Georg Conrad Maickler, ein Leben für die Gemeinde

Die neue, schöne und modern eingerichtete Volksschule, die nunmehr ihrer Bestimmung übergeben wird, trägt den Namen Maickler-Schule. Hinter diesem Namen steht eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte unserer Stadt.

Der einstige Pfarrer Magister Georg Conrad Maickler, der während der leidvollen Zeit des 30jährigen Krieges in Treue seinen Dienst in Fellbach versah, verdient herausgestellt zu werden, damit sein Leben und Wirken nicht in Vergessenheit gerät.

Das Geburtsjahr Maicklers (1574) fällt in eine Zeit, in der durch den Augsburger Religionsfrieden und durch die "Große Kirchenordnung" des württembergischen Herzogs Christoph die Reformation ihre gesetzlichen Grundlagen erhalten hat. Der Vater Maicklers war einer der ersten evangelischen Pfarrer in Endersbach. Im dortigen Pfarrhaus, inmitten einer Schar von Geschwistern, verlebte der Knabe Conrad seine Jugendzeit. Er besuchte die Volksschule seines Heimatorts und half dem Vater fleißig bei den Feldgeschäften und trug in dessen Weinberg "den Butten auf dem Rucken". Wahrscheinlich wäre der junge Conrad Weingärtner geworden, wenn nicht sein Pate, der die große Begabung seines Neffen erkannte, dafür gesorgt hätte, daß der schon Vierzehnjährige in die Lateinschule nach Schorndorf geschickt wurde. Sein Biograph sagt: "Gott tat ihm die Tür zu seinem Glücke auf und begegnete ihm."

Für ihn begann in der Folgezeit der Bildungsweg sehr vieler württembergischer Theologen. Die Bildungsstätten einer Elite von Begabten, die Klosterschulen, nahmen den Jüngling auf. Bei Maickler waren es diejenigen von Königsbronn und Bebenhausen. In diesen Schulen entwickelten sich unter sehr günstigen Voraussetzungen und unter dem Einfluß hervorragender Lehrer seine geistigen Gaben und Fähigkeiten. In jener Zeit zeigte sich bei ihm schon eine besondere Neigung und Begabung für die Dichtkunst. Ein größeres Gedicht in lateinischer Sprache, "Die heilige Geschichte der Susanna", wurde in Tübingen gedruckt und fand viel Beifall und Beachtung. Nach seinem Eintritt in das theologische Stift in Tübingen erlangte Maickler im Alter von 24 Jahren mit Lob und Ehren die akademische Würde eines Magisters. Er unterzog sich mit großem Fleiß dem Studium der Theologie. Neben seinen Studien schrieb er wieder ein längeres lateinisches Gedicht: "Die Geschichte der Kindheit Jesu." Seine Arbeiten machten ihn in weiten Kreisen bekannt. "Gelehrte und gut Leut haben ein Auge auf ihn geworfen, hatten ihn geliebt und wo sie konnt ihm fürdersam gewesen." So kam es, daß er schon 1603 durch ein Diplom von Dresden aus die Würde eines lorbeerbekränzten Dichters erhielt und daß er später im Kirchenbuch von sich schreiben durfte "Poeta laureatus et coronatus", der gekrönte Dichter. Als er diese Würde zugesprochen bekam, war er schon zum Helfer (Vikar) in Schorndorf bestellt. Von dort aus trat er im Juli 1610 sein Amt als Pfarrer in Fellbach an.

Das war für ihn der Beginn seiner 37jährigen Wirksamkeit in der Gemeinde, die in jener Zeit schon gegen 2000 Einwohner zählte. In den ersten 10 Jahren seiner Tätigkeit, die wohl ruhiger verlaufen sein mögen als seine übrige Amtszeit, fand er noch Zeit, neben seinen Aufgaben als Seelsorger seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Damals entstand sein größtes und bedeutendstes Werk, von ihm "Myrrhae poterium" (Der Myrrhenbecher) genannt. Es behandelt in 5 Büchern das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Es wurde bei den Gelehrten und in den Schulen viel beachtet. Andreas Osiander, der damalige Kanzler in Tübingen, bezeichnete es als "höchst ehrwürdig und erhaben". Dieses Werk findet sich zusammen mit vier andern in einem Sammelband, der 1635 in Tübingen im Druck erschienen ist. Dieser Band enthält außerdem Widmungen seiner Freunde vom fränkischen Dichterkreis. Ein Exemplar davon ist im Besitz des Fellbacher Heimatmuseums.

Auf Maicklers Veranlassung dürfte im Jahre 1611 auf dem 6 Jahre zuvor angelegten "Neuen Friedhof" das hohe Steinkreuz errichtet worden sein, das uns beim Eintritt in den heutigen "Alten Friedhof" im Hintergrund auffällt. Es trägt am Sockel über den meist verwitterten Wappenschildern die Initialen der Männer, die damals dem "Flecken" vorstanden, darunter auch diejenigen Maicklers. (Näheres Heimatbuch Seite 163.) Seinen Namen finden wir auch auf der großen Maicklerglocke, die im Turm unserer Lutherkirche hängt und 1624 gegossen wurde.

Pfarrer Maickler war eine bekannte Persönlichkeit im Land. So war es kein Wunder, wenn er verschiedentlich aufgefordert wurde, sich um andere, höhere Kirchenstellen zu bewerben. Stets lehnte er aber solche Angebote ab. Er blieb in Fellbach, zum größten Segen der Gemeinde, denn inzwischen war der ganze Jammer, das Elend und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges über Deutschland hereingebrochen. Zwar war Württemberg in den ersten Jahren noch ziemlich verschont geblieben, doch hatte das Land im Verlauf des Krieges noch viele harte Drangsale durchzustehen. Auch Fellbach hatte in den folgenden Jahrzehnten unter Seuchen, Raub, Mord und Gewalttaten schwer zu leiden. Ein großes Sterben begann.

Im Juni 1626 brach die Pest in Fellbach aus. Man muß einmal im Totenregister die langen Reihen der Verstorbenen gesehen haben, die Maickler mit großer Pünktlichkeit aufgezeichnet hat, um von der ganzen schweren Last und dem menschlichen Leid jener Jahre beeindruckt zu werden. Von Monat zu Monat wurde die Totenliste länger. Am Ende eines jeden Monats gab der Pfarrer jedesmal die Anzahl der Verstorbenen an: "In diesem Monat (Okt. 1626) sind leider Tods verschieden an Alten und Jungen 163 Personen." Im November wurden 161 Tote aufgezeichnet. Wie mag es dem Pfarrer und Seelsorger zumute gewesen sein bei solch großer Trübsal, wenn manchmal an einem Tag 8-10 Menschen im Ort dahinstarben? Klagend schrieb er Ende Oktober: "Ach Herr! Sprich zu dem Engel, dem Verderber im Volk: Es ist genug, laß nun deine Hand ab! (2. Sam. 24)"

Auch am Pfarrhause war der Todesengel nicht vorübergegangen. Im August starb seine treue Hausmagd und 14 Tage später die Pfarrfrau im Alter von 46 Jahren. "Margaretha, mein ehelich herzliebe Hausfrau, über 23 Jahr ist mir eine treue Gehilfin gewesen." Sieben Kinder hatte sie ihm geboren, aber nur drei von ihnen hatten die Mutter überlebt. Des Leides war jedoch noch nicht genug! Wenige Monate darauf, im Januar 1627, folgte die Tochter "Juditha, mein eheleiblich, herzgeliebte Tochter, ein gottselige und viel tugendreiche Jungfrau, ihres Alters 22 Jahr" der Mutter im Tode nach. Wie vermochte der Pfarrer in solch großem Leid die Kranken und Sterbenden zu erbauen und die Hinterbliebenen zu trösten? Woher nahm er die Kraft, unverzagt zu stehen und zu überwinden? Spezial Kieß gibt in der Leichenpredigt, die er nach dem Tode Maicklers gehalten hat, die Antwort: "Aus seinem festen Glauben, an den er sich gehalten hat als einem festen Anker." Oder, wie Maickler selbst sagt: "Aus den Gaben, die aus dem tiefen Meer der Weisheit Gottes herausquellen."

Im April 1627 erlosch endlich die Seuche. Das Leben ging weiter. Im Eheregister verzeichnete Maickler 73 Ehen, die nach der Pestzeit in diesem Jahr geschlossen wurden. Er selbst verheiratete sich zum zweitenmal und gab damit seinen bei den noch lebenden Kindern wieder eine Mutter. Aus dieser Ehe gingen 3 Kinder hervor, die jedoch alle in zartem Kindesalter starben. Nach 4 Jahren schon wurde ihm auch die zweite Frau durch den Tod entrissen.

Die Kriegsereignisse brachten in der Folgezeit dem Lande Württemberg durch Truppendurchzüge, Einquartierungen große Not und Bedrückungen, denn die Soldaten hausten oft wie gierige Wölfe. Besonders schlimm wurde es nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahr 1634. Raubend und mordend strömten nun Schweden und Kaiserliche in das Land herein. Maickler schrieb: "Um diese Zeit ist der leidige spanische Einfall ins Land geschehen und sind tot funden worden wie folgt. . ." Er mußte 32 Bürger von Fellbach ins Totenbuch eintragen, die erschlagen, erschossen, gemordet in Häusern, Gärten, in Weinbergen, auf dem Gottesacker gefunden wurden. Unter den Gemordeten werden u. a. aufgeführt der Gerichtsschreiber und frühere Schulmeister Ulßheimer sowie dessen Schwiegersohn, der Schulmeister Melchior Hohl. Vielleicht wäre auch der Ortspfarrer ein Opfer der Grausamkeit und Gewalt geworden, wenn er nicht im Oktober nach Eßlingen geflohen wäre. Doch nur wenige Wochen blieb er dort. Es zog ihn wieder nach Fellbach zurück. Zum 1. Advent 1634 versah er schon wieder seinen Dienst in der Gemeinde. Diese hatte einen Mann wie ihn, an dem sie sich aufrichten konnte, nötiger als je. Denn wieder begann die Pest zu wüten wie 9 Jahre zuvor. Im Jahre 1635 verstarben 446 Personen; im August allein 153.

Auch diesmal blieb Maickler nicht verschont: Seine dritte Ehefrau und sein 18jähriger Sohn aus erster Ehe wurden durch die verheerende Seuche dahingerafft.

Es mutet uns wie ein Wunder an, und es war eine besondere Gnade, daß Maickler erhalten blieb und sein Amt ausüben konnte. Drei Landsterben hätte er überlebt, berichtet der Dekan über ihn. In welchem Licht Maickler das große Unglück sah, und woher er die Kraft nahm, nicht zu verzagen, geht hervor aus dem, was er später in seiner "Elegie über die Klagelieder des Propheten Jeremia" schreibt: "Hätt ich tausend Zungen und eine eherne Stimme, so könnte ich doch nicht allen Jammer und alle Greuel beschreiben, die ich zum Teil selbst miterlebt. Wir, die wir nach soviel Zerfleischung, Brand und Plünderungen noch übrig sind, sollten mit Jeremia ausrufen: Die Güte des Herrn ist es, daß wir nicht aus sind. Seine Barmherzigkeit hat kein Ende!"

Immer noch ging der verheerende Krieg weiter. Noch viele Jahre der Not mußte die Bevölkerung durchstehen. Seit der Einmischung Frankreichs war Württemberg zum hauptsächlichsten Quartierplatz, zum Durchzugsland und zum Schlachtfeld der Franzosen und Schweden einerseits, der Kaiserlichen und der Bayern andererseits geworden.

Maickler stand trotz aller Mißhelligkeiten auf seinem Posten. In der Leichenpredigt für ihn würdigt der Spezial (Dekan) Kieß später seine Persönlichkeit mit warmen Worten. Trotz mancher Leibes- und Lebensgefahr, großen Verlusten und anderem Jammer habe er während der Kriegszeit allein und ohne Vikar ausgedauert. Er habe Kleinmütige und Elende getröstet, mit den Müden zur rechten Zeit geredet, habe die Kranken versehen und oft täglich Tote bestatten müssen. "Da hat kein Weibs-, sondern ein Mannsherz dazugehört, so solches verschmirzen
zu können." Die Zahl der von Maickler während seiner Amtszeit eingetragenen Verstorbenen beläuft sich auf 2566. Durch ihn wurden 1583 Kinder getauft und 580 Ehen eingesegnet. Diese Zahlen geben einen Begriff von der Arbeit, die auf dem Seelsorger lastete. Aber Maickler - so sagt Kieß weiter - sei von Gott begnadet gewesen mit einem freudigen Geist, hohe und niedere Personen seien gern um ihn gewesen und hätten seine Freundschaft gesucht. Seine Pfarrkinder habe er bei Verfehlungen "wie ein Vatter mit Worten ernstlich gestraft und zur Besserung treulich
ermahnt, aber mit solcher Sanftmut, daß sie ihn dabei herzlich lieben mußten". Er war demütig zu allen Zeiten eines exemplarischen Wandels beflissen und habe seinen Nächsten höher gehalten als sich selbst. Als im Jahre 1636 sich seine einzige noch lebende Tochter verheiratete, schloß auch der Vater im gleichen Jahr eine 4. Ehe mit Margaretha, der Witwe des Pfarrers in Roßwälden, einer Schwester des berühmten Astronomen Joh. Kepler. Diese Gattin hat ihn überlebt.

Am Fest der Himmelfahrt Christi, am 27. Mai 1647, ist Georg Conrad Maickler aus dieser Welt geschieden. Der 73jährige hatte sich am Dienstag zuvor nach Cannstatt begeben, um der Unruhe auszuweichen, die mit dem Aufbruch und Abzug der Kriegsarmeen verbunden war. Dort mußte er sich zu Bett legen. Aber niemand dachte an ein Sterben. Am Donnerstag konnte er wieder in der Stube umhergehen. Da traf ihn der Schlag. Aufs Bett gelegt "ist er dann unter dem Gebet der Umstehenden sanft und selig eingeschlafen, wie ein Lichtlein auslöscht". Ein reiches und bewegtes Leben war zu Ende.

Am darauffolgenden Sonntag wurde der bedeutende Mann bei "volkreicher Versammlung" in Fellbach zu Grabe getragen. Viele seiner Amtsbrüder und andere gelehrte und angesehene Männer widmeten dem Verstorbenen dichterische Nachrufe. Seine dankbare Gemeinde stiftete nach seinem Tod ihm zu Ehren und für die Nachwelt eine Gedenktafel, die im Schiff unserer Lutherkirche aufgehängt ist. Das Gemälde zeigt neben der Auferstehung Christi den Pfarrer Maickler mit seinen vier Frauen und seinen zehn Kindern. Sein Grab ist heute nicht mehr aufzufinden. Aber das Kruzifix auf dem Alten Friedhof, die Glocke auf dem Turm der Lutherkirche und das genannte Bild künden von seinem Wirken.

Das größte und schönste Denkmal für den berühmten Mann unserer Stadt ist aber das neue Volksschulgebäude im Nordwestgebiet. Generationen von Fellbacher Kindern werden künftig die Schule durchlaufen. Alle werden den Namen Maicklers nennen. Dieser Name aber bedeutet Verpflichtung, Verpflichtung für die Lebenden und für die Wirkenden. Maieklerus tiefer Glaube, seine Zuversicht und sein Gottvertrauen, seine Kraft, im Unglück nicht zu verzagen, sollen lebendig weiterwirken in die Zukunft hinein und Vorbild sein für die Kommenden. Möge mit dem Namen Maieklerus auch sein Geist in dieser Schule walten, der Geist der Hilfsbereitschaft, der Nächstenliebe, der Geist echter tiefer Menschlichkeit, und möge diesem Geiste ein Denkmal im Herzen kommender Geschlechter erstehen.