VOR DER JAHRHUNDERTWENDE 

Die Einwohnerzahl Fellbachs hatte um 1845 das dritte Tausend erreicht und überschritt um 1895 das vierte Tausend. Obwohl sich in dem beschleunigten Tempo seiner Zunahme bereits seine künftige Strukturwandlung ankündigte, trug Fellbach zunächst noch ein vorwiegend ländlich-bäuerliches Gepräge. 

An dem Kriege von 1866, in dem Württemberg an der Seite Österreichs kämpfte, waren nur wenige Fellbacher beteiligt. Dagegen wurden im Kriege von 1870/71 gegen Frankreich sechzig junge Männer aus dem Dorf zu den Waffen gerufen, von denen vier im Kampf ihr Leben ließen. Das Daubenschmid'sche Tagebuch schildert die Siegesfreude, die sich überall in Freudenfeuern auf den Bergen kundtat. In den Städten habe man Volksfeste gefeiert, während in den Dörfern Schulkinder mit Gesang durch die Gassen zogen, um dem Jubel über die deutsche Einigung Ausdruck zu geben. 

Mit dem stetigen, wenn auch zunächst unauffälligen Wandel der allgemeinen und örtlichen Verhältnisse wuchsen der Gemeindeverwaltung immer neue Aufgaben und eine immer größere Verantwortung zu. Es war ein Glück, daß an ihrer Spitze erfahrene und tatkräftige Männer standen. Auf Schultheiß Johannes Sayler folgte zu Beginn des Jahres 1850 Jakob Friedrich Lipp, der es zuvor beim Militär bis zum Feldwebel gebracht hatte. Als ausgedienter Soldat bewarb er sich um die freigewordene Stelle des Schultheißen in Fellbach. Während seiner Amtszeit hielt er auf Disziplin; er soll in seiner Schreibstube stets einen Stock zur Hand gehabt haben, um junge Burschen notfalls zur Botmäßigkeit zu bringen. Aus einer einheimischen Weingärtnersfamilie stammend, eignete er sich auf Grund einer genauen Kenntnis der örtlichen Verhältnisse für sein Amt besonders gut. Auch war er von der Militärzeit her in den Verwaltungsgeschäften und im Rechnungswesen bewandert. Siebenundzwanzig Jahre lang leitete er die Geschicke des Marktfleckens mit Umsicht und erwarb sich großes Ansehen in der Gemeinde. Er verblieb bis ins hohe Alter von achtzig Jahren auf seinem Posten und starb 1877 als letzter Namensträger einer Sippe, die über 300 Jahre im Ort ihren Sitz gehabt hatte, von der aber ein großer Teil nach Amerika ausgewandert war. 

Sein Nachfolger wurde Schultheiß Ernst Albert Friz (1837-1916), der Sohn des Ratsschreibers Heinrich August Friz und Enkel des Amtmannes Philipp Heinrich Friz. Nachdem er in mehreren Gemeinden außerhalb seiner Heimat Dienst getan hatte, wurde zunächst Ratsschreiber in Fellbach, dann Nachfolger von Schultheiß Lipp. Als Einheimischer besaß er selbst Weinberge, weshalb er für die Belange des Weinbaus volles Verständnis zeigte. Zusammen mit dem Alt-Traubenwirt Off hat er die Bekämpfung der Rebschädlinge mit Spritzmitteln in Fellbach eingeführt. Neben seinem Amte betätigte er sich als Weinhändler und nahm bei flauem Geschäftsgang manchem Weingärtner den Weinertrag ab, um ihn bei sich zu lagern. Da er manches gute Werk in der Stille tat und allen Leuten im Ort ein erfahrener und williger Berater war, konnte er sich in einer dreißigjährigen Tätigkeit, von 1878 bis 1908, die Zuneigung und Achtung seiner Mitbürger erwerben. 

Bürgerliches Selbstbewußtsein 

Den Ortsvorstehern standen der Gemeinderat sowie der Bürgerausschuß zur Seite. Der erstere wurde um 1818 eingerichtet und bestand aus zwölf Gemeinderäten. Diese bildeten das verwaltende Kollegium, gewissermaßen die Regierung der Gemeinde, und wurden zunächst von den Bürgern auf Lebenszeit gewählt, weil man die Erfahrung und Amtstreue bewährter Gemeindeglieder sichern und diese vor der Volkslaune schützen wollte. Im Jahre 1849 trat an Stelle einer Wahl auf Lebenszeit eine solche auf sechs Jahre, derart, daß von nun an nach zwei Jahren jeweils ein Drittel der Gemeinderäte ausschied, an deren Stelle neu gewählte Männer traten. Während die Mitglieder des Gemeinderats auf eine Entlohnung für regelmäßige Sitzungen und Beratungen verzichteten, erhielten sie für ihre zeitraubende Arbeit in zeitweiligen oder ständigen Ausschüssen, als Waisenriditer, Steuer- und Gebäudeeinschätzer, angemessene Taggelder. Als zweites Kollegium wurde um 1818 dem Gemeinderat der Bürgerausschuß an die Seite gestellt, der aus dreizehn auf je vier Jahre gewählten Mitgliedern bestand. Von ihnen schied jeweils nadi zwei Jahren die Hälfte aus und wurde in einer Neuwahl ersetzt. Der Bürgerausschuß führte die Aufsicht über die Tätigkeit des Gemeinderats, insofern dessen Beschlüsse vom Bürgerausschuß geprüft und genehmigt werden mußten, und verkündigte seine Beschlüsse durch den von ihm erwählten Bürgerausschußobmann. Eine vom Gemeinderat bewilligte Geldausgabe erlangte nur Gültigkeit, wenn der Bürgerausschuß ihr zustimmte. Drei bewährte Männer verwalteten in der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts das Finanzwesen der Gemeinde Fellbach. Von 1854 bis 1886 waren der Weingärtner Johann Christian Koch, sodann bis 1893 der Weingärtner Johannes Aldinger und bis 1912 der Kaufmann Wilhelm Sayler als Gemeindepfleger tätig. Der letztere wurde von einem Verwaltungsmann m seinem Amte abgelöst. Dem Schultheißen standen außerdem ein Steuerratsschreiber, ein Amtsdiener oder Büttel, der Verordnungen und Neuigkeiten durch Ausschellen bekannt gab, späterhin ein Verwaltungsgehilfe, seit 1907 auch ein Verwaltungsaktuar zur Seite. Wegmeister, die früher Fronmeister hießen, und Waldmeister sowie Flur- und Feldschützen waren ebenfalls im öffentlichen Dienst tätig. Die letzten Frondienste, welche die Dorfgenossen bis gegen Ende des Jahrhunderts leisten mußten, bestanden darin, den Straßenschmutz zu entfernen und abzuführen. Im Jahre 1873 wurde die erste Beleuchtung der Gassen und Plätze im Dorf eingerichtet, zuerst mit Erdöllampen, später dann mit Gaslampen. Eine freiwillige Feuerwehr entstand im Jahre 1889. Gemeinderat Seemüller, der zugleich auch Straßenmeister, Wirt und Bäckermeister war, übernahm als erster ihr Kommando. Der Spritzenmeister Fritz Schnaitmann verfügte über drei Feuerspritzen, von denen zwei noch aus der Zeit der Freiheitskriege stammten. Feste lederne Wassereimer wurden im Ernstfall, wenn man am Brandplatz das Feuer bekämpfte, von Hand in Hand gereicht (siehe auch Seite 227/8). 

Soziales und kirchliches Wirken 

Das öffentliche Gesundheitswesen war nach 1850 noch wenig entwickelt. Die Wundärzte Nägele, Irion und Koch, die auch Zähne zogen, praktizierten in jener Zeit noch immer im Ort (Ecke Irionweg und Hintere Straße, jetzt Funk'sches Anwesen). Bis zum Jahre 1891, in dem Wundarzt Koch starb, war in Fellbach - außer zwei vorübergehend hier tätigen jüngeren Kräften - kein praktischer, auf einer Universität ausgebildeter Arzt dauernd ansässig. Im Jahre 1892 wurde dann der aus Ulm stammende Dr. Julias Mayer (1863 -1926) von der Gemeinde Fellbach als Ortsarzt angestellt, er mußte aber die Nachbarorte Schmiden und Oeffingen mitbetreuen. Zwanzig Jahre lang blieb er der einzige praktische Arzt und Geburtshelfer für die drei Orte, ohne daß ihm damals ein Kraftwagen zur Verfügung stand. So war er im Übermaß beansprucht und verbrauchte frühzeitig seine Kräfte. Ein Leiden zwang ihn, im 61. Lebensjahr das Krankenhaus aufzusuchen und darnach auf die Karlshöhe zu übersiedeln. Schon zwei Jahre später starb der liebenswürdige und gewissenhafte Mann, der in selbstloser Weise der Gemeinde gedient hatte. Als man in Fellbach um die Jahrhundertwende zuerst die Filiale einer Waiblinger Apotheke einrichtete, diese darnach verselbständigte und dem bisherigen Apothekenverwalter Gustav Dölker übertrug, wurde wiederum einem fühlbaren Mangel abgeholfen. 

Arme und Notleidende wurden auch weiterhin mit wohltätigen Gaben und Stiftungen unterstützt. Sie erhielten Geldzuwendungen aus der Armenkasse und wurden am Margaretentag (dem 10. Juni nach katholischem, dem 13. Juli nach evangelischem Brauch) mit besonderen Gaben bedacht. Für Notleidende und Durchreisende waren Suppen und Brote, für bedürftige Kinder Geldmittel zur Anschaffung von Kleidungsstücken bereitgestellt. Aus dem Geist der Nächstenliebe heraus gründete Philipp Paulus, der früher Direktor auf dem „Salon" bei Ludwigsburg gewesen war, die „Dienstbotenheimat", heute .Evangelische Frauenheimat", als Asyl für ältere, arbeitsunfähig gewordene Hausgehilfinnen, die in ihren Arbeits-, Andachts- und Schlafsälen eine Heimat fanden und heute noch finden. In gleichem Sinne schuf Pfarrer Völter in der Seestraße das "Asyl für bekehrte Israeliten", das aber nach kurzer Zeit wieder einging. 

Das Verhältnis zwischen Schultheißen und Geistlichen war in Fellbach immer gut und eng. Der jeweilige Ortsvorsteher hatte von Amts wegen Sitz und Stimme im Kirchengemeinderat. Die im Ort so einflußreiche Hahn'sdie Gemeinschaft aber wirkte darauf hin, daß auch im weltlichen Dasein ein strenger und altvaterischer Geist vorherrschte, so daß die anderwärts üblichen Festlichkeiten hier stark eingedämmt und die Polizeistunde auf eine frühe Zeit festgesetzt blieb. Friedrich von Bodelschwingh berichtet von einem Besuch im Fellbacher Gemeinschaftshaus, wo er mit den „Stundenleuten" sowie mit seinem Freunde, dem Missionar Hauser und Pfarrer Werner zusammentraf und von dem Fellbacher Gemeinschaftsleben aufs tiefste beeindruckt war. Der genannte Pfarrer Karl Friedrich Werner (1804-1872) besaß in besonderem Maße die Gabe, Seelsorge zu treiben und das Wort Gottes zu verkünden. Oft zog er im Sommer mit zahlreichen Kindern und Erwachsenen auf den Kappelberg, wo er beim Klang der Abendglocken seinen Hörern die Güte Gottes vor die Seele stellte und bei günstiger Witterung die Erntebetstunde abhielt. Gleich seinem jüngsten Bruder, dem Begründer der Werner'schen Anstalten, betätigte er sich auch auf dem Gebiet der Inneren Mission. Außerdem gab er für die Gemeinschaftskreise jahrelang die „Basler Sammlungen" und die „Erbaulichen Mitteilungen" heraus. Nach einem reichen Wirken in Fellbach während mehr als zwei Jahrzehnten wurde der verehrte Mann im Jahre 1872 dort zur letzten Ruhe bestattet. 

Von der Landwirtschaft 

An dem landwirtschaftlichen Charakter der Gemeinde änderte sich nur wenig. Immer noch galt die Dreifelderwirtschaft, freilich in der neueren Form, derzufolge man nur in die mit Hackfrüchten und Klee angebaute Brachzelg das ganze Jahr über einfahren durfte, während der Zugang in die beiden anderen Zeigen - das gesamte Ackerland einer Dorf-Markung war während der Dreifelderwirtschaft in 3 „Zeigen" bzw. Fluren oder Esche geteilt, eine Sommer-, eine Winter- und eine Brach-Zelge, in die Winter- und Sommergetreide eingesät war, - nur zu bestimmten Zeiten und in genau geregelter Reihenfolge gestattet war. Um damit verbundene Nachteile zu beheben, beschlossen Gemeinderat und Schultheiß Friz gegen den Widerstand einzelner Grundbesitzer, die Fluren zu bereinigen, wobei mit dem Gelände um die äußere Bahnhofstraße, nördlich der Landstraße und südlich der Eisenbahnlinie begonnen wurde. Die Schafweide, die mehrmals, zuletzt zwischen 1861 und 1900, wieder auflebte, ging dann auf der Fellbacher Markung für immer ein. Baum- und Rebschulen, Beeren- und Weinkulturen wurden in dieser Zeit angelegt und verdrängten teilweise die Hopfengärten, ein Beweis dafür, daß der Obst-und Beerenbau schon vor 1900 einen Aufschwung nahm. 

Der jährliche Weinertrag bildete wie in früheren Jahrhunderten die Grundlage für den Wohlstand der Gemeinde Fellbach. Zum planvollen Absatz des Weines begründete der weitblickende Oberlehrer Wilhelm Amandus Auberlen im Jahre 1858 die Weingärtnergesellschaft, die ihre Weine nach der Lage der Weinberge und der Güte der Trauben in verschiedene Klassen einteilte und nach beendigter Lese in der Kelter versteigerte. Diese Vereinigung war die zweite ihrer Art in Württemberg und zugleich ein erster fester Verband in Fellbach, der auf das dörfliche Leben und auf die Wahlen in der Gemeinde einen bedeutenden Einfluß ausübte (siehe auch Seite 180, 242). 

Als sich Fellbach zwischen 1850 und 1900 nur wenig ausdehnte, bot sich für Arbeitssuchende in den Wintermonaten Beschäftigung im Wald, wo man Holz schlug, und am Feuersee bei der Lutherkirche, wo man Natureis gewann, oder auswärts in den Gipssteinbrüchen von Cannstatt und Untertürkheim. Der letzte Vertreter im Gewerbe der Nagelschmiede, das dann von der maschinellen Fabrikation verdrängt wurde, war der bis zum Jahre 1890 tätige Philipp Jakob Schnaitmann. Das Handwerk der Huf- und Wagenschmiede blühte weiter, weil vor allem die Landwirte seiner Hilfe bedurften. 

Der alte Ziehbrunnen, der bis 1935 im 
Pfarrgarten stand. Zeichnung: Schäfer-Grohe  

Der letzte Handwebstuhl des „Weberschweizers" stand im Ochsengäßle, und der „Vordergaß-Lorenz" war der letzte, der die Töpferscheibe benützte. Hafner und Ofenhändler wurden die Nachfahren der Töpfer. Fellbach, das durch seinen Wagenbau seit langem bekannt war, gewann neues Ansehen mit der Herstellung der Neef'schen Traubenraspeln und Obstmühlen, die sich allgemein durchsetzten und noch nach 1900 von ansässigen Betrieben als Spezialartikel geliefert wurden. Im Jahre 1880 faßte ein neues Gewerbe im Ort Fuß, als über der Tür des ersten Friseurs der Messingteller hing. 

Die Industrie kommt auf 

Die Anfänge der Industrie reichen bis in das Jahr 1840 zurück, in dem Jakob Lidle im Anwesen von Küfermeister Bodemer die erste neuere Ziegelei gründete; sie wurde später an die Untertürkheimer Straße verlegt, konnte sich aber auf die Dauer gegen den Wettbewerb der Maschinenziegeleien nicht behaupten. Die Hopp'sche Beschlägefabrik im Unterdorf, eine Gründung aus der Zeit um 1870, war das erste Unternehmen, das über den Rahmen des Handwerksmäßigen hinausging. In ihr lief der erste Explosionsmotor. Fritz Dinkelacker übernahm das Gebäude und wandelte es in eine Werkstatt mit mechanischer Schmiede um. In einer von den Gebrüdern Gärtner errichteten Tonwarenfabrik fanden zwanzig bis dreißig Arbeiter, meist Italiener, Beschäftigung. Im Jahre 1890 wurde in einer Scheune die Schloß- und Werkzeugfabrik Maier eröffnet, die sich rasch vergrößerte. Dreißig Jahre später verlegten sie die Söhne des Begründers an den Mühlweg. Fast gleichzeitig mit Andreas Maier legte Karl Wüst den Grund zu der heute sehr ausgedehnten Eisenwarenfabrik, die Flanschen, Rohrschellen und Schrauben herstellt. Ein Handwerksmeister, der seiner Zeit vorauseilte, war Schreinermeister "Johann Gottlieb Laipple, der schon 1888 von Gottlieb Daimler einen Explosionsmotor bezog und mit ihm seine Hobel- und Fräsmaschinen antrieb. Einige Jahre später stellte er eine stationäre Dampfmaschine auf und deckte ihren Wasserbedarf aus der Rohrleitung eines laufenden Brunnens. Er erwarb auch eine Fleischhackmaschine, die erste ihrer Art in Fellbach, um die Dampfmaschine gut auszuwerten. Sein besonderes Gebiet waren Auszugstische, zu deren Absatz er größere Reisen unternahm. Ein großer Teil der jüngeren Schreinermeister ging durch seine Schule. Nach dem Krieg von 1870 stieg die Zahl der Gastwirtschaften stark an, da manche Einwohner sich die damals zugestandene Gewerbefreiheit zunutze machten. Auch das Vereinswesen begann sich zu entfalten. Kurz nach 1870 entstand der Krieger- und Militärverein, fünf Jahre später der Männergesangverein, 1898 der Gewerbeverein, 1899 "er Jünglingsverein, ein Jahr darauf der Darlehenskassenverein (siehe auch Seite 219 ff.). Um und nach 1850 versahen die Einwohner Bürkle und Ebinger, dann der „Christenbote" nacheinander das Amt eines fahrenden Boten nach Cannstatt und Stuttgart und lieferten den Handwerkern sowie den wenigen Lebensmittel- und Kolonial-, Kurz- und Wollwarenhändlern dreimal in der Woche mit ihren Pferdefuhrwerken die Waren ins Haus. Der Postbote Eberhard beförderte Eilgüter und Postpakete. Als am 25. Juli 1861 die zunächst eingleisige Eisenbahnlinie von Stuttgart nach Gmünd, Aalen und Wasseralfingen in Betrieb genommen wurde, erhielt auch Fellbach mit seinem ziemlich abseits liegenden Bahnhof einen Anschluß an die Eisenbahnlinien des Landes und löste sich damit mehr und mehr aus seiner Abgeschlossenheit. In den Jahren 1864 und 1876 wurden die Strecken von Fellbach nach Cannstatt und nach Waiblingen zweigleisig ausgebaut. 1862 errichtete man im Bahnhof Fellbach auch eine eigene Postexpedition, die sieben Jahre später in das Haus Cannstatter Straße 9 verlegt und von Kaufmann Sayler übernommen wurde. Die Poststelle Fellbach löste sich 1874 von dem Postamt in Cannstatt, worauf Theodor Friz sie bis 1901 als selbständiges Amt leitete. 

Die Umstellung von der Hand- auf die Maschinenarbeit führte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer gewerblichen Krise und zu zeitweiliger Hungersnot. Wer sich nicht der Fabrikarbeit ausliefern wollte, aber auch wer sich aus irgendwelchen Gründen dem Militärdienst zu entziehen suchte, hoffte, in der Fremde eine bessere Zukunft zu finden. Viele Fellbacher wanderten in jener Zeit auf Gemeindekosten aus und mußten sich dabei verpflichten, „binnen Jahresfrist nicht gegen König und Vaterland zu dienen". Mehr als 800 Dorfbewohner verließen in dieser Zeit ihre Heimat. Viele von ihnen leitete der Wunsch, in politischer und religiöser Hinsicht unbehindert zu sein (siehe a. Seite 165 ff.).