezahlung benutzen. So haben zum Beispiel alle Metzger die ebenfalls angeschlossene Fleischhackmaschine benutzt. Für viele Mitbürger wurde auch Brennholz gesägt. Die reichlichen Holzabfälle versorgten die Maschine mit Brennstoff. Als dann Stromversorgung möglich war,  wurde die riesige Dampfmaschine abgeschafft und dafür ein Elektromotor installiert. Des war vor allem aus Platzgründ, denn die Schreinerei war ja net arg gross.  Wichtigste Werkzeuge waren damals die Kreissäge und die Bandsäge. 1907 starb mein Großvater und die Firma wurde von meiner Großmutter Katharina Laipple unter großen Schwierigkeiten weitergeführt. Ein weit bekanntes Produkt war der Ausziehtisch oder Kulissentisch, dessen Prinzip heute auch noch sehr nachgefragt ist.“

Das Gründerhaus der Schreinerei in der Untertürkheimerstrasse 2 im Januar 1915. Das Spezialprodukt des Firmengründers: der Kulissentisch.

Schmiede Dinkelacker, Cannstatterstrasse 80

Werner Gassert, Kelterweg  67:

„Mein Großvater, der Schmiedemeister  Friedrich Dinkelacker war zusammen mit Zimmermann Fritz Barth der erste, der 1904 in Fellbach als Handwerker Strom eingesetzt hat. Angetrieben wurden per Transmission das Gebläse am Feuer, ein Hammerwerk und eine Standbohrmaschine.“
Christian Friedrich Dinkelacker mit Frau Pauline Sophie (geb Mack) mit acht ihrer Kinder im Jahre 1912. Stromantrieb in der Werkstatt von Schmied Dinkelacker in der Cannstatterstraße 80.

Glaserei Currle, Weimerstrasse 12

Ewald Kurrle (+), Weimerstrasse 12 erinnert sich noch gut an die Erzählungen seines Vaters und Grossvaters:

Der Gründer der Glaserei Kurrle: Wilhelm Kurrle um 1889.

„Mein Grossvater Wilhelm Kurrle hat die Glaserei 32-jährig im Jahr 1902 gegründet. Ohne Motoren war das Sägen und Hobeln eine mühsame Arbeit. Die einzige Möglichkeit war die Dampfmaschine von der Schreinerei Laipple in der Untertürkheimerstrasse 2, ‚Lokomobil’ haben sie es auch genannt. Laipple hatte auch eine Fleischhackmaschine, die die Fellbacher Metzger gerne benutzten. Als Handwerker hat man zum Beispiel im Winter auf Freitag morgen 9:00 Uhr einen Termin ausgemacht zum Holzsägen, den Handkarren beladen und ist losgezogen. Leider war die Maschine aber regelmässig eingefroren, so dass es oft bis in den Nachmittag dauerte bis man endlich loslegen konnte. Im Journal von 1902 sieht man noch bei Ausgaben: 16. Bei Laipple für Holz schneiden: 1,50 M.

Am 16. April 1902 vermerkt Glaser Kurrle:
„Bei Laipple für Holz schneiden: 1,50 Mk.

Mein Grossvater sagte schon immer: ‚Wenn dr Strom mol kommt, ben i oiner vo de erschte, der des oirichta lesst’“ So war es dann auch! Wir hatten auf einem Betonsockel in der Werkstatt einen riesigen Motor aufgestellt, ungefähr 70 cm lang, Durchmesser etwa 30 cm und 4 Zentner schwer, mit einem Gusseisengehäuse und etwa 4 PS Leistung. Der hat dann über einen langen Transmissionsriemen die Bandsäge, den Hobel und die Kreissäge angetrieben. Man sagte, ‚a langer Riema ziagt besser’.  

Leider hat sich an der Stelle, wo der Motor stand, manchmal Wasser gesammelt, so dass der Riemen durch eine Pfütze lief und sich der Kaltleim an der Nahtstelle löste. Da musste man dann alles wieder zusammenleimen und warten bis es trocken war. Mein Vater hat später mit dem Motor auch für die Bauern Holz gesägt. In 1952 wurde die Spannung auf 380 Volt umgestellt, da kamen welche vom Neckarwerk und haben den Motor darauf eingestellt. Überall musste man dann so Schilder anbringen. Als der Motor ausgemustert wurde, habe ich ihn noch selbst mit meinem Bruder auseinander gebaut und die Ringschmierlager bewundert. Das Gusseisen ging ins Altmetall, da hat man nichts verschenkt!“