Fellbacher Zeitung vom 2. März 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (4)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff


In der dritten Folge dieser Berichtsserie wurde die frühe Nachkriegszeit in Fellbach geschildert bis zur ersten freien und geheimen Wahl der Fellbacher nach dem Zusammenbruch.

Schnaitmann oder Graser -

darum geht es bei der Bürgermeisterwahl, die am 21. März 1948 stattfinden soll. Der Gastwirt Heinrich Schnaitmann, wahrlich kein Verwaltungsfachmann, der die Arbeiten im Rathaus wirklich nicht zur Unzufriedenheit der Fellbacher Bürger erledigt, glaubt, daß er von der Bevölkerung wiedergewählt werde. Obwohl die Stadt Fellbach noch keine Zeitung hat, entbrennt ein heftiger Wahlkampf. Gastwirt Schnaitmann wirbt klug und sachlich für seine Person, die Sympathien sind aber ganz bei Dr. Max Graser: von den 81 Prozent Fellbachern, die sich an der Wahl beteiligen, stimmen nicht weniger als 85 Prozent für Dr. Max Graser. Er wird am 27. April 1948 in sein Amt eingeführt, zum zweiten Male als Fellbacher Bürgermeister. Es ist freilich schon vieles in der Stadt geordneter, dennoch - die zerfallene Reichsmark will niemand mehr haben. Der "Handel" geht auf Schleichwegen, die Behörden wirtschaften munter weiter auf dem Papier. Selbst in kleinen Mengen ist das Papier nicht mehr erhältlich, die Druckereien erhalten Kontingente auf Grund des von ihnen gesammelten Altpapiers. Am stabilsten ist die "Zigarettenwährung amerikanischer Prägung", wofür Fett und Salat, Eier und Zement, Kohlen und Backsteine erhältlich sind, natürlich auch auf krummen Wegen. Im Mai 1948, also kurz nach Amtsantritt des neuen alten Bürgermeisters, erscheint bei der Verlagsdruckerei Conradi & Co. das "Fellbacher Anzeigenblatt". Nach langer Verhandlung sah die "Presssection" der amerikanischen Besatzungsmacht ein, daß zweiseitig bedrucktes Papier rationeller verwertet ist als das einseitig bedruckte. Dem Fellbacher Verlag war nämlich zuvor die Herausgabe nur zum Anschlag in Plakatform gestattet worden. Nun hat das Fellbacher Bürgermeisteramt wenigstens die Möglichkeit, die Bürger rascher zu verständigen, wenn auch nicht alle Tage: das Blatt erscheint jeweils zum Wochenende. Es ist nebst der Bekanntgabe von Lebensmittelzuteilungen voll mit Anzeigen über Tauschgeschäfte ("Ziegenbock gegen Akkordeon" oder ähnliches). Und dann wird plötzlich am 20. Juni, für die allermeisten wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein gewaltiger Strich durch die Rechnung eines jeden gemacht:

10:1 , das ist die neue Losung.

100 Reichsmark sind plötzlich 10 Deutsche Mark, jeder muß mit einem "Kopfgeld" von 40 DM beginnen, die Betriebe haben Solawechsel zum Diskont zu geben, selbst solche, deren Inhaber noch nie an eine Wechselunterschrift gedacht haben, eben zur Deckung der notwendigen Ausgaben für Lohn und Gehalt. Und die harten DM in der Lohntüte kann man  gleich in der Weinstube von Metzgermeister Heinrich Mack in der Hinterenstraße in ein Viertele Trollinger plus Metzelsuppe "vom gebrannten Schwein" umsetzen...

Der "heimliche Vater" des Fellbacher Herbstes freut sich mit dem einstigen Amtsverweser Fellbachs des gelungenen Fests. (Bild: Privatarchiv)
Dr. Erich Schlenker (rechts) mit Stadtoberamtmann Steimle (links) "ein Herz und eine Seele" auf dem Fellbacher Herbst 1948. (Bild: Privatarchiv)

Jetzt erst beginnt für den Fellbacher Bürgermeister Dr. Graser endlich wirklich produktive Arbeit. Der ordentliche Haushalt hat 1,82 Millionen DM Einnahmen und 1,75 Millionen DM Ausgaben. 960.000 DM sind bei den Einnahmen Steuern und auch das, was die Verwaltung "Finanzen" nennt, nämlich andere Einnahmen der öffentlichen Hand. Bürgermeister Dr. Graser begrüßt die erste Fellbacher Zeitung, die sich, weil der alte Titel noch nicht wieder in der Hand des Verlages ist, einfach "Fellbacher Zeitung" nennt, mit den Worten: "Die erfreulichste Feststellung ist für uns Fellbacher unstreitig die, daß damit erstmals in Württemberg (nach dem Kriege) eine lokale Tageszeitung zu Worte kommen kann. Möge sie ihre Aufgabe, eine geistige Brücke zwischen Stadtverwaltung und Bürgerschaft zu sein, glücklich lösen." Gleichzeitig erhält der Normalverbraucher in der 121. Zuteilungsperiode (nämlich am 27. November 1948) außer Brot 625 g Fett, 125 Käse und 400 g Fleisch. Eine Dekade ist, den Jüngeren unter uns zum besseren Verständnis ein Zeitraum von zehn Tagen. Mit den Lebensmittelmarken kann man sich also täglich keine Schinkenwurst leisten, erst recht keine Ripple, wenigstens nicht in Fellbach. (In Bayern werden die Lebensmittelmarken um diese Zeit schon nicht mehr recht ernst genommen.) Der Normalverbraucher, bei den Lebensmittelmarken kurz N genannt, lebt aber immer noch nach dem Fremdwort Kalorien. Fellbachs Wein ist in diesem Jahr der Währungsreform wahrlich nicht der beste, er hat einen ziemlich hohen Säuregehalt.

Die Allianz aus dem Kriege geht am 30. November 1948 in Berlin auch nach außen zu Bruch: Fritz Ebert, der Sohn des ersten Reichspräsidenten in der Weimarer Republik, wird von den Kommunisten, der SED, unter sowjetischem Schutz auf den Sessel des Berliner Oberbürgermeisters gesetzt, wie gehabt ohne Wahl, der gewählte Magistrat abgesetzt und mit Frau Louise Schröder in die Westsektoren der einstigen Reichshauptstadt verjagt. Nicht nur der amerikanische General Clay hat dadurch große Sorgen, Fellbachs Bürgermeister sorgt sich über die hohen Baukosten (Bauindex 350 DM gegenüber 100 RM vor dem Kriege). Dr. Graser prüft die Möglichkeiten für den sozialen Wohnungsbau zu erträglichem Mietzins von 50 DM je Einheit. "Von seinen Plänen redet der Schwabe nicht viel, er handelt" - das steht in der "Fellbacher Zeitung" am 2. Dezember 1948, und damit ist die Eröffnung eines Kindertagheimes mit einer Kinderkrippe für 70 Kinder in Beisein von Landrat Dr. Pfleiderer und nolens volens von Mr. C. H. Wright, der sich Landkreis Officer nennt und so eine Art höflicher Oberaufsicht führt.
In der Vollversammlung des sogenannten Wirtschaftsrates in Frankfurt/Main wird deutlich, daß die Bauern nur ein Viertel der Ernte abgeliefert haben, weil sie angeblich der neuen Währung nicht trauen. In Wirklichkeit bricht die Zwangswirtschaft zusammen. Es werden immernoch Lebensmittelkarten gestohlen, sogar beim benachbarten Kreisernährungsamt in Waiblingen. Und Weihnachtskerzen sind kaum zu haben. Die Bürgermeister des ganzen Kreises beschweren sich über das ungerechte Verfahren der Dotation, der sogenannten "Erstausstattung" und wenden sich gegen die Kommunalkreditsperre. Die Zukunftsaufgabe könne heißen: Wohnungsbau.
Vorläufig ist es immer noch die Ernährung, die für viele nicht reichen kann - die Schulkinder erhalten Hooverspeisung, auch in Fellbach.

Der "Raiseweg", der auf dem Kappelberg führt.

Fellbach mit der Lutherkirche ohne die
Esslinger Strasse. (Bild: Sammlung Walter Baltrusch)

Die Pauluskirche wurde nach dem Entwurf
von Professor Dr. Jost 1928 mit 311184,74
Reichsmark errichtet. (Bild: Sammlung Walter Baltrusch)

Fellbachs Ansicht als die Stadt noch ein
"Flecken" war. (Bild: Sammlung Walter Baltrusch)

Bürgermeister Dr. Graser ist am 16.12.1948 für den Abgeordneten Ernst Müller aus Fellbach, der zurücktrat, in den Kreistag eingezogen. Dort rühmt Landrat Dr. Pfleiderer seine Leistungen für das Kindertagheim, für die Bau- und Siedlungsgenossenschaft und den 

Fellbacher Herbst

der 1948 zum ersten Male gefeiert wurde. Zunächst nichts anderes als ein Erntedankfest findet es mit der Zeit seinen festen Rahmen im Kreise aller, von den Weingärtnern und Bauern angefangen über die Gärtner bis zur ganzen Fellbacher Bevölkerung. Das Fest hat, was erst später bekannt wird, zwei Väter, einer davon ist Fellbachs Bürgermeister und der andere ist der am 13. 11. 1961 verstorbene Dr. Erich Schlenker, seines Zeichens Schriftsteller, von dem auch die nun traditionell gewordenen Worte des Oberbürgermeisters beim "Einholen des Herbstwagens" bei der Genossenschaftskelter, bei der Altenehrung und bei der Eröffnung dieses Heimatfestes stammen. einschließlich der Trinksprüche, die beim Festakt vor der Stadthalle zwischen "Erste Winzerin" - Oberbürgermeister- "Zweite Winzerin" - Weingärtner-Obmann gewechselt werden. In diesem Notjahr 1948 ist das Fest noch ein wenig bescheiden. Niemand denkt daran, daß hohe und allerhöchste Gäste bis zum Alt-Bundespräsidenten Prof. Dr. Theodor Heuss nach Fellbach kommen werden...


(Fortsetzung folgt)