Fellbacher Zeitung vom 26. Februar 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (2)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff

In der ersten Folge dieses Beitrages wurde das Jahr 1932 in Fellbach geschildert mit dem Amtsantritt des Bürgermeisters Dr. Max Graser.

Das Jahr 1933 beginnt, wie das Jahr 1932 geendet hat: Die politische Auseinandersetzung ist im ganzen Reiche auf die Straße verlegt worden. Das Kabinett v. Papen wird am 17.11.1932 durch das Kabinett v. Schleicher, einem Reichswehrgeneral, abgelöst, am 30.1.1933 ist Hitler Reichskanzler. Im Ort Fellbach, zu diesem Zeitpunkt die  größte Landgemeinde Württembergs, gehen die Sorgen um die Asphaltierung von Fahrbahnen, um Abwasser und Kanalisation, um den Verbrauch von Wasser, Strom und Gas weiter. Fellbach wird an die Ferngasversorgung von Groß-Stuttgart angeschlossen. Auch in den Weinbergen auf dem Kappelberg wird viel getan: Drahtanlagen werden geschaffen und Leitungen für Nutz- und Regenwasser gebaut. Die Weinberge werden mit hochwertigen Reben verjüngt. Das große Ereignis ist  für den Ort aber die Erhebung zur Stadt nach einem Entschluß des Württ. Staatsministeriums vom 14.Oktober 1933, mit Festzug und einem Festakt vor der Stauffenbergschule (die Stadthalle bestand noch nicht). Das Festpodium ist natürlich mit der Hakenkreuzflagge geschmückt. Der bürgerliche Zylinderhut überwiegt aber noch. Noch ahnt kaum jemand in Fellbach, daß die "Machtübernahme" zu Luftangriffen und zerstörten Häusern führen wird. Noch ahnt niemand, welchen Tribut der bevorstehende größte und schlimmste aller Kriege fordern wird. Das "Fellbacher Tagblatt" gibt keine Auskunft mehr über die Arbeit im Rathaus und im Gemeinderat - sämtliche Archiv- Exemplare aus dem Jahr 1933 und später sind verbrannt oder auf andere Weise abhanden gekommen, auch bei der Landesbibliothek.
Sicherlich ist die Lage für den jungen Fellbacher Bürgermeister, der nun einer aufblühenden Stadt vorzustehen hat, nicht einfach, da ihn die Nationalsozialisten. nicht gewählt haben. Kollegen von ihm, beispielsweise der Esslinger Bürgermeister Dr. Lang von Langen, ebenfalls wie der Fellbacher Bürgermeister kurz vor dem Umsturz von Turnern, Sportlern und der SPD unterstützt und gewählt, muß gleich nach der "Machtergreifung" seinen Hut nehmen. Dort in der alten Reichsstadt ist die Presse sofort "gleichgeschaltet" worden, in Fellbach hingegen nicht. Der Zeitungsverleger Gottlieb Conradi, wie Dr. Graser unvoreingenommen und parteipolitisch ungebunden, teilt mit dem Fellbacher Bürgermeister politische Sorgen. Mit der ohne Zweifel verbesserten Wirtschaftslage wird auch die Stadt Fellbach verschönt: 1934 wird der Kirchgarten um die Lutherkirche angelegt.
Ende August .1935 findet eine große Gewerbe- und Gartenbauausstellung statt: 55000 besuchen diese aufschlußreiche Ausstellung Schon 1936 wird im Fellbacher Gemeinderat die von Stadtbaumeister Ulmer entworfene Stadthalle beraten. Noch gilt offenbar die Autorität des Fellbacher Bürgermeisters in sachlicher und fachlicher Hinsicht, aber nicht mehr lange.

Festakt im Hof der Stauffenbergschule (damals Horst-Wessel Schule)
aus Anlaß der Stadterhebung (29.10.1933). Auf der Bühne steht im
Mittelpunkt Bürgermeister Dr. Graser. (Bild: Archiv Stadt Fellbach)

Das Jahr 1937

Hitlers Buch "Mein Kampf" erreicht eine Auflage von drei Millionen Exemplaren - jedem jungen Ehepaar wird es kostenlos in die Hand gedrückt, kaum einer liest es. Die braune Terminologie setzt sich in der Presse durch, auch in Fellbach. Pfarrer Niemöller wird verhaftet, weil er "in Gottesdiensten Hetzreden, führende Persönlichkeiten des Staates und der Bewegung verunglimpft und unwahre Behauptungen über staatliche Maßnahmen verbreitet, um die Bevölkerung zu beunruhigen." Beide Kirchen stehen unter politischem Druck und Zwang.

Der Vereinsführer Dr. Graser ladet für die Sportgemeinde Fellbach 1880 e. V. zum Gaufest der württ. Schwerathletik ein (3. und 4.7.37). Der Haushalt der Landeshauptstadt weist in den Einnahmen 158,5 Millionen RM, in den Ausgaben 157,7 Millionen RM aus (unter Oberbürgermeister Dr. Strölin, der längst Oberbürgermeister Lautenschlager abgelöst hat). Das "Fellbacher Tagblatt" veröffentlicht immer noch unmittelbar unter dem "Schwarzen Brett" der NSDAP Gottesdienste in Fellbach und Schmiden, so daß die Jugend und auch die Alten in Gewissenskonflikte kommen, ob sie den "Befehlen" der Hitler-Jugend oder SA, etwa um 7 Uhr anzutreten und auszumarschieren, folgen sollen oder nicht. Zeitungsverleger Gottlieb Conradi bekommt dafür Rüffel vom Gaupresseamt (der Rundfunk hat schon lange die Übertragung von Gottesdiensten" eingestellt). Aber das von Bürgermeister Dr. Graser ins Leben gerufene Kinderfest findet bei herrlichem Wetter statt, mit einem riesigen Festzug "durch die von Zuschauern dicht umsäumten Straßen", wie der Berichterstatter festhält.
Das ,,Haus der deutschen Kunst" in München wird am 18.7.1937 eingeweiht, gleichzeitig die deutschen Museen von "entarteter Kunst befreit". Die bedeutendsten Sammlungen der Impressionisten und Expressionisten werden "verramscht".

Im Fellbacher Rathaus gibt es keine Gemeinderäte mehr, sondern "Ratsherren", Nationalsozialisten lassen sich nicht mehr trauen, sondern "weihen", die "Weihe" wird als "Keimzelle zur Stärkung des Volkstums" bezeichnet. Die Hausfrauen werden zum "Kampf dem Verderb" aufgefordert, Vorwarnung für den Krieg? Ins Ausland kann praktisch niemand mehr reisen, höchstens von der Partei Bevorzugte mit "KdF"-Schiffen in norwegische Fjorde, an Land kommt aber niemand. Halt - der schwäbische Humorist Willy Reichert fährt "nach Indien und berichtet über diese Reise, die ihn auch nach Ceylon, Java, Bali geführt hat, im "Friedrichsbau" (Stuttgart) in Sondervorstellungen. Das Fallobst wird zur Verbesserung der "Ernährungslage" organisiert gesammelt.

In Fellbach besteht, wie Bürgermeister Dr. Graser in der sogenannten "Beratung des Bürgermeisters mit den Beigeordneten und Ratsherren" erklärt, ein empfindlicher Mangel an Wohnungen zu niedrigen Mietzinsen, ein Mangel, "der nicht in dem Maße fühlbar wäre, wenn nicht immer beobachtet werden müßte, daß Hausbesitzer, mitunter sogar mit Vorliebe, solche billigen Wohnungen an von auswärts Zuziehende abgeben, statt sie hiesigen ortsansässigen Familien zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen." Die Stadtverwaltung führt einen Wohnungsnachweis am 1. 7.1937 ein. Der Bürgermeister bedauert, daß in mehreren  Fällen Wohnungen beschlagnahmt werden mußten, um zu verhindern, daß Familien obdachlos werden. Am 7.8.1937 findet das Richtfest der "Turn- und Versammlungshalle" (Stadthalle) statt - drei Monate nach der Grundsteinlegung, worauf Bürgermeister Dr. Graser begreiflicherweise stolz ist. Der Rohbau wurde in "oft geradezu afrikanischer Hitze" (so Dr. Graser) durchgeführt. Das ist vermutlich die letzte Rede, die der Fellbacher Bürgermeister 1937 an die Öffentlichkeit richtet, überhaupt die letzte wesentliche Amtshandlung - am 31. Dezember 1937 scheidet er aus, sang und klanglos. Im "Fellbacher Tagblatt" wurde schon zuvor kaum eine Zeile von ihm veröffentlicht. Dafür füllen Kreisleiter, Ortsgruppenleiter, Schulungsleiter die Spalten mit schwülstigen Phrasen, sie bestimmen, erklären, fordern auf. Die "Verdunklung"  zählt nun schon Felllbacher Sorgen, sie läßt im alten Stadtteil  besonders zu wünschen übrig. . .

Am Freitag,  am 13. Dezember, wird im "Fellbacher Tagblatt" noch einmal über eine "Besprechung des Bürgermeisters mit den Beigeordneten und den Ratsherren" berichtet, ganze 40 Zeilen, der Name Dr. Graser ist nicht erwähnt.

Bis Silvester in der Zeitung kein Wort der Verabschiedung. Schon am 5. Januar 1938 hat der Ortsgruppenleiter und Rechnungsrat Emil Adelhelm das Amt des Bürgermeisters übernommen, von der Bevölkerung natürlich nicht gewählt, vielmehr von der vorgesetzten Behörde "ernannt". Der Zeitungsverleger Gottlieb Conradi stirbt 75jährig am 23. Juli 1938, Bürgermeister a. D. Dr. Graser ist unter den Trauergästen. Gleich nach dem Jahreswechsel 1938/1939 wird der Witwe die Zeitungsherausgabe untersagt, sie muß die Zeitung an einen Ortsgruppenleiter verkaufen, und von dort gelangt die Zeitung ganz in Gewalt der NS-Presse.

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Nach einem Luftangriff am 2.3.1945:
Die Lutherstraße.
(Bild: Archiv Stadt Fellbach)

Was darnach kam, endete im Chaos: Weltkriegsbeginn am 1. September 1939. am 26./27. November 1943 wird Fellbach erstmals von einem schweren Fliegerangriff betroffen, weiter am 21./22. Februar 1944, am 2. März 1944, am 14. Oktober 1944 und zuletzt am 9. Dezember 1944. 137 Häuser wurden völlig zerstört, weitere 200 schwer, 270 mittelschwer und rund 2000 leicht beschädigt, 21 Fellbacher kamen dabei ums Leben, 465 Fellbacher fielen im Felde, 49 starben in der Gefangenschaft oder in der Heimat an Verwundungen, 138 wurden als Vermißte für tot erklärt, und das Schicksal vieler blieb ungeklärt. . .


(Fortsetzung folgt)