Fellbacher Zeitung vom 25. Februar 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (1)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff

 

So sah Fellbach vor dem Jahr 1938 aus. Zu diesem Zeitpunkt
war Fellbach schon Stadt, aber im Grunde noch ein
geruhsames Dorf, das sich im Gegensatz zu jetzt fast ganz
an den Fuß des Kappelberges anschmiegte
(Bild: Archiv Fellbacher Tagblatt)

Unter den Bürgermeistern, die heute noch im Amte sind, gibt es wenige, die, wie der Fellbacher Oberbürgermeister Dr. Max Graser, die Weimarer Republik, das Dritte Reich und schließlich die Bundesrepublik nicht nur miterlebt, sondern in diesen drei Epochen deutscher Geschichte als Stadtvorstand in entscheidender Position gearbeitet haben.

Der Stuttgarter Platz im Jahre 1935. Statt 20000 bis 30000 Fahrzeuge, die diesen Platz heute täglich überqueren, war der Verkehr 1935 auch nicht gerade aufregend: eine Straßenbahn, zwei Personenkraftwagen und ein kleiner Lieferwagen. (Bild Laun-Dölker)


Die Amtszeit des Fellbacher Oberbürgermeisters endet offiziell am 26. April dieses Jahres. Damit scheidet aus den Diensten Fellbachs ein Mann, der sein Lebenswerk in der Entwicklung und Verwaltung einer Gemeinde sah, die 1932 noch ein Dorf war und bis 1966 zur Stadt mit mehr als 27000 Einwohnern wurde (Volkszählung 16. 6. 1933: 11291 Einwohner). Seine Name ist daher mit allem, was Fellbach auszeichnet" und kennzeichnet, eng verknüpft. Der Weg dieses Mannes wird aus zeitgenössischen Berichten deutlich.

Im Jahre 1932

Dr. Max Graser kommt im wetterwendischen Monat April 1932 erstmals nach Fellbach, als Regierungsrat aus Heilbronn, um sich zur Bürgermeisterwahl zu stellen, eben 30 Jahre alt, noch ledig, wenn auch mit der Tochter des Bürgermeisters Lamparter in Lauffen am Neckar verlobt. Nicht nur der Monat, auch die Zeit ist "wetterwendisch" - es ist das fürchterliche Jahre deutscher Not und fortgesetzter Wahlen. Genau in der gleichen Ausgabe vom "Fellbacher Tagblatt", deren Schlagzeile lautet "Hindenburg wieder Reichspräsident" (19,3 Millionen Stimmen für Hindenburg, 13,4 Millionen für Hitler, und 3,7 Millionen für Thälmann) wird über die "Ortsvorsteherwahl" berichtet, eine ganze Seite ist der öffentlichen Vorstellung der Bewerber gewidmet. Samstags zuvor hatten sich in der Kelter gleich sieben Bewerber vorgestellt, als Nachfolger von Friedrich August Brändle, dem letzten Dorfschultheiß, der 1908 mit 27 Jahren Gemeindevorstand geworden und 1921 erneut zum Schultheiß gewählt worden war. Schultheiß Brändle, der erste Ehrenbürger Fellbachs, von jedermann geschätzt, starb 1931 eben 50 Jahre alt. Der damalige Ratschreiber Steimle wurde dann Amtsverweser. Nach der Kandidaten-Vorstellung - sie hielten sich gemeinsam "in einer Wirtschaft" auf, wie im "Fellbacher Tagblatt" nachzulesen ist, jeweils einer wurde durch einen Boten geholt - beklagt Gemeinderat Bloß (SPD): "Wir haben die Ansichten und die Anschauungen der Bewerber (darunter von Rechtsanwalt Eugen Glück aus Stuttgart) gehört, und ich glaube, daß ein großer Teil der Versammlung mit mir darin einig ist, daß eine Parteikandidatur für Fellbach eine Unmöglichkeit bedeutet. Wir, von unserer Partei, haben es verabscheut, bei der Zusammensetzung eine Parteikandidatur aufzustellen und zu empfehlen. Nach all dem, was jetzt gesprochen wurde, kann nur gesagt werden, daß an die Tätigkeit des Herrn Ratschreiber Steimle keiner heranreicht, und ich möchte an Herrn Steimle die Bitte richten, im Interesse der gesamten Einwohnerschaft die Kandidatur zu übernehmen." Aber Ratschreiber Steimle will sich noch nicht erklären.

"Ein weiterer Bewerber tritt auf"

Das ist die Überschrift einer Nachricht, die hinter dem Bericht über die Ortsvorsteherwahl steht; und dieser weitere Bewerber ist niemand anders als Dr. Max Graser, der bei der Bewerbervorstellung nicht erschienen war und sich dafür in von ihm einberufenen Versammlungen selbst vorstellte. Seine Vita: in Sindelfingen und Stuttgart aufgewachsen, Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten in Tübingen, Greifswald und Leipzig, 1927 Staatsexamen und dann Rechtsanwalt in Böblingen, ab 1929 im württ. Verwaltungsdienst in Besigheim, Ehingen/Donau und Heilbronn. "Ich habe das ,Glück' gehabt, an der vom württ. Staat durchgeführten Sanierung der Gemeinde Erbach, die durch unsaubere Geschäfte ihres damaligen Ortsvorstehers in Millionenschulden hineingetrieben wurde, mitarbeiten zu können. Meine Tätigkeit beim Oberamt Ehingen galt ausschließlich diesem Fall ,Erbach', der mir mit aller Deutlichkeit gezeigt hat, wie man es als Ortsvorsteher nicht machen soll..." - so läßt der Kandidat verlauten.

Fellbachs Bevölkerung geteilter Meinung.

Während das Pariser "Journal" seine Besorgnis über den Stimmenzuwachs Hitlers bei der zweiten Reichspräsidentenwahl (von 11,3 auf 13,4 Millionen) äußert, wehrt sich der junge Regierungsrat aus Heilbronn gegen einen parteipolitischen Wahlkampf. Er betont, keiner bestimmten Parteigruppe anzugehören. Schon in dieser ersten Versammlung gibt Amtsverweser Steimle seinen Entschluß bekannt, nicht zu kandidieren. (Derselbe Amtsverweser hatte zuvor von der Stadt Stuttgart einen Korb bekommen, als die Fellbacher sich um eine Eingemeindung bemühten). Gemeinderat Kugler läßt gleichzeitig Rechtsanwalt Eugen Glück als Kandidat in einer Mitgliederversammlung des "Weingärtner- und Landwirtschaftlichen Ortsvereins" sprechen. Auch jener Rechtsanwalt betont, für keine Partei zu kandidieren. Im Gewerbe- und Handelsverein kommt Kandidat Glück ebenfalls zu Wort, indessen sich Kandidat Dr. Graser an Turner, Sportler, Sänger, Weingärtner, Jungbauern und - an die Frauen wendet. Dann erklärt sich die Ortsgruppe Fellbach der NSDAP in Anzeigen offen für Pg. Rechtsanwalt Glück, gleich ganzseitig, ebenso der "Weingärtner- und Landwirtschaftliche Ortsverein" und der "Jungbauernbund". Die "Lager" sind gespalten: in einem Zeitungsbericht wird unterstellt, daß Dr. Graser von "SPD und KPD auf den Schild gehoben werde, während hinter Rechtsanwalt Glück die "christliche-nationale Bevölkerung" stehe. Tatsächlich fordert auch die SPD ihre Mitglieder und Freunde zur Wahl von Dr. Graser auf. (Die kommunistische Opposition hatte ihren eigenen Kandidaten Hans Bellemann.)


4586 von 5937 Stimmen für Dr. Graser

Das ist das Ergebnis der ersten Bürgermeisterwahl vom 16. 4. 1932. Rechtsanwalt Glück hat kein Glück und zieht mit 1220 Stimmen den kürzeren. Der Kommunist Bellemann bucht 128 Stimmen, 3 Stimmen sind "zersplittert". Zur selben Zeit sanktioniert der Reichspräsident das SA- und SS- Verbot des Reichsministers. Die Auseinandersetzungen um die Weimarer. Republik gehen ihrem Höhepunkt entgegen - auch in Fellbach. Bei der Landtagswahl sind es elf Parteien, auf den Listen stehen wohlbekannte Politiker: Keil bei der SPD, Dr. Reinhold Maier und Wolfgang Haußmann bei der Demokratischen Partei (Kugler bei dem Württ. Bauern- und Weingärtner-Bund). Die Nationalsozialisten erhöhen im Landtag ihre Sitze von 1 auf 23 und werden damit stärkste Partei (SPD 14, Zentrum 17,Bauernbund 9, Deutschdemokraten 4, Kommunisten 7, Deutschnationale 3 Sitze). In Fellbach gibt es für die NSDAP (1833) fast doppelt soviele Stimmen wie für die SPD (975). Für den jungen Fellbacher Bürgermeister wahrlich keine angenehme Situation, da er sich - gewollt oder ungewollt - in den Gegensatz zu den Nationalsozialisten gestellt hat. Am 4. Juni wird er im großen Sitzungssaal des Fellbacher Rathauses feierlich in sein Amt eingesetzt: alles, was Rang und Namen hat, findet sich ein. Der Waiblinger Landrat Mäulen zitiert in seiner Einführungsrede einen Brief der Stadt Stuttgart vom 8. März 1932: "Entsprechend der bei der kürzlichen Verhandlung auf dem Fellbacher Rathaus getroffenen Verabredung ist die Innere Abteilung des Gemeinderats heute von dem wesentlichen Inhalt des von dort vorgeschlagenen Eingemeindevertrags in Kenntnis gesetzt worden. Die beträchtlichen Leistungen Stuttgarts, die dieser Vertag verlangt, machen es bei der heutigen Wirtschaftslage der Stadt Stuttgart leider nicht möglich, auf dieser Grundlage die Verhandlungen fortzusetzen. Bei dieser großen Schwierigkeit, die der Erfüllung dringender und kostspieliger Aufgaben in Stuttgart selbst entgegenstehen, können solche Verhandlungen zu einem praktischen Ergebnis um so weniger führen, als außerdem mit beträchtlichen Belastungen durch die Amtskörperschaft Waiblingen zu rechnen wäre. Der hienach unvermeidbare Abbruch der Verhandlungen soll nach dem ausdrücklichen Willen der Inneren Abteilung das freundnachbarliche Verhältnis zwischen den durch vielfache Interessen verbundenen Gemeinden in keiner Weise stören." Der Abbruch dieser Verhandlungen machte die Bürgermeisterwahl notwendig. Derselbe Landrat präsentierte dem jungen Bürgermeister aber auch gleich die Lage Fellbachs in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Krise: von 2195 Unterstützungsempfängern im Bezirk Waiblingen entfallen allein auf die Gemeinde Fellbach 591. Fellbach hat rund zwei Millionen RM Schulden!

Aus der Vergangenheit grüßen auch heute
noch die schmucken Fachwerkhäuser an der
Cannstatter Straße, wenn auch im Erdgeschoß
verändert. Diese Aufnahme stammt aus dem
Jahre 1935. (Landesbildstelle Württemberg)

Fellbachs wirtschaftliche Not

Bürgermeister Dr. Graser wird der Amtsantritt zwar mit etlichen wohlgemeinten Gedichten, im "Fellbacher Tagblatt" veröffentlicht, schmackhaft gemacht, es ist aber gewiß ein hartes Brot, das verdaut werden muß. In einer der ersten Sitzungen geht es auch gleich um die Erwerbslosenunterstützung und um den Haushaltsvoranschlag 1932 (am 1. Juli 1932). Der schloß mit 444342 RM Einnahmen und 835 421 RM Ausgaben und mit 391 079 RM Abmangel. Dieser Abmangel soll "aus mutmaßlich vorhandenen verfügbaren Restmitteln" von 95 533 RM, aus einem mutmaßlichen Beitrag des "Ausgleichstocks" über 52 000 RM und durch eine Umlageerhöhung (auf Grund, Gebäude und Gewerbe) um 21 Prozent ausgeglichen werden. Gegen diese nüchterne Rechnung ist weder von links noch rechts zu polemisieren, obwohl in den Anzeigen (mit aus Linien vom Setzer zusammengefügten Hakenkreuzen) von "Brechung der Zinsknechtschaft" die Rede ist.

Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 erhöhen sich in Fellbach die für die SPD abgegebenen Stimmen auf 1119, für die Nationalsozialisten stimmen aber gleich 2387, für die Kommunisten 988, für die Demokraten noch 54! Hindenburg - v. Papen - Hitler, Tauziehen um die Regierungsbildung in Berlin, in Fellbach wird an der Stuttgarter Straße ein neues Postgebäude errichtet. In Berlin eröffnet die 76jährige Klara Zetkin die erste Sitzung des neuen Reichstags unter "Rotfront"-Beifall am 31. August, am 12. September ist der Reichstag schon wieder aufgelöst. Am 21. September schlägt Bürgermeister Dr. Graser dem Fellbacher Gemeinderat vor, den Arbeitslosen Koks und Kartoffeln zu schenken. Unterstützungen sind A und 0 der Anträge und Beratungen im Gemeinderat. Einmal muß sich der Fellbacher Bürgermeister sogar gegenüber den Kommunisten über den Abzug von 10 RM an der Gemeindezulage rechtfertigen. Es ist die Zeit, da viele kurzarbeiten, oft nur ein bis zwei Tage in der Woche; Fellbach läßt Notstandsarbeiten durchführen zu 60 Pfg. je Stunde. Die Arbeitslosen werden mit 60 bis 120 RM monatlich unterstützt!
Eine Karikatur im "Fellbacher Tagblatt" kennzeichnet v. Papen als Sphinx. Die letzte Gemeinderatssitzung des Jahres findet am 14. Dezember' 1932 statt. Wiederum stehen Arbeitslosen- und Krisenunterstützung, Winternothilfe auf der Tagesordnung. Die kommunistische Gemeinderatsfraktion "bombardiert" den Ortsvorstand mit Anträgen, die den Arbeitslosen höhere Unterstützungssätze zubilligen sollen, von der Gemeinde finanziell aber gar nicht getragen werden können.

Am Jahresende wünschen sich alle gegenseitig für das Jahr 1933 viel Glück...


(Fortsetzung folgt)