Drei Schulmeister Auberlen in Fellbach

Georg Daniel Auberlen

Die Sippe der Auberlen war bereits in der Reformationszeit in Fellbach ansässig. Sie waren Bauern und Weingärtner. Durch Johann Georg (1675-1753) änderte sich dieses. Er heiratete im Jahre 1698 die in Fellbach geborene Anna Katharina Lipp. Sie entstammte einer von Markgröningen zugezogenen Familie. Ihr Großvater Hans Lipp war von 1635 bis 1648 Schulmeister in Fellbach gewesen. Vielleicht veranlaßte dies den Johann Georg Auberlen, zwei seiner Söhne - Johann Georg (geb. 1701) und Johann Friedrich (geb. 1717) - Schulmeister werden zu lassen. Johann Georg waltete seines Schulmeisteramtes in Endersbach und später in Böblingen. Sein zweiter Sohn Georg Daniel ist der Begründer der Schulmeisterdynastie Auberlen, in deren Händen 117 Jahre der Schuldienst in Fellbach lag.

Georg Daniel wurde am 15. August 1728 im Schulhaus in Endersbach geboren und erhielt mit seinem ein Jahr älteren Bruder Johann Jakob beim Vater eine gründliche Lehre. Dann kam er als "Mägdleinlehrer" nach Markgröningen. In Rosine Magdalene, Tochter des Chirurgus Gegall, fand er dort seine erste Frau. 1756 wählte ihn Fellbach zum Schulmeister als Nachfolger des Matthäus Zaiser. Fellbach hatte diese Wahl nicht zu bereuen.

Im Jahre 1763 schreibt der Pfarrer M. J. G. Müller in seinem Bericht zur Kirchenvisitation: "Hat feine Schulgaben, lebt mit den Seinigen ohnklagbar, richtet sich nach der Schulordnung (erneuerte Schulordnung von 1729), hält gute Zucht und als Mesner die Kirche und die vasa sacra (heilige Gefäße) reinlich, geht dem Rat an die Seite." Magistrat und Gemeindedeputierte sind ebenfalls von des Schulmeisters Tüchtigkeit überzeugt, "sollte aber nach ihrer Meinung nicht soviel Visiten machen, ob sie schon nach den Schulstunden geschehen. Ist ein kapabler (befähigter) Schulmeister, denen Provisoren mit seinem Fleiß zur Aufmunterung und in der Zucht zum Muster, versteht die Musik und noch besser schreiben und rechnen." Der Dekan vermerkt: "Die Schule findet sich in feinem Stand und ist wie die vorhandenen Tabellen ausweisen in drei Klassen eingeteilt. Die Kinder kommen nicht unfleißig, wahre Gottesfurcht wird eingeprägt. Die Kinder sind wohl unterrichtet, nur sollten sie nicht lauter Gesänge allein, sollten auch Psalmen und Hauptsprüche und die vornehmsten Fragen aus der Kinderlehre lernen, wozu sie in Zukunft werden angehalten werden."

Die Schule zählte im Jahre 1763 im Winter 110 Knaben und 180 Mädchen, im Sommer 84 Knaben und 142 Mädchen. Fünf Jahre später wird vermerkt, "hat kein Handwerk, treibet auch kein Nebenämtle, ist zugleich Mesner und Organist (Organist war vorher Matthäus Friedr. Ebensperger gewesen), muß im Winter zwei und im Sommer einen Provisor halten. Er ist ein guter Musikus, vorzüglicher geschickter Organist. "

Georg Daniel war ein hochbegabter Mann mit besonderer musikalischer Begabung. Außer der Orgel spielte er Klavier und Violine. Das bescherte ihm einen zweiten Wirkungskreis als Organist, Komponist und Musiklehrer.

Nicht weniger als 33 Kantaten sind von ihm erhalten. Seine Kantaten für Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel führte er in den mit Musik reich ausgestatteten Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen in der Kirche auf. An hohen Festtagen wurde sogar im Nachmittagsgottesdienst musiziert; so ist eine Osterkantate ausdrücklich zur Aufführung vor der Abendpredigt bestimmt. Die Orchesterinstrumente ließ er von den Zöglingen spielen, die er für das Schul- und Kantorenamt vorbereitete. Ihnen erteilte er eine gründliche praktische und theoretische Ausbildung in der Musik.

Bei diesen Schülern duldete er keine dilettantische Beschäftigung. Sein Sohn Samuel Gottlob, späterer Musikdirektor und Organist am Münster in Ulm, schreibt in seiner Selbstbiographie: "Mein Vater, ein vortrefflicher Organist, dem nicht leicht ein anderer zur Seite gestellt werden konnte, gab sich alle mögliche Mühe, freilich gar oft mit seinem gewaltigen Schulstecken, die Anlagen zur Musik, die er in mir bemerkte, elementarisch zu ordnen und soviel als möglich auszubilden. Er ließ zu seinem Clavichord noch ein Pedalclavichord verfertigen, damit seine Zöglinge sobald als möglich auch auf dem Pedal üben konnten. Zum ersten Unterricht wählte er Choralmelodien, außer diesen ließ er nur Präludien zu, die er größtenteils selbst komponiert hatte."

Ein Notenbuch z. B. enthält ein Klavierkonzert, zahlreiche kleinere Klavierstücke und ein Exerzitium für zwei Klaviere. Daneben finden wir aber auch Transkriptionen einiger Arien von Haase und den Anfang eines Stückes von Stamitz, ein Beweis, daß dem Fellbacher Schulmeister die Größen der damaligen Zeit nicht unbekannt waren. Den zweiten Teil des genannten Notenbuches bildet eine Unterweisung im Generalbaß in 34 Regeln mit beigefügten Beispielen und zehn bezifferten Bässen.

Georg Daniel rief in Fellbach eine Art ländliche Musikhochschule ins Leben. Eine private Musikhochschule, vielleicht die erste im ganzen Lande, in der begabte junge Menschen, besonders Lehrer, Unterricht in Musik erhielten.

Unter den vielen Schülern ragen zwei besonders hervor. Sein Neffe, späterer Schwiegersohn und Amtsnachfolger Nikolaus Ferdinand Auberlen und sein Sohn Samuel Gottlob. Nach dem sehnlichsten Wunsche von Georg Daniel sollte dieser Sohn Samuel Gottlob, geboren 1758 in Markgröningen, einst sein Nachfolger werden. Schon mit 10 Jahren durfte er in der Kirche den Choral vorsingen. Mit 14 Jahren mußte er nach dem Willen des strengen Vaters sich bei dem damaligen Prälaten in Cannstatt examinieren lassen, um als Provisor in der Schule des Vaters unterrichten zu dürfen. Mit 15 Jahren wurde er Lehrgehilfe in Fellbach. Aber der Schuldienst gefiel ihm nicht. "Eine angeerbte Neigung und Liebe zur Musik, die vielleicht länger als ein Jahrhundert vor meiner Geburt und bis jetzt das Auberlinsche Geschlecht auszeichnete und beliebt machte, wollte auch an mir sich erproben."

Verwandte, gute Freunde verwendeten sich beim Vater, bis dieser 1782 einen zweijährigen Aufenthalt in Zürich bewilligte. Im Mai 1784 rief der Fellbacher Vikar M. Brecht Samuel Gottlob eilends zurück. Der Vater hatte am Pfingstsonntag vormittags in der Kirche einen Anfall erlitten und mußte ins Schulhaus hinübergetragen werden; er verlangte die schleunige Rückkehr des Sohnes. Dieser folgte sofort, aber mit dem festen Entschluß, keinesfalls den Schuldienst des Vaters zu übernehmen. Dies verlangte der Vater auch nicht mehr. "Der Schulstaub ist nichts für dich, mich bringt er unter die Erde."

Bei der Kirchenvisitation am 4. Juni 1784 konnte Georg Daniel nicht anwesend sein. Der Pfarrer schreibt: "Es wäre schade, wenn man ihn verlieren würde." Am 30. Juni 1784 ist dann Georg Daniel an einem hitzigen Brustfieber gestorben. Es war der Tag, an dem sein Sohn wieder nach Zürich zurückreisen mußte. Zwei Tage zuvor hatte er seinen Vetter Nikolaus Ferdinand, der in Adelberg als "Informator domesticus" (Hauslehrer) wirkte, durch Eilboten nach Fellbach gebeten. Dieser Nik. Ferd. war wie bereits erwähnt bei seinem Onkel Georg Daniel Provisor gewesen und hatte sich in dieser Zeit das Vertrauen, die Liebe und Achtung des Pfarrers und der Gemeindevorsteher erworben. Um die Mittagszeit, wenige Stunden nach dem Tode des Onkels, traf er in Fellbach ein. Pfarrer Müller und Amtmann Gg. Daniel Ditting waren eben dabei, Samuel Gottl. zur Übername des Schuldienstes zu bewegen. Dieser wies auf den eintretenden Nik. Ferd. und sagte: "Hier bringe ich Ihnen den künftigen Nachfolger meines seligen Vaters!" Alle waren tief beeindruckt; keiner war darauf vorbereitet gewesen. Wenige Tage nach der Beerdigung des Schulmeisters wählten die Gemeindevorsteher einhellig Nikolaus Ferdinand als Nachfolger von Georg Daniel zum Schulmeister in Fellbach.

Nikolaus Ferdinand Auberlen

Nikolaus Ferdinand Auberlen (1755-1828)


Am 11. März 1755 in Kirchheim (Teck) als Sohn des Schulmeisters Johann Auberlen, des Bruders von Georg Daniel, geboren, wird er wohl bei seinem Vater zuerst in der Lehre gewesen sein. 1779 führte er als Provisor in Fellbach die zweite Klasse. Ein Vierteljahr nach seiner Wahl zum Schulmeister heiratete er seine Base, die 19jährige Marie Elisabeth Johanna Auberlen, die Tochter seines verstorbenen Onkels und Amtsvorgängers. So konnte die Witwe mit den noch unversorgten jüngeren Kindern im Schulhause bleiben. Noch 17 Jahre mußte Nikolaus Ferdinand im baufälligen alten Schulhaus aushalten. 1801 starb seine erste Frau; sie hinterließ sieben kleine "unerzogene aber wohlerzogene" Kinder. Auberlen heiratete im gleichen Jahre ein zweites Mal, wieder eine Lehrerstochter.

Seine Pflichten als Schulmeister nahm er immer sehr gewissenhaft. Schon bei der ersten Visitation im Jahre 1785 bestand die Schule gut zum Beweis, "daß der neue Schulmeister bei der Unterweisung an Treue und Ernst nichts mangeln läßt und die Kinder fleißiger als vorhin nicht geschehen ist in die Schule gekommen sind. Das Rechnen geht bei den Knaben und Mägdlein gut von statten und auch das Schreiben nach den neuen Vorschriften." 1793 'heißt es auf dem Rathaus: "Wir gratulieren uns, daß wir einen Schulmeister haben, der so geschickt ist und eine Gabe hat, mit Kindern liebreich umzugehen." Es fehlte deshalb nicht an Anerkennung. 1794 erhielt der Schulmeister vier Gulden, die größte vom Herzog für die Geistliche Verwaltung des Amtes Cannstatt ausgesetzte Prämie. Der Dekan nannte ihn den besten Schulmeister des Bezirkes, der seine Gaben mit rühmlichem Fleiß zum besten der Schuljugend anwendet, der sein Latein noch vor sich treibt, der auch neuere Schriften liest. Er hält sommers vormittags vier Stunden und nachmittags noch zwei Stunden Schule, also eine Stunde mehr, um mit zwei Provisoren auszukommen bei der großen Schülerzahl" (sommers 325 Kinder, winters 364 im Jahre 1792). Gegen Ende des Jahrhunderts muß seine Frau schwer krank gewesen sein, nicht zu verwundern, wenn wir die große Familie in dem baufälligen alten Schulhaus uns vorstellen. Der Dekan vermerkte in seinem  Bericht: "Das Hauskreuz des Schulmeisters ist die böse und hartnäckige Krankheit seiner Frau."

1801 konnte er mit seiner zweiten Frau, seinen sieben Kindern und seinen zwei Provisoren in das neue Schulhaus einziehen.

Mit dem Schuldienst war wie überall der Organistendienst und die Mesnerei verbunden. Die Einkünfte daraus waren ein wesentlicher Teil der kärglichen Schulmeisterbesoldung. Er klagte 1792 schwer über sein geringes Gehalt zur Beköstigung und Bezahlung zweier Provisoren. Erst zehn Jahre später, nach dem Schulhausbau, heißt es 1803 "der Schulmeister bekommt 40 Gulden Aufbesserung" und ein Jahr später ,,60 Gulden Zulage". Dabei zählte Fellbach ums Jahr 1800 zu den wenigen Schulmeisterstellen mit mehr als 400 Gulden.

Die musikalische Begabung war auch Nik. Ferd. in die Wiege gelegt. Er spielte Klavier und Orgel und noch Violine.

In einer Zeit, in der es noch keine Lehrerseminare und noch weniger öffentliche Musikschulen in Württemberg gab, war es besonders wertvoll, daß er als Nachfolger Georg Daniels junge Lehrer und sonstige Musikliebhaber in Theorie und Praxis unterrichtete. Auch sein Sohn Wilhelm Amandus (s. dort) war einer seiner Schüler. Wohl der berühmteste war Friedrich Silcher. Sein Stiefvater Wegmann schickte ihn im Frühjahr 1803 nach Fellbach, dort sollte er zum Lehrer und Musiker ausgebildet werden. Friedrich Glück, der spätere Pfarrer, Komponist von "In einem kühlen Grunde", war ebenfalls ein Schüler Nik. Ferd. gewesen.

1799 beteiligte sich Auberlen bei der Herausgabe eines Choralbuches für Württemberg, in das sechs von ihm komponierte Choräle aufgenommen wurden. Drei davon übernahm noch das Choralbuch von 1828.

Von den vielen klassischen Stücken, die unter seiner Leitung in der Lutherkirche aufgeführt wurden, sei besonders hervorgehoben Händels "Messias". Was Georg Daniel gründete, setzte er fort "die länd. liehe Hochschule für klassische Kirchenmusik in Fellbach". Sie wurde von Jahr zu Jahr berühmter.

Beim fleißigen Oben der Instrumente wurde aber die Theorie keineswegs vergessen. Nik. Ferd. beschäftigte sich neben dem Lesen neuerer Schulschriften hauptsächlich mit dem Studium der musikalischen Theorie. Auf seinem Bücherbrett lagen Bücher über Musikgeschichte und Geschichte der Musikinstrumente. Er war ein Mann von ausgeprägtem historischem Sinn, der sicherlich seinen Schülern manchen Blick in die Schätze älterer Tonkunst vermittelte. Deshalb bevorzugte er auch bei der sonntäglichen Kirchenmusik mit seinem Kirchenchor und seinen Schulgehilfen ältere Werke, wie Kantaten von Telemann und Choralsätze von Johann Sebastian Bach.

Auch in der Gemeinde trat er als Ratsverwandter an die Öffentlichkeit, er führte die sogenannten Seelenregister.

Noch 27 Jahre bewohnte Nik. Ferd. das neue Schulhaus. Seinen vierten Sohn Wilhelm Amandus durfte er mit ausdrücklicher Genehmigung des Kgl. Konsistoriums ohne vorausgegangene Prüfung als Inspizient zum künftigen Lehrer und Musiker ausbilden. Vom Jahre 1821 ab war dann Nik. Ferd. nur noch dem Namen nach Schulmeister von Fellbach, Wilh. Amandus wird als Amtsverweser geführt.

Am 10. März 1828 starb Nikolaus Ferdinand nach 44jähriger Tätigkeit im Schuldienst.

Ein Enkel schreibt einmal: "Da ich am 27. April 1826 auf die Welt kam, so war ich März 1828 noch nicht volle zwei Jahre alt, kann mich aber des Großvaters noch gut erinnern, wie er in seinen kurzen Kniehosen, schwarzen Strümpfen, Schuhen mit Schnallen, Wams und weißer Zipfelmütze mich im Wohnzimmer des Schulhauses auf dem Rücken (Schmalzhafen) trug und wobei wir miteinander sangen ,Kaufet auch en Schmalzhafen'. Der Aufstieg erfolgte auf einem Stuhl, der zwischen dem Ofen und Kasten stand."

Wilhelm Amandus Auberlen

Wilhelm Amandus Auberlen (1798-1874)


Er war der jüngste Sohn von Nikolaus Ferdinand und beschloß als dritter berühmter Lehrer die Dynastie der Auberlen in Fellbach.

Am 24. Oktober 1798 noch im alten Schulhaus geboren, verlor er schon im dritten Lebensjahr seine Mutter. Vor Ablauf des Trauerjahres aber heiratete der Vater wieder, die sieben Kinder sollten der mütterlichen Pflege nicht entbehren. Während seiner Schulzeit wird der kleine Wilh. Amandus wiederholt als der beste Schüler aufgeführt und belohnt.
Am 27. Mai 1814 ließ das Konsistorium dem Schulmeister eröffnen, daß es ihm allergnädigst erlaubt haben wolle, seinen jüngsten Sohn Wilhelm Amandus ohne vorausgegangenes Examen zum Provisor ausbilden zu dürfen, und am 16. Juni 1815 wird er auf Grund des bei der Prüfung vor dem Konsistorium erhaltenen guten Zeugnisses bis auf weiteres als zweiter Provisor in Fellbach angenommen. Drei Jahre später erscheint er in den Berichten als erster Provisor. 1821 bestellte ihn das Amt in Fellbach zum Amtsverweser für den kränkelnden Vater. Am 19. Sept. 1823 gestattete ihm das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens ausnahmsweise sich nach zurückgelegtem 25. Lebensjahr zu verehelichen. (Ausnahmsweise wohl deshalb, weil er noch nicht Schulmeister war.)

Am 6. Mai 1828 beauftragte das Konsistorium das Dekanat Cannstatt, der Gemeinde Fellbach zu eröffnen, "daß man sie nunmehr bevollmächtigt haben wolle, nach vorangegangener Bekanntmachung in öffentlichen Blättern nach gesetzlicher Vorschrift eine neue Schulmeisterwahl vorzunehmen und unter Anschluß des Wahlprotokolls geeignete Subjekte dem Konsistorium vorzuschlagen". Das Konsistorium übertrug dann am 10. Juni 1828 Wilhelm Amandus die Stelle. Der Dekan wurde angewiesen, ihn auf seine Stelle zu verpflichten, sobald er sich über den Erwerb eines Gemeindebürger- oder Beisitzerrechtes genügend ausgewiesen habe.

Bei seiner Amtsübernahme waren seine Pflichten in 20 Punkten umrissen. Noch 1838 bestätigte er, daß ihm im Vertrag vom 12. Juli 1828 bei seiner Anstellung ,,40 Kreuzer Schulgeld von jedem Kind zugesichert, hiefür und zugleich unter dem stiftungsrätlich festgesetzten Zuschuß von 75 Gulden aus der Gemeinde - und 75 Gulden aus der Stiftungskasse übernahm ich die Verbindlichkeit den drei Provisoren Kost, Bett und Gehalt zu reichen, wie es auch bis zur Anstellung des ersten Unterlehrers geschehen". Im Januar 1839 erhielt er dann eine Zulage von 40 Gulden und am Ende des Jahres eine weitere von 30 Gulden.

Wilhelm Amandus war "Schulmeister". Wenn die Aufgabe eines Lehrers darin besteht, bei seinen Schülern die Grundlagen der Bildung zu legen, d. h. diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten ihnen beizubringen und zu fördern, die sie als Glieder des Staates und der Kirche bedürfen, so hat Wilhelm Amandus diese Aufgabe vorzüglich gelöst. Seine großen Erfolge waren vor allem darin begründet, daß er über ein fachmännisch und vor allem methodisch reiches Wissen verfügte und unermüdlich an seiner Weiterbildung arbeitete. Mit seiner schönen Stimme wollte er sich als junger Lehrer eigentlich der Bühne zuwenden. Aber als er den Theaterdirektor, dem er sich vorstellen sollte, nicht antraf, war sein Entschluß schnell gefaßt, im Schuldienst zu bleiben. Bestärkt wurde er durch das lesen der damals erschienenen Schrift "Die Volksschule". Verfasser war der Seminardirektor Denzel in Eßlingen, ein begeisterter Anhänger des Schulreformators Johann Heinrich Pestalozzi. Die alte Lehrerausbildung, die er noch genossen hatte, wollte ihm nicht mehr genügen. Er bat nach vierjähriger Provisorenzeit noch um Aufnahme in das Seminar Eßlingen. Nach zweijährigem Besuch erhielt er dort das Zeugnis "vorzügliche Kenntnisse".

In seinem Unterricht wandte er sich an den Verstand der Kinder. Einer seiner ehemaligen Schüler erzählt von seinem Schulmeister Auberlen, daß dieser wiederholt gesagt habe: "Buben, das Rechnen hat fünf Spezies: Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, Dividieren und - Denken."

Auf die Schulzucht legte er großen Wert, bei der großen Schülerzahl nicht verwunderlich. Während seiner Amtszeit mußte das alte Schulhaus bei der Kirche erweitert und das neue Schulhaus in der Neugasse erstellt werden (s. dort).

Das musikalische Erbe der Auberlen ging auf Wilh. Amandus in reichem Maße über. Schon im Jahre 1828 erhielt er einen der sechs vom König ausgesetzten Gesangspreise von zehn Gulden für seine Bemühungen um die Hebung und Verbesserung des Gesangs in Schule und Kirche (s. Abbildung), 1835 eine Belobigung, 1837 eine Gratifikation von zwei Klaftern Holz aus dem hofkammerlichen Waldungen und 1847 wieder von der Hofkammer drei Klafter Buchenholz "sowohl wegen seiner Tätigkeit als Lehrer und wegen seines Singunterrichtes und der von ihm gegründeten Schule für junge Handwerker".

Königliche evangelische Synode an das Dekanatamt Cantstadt

Die evangelische Synode hat aus dem Berichte desselben mit Wohlgefallen ersehen, wie eifrig eine grössere Zahl der Diöcesan-Schullehrer sich die Verbesserung des Gesangs in Schule und Kirche angelegen seyn läßt, und hat dem Schulamtsverweser Auberle in Fellbach einen der 6 von Sr. Königl. Majestät ausges(setzten) Gesang-Preise von 10 fl. zuerkannt.

Stuttgart, den 15. Novbr. 1826

Schreiben an das Dekanat betr. Zuerkennung eines Gesangspreises von 10 Gulden an Schulamtsverweser Wilh. Amandus Auberlen vom Jahre 1826. Archiv Dekanat Cannstatt.


Besonders hervorzuheben sind seine Bestrebungen, das Gesangswesen zu fördern. Das Konsistorium gab z. B. die von ihm vorgelegte Sammlung von Choralmelodien für vierstimmigen Männerchor an das Dekanat Cannstatt mit dem Anfügen zurück, "daß Auberlen gestattet sei, bei der Ankündigung derselben in öffentlichen Blättern zu bemerken, das evg. Konsistorium habe diese rein und gut gesetzten Choräle für die Schullehrer-Singvereine, denen sie in Ermangelung mehrstimmiger geistlicher Männergesänge für ihre Gesangsübungen unter sich sehr zu empfehlen seien, vollkommen zweckmäßig gefunden". 1838 gründete er einen Männerchor. Im sonntäglichen Gottesdienst führte er mit Chor, Orgel und Orchester Werke berühmter Meister auf.

Seine Kenntnisse stellte er besonders in den Dienst des Schulgesanges, den er mit größtem Eifer pflegte. In diesem Bestreben, seine Schüler zu tüchtigen Sängern heranzubilden, schien ihm die Darstellung der Töne und Tonstufen durch Zahlen das beste Mittel zu sein. Trotz des Widerspruches vieler anerkannter Größen, z. B. auch Silchers, blieb er lange noch bei seiner Zahlenschrift. Sein Choralbuch im Tonziffernsystem konnte sich aber nicht durchsetzen.

Aus seinem reichen Musikschaffen wäre u. a. zu erwähnen, ein Quartetto per Flaute, Clarinette, Violin, Viola e Violoncello. Aus dem 1844 erschienenen württembergischen Choralbuch wählte er 100 Choräle aus, die er zweistimmig gesetzt in einem Büchlein für Schule und Haus herausgab. Viele Kantaten, Motetten, Chöre geben weiter Zeugnis von seinem musikalischen Wirken. Wie in der Schule und Kirche pflegte er auch in der Familie den Gesang. Unter den vielen Liedern, die dort erklangen, waren nicht selten solche, die er selbst gedichtet und komponiert hatte.

Wilhelm Amandus, als Lehrer so tüchtig und ein guter Familienvater, war nicht engherzig, sondern allezeit fröhlichen Sinnes wie "die Jugend und ein gläubiger evangelischer Christ. Davon zeugen seine Melodien zu den Liedern "0 drückten Jesu Todesmienen sich meiner Seel auf ewig ein" und "Wer überwindet, soll vom Holz genießen, das in dem Paradiese Gottes grünt". An vielen Fellbacher Särgen erklang dieses Lied. Es wurde auch am Sarg seiner Tochter, Clara Bauer, gestorben am 8. Januar 1939, gesungen. Sein Glaube war aber nicht bloßes Fürwahrhalten kirchlicher Satzungen und lehren, er bewährte sich in christlicher Liebe. Seine tiefe Frömmigkeit hinterließ überall einen tiefen Eindruck.

Neben all seinem Arbeiten fand Wilh. Amandus noch Zeit, um bei allgemeinen Gemeindeangelegenheiten mitzuwirken. Das Vertrauen seiner Mitbürger hatte er leicht gefunden. Mehrere Jahre war er Pfarrgemeinderat und Mitglied des Diözesanausschusses.

Wohl angeregt durch den bis zum Jahre 1805 in Fellbach tätigen Pfarrer Kohler, der sich durch seinen Einsatz für den Schulhausbau bei der Kirche rühmlichst hervorgetan hatte, setzte sich Wilh. Amandus dafür ein, daß viele Kinder in ihrer Freizeit beschäftigt wurden. Pfarrer Kohler hatte auf seiner früheren Stelle in Birkach eine Spinnanstalt eingerichtet, um dem Bettel der Kinder Einhalt zu tun. Dieses gute Beispiel wurde durch Synodalerlaß schon 1793 zur Nachahmung wärmstens empfohlen. Am 18. November 1826 schrieb das Gem. Oberamt nach Fellbach, "mit Vergnügen haben die Unterzeichneten aus dem Bericht vom 17. ds. Mon. ersehen, welches Verdienst sich der Amtsverweser Auberlen durch die Beschäftigung einer so großen Zahl von Kindern durch Falzen von Druckschriften erworben hat. Wir genehmigen das Weiterbestehen dieses Institutes, empfehlen dies der ferneren Tätigkeit des Herrn Ortsvorstehers und des Schulamtsverwesers und wünschen, daß Auberlen unser Dank und unsere Zufriedenheit ausgedrückt wird". In dieser "Industrieanstalt", in der für einen Stuttgarter Buchbinder Druckschriften gefalzt wurden, waren 1826 neben 82 Kindern auch 13 Erwachsene beschäftigt. Ein Schulkind kam täglich auf fünf bis sechs Kreuzer. Auberlen und der Provisor Bartholomä beaufsichtigten die Arbeiten. Die Anstalt ging 1849 ein. Pfarrer Stockmayer schreibt darüber: "Wenn auch die Kinder dadurch nicht ein Geschäft betreiben, das sie mit der Zeit fortsetzen, so wird doch Gelenkigkeit, Fleiß in Geschäften und Ordnungsliebe in ihnen angefacht und befördert und ihre freie Zeit geschäftsvoll und unter steter Aufsicht zugebracht."

1838 griff Wilh. Amandus den Plan einer gewerblichen Fortbildungsschule auf, drang aber mit seinem Vorschlag nicht durch. 1851 konnte wenigstens eine gewerbliche Sonntags- und Zeichenschule eingerichtet werden, die von den Behörden überall weitgehendst gefördert wurden. 1858 gründete er die heute noch bestehende "Weingärtner-Gesellschaft" Fellbach.

Allgemein anerkannt wurde seine vielseitige und so ersprießliche Tätigkeit am Pfingstmontag 1867 bei seinem fünfzigjährigen Amtsjubiläum. Wir folgen hier der Beschreibung seiner Tochter Klara: "Neun Kinder und zwei Enkel waren da. Auf dem Rathaus wurde Vater vom Schultheiß und den Gemeinderäten beglückwünscht und ihm eine silberne Schnupftabakdose überreicht. Dann ging's in die Kirche. Voran die Enkel, dann der Vater und seine Söhne (der älteste theologischer Hochschullehrer, der zweite Großkaufmann, der dritte nachmaliger Kriegsrat und der
vierte Pfarrer) nebst den verheirateten und ledigen Töchtern und der Mutter. Vor einer großen Gemeinde hielt Pfarrer Werner die Festrede über Psalm 103. - Beim Festessen in der ,Traube', woran sich viele Bürger, Lehrer, Pfarrer Werner und seine drei Söhne beteiligten, wurde noch mancher Glück- und Segenswunsch ausgesprochen. Vater nahm alles als ein unverdientes Gnadengeschenk Gottes hin, der ihm so lange Kraft schenkte, seinem Beruf zu leben."

Zu diesem Jubiläum erhielt er vom König die goldene Zivilverdienstmedaille. Für die damalige Zeit eine ganz besondere Auszeichnung für einen Lehrer.

Dieser Pfingstmontag war ein Festtag für die Schule, ein Ehrentag für den Jubilar, seine Familie, ein Festtag für die ganze Gemeinde.

In den folgenden Jahren muß Wilh. Amandus kränklich gewesen sein. Immer wieder wird er in den Sitzungsberichten wegen Unwohlseins und Blutwallungen fehlend geführt, zuletzt hatte er noch einen Hilfslehrer zugeteilt erhalten.

Nach 55jähriger Schultätigkeit in Fellbach zog sich der um das Wohl seiner Heimatgemeinde so besorgte Erzieher, der noch 1866 Oberlehrer geworden war, am 15. Januar 1873 in den wohlverdienten Ruhestand zurück, den er in dem einfachen Haus Lindenstraße 18, das er käuflich erworben hatte, verbrachte.

Nur ein kurzer Feierabend war ihm beschieden. Am 29. September 1874 rief ihn der Tod ab. Unter großer Anteilnahme der Gemeinde wurde der verdienstvolle Ehrenmann zur letzten Ruhe geleitet.

Mit dem Jahre seiner Zurruhesetzung waren 117 Jahre verstrichen, daß Lehrer seines Namens die Schule in Fellbach führten. Wieviele Fellbacher Buben und Mädchen mögen in diesen langen Jahren durch die Hände der Auberlen gegangen sein und welchen segensreichen Einfluß haben sie damit auf Generationen junger Menschen genommen?

Wenn nun das neue Mittelschulgebäude den Namen "Auberlenmittelschule" trägt, so erwarten wir alle, daß auch in Zukunft der Auberlen und ihres segensreichen Wirkens gedacht wird.

Die Stadt Fellbach ehrt mit diesem schönen Bauwerk diese verdienstvollen Schulmänner.

Gewiß werden auch künftighin immer wieder Kinder in dieser Schule ein- und ausgehen, deren Ahnen sich bis in ihr hohes Alter mit Ehrfurcht und Dankbarkeit ihrer Schulmeister Auberlen erinnerten.