DIE NEUESTE ZEIT 

Nach der Wende des Jahrhunderts werden die Ansätze zu einer neuen Entwicklung deutlicher sichtbar als zuvor. Fellbach dehnte sich nun mehr und mehr über das Unterdorf hinaus gegen die Landstraße und gegen den Bahnhof aus. Um diesen sich stark vergrößernden Ortsteil im Norden mit Wasser zu versorgen, schloß sich Fellbach mit den Nachbargemeinden Schmiden und Oeffingen zu der „Fellbacher Wasserversorgungsgruppe" zusammen, die im Jahre 1900 eine ergiebige Quelle bei Aldingen im Oberamt Ludwigsburg kaufte und dort eine Pumpstation errichtete. Seit 1904 kam die Versorgung von Fellbach mit Elektrizität hinzu, die von den Neckarwerken in Altbach- Deizisau übernommen wurde. Der Verbrauch an elektrischem Strom steigerte sich schon in den ersten 25 Jahren auf das Fünfundzwanzigfache. Wichtig wurde auch die Erstellung des Gaswerks an der Ecke der Eisenbahnlinie und der Schmidener Straße. Statt der Erdöllampen wurden nun 70 Gaslampen an den Straßenkreuzungen eingerichtet, wobei man die Gasflammen über ein besonderes Fernzündsystem vom Werk aus regulierte, im Jahre 1906 wagten sich die Gemeindevertreter dann an ein weiteres großes Unternehmen. Man errichtete eine moderne, großzügig angelegte Kelter. Als das Gaswerk und die Gemeindekelter eingeweiht wurden, brachte ein abendlicher Festzug der Ortsvereine zum festlich erhellten Rathaus die einmütige Freude der Dorfgemeinde zum Ausdruck. Daran schloß sich ein Festmahl, bei dem in mehreren Ansprachen der Stolz auf das Gelingen der neuen Werke zum Ausdruck kam. 

Gesunde Entwicklung 

Diese Entwicklung förderte den ortsansässigen Handel. Im Jahre 1907 gab es 37 offene Kaufläden, die meist Spezereien und Kolonialwaren, aber auch Kleider und Bettzeug, Haushalts- und Feldgeräte, Eisen- und Stahlwaren feilboten. Dazu kamen Instrumente, Möbel und alle nur erdenklichen Gegenstände, so daß aller Bedarf am Ort gedeckt werden konnte. Um jene Zeit wurde auch die erste Zweigstelle des "Konsumvereins Cannstatt-Feuerbach, die in Fellbach entstand, auf dem Handelsgericht eingetragen. 

Dem "Handwerk erschlossen sich mit der Ausdehnung Fellbachs naturgemäß neue Einnahmequellen. Von 1877 über 1894 bis 1907 stieg die Zahl der Gewerbe- und Handeltreibenden von 197 über 209 auf 260 an, ein Beweis dafür, wie die Zahl der Betriebe vor 1900 erst langsam, nachher sprunghaft zunahm. Am Ort waren jetzt fast alle Gewerbe vertreten; viele Werkstätten hatten sich bereits die neuesten Maschinen mit Dampf- und Motorbetrieb angeschafft. Die Gärtnereien errichteten der Reihe nach Gewächshäuser für Blumen- und Gemüsezucht und erwärmten diese mit Heiß- und Dampfluft. Zwar zerschlugen sich Unterhandlungen zwischen den Daimlerwerken und der Gemeinde Fellbach wegen Errichtung einer Filiale der Daimlerwerke, doch siedelten sich auch zwischen 1900 und 1910 wieder zahlreiche neue Betriebe hier an. In der äußeren Bahnhofstraße erstellten Karl Ernst eine medianische Drahtflechterei, Gültig und Reichert eine Motorenfabrik. Konsul Scharrer errichtete an der Schaflandstraße eine Malzfabrik. Ebenfalls jenseits des Bahngleises entstanden die Isolierfabrik von Graner und Friesinger sowie zwei große Gebäude des Ziegelwerks Fellbach, ferner die Dampfsägerei und Holzhandlung von G. Schwegler und die Möbelfabrik von Karl Wagner. 

Ein Vergleich des Steueretats vom Jahre 1886/87 mit dem von 1906/07 zeigt einen Anstieg des Grundkatasters von 180000 Mark auf 207000 Mark, des Gebäudekatasters von 3,7 Millionen auf 6,3 Millionen Mark und des Gewerbekatasters von 44 000 Mark auf 117 000 Mark. Dies bestätigt die allgemeine Beobachtung, daß der Wohlstand der Gemeinde und der Bürger sich trotz mancher Lasten stetig und merklich hob. Das war zu emem guten Teil dem gemeinsamen Wirken von Bürgermeister, von Gemeinderat und Bürgerausschuß zu verdanken, in denen erfahrene und verantwortungsbewußte Vertreter aller Berufsschichten, besonders aber der Weingärtner und der Gewerbetreibenden, saßen. Bedenkt man weiter, was durch Feldbereinigungen und Drainierungen, mit der Anlage neuer Straßen und Bauviertel, mit dem Bau von Schulhäusern und auf anderen Gebieten geleistet wurde, so wird deutlich, wie sehr Schultheiß Ernst Albert Friz in einer Übergangszeit den Grund zu dem Aufschwung Fellbachs in den kommenden Jahrzehnten gelegt hat. Man hat getadelt, daß er dem Weingärtnerstand ein einseitiges Wohlwollen entgegengebracht habe und daß er dem Bestreben vieler Einwohner, mehr Industrie nach Fellbach zu ziehen, ablehnend gegenübergestanden sei. Dabei verkennt man, daß er durch besonnene und zögernde Maßnahmen einer ruhigen und gesunden Entwicklung Fellbachs den Weg ebnete. So konnte es seine Äcker über die Zeit der Geldentwertung hinwegretten, und seine Einwohner waren vor fünfzig Jahren noch nicht gezwungen, ihren Broterwerb in den Fabriken zu suchen. Auch konnte Fellbach in solidem Wachstum seine Unabhängigkeit bis heute bewahren. Für diese erfolgreiche Tätigkeit verlieh der Landesherr im Jahre 1898 dem Schultheißen Friz die goldene Verdienstmedaille, zehn Jahre später, bei seinem Ausscheiden aus dem Amte, das Verdienstkreuz. Als Friz nach achtjährigem Ruhestand am Ostersonntag 1916 auf dem alten Fellbacher Friedhof bestattet wurde, bezeugte die Bürgerschaft dem langjährigen Gemeindevorstand noch einmal ihre Wertschätzung. 

Der letzte Dorfschultheiß 

Friedrich August Brändle, der 1908 als sein Nachfolger auf zehn Jahre und 1921 erneut gewählt wurde, war der letzte Dorfschultheiß. Im Jahre 1881 in Dornstetten bei Freudenstadt geboren, kam er bereits als Kind nach Stuttgart, wo er die Realschule besuchte und sich danach dem Notariatsfach zuwandte. Nachdem er als junger Notariatsassistent auf dem Rathaus in Fellbach, darauf als Hilfsgerichtsschreiber am Amtsgericht in Stuttgart- Stadt gewirkt hatte, wurde der Siebenundzwanzigjährige zum Vorstand der Gemeinde Fellbach gewählt und fand sich rasch und ausgezeichnet in allen Gebieten des Verwaltungswesens zurecht. So konnte er mit viel Geschick die mannigfaltigen Aufgaben lösen, die in der ständig wachsenden Gemeinde an ihn herantraten. Während seiner dreiundzwanzig-jährigen Amtszeit vollzog sich eine entscheidende Wandlung des Dorfes Fellbach. Als zielbewußter und weitblickender Gemeindepolitiker setzte er die reichen Gaben seines Geistes, einen eisernen Arbeitswillen und seine zähe Tatkraft zum Wohle der ihm anvertrauten Gemeinde ein. Schon vor dem ersten Weltkrieg waren große Aufgaben zu bewältigen. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre stellten schwere Anforderungen an die Gemeinde. In den Jahren 1927 und 1928 wurde ein besonderes Maß an Gemeindearbeit geleistet, als umfangreiche Arbeiten auf dem Gebiet des Straßen- und Tiefbaus durchgeführt wurden. Die Wohnpolitik war großzügig und verdienstvoll. Auf Straßenbeleuchtung, Wasserversorgung, auf Verkehrsverbindungen mit den Nachbarorten, insbesondere die Straßenbahnverbindung mit Stuttgart, auf den Aufbau des Schulwesens erstreckte sich die weitschauende 80 Planung des Gemeindevorstands und seiner Berater. Als von 1929 ab die wirtschaftliche Läse sich verschlechterte, gelang es, zahlreichen Arbeitslosen Notstandarbeiten zuzuweisen und trotz des Mangels an Geldmitteln die der Gemeinde gestellten Aufgaben zu meistern. Für seine vorbildliche Amtsführung wurde Schultheiß Brändle daher als erster Bürger Fellbachs mit dem Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet. Vergleicht man die Ausdehnung Fellbachs um jene Zeit mit der von 1908, so erkennt man, was Schultheiß Brändle in seiner Amtszeit geleistet hatte. Er war um seiner Sachlichkeit und Gerechtigkeit, seiner Hilfsbereitschaft und seines Entgegenkommens willen bei jedermann geschätzt. Daneben war er aufgeschlossen für die Jugendarbeit und alle Fragen, die den Kirchengemeinderat und den Kirchenbezirksausschuß beschäftigten. Doch zog er sich in seinem aufopfernden Dienst eine schleichende Krankheit zu und wurde im Alter von fünfzig Jahren mitten aus seinem Wirken herausgerissen (1931). 

Groß war die Trauer um den verehrten Amtsvorsteher, der auf dem alten Friedhof seine letzte Ruhestätte fand. Der damalige Ratsschreiber Steimle, einer seiner engsten Mitarbeiter, sagte am Grabe des Verstorbenen: „Wenn Bürgermeister Brändle auch nicht mehr unter uns Lebenden weilt, so wird das Andenken an sein Leben und Wirken bei allen, die ihn kannten, fortleben als leuchtendes Beispiel der Arbeitsfreudigkeit und -Willigkeit, der aufopfernden Liebe für seine Gemeinde, seinen Beruf und seinen Nächsten, als Förderer unserer Gemeinde. In tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht werden wir Fellbacher dauernd seiner gedenken. Mit ihm ist ein Stück Fellbacher Geschichte ins Grab gegangen." 

In diesen Zeitabschnitt fällt das nur fünfjährige Wirken von Pfarrer Johann Albredbt Vengel (1854-1907), einem Ururenkel von Dr. Johann Albrecht Bengel (1687-1752), dem berühmten Bibelgelehrten und „Klosterpräzeptor" von Denkendorf. Im Alter von 48 Jahren wurde Bengel auf die verwaiste Pfarrstelle in Fellbach berufen. Der stille und bescheidene Mann lebte ganz der Seelsorge und dem Pfarramt, weshalb er sich rasch ein großes Ansehen in seiner Gemeinde erwarb. Anfang Februar 1907 befiel ihn während der Sonntagspredigt auf der Kanzel eine Herzschwäche, die ihn, den erst Dreiundfünfzig-jährigen, auf das Totenbett warf. Sein früher Tod wurde von seiner Gemeinde tief beklagt; er ersparte es ihm, den Soldatentod von Söhnen und Enkeln in den beiden Weltkriegen erleben zu müssen, womit sein Geschlecht im Mannesstamm erlosch. 

In den Jahren 1908 bis 1931 stieg die Einwohnerzahl von fünfeinhalb Tausend auf nahezu das Doppelte. Wachsender Zuzug aus Groß-Stuttgart verwandelte den Ort mehr und mehr zur Wohngemeinde und Vorstadtsiedlung. Es ist das Verdienst des rührigen Ortsbaumeisters Ulmer, die bauliche Entwicklung Fellbachs, seiner öffentlichen Bauten wie seiner neuen Ortsteile, in die richtigen Bahnen gelenkt zu haben. Ein Neu- und Erweiterungsbau des Rathauses, das einen großen Sitzungssaal und ein Beratungszimmer erhielt (Architekt: Hermann Moser), ein Bebauungsplan für das Industriegelände, eine weitere Feldbereinigung und der Ausbau des Schulhauses am alten Friedhof waren Vorhaben, die vor dem ersten Weltkrieg die Gemüter der Gemeindeabgeordneten beschäftigten Damals trat auch die Fellbacher Wasserversorgungsgruppe der staatlichen Landeswasserversorgung bei. Für ihre fortschrittliche und kluge Gemeindepolitik zollten die Vertreter des damaligen Oberamts Cannstatt den Mitgliedern der Gemeindeausschüsse im Jahre 1913 uneingeschränktes Lob. 

Der erste Weltkrieg 

Nachdem im gleichen Jahr 1913 der Obst- und Weinertrag fast völlig ausgefallen und die Beschäftigung in Gewerbe und Industrie stark zurückgegangen war, brachte das Jahr 1914 mit dem Ausbruch des Krieges neue und weit größere Not in die Familien und in die Gemeinde. Pfarrer und Ortsvorsteher verabschiedeten am 4. August das erste Aufgebot von jungen, zu den Waffen gerufenen Männern vor dem Rathaus,- am Tage darauf verließen die Landwehrleute den Heimatort, und viele Freiwillige folgten ihnen in den kommenden Wochen nach. Als die Truppentransporte bei Tag und Nacht durch das Neckartal befördert wurden, waren auch Fellbacher Einwohner an der Verpflegungsstelle des Roten Kreuzes in Untertürkheim tätig. Das Erlebnis dieser Tage schloß die Menschen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Aus hilfsbereiter Gesinnung ließ man den Kriegerfrauen und -kindern reiche Gaben an Naturalien und Geld zukommen. Der Ortsausschuß des Roten Kreuzes sandte Tausende von Paketen mit Liebesgaben aus der Heimat an die Front. Frauen und Mädchen verrichteten eine opfervolle Arbeit in Lazaretten und Nähstuben, auf den Feldern und in Fabriken. Indessen griff der Krieg immer härter in das Leben der Gemeinde und in das jedes Einzelnen ein. Seit dem Jahre 1915 waren die wichtigsten Lebensmittel für die Verbraucher rationiert. Viele Bauern konnten sich Bedürftigen und Kranken wohltätig erzeigen. Aber auch sie hatten keinen leichten Stand, da sich ihnen Hunderte von Hamsterern aus der Großstadt aufdrängten. Bald waren Wäsche- und Bekleidungsstücke so knapp, daß auch sie nur noch gegen Bezugscheine zu erhalten waren, und schließlich sahen sich die amtlichen Stellen genötigt, Rohstoffe aller Art einzuteilen und zurückzuhalten. An die Stelle der Goldstücke trat das Papiergeld. Es war kein Wunder, wenn der Alltag die Nerven verbrauchte. Der Ernst der Zeit legte es den Frauen auf, Ersatzwaren zu schaffen und herzustellen. Eine Krippe im Gasthaus „zum Hirsch" nahm vielen Müttern ihre Kleinkinder ab; diese wurden dort von erfahrenen Pflegerinnen betreut. Reiche Schätze an Wäsche und Spielsachen konnte man für die Kinder sammeln. Auch fanden ausgewiesene Elsässer im Ort gastliche Aufnahme. Lichtpunkte im schweren Dasein waren die Besuche der Urlauber von der Front und aus der Garnison oder die Dankgottesdienste für erfolgreiche Abwehr und errungene Siege. Freilich wurden den einzelnen Familien und der Gemeinde auch harte Opfer auferlegt. Im Laufe der Kriegsjahre hatte Fellbach viele und schwere Verluste an hoffnungsvollen und pflichtbewußten Gemeindegliedern zu beklagen; insgesamt sind 278 Kriegsteilnehmer gefallen und verstorben. Viele Kriegsgottesdienste waren zugleich Gedenkfeiern für die Gefallenen. Das Jahr 1918 steigerte die wirtschaftliche Not und seelische Bedrängnis und besiegelte das deutsche Schicksal. 

Der Zusammenbruch und die Folgen des verlorenen Krieges stellten die Gemeindeverwaltung vor weitere große Schwierigkeiten. Sie konnte, da das Geld seine Kaufkraft immer mehr einbüßte, den Verpflichtungen gegenüber Kriegshinterbliebenen, Erwerbslosen und notleidenden Rentnern kaum nachkommen. Die Geldentwertung zerstörte die Ersparnisse und Guthaben aller Volksschichten; die Stockungen im Zahlungsverkehr zwangen die Gemeinde, Notgeld herauszugeben. Die Versorgung mit Lebensmitteln, besonders mit Brot, Milch und Fleisch, blieb ungenügend; weite Kreise der Einwohnerschaft wurden im Evangelischen Vereinshaus gespeist. Erst die Einführung der Rentenmark im Jahre 1924 brachte bessere Verhältnisse und gestattete es, die Zwangswirtschaft aufzuheben. 

Die Jahre hernach 

Fellbach, das sich bis zum Kriegsende schon stark zur Arbeiterwohngemeinde hin entwickelt hatte, tat besonders schwer, weil steuerkräftige Betriebe damals noch am Orte fehlten. In jene Zeit fiel die Neuaufteilung des Oberamtsbezirks Cannstatt. Nach langen Verhandlungen wurde Fellbach bei der 1923 vollzogenen Auflösung des Oberamts Cannstatt, dem es seit dessen Bestehen angehört hatte, dem Oberamt Waiblingen zugeschlagen. Um die große Wohnungsnot zu bekämpfen, erstellte man 1928 die Siedlung „Im Traubengarten" mit 52 Eigenheimen und verteilte diese nach sozialen Gesichtspunkten an die Bewerber. Weitere Wohnblöcke für 20 Familien erstanden in der Endersbacher Straße, für 18 Familien in der Schwabstraße. Bis 1927 herrschte in der Gemeinde ein fühlbarer Wohnungsmangel. Als weitere Wohngebiete wurden damals der nördliche Ortsteil, die Schrebersiedlung und die Siedlung („Lindle", 1934) an der Funkerkaserne erschlossen. Man veränderte und erweiterte die Ortsbaupläne beständig und faßte dabei auch neue Industrieanlagen ins Auge. Im Jahre 1930 erschloß die Gemeinde das Industriegebiet zwischen Eisenbahnlinie und Schorndorfer Straße. Die Anlage neuzeitlicher, gewalzter, geteerter und asphaltierter Straßen und verbreiterter Gehwege verschlang in den Jahren 1910 bis 1930 gewaltige Geldmittel. In den Jahren 1910 bis 1925 legte man 43 000 Quadratmeter an Fahrbahnen, Gehwegen und Kandeln, in den folgenden Jahren bis 1933 sogar viermal so viele Quadratmeter ortsbauplanmäßig an. Dies läßt die Leistungen des Tiefbauamts und gleichzeitig den Aufschwung Fellbachs erkennen. Der Cannstatter Platz und der Stuttgarter Platz wurden nach neuen Gesichtspunkten umgestaltet. Um das Abwasser abzuleiten, verlegte man den Schüttelgraben bei einer Regulierung des Geländes im Osten von Fellbach in den tiefsten Einschnitt des Wiesentals. Das Abwasser, das in der 1928 erbauten Kläranlage gereinigt wird, läuft seitdem in die Rems. Nachdem somit eine durchgehende Wasserleitung vorhanden war und die Kanalisation nach allen Seiten erweitert werden konnte, stand der künftigen Ausdehnung des Ortes nichts mehr im Wege. 

An öffentlichen Bauten wurden im Jahre 1923 die St Johanneskirche als erste katholische Kirche, 1929 im nördlichen Ortsteil die Pauluskirche als zweite evangelische Kirche, 1930 die Frauenarbeitsschule erbaut, überdies die Kleinkinderschule durch einen Neubau in der Eberhardstraße ergänzt. Als der alte Friedhof nicht mehr ausreichte, legte man im Gewand „Kleinfeld" am östlichen Ortsrand den heutigen „Kleinfeldfriedhof" (1933) an. 

Gegenüber rund 1800 Haupt- und Nebengebäuden im Jahre 1910 gab es im Jahre 1933 fast 2700 Haupt- und Nebengebäude. In der gleichen Zeit vervierfachte sich der Wasserverbrauch, was sich vor allem aus der Zunahme der Bevölkerung und dem vermehrten Bedarf der Gärtnereien erklären läßt. Man stellte in dieser Zeit den Pumpbetrieb im Wasserwerk auf Elektrizität um, vergrößerte das Fassungsvermögen der Behälter auf dem Kappelberg und erweiterte das Leitungsnetz auf rund 30 Kilometer Länge. In gleicher Weise steigerte sich der Gasverbrauch. Fellbach schloß sich jetzt an die Ferngasversorgung von Groß-Stuttgart (1933) an; damit war eine großzügige Lösung für die Zukunft gefunden. Am stärksten, und zwar um das Siebenundzwanzigfache, schnellte der Verbrauch von elektrischem Strom empor, nämlich auf eine Million dreihundertachtzigtausend Kilowattstunden pro Jahr. Jm Jahre 1926 richtete man die elektrische Straßenbeleuchtung, zwei Jahre darauf eine elektrische Feuermelde- und Alarmanlage ein. Auch die Weingärtner machten sich manches Neue zu eigen, sie gingen zu Drahtanlagen in den Weinbergen über und bauten Leitungen für Nutz- und Regenwasser. Man verjüngte die Weinberge mit hochwertigen Reben, legte neue Wege im Weinbauland an und baute die Dorfkelter um. Ebenso wandte sich der Gartenbau Fellbachs zwischen 1919 und 1933 mit der Zucht von Topf- und Schnittblumen sowie Gemüse neuen Gebieten zu. Fast zur selben Zeit entstanden im Ort mehrere Geldinstitute, die nach der Festigung der Währung aufblühten, so die Genossenschaftsbank, die aus dem Darlehenskassenverein hervorging, die Zweigstelle Fellbach der damaligen Oberamtssparkasse Waiblingen und die Filiale Fellbach der Gewerbebank Waiblingen. Sie alle waren gemeinnützige Institute, die mit den Landwirten und Weingärtnern, Gewerbe- und Industriekreisen zusammenarbeiteten und für Bauzwecke namhafte Kredite hergaben. 

Fellbachs Wirtschaft wurde immer stärker mit der seiner näheren und ferneren Umgebung verknüpft, was den Verkehr stark anschwellen ließ. Da der Bahnhof für die gesteigerten Ansprüche nicht mehr ausreichte, erneuerte man ihn in den Jahren 1923 bis 1925 und stattete ihn mit einer Unterführung zu den Bahnsteigen sowie mit einem weiträumigen Güterbahnhof aus. Auch die damalige Reichspost hielt Schritt, als sie ihre beiden bisherigen Postämter vergrößerte und in der Stuttgarter Straße ein neuzeitliches Postgebäude errichtete. Als im Jahre 1929 die Linie 1 der Stuttgarter Straßenbahn 84 zwischen Fellbach und Cannstatt-Stuttgart eröffnet wurde, ging zwar der Personen- und Güterverkehr der Eisenbahn in Fellbach zunächst zurück; dafür war aber eine bequeme, rasche und billige Verbindung zwischen Fellbach und dem Räume von Groß-Stuttgart geschaffen. 

Im Jahre 1931 trat der Titel „Bürgermeister" an die Stelle der im Schwabenland angestammten Amtsbezeichnung „Schultheiß". Auf Schultheiß Brändle folgte Bürgermeister Dr. Max Graser, der am 16. April 1932 gewählt und am 4. Juni 1932 in sein Amt eingesetzt wurde. Er führte in dieser ersten Amtszeit die Geschicke Fellbachs tatkräftig in der von seinem Vorgänger vorgezeichneten Bahn weiter. Der Ort Fellbach, der damals die größte Landgemeinde Württembergs war und inzwischen einen durchaus städtischen Charakter angenommen hatte, wurde durch Entschließung des Württembergischen Staatsministeriums vom 14. Oktober 1933 zur Stadt erhoben. Mit einem Festzug und einem feierlichen Festakt beging die Gemeinde diese Erhebung am 29. Oktober 1933. Die Bevölkerung nahm an diesem Ereignis freudigen Anteil. Im Jahre 1934 wurde der Kirchgarten angelegt und mit Ruhebänken ausgestattet, wodurch die Umgebung der alten Dorfkirche, der Mittelpunkt des Ortes, ein würdiges Aussehen erhielt. Eine Gewerbe- und Gartenbauausstellung, Ende August 1935 von der Stadtverwaltung durchgeführt, gab 55 000 Besuchern einen Einblick in Leistung und Schaffen des örtlichen Gewerbes und Handels. Im Jahre 1936 beschlossen Bürgermeister und Gemeinderat, nach einem Entwurf von Stadtbaumeister Ulmer westlich des alten Friedhofs eine für Versammlungen und Veranstaltungen benutzbare Stadthalle zu bauen. Sie konnte dann, ausgestattet mit den neuesten technischen Errungenschaften, innerlich und äußerlich wohl gelungen, im April 1938 eingeweiht werden. Am 31. Dezember 1937 schied Dr. Graser aus dem Amt. Von da ab bis zum Jahr 1948 war er in der Industrie tätig, wo er lange Jahre leitende Posten innehatte. Sein Ausscheiden aus der Stadtverwaltung war einzig und allein auf die damaligen politischen Verhältnisse zurückzuführen. 

Politische Leidenschaft 

Im September 1930 hatten die Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl mit 823 Stimmen den dritten Platz nach den Kommunisten und Sozialdemokraten in Fellbach erreicht; bei der Gemeinderatswahl im Dezember 1931 stellten sie sich mit 1227 Stimmen an die Spitze der Parteien. In den beiden Wahlgängen um die Besetzung des Postens des Reichspräsidenten errang diese Bewegung in Fellbach im März 1932 zunächst 36%, im April 1932 dann 40%o aller abgegebenen und gültigen Stimmen. Im Laufe von drei weiteren Wahlen zum Landtag und Reichstag stieg ihr Anhang im gleichen Jahr auf 45% aller Wähler. Aus ihren Reihen kam Rechnungsrat Emil Adelhelm, der am 5. Januar 1938 als Burgermeister eingesetzt wurde, aber schon zu Beginn des Krieges das Rathaus verlassen und an die Front gehen mußte. 

Wie hoch die Wellen der politischen Leidenschaft während des sogenannten Dritten Reiches auch in Fellbach gingen und zu welchen Ausschreitungen es dabei - Gott sei Dank nur vereinzelt! - kam, mag noch folgende Begebenheit dartun: Am Palmsonntag, 10. April 1938, war Reichstagswahl - es war übrigens die letzte Wahl, die unter dem nationalsozialistischen Regime stattfand! Mit dieser Wahl zum Reichstag war die Zustimmung des deutschen Volkes zur Politik der Reichsregierung und dem von ihr vollzogenen Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich gekoppelt. Die Wahl selbst war zunächst ruhig verlaufen, bis es am Abend zu wüsten Ausschreitungen gegen Pfarrer Sturm von der katholischen Kirchengemeinde kam. Aber lassen wir Pfarrer Sturm selbst berichten. Er schrieb darüber in einem Brief:

„Ich selbst wählte kurz vor Wahlschluß im Evangelischen Vereinshaus. Ich begab mich dann nach Hause (Schwabstraße 90) und anschließend zu einer Abschiedsfeier ins Kolpinghaus nach Stuttgart-Bad Cannstatt. Als ich gegen 21.30 Uhr nach Fellbach zurückkam und das Pfarrhaus betreten wollte, fand ich dort alles beleuchtet. Die Türen waren auf und die Fenster eingeworfen. Im Garten stand ein großer Haufen, meist uniformiert (SA), berufen und geleitet von der örtlichen Parteiführung. Einer packte mich sogleich am Rock und schrie: „Was hast du gewählt!?" Ich selbst antwortete nichts. Dann wurde mir die Brille heruntergeschlagen. Von der Rotte wurde ich durch die Stadt geschleppt. Mit Füßen wurde ich getreten, mit Händen wurde mir ins Gesicht geschlagen. Ich wurde beschimpft, verhöhnt, angespien und so mißhandelt, daß ich vier- bis sechsmal auf dem Boden lag. Da es Nacht war und ich keine Brille mehr hatte und deshalb auch nur schlecht sehen konnte, weiß ich nicht, ob mich auch die Menschen an den Straßen beschimpft haben. Ich weiß nur, daß der Zug durch die Nägelestraße führte (am Haus des damaligen Mesners Favorat vorbei) und auch am evangelischen Pfarrhaus vorbei. Es gereicht Herrn Pfarrer Frohnmeyer auch heute noch zur Ehre, daß er vom evangelischen Pfarrhaus der Menge zurief, was sie denn da machten!? Er bekam nur zur Antwort, wenn er nicht ruhig sei, würden sie ihn auch herunterholen! - Schließlich landete ich gegen 23 Uhr im Arrestlokal im Rathaus in Fellbach, weil ich „gegen die Wut des Volkes geschützt werden" mußte. Ich mußte bis Montag früh 1.30 Uhr unter strenger Bewachung im Arrestlokal bleiben und wurde dann von zwei Polizeibeamten ins Pfarrhaus friedlich und ohne Belästigung zurückgebracht. Am Eingangstor des Pfarrhauses war zu lesen: „Betrieb geschlossen. Landesverräter verhaftet." Auf den Straßen der Stadt war noch wochenlang in großer Schrift zu lesen: ..Pfarrer Sturm Volksverräter" oder „Pfarrer Sturm Landesverräter". 

Soweit ich mich noch erinnere, war die organisierte Meute an jenem 10. April 1938 gegen 20 Uhr beim katholischen Pfarrhaus angerückt. Ich selbst war ja zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause. Nach der Schilderung meiner Hausgenossen wurden sämtliche Fenster im unteren Stock eingeworfen. Einer aus der Menge schlug an einem Fenster das Fensterkreuz ein, drang durch dieses zertrümmerte Fenster ins Haus und öffnete von innen die bis dahin verschlossene Haustüre. Dann wurde sofort das Telefon besetzt und das Pfarrhaus von mehreren Männern durchsucht. Man fahndete nach mir, weil man glaubte, ich hätte mich im Pfarrhaus versteckt. Im Verlauf der Durchsuchung wurden die Hausbewohner ebenfalls belästigt. Man schlug meine Schwester. Herr Vikar Reischmann wurde sogar blutig geschlagen. Ein Bild wurde zertrümmert. 

Die Männer, die bei dieser Aktion beteiligt waren, habe ich persönlich nicht erkannt. Bei den späteren Gerichtsverhandlungen, die nach Kriegsende von Amts wegen stattfanden und wobei manche Männer Gefängnisstrafen bis zu achtzehn Monaten erhielten, hatte ich kein Interesse, mich irgendwie an jemand zu rächen. Für mich als katholischen Geistlichen galt auch in diesem Fall das Gebot der Feindesliebe." 

Der zweite Weltkrieg 

Als der Rundfunk am 1. September 1939 dem deutschen Volk verkündete, im Osten hätten erste kriegerische Handlungen stattgefunden, nahm die Bevölkerung, in Erinnerung an die Opfer des ersten Weltkriegs, diese Botschaft mit großer Spannung und banger Sorge auf. Abermals wurden Männer vieler Altersklassen zum Wehrdienst aufgerufen. Ihr Abschied bereitete den Angehörigen und den ihnen nahestehenden Verwandten und Freunden schweren Kummer. In den ersten Kriegsjahren (1939/41) bezog die Ersatzabteilung einer Nachrichtentruppe in Fellbach Quartier; ihre Leute, die zum großen Teil keine Schwaben waren, wurden in der Stadthalle verpflegt und unterrichtet. In den Häusern und Familien fanden sie gastliche Unterkunft, und manch einer von ihnen wählte hier seine Lebensgefährtin. Den Daheimgebliebenen war eine große Verantwortung auferlegt. Greise, Frauen und arbeitsfähige Kinder schritten hinter Pflug und Egge her, bebauten die Weinberge und brachten die Ernte in Scheune und Keller. In besonderen Notfällen half die Nachbarschaft zusammen, war es doch in den ersten Kriegsjahren besonders wichtig, ausreichende Erträge zu erzielen. 

Die Stadtverwaltung, deren Tätigkeit mit der der NSDAP gekoppelt war, mußte mit einer verringerten Mitarbeiterzahl die wachsenden Aufgaben erfüllen. An Stelle des zur Wehrmacht einberufenen Bürgermeisters Adelhelm wurde im Juni 1940 der erste Beigeordnete Zimmermann zu seinem gesetzlichen Vertreter ernannt. Seit Kriegsbeginn erhielten Normalverbraucher und Schwerarbeiter auf dem Rathaus Karten zum Bezug von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Zugunsten der staatlich gelenkten Sozialfürsorge (NSV) verkauften Angehörige der Partei und des Roten Kreuzes Abzeichen. Die anfallende Menge der Milch mußte in das „Milchhäusle" geliefert und rationiert werden. Im Laufe des Krieges wurde die Ernährung immer knapper, weshalb die Landwirte als Selbstversorger immer häufiger den Angehörigen anderer Stände aushelfen mußten. Wieder griff, gleich wie im ersten Weltkrieg, die aus der Not geborene Hamsterei um sich. Wer es sich leisten konnte, suchte sich zusätzlich Lebensmittel zu beschaffen. Dem erneuerten Zusammenschluß der Weingärtner folgte dann im Mai 1940 der Bau der modern eingerichteten Genossenschaftskelter am Fuße des Kappelbergs. Die zum Teil recht guten Weinerträge wurden unter die Weingärtner, Weinhändler und Wirte aufgeteilt. Wein und Schnaps waren willkommene Tauschmittel. Gleichzeitig schränkten die Gärtnereien die Zucht von Blumen immer mehr ein und stellten sich auf Gemüsebau und Samenzucht um. Auch Industrie und Handwerk erzeugten seit Kriegsbeginn nur noch Güter für den Kriegsbedarf. Viele Frauen standen am Schraubstock und an der Drehbank. Im Kleingewerbe hemmte der Mangel an Rohstoffen und Werkzeugen die Arbeit. Als der Ausverkauf von Fertigwaren die Schaufenster des Kleinhandels immer mehr leerte und die Wünsche nach notwendigen Waren immer unerfüllbarer wurden, setzte der Tausch von Lebensmitteln gegen Sachwerte, besonders Kleider und Schuhe, Textilwaren und Haushaltsgegenstände, ein. 

Die Arbeiter in den Mittel- und Großbetrieben der Industrie waren in drei Schichten Tag und Nacht tätig. Unter ihnen befanden sich viele Dienstverpflichtete und auch Ausländer beiderlei Geschlechts, wie Polen, Ukrainer und Russen. Diese Leute, deren Mitarbeit sehr geschätzt war, hatten Quartiere in Wohnbaracken und durften ihre Freizeit nach eigenen Wünschen gestalten, unterstanden aber der örtlichen Polizei. Kriegsgefangene, besonders Franzosen, halfen in der Landwirtschaft mit. Sie waren im Sportheim (beim ehemaligen Sportplatz an der Untertürkheimer Straße) untergebracht, von wo sie morgens von Wachleuten zu den Arbeitsstätten geführt wurden. Die einheimische Bevölkerung verdiente zwar im Krieg ebenso viel Geld wie zuvor, konnte es aber, infolge der Rationierung aller lebenswichtigen Dinge, nicht voll ausgeben. Deshalb stieg in Fellbach während der sechs Kriegsjahre die Zahl der Sparkonten von 5800 auf 9200, die Summe der Einlagen von 5,7 auf 23 Millionen Reichsmark, die Bilanzsumme der Banken auf das Vier- und Fünffache gegenüber der Vorkriegszeit. Die private Bautätigkeit ruhte naturgemäß fast völlig. Nur Häuser, die bei Kriegsbeginn im Rohbau fertig waren, wurden vollendet. Die Stadtverwaltung ließ unter Leitung von Stadtbaumeister Richard Ulmer die Silcherschule erstellen, die Schule am alten Friedhof (jetzt Stauffenbergschule) weiter ausbauen und den Vorhof auf dem Kleinfeldfriedhof anlegen. 

Es war ein Glück für Fellbach, daß während der Kriegszeit elektrischer Strom in ausreichender Menge verfügbar war. Auch konnte das Gas vom Stuttgarter Werk noch lange bezogen und damit der Mangel an Brennmaterial überbrückt werden. Vom Jahre 1944 an störte der Ausfall von Nutz- und Leuchtgas manche Betriebe empfindlich; die Hausfrauen waren gezwungen, kleine Spar- und Kochherde mit Holzfeuerung zu benutzen. In dieser Notzeit lieferte der Holzeinschlag aus dem Fellbacher Gemeindewald für viele Familien das Brennholz. Da zahlreiche Wagen und Pferde samt Geschirr von der Wehrmacht beschlagnahmt und viele Autos stillgelegt waren, war auch der Verkehr stark behindert. Nur wenige, durch rote Winkel gekennzeichnete Kraftwagen blieben im Verkehr. Günstig war es, daß die Eisenbahnanlagen im wesentlichen nicht beschädigt wurden. Erfolgte ein Luftangriff auf den Hauptbahnhof von Stuttgart oder auf den Großraum der schwäbischen Landeshauptstadt, so bildete der Bahnhof Fellbach jeweils die Endstation für die aus dem Rems- bzw. dem Murrtal einlaufenden Züge. Während der Fliegeralarme erhielt man die Bahnanlagen mit blauem, abgeblendetem Licht betriebsfertig; auch die Stellwerke blieben besetzt. Bei akuter Gefahr eigneten sich die Geländeeinschnitte gegen Bad Cannstatt und Waiblingen als verhältnismäßig sichere Abstellplätze, die von Fliegern nur schwer gesichtet werden konnten. In der letzten Phase des Krieges wurden die Schienenwege durch Fliegerangriffe immer häufiger blockiert, der Verkehr von Personen- und Güterzügen immer mehr gedrosselt, so daß private Reisen nur noch schwer durchgeführt und Stückgüter oft kaum mehr befördert werden konnten. Auch die Post spürte die Auswirkungen des Krieges. Hier lag die mühevolle Arbeit in hohem Maße auf den Schultern der Frauen. Ihnen war es aufgetragen, den Dienst am Schalter abzuleisten, die tägliche Post zuzustellen und den umfangreichen Briefverkehr und Paketdienst zwischen Heimat und Front, zumal über Weihnachten, zu bewältigen. Besonders mühevoll war es, den Wohnungswechsel von Fliegergeschädigten ausfindig zu machen, ebenso beschwerlich, zweirädrige, mit Paketen beladene Postkarren auf den Bahnhof zu ziehen und die Postsendungen in die Postwagen zu verladen. Dankbar mußten die Einwohner von Fellbach dafür sein, daß ihnen die so unentbehrliche elektrische Straßenbahn im ganzen unversehrt erhalten blieb. Einzelne Schäden am Schienenstrang oder am Stromnetz betrafen glücklicherweise jeweils nur ein Stück der Strecke. Ebenso wie das wirtschaftliche Leben litt naturgemäß auch das gesellige und gesellschaftliche unter den Beschwernissen des Krieges. Die Angehörigen von Vereinen pflegten, soweit sie in der Heimat geblieben waren, in gelegentlichen Zusammenkünften die Kameradschaft. Sie standen aber vor allem in reger Verbindung mit ihren ausmarschierten Freunden. 

Die Luftangriffe 

Der zweite Weltkrieg griff viel härter und fühlbarer in das örtliche Leben ein als der erste. Zu dem Dutzend regulärer Polizeibeamter trat im Jahre 1942 eine aus der Bürgerschaft gebildete Stadtwache in Stärke von etwa zweihundert Mann, die den nächtlichen Streifendienst versah, die vorschriftsmäßige Abdunkelung aller Häuser überwachte und die Anlage der Landeswasserversorgung, die sich in der Flur Dreibrunnen im Fellbacher Waldgebiet befindet, in ihren Schutz nahm. Da Fliegerangriffe und damit Großbrände 2u erwarten waren, wurden über das ganze Stadtgebiet hin an vierzehn günstig gelegenen Platzen Löschwasserbehälter angelegt, z. B. in der Lutherstraße, in der verlängerten Schmerstraße sowie an der Ecke der Stuttgarter und der Ludwigsburger Straße. Weiträumige Keller wurden zu größeren, jedermann zugänglichen Unterständen umgebaut, so in der Vorderen und Hinteren Straße („Fellbacher Tagblatt" und „Off"). Außerdem errichteten viele Hausbesitzer einfachere Schutzräume, die im Ernstfalle die Bewohner gegen Bomben- und Granatsplitter schützen sollten. Als die Luftgefahr zunahm, stellte man eine ständige Feuerwehrbereitschaft auf, die in 13 Löschgruppen rund 150 Mann umfaßte. Ihr gehörten hauptsächlich Dienstverpflichtete und Angehörige älterer Jahrgänge an. Dazu kamen noch die in den größeren Betrieben errichteten Werkfeuerwehren. In Kursen und Übungen für den Selbstschutz wurden die Luftschutzhauswarte in der Frauenarbeitsschule ausgebildet; viele von ihnen griffen im Ernstfalle mutig zu und erstickten zahlreiche Schadenfeuer im Keime. Die Sanitäter vom Roten Kreuz leisteten bei Unglücksfällen erste Hilfe, führten Transporte in die Krankenhäuser durch und bezogen bei Fliegeralarmen den Hauptverbandsplatz im Keller der Neuapostolischen Kirche in der Wiesenstraße sowie weitere Stationen. 

Ein erster schwerer Angriff, der wohl den Daimler-Werken im benachbarten Untertürkheim zugedacht war, erfolgte in der "Nacht vom 26. zum 27. "November 1943 auf den alten, eng gebauten südlichen Teil von Fellbach. Brandbomben gingen in so großer Zahl nieder, daß zwanzig Wohnhäuser und fünfundzwanzig Scheunen vollständig ausbrannten, während zweiunddreißig weitere Gebäude stark beschädigt wurden. Der Gesamtschaden betrug annähernd zwei Millionen Mark. Als eine Sprengbombe den Hauptstrang der Wasserleitung in der Vorderen Straße zerstörte, mußte man das Löschwasser den Wasserbehältern und den früheren Schachtbrunnen, ja schließlich sogar dem Schüttelgraben entnehmen. Da die Fellbacher Löschgruppen die vielen Brandstellen nicht allein bekämpfen konnten, eilten ihnen weitere vierzig Löschgruppen aus den Kreisen Waiblingen, Gmünd und Backnang zu Hilfe. Durch die Explosion eines Flakgeschosses, das neben einer Feuerwehrgruppe einschlug, wurden ein Mann getötet und mehrere schwer verletzt. 

Während eines Luftangriffs auf Stuttgart in der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1944 erfolgte der nächste Luftüberfall auf Fellbach. Dabei entstanden erneut zahlreiche Brände, so in einem Dachstock in der Yorckstraße, in Schuppen und Scheuern an der Rommelshauser-, Karl- und Endersbacher Straße sowie im Holzlager des Zimmergeschäfts Oettinger an der Stuttgarter Straße. Der entschlossene und rasche Einsatz der Feuerwehr verhütete indessen eine größere Ausdehnung der Brände. Einem weiteren heftigen Angriff am Abend des 2. "März \944 fielen mehr als hundert Häuser und Scheuern zum Opfer. nfolge erheblicher Störungen in der elektrischen Leitung blieben viele Häuser tagelang ohne Licht und gewerbliche Betriebe ohne Kraftstrom. Nach einer gewissen Zeit der Ruhe wurden in der Frühe des 14. Oktobers 19-14 plötzlich die Motorengeräusche von zwei oder drei feindlichen Flugzeugen vernommen, die so rasch heranbrausten, daß kein Luftalarm gegeben werden konnte. Im selben Augenblick rasierte eine detonierende Luftmine zwei Häuser in der Stuttgarter Straße buchstäblich weg, deckte ringsum Dachstühle ab, drückte zahlreiche Wände und Fensterscheiben ein und forderte vier Menschenleben. Fünf Tage darauf stürzte ein von deutschen Soldaten abgeschossenes feindliches Flugzeug auf das Haus Nr. 21 der Vorderen Straße, in dem drei Menschen im Keller den Tod fanden, darunter ein Urlauber von der Front, der lange als vermißt gegolten hatte und erst am Tage zuvor heimgekehrt war. Der letzte Luftangriff auf Fellbach erfolgte am 9. Dezember 1944, wobei drei niedergehende Sprengbomben zwei Häuser völlig zerstörten und dreizehn Menschen das Leben raubten. 

Infolge der sich häufenden Einflüge feindlicher Maschinen, die im Frühling 1945 sogar einzelne Fahrzeuge und Fußgänger beschossen, wurde es in den Straßen immer stiller,- es schien ratsam, den Verkehr von Menschen und Fahrzeugen bei Tageslicht auf ein Mindestmaß einzuschränken. Selbst Trauerfeiern auf dem Friedhof wurden oft gestört, so daß die Trauergemeinde hinter Bäumen vor den Geschoßgarben der Flieger Deckung suchen mußte. 

Entschlossene Selbsthilfe 

Das Zusammenwirken von Luftschutzwarten, Feuerwehrleuten und Sanitätern ermöglichte es, aller Katastrophen Herr zu werden. Mancher von ihnen stand im Einsatz für andere, während sein eigenes Heim ein Opfer der Flammen wurde. Sobald Schäden an Dächern und Fenstern entstanden, machten sich Dachdecker und Glaser daran, sie soweit möglich, zu beseitigen. Nur entschlossener Selbsthilfe gelang es, auch in der Heimat trotz aller Einbußen durchzuhalten. 

Auch die Markung Fellbach wurde wiederholt von Fliegern angegriffen. Am 6. September 1943 bewarfen feindliche Flieger die Fluren Brühlwald und Dreibrunnen mit einem Dutzend Phosphorkanistern; doch konnten die Brandherde rasch gelöscht werden. Dagegen erlitt der Fellbacher Stadtwald im Frühjahr 1944 durch feindliche Luftminen schweren Schaden, als im Distrikt Birkenwald etwa vierzehn Hektar Mischwald vernichtet wurden. Weniger schlimm waren die Schäden am Kernenbuckel und in anderen Waldteilen, wo nur einzelne Brandbomben niedergingen. Das anfallende Splitterholz ließ sich nur als Brennholz verwenden, weshalb es manche Fellbacher Bürger auf eigene Faust nach Hause führten. Da Brennstoff inzwischen knapp geworden war, drückten die Stadtväter in diesem Falle ein Auge zu und ließen sie gewähren. Auch im Weinberggelände gingen vereinzelte Sprengbomben nieder, rissen zahlreiche Wurzelstöcke aus und richteten so erheblichen Schaden an. Zum Glück blieben Stabbrandbomben, die an anderer Stelle in freies Gelände fielen, ohne schlimme Wirkung. In einigen Fällen, bei denen wertvolle Futtervorräte in Flammen aufgingen, halfen die Landwirte einander aus, damit der Viehbestand geschädigter Berufsgenossen erhalten werden konnte. Wenn Ställe verstört waren, übernahmen die Nachbarn das Vieh in die eigenen Ställe. 

Schlimm waren die Verluste an Menschenleben und Sachwerten. Bis Kriegsende waren m Fellbach 137 Häuser völlig zerstört, weitere 200 Häuser schwer, 270 mittelschwer und rund 2000 leicht beschädigt, 37 Stück Großvieh waren getötet worden. Durch Fliegerangriffe kamen insgesamt 21 Fellbacher Bürger ums Leben, 2 davon beim Feuerwehreinsatz in Stuttgart. Schwerer noch wogen die Blutopfer, welche die Fellbacher Familien durch den Tod von Angehörigen bringen mußten. Schon der erste September 1939 hatte das Leben zweier aus Fellbach stammender Panzersoldaten gefordert. Die viereinhalb Jahre blutigen Ringens rafften 465 von Fellbach ausmarschierte Angehörige der Wehrmacht hinweg; 49 starben in der Gefangenschaft und in der Heimat an Verwundungen und Krankheiten. 138 vermißte Soldaten und Zivilisten wurden überdies von Gerichten und vor dem Standesamt für tot erklärt, 391 Schicksale sind ungeklärt. 

Der Zusammenbruch 

Je länger, je mehr lastete der Krieg schwer auf Front und Heimat. Um die Bevölkerung in ihrem Sinne zu beeinflussen, bediente sich die Parteileitung wie anderen Orts unermüdlich der örtlichen und überörtlichen Presse zu Berichten über angebliche deutsche Erfolge. Sie verstand es, auch die Niederlage von Stalingrad, die eine klare Kriegswende zu unseren Ungunsten bedeutete, zu verschleiern. Da Tageszeitungen keine Verlustlisten veröffentlichen durften, konnte der einzelne Bürger die wirkliche Höhe der Blutopfer, die täglich an der Front und in der Heimat gebracht wurden, kaum ermessen. Aus begreiflichen Gründen fiel es jedoch der örtlichen Parteileitung von Jahr zu Jahr schwerer, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und ihr Abrücken von den Ideen der Partei zu verhindern. 

Die Erkenntnis, daß weitere Anstrengungen vergeblich seien, setzte sich in der Bevölkerung immer mehr durch. Als am Ende des Krieges auf Befehl der Partei noch Panzersperren errichtet werden sollten, lehnten die Fellbacher diesen Akt der Verzweiflung ab. Beim Näherrücken des Feindes floh der amtierende Bürgermeister Zimmermann mit den Funktionären der Partei in der Nacht vom 19. auf 20. April 1945 aus Fellbach. Damit erloschen der Einfluß und die Macht der Partei. Vom gleichen Tage an leitete Stadtamtmann Steimle die Geschäfte der Stadtverwaltung. Ober die Ereignisse dieser Tage berichtet Egid Fleck: 

„Als offensichtlich die letzten Kriegstage anbrachen, sah man immer wieder kleinere, müde und bedauernswerte Trupps von deutschen Soldaten aller Waffengattungen, aus westlicher, nordwestlicher und nördlicher Richtung kommend, durch Fellbach ziehen. Sie wollten alle den sinnlosen Befehl, sich süd- und südostwärts abzusetzen, noch pflichtgemäß ausführen. Klägliche Reste von ehemals gut ausgerüsteten Munitions- und Verpflegungstrossen ,zottelten' durch die Straßen. Leichtere Panzerkraftwagen, die keinen Treibstoff mehr hatten, wurden von starken Bauernpferden oder vierspännig von Ochsen zurückgeschleppt. In der Nacht vom Samstag, dem 21. April, auf Sonntag, den 22. April 1945, wurde der Ostrand der Stadt, vor allem zwischen der Eisenbahnlinie und der Schorndorfer Straße, durch amerikanische Artillerie von Waiblingen her mehrere 92 Stunden lang stark beschossen. Der dadurch angerichtete Sachschaden blieb gottlob gering auch wurden keine Personen verletzt. Als zwischen sieben und halb acht Uhr früh am vorgenannten Sonntag der erste Jeep der Amerikaner mit vier Mann Besatzung von Waiblingen her am Stuttgarter Platz vorbeifuhr, waren dort gerade einige ,stahlhelm-bewehrte' Feuerwehrmänner in blauer Uniform nach ihrer nächtlichen Bereitschaftswache auf dem Heimweg. Die vier Amerikaner wollten wissen, ob etwa Waffen-SS, für deren Soldaten die Feuerwehrmänner gehalten wurden, sich noch in Fellbach aufhalte. Ein gerade dort anwesender Fellbacher, ein Hilfspolizeibeamter in Zivil, der schnell sein vor mehr als zwanzig Jahren erlerntes Schulenglisch in Gedanken zusammensuchte, konnte demonstrieren, daß es sich nur um harmlose "firemen" handle. So wurde Fellbach, ohne eigentliche Kampfhandlungen in seinem Stadtgebiet, und ohne daß weiße Fahnen ausgesteckt wurden, von den amerikanischen Truppen übernommen. Gegen Mittag zogen dann größere Abteilungen der zukünftigen Besatzungsmacht ein, die immer wieder - wohl um sich selbst mehr Mut zu machen - ein paar Salven aus ihren Maschinenpistolen die Straßenzüge entlang pfeifen ließen." 

Schon vor dem Einmarsch hatte sich die Ordnung im Ortsbereich gelockert. So brachen bereits einige Tage vor der Besetzung plündernde Ausländer, die in der Ziegelei untergebracht waren, in den westlich des Fellbacher Bahnhofs gelegenen Weinkeller der Firma Rilling, Bad Cannstatt, ein. Dieser enthielt 720 Eimer Wein und lag im Gebäude der Firma Eitle in der Eisenbahnstraße. Auch nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen wurden die Plünderungen dort noch fortgesetzt. Inzwischen gesellten sich auch teils in Fellbach, teils in der Umgebung wohnende Deutsche zu den Ausländern. 

Die Übergabe 

Über die letzten Vorgänge dieser Tage berichtet Stadtoberamtmann Steimle.- „Am Sonntag, dem 22. April 1945, um 15 Uhr, sind die Amerikaner, von Waiblingen kommend, in Fellbach eingezogen. Ich habe die Stadt vor dem Rathaus an sie übergeben. Die städtische Polizei wurde sofort entwaffnet und mußte sich in Zivil umkleiden; die Wohnungen der Bürger wurden nach Waffen und Kriegsmaterial durchsucht. Ich nahm die verschiedenen Befehle der Amerikaner entgegen; daran schlössen sich Besprechungen vor dem Rathaus und in der Polizeiwache, die bis gegen Abend dauerten. Auf Anordnung der Besatzungstruppen mußten die Einwohner bis zum Sonntagabend sämtliche Waffen einschließlich der Munition, alle Radio- und Fotoapparate sowie manches andere in einem gegen die Hintere Straße gelegenen Schulraum der Lutherschule abliefern. Wir hatten einen Wachposten in Zivil zu stellen, der aber ohne Warfen und ohne irgendwelchen Schutz war. Während dieser Zeit kamen Fabrikant "Karl Wörner, der Mitinhaber der Brotfabrik Gebrüder Wörner, und seine Tochter auf Fahrrädern vor dem Rathaus an und berichteten, daß russische Zivilarbeiter die Fabrik plünderten und Mehl sowie Zwieback entwendeten. Auf meine Bitte an den amerikanischen Befehlshaber, hier doch helfend einzuschreiten, erklärte mir dieser, er werde gegen die Russen nicht einschreiten, weil diese Verbündete der Amerikaner seien. Kurze Zeit darauf kam Fabrikant Wörner wieder und brachte seinen Kraftfahrer Ludwig Allgaier mit, der von den Plünderern bei der Gegenwehr in Achsel und Hals gestochen worden war. Auf meine erneuten eindringlichen Bitten entsandte dann der amerikanische Offizier einen Leutnant mit einem Sturmgeschütz und Bedienung zur Brotfabrik; doch kam dieser bald wieder zurück und berichtete, daß er nichts unternommen, auch nicht geschossen habe, da sich auch Einheimische unter den Plünderern befänden. Im Verlaufe des Abends wurden mir noch weitere Plünderungen gemeldet. Ich fragte daher den zuständigen Offizier wiederholt, ob und wie wir uns gegen die Plünderer wehren dürften, und ob dies mit Stöcken und Prügeln gestattet sei. Dieser erklärte mir schließlich, daß wir zur Abwehr nur gewöhnliche Stöcke, dagegen keine Waffen und keine scharfen und spitzen Gegenstände verwenden dürften. Nach Eintritt der Dunkelheit kam der Wachposten zu mir und teilte mir mit, ausländische Zivilarbeiter französischer und russischer Nationalität plünderten das Sammellager, und er stehe diesem Treiben machtlos gegenüber. Die Amerikaner hatten sich bei Eintritt der Dunkelheit nach Rommelshausen zurückgezogen und uns unserem Schicksal überlassen, so daß wir gegen die Plünderung des Sammellagers nichts unternehmen konnten. Zu später Stunde wurde ich wegen eines amerikanischen Soldaten auf die Polizeiwache gerufen, der ,a pistol' und ein Andenken haben wollte. Da er ein Mann von großer und kräftiger Gestalt war, versprach ich ihm die Erfüllung seiner Wünsche, wenn er mich zum Sammellager begleite und die plündernden Ausländer vertreibe. Er sagte das auch zu. Als wir vor dem Schulgebäude ankamen, fanden wir vor und in dem Lager der Lutherschule ausländische Arbeiter, die sich Waffen und alle möglichen anderen Gegenstände aussuchten und herausholten. Mein amerikanischer Begleiter sprang auf den vorgebauten Luftschutzausgang und forderte die Plünderer auf, in ihr Lager zu gehen. Als seine Aufforderung mißachtet wurde, gab er einige Schreckschüsse in die Luft und in den Schulraum ab, worauf die Missetäter Reißaus nahmen. In dem Lager waren Warfen, Fotos, Radioapparate und anderes meterhoch gestapelt und durcheinander geworfen. Der Amerikaner forderte mich und meinen Begleiter auf, uns sofort selbst mit Waffen und Munition zu versehen, damit wir uns bei einer etwaigen Rückkehr der Plünderer verteidigen könnten. Nun suchte sich der Amerikaner einen ganzen Arm voll Wertgegenständen aus dem Haufen zusammen und begab sich, da die Ausländer nicht mehr erschienen, zur Polizeiwache im Rathaus, wo wir ihm seine Sachen zusammenpackten und den Weg nach seinem Standort Rommelshausen zeigten. Am Montag früh begab ich mich während der Sperrstunde wieder zum Sammellager, stellte dort erneut einen Zivilposten auf und bemerkte mit Befriedigung, daß inzwischen zwei amerikanische Sturmgeschütze vor dem Lager aufgefahren waren.  

Die Plünderungswelle ging noch weiter. So sah ich am Montag, dem 23. April, von der Lutherkirche aus, wie sich eine Menge Menschen vor dem Schuhgeschäft Hagmaier in der Bahnhofstraße drängte und aus dem Laden Schuhe herausholte. Ich war mir sofort darüber klar, daß auch diese Plünderer zu den rund 1 300 ausländischen Zivilarbeitern gehörten die in der Mehrzahl Russen und Polen, in der Minderzahl Franzosen und Italiener waren. Während über die deutsche Bevölkerung eine Ausgangssperre verhängt war durften es sich die Ausländer als Verbündete der Amerikaner gestatten, dieses Verbot zu überschreiten. 

„Männer heraus!" 

Die anwesenden Amerikaner versagten sich meiner wiederholten Bitte, doch gegen die Raubzüge einzuschreiten. Als ich mich darauf mit meinem Dolmetscher und dem damaligen Polizeihauptmann Schwend bei offenen Fenstern über geeignete Abhilfemaßnahmen unterhielt, winkte eine Frau aus dem gegenüberliegenden Gebäude und bedeutete uns, daß Ausländer mit Schußwaffen vor der Polizeiwache seien. Da ich weder Stock noch Prügel vorfand, trat ich, von einigen Polizeibeamten in Zivil begleitet, vor das Rathaus und sah in der Pfarrstraße einen Ausländer mit einem Revolver in der Hand hantieren. Beherzte Männer drangen auf meinen Ruf trotz der Sperrstunde heran und entwaffneten den Mann. Als wir zur selben Zeit mehrere Ausländer, mit Schachteln beladen, die Cannstatter Straße herunterkommen sahen, forderte ich die herumstehenden Männer auf, sich gleich mir weiße Armbinden anzulegen und den auf uns zukommenden Dieben die gestohlenen Sachen abzunehmen, was beides sofort geschah. Ich war mir bewußt, daß wir uns vor weiteren Plünderungen nur durch Selbsthilfe retten konnten. Deshalb nahm ich einen Prügel und rief mit den Worten: ,Männer heraus!' die Einwohner zur Selbstverteidigung auf. Hauptmann Schwend schickte ich mit einigen weiteren Polizeibeamten in den südlich vom Rathaus gelegenen Stadtteil, während ich selbst die Säuberung des Teils nördlich vom Rathaus übernahm. Anfangs waren es nur wenige beherzte Männer, die unter dem ständigen Ruf: ,Männer heraus!' mit mir die Cannstatter Straße hinunterstürmten. Im Laden des Bekleidungshauses Ernst Seibold trafen wir die ersten Plünderer. An ihnen zerschlug ich meinen ersten Prügel. Je weiter wir die Cannstatter Straße hinausgelangten, desto mehr Fellbacher Männer schlössen sich uns an, darunter der damals schon ältere Friedrich Simon und verschiedene jüngere Leute. An allen Ecken und Enden stöberten wir Plünderer auf, die ihre Beute wegwarfen und das Weite suchten. Sogar in dem Luftschutzstollen an der Schorndorfer Straße suchten manche von ihnen Zuflucht. Wer von uns eingeholt wurde, konnte sich nicht darüber beklagen, zu wenig Prügel bekommen zu haben. Während ich weitere Männer herausrief, gelangten wir in die äußere Bahnhofstraße. Verschiedene Helfer, die mit Spaten, sogar mit einem Beil, anrückten, mußte ich zurückweisen, da uns solche Verteidigungsmittel verboten waren. An der Kreuzung zwischen Bahnhof- und Auberlenstraße schickte ich einen Teil der Männer zum Bahnhof, während die übrigen mit mir durch die Auberlen- und Ludwigsburger Straße zum Güterschuppen vordrangen. Hier empfing uns ein Hagel von Steinen, Eisenbrocken und anderen Wurfgeschossen, so daß wir zunächst bis zur Auberlenstraße zurückgehen mußten. Meiner Aufforderung folgend stürmten einige jüngere Männer mit ,Hurrah' an meiner Seite bis zum Alteisenhaufen der Firma Stern & Müller in der Eisenbahnstraße vor. Dabei mußten wir mehrmals in Deckung gehen oder uns auf den Boden werfen, damit wir nicht getroffen wurden. Sprungweise gingen wir vor, während sich die meisten Ausländer langsam zurückzogen oder in einem Schuppen von Stern & Müller verkrochen. 

Blutige Zusammenstöße 

Als wir weiter vorgingen, bemerkte ich, daß einige Einwohner eines Nachbardorfes aus dem Keller der früheren Weinhandlung Adler Wein herausholten und in Fässer füllten. Ich brandmarkte sie als Diebe und jagte sie davon. Wir verfolgten die Ausländer, die über das Bahngeleise in ihr Lager in der Ziegelei zurückgingen. Ich ermahnte unsere Männer, sich nicht über das freie Gelände der Gleisanlagen, sondern nur in Deckung des Fußsteges vorzuwagen. Mein kleiner Trupp stieß bis zur Ziegelei vor, in der rund tausend Personen untergebracht waren. Aus dem Lager rückten nun Hunderte von Ausländern heran, teils mit Steinen, teils mit Waffen ausgerüstet, die sie tags zuvor aus dem Sammellager gestohlen hatten. Als sie unseren Trupp am Fußsteg und die anderen über die Bahnlinie vorgehenden Fellbacher beschossen und mit einem Steinhagel übersäten, mußten wir der Übermacht weichen. Bei diesem Rückzug wurden mehrere unserer Leute, die nicht in Deckung gingen, von Steinen getroffen, darunter ein Einwohner so schwer, daß er lange arbeitsunfähig war und vorzeitig invalidiert werden mußte. Ober die Bahnlinie zogen wir uns auf das Gelände an der Eisenbahnstraße zwischen den Firmen Stern & Müller sowie Eitle zurück. Dabei wurde ein Eisenbahnbeamter, der das Bahngeleise ohne Deckung überquerte, durch einen Gewehrschuß vom Ausländerlager her so schwer verwundet, daß er wenige Tage später im Krankenhaus verschied. 

Als sich inzwischen ein großer Teil der Fellbacher Männer trotz der Ausgangssperre auf die Beine gemacht hatte und zu unserer Unterstützung herbeigeeilt war, entwickelte sich ein heftiger Kampf mit russischen Arbeitern. Ein jüngerer Mann aus Fellbach wurde im Nahkampf getötet, ein anderer von den in einem Schuppen versteckten Russen rücklings überfallen und mit Backsteinen totgeworfen. Während dieses Kampfes wurde ich nach 12 Uhr mittags zu amerikanischen Offizieren auf den Stuttgarter Platz gerufen. Sie machten mir wegen der Vorkommnisse ernste Vorwürfe und wollten mich mitnehmen. Doch weigerte ich mich mitzugehen, erklärte ihnen den Sachverhalt und betonte, daß der kommandierende Offizier am Tage zuvor auf meine wiederholten, ausdrücklichen Fragen gegen diese Art der Selbstverteidigung nichts eingewendet habe. Auf ihre Fragen gab ich an, daß es bis jetzt auf deutscher Seite zwei Tote und einige Schwerverletzte gegeben habe, während von den Ausländern niemand ernstlich verletzt sei, worauf sie sich zufrieden gaben. Die amerikanischen Offiziere ordneten an, daß die Straßen bis ein Uhr mittags gesäubert sein müßten und daß sich niemand mehr zeigen dürfe. Andernfalls würde man mich zur Rechenschaft ziehen und weitere Maßnahmen gegen die Stadt verhängen. Etwa um ein Uhr kam, wie angekündigt, ein hoher Offizier (nach meiner Erinnerung ein Oberst) zu mir auf das Rathaus, der sich meinen Tatsachenbericht über die Vorgänge des Tages anhörte und dann wieder abfuhr. Die Wirkung dieser Ereignisse war, daß die ausländischen Zivilarbeiter tagsüber nicht mehr zu plündern wagten. Die Einwohner wurden von Mund zu Mund aufgefordert, ihre Häuser nachts gut zu verschließen. In verschiedenen Straßen bildeten sich Wachkommandos, wobei sich mehrere Männer nachts in einem Gebäude zusammenfanden, um im Falle von Einbrüchen ausländischer Arbeiter den Bedrohten zu Hilfe eilen zu können". 

Die Tage des Umsturzes brachten auch anderen Betrieben Aufregung und Schaden. Bei der Firma Mahle in der Schaflandstraße ging es besonders schlimm zu. Ausländer, die dort beschäftigt gewesen waren, vernichteten die Einrichtungen in Kantine, Küche und Büros vollständig, wobei ihre Zerstörungswut keine Grenzen kannte. Auch im Stadtteil Lindle richteten Ausländer, die in der Funkerkaserne untergebracht waren, erheblichen Schaden an, indem sie aus der Schweinemästerei Eugen Wohlfahrt in der Sonnenbühlstraße sämtliche Schweine entwendeten. Leider wurden in den Tagen des Umsturzes acht Fellbacher Bürger umgebracht, wobei Ausländer als Täter ermittelt werden konnten. Die Verhältnisse blieben im Jahr 1945 weiterhin unsicher; so wurde im September ein Ehepaar auf dem Gelände der Kläranlage ermordet, ohne daß man die Verbrecher ausfindig machen konnte. Immer noch erfolgten in dieser Zeit viele Einbrüche im Ort und Diebstähle auf den Feldern. 

Bis zum 8. Mai 1945 hielt sich eine amerikanische Besatzung in Fellbach auf. Nachdem sie sich nach Waiblingen zurückgezogen hatte, besetzten die Franzosen den Ort und stationierten hier eine marokkanische Truppe von einigen hundert Mann, die sie geschlossen in Privathäusern am Cannstatter Platz unterbrachten. Offenbar waren sowohl die Amerikaner wie die Franzosen der Meinung, Fellbach sei ein Vorort von Stuttgart. 

Fellbach wird Vorort 

Die Bürgerschaft mußte die verschärften Ausgehverbote der neuen Besatzungsmacht genau beachten. Wegen geringer Verstöße gegen ihre Weisungen wurden viele Einwohner im Ortsarrest eingesperrt. Auch mußte die Bevölkerung erhebliche materielle Opfer bringen; so waren z. B. Möbel, Bettzeug, Wäsche, Schuhe und Hüte sowie Hühner abzuliefern. Ferner hatte jede Familie mindestens einen Anzug, jeder Parteigenosse das  Doppelte an die Franzosen abzugeben. Da Fellbach auch politisch an Stuttgart angeschlossen wurde, umstellte die Kriminalpolizei der Hauptstadt Mitte Juni 1945 überraschend das Rathaus, erklärte Fellbach zum Vorort von Stuttgart und setzte einen Bezirksvorsteher auf dem Fellbacher Rathaus ein. In den wenigen Wochen, während derer dieser neue Zustand galt, nahm die Polizei, in der Regel völlig willkürlich und jeweils auf mehrere Wochen, 150 Fellbacher Bürger in Gewahrsam. Dagegen wurden die Marokkaner im großen ganzen in Zucht und Ordnung gehalten, so daß es zu keinen nennenswerten Ausschreitungen kam. Schon nach Verlauf von einem Monat kehrte Fellbach in den Kreis Waiblingen zurück, was vor allem der tatkräftigen Unterstützung von Landrat Anton Schmid und Innenminister Ulrich zu verdanken war. Am 9. Juli 1945 lösten amerikanische Truppen die französische Besatzung ab. Die Einwohner atmeten auf, weil die Beschlagnahmen und Ablieferungsvorschriften der Franzosen gleichfalls aufgehoben wurden. Die schwarzen Truppen sah man mit Freuden abziehen. Der Ort erhielt rasch eine größere Selbständigkeit zurück. In der Ludwigsburger Straße errichteten die Amerikaner eine Kommandantur, die in der Adler-, Jahn-, Schwab-, Beethoven-, Mozart- und Bahnhofstraße zahlreiche Wohnhäuser als Quartiere für die Truppe beschlagnahmte. Eigentümer und Mieter mußten ihre Wohnungen binnen kurzer Frist räumen. Sie durften am 12. Dezember 1945 nach dem Abzug der Besatzung vorübergehend in die freigewordenen Räume zurückkehren. Dann bezogen von Pfingsten 1946 bis zum Jahre 1948 Angehörige der U.N.R.R.A. (d. h. der Vereinigung der Vereinten Nationen zur Hilfe und Rehabilitierung) und danach Angehörige amerikanischer Einheiten wieder den größeren Teil dieser Häuser. 

Die Ordnung kehrt wieder 

Mit der ersten amerikanischen Besatzung kam Alfons Meyer aus Waiblingen, der von der Militärregierung als Bürgermeister in Fellbach eingesetzt wurde, hierher. Am 29. Mai 1945 berief er einen aus 14 Mitgliedern bestehenden Kommunalbeirat, in den die Angestellten und die freien Berufe je einen, die Bauern und Weingärtner insgesamt zwei, die Arbeiter drei, Gewerbe, Handel und Industrie zusammen sieben Vertreter entsandten. Nach kurzer Amtszeit wurde Alfons Meyer von seinem Amt in Fellbach abberufen, um bei einer Stuttgarter Behörde verwendet zu werden. An seine Stelle trat am 15. Juli 1945 Heinrich Schnaitmann. Er bestellte einen fünfzehn Mitglieder umfassenden Stadtrat, in dem Angestellte und Beamte zwei, Bauern und Weingärtner drei, Arbeiter fünf, Gewerbe, Handel und Industrie ebenfalls fünf Stimmen hatten. Als die Bürgerschaft am 27. Januar 1946 erstmals wieder geheim und frei wählen durfte, zogen neun Mitglieder der CDU, acht Mitglieder der SPD, sechs Angehörige der „Freien Wählervereinigung" und ein Vertreter der KPD, zusammen vierundzwanzig Abgeordnete, in den Stadtrat ein. Am 13 März 1946 wurde Bürgermeister Heinrich Schnaitmann durch die Wahl der Bürger auf zwei Jahre in seinem Amt bestätigt. In den Jahren 1945 bis 1948 lasteten die Folgen des Krieges besonders schwer auf der Bevölkerung und Stadtverwaltung. Viele Einwohner hatten Wohnung und Ausstattung verloren. Groß war die Zahl der Witwen und Waisen wie der ihrer Kinder beraubten Eltern. Überdies fehlte es noch immer an ausreichender Nahrung und natürlich auch an den meisten Gütern des täglichen Bedarfs. Die Stadtverwaltung verfügte nicht mehr über die erforderliche Zahl fachlich geschulter Mitarbeiter, besaß keine Strafgewalt bei ihren Amtsgeschäften und unterlag in ihrer Arbeit der Kontrolle der Besatzungsmacht. 

Nach all diesen Erlebnissen in Krieg und Umsturz war es kein Wunder, wenn das gegenseitige Vertrauen in hohem Maße geschwunden, der Sinn für die Gemeinschaft in weiten Kreisen verloren gegangen war. Überdies fehlte vielerorts das Verständnis für Anordnungen höherer Stellen, zumal in steuerlichen Dingen. Der neue Anfang war darum bitter schwer, dennoch mußte man mit festem Mut und starkem Willen an die dringenden Aufgaben herangehen. 

Vom Jahre 1945 an kehrten allmählich die Wehrmachtsangehörigen, deren Truppenteile sich ordnungsgemäß hatten auflösen können, oder die das Glück hatten, frühzeitig aus den Gefangenenlagern entlassen zu werden, in die Heimat zurück. Wie viele Tränen der Freude vergossen die Angehörigen, denen ihre Väter, Söhne und Brüder wiedergeschenkt wurden, aber wieviele alte Wunden bluteten erneut in den Herzen jener, deren Verwandte gefallen und vermißt waren oder noch nicht aus der Gefangenschaft heimkehren durften! 

Zu gleicher Zeit kamen immer neue Scharen von Flüchtlingen, die Fellbach zugewiesen wurden. Die Einwohner mußten noch enger zusammenrücken, damit Heimkehrer, Fliegergeschädigte und Flüchtlinge eine erste, oft notdürftige Unterkunft fanden. Das im Jahre 1942 errichtete Wohnungsamt, das allen verfügbaren Raum erfassen sollte, mußte nach Kriegsende vergrößert werden. Viel Geduld und gegenseitiges Verständnis war notwendig, wenn man auf engstem Raum zusammenwohnen und oft gemeinschaftlich in einer Küche kochen sollte. Wo sich Störungen und Übelstände in einer Hausgemeinschaft ergaben, mußten die zuständigen Beamten besonders behutsam vorgehen. 

Der Gemeindeverwaltung standen in den ersten Nachkriegsjahren keinerlei öffentliche Gelder zur Verfügung, mit denen sie Neubauten hätte errichten können. Trotzdem gelang es privaten Bauherren, meist aus dem Bauern- und Weingärtnerstand, in den Jahren von 1945 bis 1947 insgesamt 205 neue Wohnungen zu erstellen. 

Das öffentliche Leben mußte in jener Zeit auf vielen Gebieten von den Erinnerungen an die Vergangenheit gereinigt werden. Neue Benennungen von Gebäuden, Plätzen und Strafen wie Stadthalle, Stauffenbergschule, Stuttgarter Platz, Mozart- oder Johann-Sebastian-Bach-Straße ersetzten die Bezeichnungen aus der nationalsozialistischen Ära. Für kurze  Zeit wurden nach dem Zusammenbruch verkehrsreiche Straßen und ein wichtiger Platz von Amts wegen nach jenen Leuten umbenannt, die seinerzeit von den Amerikanern und Franzosen bestimmt worden waren, die Geschicke der Stadt zu lenken. So mußte sich z. B. der „Stuttgarter Platz" im „Dritten Reich" die Umbenennung in „Adolf-Hitler-Platz", dann (1945) in „Alfons-Meyer-Platz" gefallen lassen, bis er schließlich wieder seinen altvertrauten Namen erhielt. Auch die altgewohnten Grußformen wie „Grüßgott" und „Gute Nacht" bürgerten sich im Jahre 1945 rasch wieder ein. Selbst die alte Sitte, daß sich Brautzüge in feierlicher Form durch die Straßen zur Kirche und von dort zum Hochzeitsschmaus ins Gasthaus bewegten, kam wieder auf. Dagegen blieben die Leichenzüge, die seit Menschengedenken die Straßen durchzogen hatten, infolge des starken Verkehrs endgültig aus diesen verdrängt. 

Viel Unruhe brachte in jene Jahre die sogenannte Entnazifizierung, in deren Verlauf viele Männer und Frauen unter Anklage gestellt, in Haft genommen und ihrer Ämter enthoben wurden. Die wirtschaftliche Lage zwang auch dazu, daß nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen sowie erwachsene Söhne und Töchter sich nadi Arbeit und Verdienst umsahen. In solchen Fällen konnten berufstätige Mütter ihre Kinder in den Kinderkrippen im Evangelischen Vereinshaus oder im Städtischen Tagheim in der Wiesenstraße unterbringen. Freilich gab es auch viel unerwartete Freude, wenn zum Beispiel Verwandte und Freunde aus Übersee Liebesgaben und Pakete mit nahrhaftem Inhalt schickten und dadurch ihre Verbundenheit mit der alten Heimat bezeugten. Je mehr sich die Zeiten nach 1945 und besonders nach 1948 besserten, desto mehr kehrte man zu den herkömmlichen Hausschlachtungen zurück, bei denen das zur Winterszeit geschlachtete Schwein nach alter Fellbacher Sitte nicht gebrüht, sondern gebrannt wird. Anzeigen von Metzelsuppen, die den Vermerk „Vom gebrannten Schwein" trugen, ließen die Erinnerung an vergangene Tage wieder wach werden (siehe auch Seite 250). 

Nach dem Umsturz bildeten sich allmählich die verschiedenen politischen Parteien, die Gewerkschaften und Berufsorganisationen sowie die Vereinigungen wieder, die sich wie einst der Pflege von Geselligkeit und Bildung, Sport, Spiel und Gesang sowie der Diskussion wirtschaftlicher und anderer Fragen widmeten. Dabei wurde in vielem an alte Überlieferungen angeknüpft, schrittweise fand man das gegenseitige Vertrauen wieder, und schließlich kehrte auch das Verständnis für die Belange der Gesamtheit zurück. 

Die Gemeinderatswahl vom 7. Dezember 194 7, an der sich 75% der Stimmberechtigten beteiligten, brachte keine nennenswerte Verschiebung der politischen Kräfte. Am 21. März 1948 fiel die Entscheidung bei der Bürgermeisterwahl, für welche der bisherige Amtsträger Heinrich Schnaitmann und der ehemalige Amtsinhaber Dr. Max Graser kandidierten. Bei einer Wahlbeteiligung von 81%o entschieden sich mehr als 85% der abstimmenden Bürger für Dr. Graser, der von seiner früheren Tätigkeit in Fellbach her die Wertschätzung und das Vertrauen der Einwohner genoß. Da eine Währungsreform nahe bevorstand, war es für den neuen Stadtvorstand keine leichte Aufgabe, gerade in diesem Augenblick die Verantwortung für das künftige Wohl der Stadt wieder auf sich zu nehmen. Am 27. April 1948 wurde er in sein Amt eingeführt. 

Von der Währungsreform bis heute 

Seit Mai 1948 gestattete die Besatzungsmacht dem Verlag Conradi, ein Anzeigenblatt herauszugeben, das sich rasch wieder zum Sprachrohr für die Belange der Stadtverwaltung und der Bürger entwickelte. Die Umstellung der Währung am 20. Juni dieses Jahres schnitt in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Bundes und der Länder, der Gemeinden und jedes einzelnen Bürgers scharf ein und brachte manche Härten, besonders für die Alten, mit sich. Da diese Maßnahme aber den Überhang entwerteter Geldmittel schonungslos beseitigte, schuf sie immerhin die Grundlage für einen gesunden Wiederaufbau. 

Seit dem Jahre 1950 wurde die Bevölkerung wieder mehrmals an die Wahlurne gerufen. An der Wahl zum württembergisch-badischen Landtag am 19. November 1950 beteiligten sich rund zwei Drittel der Wahlberechtigten, von denen sich 2799 zur SPD, 2552 zur DVP, 1404 zur CDU, 1118 zum BHE und 471 zur KPD bekannten. Noch etwas größer war die Beteiligung an der Wahl zum Gemeinderat am 28. Januar 1951, bei der DVP und Freie Wählervereinigung mit 33 375 Stimmen 4 Sitze, die SPD mit 27 260 Stimmen ebenfalls 4 Sitze, die CDU mit 20 288 Stimmen 3 Sitze, der BHE mit 11 443 Stimmen 1 Sitz, die KPD mit 5 832 Stimmen dagegen keinen Sitz erringen konnte. Vier Fünftel aller Wahlberechtigten gaben bei der Wahl zum Bundestag am 6. September 1953 ihre Stimme ab, wobei auf Dr. Pfleiderer von der DVP 3596 Stimmen, auf Friedrich Fritz von der CDU 3493 Stimmen, auf Dr. Pflüger von der SPD 3320 Stimmen, auf Siegfried Melinski vom BHE 643 Stimmen, auf Erika Buchmann von der KPD 334 Stimmen und auf Wilhelm Huttarsch von der Gesamtdeutschen Volkspartei 162 Stimmen entfielen. Am 24. Januar 1954 fand bei einer Wahlbeteiligung von 54,4°/o der Bürgerschaft die Bürgermeisterwahl statt, bei der sich Dr. Graser nach Ablauf seiner sechsjährigen (zweiten) Amtszeit zur Wiederwahl stellte. Mit 99,44°/» aller abgegebenen (insgesamt 7688 Stimmen) wurde er wiedergewählt. Mit diesem Vertrauensbeweis legte ihm die Bürgerschaft das Schicksal ihrer Stadt für weitere zwölf Jahre in die Hände. 

Man anerkannte damit die großen Verdienste Dr. Grasers, der sich seit der Übernahme seines Amtes mit außerordentlicher Sachkenntnis und mit einer wohldurchdachten Planung um das Wohl von Fellbach bemühte. Aus den kleinen Anfängen um die Jahrhundertwende heraus, hatte sich der Aufbau der Gemeindeverwaltung stark entwickelt. Ende 1956 betrug die Zahl der in ihr ständig verwendeten und voll beschäftigten Personen: 26 Beamte, 97 Angestellte und 47 Arbeiter. Die Zahl der noch hinzukommenden, nicht vollbeschäftigten Arbeiter ist starken Schwankungen unterworfen. Die Vielfältigkeit der Aufgaben, die der Stadtverwaltung zufallen, läßt sich aus den Geldbeträgen ablesen, die aus Steuergeldern hier zusammenflössen und für die einzelnen Sachgebiete wieder ausgeworfen wurden. Von den rund 6 Millionen DM, die man im Haushaltsjahr 1955 ausgab, entfielen 1 180 000 DM auf öffentliche Einrichtungen, 679000 DM auf den Straßenbau, 945 000 DM auf die Schulen, 965 000 DM auf Hoch- und Tiefbauten, 654 000 DM auf die Finanzverwaltung, 369000 DM auf Umlage an den Kreisverband, 340000 DM auf die allgemeine Verwaltung, 316000 DM auf die Polizei, 190000 DM auf die Fürsorge, 160000 DM auf das Gesundheitswesen und 90 000 DM auf das kulturelle Gebiet. Im Jahre 1956 betrug die Haushaltssumme einschließlich des Nachtragsetats rund 8,4 Millionen, im Jahre 1957 ohne Nachtragsetat bereits 7,97 Millionen DM. Diese Zahlen spiegeln die Sparsamkeit und Sorgsamkeit wieder, mit der in dem großen Gemeinwesen die eingegangenen Steuergelder verwendet werden. Daß der Betrag der bei der Stadtkasse eingehenden Gewerbesteuer von 400 000 Reichsmark im Jahre 1945 auf über 500 000 Deutsche Mark im Jahre 1948, auf 1 500 000 DM im Jahre 1952 sowie auf 3 500 000 DM im Jahr 1957 stieg, verdeutlicht den wirtschaftlichen Wandel und raschen Aufschwung von Fellbach, besonders in den Jahren 1952 bis 1957. 

Neue Aufgaben und Ziele 

Nach der Währungsreform konnte man den Nöten der Nachkriegszeit mit mehr Aussicht auf Erfolg entgegentreten als zuvor. Vor allem drängte die Wohnungsnot, die sich immer mehr verschärft hatte, zu energischem Handeln. Die Zahl der Baulustigen nahm zu, da sich mehrere Wohnungsbauunternehmen, insbesondere die „Fewog", d.h. Fellbacher Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft, die der Entschlußkraft von Bürgermeister Dr. Graser entsprungen war, zu den privaten Bauherren gesellten. In zahlreichen Verhandlungen legte der Gemeinderat das Baugelände fest. Das Stadtbauamt machte es baureif, und die Unternehmer erstellten darauf größere oder kleinere Baublöcke mit sechs bis achtzehn Wohnungen. So entstanden die Siedlung Rohrland I mit dem Ahorn-, Akazien-, Birken-, Erlen- und Ulmenweg, ebenso die Siedlungen „In den Hetzen", „Am Sandgraben", „In der Gartenstraße", „Auf den Flachswiesen" und zuletzt „Im Bubengarten". Im Jahre 1948 wurden 80 neue Wohnungen, 1953 mehr als das Dreifache, in den neun Jahren von 1948 bis 1956 insgesamt rund 2100 Wohnungen gebaut. Am 1. Januar 1954 besaß Fellbach damit 3554 Haupt- und Nebengebäude. 

Gleichzeitig entstanden neue Industrieanlagen an der Stuttgarter, Waiblinger und Schorndorfer Straße. Eine Nordostsiedlung, verbunden mit einer ausgedehnten Schulanlage und mit einer Reihe von weiteren Industriewerken wurde durchgeplant; sie ist zur Zeit im Entstehen begriffen. Das Fellbacher Stadion an der Zeppelinstraße, ein ideales Übungsgelände für die Leichtathletik und für zahlreiche weitere Sportarten, wurde am 12.und 13- September 1953 eingeweiht. An der Straße nach Luginsland konnte man auf dem Gelände des bisherigen Sportplatzes im Sommer des Jahres 1954 das „Freibad Fellbach" eröffnen, das mit seiner herrlichen Lage unter dem Kappelberg ein Schmuckstück der aufstrebenden Stadt geworden ist. Zu den neuen Tiefbauanlagen gehören ferner der Industriekanal vom Schüttelgraben zur Schorndorfer Straße und ins nordöstliche Industriegebiet, die soeben in Ausführung begriffene Bahnunterführung der Straße von Fellbach nach Schmiden sowie die weiteren und abschließenden Kanalstränge im Inneren des Stadtgebiets. Straßen- und Wegbauten oder -umbauten ergaben sich zwangsläufig aus dem fortschreitenden Bau von Wohngebäuden und Industriebauten. So erreichten die Ortsstraßen bereits eine Gesamtlänge von 30 Kilometern, die Feld- und Wiesen-, Weinberg- und Waldwege eine Gesamtlänge von 100 Kilometern. Das Gedächtnis des im Jahre 1948 verstorbenen Gemeinderats und Waldmeisters, der sich um die Zufahrt zu den Weinbergen und zum Kappelberg verdient machte, hält die Bezeichnung „ Gotthilf-Volzer-Weg" (früher „Neuer Bergweg") fest. Musterhaft angelegt wurde die neue Straße von Fellbach nach Luginsland und Untertürkheim, die wesentlich verbreitert ist, um den wachsenden Verkehr von den Neckarvororten ins Remstal aufzunehmen. 

Nach so vielen fortschrittlichen Leistungen war es daher ein Zeichen besonderer Anerkennung für die Gemeinde, als die Landesregierung am 1. April 1956 Fellbach zu einer Großen Kreisstadt erhob und Bürgermeister Dr. Graser damit die gesetzliche Amtsbezeichnung Oberbürgermeister erhielt. Für die Bürger des Gemeinwesens war das ein Anlaß zu berechtigter Freude. Das Ereignis selbst wurde in einer festlichen Veranstaltung gefeiert. 

In dem wachsenden Verbrauch von Strom, Gas und Wasser spiegelt sich die schrittweise Rückkehr der Bevölkerung zu normalen Verhältnissen und die stetige Zunahme des wirtschaftlichen Bedarfs. Im Jahre 1956 belief sich der Verbrauch an Licht- und Kraftstrom auf rund 17,5 Millionen Kilowattstunden, die von der Elektrizitätsversorgung AG. „Neckarwerke Eßlingen" geliefert wurden. Auch der Verbrauch an Nutzgas steigerte sich von 1948 bis 1956 von jährlich rund 3 Millionen auf 8,5 Millionen Kubikmeter. Der Wasserverbrauch, der in der Hauptsache über die Staatliche Landeswasserversorgung gedeckt wird, betrug im Jahr 1956 1,1 Millionen Kubikmeter. Trotz der kaum ausreichenden Ernährung nach dem Zusammenbruch senkten sich die Sterbefälle von 1946 an langsam, aber dauernd. Zu den praktischen Ärzten in Fellbach kamen seit Kriegsende mehrere Fachärzte hinzu. Neben rund 20 Ärzten und Ärztinnen praktizieren nun annähernd ebensoviele Zahnärzte im Ort. Vier Apotheken, mehrere Drogerien und drei Privatbadeanstalten verabreichen Medikamente, Mittel zur Körperpflege und medizinische Bäder. Schulärztliche und Röntgenuntersuchungen sowie der Mütterberatungsdienst wirken neben den städtischen und kirchlichen Krankenstationen und neben den Stellen des Roten Kreuzes im Dienste der Krankenfürsorge und Volksgesundheit. 

Auch Stadtpolizei und Feuerwehr fanden in ihrem Aufgabenkreis ein Feld reicher Betätigung. Nach Auflösung der Stadtwache war die Polizei zunächst den Anordnungen der Besatzungsmacht unterstellt, konnte aber ihre Aufgaben als Hüterin der Ruhe, Ordnung und Sicherheit im Laufe der Zeit wieder unbehindert und uneingeschränkt übernehmen. Aus einem Vergleich der Straf fälle in den Jahren 1946 und 1947 mit denen der letzten Jahre ergibt sich eine Abnahme der einfachen und schweren Diebstähle, leider aber auch eine Zunahme von Rohheitsdelikten, sittlichen Vergehen und Betrugsfällen. 

Die Freiwillige Feuerwehr wurde von der Besatzungsmacht zuerst auf 50 Mann beschränkt, dann aber den Bedürfnissen von Fellbach entsprechend wesentlich vermehrt. Eine neuzeitliche Alarmanlage ermöglicht raschen Einsatz der Brandhilfe (siehe a. Seite 227). 

Auch die Bewegung der Spareinlagen ist für die wirtschaftliche Entwicklung aufschlußreich. Diese betrugen bei der Hauptzweigstelle Fellbach der Kreissparkasse Waiblingen in den Jahren von 1946 bis zur Währungsumstellung im Jahre 1948 über 75 Millionen Reichsmark, schrumpften dann auf 1,3 Millionen DM zusammen, stiegen indessen in den folgenden Jahren bis 1956 auf 8 Millionen DM an. Nach 1948 besserte sich auch die Ernährungslage rasch, und die Landwirte sahen sich vom Zwange der Ablieferung befreit. Die Technik zog in verstärktem Maße auch im bäuerlichen Betrieb ein. Motorbetriebene Schlepper, Zugmaschinen, Dreirad-Kleinautos, Transportwagen sowie Maschinen und Geräte, die mit Elektro- oder Verbrennungsmotoren angetrieben werden, boten in Stall und Scheune, im Weinberg und auf dem Acker wertvolle Unterstützung. 

Die Wochenmärkte, die jeden Dienstag und Samstag auf dem Cannstatter Platz und bei der Pauluskirche stattfinden, boten nun wieder eine reiche Auswahl an Gemüse, Beeren, Obst und Feldfrüchten, und lockten viele Hausfrauen an. 

Auch der Wein war jetzt wieder zu erschwinglichen Preisen erhältlich. Der Großteil des jährlich erzeugten Weinertrags wurde verkauft oder an das Lager der Württembergischen Zentralgenossenschaft in Untertürkheim geliefert. Damit bekräftigte sich erneut der gute Ruf von Fellbach als weit und breit bekannter Weinort. Aber auch die Gärtnereien Fellbachs bauten nach Kriegsende ihre Abteilungen mit Fein- und Grobgemüse, mit Bäumen und Sträuchern, mit hochwertigen Blumen, mit Rosen, Nelken und Topfpflanzen, besonders aber mit Gladiolen, wieder auf. 

Der Verkehr

Das neue Tempo der Arbeit wirkte sich naturgemäß besonders stark auch auf den Verkehr aus, so daß dieser Ausmaße annahm, die man sich früher für Fellbach nicht hätte vorstellen können. Fast pausenlos rollen nicht abreißende Kolonnen von Personen- und Lastkraftwagen auf den großen Verkehrsstraßen durch Fellbach. Mehr als 18 000 Fahrzeuge eilen während der Sommermonate in 24 Stunden über den Stuttgarter Platz. Außerdem befördert die Straßenbahn, die das wichtigste und meistbenützte Verkehrsmittel der Stadt geblieben ist, während des ganzen Tages ihre Fahrgäste in den Großraum von Stuttgart und zurück. Dazu trat zu Anfang des Jahres 1954 die Verbindung von Fellbach über Luginsland nach Untertürkheim mit Kraftomnibussen der Stuttgarter Straßenbahnen, die sich eines lebhaften Zuspruchs erfreut. Diese Fahrlinie wird ergänzt durch die von privaten Unternehmern eingerichteten Omnibus-Verbindungen mit Orten der näheren und ferneren Nachbarschaft, die vor allem den Werktätigen zugute kommen, z. B. nach Waiblingen, Korb, Winnenden, nach Hegnach und Bittenfeld, nach Stetten, Endersbach und Strümpfelbach. 

Zur erhöhten Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer, der Fußgänger wie der Autofahrer, war es dringend erforderlich, eine Lichtsignalanlage am Stuttgarter Platz in Betrieb zu nehmen. In gelegentlichen Unterrichtsstunden und -abenden sucht die Verkehrspolizei die Einwohner zum richtigen Verhalten im Verkehr zu erziehen. Die Schülerpolizei will in gleichem Sinne wirken, indem sie sich ihrer Mitschüler beim Überschreiten der Straßen annimmt. Wie bitter notwendig dies ist, zeigt die Statistik der Verkehrsunfälle. Man zählte in den Jahren 1946 und 1947 erst 16 und 26, in den Jahren 1952 und 1953 schon 165 bzw. 221 und 1956 sogar 259 Verkehrsunfälle in Fellbach. Diese Tatsachen werfen ein grelles Licht auf die Entwicklung, die sich innerhalb sechs Jahren vollzog. 

Auch Post und Eisenbahn wurden von dieser Ausweitung des Verkehrs betroffen. Ein Zweigpostamt für den südlichen Ortsteil wurde zuerst bei Kaufmann Robert Aldinger, dann in dem Neubau an der Stelle des früheren Feuerwehrmagazins in der Schmergasse untergebracht, ein weiteres für den westlichen Bezirk wieder im Lindle eingerichtet. Auch konnte man die Hauptanschlüsse für Fernsprechleitungen vermehren, neue öffentliche Fernsprechzellen aufstellen und den Anschluß an den Stuttgarter Fernsprechbetrieb verwirklichen. Im Eisenbahnverkehr stieg die Zahl der Güter- und Personenzüge an, wozu vor allem die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Bad Cannstatt nach Waiblingen beitrug. So hob sich der Verkehr auf täglich 160 Personen- und Eilzüge, Schnell- und Städtezüge auf der Strecke über Fellbach; 30 Güterzüge bringen täglich das Stückgut für die ansässige Industrie und holen das Versandgut ab. Dieser Anstieg des Bahnverkehrs machte es zu einer Notwendigkeit, den schienengleichen Übergang vom Fellbacher Nordrand nach Schmiden, wie bereits erwähnt, durch eine Unterführung zu beseitigen. 

Überblickt man die Zeit seit dem Jahre 1900, so ergibt sich, daß Fellbach trotz der Rückschläge, die der erste und der zweite Weltkrieg mit sich brachten, durch eine planvolle und sparsame Verwaltung vorangekommen ist. Es war sein Glück, daß es immer wieder weitschauende und kluge Männer besaß, die es sich angelegen sein ließen, das Gemeinwesen ruhig und stetig weiterzuentwickeln. Es brauchte dazu aber auch den Bürgersinn, der für entscheidende Maßnahmen das nötige Verständnis besaß und ihnen aus gesundem Instinkt die Billigung nicht versagte, wenn sie ihm vernünftig und zu kunstvoll erschienen. Die einst vorherrschende Schicht der Bauern und Weingärtner ist  auch heute noch stark genug, um mit konservativ-beharrlichem Sinn für die Bewahrung überkommener Werte, Sitten und Bräuche einzutreten, die dem Leben und Zusammenleben in der Vergangenheit Sinn und Halt gaben und dies auch heute noch zu tun vermögen. Die Verbundenheit mit der Scholle hat nicht nur in Zeiten wirtschaftlicher Anspannung ihr Teil zur Krisenfestigkeit der Fellbacher Wirtschaft beigetragen, sondern auch bei den engen, freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Berufsgruppen mitgewirkt. Dadurch haben sich aber auch die im Gewerbe und in der Industrie Tätigen ein gesundes und natürliches Empfinden bewahrt. Aus der glücklichen Mischung von bäuerlichem und handwerklich- technischem Sinn, von Beharrung und Fortschritt, von dörflichem und städtischem Empfinden, hat sich der Typ des traditionsgebundenen und zukunftsfrohen, des religiös veranlagten und daseinsfrohen Menschen herausgebildet, der in der Vergangenheit in Fellbach so häufig zu finden war und heute noch so ausgeprägt erscheint. 

QUELLEN 

1. Primärkataster Fellbach, Vermessungsamt 

2. Mündliche Auskünfte 

a) von Oberlehrer i. R. Karl Seibold, Fellbach 

b) von Weingärtner und Kreisverordnetem Johannes Kugler, Fellbach 

c) von Ingenieur Karl Schnaitmann, Fellbach 

3. Oberlehrer Johann Georg Eppinger, Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach, 1908 

4. Beschreibung des Oberamts Cannstatt. Herausgegeben von dem K. Statist. Landesamt Stuttgart, 1895 

5. Karl Weller, Die Grafschaft Wirtemberg und das Reich bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, Württ. Viertelj.-Hefte 1932, S. 118 ff. 

6. Heinrich Öhler, Der Aufstand des Armen Konrad im Jahr 1514, Württ. Viertelj .-Hefte, 1932, S. 401 ff. 

7. Karl Stenzel, Waiblingen in der deutschen Geschichte, Württ. Viertelj.- Hefte, 1932, S. 164 ff. 

8. Adolf Diehl, Die offene Armenfürsorge in Stuttgart vor der Reformation, Württ. Viertelj.-Hefte, 1936, S. 36 ff

9. Gustav Bossen, Die Entstehung der Kirchen in Cannstatt und seiner Umgebung bis 1275, Württ. Viertelj.-Hefte, 1940, S. 238 ff. 

10. Eberhard Traub, Eduard Mörike in Fellbach, Schwab. Merkur, Jahrgang 1938, Nr. 148 

11. Egid Fleck, Fellbach, Aufzeichnungen aus den Kirchenbüchern von Fellbach 

12. Wilhelm Hirschmann t, Fellbach, Manuskript zur Geschichte von Fellbach in Mittelalter und Neuzeit 

13. Heinrich Neef, Fellbach, Manuskript zur Geschichte Fellbachs im 20. Jahrhundert 

14. Ausschnitte aus der „Heimat-Rundschau" für Fellbach, Schmiden, Oeffingen und Rommeishausen, Jahrg. 1 o. 3 

15. Urkundenbuch der Stadt Eßlingen I (1899), II (1905) 

16. Weltliche und geistliche Lagerbücher des Württ. Hauptstaatsarchivs betr. Fellbach, bes. Weltl. Lagerbuch Nr. 268 (1473) und Erneuerung über Stadt und Amt Cannstatt, 1. Teil (1574)