Walther-Gerd Fleck

ALTE BAUTEN IM HEUTIGEN STADTBILD 

Fellbach gehörte seit langem zur Grafschaft Wirtemberg und war ein stattlicher und wohlhabender Marktflecken, der wohl schon im Mittelalter einige Bedeutung hatte. Er besaß eine Kirche und eigenen Ortsadel.

Eine Urkunde erwähnt, daß im Jahre 1340 eine Schutzmauer, welche den Ort umgeben habe, zerstört worden sei. Diese Nachricht darf indessen nicht dazu verführen, daß man sich das Fellbach jener Zeit als einen regelrecht befestigten Platz vorstellt. Das Recht der Befestigung besaßen nur verhältnismäßig wenige Orte des Landes. Vielmehr wird es sich um eine feste Einzäunung des Dorfgebietes gehandelt haben, die den Bewohnern Schutz, zum Beispiel gegen streunendes Gesindel, bieten sollte. Die Grenze des Dorfes Fellbach in der Zeit um 1340 dürfte etwa von der heutigen Kirchhof Straße über Pfarr-, Waiblinger-, Vordere- und Burgstraße zur Ochsengasse verlaufen sein und über die Hintere Straße wieder zur Kirchhofstraße. Dieser Bezirk ist verhältnismäßig groß, seine Bebauung war aber so locker, daß eine eigentliche Befestigung niemals vorhanden gewesen sein kann (siehe auch Seite 43).

Wann Fellbach eine Kirche erhielt, ist nicht bekannt. Um 1340, als die Ortsmauer zerstört wurde, war eine Kirche aber bereits vorhanden. Ob sie sich schon auf dem Platze der heutigen Lutherkirche befand, also am nordwestlichen Ortsrand, oder innerhalb des Ortes, läßt sich ebenfalls nicht mehr sagen. Bald nach dem Jahr 1340 muß die Anlage einer Wehrkirche erfolgt sein, denn 1360 wird diese schon als vorhanden erwähnt. Von der Anlage dieser Zeit ist heute nichts mehr erhalten. Aber alte Abbildungen erlauben es, ihr ungefähres Bild zu rekonstruieren (siehe auch Seite 50, 51).

Diese dem hl. Gallus geweihte Kirche (heute Lutherkirche) war einschiffig, mit wohl kleinem Chor und einem stattlichen Westturm. Dieser Turm war als Bergfried ausgebildet. Sein einziger Zugang führte an der Westseite in das erste Obergeschoß. Von dort aus waren seine oberen und unteren Stockwerke zugänglich. Mit Recht darf vermutet werden, daß dieser ursprüngliche Turm Schießscharten besaß. Er war somit das Hauptbollwerk und die letzte Zuflucht der Wehranlage. Das Kirchenschiff mit seinen wenigen und mäßig großen Fenstern konnte eben nur geringen Schutz bieten. Ebenfalls in dieser frühen Zeit wurde die Kirche zweifellos schon von einer Mauer mit Wehrgang und von einem Wassergraben umgeben. Der Wehrgang lief unmittelbar an der Westseite des Turmes vorbei und vermittelte den Zugang zu diesem.

155 Rund hundert Jahre lang bestand die Wehrkirche in der beschriebenen Gestalt. Dann wurde ums Jahr 1423 und nochmals um 1471 die Ringmauer ausgebaut. Die Größe der Umwallung — ein Rechteck von etwa 40 X 55 Metern — wird wohl nicht verändert worden sein. Vermutlich aber wurden die vier runden Ecktürme in der letztgenannten Zeit errichtet. Sie werden uns in alten Abbildungen als gedrungene Türme mit Kegeldächern und Schießscharten — teils Schlitz-, teils Schlüsselscharten — überliefert. Damit hatte die Wehrkirche in Fellbach eine Form erhalten, wie sie für die Mitte des 15. Jahrhunderts neu und ungewöhnlich war. Sie bildete eine völlig regelmäßig angelegte Befestigungsanlage mit rechteckiger Ummauerung, vier Ecktürmen und der Kirche im Mittelpunkt. Unter den Wehrkirchen in unserem Gebiet gibt es in dieser Zeit nichts Ähnliches. Ebenso finden sich unter den Wasserburgen, die hier ebenfalls zum Vergleich herangezogen werden können, keine entsprechenden Anlagen. Erst das 16. Jahrhundert bringt bei uns auch sonstwo im Schloß- und Burgenbau völlig regelmäßige Anlagen. Wie es zu dieser ihrer Zeit vorauseilenden Anlage in Fellbach kam, muß hier dahingestellt bleiben. Man könnte an eine Beeinflussung durch den französischen Festungsbau oder auch durch die Burgen des Deutschordens denken, wo schon im 15. Jahrhundert regelmäßig gestaltete Anlagen gebräuchlich waren. Genaue Untersuchungen hierüber sind aber kaum mehr möglich, da von diesen Fellbacher Festungsanlagen nichts mehr erhalten ist.

Eine weitere Veränderung erfuhr die Wehrkirche zwischen den Jahren 1519 und 1524. Zuerst wurde der Turm umgebaut und in seine heute noch erhaltene Form gebracht. Er erhielt an der Südseite einen Eingang zu ebener Erde. Eine spitzbogige Türe, mit gekreuzten Dreiviertelstäben im Gewände und einem Wappenstein über dem Scheitel, führt zu dem kreuzgewölbten Raum im Erdgeschoß. Dort finden wir im Schlußstein drei Schilder. Das erste trägt ein aus zwei Winkelhaken zusammengesetztes Meisterzeichen, das zweite die Aufschrift "Maister Peter von Lan" und das dritte die Jahreszahl 1519.

In den folgenden zwei Geschossen besitzt der Turm nur kleine Fenster. Eines davon auf der Südseite hat einen Kielbogen und reiches, feingliedriges Maßwerk. Schließlich folgen im vierten Geschoß die großen, ebenfalls in Spitzbogen schließenden Klangfenster mit einfacherem Maßwerk. Bekrönt wird der (insgesamt 32 Meter hohe) Turm von einem Satteldach mit fialenbesetzten Staffelgiebeln.

Eine weitere in den folgenden Jahren vorgenommene Veränderung der Kirche war der Neubau des offenbar zu klein gewordenen Chores. Ausgeführt wurde dieser zweifellos vom gleichen Meister Peter, denn die Strebepfeiler, deren einer die Jahreszahl 1524 trägt, sind mit gleichem zierlichem Maßwerk geschmückt, wie das Fenster über dem Turmeingang. Der Chor ist ein rechteckiger Raum und schließt im halben Achteck. Seine großen Spitzbogenfenster haben ihr Maßwerk verloren. Ebenso ist das Netzrippengewölbe, das der Chor zweifellos einst besaß, verschwunden. Nur der gleichzeitig mit dem Chor an dessen Nordseite errichtete Sakristei-Anbau hat noch ein solches. Der neue Chor überragte mit seinem Dachfirst den des damals noch bestehenden Schiffes der Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Außerdem war jetzt der Chor breiter als das alte Schiff.

Im ganzen zeigte die Fellbacher Kirche einige Ähnlichkeit mit der Wehrkirche in Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg). Auch dort wurden an ein altes Langhaus ums Jahr 1500 ein neuer Chor und ein neuer Westturm angebaut. Der Turm ist im Aufbau dem Fellbacher verwandt, ebenso zeigt der Chor, der ebenfalls das Schiff überragt, verwandte Formen. Allerdings fehlen in Fellbach die Gewölbe, welche die beste Vergleichsmöglichkeit geboten hätten. Der Umbau der Kirche in Schwieberdingen geschah durch Meister Peter von Koblenz. Auf Grund der verwandten Formen beider Bauten könnte die Vermutung entstehen, ob der Meister „Peter von Lan" der Kirche in Fellbach nicht mit Meister Peter von Koblenz identisch sei. Das schlecht erhaltene, heute „Lan" geschriebene Wort in einem der Schlußstein-Schilder des Fellbacher Turms wurde auch schon als „Can" und somit als Abkürzung für Cannstatt gedeutet, was aber nicht zutreffend ist. Aufklärung gibt die von Pfarrer Joh. Fr. Faber (1699-1758) im Jahr 1727 in einem Band des Taufregisters gemachte Notiz, daß die Aufschschrift — damals noch lesbar — „Mattheus Peter Ommano oder Baumanno" (das letztere das wahrscheinlichere) lautete. Durch Verwitterung erst entstand die Fehldeutung. Der Meister des Fellbacher Kirchenumbaus hieß also Mattheus Peter Baumann und war möglicherweise ein Mitarbeiter des Peter von Koblenz.

Von 1729 bis 1733 erfolgte eine Erweiterung des nunmehr zu klein gewordenen Kirchenschiffs, über deren Umfang jedoch nichts weiter bekannt ist. Im Jahr 1779 schließlich wurde das Schiff abgebrochen, gänzlich neu gebaut und dabei erheblich breiter angelegt als bisher. Dadurch wurde auch der Dachfirst höher, und das aus der Zeit um 1519 stammende Kaffgesims des alten Daches an der Ostwand des Turms verschwand unter dem neuen Dach. Dieses Gesims ist vor allem deswegen interessant, weil auf seiner Firstspitze der einzige figürliche Schmuck der spätgotischen Kirche erhalten ist. Es handelt sich um eine Groteskfigur, die — in stark erhabenem Relief etwas grob gearbeitet — auf dem First reitet und eine große Laute spielt. Das knielange Gewand liegt in parallelen Falten; der Kopf und die linke Hand sind abgeschlagen. Es handelt sich wohl um eine jener Figuren apotropäischen, d. h. geisterbannenden Charakters, wie sie auch sonst um 1500 noch vorkommen, wenn auch in unserem Fall die grotesken Züge bereits überwiegen. Um eine Darstellung des hl. Gallus, wie der oben genannte Pfarrer Faber vermutete, handelt es sich jedoch keinesfalls.

Das neue Kirchenschiff von 1779, ein Saal mit hohen Fenstern und hölzernen Emporen an der West- und Südseite, ist architektonisch unbedeutend. Zu erwähnen wäre nur noch die aus Holz gefertigte und bemalte Kanzel in einfachen Formen, die schon im Jahr 1683 von Schreinermeister Bernhard Kutterolf und seinem aus Stockholm stammenden Gesellen Mathäus Reumann geschaffen worden ist. 

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden leider nach und nach die Ecktürme und Wehrmauern abgetragen, da sie hinderlich schienen und kein Geld zu ihrer Unterhaltung vorhanden war. Nur das an den südöstlichen Eckturm anstoßende, als Schule benützte Gebäude in der südlichen Ringmauer ist verblieben, d. h. es wurde dort als Schulhaus neu aufgebaut. Das ursprüngliche Gebäude, das wohl im Laufe des 16. Jahrhunderts — vor die südliche Wehrmauer vortretend — an diese angebaut wurde, war der einzige bewohnbare, zur Wehrkirche gehörige Bau. Er enthielt eine Toreinfahrt; diese bildete nun einen zweiten Zugang zur Befestigungsanlage, die ursprünglich nur einen einzigen Zugang neben dem südwestlichen Eckturm in der dem Ort zugekehrten Seite der Ummauerung hatte. Da das Gebäude klein und einfach war, wird es kaum mehr als Geräte- und Waffenräume, dazu wohl eine Mesnerwohnung, enthalten haben.

Mehrfach wurde die Ansicht vertreten, die Fellbacher Wehrkirche oder „Kirchenburg" sei gleichzeitig die Burg des Ortsadels, der Herren von Velbach, gewesen. Diese Ansicht wird jedoch durch den dargelegten Baubefund keineswegs bestätigt. Im Jahre 1351 verkauft der letzte Herr von Velbach, ein Zisterzienser in Bebenhausen, seine letzten Güter in Fellbach an die Grafschaft Wirtemberg. Wie wir erwähnten, wurde die Wehrkirche höchstwahrscheinlich zwischen 1340 und 1360 angelegt. Hätte sich zuvor die Burg der Herren von Velbach an dieser Stelle befunden, so wären beim Bau der Wehrkirche wohl Teile dieser Burg mitübernommen worden. Dem ist aber nicht so.

Die Frage nach dem Wohnsitz des Fellbacher Ortsadels dürfte jedoch eine ganz andere Klärung finden. Den Schlüssel hierzu bietet die Burgstraße. Diese bildete bis vor etwa 150 oder 200 Jahren den südlichen Ortsrand und gehört in ihrem Verlauf zweifellos zum mittelalterlichen Bestand. Wann sie den Namen „Burggasse" erhielt, läßt sich nicht mehr ermitteln, doch dürfte dieser schon auf sehr alter Überlieferung beruhen. Nun findet sich zwar in der ganzen Burgstraße nirgends ein Anzeichen für eine Burg; aber in ihr nach einer Burgstelle suchen zu wollen, wäre verfehlt. Der Fellbacher Ortsadel war ja niederer Adel von untergeordneter Bedeutung. Er ging zweifellos wie der ganze niedere Adel aus den Dorfmaiern, den Sippenältesten der Besiedlungszeit, hervor und bewohnte den „Maierhof". Dieser konnte wohl befestigt sein, aber nicht im Sinne der späteren Burgen. Außerdem befand sich der Maierhof stets innerhalb des geschlossenen Ortes oder mindestens an dessen Rande. Sofern solcher Ortsadel allmählich zu größerer Bedeutung gelangte, errichtete er sich im 12. und 13. Jahrhundert feste Steinburgen in fortinkatorisch günstiger Lage in der Nähe des Ortes. Hätten die Herren von Velbach dies vermocht, so müßten die Reste ihrer etwaigen Burg auf dem Kappelberg, auf der Westspitze der „Ebene" zu finden sein, denn dieser Platz wäre für eine Burg mittleren Umfangs sehr wohl geeignet gewesen. Das ist nicht der Fall. Da aber die Burgstraße nicht von ungefähr ihren Namen führt, muß der Fellbacher Maierhof, der wohl mit der Zeit die Bezeichnung „Burg" erhalten haben kann, in ihrer Nähe gesucht werden.

An der Mündung der Burgstraße in die Vordere- und in die Kappelbergstraße ist eine platzartige Erweiterung der Straßen vorhanden. Dort lag auch ein Weiher. Weiter mündeten hier der Weg vom Remstal und von Rommelshausen her, der vom Berg herab, der vom Neckartal her, der durch die Burgstraße führte, und schließlich noch die Vordere Gasse. Schon aus der Kontrastierung der Vorderen und der Hinteren Gasse geht hervor, daß die wichtigeren Gebäude an der Vorderen Gasse gestanden sein müssen, also vorn im Ort. Diese Straßenkreuzung war also ein wichtiger Punkt im alten Fellbach.

Erklärt man sich den Namen Burgstraße nun so, daß diese Gasse auf die sicherlich vorn im Ort gelegene Burg (oder den Maierhof) zuführte, so stößt man auf ein Giebelhaus neben der heutigen Gaststätte „Zum Kernenturm" an der Vorderen Straße. Dieses Haus hat ein steinernes Erdgeschoß, einen Oberstock aus Fachwerk und einen Giebel, dessen einzelne Stockwerksabsätze mit profilierten Holzgesimsen verkleidet sind. Demnach stammt das Gebäude in seiner früheren Form aus der zweiten Hälfte des 16. oder aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Das wäre an sich nichts Besonderes, denn Fellbach besitzt noch mehr stattliche Häuser. Hinter diesem Wohnhaus aber steht eine große Scheuer (Vordere Straße Nr. 39), ganz aus Stein gebaut, mit gehauenen Quadern an den Ecken und mit einem steinernen, profilierten Ortganggesims am nördlichen Giebel. Die der Vorderen Straße zugewandte Langseite zeigt an ihren Eckquadern noch Ansätze von einer (heute nicht mehr vorhandenen) Hofummauerung. Eine so massiv ausgeführte Scheuer ist selbst für das wohlhabende alte Fellbach ungewöhnlich. Sie trägt denn auch links vom Tor eine steinerne Tafel mit den drei württembergischen Hirschgeweihstangen, einem Steinmetzzeichen und der Jahreszahl 1589. Es handelt sich demnach um die her-zogl. württembergische Zehntscheuer, und das ursprüngliche Vorderhaus war sicherlich der Zehnthof. Da aber das Haus Württemberg im Jahre 1351 die Güter des letzten Herrn von Velbach aufgekauft hat, kann nur aus diesen Gütern, also aus dem ehemaligen Maierhof, der württembergische Zehnthof entstanden sein, welcher der erwähnten Jahreszahl nach um 1589 mit neuen Gebäuden ausgestattet wurde. Damit wäre wohl die besagte „Burg" der Herren von Velbach gefunden.

Daß der durch die Erweiterung der Vorderen Straße und der Kappelbergstraße gebildete Platz vor dem Maierhof tatsächlich ein gewisses Zentrum des alten Fellbachs gewesen sein muß, zeigen die weiteren alten Gebäude, die dort noch erhalten sind. So dürften ebenfalls um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert die Bauernhof-Gebäude Ecke Kappelberg- und Rommelshauser Straße sowie Ecke Vordere- und Burgstraße entstanden sein. Auch noch im 18. Jahrhundert wurden dort respektable Gebäude errichtet, so der heutige Gasthof „Zur Krone" (Burgstraße Nr. 1) und der Bauernhof Kappelbergstraße Nr. 3 mit dem großen Bogentor zur Straße hin. übrigens befand sich an der Stelle der heutigen Gaststätte „Zum Kernenturm" von etwa 1470 bis gegen 1900 die Ziegelhütte, die für das Dorf Fellbach ebenfalls von einiger Bedeutung war.

159 Das eigentliche Zentrum des Ortes aber war der Platz beim Rathaus, der zweifellos zunächst gleichzeitig der Marktplatz war. Einen solchen hatte Fellbach als Marktflecken sicherlich, und die Abhaltung des Marktes am Platz vor dem heutigen „Conradi-Haus" war bestimmt eine spätere Einrichtung. Vor dem nachher noch genannten Neubau des Rathauses (vom Jahre 1912) bestand ja zwischen dem alten Rathaus und dem Pfarrhaus (am Beginn der Pfarrstraße) ein Platz, der für einen Marktflecken einen genügend großen Markt abgegeben hätte.

Im Jahre 1912 fiel das alte Rathaus einem damals als schön empfundenen Neubau zum Opfer. Es stand mit seiner Giebelseite, die einen Krüppelwalm trug, zur Cannstatter Straße. Dort führte auch das große Bogentor in den Rathauskeller hinab. Das Erdgeschoß des alten Baues war massiv, das Obergeschoß in verputztem Fachwerk ausgeführt. Das Rathaus ist zwischen 1588 und 1610 erbaut worden, wie aus einer daran befindlichen Inschrift hervorging. An der südlichen Langseite führte eine später überdachte Freitreppe zum Obergeschoß. Sie ruhte auf einem Gewölbe, das von einer ländlich derben, korinthischen Säule getragen wurde. Die oben entstehende Plattform war von einer Dockenbalustrade umschlossen, über dieser Treppe erhob sich ein zweigeschossiges Zwerchhaus mit einer Uhr; auf dem Dachfirst saß ein Dachreiter mit dem Rathausglöcklein.

Hinter dem Rathaus befindet sich das älteste unter den erhaltenen und datierten Fellbacher Häusern (Cannstatter Straße Nr. 12). Es trägt die Jahreszahl 1588, hat ein steinernes Erdgeschoß, das eine (heute verbaute) gewölbte Halle mit Steinsäulen enthält, und besitzt ein Obergeschoß und hohe Giebel in Fachwerk. Zum Erdgeschoß führen zwei Türen mit steinernen Gewänden. Die eine davon ist rundbogig, die andere — heute teilweise zugemauert — hat eine Art Eselsrücken als Abschluß. Darin sind die Buchstaben H und S, die Jahreszahl 1588 und zwei ornamentale Gebilde, davon eines in brezelartiger Form, eingehauen. Zu diesem stattlichen Wohnbau gehört, weiter hinten gelegen, eine große Scheuer (Cannstatter Straße 12/1) mit großen Rundbogentoren, deren eines eine jetzt nur noch in den ersten drei Ziffern lesbare Jahreszahl (159 ..) trägt. Aus dem Jahr 1895, als die Zahl offenbar noch voll lesbar war, wird sie uns als „1597" überliefert. Diese Scheuer ist gleich der herzogl. württ. Zehntscheuer (Vordere Straße 39) ganz in Stein gebaut, mit grob zugehauenen Quadern an den Ecken. Dieser Hof dürfte auf Grund seiner Größe und sorgfältigen Ausgestaltung einst eine besondere Bedeutung gehabt haben. Am wahrscheinlichsten ist, daß es sich um den früheren Konstanzer Pfleghof handelt. Das Domstift Konstanz besaß ja Jahrhunderte lang in Fellbach kirchliche Rechte, Zehnten und Einkünfte. Es hatte auch das Besetzungsrecht für die Frühmeßpfründe. So liegt die Annahme nahe, daß der Hof dem Frühmesser und dem konstanzischen Pfleger als Amtssitz diente (siehe auch Seite 50 ff.).

Am Platz beim Rathaus befindet sich weiter das Pfarrhaus, das im Kern wohl ebenfalls aus dem Ende des 16. Jahrhunderts stammt. Es trägt an einer auf den Hof führenden Tür die Jahreszahl 1738 und zur Pfarrstraße hin eine Haustüre mit einfachem Barockgewände. Sonst ist der Bau schmucklos. Den Platz beim Rathaus schließt gegen die Pfarrstraße ein Giebelhaus (Cannstatter Straße Nr. 20) das anno 1684 von Schultheiß Philipp Seybold (1628-1707) erbaut wurde. An seinem Giebel befindet sich schönes Fachwerk fränkischer Art mit reich gefüllten Fensterbrüstungen.

Eine ganze Reihe weiterer schöner Fachwerkbauten säumt die Cannstatter Straße vom Rathaus hinauf bis zur Vorderen Straße. Gleich gegenüber dem Rathaus steht ein Haus mit der Traufseite zur Straße (Cannstatter Straße Nr. 15). Es hat im Erdgeschoß und im Obergeschoß Fachwerk, das dem alemannischen verwandt ist. Das heißt soviel, daß die durchgehenden Ständer durch lange, fast über die ganze Stockhöhe hochgehende Streben, die schräg laufen, ausgesteift werden. Eigentlich schmückende Elemente sind jedoch hier nicht vorhanden. Es darf mit Recht angenommen werden, daß dieses Haus mindestens gleichen Alters mit dem alten Rathaus ist, denn die ältere, daß heißt der Zeit vor etwa 1550/1570 angehörende Form der Ackerbürgerhäuser ist die, bei welcher der ganze Bau in Fachwerk ausgeführt ist. Ein massives Sockelgeschoß findet man in der Regel erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, überdies ist das sogenannte alemannische Fachwerk mit seinen Abwandlungen in unserer Gegend ebenfalls älter als das sogenannte fränkische.

Das letztere zeigen neben dem genannten Haus an der Pfarrstraße (Cannstatter Straße Nr. 20) auch die weiteren Fachwerkbauten an der Cannstatter Straße. Besonders schöne Beispiele sind der 1596 erbaute Gasthof „Zum Hirsch" (Hirschstraße Nr. 1) und sein Nachbarhaus (Cannstatter Straße Nr. 9). Die Eigenart des fränkischen Fachwerks ist die, daß hier die Aussteifung nicht mehr mit langen Streben geschieht, sondern mit Bügen und Knaggen. Dadurch werden die einzelnen Felder kleiner aufgeteilt; die entstehenden Dreiecke und Oberkreuzungen bieten nun Anreize und Möglichkeiten zu ornamentaler Ausgestaltung. Das zuletzt genannte Gebäude ist im 17. Jahrhundert ent- standen. Der Hof neben dem „Hirschen" (Ecke Cannstatter- und Hirschstraße) zeigt noch besonders schön die Anlage des sogenannten fränkischen Bauernhofes. Das Wohnhaus steht mit dem Giebel zur Straße. Die Scheuer liegt hinten im rechten Winkel dazu, und über die den Hof gegen die Straße hin abschließende Mauer schaut das Backhäuslein hervor. Diese Form des Bauernhofes ist, wie neueste Forschungen ergaben, in ihren ersten Anfängen keineswegs auf das fränkische Gebiet beschränkt; sie hat sich dort nur länger erhalten. Auch hier im schwäbischen Bereich besaß sie, mindestens in wohlhabenden Gegenden, Gültigkeit. Der sogenannte alemannische Hof, der Wohnhaus, Stall und Scheuer unter einem Dach vereinigt, entstand bei uns im Lauf des Mittelalters zumeist erst dadurch, daß die Grundstücke innerhalb der Dörfer infolge Raummangels kleiner aufgeteilt werden mußten.

Ebenfalls aus dem Ende des 16. Jahrhunderts stammt das Haus Waiblinger Straße Nr. 2, das mit seinem Giebel noch nach Westen in die Vordere Straße hereinschaut. Seine alte, rundbogige Haustüre an dieser Seite ist zwar nicht mehr vorhanden, aber das Gewände eines Rundfensters an der nördlichen Langseite verrät die Erbauungszeit. — Die zwischen dem Gasthaus „Zum Hirsch" und dem Haus Waiblinger Straße Nr. 2 gelegenen Häuser an der Vorderen Straße stammen, soweit es noch die alten sind, aus dem 18. Jahrhundert. Besonders zu erwähnen wäre das von Joseph Ebensperger im Jahre 1716 auf den aus dem Jahr 1621 stammenden Grundmauern erbaute Wohnhaus (Vordere Straße Nr. 2), das nach dem Luftangriff am 2. März 1944 leider abgebrannt ist und an dessen Stelle jetzt das in neuer Gestalt wiedererstandene „Conradi-Haus" steht. Wir nennen hier auch das Wohnhaus Vordere Straße Nr. 7 mit seinem barocken Haustürgewände. — Vor dem Haus Vordere Straße 2 befand sich bis ins 20. Jahrhundert herein der „Platz-Brunnen" von 1765 mit einem Brunnentrog aus gußeisernen Platten und einem verzierten Brunnenstock, der später (bis März 1944) in einer Nische neben dem J. Ebensperger'schen Haus aufgestellt war (siehe Bild Seite 68).

Weiter die Vordere Straße hinauf ist das von dem Weingärtner und Bürgermeister Johann Georg Kugler erbaute Haus (Vordere Straße Nr. 16) eines der älteren Gebäude Fellbachs. Sein Oberbau wurde zwar auch im März 1944 zerstört, doch blieb das massive Erdgeschoß erhalten. Dort trägt die Haustüre die Jahreszahl 1738, doch zeigt ein Fenster daneben durch die Form seines Gewändes, daß der Kern dieses Hauses schon aus der Zeit um 1600 stammen muß.

Der eingangs beschriebene Umfang des alten Fellbachs, den wir nun an Hand seiner alten Bauten von der Kirche über Cannstatter-, Pfarr-, Vordere- und Waiblinger Straße bis zur Kappelbergstraße betrachtet haben, wird durch weitere alte Bauten vollends abgesteckt. So folgen, von der Vorderen Straße her kommend, an der Nordseite der Burgstraße drei Giebelhäuser mit kleinem Krüppelwalm (Burgstraße Nr. 8, 10 und 12), die aus dem 17. Jahrhundert stammen dürften. Westlich der Einmündung der Neugasse auf derselben Straßenseite steht ein weiterer Bauernhof, wohl aus der nämlichen Zeit (Burgstraße Nr. 28). In der Neugasse selbst trägt das Gebäude Nr. 18/20 die Inschrift über der Haustüre: „Gebawen durch Caspar Paurlen Anno 1630." Auch dieses Haus hat ein massives Erdgeschoß, das von einem Gesims abgeschlossen wird. Die Neue Gasse scheint, wie schon ihr Name sagt, erst in der eben genannten Zeit als Querverbindung von der Schmergasse zur Burgstraße angelegt worden zu sein. Noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts standen an ihr nur einige wenige Häuser, worunter das genannte weitaus das größte war.

Dem alten Ortsrand folgend führt die Ochsengasse zur Hinteren Straße, deren oberes Stück erst im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden sein wird. Seine Häuser stammen aus dieser Zeit und aus dem 19. Jahrhundert. Ihr Verlauf von der Ochsengasse hinab bis zur Kirche aber bezeichnet wieder den alten Ortsrand. Das bekräftigen die Häuser Hintere Straße Nr. 22 und 26, die beide in ihrer Entstehungszeit dem Anfang des 17. Jahrhunderts angehören. Beide stehen mit ihren großen Giebeln zur Straße und haben massive Erdgeschosse. Das erste trägt im stark verwitterten Türsturz seiner an die Schillerstraße grenzenden Nordseite ein kleines, von Rankenornamenten umgebenes leeres Schild. Der Giebel des 1621 erbauten anderen Hauses (Nr. 26) mit recht schönem Fachwerk wurde jüngst freigelegt.

Damit wären die wichtigsten, erwähnenswerten alten Bauten in der heutigen Stadt Fellbach aufgezählt und beschrieben. Außerhalb des engeren alten Ortsetters bleibt jetzt nur noch der Friedhof zu erwähnen. Er wurde wohl auf Anregung des von 1603 bis 1605 in Fellbach amtierenden Pfarrers M. Johannes Maurer angelegt, nachdem der bisherige Friedhof innerhalb der Wehrmauer zu klein geworden war, und von 1605 ab belegt. An seiner Südwestecke wurde gleichzeitig ein Glockenturm errichtet, der heute noch vorhanden ist. Er ist unten quadratisch, geht über einem Gesims ins Achteck über und zu oberst in eine Glockenstube aus ehemals wohl sichtbarem Fachwerk mit vier Klangfenstern. Bedeckt ist er mit einer „welschen Haube", wie sie um 1600 üblich war. Eine Glocke trägt der Turm heute nicht mehr. Die an ihn anschließende alte Friedhofsmauer hat in ihrer Innenseite Nischen, die wohl der Aufstellung von Grabmälern dienten.

Im Jahr 1611 ist auf diesem Friedhof, wohl auf Veranlassung von Pfarrer G. C. Maickler, eine (in ihrem Sockel 2,50 X 0,85 Meter große) plastische Figurengruppe errichtet worden, die sich weniger durch ihre künstlerischen Qualitäten als besonders durch die Eigenart des Themas auszeichnet.

Der Darstellung ist der auf der Vorderseite des hohen Kreuzes eingeschriebene Vers 1. Korinther 15, 22 zugrundegelegt: „Gleichwie sie in Adam sterben, also werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden." Dieser Text ist sehr augenfällig verdeutlicht, indem der Kreuzesstamm, der den Gekreuzigten trägt, aus dem Leib des am Boden liegenden Adam herauswächst und so die Überwindung des Alten Bundes durch den Neuen deutet. Links von dem liegenden Adam steht, bis zu den Knien im Sündenpfuhl, Eva mit dem Apfel und der Schlange in den Händen. Damit ist auch noch gezeigt, wie der Mensch durch den Sündenfall dem Tode verfiel.

Diese Gestaltung eines biblischen Themas ist etwas ungewöhnlich, fügt sich jedoch sehr wohl in den Rahmen der zeitgenössischen, protestantisch- biblischen Darstellungen ein. Die evangelische religiöse Bildkunst um 1600 liebte es, die Beziehungen und Entsprechungen zwischen Altem und Neuem Testament vor Augen zu stellen. So kam es auch zu dieser Darstellung auf dem Fellbacher Friedhof. Kompositorisch ist die Gruppe ebenfalls recht interessant. Der Kruzifixus nimmt nicht, wie üblich, die Mitte der Kreuzigungsgruppe ein, sondern ist nach rechts verschoben. Zur Linken gibt die Figur der Eva das Gegengewicht, ohne aber dem Kreuz die dominierende Wirkung zu nehmen.

Der liegende Adam mit dem in die Hand gestützten Haupt bildet den Übergang zwischen den beiden Polen und ergibt die nötige Horizontalbetonung. Die am Sockel über den acht (meist verwitterten) Wappenschildern eingehauenen Initialen können vielleicht neben dem Landesherrn den damals in Fellbach „regierenden" Männern zugeschrieben werden. Wir finden dort:

I F-H Z-W  Johann Friedrich, Herzog zu Württemberg (1582- 1628)
F.B. Fellbach, mit dem „F" als Fleckenzeichen im Wappenschild 
H. S. Hans Seybold (etwa 1540-1634), Schultheiß in Fellbach
G. C. M.  Georg Conrad Maickler (1574-1647), Pfarrer in Fellbach
I. W. (nicht I. I. V)  Joh.Weipprecht (1546-1626), Heiligenpfleger in Fellbach
H. A. (nicht H. S.) Hans Aldinger (1539-1614), Bürgermeister in Fellbach
H. F. Hans Fritz jun. (1571-1623), Heiligenpfleger in Fellbach
S. H. Sebastian Hauser (1538-1620), Bürgermeister in Fellbach

Wer der schaffende Bildhauer war, ist uns nicht überliefert; ein auf der Rückseite des Kreuzesbalkens eingehauenes, vielleicht auf die erste Renovierung im Jahr 1658 bezügliches Meisterzeichen läßt sich nicht mehr recht erkennen und somit nicht deuten. Auch über die Stifter dieser Figurengruppe wissen wir nichts Genaues.