Exzerpt Fellbacher BIätter 2/1979

Wie die Fellbacher im Letzten Jahrhundert die Weihnachtszeit erlebten

Von Andreas Reichert

 

Während der Nikolaustag in Fellbach keine brauchmäßige Bedeutung besaß, trat der Pelzmärte an den letzten drei Donnerstagen vor Weihnachten häufig in Erscheinung. Wenn er als Erwachsener kam, erschien er mit rußgeschwärztem Gesicht und vermummt, brachte Rute und Sack mit, mahnte die Kinder, stülpte den Unartigen seinen Sack über und drohte, sie mitzunehmen, teilte den Artigen Äpfel, Nüsse und Gutsle aus. Manchmal stufte er auch sein Verhalten an den drei Donnerstagen ab, wenn die Mutter anerkannte, daß der sich beim ersten Mal Bestrafte in der Zwischenzeit gebessert habe. Daneben aber rotteten sich auf den Gassen Halbwüchsige zu Gruppen zusammen und trieben allerhand, meist harmlosen Schabernack. Vielfach benützten sie ihr Auftreten, um in den Läden Gaben zu erbetteln.

Das Klöpfeln an den letzten drei Donnerstagen vor Weihnachten wurde in Fellbach nicht mehr geübt. Das Klopfen ist die Sprache der Geister, in deren Bereich wir in der Weihnachtszeit überall kommen. In Fellbach trugen diese drei Tage einst den Namen "Fahrnächte". Am Thomasfeiertag (21. Dezember) war es Sitte, daß angehende Ehepaare die Stuttgarter Messe besuchten und sich gegenseitig mehr oder weniger bescheidene Ringe kauften oder sich mit anderen Gaben beschenkten.

Mit dem Abend des 25. Dezember beginnen die 12 Heiligen Nächte, die bis zur Nacht vom 5. auf den 6. Januar reichen. Ihre Bedeutung hatten sie einst besonders als Losnächte. Bauern sind ja immer sehr stark am Wetter interessiert, vor allem, wenn sie über das Wetter des ganzen Jahres Bescheid erhalten konnten. Nach altem Glauben sind während der Weihnachtszeit die Geister los, und so konnte man auch hoffen, einen Blick in die Zukunft werfen zu können. All diese Voraussetzungen treffen auf die Zeit der Zwölf Nächte zu. So glaubten die Bauern über das Wetter Aufschluß zu erhalten, wenn sie aus einer Zwiebel 12 Scheiben schnitten, von denen sie  während der 12 Nächte jeweils eine abends mit Salz bestreuten und vors Fenster legten. War die Zwiebel am anderen Morgen feucht bzw. trocken, so zogen sie daraus den Schluß, daß der betreffende Monat naß bzw. trocken sein werde. Auch diesen Brauch übten die Fellbacher einst aus.

Das Weihnachtsgebäck kam schon einige Tage vor dem Fest auf den Tisch, da der Andrang zu den Gemeindebackhäuschen fast so groß war wie an der Kirchweih. Große Bedeutung hatten die Springerle, deren Name vielleicht auf ein altes Gebildbrot hinweist als Ersatz für ein Pferdeopfer (das Pferd galt bei den Germanen in als heiliges Tier). Daneben backten die Frauen und Mädchen auch Lebkuchen ("Läbküachla") und sehr viel Schnitzbrot.
Der Christbaum stand schon in fast jeder Stube. Viele sparten sich den Kauf eines Baumes und holten die Fichte heimlich im Wald, wo das Auge des Gesetzes in diesen Tagen "mit Fleiß" weniger scharf wachte als sonst. Als Schmuck trug er vergoldete Nüsse, kleine rotbackige Äpfel und Springerle. 
Der Bescherung am Heiligen Abend sahen die Kinder mit gleicher Spannung entgegen wie heute, wenn auch der Gabentisch damals sehr spärlich gedeckt war. Die Eltern sagten ihren Kindern, das Christkindle fliege von Haus zu Haus und bringe den Braven seine Gaben. Unter "Christkindle" verstand man aber nicht nur den Überbringer, sondern auch die Gabe selbst. Die Geschenke bestanden bei der Armut dieser Jahre außer dem Weihnachtsgebäck zumeist aus Kleidungsstücken, die nicht zur unumgänglichen Ausstattung der Kinder gehörten, wie Mütze. Schal und Handschuhe. Den Mädchen schenkten die Eltern noch eine Puppe, die Buben konnten sich an einem  kleinen Holzbaukasten erfreuen. Manchmal gesellte sich auch ein Zwetschgenmännle  dazu, das einen Kaminfeger darstellte und das die Mutter aus Mitleid einem armen  Hausierer abkaufte.
Damit die Pferde durch das lange Stehen im Stall über die Feiertage nicht steif wurden, ritten die jungen Männer am Stephanstag (26. Dez.) über Rommelshausen nach Stetten. Sie wußten freilich nichts mehr davon, daß der erste christliche Märtyrer der Heilige der Pferde ist und ihm zu Ehren einst Reiterspiele abgehalten wurden. Nur der Name "Stäffesreiter" blieb erhalten wie auch die Sitte, unterwegs einzukehren.

Am Pfeffertag, dem Tag der unschuldigen Kinder, also dem 28. Dezember, wurden in einzelnen Familien bereits die Christbäume entfernt, während sie sonst bis zum 6. Januar stehen blieben.
Im ersteren Fall lieferten die Zweige den Kindern die sogenannten Pfefferruten. Am Pfeffertag taten sich einzelne Kinder zusammen, schlugen unterwegs Leute, die ihnen begegneten. mit der Rute und richteten die Frage an sie: "Schmeckt dr Pfeffer guat?" Hauptsächlich suchten sie die Kaufleute heim, von denen sie sich mit den Bettelworten: "I bitt om mein Pfefferlao, I muaß weiter gao" eine Gabe, Süßigkeiten oder Gebäck erbaten. Kinder, denen diese Bettelei von den Eltern verboten war, entsprachen dem eigentlichen Sinn des Brauches besser, wenn sie in aller Frühe die Häuser von Verwandten aufsuchten, um besonders junge weibliche Verwandte noch im Bett zu überraschen und sie mit der Frage „Schmeckt dr Pfeffer guat?" womöglich auf die bloße Haut zu treffen. Nach altem Glauben bringt das Schlagen mit der Lebensrute Fruchtbarkeit und Glück. Auch in diesem Fall pflegte die Belohnung nicht auszubleiben. Am Altjahresabend fand um acht Uhr ein Gottesdienst statt, der vor allem den Kindern viel Spaß bereitete; jedes Kind durfte nämlich eine Kerze mit in die Kirche nehmen und vor sich aufstellen, ein Brauch, der nach langer Unterbrechung heutzutage wieder geübt wird. 

Quellen

1. Archiv der Stadt Fellbach

2. Beschreibung des Oberamtes Cannstatt, 1832

3. Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach, Eppinger 1908

4. Brockhaus Enzyklopädie, 17. Auflage 1971

5. 80 Jahre Fellbacher Herbst, Stadt Fellbach 1977

6. Fellbach ein Heimatbuch, Stadt Fellbach 1958

7. Fellbacher Zeitung v. 28. 12. 1949

8. Fellbachs Geschichte erleben, Nimmrichter 1979

9. Großes Fischer Lexikon, 1975 

10. Mündliche Auskünfte

11. Volkskundliches aus Alt-Fellbach. W. Zwicker

Schließlich sei noch hingewiesen auf den Diavortrag -Alt-Fellbach, ein geschichtlicher 
Rückblick - Dabei wird die Geschichte Alt-Fellbachs anhand heutiger und früherer Bauten in Wort und Bild erzählt. Außerdem sind Stadtführungen durch den alten Teil Fellbachs möglich. Route: Lutherkirche, Alter Friedhof, Rathaus, Cannstatter, Vorder- und Kappelbergstraße, bis zur Neuen Kelter. Kontaktaufnahme in beiden Fällen über den Verfasser: Anschrift: [Ist nicht mehr gültig!] Andreas Reichert, Fasanenweg 23, 7012 Fellbach, Tel. 0711/58 32 19. 

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