Fellbacher Zeitung vom 4. März 1966

Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (6)

Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff


Die 5. Folge dieses Berichts behandelte im wesentlichen den "Fellbacher Herbst".

Oberbürgermeister Dr. Graser an seinem
Arbeitsplatz im Rathaus. (Bild: Photo Barth,
 Grotz)

Ruhe und Gleichmaß, darüber sprach Fellbachs Bürgermeister Dr. Graser 1948 beim ersten
"Fellbacher Herbst", damit kennzeichnete er den Fellbacher Weingärtner und Bauer. Er aber wird zu den Gehetzten gehören, zu jenen, die ihre Tagesarbeit mit dem Terminkalender ordnen müssen. Gehetzt von allen Seiten, so daß die angenehmen Pflichten beim "Fellbacher Herbst", die ja jährlich nur drei Tage währen, schon am nächsten Tage in der Wust der Arbeit wieder untergehen. Mit 1,8 Millionen DM Einnahmen 1948 fing es an, um 1966 im ordentlichen Haushalt mit 15,2 Millionen DM" zu enden, und diese Millionen müssen über die Jahre vernünftig angelegt werden, immer eingedenk der im Gemeinderat vertretenen These, daß das Wichtigste zuerst kommen müsse. Die Frage ist nur, was jeweils das Wichtigste in Fellbach sei; darüber ist man sich in einer parlamentarischen Demokratie gewiß nie einig, auch nicht im Fellbacher Gemeinderat, der mit dem Bürgermeister an den Wiederaufbau der Stadt arbeiten muß. Es wird sich erweisen, daß dieser Bürgermeister und spätere Oberbürgermeister mit "seinen" Gemeinderäten und späteren Stadträten den richtigen, wohl sechsten Sinn für das hat, was man gleich tun muß und was  man auf nahe oder ferne Zukunft vertagen darf. In der Statistik wird es stehen: Bis Ende 1964 hat Fellbach absolut rund 9,2 Millionen Schulden, jeder Einwohner ist mit 335,38 DM (relativ) belastet, während Schorndorf beispielsweise zur selben Zeit mit fast 9 Millionen DM verschuldet ist, folglich je Kopf mit 435,36 DM (Schmiden am 31. 12.64: 2,28 Millionen DM Schuldenstand und je Einwohner 326 04 DM.) Freilich - Fellbach und Schmiden lassen sich gar nicht vergleichen. Fellbach nimmt 1964 rund 9 Millionen Gewerbesteuer ein, was auf jeden Einwohner umgerechnet 330,30 DM ergibt, bei Schmiden sind es rund 1,45 Millionen DM Gewerbesteuer und damit je Einwohner 207,64 DM. Auch unter den Großen Kreisstädten in Nordwürttemberg - es sind deren 16 - macht Fellbach "eine gute Figur": Unter ihnen hält Schwäbisch Hall mit 20,2 Millionen DM Schulden den Rekord (je Einwohner 894,44 DM bei 5,2 Millionen DM Gewerbesteuer-Einnahmen); nur die Hälfte dieser Großen Kreisstädte ist etwas besser als Fellbach daran. Immer je Kopf der Bevölkerung gerechnet, haben Stuttgart (624,28 DM), Heilbronn (434 DM) und Ulm (553,84 DM) relativ weit mehr Schulden und absolut erst recht. Müssen Schulden überhaupt sein? Sie müssen sein, denn das, was an öffentlichen Einrichtungen zu schaffen ist, steht größtenteils auf Grund und befindet sich im Boden und muß langfristig bezahlt werden, weil das Geld zur sofortigen Bezahlung einfach nicht in der Kasse ist und nie sein kann. Beispielsweise hat das im Nordosten entwickelte Schulzentrum - das Friedrich-Schiller-Gymnasium, die Maickler-Volksschule und die Auberlen-Mittelschule - von 1955/1959 und 1962/1964 - 11 387 260 DM, runde 11 Millionen DM also gekostet, 1955 hat die Stadt insgesamt rund 5 Millionen Mark das ganze Jahr über eingenommen und von diesen Millionen ist aber auch alles zu bezahlen, vom Gehalt des Stadtvorstandes angefangen bis zu den Zinsen für jedes aufgenommene Darlehen. Während für das Friedrich-Schiller-Gymnasium bei 3,7 Millionen DM Aufwand 1 Million DM Darlehen nötig war, beträgt das Darlehen für die beiden anderen Schulen, für die Volksund für die Mittelschule, nur 300 000 DM, weil über den ordentlichen Haushalt 700000 DM zurückgelegt, also gespart worden waren und Bund bzw. Länder 1 157 000 DM zuschossen. Auch jener, der dem OB "etwas am Rocke flicken möchte", findet beim Stadtsäckel ganz, gewiß nichts (oder nicht viel), was berechtigte Kritik herausfordern muß. Außerdem sind die Gemeinderäte zu Recht der Auffassung, daß nicht eine Generation die Lasten für Einrichtungen allein tragen kann, von denen wie beim Freibad, beim Stadion oder gar beim Hallenbad, noch etliche Generationen nach uns profitieren werden.

Das Rad der Fellbacher Ortsgeschichte muß noch einmal zurückgedreht werden. 1948 ist, wie Bürgermeister Dr. Graser zur Lösung des Wohnungsproblems in einer Gemeinderatssitzung sagt,

der soziale Wohnungsbau - der Kernpunkt

städtischer Bauaufgaben. Bis 31. 12. 1948 werden, so sagt der Stadtvorstand, in 25 Gebäuden 47 Wohnungen sein, bis März 1949 in weiteren 12 Gebäuden weitere 15 Wohnungen. Aber - man muß auch Holzbauten zur Linderung der größten Wohnungsnot errichten. Außerdem fehlt es noch gewaltig an Material und an Arbeitskräften, denn, es sind noch viele, viele in Gefangenschaft. Die "Enttrümmerung" und der Wiederaufbau der in Fellbach zerstörten Häuser ist bis auf 41 Wohnhäuser und 20 Scheunen gelungen. "Der Mangel an erschließbarem Baugelände macht die baldige Verwirklichung zur Pflicht", sagt der Bürgermeister. "Die Fundamente sind gelegt", das ist der Tenor einer Meldung, die vom Vorsitzenden des Verwaltungsrates, Dr. Hermann Pünder, in Frankfurt am Main kommt, und damit sind die wirtschaftlichen Fundamente gemeint. Der städtische Wohnungsbau wird in Fellbach von Jahr zu Jahr trotz des Bodenmangels vorangetrieben: 1948 Holzwohnhäuser an der Endersbacher Straße und Wiederaufbau Lindenstraße 10; 1949 bis 1951 zwei Wohnhäuser mit 40 Wohnungen; 1952 bis 1953 zwei Wohnhäuser mit 24 Wohnungen, eines mit 15 Wohnungen, dazu Wiederaufbau des Hauses Schmerstraße 1 und Einfachwohnhäuser im Schüttelgraben; 1954 bis 1956 44 Wohnungen in fünf kleineren oder großen Gebäuden; 1956 bis 1960 78 Wohnungen in diversen Häusern, 1960 bis 1962 27 Wohnungen in zwei Gebäuden, dazu eine Obdachlosenunterkunft im Schüttelgraben; 1962 bis 1966 noch weitere 66 Wohnungen in verschiedenen Gebäuden: summa sumarum steckt die Stadt Fellbach rund 8,5 Millionen Mark in den Wohnungsbau.


"Wo bleiben unsere Kriegsgefangenen?"

Die Westmächte verlangen darüber von der Sowjet-Regierung im Januar 1949 Auskunft. Es sollen sich mehrere hunderttausend deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion befinden. Die Sowjetrussen entgegnen, daß in Frankreich noch 400 000 deutsche Kriegsgefangene festgehalten werden. Die Franzosen kontern, daß es lediglich 84000 seien, die "freiwillig" als "freie Arbeiter" in Frankreich geblieben seien. Zur selben Zeit kommen aus USA Vorschläge, die auf Lockerung des Verbots einer Kritik an Maßnahmen der amerikanischen Besatzungsmächte abzielen. Es sollen Behörden geschaffen werden, die "den demokratischen Maßnahmen in Deutschland konkrete Formen geben..."

Harte Kritik an Fellbachern übt eine "Amerikanerin" ,

eine gebürtige Fellbacherin namens Johanna Hägele geb. Mieth, die ihre Heimat besucht. "Es hat sich eigentlich sehr wenig geändert", sagt sie zu einem Zeitungsberichterstatter, "die Menschen hier sind immer noch so egoistisch wie vor 20 Jahren. Sie handeln nach dem Grundsatz ,Steig herab vom Kreuz und hilf dir selbst'. Jeder ist auf seinen Profit aus". Als sie ihre Devisen in Stuttgart umgetauscht habe, sei sie beim Verlassen der Bank mit Umtauschangeboten zu Kursen überschütte worden, die das Fünf- bis Siebenfache des amtlichen betrugen. Auch habe sie manche unschöne Kritik an den Besatzungsmächten gehört. Das deutsche Volk müsse zuerst die eigenen Mißstände bekämpfen, bis es Kritik übe... Darauf ein Leserbrief, der sich gegen die Deutschamerikanerin wendet und gegen das ihm unbekannte Zitat. Wörtlich: "Sollte die Besucherin etwa meinen ,Bist Du Gottes Sohn, so hilf Dir - selbst!?" Kritik hin, Kritik her - die amerikanische Militärregierung für Baden-Württemberg "befiehlt" Gewerbefreiheit, und damit kann jeder ein Unternehmen ohne Zulassungsanträge gründen, von einigen Ausnahmen abgesehen.

"Hat Professor Erhard doch recht?"


Die Preise für Textilien und Schuhe fallen, für Textilien nach dem "Jedermann Programm", das Professor Erhard kreiert. Aber Schuhe sind noch bewirtschaftet und Strümpfe nicht vorhanden. Die "Nylons" werden hoch bezahlt. Es könne sein, daß die Erhardsche Wirtschaftspolitik nun doch seine günstigen Folgen zeitige. Immerhin sei es die Auffassung aller vernünftigen Menschen, daß mit eine Erhöhung der Löhne und Gehälter nicht gedient sei, sie hätte die Preisschraube ohne Ende bedingt. Die fallende Preistendenz sei hoffentlich ein Beginn. Das kommentiert die "Fellbacher Zeitung".

Im Fernen Osten ist immer noch Krieg, Tschinangkaischek möchte einen sofortigen Waffenstillstand mit den Kommunisten, Peking und Nordchina sind schon verloren, aber Mao Tse-tung macht zur Bedingung, daß "sämtliche Kriegsverbrecher unter den Nationalchinesen" bestraft werden.

Vor dem Militärgericht in Waiblingen wird ein Lette als Schwarzhändler mit Gefängnis bestraft, weil in seinem Personenkraftwagen 600 rote Würste und 60 Pfund Fett in einem Kinderbett gefunden werden und in einer Tasche 16 Dosen amerikanischen Kakaosirup. In einer Anzeige sucht ein Fellbacher Arzt einen Pkw zu mieten. Der Treibstoff, also das Benzin, ist immer noch bewirtschaftet. Fellbach bittet um Freigabe beschlagnahmter Häuser, als ein neu ernannter Direktor der Militärregierung für Württemberg-Baden, General C. P. Groß, den Kreis inspiziert. Landrat Dr. Pfleiderer und stellvertretender Bürgermeister Bitzer machen sich zu Fürsprecher. Etwas später kritisiert Mr. C. H. Wright vor der Presse, daß drei Bürgermeister, die dem Waiblinger Landrat unterstellt sind, gleichzeitig dem Kreistag angehören, damit wiederum die Kontrolle über ihn ausüben - eine Parallele zu den unguten Verhältnissen im Landtag. (Daran wird sich nichts ändern.)


Bei der Verabschiedung des Haushaltsplanes 1948 beklagt Bürgermeister Dr. Graser, daß
"zu der Vielzahl der seit Kriegsbeginn aufgestauten Aufgaben und Maßnahmen, die zur Lösung und Durchführung anstehen und drängen, heute nicht weniger stark drängende Probleme kommen, die sich vor allem aus dem Hereinströmen der Flüchtlinge ergeben." 1932 habe Fellbach bei 12000 Einwohnern nicht einmal eine Turnhalle gehabt. Zum "Ersten Volkstag der Bundesrepublik" wird vom Parlamentarischen Rat in Bonn am 24.2.1949 das Wahlgesetz verabschiedet, es sind 410 "Volkstagsabgeordnete" zu wählen. Die Alliierten kritisieren das Grundgesetz, der Bund habe darnach zuviel gesetzgebende Macht, die polizeilichen Befugnisse werden verneint, die Steuerhoheit vermindert u. a.; Berlin als zwölftes Gründungsland der Deutschen Bundesrepublik müsse "suspendiert" werden.

Eine Bürgerversammlung in der Stadthalle

- das ist in Fellbach etwas Neues. Bürgermeister Dr. Graser ladet dazu ein. Am Freitag, 18.3., erfahren die Fellbacher von ihrem Bürgermeister seine Pläne zur Behebung der Wohnungsnot, über zweieinhalb Stunden lang, einer als Sprecher der Flüchtlinge beklagt sich über Mißstände im Zusammenleben von Flüchtlingen und Altbürgern. Tags darauf wird im städtischen Gebäude in der Frizstraße eine Modell- und Planschau der FEWOG, der Fellbacher Wohnungs- und Siedlungsbau-Genossenschaft eröffnet.

Den Stuttgarter Platz überqueren täglich 9000 Fahrzeuge und 2500 Radfahrer. Der Schülerverkehrsdienst wird in Fellbach eingerichtet. Die Lutherkirche erhält ein neues Zifferblatt, von unbekannter Hand gestiftet. - 159 deutsche Betriebe werden von den drei Besatzungsmächten "demontiert", 32 der Stahlindustrie, 88 metallverarbeitende Betriebe, 32 chemische und 7 der NE-Metallindustrie.

Am 25. April 1949 einigen sich die Parteien endlich über das Grundgesetz. Tags zuvor hatte die Lutherkirche wieder alle ihre Glocken, neue natürlich, bekommen. Eine Umfrage ergibt: Volle Läden und leere Geldbeutel. Am Sonntag, 8.5.1948, wird das Grundgesetz verkündet, der Präsident der Parlamentarischen Arbeit, der die Arbeit leitet, heißt Dr. Konrad Adenauer. Das Grundgesetz wird in der "Fellbacher Zeitung" Wort für Wort abgedruckt. In einer Gemeinderatssitzung gibt Bürgermeister Dr. Graser bekannt, daß für die Stadt 169 Personen tätig sind: 36 Beamte, 58 Angestellte und 6 Angestellte für die Gasversorgung, 54 ständig und 15 unständig beschäftigte Arbeiter...

Am 1. Juni 1949 wird von der Besatzungsmacht die Pressefreiheit erklärt, von diesem Augenblick an ist auch die "Fellbacher Zeitung" von der Lizenz unabhängig, die ihr die "Schwäbische Post" in Aalen freundlicherweise geliehen hat. Die Gastwirte des Remstals protestieren gegen die allerneueste Verkehrsvorschrift, wonach kein Fahrzeug nach 9 Uhr abends vor einer Gaststätte parken darf (sonntags ist der Kraftfahrzeugverkehr ohnehin verboten). "Sollte das Verkehrsministerium diese ungerechte Verkehrsregeln nicht aufheben, sind die Gastwirte des Remstals gezwungen, zur Selbsthilfe zu greifen ..." Diese kräftigen Töne kommen, vermutlich weinbeschwingt, aus Schnait am 9. Juni 1949. Die Arbeitslosigkeit im Kreise ist um 133 Prozent gestiegen: Zur ersten Bundestagswahl kandidieren im Kreise Waiblingen Gottlob Kamm aus Schorndorf für die SPD, Karl Kielmeyer aus Waiblingen für die CDU und Dr. Karl Georg Pfleiderer, der Waiblinger Landrat für die DVP, für die KPD einer namens Julius Schätzle aus Stuttgart. Von 60 645 Stimmen, die im Kreis abgegeben werden, erhält Dr. Pfleiderer 23489 und wird damit Bundestagsabgeordneter, die "Fellbacher Zeitung" bezeichnet ihn als "Gesandter des Kreises". In einer Mitgliederversammlung des Gewerbe- und Handelsvereins erklärt Bürgermeister Dr. Graser "Verwalten heißt Gestalten". Er tue alles, um der Stadt ein charakteristisches eigenes Bild zu geben, andernfalls drohe die Eingemeindung. "Dem 194ger unsere Reverenz" - damit begrüßt die "Fellbacher Zeitung" das zweite Herbstfest. Das dabei erstmals aufgeführte "Fellbach-Spiel" führt zu einem Kleinkrieg mit der Feder und dem Wort - bis in den Gemeinderat hinein.

Das nächste Ziel ist ein Freibad für Fellbach. Im Gemeinderat will man eine "Streichholzaktion" starten, der Erlös daraus soll einen Fonds bilden (eine halbe Million Buchzündhölzer zu je 4,6 Pfennig eingekauft und zu 10 Pfennig verkauft, sollen 30 000 bis 35 000 DM Gewinn ergeben). Am 26. November 1949 ruft der Bürgermeister die Fellbacher zu Spenden für das Freibad auf, eben mittels der Streichhölzer. Eine sehr phantasiereiche Skizze des kommenden Freibades wird veröffentlicht. Oberregierungsrat Werner Bertheau wird neuer Landrat. Endlich werden in Fellbach 30 Wohnungen, die von der Besatzungsmacht beschlagnahmt waren, freigegeben - ihre Eigentümer können mit Vorbehalt wieder einziehen.

1949 noch ein frommer Wunsch - 1954 aber Wirklichkeit: das große und schöne Fellbacher Freibad mit der Kulisse des Kappelberges im Hintergrund. Bild: FZ
Das Fellbacher Freibad an einem schönen Sommertag - zur Freude von jung und alt. OB Dr. Graser, selbst ein alter Turner und Sportler weiß, wie wichtig das Freibad für alle Fellbacher ist.

(Fortsetzung folgt)
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