Egid Fleck 

FELLBACHER IM AUSLAND 

Von den Auswanderern, die in den letzten zweihundert Jahren die deutsche Heimat verlassen haben, sind so viele aus dem Schwabenland gekommen, daß man die Deutschen draußen in der Weh oft einfach als „Schwaben" bezeichnet hat. Kein Wunder, wenn zwischen 1750 und dem Beginn des zweiten Weltkriegs auch an die 1 600 Fellbacher zu diesen „Allerweltsschwaben" stießen! Allein von 1851 bis 1860, also vor etwa hundert Jahren, sind an die 360 Fellbacherinnen und Fellbacher (im Jahresmittel also 36) ausgewandert.

An der Auswanderung waren viele ledige Männer, meist Weingärtner, zum kleineren Teil auch Handwerker, beteiligt. Oft zogen aber auch ganze Familien, darunter einige gleich mit sechs bis acht Kindern aus. Der hauptsächlichste Grund für die Auswanderung mag der gewesen sein, daß das damals noch bäuerliche Fellbach viel zu wenig Raum bot und nicht allen die Gründung einer Familie ermöglichte. Wenn ein Hof vom Vater zu vererben war, konnte damit nur einer der Söhne versorgt werden. Die andern Söhne aus den meist kinderreichen Familien der Weingärtner konnten, auch wenn sie ein Handwerk erlernt hatten, selten alle im Heimatdorf Fellbach einen ausreichenden Broterwerb finden.

Als erster Auswanderer aus Fellbach ist in den einschlägigen Verzeichnissen der Johann Georg Hagenmann genannt, der im Jahr 1735 in die damals kaum 8000 Einwohner zählende Stadt Schweidnitz gezogen ist, als diese noch zu böhmisch Niederschlesien (ab 1741 zu Preußen) zählte.

Dann folgen anno 1750 zwei Gruppen von Fellbacher Familien, die im Mai und Juni des genannten Jahres von hier wegzogen, um nach preußisch Pommern auszuwandern. König Friedrich II., der Große, von Preußen (1712- 1786), der 1740 seinem Vater Friedrich Wilhelm I. in der Regierung gefolgt war, betrieb aus der Erkenntnis, daß einem Staat eine starke Bevölkerung vonnöten sei, in seinem Lande eine bewußte Siedlungspolitik. Bald nach seiner Thronbesteigung hat er seinen Etatsminister S. von Marschall angewiesen, „soviel Fremde von allerhand Kondition, Charakter und Gattung in das Land zu ziehen, als sich nur immer thun lassen will". Zunächst handelte es sich um Siedler für die kgl. preußischen Lande Pommern und Litauen. Später, am 7. Januar 1747, hat Friedrich der Große von Stettin aus in den Zeitungen folgendes Angebot abdrucken lassen:

„Demnach seine königliche Majestät allergnädigst resolviret, die wüsten und mit Holz bewachsenen Oderbrüche in Pommern bei Stettin, Gartz, Damm, Golnow und Greiffenhagen urbar zu machen und solche zu dem Ende an Privatpersonen, auch ganze Communen, als Entreprenneurs zu 100 bis 300 Morgen, nach eines jeden Convenienz und Vermögen, gegen zehn, zwölf und fünfzehn und mehrere Freijahre, erb- und eigentümlich, auf Kind und Kindeskinder, mittels geschlossener und von seiner königlichen Majestät höchst selbst confirmierten Kontrakten nicht allein überlassen, sondern dieselben auch von der Werb- und Enrollierung zu befreien und ihnen noch andere Gerechtigkeiten, als Mühlen anzulegen, auch Bier zu brauen und solches zu verschenken, allergnädigst zu accordieren; so wird dieses zu jedermanns Wissenschaft bekannt gemacht und können diejenigen, sowohl In- als Ausländer, als auch solche Leute, die wegen der Enrollierung und anderer Ursachen halben sechs Jahre lang außer Land gewesen und die Lust haben auf dergleichen avantageuse Art sich hieselbst wieder niederzulassen, sich bei der königlich preußischen Domänen- und Kriegskammer zu Stettin melden, da dann mit ihnen alles verabredet werden sollen."

In ganz Deutschland gab es damals nur wenig Blätter, die als Zeitungen in unserem Sinn betrachtet werden konnten; die meisten waren im besten Fall wöchentlich erscheinende Anzeigenblättchen. So hat es wohl auch über drei Jahre gedauert, bis der Aufruf Friedrichs des Großen von Preußen vom Jahre 1747 im Weingärtnerdorf Fellbach irgendwie bekannt geworden ist. Die erste der Auswanderergruppen aus Fellbach, die am 10. April 1750 nach preußisch Pommern abreiste, umfaßte zehn Familienväter (meist Weingärtner) mit insgesamt 33 Personen (Frauen und Kindern) als Anhang. Das Alter der mitausgewanderten Kinder lag zwischen acht Wochen und neunzehn Jahren. Die zweite, am 11. Juni 1750 aufbrechende Gruppe zählte neun Familienväter, diesmal neben fünf Weingärtnern auch vier Handwerker (Maurer, Steinhauer, Bäcker und Schuhmacher); insgesamt waren es 30 Personen. Unter diesen Ausgewanderten von 1750, deren Ehefrauen meist von auswärts stammten, findet man verschiedene alte Fellbacher Sippennamen (Beyrer, Bloß, Frey, Leger, Häußermann, Idler, Lipp, Rebmann und Schnaitmann), während die auswandernden Handwerker meist aus in Fellbach zugezogenen Familien stammten. Vor ihrer Abreise hatten diese Auswanderer „vor Gericht auf ihr Bürgerrecht allhier und auf den Schutz im ganzen Land verzichtet". Sie bekamen Vermögens- und Leumundszeugnisse mit.

Die damals in Pommern einwandernden Familien wurden auf Seiner Königl. Majestät Kosten von ihrem Abreiseort bis zum Ort ihrer Ansiedlung transportiert. Auf der Reise wurden ihnen die nötigen Verpflegungsgelder gereicht, nämlich für den Familienvorstand täglich vier Groschen, für jede Frau drei Groschen und für jedes minderjährige Kind zwei Groschen, während für ältere Söhne („Knechte") und ältere Töchter („Mägde") drei, bzw. zwei Groschen gegeben wurden. Einen gleichen Betrag erhielten sie während der Wartezeit, bis sie geeignete Möglichkeiten fanden, durch ihre Arbeit ihr Brot zu erwerben. In den Bestimmungen über diese Ansiedlung in den Oderbrüchen, die König Friedrich der Große in Berlin am 4. März 1747 erlassen hatte, heißt es weiter: „Sobald nun gemelte Familien allhier ankommen, sollen sie nicht nur bei Umwallung der Oder gegen accordmäßige bare Bezahlung zur Handarbeit, um ihre Subsistenz zu erwerben, mitgebraucht, sondern ihnen auch, wann solche Umwallung völlig zustande gebracht sein wird, auf jede Familie ein gewisses Stück Acker und Wiese zu ihrem und der Ihrigen Unterhalt unentgeltlich eingegeben, ihnen solches auch gegen Entrichtung der landesüblichen Onerum erblich und eigentümlich auf ihre Kinder und Nachkommen verschrieben werden. Sie dann ferner sowohl vor sich als ihre Söhne und Knechte von aller Werb- und Enrollierung zu Kriegsdiensten gänzlich und zu allen Zeiten eximinieret, auch darwider königlich geschützt und maintenieret werden sollen. Desgleichen sollen sie auch sich nicht nur des freien und ungekränkten Religions- Exercitii zu erfreuen haben, sondern ihnen auch zur Information ihrer Kinder ein eigener Schulmeister auf Seiner Königlichen Majestät Kosten gehalten, gemelte Familien auch an solchen Orten angesetzt werden, wo sie ihren Gottesdienst in der Nähe abwarten können."

Berichte dieser vor über 200 Jahren nach preußisch Pommern ausgewanderten 75 Fellbacher an ihre Verwandten in der Heimat, aus denen hervorgeht, wo sie angesiedelt wurden und wie es ihnen ergangen ist, sind uns leider nicht mehr überliefert. Aber wir dürfen annehmen, daß die meisten sich mit echt schwäbischem Fleiß und mit Zähigkeit dort oben, wo die Amtssprache auch deutsch war und wo es für sie keine allzugroßen Sprach-, sondern höchstens Dialektschwierigkeiten gab, gut eingelebt und es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben.

Als Auswanderungsziel hatten sich von den zwischen den Jahren 1735 und 1939 ausgewanderten rund 1600 Fellbachern etwa 1200 (= 75 v. H.) aber Nordamerika erwählt. Nach Rußland zogen etwa 90 ( = 5,5 v. H.), nach Südamerika rund 30 (= 2 v. H.), in die Schweiz etwa 65 (= 4 v. H.), während der Rest von 225 Auswanderern sich auf andere Länder und Erdteile verteilte.

Unter den zweihundert Familiennamen der aus Fellbach Ausgewanderten sind viele alte Fellbacher Geschlechtsnamen zu finden. Die höchste Zahl, nämlich 105, weist die weitverzweigte Sippe Aldinger auf. Es folgen 65 Hofmeister, 62 Seibold (Seybold), 61 Heß, 55 Schnaitmann, 50 Häußermann, 47 Lipp, 42 Rebmann, 33 Maile, je 32 Bürkle, Idler und Sailer (Sayler), 31 Off, 28 Pfander, 25 Frey, je 23 Elsäßer und Seemüller, je 22 Laipple (Laiblen) und Neef (Neff), sowie je 20 Bährle und Schöllhorn.

Die meisten Auswanderer sind draußen in harter Arbeit, wenn auch oft nur langsam, vorwärtsgekommen. In der zweiten und dritten Generation ging es besser, meist konnte aber erst die vierte Generation als wohlhabend gelten. Ein Großteil der Ausgewanderten und ihrer Kinder und Kindeskinder ist mit der alten Heimat in Fühlung geblieben: Viele sind auch immer wieder zu einem mehrwöchigen Besuch in ihrer alten Heimat über das große Wasser gekommen. Von den schweren Kriegszeiten war diese Fühlung wohl jahrelang unterbrochen worden, indessen durften aber besonders in den trüben Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges viele Fellbacher die tatkräftige Hilfe und Unterstützung ihrer ausgewanderten Angehörigen und Freunde verspüren. Die Fellbacher Stadtverwaltung läßt sich schon seit einigen Jahren — in dankbarer Anerkennung dieser Auslandshilfe — angelegen sein, die noch lebenden ausgewanderten Fellbacher, soweit deren Anschrift bekannt ist, ein- bis zweimal im Jahr mit einem Bericht über das Geschehen in Fellbach zu bedenken.

Von ausgewanderten Fellbachern, die besonders berühmt geworden wären, ist zwar kaum zu berichten, doch mögen hier zwei Männer genannt werden, die sich im Ausland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgetan haben. Der älteste Sohn des Weingärtners Johann Adam Aldinger (1805-1855) und der Anna Margarete, geb. Schnaitmann (1809-1878), der am 16. Mai 1834 in Fellbach geborene Karl Friedrich Aldinger, hatte sich der Basler Mission verschrieben. Er kam 1860 als Missionar nach Odumase in Westafrika, wo er sich noch im gleichen Jahr mit der Schweizerin Katharina, geb. Rüdi, verheiratete. Später war er im Missionsdienst in Christiansborg, lebte von 1870 ab in Winterthur (Schweiz) und starb, 48 Jahre alt, am 23. Juni 1882 in St. Ludwig bei Basel. — Ein Sohn des bekannten Fellbacher Oberlehrers Wilhelm Amandus Auberlen, der Dr. phil. und Dr. theol. Karl August Auberlen, ist als Professor der Theologie an der Universität in Basel bekannt geworden (siehe auch Seite 180).