Große Erschütterung in einem Volk und Land, wie es der Weltkrieg 1914-1918
war, schaffen eine Gemeinsamkeit des Erlebens allerorts. Dennoch hat jede
Gemeinde nicht nur ihr besonderes Erleben, es bekommt auch das Gemeinsame des
Schicksals sein eigenes Gepräge durch die Besonderheit und Entwicklung einer
Gemeinde. So auch bei Fellbach. Unsere Gemeinde stand schon 1914 in einer
starken Vorwärtsentwicklung und war eben daran, aus dem einheitlich
geschlossenen, wohlhabenden Dorf eine städtische Gemeinde modernen Einschlags
zu werden. Dem Kriegstreiben gab aber der bisherige Ortscharakter noch
vorwiegend sein Gepräge, verbürgt vor allem durch die Führung seines
Ortsvorstehers August Brändle.
Kriegsausbruch aus einem Tagebuch vom Juli 1914.
Vom 26. Juli an wars, als stünde man vor dem Ausbruch eines Gewitters, dessen
bleierne Wolken man über sich sah, durch den Gang der politischen Ereignisse,
die mit dem Königsmord in Sarajewo zu Tage traten. Manchmal schien es, als
sollte es noch einmal gnädig vorübergehen und man übersah flüchtig lächelnd
die im ersten Eifer eingekauften kleinen Vorräte an Lebensmitteln. Jung und Alt
war erfüllt von Furcht und Hoffnung und harrte in ungeduldiger Erregung einer
Entscheidung. Die unermüdlichen Bemühungen des Kaisers und der Regierung, noch
in letzter Stunde den Frieden zu erhalten, begeisterten für den Krieg. Schon
sind auch die regierungsgegnerischen Elemente in gerechter Entrüstung über die
freche Anmaßung von Russland und Frankreich und unmerklich beginnen die
Parteigegensätze in den Hintergrund zu treten.
Am Nachmittag des 31. Juli sieht man in der Bahnhofsnähe eine Gruppe Männer
und Frauen mit ernsten Gesichtern. Was ist's? Kriegszustand im Elsass. Der
Güterverkehr ist gesperrt und schon zwei Stunden später heißt es:
Kriegszustand im ganzen Deutschen Land. Noch weiß der Zivilist unter 50 Jahren
nicht, was das bedeutet, aber bald ist jedem geläufig: Es ist Regierung der
Militärgewalt (also noch ist weder Kriegserklärung noch Mobilmachung). In 12
Stunden soll die Entscheidung fallen, nach Russlands Antwort betr.
Abrüstungsfrist. Stündlich steigt die Spannung, man wagt nimmer zu hoffen; ja
fast wünscht man den Krieg, denn unheilvoll türmt sich die Gefahr feindlichen
Einbruchs auf deutschem Boden. Der 1. August, ein Samstag, geht zur Rüste.
Abends 6 1/2 Uhr stehen ein paar Leute an der alten Post (Seestraße) und
besprechen die ernste Lage. Ein Vater sagt: sofort müssen meine 3 Söhne ins
Feld und ein junger Mann erklärt sich kampfbereit als werdender Soldat. Da
tritt die Frau des Postinspektors heran und sagt bescheiden: Sie sprechen von
Krieg, dort hängt eben mein Mann die Mobilmachungsorder heraus. Trotz innerer
Vorbereitung durchzuckt es einem wie ein Schwertstreich, und still- keiner
spricht mehr, geht man heim, nachdem man selbst die schicksalsschweren Worte
gelesen. Wie ein großer Trauerschleier legt es sich auf alle, ein nie gekannter
Ernst waltet. Weinende Frauen, bewegt Männer, sieht man auf der Straße, aber
rasch wandelt sich die Stimmung in tapfere Geschäftigkeit und entschlossene
Kampfbereitschaft. Bald verkündet der Ausscheller, auf den man oft kaum hörte,
kurz und sachlich den kaiserlichen Mobilmachungsbefehl. Er wurde das 1.
Kriegsopfer und fiel am 8. August 1914.
Draußen auf dem Erntefeld wurde eben bei strahlendem Wetter eine reiche
Getreideernte eingeheimst. Die Rathausglocke ließ die fleißigen aufhorchen.
Ist's Feuer? Doch schon rasen Autos die Straße entlang und verbreiten die
Nachricht. Mit fieberhafter Eile wurde die Arbeit beendet, alles strebte nach
Hause. Aus einem Fenster klang der Choral: Aus tiefer Not schrei' ich zu dir!
Wohl ist die Gemeinde im Ganzen gefasst, keine Gefühlsausbrüche werden laut,
aber auf den Gesichtern steht großer Ernst, das Weh des nahen
Trennungsschmerzes.
Tags darauf sind die Straßen wie ausgestorben, nicht das sonntagsfrohe Bild
spielender Kinder, lebensfroher, vergnügungsbereiter Menschen. Die
Schicksalsgemeinschaft schließt die Gemeinde zu einer Familie zusammen. Jeder
ist bereit, dem anderen zu helfen, wo und wie er kann. Über alle Stände und
Parteien hinüber tritt eine kernhafte, treue Vaterlandsliebe zu Tage und
weithin ein von Herzen kommendes Aufschauen zum König aller Könige. In der
dicht gefüllten Kirche wird am Abend die erste Kriegsbetstunde gehalten,
verbunden mit einer Abendmahlsfeier. Der Abschied rück näher. Mit warmer
Teilnahme sieht man, wie sich die blühende Jugend, die fleißigen
Familienväter rüsten zum Kampf. den Russland schon eröffnet hat.
Die Kriegserklärung des französischen Erbfeindes folgt, Kampfesfreudigkeit und
Opfermut steigen. In der Frühe des 4. August marschiert der erste geschlossene
Trupp der zur Fahne gerufenen aus. Meist still und ernst aber tapfer die Wacht
am Rhein singend, sieht man die blumengeschmückten Männer des ersten
Aufgebots, ihre Köfferlein an der Hand, begleitet von vielen Tränen. dem
Bahnhof zuwandern, nachdem sie am Rathaus von Pfarrer und Ortsvorsteher
verabschiedet wurden. Am 5. August folgt die Landwehr. Hunderte von
Familienväter reißen sich tapferen Muts, doch schweren Herzens los von Haus
und Herd. Über manches harte Männergesicht zuckt es in heißem Weh beim
Abschied von Weib und Kind.
Der 6. August bringt Englands Kriegserklärung und auch starke Naturen beben ob
all der Feinde ringsum. Wieder zieht ein Trupp Gestellungspflichtiger hinaus,
verabschiedet vom Feuerwehrkommandanten und Pfarrer. 26 Freiwillige stellen sich
neben sie. die der König rief; darunter auch der Fellbacher Vikar, den man
seinen Offiziersdegen schleifen sieht.
6 Söhne. 2 Schwiegersöhne einer Witwe, 8 Söhne eines Weingärtners, 3 Söhne
eines Handwerkers, Kaufmanns und Lehrers sind unter den Ausmarschierten. Die
noch Zurückgestellten ordnen ihre Angelegenheit, täglich des
Gestellungsbefehls gewärtig. Die Lücken in der Landwirtschaft werden
empfindlich, aber es half wer irgend konnte. Die Hilfsbereitschaft war
einzigartig und schuf eine enge Gemeinschaft. Viel Arbeit hatten besonders auch
die Schuhmacher. Die meisten Soldaten sollten eigenes Schuhwerk mitnehmen.
Gekauft wurden längere Zeit nur noch Ausrüstungsgegenstände. Immer stiller
wird es auf den Straßen. Zurückgestellte oder nicht kriegsverwendungsfähige
Männer bilden eine Bahnwache. Auch auf den Verkehrsstraßen wird jedes Fahrzeug
darauf angesehen, ob es keine Spione beherbergt. Dabei fehlte s natürlich auch
nicht an heiteren Vorkommnissen. Jeder nicht ganz alltägliche Menschentyp
genügt zum Verdacht und mancher harmlose Straßenbürger wird belästigt und
sogar von allzu eifrigen Wächtern kurzfristig mitgenommen. Schauermärchen von
Brunnenvergiftung und ähnlichem ängstigt die Gemüter.
Allmählich dringt der Alltag wieder in sein Recht und da und dort mildert schon
leise die Gewöhnung die Schwere der Lage. Der erste Sieg bei Lüttich hebt und
stärkt den Mut, worauf eine bängliche Stille im Westen die Vorbereitung zu
schweren Kämpfen ahnen lässt.
Die Feldpost ist in regster Tätigkeit und unzählige Briefe und Päckchen
wandern zur Post, wo mit wenigen Kräften der Ansturm bewältigt wird. Obwohl
Fellbach keine Truppendurchzüge hatte, so wurde die Gemeinde doch durch die
Nähe von Stuttgart mit hineingezogen in dieses Erleben.. Täglich und
nächtlich eilten auch Fellbacher auf die Bahnhöfe von Stuttgart.
Untertürkheim und Cannstatt, um Durchziehende noch zu sehen, Verwundete zu
suchen, oder von Angehörigen Kunde zu bekommen.
Schon in den ersten Kriegswochen trat die Fürsorge für die Kriegerfrauen und
Kinder ins Leben. Ein Ortsausschuss unter der Leitung des Ortspfarrers Krauß
bildet sich und mit unermüdlichem Fleiß und großer Umsicht wurden die
bewilligten Natural- und Geldgaben verteilt, die verwaisten Familien besucht und
manche stille Not erkundet. Die täglichen Sprechstunden des Pfarrers für
Kriegerfrauen wurden fleißig besucht und bald muss auch der Pfarrer
Überbringer schmerzlicher Trauerkunde sein. Eine besonders schwere Pflicht
durch 4 Kriegsjahre. Die sonntäglichen gut besuchten Kriegsbetstunden werden
immer mehr Gedenkfeiern für die Gefallenen. Am 30. August gedachte man der
ersten Gefallenen: Hummel, Steigleder. Traber.
Am 13. August 1914 bildete sich der
Ortsausschuss für das Rote Kreuz. Unter der hingebenden Führung von
Schultheiß Brändle begann nun eine rege Tätigkeit. Es sollte die Arbeit
vorwiegend unseren Fellbacher Soldaten zu Gute kommen, denen man in kleineren
Zeitabständen einen Gruß der Heimatgemeinde senden wollte. Zu diesem Zweck
gliedern sich die mitarbeitenden Frauen in 3 Gruppen: die einen machten
Einkäufe, die 2. vermittelten und überwachten die Herstellung der Socken.
Ohrenschützer, Pulswärmer usw. und die 3. Gruppe übernahm den Versand. Die
wenigen Herren im Ausschuss besorgten das Adressieren. Im Zeitraum von 14 Tagen
wurden im Erdgeschoss des Schulhauses von fleißigen Frauenhänden 800
Flanellhemden bester Qualität hergestellt. Ein riesiger Kasten füllte sich mit
Hemden, Socken, Taschentücher usw. für die Weihnachtspakete unserer
Feldgrauen. An Lebensmitteln wurden verschickt: Schokolade, Zucker, Zwieback,
Dörrobst, Hartwurst und natürlich Zigarren und Tabak in großer Menge.
Die Bedürfnisse werden bei den Urlaubern ermittelt und so kam noch allerlei
dazu, kleine Nähzeuge, Sicherheitsnadeln und Glashülsen mit Salz. Schmerzlich
war, wenn so manches Paketchen mit dem Vermerk ..unbestellbar",
"vermisst", "verwundet" oder ..gefallen" zurückkam. Da
galt es wieder umzupacken, zu ergänzen und neu zu adressieren. Viele
freiwillige Gaben an Geld und Waren ermöglichten ein vierjähriges Durchhalten
dieser dankbaren Arbeit. Schätzungsweise wurden 24.000 kleine oder größere
Pakete abgeschickt. Jeder Sendung lag ein gereimter Gruß der Heimatgemeinde
bei. Unbeschadet dieser Fürsorge für die Fellbacher Krieger ging die
regelmäßige Sammlung für das allgemeine Rote Kreuz nebenher. Ein tapferer
Stab jungendlicher Sammlerinnen brachte von Anfang bis Ende des Krieges eine
schöne Summe Geldes zusammen. Vierteljährlich zwischen 1.000 und 1.200 Mark.
In den christlichen Vereinen wurde ebenfalls eifrig genäht und gestrickt für
bedürftige Soldaten.
Arbeitsvermittlung für Kriegerfrauen
Um den nicht in der Landwirtschaft
beschäftigten Kriegerfrauen eine Verdienstmöglichkeit zu beschaffen, wurde
Näharbeit der Heeresbekleidungsstelle vermittelt, eine Aufgabe, die von einer
Frau mit Umsicht, Geschick und großer Gewissenhaftigkeit und Liebe getan wurde
und die viel Zeit und Geduld erforderte. Der schon bestehende ..Gewerkverein
für Heimarbeiterinnen Deutschlands", mit klar national-christlicher aber
interkonfessioneller Grundlage, versammelte sich nun auch für die Kriegerfrauen
allmonatlich. Die Stunden gemeinsamer Besprechung, Orientierung und Erhebung
gehören mit zu den erfreulichen Heimaterlebnissen der Kriegsjahre. Auch eine
Vermittlung von Strickarbeit tat in der Stelle nicht bloß den Dienst der
Nützlichkeit. Diese Zuteilung von Arbeit war eine dankenswerte Gelegenheit,
Einsamen und Alten Rat und Ermunterung zu bringen.
Im Laufe der Kriegszeit, als immer mehr Pflegepersonal draußen und in den
Heimatlazaretten nötig wurde, beteiligten sich auch hiesige Mädchen an einem
Kurzausbildungskurs im Cannstatter Krankenhaus und traten, neben der reichlich
bemessenen Feld. und Hausarbeit tapfer in den Dienst der Verwundeten, in dem sie
häufig nachts die überbürdeten Pflegekräfte ablösten. Es sollten diese
wenigen Mädchen auch eine Bereitschaftstruppe sein, falls Fellbach in direkte
Mitleidenschaft des Kampfes gezogen würde. Wohl herrschte nach den
Erstlingserfolgen eine starke Zuversichtlichkeit unter der Bevölkerung, aber
die sich stets mehrende Feindesmacht war eine ernste Sache, und man musste auf
eine Wendung des Kriegsgeschehens durchaus gefasst sein. Die Haltung in der
Heimat war eine tapfere und getroste, die auch unsere Soldaten draußen
stärkend fühlten. Dieselbe war weitgehend verankert in der Gewissheit: Gott
sitzt im Regiment I Das schützte vor Selbstüberhebung und Verzagen. Damals
rechnete man mit einem baldigen Ausgang des Krieges. Wer hätte am 1.
Kriegsweihnachten 1914 gedacht, dass deren noch 3 folgen würden!
Unseren Kriegsteilnehmern jede nur denkbar mögliche Freude zu bereiten, war die
Losung der Einzelnen, wie der Gesamtheit. Der Ausschuss des Roten Kreuzes
beschloss, jedem Ausmarschierten ein größeres Paket zu schicken. Mit großem
Eifer wurde eingekauft, gepackt und adressiert. Jedes Paket enthielt 1 Hemd, 1
Paar Socken, Lebkuchen, Wurst, 1 Licht, Zündhölzer, eine Weihnachtsschrift und
einen Gruß. Das freundlich zur Verfügung gestellte Auto wurde beladen und
brachte die Pakete gleich an die HauptsteIle der Feldpost. Daneben wurden noch
viele hundert Weihnachtsschachteln für's Allgern. Rote Kreuz in den Familien
gepackt Ach diese gingen durch die Packstelle im Schulhaus und, wenige Ausnahmen
abgerechnet, konnten sie, wie sie kamen, in die Riesenkisten verpackt werden,
die dann direkt zum Weihnachtsabend an die Front kamen.
Durch die Feldpostbriefe fluteten zahllose Nachrichten aus dem Feld in die
Heimat. Da zeigte sich auch, was der Soldat noch an Schulkenntnissen besaß oder
verloren hatte. Aber auch die ungelenkste Hand brachte in jener Zeit einen
schriftlichen Gruß zustande. Viele der Briefe sind wertvolle Dokumente, nicht
bloß des Kriegserlebens, sondern auch der geistigen Fähigkeiten unserer
Feldgrauen. Tapferer Mut, ruhige Gelassenheit, echte, gesunde Frömmigkeit,
köstlicher Humor
und feine Beobachtungsgabe, sprachen aus vielen Briefen. Nur wenige zeugten von
Missmut, Groll oder Verzagtheit; jedenfalls gelangten solche wenig zur
allgemeinen Kenntnis.
Die Zahl der Gefallenen mehrte sich und man sah immer mehr Frauen in
Trauerkleidung und das tiefe Leid war spürbar, ob all der vielen Lücken in der
Familie und Gemeinde. Besonders bitter war die Nachricht "vermisst".
Wieviele schmerzliche Möglichkeiten standen da vor den Augen der Angehörigen.
So kam das Jahr 1915 und brachte bald die Rationierung der wichtigsten
Lebensmittel für die Verbraucher. Brotkarten, was schloss dieses Wort nicht
alles ein! Erst musste auf dem Rathaus mit verringertem, ungeschultem Personal
die Arbeit auf dem Papier getan werden. Die Brotkartenausgabe war buchstäblich
ein Kampf ums tägliche Brot. In der Polizeiwache standen dicht gedrängt die
Leute, ihres Namensaufrufs oft stundenlang harrend; der Beamte konnte sich kaum
rühren vor Andrang. Dass sich bei diesen Versammlungen nicht bloß Gelassenheit
und Humor zeigten, sondern auch Unmut und Dreistigkeit laut wurden, ist
verständlich. Im neuen Schulhaus stand man wöchentlich um 2 Eier Schlange und
die Mehlausgabe war für Verteiler und Empfänger ein Stock Kriegsdienst. Zur
Rationierung für die Verbraucher kam bald die Kontrolle über die Erzeuger. Das
war eine Maßnahme im ganzen Reich und traf den freien Bauern überall schwer.
In Fellbach war die Nähe der Großstadt, aus der Hunderte herbei strömten,
samt den zahlreichen bedürftigen Verbraucher der Gemeinde, recht spürbar.
Zuerst blieb Geben und Nehmen in erlaubten Grenzen. Als aber die Not und
Erregung wuchs, zeigten sich auch hier die üblichen Missstände, die die
Hamsterei erzeugte und den Verbraucher in dreiste Begehrlichkeit, den Erzeuger
in skrupellose Gesetzesumgehung drängte. Neben diesen unerfreulichen
Erscheinungen her ging der durch christliche Liebe bedingte Wohltätigkeitssinn
in nicht ermüdender Wohltätigkeit seinen stillen Weg, im Einschränken auf der
einen und im Helfen auf der anderen Seite.
Als die Rationierung sich auch auf Wäsche und Kleider erstreckte und
Bezugsscheine dafür nötig wurden, nahm ein hiesiger Kaufmann die Last der
Kleiderabgabe auf sich. Für jedes neue Kleidungsstück musste dort ein
abgelegtes, unbrauchbares abgeliefert werden.
Von Kriegsbeginn an wurde Geld gesammelt und bald gabs nur noch Papiergeld. Auch
Schmucksachen aller Art wurden an das örtliche Rote Kreuz abgegeben, besonders
in der ersten Zeit der Begeisterung. Später kam dann die behördlich
angeordnete Metallabgabe. Wie manches kostbare Stück aus blinkendem Messing von
Großmutters Zeiten her wurde schweren Herzens ins neue Schulhaus gebracht.
Berge von Messingpfannen, prächtige alte Mörser, edle Stücke alter
Handwerkskunst, neben zahllosen Messinghahnen, Türschnallen, Klavierleuchtern
u.a. türmten sich dort auf. In einer anderen Ecke befanden sich viele
Kupfergelten, Bettflaschen, Backmodel, Schöpfer und Schüsseln und harrten
ihrer kriegerischen Verwendung. Eines Tages nun sah man einen hochbeladenen
Wagen mit dem schon erbarmungslos breit geschlagenen Metall zum Dorf
hinausschwanken und nicht wenige Frauen sahen ihm mit schmerzlichen Gefühlen
nach. Doch gegenüber den sich täglich mehrenden Todesopfern, wie klein schien
Kupfer da und Zinn und Gold, das man musst bringen dar zum Opfersold !
Zum Kriegserleben gehört auch das Kapital Urlauber. Welche Freude, wenn
sehnlichst erwartet, unangekündigt oder unverhofft der Vater, Sohn und Bruder
und Freund aus der Garnison oder von der Front erschien und was gab es nicht
alles herüber und hinüber zu berichten! Vor der Türe des Ortsvorstehers
standen sie oft in Gruppen, sich zu melden und warteten, bis der Vordermann
herauskam: was meist nicht in wenigen Minuten geschah, denn drinnen saß der,
der für jeden seiner Fellbacher Soldatenein warmes Interesse hatte und sich
gerne berichten ließ von ihrem Erleben. Schultheiß Brändle selbst war
ungedient und unabkömmlich, tat aber mit seinen wenigen Beamten schweren
Kriegsdienst von früh bis in die späte Nacht. Daneben half er noch im Oberamt
und bei der Stuttgarter Zentralstelle des Roten Kreuzes aus. Zweimal begleitete
Schultheiß Brändle einen Sanitätstransport an die Front und die persönlichen
Beobachtungen dort machte er wieder nutzbar für die Arbeit daheim.
Kaum war der landwirtschaftliche Urlauber daheim, sah man ihn mit Hacke, Sense
oder Spritzbutten oder Wagen hinausgehen und die heimatliche Scholle pflegen,
von der er den feindlichen Einbruch hatte abwehren dürfen. Auch der feldgraue
Arbeiter, Handwerker und Beamte fand sich in kurzer Urlaubszeit sofort zur
Friedensarbeit zurück, bis auch nur zu bald die Trennungsstunde schlug. Trat in
einer Familie ein dringender Notfall, schwere Krankheit oder Todesfall ein, so
wurde vom Ortsvorsteher ein außerordentlicher, beschleunigter Urlaub vom
Kriegsministerium in direkter Verwendung von dort erbeten, mit erstaunlich
rascher Wirkung.
Was dieses Fernsein der Männer für die Frauen in sich schloss an seelischer
und körperlicher Belastung ist kaum auszudrücken, dazu das Nervenverzehrende
des von viel kleinen Schwierigkeiten durchsetzten Alltags. Mehr und mehr traten
die Folgen von all dem zutage, in steigender Unfähigkeit Herr zu bleiben über
die unvermeidlichen Forderungen der Zeit; und so begann da und dort Missmut,
Unzufriedenheit, Neid und Gleichgültigkeit der vaterländischen Pflicht
gegenüber einzuziehen.
Das 2. Kriegsweihnachten war vorbei
und das Jahr 1916 brachte nicht den heiß begehrten Frieden, dafür aber neue
Anforderungen. Die Fellbacher Zeitung jenes Winters erhielt eindrucksvolle
Mahnrufe zum Durchhalten und zur Pflichterfüllung daheim; während draußen im
heißen Kampf, trotz erdrückender feindlicher Übermacht immer wieder Siege
erfochten wurden. Und die Mehrzahl der Daheimgebliebenen hielt auch durch. Alte
Männer schleppten sich am Stock in die Weinberge und arbeiteten bis in die
Dämmerung hinein. Junge Mädchen luden Heu- und Erntewagen, Frauen hackten von
früh bis spät und
trugen die Butten statt der Männer. Groß- ja Urgroßmütter hüteten die
Kleinen und besorgten mit schwachen Kräften den Haushalt, in jener Zeit eine
besondere Aufgabe bei all der Beschränkung. Doch neben all dem fehlte es nicht
an Tagen und Stunden der Erhebung. Das waren vor allem die Siegesfeiern. Das
Läuten der Glocken kündete es allen: Ein Schritt vorwärts und Freude, Dank
und Zuversicht erfüllte die Herzen. Die sonntägliche Kriegsbetstunde wurde zum
Dankgottesdienst. Freilich vergingen wenige dieser Andachtsstunden, ohne dass
eines weiteren Gefallen gedacht wurden musste.
Am 25. Febr. 1916, unseres Königs 68. Geburtstag, fand im Gemeindehaus ein musikalischer Abend statt, veranstaltet von hiesigen Musikfreunden und dem ev. Mädchenkreis, zu Gunsten des örtlichen Roten Kreuzes. Unter großer Beteiligung fand die würdige Feier statt und ergab einen überraschenden Erfolg. Mit voller Wahrheit kann gesagt werden, dass die Opferwilligkeit und Gebefreudigkeit bis zum Kriegsende durchhielt. Die vierteljährlichen Rote Kreuz-Gaben hielten sich auf derselben Höhe wie am Anfang. Dies zeigte sich auch bei den besonderen Sammlungen am 25jährigen Regierungsjubiläum des Königs, beim Frauendank, bei der Ludendorff-Spende u.a. Für die 6. und 7. Kriegsanleihe fanden sich auch viele treue Zeichner, wovon die Akten berichten.
Gastfreundliche Aufnahme, Teilnahme
und Fürsorge bekamen auch 40 ausgewiesene Elsässer zu spüren, die ihrer
Heimat beraubt, nahezu mittellos, nur mit dem allernötigsten im kleinen
Bündel, eines Tages nach Fellbach kamen. In Privatquartieren und im neuen
Schulhaus fanden sie Unterkünfte. Der Aufruf zur Spendung von Kleidungsstücken
fand starken Widerhall. Im Erdgeschoss des Schulhauses standen zwei lange Tische
hochaufgeschichtet mit Gaben aller Art. Willige Frauenhände sortierten und
verteilten sie. Den Elsässer Frauen wurden Stoffe und Nähzeug zur freien
Verfügung gestellt. So konnten sie, frei von Haushaltssorgen, sich Wäsche und
Kleider selbst nähen. Im Adler war von der Gemeindeverwaltung der Tisch gedeckt
für die Grenzlandgäste und täglich sah eine Krippe eingerichtet für die
Kinder der auf dem Feld oder in der Fabrik beschäftigten Kriegerfrauen. Nicht
im einheitlichen Stil der modernen Kinderheime, aber mit viel Liebe und
Hilfsbereitschaft zusammengetragen, standen die Bettlein jeglichen Stils, Wagen
und gute und gebrechliche Stühlchen friedlich dienend
nebeneinander. Eine Fülle gespendeter Spielsachen auf Tisch und Boden und die
treue Pflegerin ging von einem ihrer Pfleglinge zum anderen. Da es allmählich
an Kinderwäsche gebrach, sammelte man auch solche, ja sogar abgängige
Servietten eines Salondampfers wurden von dem fürsorglichen Ortsvorsteher als
Kinderwindeln erstanden. Ein alter Schrank mit unzähligen Schubladen aus einem
Kaufladen barg die Wäscheschätze, seltsam mannigfaltig nach Form, Farbe und
Qualität.
Unvermerkt ging es 1916-17 mit jeder Woche mehr hinein in Mangel und Beschränkung auf allen Lebensgebieten. Staunenswert war auch, wie sich die leitenden Stellen bemühten, der Not zu begegnen. Es waren die Maßnahmen zur Sicherung des eisernen Bestands. Einführung von Kundenlisten, Bestandsaufnahmen von Kleidern und Schuhwaren und im Privathaushalt Sammlung von Bucheckern, Gurken und Welschkornstroh, Zeitungspapier, alte Filzhüte, Gummiabfälle etc. Die Schüler freuten sich der Kohlenvakanz zur Brennstoffersparnis. Die Versammlungen wurden aufs äußerste beschränkt, um Gas und Kohlen zu sparen, aber eben dadurch wurde gesorgt, dass von den Volksgenossen auch niemand hungern und frieren sollte, denn etwas gab es immer noch, auch Zusätze für Kinder und Schwerarbeiter und Kranke. An Mahnungen, Ermunterungen und Zurechtweisungen fehlte es nicht in der Presse. So musste 1917 von der Kirchenbehörde ein-dringlich gemahnt werden zur größten Einfachheit bei der Konfirmation, da es eben doch nicht wenige gab, die sich in eigennütziger Weise auf Kosten der Allgemeinheit Lebensmittel auf Schleichwegen verschafften und unbekümmert um ihren Nächsten üppig verbrauchten.
Besonders dankenswert war es in
jener Zeit, dass trotz Arbeitsüberlastung, Einschränkung und Seuchengefahr der
Gesundheitszustand im allgemeinen ein guter war. In unermüdlicher Treue und mit
Dransetzung der äußersten Kraft tat der überaus tüchtige und geschätzte
Ortsarzt Dr. Julius Maier seinen schweren Kriegsdienst in Fellbach und Schmiden.
Der zweite hiesige Arzt, Dr. Wagner, stand im Feld und kam nur hin und wieder
für Wochen heim und so stand Dr. Maier meist allein einer großen Arbeitslast
gegenüber. Am 1. Mai feierte er in aller Stille sein 30jähriges Jubiläum als
Ortsarzt hier. Eine Abordnung der Gemeindeverwaltung überbrachte ihm die
Glückwünsche und den Dank der Gemeinde für seine Dienste.
An einem Sommerabend 1917 sah man zwei Wagen mit bekränzten Kirchenglocken aus
Hedelfingen und Obertürkheim dem neuen Schulhaus zufahren, ein beredtes Zeichen
für den Ernst der Zeit. Nun sollten auch die Fellbacher Glocken an die Reihe
kommen zur Metallablieferung, doch wurden sie ihres Kunstwertes wegen
zurückgestellt. Herabgeholt vom Turm standen sie unten, aber sie sollten nicht
mehr in den blutigen Krieg als Munition kommen. Mit der alten großen Glocke von
1609 wurden die bei den kleineren wieder ihrem friedlichen Dienst übergeben;
nachdem die letzteren, die etwas beschädigt waren, umgegossen waren, mit den
Mitteln einer Stiftung zum Gedächtnis von zwei gefallenen Söhnen von Joh.
Pfander, Kaufmann hier.
Das Jahr 1917 ist in der Gemeinde
gekennzeichnet durch Beschlagnahme, Sammlung und Abgabe von Sachwerten für die
Ernährung und Kleidung und Munitionsbeschaffung. Wegen der Lederknappheit
musste man auf Schuhersatz denken und nun begann ein allgemeines Schuhmachen aus
Welschkornstroh und allerlei Stoffresten. Es wurden Kurse gehalten, in denen
die Frauen und Mädchen wahre Wunder von Ersatzwaren herstellten, wie eine
Ausstellung danach zeigte. Vom zierlichen Kinderschuh aus Samt und Seide bis zum
warmen Hausstiefel für den Großvater, den guten Welschkornpantoffel für die
Hausfrau und den derben Bubenschuh aus der Feldhose des Vaters, standen sie
einträchtig da, ein Zeugnis für Frauenfleiß und
Geschick. Die gute Ernte und Wein ernte des Jahres war eine besondere Wohltat
für die Gemeinde. In der Kelter lag ein kleines Fass auf, in das Wein für die
Verwundeten gespendet wurde. Am Reformationsfest 31. Okt. 1917 wurde im
Kirchgarten eine Luthereiche gepflanzt und eine schlichte Feier gehalten.
1918, das vierte Kriegsjahr stand unter dem steigenden Druck der
wirtschaftlichen Not und der seelischen Bedrängnis durch den Ernst an der
Front. Durch die moralische Lockerung blühten Schleichhandel und Felddiebstahl
und vielfach erlahmte der Wille zum Durchhalten. Es war dies nicht allein Folge
der schweren Verhältnisse. An denen jeder Volksgenosse sein Teil zu tragen
hatte - es machte sich immer deutlicher der Einfluss jener zersetzenden Mächte
geltend, die als Dolchstoss von hinten uns den Schandfrieden von Versailles
brachten. Durch Wort und Tat arbeiteten Gemeindeverwaltung und Kirche zusammen,
dem Unheil zu steuern und Fellbach darf sich zu den Gemeinden zählen, die trotz
schwieriger lokaler Verhältnisse Haltung und Ordnung bewahrten und
wirtschaftlich durchhielten. So gings ins Jahr 1918 hinein unter Kampf und Not
und doch mit Siegeszuversicht im Blick auf das, was die Feldgrauen erkämpften
und festhielten. Die Fellbacher männliche Jugend wurde zu einer Jugendwehr
gesammelt, um sie für den Kampf vorzubereiten und im nationalen Sinne zu
beeinflussen. Mit erstaunlichem Erfolg warben die Schüler für die 8. und 9.
Kriegsanleihe. Die Julisammlung für das Rote Kreuz ergab wieder eine schöne
Summe.
Die letzten Kriegsmonate forderten draußen an der Front noch manche besonders
schwere Opfer, insbesondere Familienväter, Kriegswitwen- und Waisen standen wie
immer im Mittelpunkt der Teilnahme. Leid, Trauer, Sorge und auch Missmut,
Dreistigkeit und auch Gleichgültigkeit nahmen überhand. Wohl meist der klaren,
kraftvollen und fürsorglichen Führung der Gemeinde durch Schultheiß Brändle
ist es zu danken, dass die im November 1918 hereinbrechende, schmachvolle
Revolution nicht fertig brachte, die Ordnung ernstlich zu gefährden. Es ist
bezeichnend, wie wenig sich diese bösen Tage um den 9. November in der lokalen
Presse wiederspiegeln. Tief schmerzlich war der Mehrzahl der Fellbacher die
Abdankung des Königs
und die Machtergreifung der Linksparteien. Dazu kam die haltlose Propaganda der
Mittelparteien, der leider auch mancher, sonst vaterlandstreue Mann zum Opfer
fiel. Ein kleiner tapferer Kreis aufrechter, national gesinnter Männer und
Frauen, an der Spitze Schultheiß Brändle, hielt die Stellung und arbeitete
jenem Geschehen von 1933 vor, das die Macht der schädigenden Elemente gewaltig
brach. Ein bedeutsamer Ausdruck des Kriegsendes und seiner unmittelbaren, tief
schmerzlichen Folgen war das Trauergeläute an mehreren Tagen des Januar 1919.
Man versteht die Frage jener Tage:
| S'ist Friede jetzt, der Opfer große Zahl Sie dücken uns umsonst und öd und schal. Die Herzen beben noch in tiefem Leid. Wo ist der Segen jener großen Zeit? Wenn alle Ordnung wankt und fällt, wird's besser sein nun auf der Welt? Wird auf dem wirren Sturmgebraus Sich aufbaun je ein festes Haus? |
Die Ereignisse der kommenden Jahre gaben die Antwort !