Fellbacher Zeitung vom 3. März 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (5)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff


Die vierte Folge endete mit dem Jahr 1948 und dem ersten Fellbacher Herbst

"Wer Fellbach näher kennt, weiß, daß bei seinen Wengertern und seinen alteingesessenen Handwerkern Frömmigkeit immer zu Hause war und in fast zuviel bekenntnismäßigen Abwandlungen geübt wurde. Aber spricht daraus nicht zugleich ein stark ausgeprägter Wille, die Dinge des Glaubens ernst zu nehmen und, wenn es sein, soll, Gott auf eigenen Wegen zu suchen und zu finden ? Der Fellbacher Weingärtner ist dadurch nicht nur durch seinen Weinbau ein wichtiger Tragpfeiler der Gemeinde geblieben, sondern gibt auch ihrem geistigen und religiösen Leben nach wie vor die entscheidenden, die markanten Züge. Wetterhart und braungebrannt steht er auf beiden Füßen fest in diesem Leben und läßt sich von Gewittersturm und Hagelschlag nicht leicht unterkriegen. Dennoch bleibt sein Blick auf jene Welt des Glaubens und Hoffens gerichtet, von der er weiß, daß sein ganzes Tun ihres Segens bedarf, daß von ihr Hilfe in allen Lebenslagen kommt und die Kraft zu bestehen. Das gibt dem alten Fellbacher Wengerter jene innere Ruhe und jenes Gleichmaß, das über der Hast und dem Gehetzten des Alltags steht, das den Dingen des täglichen Geschehens nicht mehr Bedeutung gibt, als ihnen zukommt, und das Ruhe und Abstand zu wahren vermag, wo andere gar leicht den Kopf verlieren..."

Fellbachs höchster Gast: Alt-Bundespräsident Prof. Dr. Heuss mit
Oberbürgermeister Dr. Graser beim Festakt (Bild: FZ)

Das bekennt Bürgermeister Dr. Graser auf dem ersten Fellbacher Herbst und damit begründet er die Pflicht der Fellbacher, einmal im Jahre den Weinbau und den Weingärtner zu feiern. Paul Albert alias Dr. Erich Schlenker im ersten "Fellbacher Heimatlied" lobpreist:

"Ja dir, du Fellbach mein,
Werd ich getreu stets sein.
Dein Ruhm, er blüh' und werd bekannt
Im ganzen Schwabenland."

Dieser innige Wunsch wird rasch erfüllt. Die schwere Zeit hat alle gezeichnet: In der gedruckten "Nachlese in Wort und Bild", von Paul Albert verfaßt, sieht man schmale Gesichter "mit harten Zügen, allen voran der "Dirigent" des Fellbacher Herbstes - Bürgermeister Dr. Graser, und auch der betagte Pfarrer Frohnmeyer und der Stadtpfarrer Sturm, der, wie im Fellbacher Heimatbuch nachzulesen ist, am friedlichen Palmsonntag (10. April 1938) Freiwild war. An diesem Tage war die letzte Reichstagswahl, die letzte Wahl unter nationalsozialtistischem Regime überhaupt. Pfarrer Sturm, damals 53 Jahre alt, fand abends, als er von Stuttgart heimkehrte, das Pfarrhaus mit offenen Türen und eingeworfenen Fenstern vor. Von einer Rotte Uniformierter wurde, er auf die von ihm unbeantwortet gelassene Frage "Was hast du gewählt!" zusammengeschlagen, durch die Straßen bis zum Arrestlokal im Fellbacher Rathaus getrieben und dort "vor der Wut des Volkes geschützt". Erst spät nach Mitternacht wird er von zwei Polizisten unbehelligt nach Hause gebracht. Wie er heimkam, war am Tor des Pfarrhauses angeschmiert: "Betrieb geschlossen! Landesverräter verhaftet..." Der einzige der Pfarrer Sturm vor der aufgewiegelter Rotte helfen wollte, war Pfarrer Frohnmeyer. Als er der Menge zurief, von dem schändlichen Tun abzulassen, wurde ihm das gleiche Schicksal angedroht. Aber nun bei dem allerersten Fellbacher Herbst denkt keiner von den Geistlichen an diese Vergangenheit. An der girlandengeschmückten "Herbstpforte" sprechen sie Worte der Besinnung und des Dankes an Gott.

Der erhobene Zeigefinger betont die
Wichtigkeit des Wortes vom OB. Ein Schnappschuß vom Herbst 1965. (Bilder: FZ)

Auch der französische Bürgermeister Dr. Paul
Durant (hier mit seiner Gattin) aus Tain-l'Hermitage zählt zu den Stammgästen des Fellbacher Herbstes.

Minister-"Invasion" beim Fellbacher Herbst.

Mit der Landeshauptstadt ist kein Krieg: gelegentlich kommt auch OB Dr. Arnulf Klett zum Herbstfest.

Jedes Jahr wiederholt sich das Fest,

bis 1965 achtzehnmal! Waren 1948 Vertreter der amerikanischen Militärregierung die Gäste - neben Minister Stooß und Landrat Dr. Pfleiderer, so wurden sie mit jedem Jahr immer illuster: 1950 der schwäbisch Dichter August Lämmle und der schwäbische Humorist Werner Veidt, 1952 (Fellbach hat schon 21000 Einwohner) führt, Verzeihung "geleitet" Fellbachs Stadtoberhaupt ihre Majestät, die Weinkönigin von Württemberg-Baden (nicht Baden-Württemberg) durch eine Gemeinschaftsschau hiesiger Gärtner und von Groß-Stuttgart, Blumen und Obst in großer Pracht. Annelies' von Siebeneich, von einem charmanten Bürgermeister in Fellbachs Bräuche eingeweiht, lobt den Wein - und möchte so gern von Fellbach sein.

Das Jahr 1953 muß groß geschrieben werden!

Nicht wegen des Fellbacher Weines, diesmal sind es die Fellbacher, die beweisen wollen, was sie können, in einer Ausstellung, die "Fellbach am Werk" heißt; "Fellbach am Werk" zum Beispiel dafür, daß alle beim Wiederaufbau des Vaterlandes kräftig zupacken. Es gibt viel zu sehen und vieles zu kaufen, angefangen von dem, was eine Musterbäckerei der Innung präsentiert, bis zum einladenden Wochenendhaus. Auf der Ausstellung wird gebacken, genäht, gewebt und gedruckt. Ehrengast ist Regierungspräsident Dr. Schöneck mit vielen anderen, es wird sogar in der Stadthalle eine Weinkönigin gekrönt, Paula die Erste von Niederstetten ist die Glückliche.

1954 - ein Siebenjähriger

Bei diesem Fellbacher Herbst führt Altministerpräsident Dr. Reinhold Maier den Festzug an, Wengerter und Innenminister Fritz Ulrich erklärt, daß er zwar ein eingefleischter Republikaner und "Graswurzeldemokrat" sei, aber vor der Weinkönigin (Paula 1.) verneige er sich gern. 1955 spricht man beim Fellbacher Herbst von einer Minister-Invasion (drei amtierende und zwei ehemalige Landesminister sind dabei). Über den Weinbergen leuchtet "echt Fellbacher" Himmelblau. Einer meint: sich nach dem Fellbacher Herbst richten, dann sei das Wetter immer gut. Bürgermeister Dr. Graser wird angedichtet, er habe besonders gute Beziehungen zum Wettergott. Mit dem Jahrgang 1955 wird Friedrich Silcher als einstiger Fellbacher Bürger vor weiland 150 Jahren geehrt, besonderer Anlaß für die vielen Sangeslustigen in Fellbach, ganz kräftig zu singen, laute und leise Silcher-Lieder natürlich. Den Taktstock schwingt bei den Musikkapellen schon einige Jahre der Städtische Musikdirektor Eugen Leibbrand (1966 +).

Werden Sie keine Schnellgaststätte!

Das, so berichtet der am 1. April 1956 zum "OB", zum Oberbürgermeister gewordene Dr. Max Graser, zusammen mit Erhebung Fellbachs zur Großen Kreisstadt, beim neunten Fellbacher Herbst, das habe einer zu ihm mit erhobenen Zeigefinger gesagt (und er erhebt auch den allgemein bekannten Finger). "Werden Sie nicht zu einer Art Schnellgaststätte, von der man in derselben Eile weggeht, wie man zu ihr kommt - wo man keine Behaglichkeit spürt, wo die Geruhsamkeit fehlt und man die Gemeinschaft nicht kennt und wo alle Bemühungen um einen gesunden Bürgersinn und Bürgerstolz ins Leere gehen..." Nein- Fellbach ist eine Stadt, deren Bürger sich nicht nur dem Namen nach Bürger nennen. Der OB sorgt auf vielerlei Weise, nicht nur beim Fellbacher Herbst, daß die Bürger der Stadt auch Bürgersinn entwickeln," Seit 1949 ist beispielsweise die "Fellbacher Arbeitsgemeinschaft" an der: Arbeit, unter Leitung von Dr. Erich Schlenker, der wohl als erster diese Idee einer Art Volkshochschule hatte und den Arbeitsgruppen von der Musik, über die Literatur bis zum Theater, bis zur Philosophie und Politik viele Anregungen gibt, ja selbst tatkräftig mitwirkt; ihm zur Seite steht der Leiter der Fellbacher Stadtbücherei (schon 1948 eingerichtet) Herbert Ruthardt, der Dipl.-Bibliothekar ist.
1956 bekommt Fellbach übrigens, auch auf Anregung vom OB, ein wirkliches und historisch begründetes Stadtwappen (Propst, Dekan und Kapitel von Konstanz überlassen am 20. Oktober 1289 Berthold und Heinrich von Fellbach den Widdumshof zu Cannstatt, mit dem neuen alten Fellbacher Wappen besiegelt ...)

Höhepunkt aller Fellbacher Herbste

Das gefiel dem Alt-Bundespräsidenten am
besten: Die Bescherung von Ahne und Ähne.
 (Bild: FZ)

ist 1960 der Besuch von Alt-Bundespräsident Professor Dr. Theodor Heuss der sich am 8. Oktober 1960 in der Kelter ins Goldene Buch der Stadt Fellbach einträgt und der, zur größten Freude aller Fellbacher in der Stadthalle auch zu ihnen spricht, nein plaudert, über seine Jugend im Weinbau, über seine Doktorarbeit über den Wein, wie einst Gustav Stresemann über das Flaschenbier, er wolle aber damit nichts zum Bier gesagt haben ("man könne auch dagegen  sein"), er habe als Bundespräsident nur Württemberger Weine kredenzen lassen. Und dann folgen rechte Weinschnurren, aber auch Worte, die noch lange in den Ohren der  Fellbacher nachklingen: "Die Liturgie dieses Tages hat einen anständigen Stil; hier ist keine Angabe. Und die letzte Geste zu den Alten, das fand ich großartig. Der diese Idee ausgeheckt hat, muß ein Pädagoge gewesen sein, denn diese Geschichte bleibt bei der Jugend haften. Das war er beste Einfall." Der diese Geschichte ausgeheckt hat: ist Dr. Erich Schlenker, wie der  OB den Professor und Alt-Bundespräsident aufklärt. In Fellbach wird aber nicht nur der Fellbacher Herbst gefeiert ...

OB - OB!

Es heiße nie: ,,0 weh! O weh'!"
Es heiße nur: "OB! OB!"
Der Oberbürgermeister,
Nach oben Bürger weist er.

Der Doktor Graser ist ein Mann,
Der Gutes tun und denken kann.
Beim nächsten wird's sich zeigen
Wie seine Geigen geigen.

Wir wünschen diesem nächsten Glück.
Er schau mehr vorwärts als zurück
Denn nie sind Sorgenberge
Mehr wert als gute Werke

Dr. S. G.

 


(Fortsetzung folgt)