Fellbacher Zeitung vom 28. Februar 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (3)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff


Die zweite Folge dieser Berichtserie endete mit dem Zusammenbruch des Reiches und mit der Fellbacher Verlustliste.

Nicht nur das Schicksal vieler blieb ungeklärt. Ungeklärt blieben auch manche Vorgänge, die mit dem Einmarsch der Besatzungstruppen zusammenhingen. Es war die Zeit völliger Rechtsunsicherheit. Zuvor hatten noch Parteigewaltige vergeblich versucht, bei den Fellbachern die Errichtung von Panzersperren durchzusetzen. Der amtierende Bürgermeister Zimmermann floh mit den Funktionären in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1945 aus Fellbach - damit war das "tausendjährige Reich" vorbei. Derselbe Stadtamtmann Steimle, der einst nach dem Ableben von Schultheiß Brändle Amtsverweser gewesen war und in dieser Eigenschaft 1932 die Geschäfte an Bürgermeister Dr. Graser übergab, sprang wieder in die Bresche. 

Der Ostrand der Stadt stand in der Nacht vom 21. auf den 22. April, an einem Samstag auf Sonntag, unter leichtem Beschuß amerikanischer Artillerie. Am Sonntagmorgen fuhren vier Amerikaner in einem Jeep nach Fellbach hinein, Feuerwehrmänner in blauer Uniform und mit Stahlhelm werden von ihnen für SS-Männer gehalten.

Beherzte Fellbacher

Im Fellbacher Heimatbuch berichten Stadtoberamtmann Steimle und der Fellbacher Regierungsbaudirektor a. D. Egid Fleck ausführlich über die turbulente Zeit. Plündernde Ausländer und leider auch plündernde Deutsche. Stadtoberamtmann Steimle führte die Verhandlungen mit den inzwischen einmarschierten amerikanischen Truppen, Waffen, Munition, Radiogeräte, Fotoapparate mußten abgeliefert werden. Russische Zivilarbeiter plünderten die Brotfabrik von Gebrüder Wörner, ohne daß der amerikanische Kommandant einschritt. Er erlaubte aber schließlich, daß sich die Fellbacher mit Stöcken bewaffnet gegen die Plünderer zur Wehr setzten. Rund 1300 Russen, Polen, auch Franzosen und Italiener machten die Stadt Fellbach unsicher, bis beherzte Fellbacher auf den ständigen Ruf "Männer heraus!" zur Selbsthilfe griffen und die Plünderer verprügelten, wo sie sie antrafen. Da die Plünderer sich Waffen angeeignet hatten, die zuvor von den Deutschen in der Lutherschule abgeliefert worden waren, kam es schließlich sogar zu blutigen Zusammenstößen - es gab bei den Deutschen Tote und Verletzte. Darnach verlegten sich die Plünderer auf die Nacht, worauf die Fellbacher Wachkommandos einrichteten. Acht Fellbacher wurden von Ausändern umgebracht, das Schicksal eines Fellbacher Ehepaares, das man auf dem Gelände der Kläranlage ermordet auffand blieb im dunkeln.

Der heutige Berliner Platz mit der Endstation der Linie 1, ein
Schnappschuß vermutlich aus der Zeit des Dritten Reiches, was aus
den Uniformen der Wehrmachtssoldaten hervorgeht, die an der
Straßenbahn stehen. (Bild: Ernst Kurz, Fellbach)


Nach dem 8. Mai 1945 ziehen die Amerikaner ab und an ihrer Stelle Franzosen ein. Das Ausgehverbot wird verschärft. Auflagen zur Ablieferung von Möbeln, Bettzeug, Wäsche, Schuhe, Hüte, Hühner werden gemacht, jede Familie mußte mindestens einen Anzug, jeder Parteigenosse deren zwei an die Franzosen abliefern. Und plötzlich bringen die Franzosen das fertig, was nach längeren Verhandlungen zwischen Fellbachern und Stuttgartern 1932 gescheitert war: Fellbach wird von Stuttgart "eingemeindet", der von den Amerikanern eingesetzte kommissarische Bürgermeister Alfons Meyer (ein gebürtiger Waiblinger) durch einen Stuttgarter "Bezirksvorsteher" (sein Name ist nicht festgehalten) ersetzt. Der erklärt Fellbach zum Vorort von Stuttgart, nachdem zuvor das Fellbacher Rathaus mit Stuttgarter Kriminalpolizisten umstellt worden war!

Und erreicht die Willkür ihren Höhepunkt: Fellbacher Bürger werden ohne Grund verhaftet, sicherlich manche den Franzosen denunziert. Auch der frühere Bürgermeister Dr. Max Graser, seit 1932 in der Industrie tätig, ist unter diesen Opfern der Willkür, mit ihm Dr. Erich Schlenker und viele andere angesehene Bürger. Die Ehefrau eines von ihnen erinnert sich noch: "Es war wohl im Juni 1945, als plötzlich. 6 bis 8 Schwarze oder Marokkaner spät abends vor unserer Glastüre standen, angeführt von einem tobenden französischen Sergeanten. Die Soldaten drangen bei uns ein, mein Mann wurde ohne mich verhört und dann abgeführt. Ein Beil, das in der Küche lag, nahmen die französischen Soldaten gleich mit und andere Sachen, die ihnen gefielen. Mein Mann kam zunächst in eine Cannstatter Schule und von dort in das Stuttgarter Untersuchungsgefängnis in der Archiv-Straße. Wir konnten ihn nicht besuchen, an der Cannstatter König-Karl-Brücke endete das französische Besatzungsgebiet. Es gelang kaum, darüber hinwegzukommen. Als wir es versuchten, wurde uns ein Fahrrad weggenommen. Uns blieb nichts anderes übrig, als auf die Entlassung zu hoffen,  was nach einigen Wochen auch tatsächlich geschah.

Über die "Amtszeit" des kommissarischen Bürgermeisters, der den "Stuttgarter Platz", im Dritten Reich "Adolf-Hitler-Platz" , gar gleich auf "Alfons-Meyer-Platz" umtaufte, wird unter anderen Selbstherrlichkeiten berichtet, daß er schwungvollen Tauschhandel mit Wein gegen Käse aus dem Allgäu in Szene setzte - die Fellbacher Bevölkerung hatte ausreichend Käse.

9. Juli 1945 - die Amerikaner lösen die französischen Besatzungstruppen wieder ab, die Bevölkerung atmet auf, weil auch die Marokkaner damit abziehen. 15. Juli 1945 - Heinrich Schnaitmann ersetzt Alfons Meyer und bestellt einen Stadtrat aus 15 Mitgliedern.

Das Jahr 1946

Frei und geheim darf die Fellbacher Bürgerschaft wieder am 27. Januar 1946 wählen. Die 24 Abgeordneten setzen sich aus neun Mitgliedern der CDU, acht der SPD, sechs der "Freien Wählervereinigung" und einem der KPD zusammen. Bürgermeister Heinrich Schnaitmann wird am 13. März 1946 durch die Wahl der Bürger bestätigt, und zwar auf zwei Jahre Amtszeit. Es ist für ihn ein schwerer Beginn: Zur allgemeinen Not kommen noch die Flüchtlinge in Scharen. Bewirtschaftung auf allen Gebieten - Wohnungen, Lebensmittel, Tabakwaren. Aus Wein wird auch Zement und Backsteine und Dachziegel (die Reichsmark gilt nichts mehr), die Weingärtner und Bauern errichten von 1945 bis 1947 sogar 205 neue Wohnungen. Wer in einer Gaststätte essen muß, hat die Kartoffeln selbst mitzubringen. Unruhe bringt die "Entnazifizierung", selbst der kleinste Beamte kommt um seine Stellung, wenn er Parteigenosse war. Auf dem Arbeitsamt wird erklärt, daß jeder, der der NSDAP angehört hat, nur untergeordnete Stellungen, zum Beispiel als Hilfsarbeiter, bekleiden dürfe. Das gibt kuriose Fälle und viel Bitterkeit. Der Gemeinderat wird am 7. Dezember 1947 neu gewählt, ohne nennenswerte Änderung in der Zusammensetzung der Mandate.

So sah das Rathaus bei der Stadterhebung
1933 aus. (Bild: Ernst Kurz, Fellbach)

Das Fellbacher Rathaus im tiefsten
Vorkriegswinter (Bild: Ernst Kurz,
Fellbach)


(Fortsetzung folgt)