Franz Duschek

DAS LANDSCHAFTSBILD 

Fellbach liegt im Herzen Württembergs. Es schmiegt sich an den Fuß des Kappelbergs und zieht sich von hier auf der Hochebene zwischen Neckar und Rems nach Norden. Das frühere Weingärtnerdorf blühte in diesem Jahrhundert zur heutigen Größe und Bedeutung als Stadtgemeinde von 23 000 Einwohnern auf. - Fellbach ist als Pflegestätte des Weins, der Gärten und Blumen, aber auch des Obst- und Gemüsebaus und als Sitz von Industrie, Gewerbe und Handel weit bekannt. Der Poststempel trägt den Ruf des Fellbacher Wein- und Gemüsebaus in alle Welt. Zum Kreis Waiblingen als dessen größte Siedlung gehörig, steht Fellbach doch im Banne Stuttgarts und wurde in den Sog der Großstadt hineingezogen. Fellbach liegt unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt und wird daher von manchen Außenstehenden zu Unrecht als bloßer Vorort am Großstadtrand angesehen; doch hat die Stadt ihre besondere Note, nicht nur als Gartenwohnstadt, sondern auch im wirtschaftlichen und kulturellen Eigenleben bewahrt. Fellbach ist zwar nicht an der Hauptschlagader des Landes, am Neckar, gelegen, genießt aber eine vorzügliche Verkehrslage an der Remstalbahn und an der Bundesstraße 14 nach Nürnberg und gehört zur hochentwickelten Industrielandschaft des Neckarlandes. 

Die geographische Lage Fellbachs ist gekennzeichnet durch den Signalstein am Kappelberg mit 4847' 46" nördlicher Breite und 917' 35" östlicher Länge. Fellbach liegt zehn Kilometer östlich von Stuttgart am Eingang ins Remstal. 

Die Markung Fellbach mit einer Fläche von 1338 Hektar gehört zwei völlig verschiedenen Landschaften an: Im unteren Teil dem sog. „Schmidener Feld" zwischen Neckar -und Remstal, auf dem die Stadt inmitten fruchtbaren Garten- und Ackerlandes liegt, und auf der Höhe dem bewaldeten Bergland des westlichen Schurwaldsaumes mit dem Kappelberg und Kernen. Den Übergang zu diesem hochgelegenen Markungsteil vermitteln die rebenbekränzten Hänge des Kappelberges. 

Im Westen grenzt die Markung an Cannstatt; die Siedlung „Lindle" liegt an der Markungsgrenze bei der Funkerkaserne. Gegen Schmiden im Norden verläuft die Grenze im wesentlichen auf der Höhe des Bahnkörpers, mit wenigen Ausbiegungen nach Süden und Norden; beim Bahnhof sind beide Orte bereits verwachsen. Im Osten berührt die Gemeindegrenze die Markung der Kreisstadt Waiblingen, und gegen Rommelshausen schiebt sie sich weit vor. In einem stiefelartigen Vorsprung nach Südosten greift die Grenze um den Kernenbuckel herum, so daß der Aussichtsturm auf dem Kernen noch zu Fellbach gehört. Hier im Wald grenzt ein kurzes Stück an die Markung Stetten. Als Nachbarn im Süden trifft man auf die Markungen von Uhlbach und Rotenberg. Der Kappelberg liegt fast ganz auf Fellbacher Grund, nur die südlichen und südwestlichen Ausläufer gehören zu den Gemeinden Untertürkheim, Rotenberg und Cannstatt. Das Dietbachtäle springt etwas nach Südwesten in die Untertürkheimer Markung (Luginsland) vor.
Über den offenen Gäuflächen des fruchtbaren Schmidener Feldes ragt die Keuperstufe des Schurwaldes mit einem seiner westlichen Ausläufer, dem Kappelberg, auf. Diese beiden Einheiten des schwäbischen Stufenlandes prägen das Landschaftsbild Fellbachs.
Die hochgelegene Gäufläche, auf der Fellbach liegt, neigt sich mit wellenförmigen Erhöhungen und Mulden sanft nach Osten zur Rinne der Rems. Infolge des durchlässigen Lößuntergrundes bildete sich auf Fellbacher Markung nur ein einziger Wasserlauf, der Schüttelgraben, der oberhalb von Waiblingen in die Rems mündet. Von einer Meereshöhe von 310 Metern im Westen senkt sich das Gelände bis auf 253 Meter zu der Stelle, wo der Schüttelgraben im Osten die Markung verläßt. Der Bahnhof liegt 282,5 Meter über dem Meeresspiegel, die Lutherkirche 286 Meter, und bei der Genossenschaftskelter beginnt in 312 Meter Höhe der Hang des Kappelbergs. Die Gäufläche weist demnach keine beträchtlichen Höhenunterschiede auf.

Südlich von Fellbach schwingt sich der Kappelberg empor; mit seinen 469 Metern liegt er rund 150 Meter über dem Ort. Er baut sich wie ein Wall vor uns auf. Während das Auge nach drei Seiten ins Neckar- und Remstal ungehindert schweifen kann, ragt im Süden der Kappelberg gegen den Himmel und begrenzt so den Blick ins Weite; die Bergnase des Kappelbergs senkt sich in einer allmählichen Abdachung nach Westen. Hier blickt die grüne Kuppel der Grabkapelle auf dem Wirtemberg herüber und grüßt über die sanften Rebenhänge die Stadt Fellbach.

Die Gestalt des Kappelbergs ist jedem Fellbacher wohlvertraut. Er bildet einen Rücken mit einer hügeligen Hochfläche. Nach Westen lichtet sich der Wald immer mehr. Von der Bergnase aus, der „Ebene", genießt man einen prächtigen Ausblick ins Neckartal und auf Fellbach. Am Südhang wächst die urwüchsige Pflanzengemeinschaft der Steppenheide, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Der Keuperstufenrand ist am Kappelberg von reizvoller Vielgestalt. Steilhänge und schluchtartige Klingen wechseln mit vorgewölbten Kuppen und sanft auslaufenden Abdachungen und bieten der sonnenhungrigen Rebe in weitgespanntem Bogen um den Kappelberg Gelegenheit, die guten Fellbacher Weine heranreifen zu lassen. Auf drei Seiten ist der Kappelberg von Rebgelände umgürtet, das sich rund 120 Meter hoch hinaufzieht. Die Weinberge mit ihren Weinberghäuschen, dem Geäder der Wasserleitungen, den Wegen und Furchen und dem schützenden Mauerwerk, bilden einen traulichen Rahmen für das Bild der Stadt. An den tiefergelegenen Hängen des Berges und am Fuße breiten sich Obsthaine aus.

Den Kappelberg besteigen die Fellbacher immer wieder gern zu einer Heimatrundschau. Das Weingärtnerdorf Alt-Fellbach drängt sich um die Lutherkirche zusammen und staut sich mit breiter Stirn am Bergfuß. Nach Norden dehnen sich bis zum Bahnhof regelmäßige Wohnviertel und Industriebauten, große Gärtnereien und breite Straßenzüge des neuen Fellbach mit städtischem Gepräge. Quer durch das Blickfeld verläuft von Cannstatt her die Stuttgarter Straße mit der prachtvollen Pappelallee, durch welche die gelben Wagen der Straßenbahn gleiten. Auf dieser Straße flutet ein lebhafter Verkehr. 

Siegel des Berthold von Velbach (1289)
Zeichnung: Schäfer-Groge

Im Norden Fellbachs steht der Bahnhof, Über die dunklen Dächer rasen die Türme der Kirchen, der altvertrauten Luther-, der neuen Paulus- und der katholischen Kirche, die Schornsteine der Fabriken und der Ziegelei. Im ehrwürdigen alten -. und im wunderschönen neuen Friedhof schlafen die Toten. Die Jugend lernt und singt in freundlichen Schulen. Zu den alten Bauten gesellten sich in jüngster Zeit die kantigen Hochhäuser. Das Heimatbild wurde bereichert mit dem schmucken Freibad, dem großzügigen Stadion, dem Industrieband längs der Stuttgarter Straße. Im Nordosten erwuchs das schlankgliedrige Gymnasium, in das der Heimatberg hineinschaut, um sich den jungen Herzen einzuprägen. Eingebettet in das Gelbbraun des Ackerbodens, belebt vom Grün der Gärten, bunt von der Farbenpracht der Blumenfelder, umglitzert von den Glashäusern der Gärtnereien oder eingetaucht in ein Blütenmeer — breitet sich Fellbach im Wechsel der Jahreszeiten aus. Wem die Lage Fellbachs auf der offenen, weiten Hochfläche reizlos erscheinen mag, der schaue sich den lieblichen Rahmen der Stadt vom Berge aus an: Drüben erfreut sich das Auge an einer Fülle dichtgedrängter Siedlungen mit Schaffens- und lebensfrohen Menschen, hier an fruchtbaren Feldern und Gärten, dort an sonnigen Rebenhängen und einem Kranz waldiger Höhen!

Mag es auch immer wieder schwer fallen, sich von dieser herrlichen Höhe zu trennen, es lohnt sich ebensosehr, durch den Mischwald auf dem Höhenrücken dahinzuwandern, bis man in einer halben Stunde den Kernen erreicht. Der Kernenbuckel wölbt sich über die Hochfläche bis zu 513 Metern empor, der 26 Meter hohe Aussichtsturm, 1896 erbaut, eröffnet einen herrlichen Rundblick auf die heimatlichen Fluren, während Fellbach selbst vom Kappelberg zum Teil verdeckt wird.

Auf gepflegten Waldwegen, die sich über Rücken und an Hängen hinschlängeln, kehrt man wieder ins Tal zurück. Das Naturfreundehaus steht auf einer Platte mit schöner Aussicht. Man kommt an dem Wasserbehälter vorbei, der sich in einer Seitenschlucht dem Hang anschmiegt. Von dort durchquert der begehbare, 750 Meter lange Stollen der Landes-Wasserversorgung den Kappelberg, um im Westen den Hochbehälter Rotenberg zu erreichen. Am Waldessaum, auf einer Stufe in halber Höhe des Kappelberges, lädt in blickoffener Lage die Fellbacher Höhengaststätte zum Verweilen ein. Etwas entfernt steht das Schützenhaus. Wir können entweder links über Treppen den steilen Weg hinabsteigen oder auf der bequemen Fahrstraße, dem Gotthilf-Volzer-Weg, hinunter wandern, der sich nach rechts um die mit Weinbergen bestandene Kuppe herumwindet und einen Ausblick ins Remstal erschließt. 

So stellt sich das Landschaftsbild Fellbachs dar. Natur und Mensch haben es geformt. Die Natur hat die Grundlinien vorgezeichnet, und der Mensch hat im Laufe vieler Generationen in nimmermüdem Fleiß eine Kulturlandschaft daraus gebildet.