Karl Seibold

BRUNNEN UND SEEN

Auf der Markung Fellbach befindet sich keine größere Quelle, auch kein größerer Bach oder sonst ein bedeutendes Gewässer. Doch war die Versorgung der Bewohner Fellbachs mit gutem Wasser früher nie in Frage gestellt, denn es gibt eine Anzahl kleinerer Quellen, besonders in der Nähe der Stadt; auch ist am Fuß des Kappelberges der Grundwasserspiegel genügend hoch, um sowohl das nötige Gebrauchswasser als auch die notwendige Bodenfeuchte für den Pflanzenwuchs zu spenden. Durch Kanalisation und Drainierung wurden der Grundwasserspiegel teilweise wesentlich gesenkt und mehrere Gebiete der Markung noch fruchtbarer gemacht.

Eine weitere Versorgung der Stadt mit gutem Wasser durch die Fernwasser-Versorgung ermöglichte die Ansiedlung vieler gewerblicher Betriebe und Gärtnereien und ihre heutige Ausdehnung.

I.

a) Quellen, deren Wasser heute noch offen abfließt, sind:

1. Die Dietbachquelle und zwei kleinere Quellen in der Hagelhalde

2. Die Amselquelle im Gewann Amsel.

3. Die Kaiserquelle — oder das Kaiserbrünnele — in dem kleinen Kaiserwäldchen.

4. Die Erbachquelle im Gewann Erbach.

5. Eine Quelle in der Diebsklinge, deren Wasser längere Zeit muntere Wasserrädchen trieb, die naturfreundliche Menschen einbauten. Das kleine Bächlein erhält im Röhrach durch dort heraustretendes Grundwasser weiteren Zufluß.

b) Zahlreiche weitere Quellen wurden gefaßt und zuerst mittels „Teucheln" in öffentliche, laufende Brunnen geführt. Später wurde das Wasser durch eiserne Röhren — in der sogenannten Quelleitung — dem Hochbehälter der Wasserleitung zugeführt. (Die genannten Teucheln waren ausgebohrte Forchenstämme ans dem Fellbacher Wald. Eine Anzahl Teucheln lag immer — zum Hartwerden und als Vorrat — in dem kleinen See, der sich einst vor der „Krone", am Anfang der Kappelbergstraße, befand. Die Verbindung der Teucheln erfolgte durch Eisenmanschetten, die in die Teuchelwand eingetrieben wurden.)

1. Am oberen Teil des Nordostabhanges des Kappelberges entspringen die drei Kappelbergquellen. Eine davon liegt über dem Schützenhaus — 420 m ü. d. M. Ihr Wasser versorgt das Schützenhaus und die Häuser auf dem Kappelberg. Die zweite Quelle liegt in der Schießbahn — 413 m hoch. Ihr Wasser läuft zur Zeit frei ab. Die dritte Quelle befindet sich über der steilen Wand südlich des Wasserbehälters. Sie liegt 363 m hoch und liefert ihr Wasser in die umliegenden Weinberge.

2. Die Pfeiferhaldenquelle, östlich des alten Bergweges, lieferte früher auch Wasser für die Wasserleitung. Heute fließt dieses in den östlichen Graben des oben genannten Weges. Ein Teil des Wassers versorgt die umliegenden Weinberge mit Spritzwasser, das zur Bekämpfung der Rebschädlinge benötigt wird. Als Trink wasser darf es, ebenso wie das Wasser einiger anderer Quellen, die in Gebieten liegen, welche gedüngt werden, nicht mehr verwendet werden. In einem Seitenweg des Schreiberweges, unweit des Schreiberbrünnleins, fließt in nassen Jahren auch eine kleine Quelle. Ob sie ihr Wasser von der höher gelegenen Pfeiferhaldenquelle erhält, oder ob sie bei Hebung des Grundwasserspiegels zu fließen beginnt, ist nicht bekannt. Alte Weingärtner betrachten es als schlechtes Zeichen für den Weinertrag, wenn sie fließt.

3- Die Brühlwaldquelle — 358 m hoch gelegen — ist die ergiebigste Quelle der Markung. Sie schüttet zur Zeit — ähnlich wie die Dreibrunnenquelle — einen Liter Wasser in der Sekunde. Ihr Wasser wurde früher der Wasserleitung zugeführt. Heute darf es nicht mehr verwendet werden — wie das der Pfeiferhaldenquelle — und fließt frei ab.

4 Die Dreibrunnenquellen — 415 m ü. d. M. — liegen beim Eingang des Wasserstollens der Landes« asser Versorgung, der von dort in den Hochbehälter bei Rotenberg führt. Das Wasser dieser Quellen wird mittels der sogenannten Quelleitung in den Hochbehälter der Fellbacher Wasserleitung geführt. Auch die Brühlwaldquelle war an diese Leitung angeschlossen.

238 239 5 Im Buchwald — beim Haus Bausch — liegen die zwei Buchwaldquellen. Sie sind gefaßt und an die Quelleitung angeschlossen.

6. Die Mailesquelle, die in der Nähe war, ging durch Wegbau ein.

7. Die Schmähingsquelle — im Gewann Schmähing — liefert Wasser für die umliegenden Weinberge.

8. Das Wasser einer weiteren Quelle floß in den See, der „Krottensee" genannt war und sich neben der Kelter an der Untertürkheimer Straße befand. Bei der Eindeckung des Sees wurde das Wasser der Quelle mittels einer Dole in den Abwasserkanal geleitet.

9. Die Brönnlisquelle — im Gewann Brönnlis — versorgte den letzten noch vorhandenen laufenden Brunnen Ecke Untertürkheimer- und Bergstraße. Leider mußte dieser Brunnen 1955 dem Verkehr Platz machen.

II.

Damit kommen wir zu den öffentlichen Brunnen

Im Gegensatz zu dem genannten Brunnen an der Untertürkheimer Straße besteht noch das Schreiberbrünnlein Ecke Berg- und Schreiberweg. Es bildet für Wanderer und Ausflügler eine willkommene Gelegenheit, den Durst zu stillen. Sein Wasser erhält es von der schon genannten Quelleitung..

Ähnliche Brunnen wie der an der Untertürkheimer Straße gab es eine ganze Anzahl. Beim Bau der Wasserleitung (1902 — 1904) hatten sie ausgedient und wurden entfernt. Der schönste war der große Platzbrunnen oder

Marktbrunnen. Er stand auf dem freien Platz, auf den Cannstatter-, Vordere- und Weimerstraße einmünden, vor der Buchdruckerei Conradi. Aus der Brunnensäule ließen vier Röhren das gute Quellwasser in den sechseckigen Brunnentrog fließen. Leider mußte der Brunnen 1903 dem Verkehr weichen, nachdem er durch die Wasserleitung entbehrlich geworden war (siehe Bild Seite 68).

Ecke Hintere- und Lindenstraße stand ein ähnlicher Brunnen wie bis 1955 in der Untertürkheimer Straße; in der Burgstraße — wo heute die Lutherstraße einmündet — und östlich der "Krone" sowie in der Cannstatter Straße — südlich der Kirchenpflege — befanden sich weitere. Der zuletzt genannte erhielt sein Wasser aus einer Quelle in dem Anwesen Cannstatter Straße 36.

Schließlich sei der Klinglerbrunnen — gegenüber dem Gasthaus „Zum Ochsen", Ecke Hintere und Schiller-Straße, genannt. Er lag etwas tiefer als die Straße neben einem kleinen Feuersee. Sein Wasser war das Beste aller öffentlichen Brunnen. (Im Jahr 1956 hat der alte Brunnen in dem heutigen Entenbrünnele einen erfreulicherweise ebenbürtigen Ersatz gefunden.)

Das Wasser des Klinglerbrunnens kam aus einer Brunnenquelle in der Schmerstraße beim Haus Pflüger. Von dort wurde es allerdings zunächst in die Brunnenstube im Haus Weimerstraße 17 und erst von hier in den Brunnen geleitet. Es diente auch lange zum Eichen der Fässer und Butten. Das Eichen besorgte der amtliche Eichmeister in dem Eichhäuschen, das 1952 abgebrochen wurde.

Eine bekannte Wasserstube befand sich am Bergweg gegenüber dem heutigen Schreiberbrünnlein. Den Kindern wurde früher erzählt, daß man in dieser Stube die kleinen Kinder plätschern höre und daß die Hebamme — oder auch der Storch — sie dort hole.

III.

Außer den genannten laufenden Brunnen gab es noch viele Schöpfbrunnen, meist als Gemeinschaftsbrunnen. Diese gehörten mehreren benachbarten Familien, von denen sie gebaut und unterhalten wurden. Wer nicht zum Bau und Unterhalt beitrug und trotzdem Wasser holen wollte, mußte den Brunnenschilling bezahlen. Dieser Brunnenschilling war in dem Brunnenbrief festgelegt. In ihm war ferner geregelt, wie der Unterhalt des Bronnens, die Reinigung und Erneuerung gehandhabt werden sollen. Ein auf zwei Jahre gewählter 'Brunnenmeister sorgte dafür, daß die Bestimmungen eingehalten wurden. Bei Neuwahl des Brunnenmeisters mußte der Brunnenbrief samt Abrechnung an den neuen Brunnenmeister übergeben werden.

Wollte jemand der Brunnengemeinschaft beitreten, so hatte er 1 Schilling Eintrittsgeld zu entrichten, desgleichen beim Austritt. Nichtbeteiligte durften kein Wasser entnehmen. Diesen war nur gestattet: „Aus dem Brunnen zu trinken und, wenn sie aufs Feld gingen, ihren Krug zu füllen." Wer kurz vor Anfall größerer Reparaturen aus der Brunnengemeinschaft austrat, mußte die betreffenden Reparaturkosten noch mitbezahlen. Erschien ein Mitglied nicht zur Reinigung des Brunnens oder fehlte es unentschuldigt bei der Zusammenkunft der Brunnengemeinschaft, so konnte es mit einer Buße von 15 Kreuzern bestraft werden. Einige Brunnenbriefe sind noch erhalten (aus den Jahren 1669 und 1789). Einer derselben stammt von dem Gemeinschaftsbrunnen in Almosenhof. Dieser war in der Vorderen Straße, wo heute ein Gebäude der Genossenschaftsbank und das des Wagners Burgel liegen. In diesem Hof konnten lange Zeit die Ortsarmen alle vier Wochen einen Laib Brot als Geschenk oder Almosen abholen, daher wurde er Almosenhof genannt. Ein anderer Brunnenbrief gehörte wohl zu dem Brunnen vor dem Gasthof „Zur Traube" in der Cannstatter Straße. Für alle Brunnen, die mehreren Familien gehörten, waren wohl solche Brunnenbriefe vorhanden

Die Brunnen waren erst als Ziehbrunnen und später als Pumpbrunnen gebaut. Lange Zeit hatten sie Holzröhren-Teucheln, später gußeiserne Brunnenstöcke, von denen noch mehrere erhalten sind. Im Winter wurden sie zum Schutz gegen das Einfrieren mit Stroh umwickelt. Meist waren diese Brunnen recht ergiebig und mußten nicht besonders tief gebohrt werden. Einer der schönsten Brunnen stand in der Vorderen Straße zwischen den Häusern Nr. 19 und 21, die heute den Weingärtnern Gottlob Seibold und Paul Häußermann gehören. Der Brunnenschacht ist noch vorhanden und abgedeckt. Der Oberbau steht in der Traubengartensiedlung. Im Gebiet der Altstadt sind heute noch etwa zwölf Brunnenschächte vorhanden. Bei einigen steht auch noch der Brunnenstock.

Im Pfarrgarten — Ecke Waiblinger- und Pfarrstraße — stand bis 1925 ein schöner, überdachter Ziehbrunnen. Die Brunnensteine wurden damals bis auf den Wasserspiegel herausgenommen, ehe man den Brunnen zuschüttete.

Ein besonders ergiebiger Brunnen war der Jakobsbrunnen neben dem Haus Nr. 25 in der Schmerstraße, das heute Albert Pflüger gehört. Dieser Brunnen lieferte, wie bereits erwähnt, über die Wasserstube im Haus Off, Weimerstraße 17, das Wasser für den laufenden Klinglerbrunnen in der Hinteren Straße. Beim Bau der Wasserleitung — 1903 — wurde die Brunnengemeinschaft aufgelöst und der Brunnen vom Vater Albert Pflügers erworben. Die anderen 25 Teilnehmer erhielten je 3 Mark ausbezahlt. Das Wasser floß dann in den Abwasserkanal. Beim Bau eines tiefen Kellers im Jahr 1952 wurde die Quelle frisch gefaßt.

Beim Haus Munder — Ecke Hintere- und Kirchhofstraße — war ebenfalls ein recht ergiebiger Brunnen. Bei Kanalisationsarbeiten im Jahre 1928 wurden in der Hinteren Straße, wo die Weimerstraße in sie einmündet, in 3 bis 4 m Tiefe die Abschlußsteine eines früheren Zieh- oder Schöpfbrunnens freigelegt, ebenso daneben eine Mauer in gleicher Höhe. Leider hat man dem Brunnen und der Mauer bei den Kanalisationsarbeiten keinerlei Beachtung geschenkt. Brunnenrand und Mauer wurden teilweise abgespitzt und wieder eingedeckt. Nach überlieferten Aussagen älterer Bewohner soll früher da, wo Hintere- und Ochsenstraße zusammentreffen, ein kleiner See gewesen sein. Daß die ganze Umgebung dort sehr wasserreich war, zeigte sich besonders bei den Kanalisationsarbeiten.

Die Erdmassen, die den Brunnen und den See zudeckten, stammten wohl vom Kappelberg und wurden als Flößerde hierhergetragen und abgelagert. Die Weinberge lassen bei starkem Regen das Wasser rasch abfließen, und dieses bringt aus ihnen viel Erde mit. Früher floß ein großer Teil dieses Bergwassers durch die Berg- und Hintere Straße sowie durch die Graben- und Ochsenstraße dem obengenannten Platz zu und bewirkte so die Zuschüttung des Sees. So wurden wohl auch der Brunnen und die Mauer, die ja sicher ursprünglich noch mindestens einen Meter über ihre nächste Umgebung herausragten, zugedeckt. Möglich ist auch, daß der Brunnen ähnlich wie der Klinglerbrunnen etwas tiefer als die Straße lag.

IV.

Es wären noch einige Seen zu erwähnen. Um die Jahrhundertwende waren noch vorhanden: 

1. Her bereits genannte See an der Untertürkheimer Straße bei der alten Kelter. Er diente als Feuer- und Badesee. In kalten Wintern lieferte er auch das begehrte Eis. Von der Jugend wurde dieses „Eisen" allerdings nicht begrüßt, denn sie wurde damit ihrer besten Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen und „Schleifen" beraubt. 

2 Ein weiterer kleiner Feuersee — auch „Wette" genannt — war östlich der „Krone" am Anfang der Kappelbergstraße. Im Wasser dieses Sees lagen die Teucheln zum Hartwerden und als Vorrat für etwaigen raschen Bedarf.

3 An der Cannstatter- und Seestraße befand sich der letzte Rest des Sees um die alte Wehrkirche. Nach Erbauung der Wasserleitung wurde er vollends zugeschüttet. Ein Teil an der Seestraße war schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgefüllt worden. Diesem Vorgang fielen auch die dort stehenden Felben zum Opfer. Die Seen an der Untertürkheimer- und in der Kappelbergstraße waren durch gemauerte Dolen mit dem tiefer liegenden See in der Cannstatter Straße verbunden. Diese Dohlen führten durch die Untertürkheimer- und Hintere Straße bzw. durch die Vordere- und die Cannstatter Straße in den genannten See. Beide Dohlen waren mit Natursteinplatten abgedeckt, die zugleich als Gehweg dienten. Bei Brandfällen deckte man einige Platten ab, der Graben wurde abgedämmt und das Wasser der oberen Seen abgelassen. Diese Löschwasserversorgung bewährte sich bei Brandbekämpfung sehr gut. Ein kleiner Teich war auch noch beim Klinglerbrunnen, er diente ebenfalls der Löschwasserversorgung.