Jakob Huber 

DIE NATÜRLICHE PFLANZENDECKE

Die Vielfalt der Fellbacher Landschaft findet ihren Ausdruck im bunten Wechsel des Pflanzenkleides. Felder und Gärten breiten sich im lößlehmbedeckten, fruchtbaren Gäu (Schmidener Feld) aus; den Obergang zum Berggelände schmückt ein Obstbaumgürtel, eine umfangreiche Rebenzone zieht an den sonnenreichen Schurwaldhängen hin, und die Schönheit der lichten Heide wie der dunklen Wälder umfängt die Höhen und die nordwärts gerichteten Hänge. 

Die Unkrautflora des  Acker- und Gartengeländes entspricht der des guten, gepflegten Bodens. Sie ist abhängig von der jeweiligen Kulturart. Neben zahlreichen Stickstoff- und Kalkzeigern (Pflanzen, die stickstoffhaltige oder kalkreiche Böden bevorzugen) verdienen zwei Unkräuter hervorgehoben zu werden: Die Sichelmöhre, mit ihren gebogenen, scharf -gesägten Blättern, sowie der niederliegende Krähenfuß, der im Wettstreit mit dem Vogelknöterich besonders Feldwege mit dunkelgrünen, zierlichen Rosetten bedeckt. 

Der Obstbaumwiesengürtel des Gipskeupers löst sich in der Nähe von Luginsland zusehends auf. Äcker, Gärten und Weinberge gewinnen mehr und mehr Raum. Die Obstbaumwiesen gehören wie die entfernteren, baumfreien Wiesen des Schüttelgrabens nordöstlich der Stadt zu den Fett- und Glatthaberwiesen, die weit über unsere Heimat hinaus verbreitet sind. Auf den Fellbacher Wiesen suchen wir vergeblich verschiedene Pflanzen, die höhergelegene Wiesen zieren: Trollblume, Wiesenknöterich, Wald- und Storchschnabel, schwarze Rapunzel. Am Dietbach vermissen wir Sumpfdotterblume und Ufernelkenwurz. 

Die Böschungen der in den Gipskeuper eingeschnittenen Wege nahe bei Luginsland bergen noch geringe Reste des früheren Pflanzenkleides, das, vom Menschen wenig beeinflußt, der Landschaft ein parkähnliches Aussehen gab: Das sichelblättrige Hasenohr, die Karthäuser Nelke, den dreiblättrigen Ehrenpreis, das Schillergras (Kölerie). Leider sind glanzloses Fingerkraut, Stielsame (schlitzblättrige Schwarzwurzel) und großer Bocksbart in letzter Zeit dort verschwunden, Bocksbart und Stielsame finden sich aber noch im'nächst-gelegenen Gipssteinbruch. 

Der Weinbau  in seinem Bereich die alte, natürliche Vegetation fast völlig vernichtet, aber auch einigen Fremdlingen noch Gelegenheit zur Ansiedlung gegeben: Der Trauben- Muskathyazinthe („Kaminfegerle"), die auf dem Goldberg trotz aller Ausrottungsversuche Jahr für Jahr wieder erscheint, ferner dem schöngeformten Schriftfarn, der wie das „Kaminfegerle" aus dem Mittelmeergebiet stammt, an Mauern von Rektor Lallatin neu entdeckt und künstlich verbreitet worden ist. Häufig zieren auch zwei einheimische Farne die Mauern: Die bescheidene Mauerraute, in freier Natur Felsspaltenbewohnerin, und der Storchschnabelfarn (= Robertfarn), sonst Besiedler und Befestiger von Kalkschutthängen. Nach jedem Angriff mit Giftstoffen schiebt dieser Farn neue Wedel aus den Mauerspalten, wo der erneuerungsfähige Teil der Pflanze geborgen ist. 

Ist der Acker der Stolz des Bauern, der Weinberg die Wonne des Weingärtners, der Obsthain das Entzücken des Kindes, so sind Wald und Heide das Paradies naturhungriger Menschen. Wohl sind auch grüne Saaten und goldene Ährenfelder, blühende und fruchttragende Obstbäume, blühende Wiesen und der mit großem Geschick und Fleiß von vielen Geschlechtern geschaffene Rebengürtel reich an Schönheit; wohl sind Weizen, Obst und Wein edle Gaben der Natur. Aber die Gewächse von Acker, Garten, Wiese und Weinberg verdanken ihr Bestehen der anhaltenden Unterstützung durch den Menschen, der das ursprüngliche Pflanzenkleid vernichtete und mit Pflug, Karst und Sense die Rückeroberung des Kulturlandes durch den Wald verhindert. Unter den hier waltenden Kräften steht der gestaltende, gewinnstrebende Mensch obenan. Sein Tun verleiht Acker, Garten, Wiese und Weinberg den Charakter des Künstlichen. 

In Wald und Weide dagegen ist der menschliche Einfluß viel geringer. Sie können deshalb mit gewissen Vorbehalten als natürliches Pflanzenkleid angesprochen werden. Und der naturhafte Charakter hat manchen Menschen angezogen und bezaubert, darunter auch den leider allzufrüh verstorbenen Lehrer Hornisch aus Fellbach, einen Freund und Kenner des Kappelbergs. 

Der Wald 

Dem freien Spiel der Naturkräfte überlassen, würde sich das heutige Waldbild nach und nach verändern, verschiedene Baumarten würden zurückgedrängt oder gar ausgemerzt, andere Arten an Raum gewinnen und herrschend werden. Auf den mageren, sauren Sandböden würden die tief wurzelnde Eiche und die anspruchslose Birke vorherrschen, auf den mineralkräftigen, nachschaffenden Mergelböden der Steilhänge die Rotbuche, in feuchten Schluchten die Esche und der Bergahorn, auf vernäßten Stellen auch die Esche und die Erle, auf Steinmergeln wieder die Eiche, aber im Verein mit der Eisbeere. Zur Ausbildung von Reinbeständen, wie sie uns heute als Fichten-, Forchen- und Tannenkulturen oder als Rotbuchenwald gegenübertreten, käme es nirgends, überall gäbe es gemischte Bestände, wo bald die eine, bald die andere Baumart am besten gedeihen würde. Ergötzlich wäre die große Mannigfaltigkeit. Stiel- und Traubeneiche, Weiß- und Rotbuche, Bergahorn und Bergulme, Esche und Erle, Espe und Birke, Vogelkirsche und Linde, aber auch die Forche, alles dies unterstellt von einer reichhaltigen Strauch- und Krautschicht - so bunt und eindrucksvoll wäre das natürliche Waldbild! 

Im Wirtschaftswald müssen allerdings, im Gegensatz zum Naturwald, diejenigen Holzarten angebaut werden, welche auf die Dauer einen nachhaltigen Höchstertrag gewährleisten, ohne den Boden zu schädigen. 

Erfreulicherweise werden aber schon seit geraumer Zeit gemischte Bestände herangezogen. Sie leiden weniger durch Windbruch und Schneedruck, Feuer und Baumschädlinge, geben eine lockere, nicht saure Bodenstreu, halten den Boden und dessen Kleinlebewesen gesund und nutzen die verschiedenen Stoffe und Tiefenstufen des Grundes aus. Seiner frühzeitigen und vielseitigen Verwendbarkeit wegen muß dem Nadelholz auch im Mischwald mehr Raum gewährt werden, als die Natur ihm gönnen würde. 

Wenden wir uns nun den Bodenpflanzen zu. Diese zeigen oft den Säure- und Wasserhaushalt des Bodens an. Auf den sauren und zum Teil vernäßten Sandböden wachsen als Charakterpflanzen: Heidelbeere (bei mäßigem Lichteinfall), Heidekraut (bei Verlichtung), Salbeigamander, Adlerfarn, Pillensegge, öfters kommen hinzu: Weißmoos, Rohr-, Reitgras, Drahtschmiele, schmalblättrige (= Buch-Hainsimse) und vielblütige (= vielblütige Feld-Hainsimse) Hainsimse, Schattenblume, deutscher Ginster, Bergplatterbse, Blutwurz, schönes Johanniskraut, Wiesenwachtelweizen, gebräuchlicher Ehrenpreis, Dolden- und Savoyer Habichtskraut. Wo die zuletzt genannte Gruppe allein auftritt, ist der Boden oft nur oberflächlich oder vorübergehend versauert. Auch ein Standort der Preißelbeere ist am Kappelberg bekannt. Die hier fremde Pflanze wurde wohl mit Jungtannen aus dem Schwarzwald eingeschleppt. 

Alte Sandgruben, in der Wiederbewaldung begriffen, beherbergen kleines und einseitswendiges Wintergrün, sehr selten den Tannenbärlapp. 

Auf Böden mit kalkreichen Mergeln und genügendem Lichteinfall, vor allem aber bei Süd- und Westlage, an Wegrändern sowie am Waldsaum zeigt sich bald ein reiches Blühen. Wir haben unser Wohlgefallen an Erd- und Bergsegge, gebräuchlicher Schlüsselblume, behaarten Veilchen, gebräuchlicher Weißwurz, Graslilie, Türkenbundlilie, Berg-Leinblatt, nickendem Leimkraut, schwarzer Platterbse, mittlerem Klee, rotem und weißem Bergklee, Hufeisenklee, bunter Kronwicke, Süßblatt-Tragant, gebräuchlichem und Hirsch-Haarstrang, ebensträußiger Wucherblume, Bergaster, Bergjohanniskraut, pfirsichblättriger Glockenblume, Schwalbenwurz, schwarzem Geißklee, Goldregen (eingebürgert besonders am „Kaiserbrünnele") und Essigrose. Weiter ostwärts kommen hinzu: Purpurklee, glanzloses Fingerkraut, nordisches Labkraut und blaßgelber Fingerhut. 

Dieser Reichtum an licht- und wärmeliebenden Pflanzen fällt auf. Man darf wohl vermuten, daß der westliche Schurwald nie überall dicht bewaldet war. Vor Jahrtausenden, ehe der Wald sich dicht schließen konnte, hausten Menschen dort oben und nahmen durch Brand und Rodung Einfluß auf die Vegetation. Grabhügel weisen auf Siedlungen hin. Dazu sorgten weidende Haustierherden bis in die Zeit unserer Großväter fortgesetzt für des Waldes und ermöglichten jenen lichthungrigen Gewächsen das Fort- bestehen. Ein Zeuge dafür ist der „Saugraben", ein Erdwall am halben Hang im Wald an der Westseite des Kappelbergs; er sollte den zur Eichelmast in die Wälder getriebenen Hausschweinen den Weg in die Weinberge und Felder verlegen. 

An den tiefgründigen, schattigen und mäßig feuchten Mergelhängen stößt man auf Seidelbast, Goldnessel, Frühlingsplatterbse, Waldmeister (selten!), vielblütige Weißwurz, Ährenrapunzel, Waldhirse und Waldsegge, in Schluchten und an beschatteten Waldrändern auf Geißbart, Einbeere, hohe Schlüsselblume, Hängesegge, in vernäßten Einmuldungen auf Schneeball, Engelwurz, Helmschildkraut, Waldsimse, Haar- und Blasensegge. Bergflockenblume, Hasenlattich, Maiglöckchen, Waldveilchen, Heilkraut, Waldknautie u. a. scheinen in Bezug auf Licht- und Bodenverhältnisse nicht sehr wählerisch zu sein. 

Auf die Bergstufe werden wir aufmerksam gemacht durch die Anwesenheit von Bergflockenblume, Waldknautie, Hasenlattich, Türkenbundlilie, Geißbart, Tollkirsche und Traubenholunder (auf Waldblößen). 

Der Zusammenhang mit der atlantischen Flora wird angedeutet durch Kriechrose, Salbeigamander, schwarze Flockenblume. 

Die Heide 

Aus dem Dämmerlicht des Waldes treten wir hinaus auf die Heide. Der kalkreiche, durchlässige, stark besonnte und windbestrichene Kappelbergkamm und ein Teil des Hinteren Bergs, der zum Naturschutzgebiet erklärt worden ist, bieten günstige Lebensbedingungen für die Steppenheide. 

Einzelne Glieder derselben trafen wir bereits im Wald. Sie bilden dort die Reste der ehemaligen Steppe, die nach dem letzten Kälteabschnitt der Eiszeit die weiten, baumlos gewordenen Gebiete zu kleiden sich anschickte, aber mit der Zeit von den zurückkehrenden Waldbäumen und vom Menschen eingeschränkt und zerstückelt wurde. Der Wald, in unserem Klima die Endstufe der pflanzlichen Entwicklung, würde noch heute die Reste der Steppenheide verschlingen, wenn er nicht durch Schlag oder Beweidung gehemmt würde. Es liegt vor allem im Interesse des Weingärtners, daß zwischen Weinberg und Wald ein baumfreier Streifen eingeschoben ist. Auf dem Bergkamm arbeitet auch der zunehmende Fremdenverkehr der Bewaldung entgegen; er bedrängt und erdrückt aber andererseits die edlen, wehrlosen Kinder der Steppenheide. Trotzdem ist die Steppenheide des Kappelbergs und des Hinteren Bergs immer noch reicher als alle übrigen Steppenheidereste um Stuttgart. Wir finden Erd- und Bergsegge, glanzloses und Frühlings-Fingerkraut, Fliegen- und Bienenragwurz, Zweiblatt, Kuckucksblume (Piatanthera), Mückennacktdrüse, Helmknabenkraut, gebräuchliche Weißwurz (Salomonssiegel), den blaugrünen Waldmeister, den blutroten Storchschnabel, das Bergleinblatt (Bergflachs), die gelbe Sommerwurz, Wund-, Hörn-, Hufeisen-, Sichel- und weißen Bergklee, Süßblatt-Tragant, Erbsenwicke, Sonnenröschen, Kreuzblume, Pfeil- und Färberginster, Geißklee, Esparsette, kriechende und dornige Hauhecheln, bunte Kronwicke, Bergjohanniskraut, dünnblättrigen Lein, nordisches, echtes und niedriges Labkraut, breitblättrigen Ehrenpreis, Hügelmeister, Edelgamander, weißen Mauerpfeffer, Kelchsteinkraut, Lampenkönigskerze, Thymian, Steinquendel, aufrechten Ziest, Wiesensalbei, großblütige Braunelle, Natterkopf, sichelblättriges Hasenohr, Skabiosenflockenblume, Bergaster, weidenblättrigen Alant, gebräuchlichen und Hirsch-Haarstrang, Färberscharte und ebensträußige Wucherblume, Karthäusernelke, Silber- und Golddistel, stengellose Kratzdistel, scharfes Berufkraut, Fransen- und deutschen Enzian, kleine Bibernelle, Böhmer-, Lieschgras, Schillergras, aufrechte Trespe, Steppenhaber, Hunds-, Wein-, Essig- und rauhblättrige Rose usf. 

Diese dürre Aufzählung wird leider der Eigenart und Schönheit dieser Pflanzenwelt bei weitem nicht gerecht. Es ist bedauerlich, daß Frühlings- und Kreuzenzian sowie die Hummelragwurz ausgerottet und andere Pflänzchen schwer bedroht sind. 

Das Naturschutzgebiet hat sich teilweise zum Steppenheidegebüsch entwickelt und bedarf von Zeit zu Zeit sachkundiger Ausholzung. 

Zwischen dem Hinteren Berg und dem Kamm des Kappelbergs führt der Höhenweg durch eine ausgewaschene, tonhaltige Sandschicht ohne Steinmergel. Der schmale Streifen vor dem Wald zeigt, wenn auch in abgeschwächter Form, die Zwergheide. 

Sie erreicht ihre klassische Ausbildung nicht wie die Steppenheide im Osten (Ungarn, Rumänien, Südrußland, deshalb auch „pontische Steppenheide" nach „Pontus Euxinus", der römischen Bezeichnung für das Schwarze Meer), wo ein streng binnenländisches (kontinentales) Klima herrscht, sondern in Nordwestdeutschland und anderen Gebieten in der Nähe des Atlantik, also dort, wo das Klima feuchter und ausgeglichener und der Sandboden ausgelaugt ist, allerdings nur dann, wenn durch Raubbau der Wald verwüstet wurde und durch strenge Beweidung am Wiederaufleben verhindert wird (atlantische Zwergstrauchheide). 

Einzelne Glieder der Zwergheide haben wir bereits auf versauerten Böden kennengelernt. Im ganzen ist sie artenarm. An der oben bezeichneten Örtlichkeit neben dem Randweg umfaßt sie sehr wenig Pflanzenarten: Heidekraut (Zwergstrauch), Heidelbeere, schönes Johanniskraut, gebräuchlichen Ehrenpreis, Blutwurz, Pfeilginster, Hundsveilchen, Himmelfahrtsblümchen (Katzenpfötchen),borstenhaariges Habichtskraut, schmalblättrige Hainsimse, Wiesenwachtelweizen, Drahtschmiele, Dreizahn, Borstgras (dessen zahlreiche Horste auf ehemalige strenge Beweidung schließen lassen). Das Waldläusekraut wurde um 1930 durch Grabarbeiten ausgerottet. 

Auch in das Naturschutzgebiet ist das Heidekraut, der kampfkräftige Zwergstrauch, swi üben her eingedrungen. Herabgeschwemmter und herabgewehter, ausgewaschener and bereiteten ihm den Weg. Wenn auch das Heidekraut in trockenen Sommern und Trockenfrost leidet, so bildet es doch Rohhumus, unterbindet das Gedeihen der Bodenbakterien und Regenwürmer und unterdrückt nach und nach die bisherigen Ansiedler, ein stummer, aber harter Kampf zwischen den östlich und den westlich orientierten Pflanzen spielt sich ab. Unser schwankendes Übergangsklima begünstigt bald die Steppenheide, bald die Zwergstrauchheide. Bei anhaltender Sandzufuhr kann letztere weitere Fortschritte machen. Das aber wünschen wir nicht, obwohl die atlantische Heide, wenigstens in größerer Meeresnähe, besondere Reize entfaltet.