Fellbacher Zeitung vom 10. März 1966
Fellbachs Stadtvorstand im Wandel der Zeiten (7)
Nach zeitgenössischen Berichten zusammengestellt von Hans-Heinrich Feldhoff
Diese Berichtsfolge war mit der Ausgabe vom 5. März 1966 abgeschlossen. Nachträglich entdeckte der Chronist, daß er in der Eile der Arbeit ein wichtiges Fellbacher Kapitel ausgelassen hat. Es ist nicht allein Höflichkeit, daß dieses Kapitel jetzt nachgetragen wird - denn es geht um die Verbindung zu Nachbarn, zu den Nachbargemeinden Schmiden und Oeffingen.
Epilog
Das "Fellbacher Tagblatt" hieß einst
"Bote vom Kappelberg" und "Freund von Schmiden". Als der
Zeitungstitel ("Fellbacher Tagblatt") in Hand der NS-Presse
Württemberg GmbH war - so noch nach dem Buchstaben des Gesetzes bis zum 30. 9.
1949 - nannte sich die Zeitung für ,Fellbach und Umgebung (einschließlich
Schmiden, Oeffingen, Rommelshausen) kurzerhand "Fellbacher Zeitung",
und dabei ist es auch nach dem Rückerwerb des alten Titels geblieben. Erst mit
den Jahren haben sich die beiden "Flecken" Schmiden und Fellbach
geographisch und (hochtrabend gesprochen) "ethnologisch" genähert.
Noch auf der ersten Karte, die über das Stadtmessungssamt in Stuttgart nach dem
Kriege herausgegeben wurde, ist das ganz deutlich: das Herzstück Schmidens
waren die Häuser am Rathaus und rundherum, die Eisengießerei von Gebr. Knittel
an der Wilhelmstraße bildete ungefähr die Peripherie. Die Fellbacher
Gemarkungsgrenze verläuft nördlich in einem Zickzack entlang der Bahnlinie
Stuttgart - Waiblingen. Darum heißt die Fellbacher Straße von Schmiden auf der
östlichen Straßenseite (für vielleicht acht Häuser) Schmidener Straße, denn
diese Häuser liegen auf Fellbacher Gemarkung. Genau diesen Häusern gegenüber
trägt die Straße, wie gesagt, den Namen "Fellbacher Straße". Dieses
Kuriosum, daß nämlich zwei Straßenseiten auf gleicher Höhe verschiedene
Straßenbezeichnungen haben, wird sicherlich in der Bundesrepublik einmalig
sein.
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| Die Bahnhofstraße ohne Bahnunterführung |
Die Eisenbahn - eine Barriere
Gewöhnlich verbindet die Eisenbahn die Orte
untereinander. Bahnschranken gibt es freilich noch vielerorts, mitten in
Städten, aber zwischen Fellbach und Schmiden trennte die Bahnlinie zwei
Gemeinden ausdrücklich und nicht nur geographisch. Bürgermeister Gotthilf
Bayh, nach dem Kriege Mitglied des Landtages und des Kreistages, der heute noch
als betagter Mann im benachbarten Schmiden lebt, sah - als Kommunalpolitiker
ersten Ranges - zuweilen scheel auf das, was sich in Fellbach unter dem OB tat;
er war auch mit seinem Fellbacher Kollegen durchaus nicht immer einverstanden,
wenn auch manches die Gemeinden bei aller Zurückhaltung der Ortsvorstände doch
eng verbündete. Schon das rare Wasser sorgte für einen Zweckverband, der heute
noch besteht.. (NB: Die Bürger von Schmiden und Fellbach sind sich im
wirtschaftlichen Bereich ohnehin eins, so die selbständigen Gärtner in ihrem
Verein, die Geschäftsleute, die in Fellbach gleichartige Läden
unterhalten. ..) Und beim Fellbacher Herbst fand sich Bürgermeister Gotthilf
Bayh immer ein. Inzwischen ist alles längst ineinander und miteinander
verwachsen. Selbst ein alter Fellbacher weiß heute nicht mehr genau, ob er
jenseits der Bahnlinie nun zufällig auf Fellbacher oder wirklich auf Schmidener
Boden steht.
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| Die Bahnunterführung nach Schmiden |
Für uns heute kaum denkbar:
bis zum Jahre 1959 war die Bahnschranke.
Alles mußte geduldig warten, wenn ein Zug kam.
Der Fahrplan hatte schon damals wahrlich nicht wenige Personenzüge und
Güterzüge (täglich 250). Für die jenseits der "Grenze"
beschäftigten Fellbacher wurde eigens ein Bahnübergang westlich vom Bahnhof
geschaffen, aber eben nur für Fußgänger. Der Übergang ist nie richtig
frequentiert worden. Aus der Zeit der "Barriere" weiß ein alter
Fellbacher zu berichten: "In Schmiden wurde ein Haus gebaut. Dazu war ein
Fellbacher Zimmermeister bestellt worden. Als der Zimmermeister mit seinem
Langholzwagen an die Bahnschranke kam, ließ der Bahnwärter die Schranke ,vor
der Nase des Zimmermeisters herunter. Der bekam einen hochroten Kopf, weil der
Zug (was bei klarer Luft zu sehen gewesen sein soll) noch nicht einmal in
Waiblingen eingefahren war. Aber nicht genug - der Zimmermeister, der mit dem
Bahnwärter grobe Worte wechselte, mußte auch noch auf den Güterzug aus
Cannstatt warten. Tags darauf revanchierte sich der Zimmermeister: aus
'Versehen' rutschten einige Langhölzer und Balken von der Wagenladung genau in
dem Augenblick, als sich das Fahrzeug mitten auf dem Gleise befand. Daraufhin
ließ der Zimmermeister alles abladen und nochmals sorgfältig verladen. Diesmal
fluchte der Bahnwärter, weil nun weder der Personenzug aus Waiblingen noch der
Güterzug aus Cannstatt in Fellbach einfahren konnten..."
Fünf Jahrzehnte alt war der Plan,
bis endlich die Bahnunterführung verwirklicht
wurde: Am 15. Mai 1959 wird dieses große Bauwerk feierlich für den Verkehr
freigegeben, unter Tschingtarassabum der beiden Blaskapellen aus Fellbach und
Schmiden, nach dem Chorgesang der Schüler der Fellbacher Silcherschule und den
Ansprachen. Aus der Festrede des Oberbürgermeisters Dr. Graser erfuhren die
vielen, die aus der Bevölkerung zuhörten (rund 70 Ehrengäste waren auch
dabei), daß Fellbach beim Bahnhof nach 15 Monaten Bauzeit ein: "günstiges
neues Gesicht erhalten habe", er nannte die Unterführung "eine
eindrucksvolle Neuerung gleichermaßen für Schmiden und Oeffingen, wie
naturgemäß für die Stadt unterm Kappelberg selbst". "Ohne
schrankengehemmt zu sein, können wir uns jetzt mit Schmiden und Oeffingen
begegnen..." rief der OB aus. Und die Ortsvorstände von Schmiden und
Oeffingen - Bürgermeister Bayh und Bürgermeister Stütz - hörten schmunzelnd
zu ...
Der zweite Redner war Präsident Hagner von der Bundesbahndirektion in
Stuttgart, er drückte Freude und Bedauern in einem aus - Freude über das,
wohlgelungene Werk, Bedauern über den Mangel an Mitteln zur raschen Beseitigung
weiterer schienengleicher Übergänge. Der Bund müßte unbedingt helfen. Nun,
der OB hatte unstreitig den rechten Moment erwischt (heute wär's weit
schwieriger). Sein Stadtbaurat Rembald hatte den umfangreichen Plan
ausgearbeitet, die Bauleitung lag bei Bauingenieur Delfs. Für den Brückenbau
sorgte die Bundesbahn, für alle übrigen Arbeiten das städtische Tiefbauamt.
Rund 2,8 Millionen DM kostete die Bahnunterführung, die 16,5 Meter breit ist
und einen Tunnel von 4,5 Meter Höhe hat. Die Hälfte der Kosten übernahm die
Bundesbahn, an der anderen Hälfte beteiligten sich auch der Kreis peu a
peu. Als man zusammenzählte, waren es 210000 DM und 195000 DM vom "Bund
und Land" und 120 623 DM "sonstige Zuschüsse" und 5531 DM
"sonstige" Einnahmen, während der ordentliche Fellbacher Haushalt mit
nur 636316 DM belastet war (von rund 2,8 Millionen). Hier hat der OB wirklich
für die Fellbacher eine vorteilhafte Rechnung zuwege gebracht. Im Winter
1957/1958, vor Baubeginn, passierten schon täglich etwa 10 000 Fahrzeuge den
Bahnübergang!
38 000 Kubikmeter Erde mußten bewegt werden, 8000 Quadratmeter Straßenfläche
und 4000 Quadratmeter Gehwege wurden geschaffen, und das alles, ohne daß der
Zugverkehr unterbrochen werden mußte. Von der Brücke ertönten Fanfaren, als
der OB das weiße, quergespannte Band durchschnitt, um damit dem Verkehr freie
Fahrt zu geben.
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| Ehrengäste bei der Einweihung der
Bahnunterführung am 15.5.1959: von links nach rechts: OB Dr. Graser, Alt-Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier und Präsident Hagner von der Bahndirektion Stuttgart. (Sämtliche Bilder: Archiv Stadt Fellbach) |