Erich Schlenker 

DAS RELIGIÖSE UND KULTURELLE LEBEN DER GEGENWART 

Wer Fellbach und vor allem das geistige Gesicht dieser Gemeinde kennt, weiß, daß ihr ein eigenes, zusammenfassendes Kapitel über das kulturelle Leben gar wohl ansteht. Wir meinen das keineswegs nur unter historischem Betracht - vielmehr scheinen zwei Tatsachen, die von dem heutigen, modernen Fellbach gelten, diese Feststellung nachdrücklichst zu rechtfertigen. Das eine ist die Tatsache, daß Fellbach, vor den Toren der Landeshauptstadt Stuttgart gelegen, mit ihr durch Bundesbahn, Straßenbahn und Omnibuslinien auf das engste verbunden und überdies in den letzten Jahren selbst immer mehr zum Sitz namhafter Industriebetriebe und anderer moderner Wirtschaftsunternehmen geworden - daß dieses Fellbach bis heute nicht zum Typus der farblosen, unpersönlichen "Vorstadt" abgesunken ist, sondern sich trotz Zuwanderung und stürmischen Wachsens, trotz Modernität und lebensnaher Aufgeschlossenheit, die aller Engstirnigkeit und nur- lokalpatriotischen Haltung von Grund auf abhold ist, ein ausgesprochen reges und vielseitiges Eigenleben erhalten und damit erreicht hat, daß sich der Fellbacher, auch der zugewanderte, immer noch mit einem gewissen Stolz und Selbstbewußtsein als Fellbacher fühlt, daß solche Verbundenheit gepflegt wird und sich auf den verschiedensten Gebieten immer wieder als fruchtbar erweist. Das ist eine schöne, erfreuliche Feststellung, die nicht zuletzt auch auf der im Jahre 1955 in Stuttgart durchgeführten Landesausstellung vermerkt wurde, wo Fellbach unter den Mittelstädten des Landes mit einer sehr wirksamen und viel beachteten Darstellung das Thema "Eine Mittelstadt wahrt und will ihr eigenes Gesicht" abhandelte. 

Das andere ist die Tatsache, daß sich in Fellbach auch heute - in dem entgotteten 20. Jahrhundert - noch ein außerordentlich reges religiöses Leben erhalten hat. Man mag zu dem Nebeneinander verschiedenster religiöser Bekenntnisse und Glaubenssätze stehen wie man will - man wird zugeben müssen, daß es gewiß keine Gleichgültigkeit in religiösen Dingen ist, sondern daß sich darin auf alle Fälle ein tiefer, gelegentlich vielleicht fehlgeleiteter, dennoch achtenswerter religiöser Ernst offenbart, wenn wir in Fellbach heute Anhänger von rund 30 verschiedenen religiösen Bekenntnissen (Kirchen, "Gemeinschaften" und Sekten) zählen, die von ihrem Glauben erfüllt sind und sich jederzeit freudig zu ihm bekennen. Das ist heute wahrhaftig nicht überall der Fall. Und wenn man dem Schwaben auch im allgemeinen eine Neigung zum Grübeln, Spintisieren und eigenwilligen Denken gerade in religiösen Dingen nachsagt, so ist damit der in gewissem Sinne besonders gelagerte Fall Fellbachs nicht in allem erklärt. Gewiß haben wir es hier auf altwürttembergischem Boden mit Schwaben zu tun - gewiß wirkt sich auch hier die schwäbische Eigenbrötelei und Sinnierlichkeit in allen Formen und Weisen aus, und gewiß wußte man auch hier zu allen Zeiten und in allen Lagen das Altüberkommene zu achten und zu schätzen. Aber wie gesagt, das trifft anderwärts auch zu - vor allem an Orten, die landschaftlich abgeschlossen und abseits der großen Verkehrswege gelegen in den wichtigsten Dingen auf sich selbst gestellt und darum Einflüssen von außen nur wenig zugänglich sind. Gerade das gilt jedoch für Fellbach nicht. Es lag von jeher an bedeutsamen Heerstraßen und Handelswegen, und das Hochplateau zwischen Rems und Neckar, auf dem seine Markung liegt, öffnet sich weit gen Westen, Norden und Osten. Eine Schranke bildet nur der Kappelberg im Süden. Und gerade er scheint so etwas wie der Schicksalsberg Fellbachs zu sein. Zu allen Zeiten suchten Menschen, die hier siedelten, an ihm so etwas wie Anlehnung. Und das nicht nur im Sinne äußerer Lebenssicherung - etwa als Wehranlage oder als Refugium und Versteck in Zeiten der Not - sondern durchaus auch in geistig-seelischem Bezug. Ob und inwieweit schon die Frühmenschen der Steinzeit- Kulturen, die auf dem Kappelberg durch Tausende von Einzelfunden nachgewiesen sind, hier auch Kultstätten unterhielten, entzieht sich, wenn man es auch annehmen möchte, sicherer Kenntnis. Dagegen wissen wir, daß die Römer an seinen Hängen einen Mithrasaltar errichtet und hier dem Gotte Mithras gehuldigt haben. Und wir wissen ebenso, daß im frühen Mittelalter die Kapelle, die dem Berg schließlich den Namen gab, eine Marien-Kapelle war, und daß zu ihr Gläubige aus nah und fern in großer Zahl gewallfahrtet sind. Und wenn heute schließlich der "Fellbacher Herbst" alle Jahre bei der Neuen Kelter am Fuße des Kappelbergs seinen Anfang nimmt, wenn dort - die sonnigen Rebhänge und die majestätische Kontur des Berges im Rücken - die Vertreter von Kirche und bürgerlicher Gemeinde das Wort zum Dank für den Segen eines Jahres ergreifen, ist es nicht auch da noch jedem, der dabei ist, als ob der Berg im Hintergrund eben nicht bloß irgendein Berg unter Bergen, sondern der Berg Fellbachs sei, mit dem das Geschick der Gemeinde über Generationen von Fellbachern hinweg auf Gedeih und Verderben verbunden war und verbunden blieb . . ? 

Wenn von dem nahen Stuttgart schon gesagt wurde (H. Missenharter), es habe so etwas wie einen genius loci, der die Menschen, die dort leben - auch wenn sie nur dorthin zugezogen sind - zum Grübeln, zum Philosophieren und Erfinden bringe, so gilt von Fellbach etwas Ähnliches. Nur daß hier der grübelnde Verstand weniger auf das Praktische, auf kommerzielle und technische Fortschritte, als vielmehr auf den rechten Sinn des Lebens, auf sein Woher und Wohin gerichtet ist. Fellbach hat wohl noch keinen großen Techniker oder Erfinder hervorgebracht; dafür aber hatte es zu allen Zeiten geistes- und glaubensstarke Männer, auf die man im Lande hörte, die Charakter zeigten und Willen, selbst wenn solcher Wille gelegentlich an Dickköpfigkeit grenzen mochte. Fellbach ist die Pforte zum Remstal, das einst die Heimat der Staufer, aber auch die Heimat des "Armen Konrad" war, wo die Weiber von Schorndorf den Sieg ihrer Hartnäckigkeit und Zivilcourage feiern konnten, und wo immer eigenwilliger, wenn's sein mußte, kämpferischer und revolutionärer Geist zu Hause war, der das Rechte und Rechtschaffene wollte und ständig bereit war, gegen das Unrecht aufzustehen. Vielleicht muß man das, was Fellbachs geistiges Leben und geistige Haltung ausmacht, mehr von diesem Remstal, als etwa von Stuttgart her verstehen. Die Tradition des Remstals ist alt... Und Stuttgart ist schließlich nur eine Gründung des einst im Remstal ansässigen Geschlechts derer von Beutelsbach. Man darf das in diesem Zusammenhang wohl in Erinnerung rufen. 

Gewiß, heute liegt Fellbach zwischen den Spannungsbereichen Stuttgarts und des Remstals. Sein genius loci jedoch ist, wenn man so will, von remstäler Art. Und das ist entscheidend, und das verleiht der Gemeinde noch heute - da sie mehr denn je in den Großstadt-Sog Stuttgarts geriet - jene Bodenständigkeit und eigene Physiognomie, die die Voraussetzung jedes eigenständigen und echten kulturellen Lebens ist. 

DAS RELIGIÖSE LEBEN 

Wir sind bei dieser Betrachtung bis jetzt absichtlich mehr von der Gegenwartssituation ausgegangen als von der historischen Entwicklung. Dennoch ist es selbstverständlich, daß auch hier wie anderwärts die Dinge geschichtlich geworden und herangewachsen sind. Wer sie tiefer verstehen will, muß darum in die Vergangenheit zurückgreifen, muß ihr nachgehen und sie zu verstehen suchen. Er wird dann leicht erkennen, wie sehr das Vergangene dem Gegenwärtigen den Stempel aufgedrückt hat, wie sehr aber auch das Gegenwärtige zu jeder Zeit aus eigenen Kräften und Entwicklungstendenzen genährt und bestimmt wird. 

Die mittelalterliche Kultur, die zeitlich bis zur Reformation und dem aufkeimenden Humanismus reicht, war ausschließlich kirchlich-christlicher Prägung. Alle Wertung und Zielsetzung war von der Kirche und ihren Institutionen bestimmt und behütet. Das galt selbst für Wissenschaft und Künste, die weitgehend in den Klöstern und Klosterschulen beheimatet waren, ganz zu schweigen von all dem, was mit der Erziehung der Jugend zusammenhing. 

Erst vom 16. Jahrhundert ab wurde das anders. Neben das Christentum trat der Humanismus als Quelle neuer geistiger Impulse. Neben den frommen Christenmenschen, wie ihn die Kirche Jahrhunderte lang gefordert und in ihren Großen vorgelebt hatte, trat der diesseitig gerichtete Mensch der Renaissance, der das Ideal der aus sich selbst lebenden, kraftvollen Einzelpersönlichkeit verkörperte; neben die Welt des Glaubens trat die des Wissens, des Forschens und Erprobens, die schließlich zum Segen und Fluch der modernen Wissenschaften, der modernen Technik und Industrie geführt hat. Unendliche Kräfte wurden frei. Neues, vorher kaum geahntes Leben und Erleben ergriff die Menschen. Sie drangen in die gesetzmäßigen Abläufe des Makro- und des Mikrokosmos ein, machten sich Naturkräfte von ungeheuerem Ausmaße dienstbar, eroberten schließlich die Luft, überflogen Kontinente und Meere, sprengen nun gar das Atom und schicken "Satelliten" ins All . . ! 

Man muß diese Entwicklung sehen - mit allem Für und allem Wider, mit all ihren Erfolgen, aber auch mit allen Gefahren, die darin schlummern und gelegentlich schon laut an unser Gewissen pochen. Da ist es ein beruhigendes Faktum, zu wissen, daß sich allem Fortschrittswahn, allem Materialismus und Rationalismus zum Trotz ein Bezirk bis in die jüngste Gegenwart herein erhalten hat und noch heute dem Einzelnen wie der Gemeinschaft wertvolle Impulse zu geben vermag - nämlich der Bezirk des Religiösen. 

Und das gilt gerade auch von Fellbach. Wir deuteten es schon an und wollen nun im folgenden versuchen, etwas wie einen objektiven Querschnitt durch das religiöse Leben Fellbachs in unseren Tagen zu geben: 

Da sind zunächst die beiden großen christlichen Kirchen - die evangelische, die seit der Reformation das Antlitz der Gemeinde bestimmt hat, und die katholische, die in jüngerer Zeit - zumal mit der Zuwanderung - mehr und mehr an Boden gewinnt. 

 

Die Evangelische Kirchengemeinde 
(1955: Rund 16250 Seelen) 

Der folgenden Darstellung, die sich mit dem Leben der Evangelischen Kirchengemeinde in der Gegenwart befaßt - das Vergangene und geschichtlich Besondere ist an anderer Stelle aufgezeichnet (Seite 107 ff.) - liegen Berichte von Pfarrer Bochterle und Oberlehrer Leins zugrunde, die Pfarrer Frohnmeyer gründlich überarbeitet hat: 

Ein besonders markantes Jahr im jüngeren Leben der Evangelischen Kirchengemeinde Fellbach bedeutete ohne Zweifel das Jahr 1927, da neben die alte, ehrwürdige Lutherkirche ein zweites evangelisches Gotteshaus trat, nämlich die Pauluskiche - ein vielbeachteter moderner Kirchenbau von Architekt Professor Wilhelm Jost. 

Dieser Neubau, der sich harmonisch in die landschaftliche Umgebung fügt und gleich der Lutherkirche zu einem lebendigen Wahrzeichen des Ortes geworden ist, war zwar mit erheblichen Schulden verbunden, an deren Tilgung nur in Form allmählicher Abtragung gedacht werden konnte - es zeugt jedoch von der inneren Kraft und Opfer- 116 Bereitschaft der Gemeinde, wenn sie trotz dieser Belastung daran ging, auch die längst notwendig gewordene Erneuerung der Lutherkirche in Angriff zu nehmen. Am 18. Dezember 1933 wurde der dafür notwendige Beschluß des Gesamtkirchengemeinderats gefaßt. Und nun wurde das Gestühl vollkommen neu aufgebaut. Man stellte eine solide hölzerne Decke her, richtete eine Gasluftheizung ein und konnte schon nach drei Monaten Arbeit die Gottesdienste in der Lutherkirche wieder aufnehmen. Während der Erneuerungsarbeiten hielten die Geistlichen an jedem Sonntagvormittag zwei Gottesdienste im damaligen Städtischen Gemeindehaus, bei mildem Wetter auch im Garten von Frau Klara Bauer, geb. Auberlen, ab. Die Kosten, die nahezu 90000 Mark betrugen, konnten aus Opfern und Spenden sowie aus Darlehen, die zinslos oder zu ganz niedrigem Zinsfuß gegeben wurden, besonders auch aus einer namhaften Spende von Apotheker Doelker, gedeckt werden. 

Zu gleicher Zeit, im Februar und März 1934, wurde der Evangelische Gemeindedienst eingerichtet, der in der Lutherkirchengemeinde seine Helfer und Helferinnen überwiegend in den Gemeinschaften und unter den älteren Mitgliedern des Christlichen Vereins Junger Männer finden konnte - aber auch in der Pauluskirchengemeinde fehlte es nicht an freiwilligen Kräften. Selbst ein vierter, im Evangelischen Vereinshaus untergebrachter Kindergarten kam noch im April 1934 zustande. 

Als im November 1935 an der Lutherkirche eine zweite Pfarrstelle errichtet wurde, kam die zwischen Cannstatt und Fellbach gelegene "Lindle"-Siedlung, die bisher der Pauluskirchengemeinde angegliedert war, zur Lutherkirchengemeinde. Versuche des Gesamtkirchengemeinderats, in dieser Siedlung einen geeigneten Bauplatz für ein Gemeindehaus zu gewinnen, blieben zunächst erfolglos. Da stellte Gastwirt Aldinger ein Nebenzimmer seines Gasthauses "Lindenhof" zur Verfügung, so daß vom Jahre 1936 ab auch in der "Lindle" -Siedlung eine wöchentliche Bibelstunde abgehalten werden konnte. Später gelang es der Cannstatter Kirchengemeinde, auf Stuttgarter Markung in der Nähe der Fellbacher "Lindle"-Siedlung einen Bauplatz zu erwerben und darauf die Wichernkirche =" erstellen. Nun konnten die Bewohner der Fellbacher Siedlung dieses am 11. Oktober 1937 geweihte Gotteshaus besuchen, und der zweite Pfarrer der Lutherkirche beteiligte sich an den Gottesdiensten in dieser neuen Kirche.

In den ersten Dezembertagen des Jahres 1937 brach in Fellbach die Maul- und Klauenseuche aus. Ganz Fellbach wurde zum Sperrgebiet erklärt und so durften auch keine Gottesdienste und keine Versammlungen mehr abgehalten werden. Die drei Ortsgeistlichen schrieben nun abwechslungsweise zu den Sonn- und Feiertagen eine Predigt, die vervielfältigt und so in die Familien gebracht wurde. Die NSDAP behinderte diese Aktion nie - und Ende Februar 1938 erlosch die Seuche. Wie stark im übrigen der innere Zusammenhalt der evangelischen Gesamtkirchengemeinde ist, erwies sich am eindringlichen während der Zeit des "Kirchenkampfes", da beide Kirchengemeinden mit nur wenigen Ausnahmen treu und unerschrocken zu ihrem verehrten Landesbischof D. Wurm standen. Im Herbst 1939 konnte sich die Lutherkirche sogar ein elektrisches Läutwerk anschaffen. Drei Jahre darauf mußten dafür freilich drei Bronzeglocken für Zwecke des Krieges abgeliefert werden, worunter sich leider auch die im Jahre 1625 gegossene, sogenannte Maicklerglocke befand. Es war ein Glück, daß sie nicht für immer verloren war. Gleich nach dem Kriege nämlich, als sich die Kirchengemeinderäte schon um ein neues Geläute bemühten, erhielt die Gemeinde die kunstvolle Maicklerglocke aus Lünen in Westfalen zurück. Darauf beschloß der Gesamtkirchengemeinderat, noch drei Gußstahlglocken für die Lutherkirche und eine Gußstahlglocke für die Pauluskirche aus Bochum zu beschaffen. Außerdem wurde der eichene Glockenstuhl in der Lutherkirche durch einen eisernen ersetzt. Gemäß früherer Abmachungen trug dabei die Stadtgemeinde die Hälfte der Kosten für Glocken und Glockenstuhl der Lutherkirche; überdies bewilligte sie noch einen Beitrag für die neue Glocke der Pauluskirche. Die Lieferung der Glocken ließ dann freilich lange auf sich warten, so daß die Glockenweihe erst am 15. Mai 1949 stattfinden konnte. 

Neuartige Aufgaben erwuchsen dem Gesamtkirchengemeinderat nach dem Kriege daraus, daß nunmehr zahlreiche Familien von Neubürgern in Fellbach Aufnahme fanden und die Gesamtzahl der Kinder damit beträchtlich zunahm. Gleich nach dem Kriegsende hatte man anstelle des aufgelösten NS-Kindergartens einen fünften evangelischen Kindergarten in der Sonnenbühlstraße 8 (Stadtteil "Lindle") geschaffen. Nun, da man 1947 schrieb, gelang es, von der Gemeinde Gschwend im Kreis Backnang eine große leerstehende Baracke für 25 000 Mark zu erwerben: Die Pauluskirchengemeinde erbaute aus deren einer Hälfte ein Jugendheim, das als Versammlungsraum für die evangelischen Jugendkreise dient und außerdem einen sechsten Kindergarten sowie die Evangelische Nähschule aufnahm. Aus ihrer anderen Hälfte wurde auf einem zunächst gepachteten, dann käuflich erworbenen Grundstück das Johannesgemeindehaus der "Lindle"- Siedlung erstellt, in dem eine Wohnung für den Verwalter und seit Herbst 1948 noch ein siebenter Kindergarten eingerichtet ist. Später brachte man auf diesem Gemeindehaus noch eine kleine Bronzeglocke an, deren Kosten aus freiwilligen Beiträgen von Gemeindegliedern gedeckt werden konnten. 

Noch manch' anderes blieb zu tun. - Da war vor allen Dingen der Turm der Lutherkirche: Der alte, lange gehegte Wunsch, an seiner Westseite das bisher fehlende Ziffernblatt anzubringen, ließ sich im Jahre 1951 auf Grund einer hochherzigen Stiftung von Fabrikant E. Maier verwirklichen. An verschiedenen Stellen bröckelten jedoch Mauerstücke ab und gefährdeten die Passanten. Im Sommer des Jahres 1952 konnten diese Ausbesserungen in Angriff genommen werden, wobei sich allerdings ergab, daß die Schäden weit größer waren, als man zunächst vermutet hatte. Die Arbeiten mußten darum im März 1953 erneut aufgenommen werden. Der Voranschlag von 15 000 DM wurde dabei 118 ... "dritten. Insgesamt kamen die Kosten für diese Renovierungs- und Restaurierungsbeiten auf rund 40 000 DM zu stehen. Das war ein harter Schlag, auch wenn die Stadtgemeinde davon die Hälfte übernahm. 

Endlich plante der Gesamtkirchengemeinderat ein neues großes Werk, den Bau eines Gemeindehauses für die Lutherkirchengemeinde. Nach langem Hin und Her, in das kirchliche und weltliche Kreise eingriffen, wurde dafür endgültig der Platz August-Brändle- Straße 19 vorgesehen, wo dann das neue, stattliche Paul- Gehbardt-Haus nach Entwürfen von Professor Hans Seytter errichtet und im Jahre 1956 feierlich eröffnet werden konnte - wahrlich zur Freude der Kirchen- wie der bürgerlichen Gemeinde. 

Es mag seltsam berühren, wenn hier, da von dem Leben der Evangelischen Kirchengemeinde berichtet werden soll, im wesentlichen von Bauplänen und Baukosten die Rede ist. Das ist doch eine ganz äußerliche Art der Betrachtung, mag da mancher denken und hat sogar recht. Und doch spiegelt sich in solchen Vorgängen, die zugleich ein Stück Ortsgeschichte sind, das innere, das eigentlich religiöse Leben. Wo dieses nicht da und nicht lebendig ist, entsteht kein Drang, sich zu vergrößern, und kein Wunsch, Altüberkommenes unter Aufwand beträchtlicher Mittel zu erhalten, zu pflegen und - wo notwendig - zu restaurieren. Man halte sich das vor Augen. Es ist ein Faktum, das in solchem Zusammenhang besondere Beachtung verdient; beweist es doch gerade in so materiell ausgerichteter, erfolgsgläubiger Zeit wie der unseren, wie stark und gewichtig eben das religiöse Leben auch in diesen Tagen in Fellbach - übrigens auch anderswo - noch ist. 

Ein weiteres Argument bietet die Jugend. Wer sie hat, wer sie zu gewinnen und zu begeistern weiß, ist noch aktiv, jung und zukunftsträchtig. Gewiß, man weiß, daß sich die junge und jüngere Generation der Gegenwart mehr von Sportplatz, Kino und "schräger" Musik, mehr von Segelflug und Motorrad als etwa von schöner Literatur, Bildenden Künsten oder gar religiösen Gedanken einnehmen läßt (wobei das eine keineswegs das andere, wie manche glauben, ausschließen muß). Das ist eine Zeiterscheinung, mit deren Warum und Woher wir uns hier nicht auseinandersetzen wollen. Sie sei nur erwähnt, weil sich vor ihr als Hintergrund die Situation in Fellbach besonders markant abhebt. Dabei sei nicht in Abrede gestellt, daß man auch hier sehr wohl um turnerischen und sportlichen Ehrgeiz weiß - die prachtvolle Stadionanlage und das reizvolle Freibad sind ein lebendiger Beweis dafür; wir wissen auch sehr wohl um die knatternden Motorräder, die hier wie anderwärts durch Straßen, um Häuser und Ecken rasen - dennoch darf man wohl sagen, daß sich die junge Generation in Fellbach, mehr als das in anderen vergleichbaren Orten des Landes zutreffen mag, noch einen offenen, aufgeschlossenen sinn auch für die geistigen Seiten des Lebens bewahrt hat. Das gilt nicht nur für die bäuerliche und die Weingärtnerjugend, die mit der angestammten Scholle freilich am stärksten verwachsen ist, das gilt auch nicht bloß für die eingeborene Jugend Fellbachs, deren Eltern zwar in Handel und Gewerbe tätig sind, dennoch aber ihre überkommene Familientradition pflegen - das gilt für Fellbach schlechthin. Wer hier Fuß faßt, begegnet auch dem Sinnierlichen und Grüblerischen, das hier zuhause ist und noch hinter den Dingen ein Geheimnis ahnt und verehrt. . . 

Bei solcher Situation verwundert es nicht - und wir kehren damit zum eigentlichen Gegenstand unserer Betrachtung zurück - daß sich die evangelischen Kirchengemeinden Fellbachs auch eines überaus regen Lebens in ihren Jugendorganisationen erfreuen-. Wie anderswo wurde auch in Fellbach im Jahre 1864 für die Gesamtkirchengemeinde der Christliche Verein junger Männer ins Leben gerufen. Er fördert seither die christliche Erkenntnis, die Freundschaft und Geselligkeit, und hat aus seinen Reihen im Lauf der Jahre einen Posaunenchor, eine Weißkreuzgruppe, eine Turnabteilung sowie einige Wandergruppen und neuerdings noch einen Bibelkreis aufgebaut. Als Ergänzung dazu kam es später zur Gründung eines Jungfrauenvereins, der heute den Namen Mädchenkreis führt. Auch an der Pauluskirchengemeinde wurde ein solcher Mädchenkreis gebildet. 

Während des zweiten Weltkrieges standen die von Zahnarzt Martin Pfander geleitete Gemeindejugend und der CVJM zeitweilig im Gegensatz zueinander. Sie vereinigten sich jedoch nach 1945 wieder und betreuen nun die männliche Jugend gemeinsam. Ihre kulturellen Darbietungen, Laienspiele und Vereinsfeiern haben seit langem einen guten Ruf im Gemeindeleben. Im übrigen sind auch in der "Lindle"-Siedlung kleine Jugendkreise am Werk. - Außerdem fanden sich längere Zeit einige Oberschüler in einem besonderen Bibelkreis zusammen, der unter der Leitung des Vikars stand (siehe auch Seite 225/6). 

Alle diese viele und vielseitige Arbeit war in der stetig wachsenden Gemeinde schließlich von den drei Geistlichen kaum mehr zu bewältigen. So kam es im Jahr 1956 zur Schaffung einer dritten Planstelle an der Lutherkirche, und neuerdings (Sommer 1957) erhielt auch die Pauluskirchengemeinde eine zweite Pfarrstelle genehmigt; so wirken zur Zeit an der Lutherkirche die Geistlichen Pfarrer Spieth, Pfarrer Geister und Pfarrer Imberg, an der Pauluskirche Pfarrer Hartmann und Pfarrer Hoffmann- Richter. 

Die Katholische Pfarrgemeinde 
(1955: Rund 5200 Seelen) 

Der hier folgenden Darstellung liegt ein Bericht von Pfarrer Sturm zugrunde, der mit Recht darauf hinweist, daß die heutige Katholische Pfarrgemeinde Fellbachs erst jüngeren, ja im Vergleich mit der Evangelischen Kirchengemeinde geradezu jüngsten Datums ist. Es dauerte nämlich nicht bloß Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte, bis nach der Reformation wieder Katholiken in Fellbach Fuß fassen konnten. Als erste werden 1899 fünf katholische Frauen erwähnt, die in der Evangelischen Frauenheimat in der Pfarrstraße 120 Aufnahme fanden. Im Laufe der Jahre kamen weitere dazu. Im Jahre 1905 waren es 46, im Jahre 1907 waren es 70, im ersten Weltkrieg (1915) waren es 294 Katholiken, die man in Fellbach zählte. Zehn Jahre später (1925) erreichte ihre Zahl - etwa 500 Katholiken - schon die Größe eines mittleren Dorfes. Im Jahre 1933 wurde mit 1177 Katholiken das erste, im Jahre 1939 mit 2118 Katholiken das zweite Tausend überschritten. Im Jahre 1946 wuchs die Zahl bis an das dritte Tausend heran. Seit diesem Jahre findet in Fellbach auch jährlich eine eigene Fronleichnamsprozession statt; sie wird von Jahr zu Jahr größer und festlicher. - Im Jahre 1948 umfaßte die Katholische Kirchengemeinde bereits 4000 Seelen, hatte also die Stärke einer ansehnlichen katholischen Stadtpfarrei erreicht. Heute ist schon das fünfte Tausend überschritten, und noch immer drängt die Flut der ausgewiesenen Flüchtlinge und der Zuzug siedlungsfreudiger junger Katholiken weitere Glieder in die Katholische Pfarrgemeinde herein. Der katholische Volksteil ist in der Zuwanderung beträchtlich. 

Es ist ganz natürlich: Je größer die Zahl der Katholiken in Fellbach wurde, desto lauter wurde auch der Ruf nach einem eigenen Gottesdienst. Launig erzählt der Chronist: "Auf dem weiten Kirchenweg nach Waiblingen zum Gottesdienst, den man bei jeder Witterung zurücklegte, war diese Frage ein naheliegender Gesprächsstoff. Er wurde um so eifriger erörtert, je schlechter das Wetter war." Der Neubau der Trikotfabrik der Firma Maier & Sohn am Cannstatter Platz - jetzt Stadtbücherei - bot dazu Platz. So wurde der Neujahrstag 1914 der eigentliche Geburtstag der Katholischen Pfarrgemeinde in Fellbach. An ihm wurde hier seit Jahrhunderten wieder zum erstenmal das heilige Meßopfer begangen. Die kleine Gemeinde mußte in Ermangelung von Bänken und Stühlen stehen, durfte aber doch in dankbarer Genugtuung und Freude dieser ersten heiligen Messe beiwohnen. 

Schon 1908 hatte Pfarrverweser Brehm von Waiblingen das heutige Kirchengelände nach langen, schwierigen Verhandlungen erwerben können. Und fünf Jahre nach der "ersten" heiligen Messe auf Fellbacher Boden konnte auch der Wunsch nach einem eigenen Seelsorger Erfüllung finden. Es war Pfarrverweser Oskar Kehle, dem als Pfarrer nun immer noch das Gotteshaus fehlte. 

Am 6. Mai 1923, mitten in der Inflation, wurde auch dazu der Grundstein gelegt. Schon am 14. Oktober 1923 konnte die Kirche von dem späteren Bischof Dr. Johannes Baptista Sproll geweiht werden. Es war die närrische Zeit des Millionen- und Milliardentanzes, die jeden zum Millionär und doch die meisten bettelarm machte. Die Millionen zerflossen damals unter den Händen. In Goldmark ausgedrückt hatte der Bau der Kirche fast nichts gekostet. 

Bis zum endgültigen Ausbau der neuen Kirche brauchte es noch viel Zeit und Mühe. Es war ein langer, sorgenvoller Weg, der da erst gegangen werden mußte. Vor allem war fahrend der Herrschaft des Nationalsozialismus für die Kirche und ganz besonders für die Katholische Kirche in Fellbach nichts zu erreichen. Da gab es keine Baugenehmigung und kein Baumaterial. Der Kirchennot, die inzwischen entstanden war, wurde soweit möglich durch Vermehrung der Gottesdienste an Sonn- und Festtagen abgeholfen. Da hier aber immer mehr Ausgebombte und später immer mehr Heimatvertriebene zuzogen, stieg die Kirchennot allmählich ins Ungemessene. So kam es, daß man den Kirchenbau schon zwei Monate nach der Währungsreform beginnen mußte. Durch sie war ein Baukapital von fast 130 000 RM auf 5600 DM zusammengeschmolzen. 

Man fing mit dem Bau am 2. August 1948 an, und schon am 6. November 1949 konnte die Kirche von Weihbischof Dr. Joseph Fischer eingeweiht werden. Trotz aller Not konnte das Baumaterial lückenlos beigeschafft und auch das erforderliche Geld flüssig gemacht werden. Viel wurde von den Gliedern der Pfarrgemeinde in freiwilliger Arbeit geleistet; vor allem haben sich dabei auch die Heimatvertriebenen wohl bewährt. Auch mit ihrem Schweiß und Geld wurde die Kirche erbaut. 

Im Rahmen der katholischen "Jugendarbeit nimmt die Kolpingsfamilie sicher die erste Stelle ein. Sie bildet in Fellbach zugleich den ältesten katholischen Verein, der schon im Mai 1953 sein 25jähriges Bestehen feiern konnte. Diese Kolpingsfamilie ist eine ausgesprochene Berufsorganisation für Handwerker und Berufsarbeiter. Aufnahme finden bei ihr Jugendliche von 18 Jahren ab, die ledig sind. Ihre Aufgabe ist die Erziehung ihrer Mitglieder zu tüchtigen Christen, zu tüchtigen Berufsarbeitern, zu tüchtigen Familienvätern und Staatsbürgern. Der Sitz der Kolpingsfamilie ist im "Bonifatiusheim". 

Die übrige schulentlassene Jugend beiderlei Geschlechts ist im "Bund der deutschen katholischen Jugend" zusammengefaßt. Auch dieser Bund hat seinen Sitz im Bonifatiusheim. Erwähnt sei noch die "Neudeutsche Jugend", die "ND", die die Schüler der höheren Schule und solche, die aus ihr hervorgegangen sind, umfaßt und ein Leben in Christus im Geiste gesunder Jugendbewegung verwirklichen will. (Siehe auch Seite 227.) 

Im übrigen ist im Bonifatiusheim auch die Pfarrbücherei untergebracht, die heute über rund 1300 Bände verfügt und fortwährend bemüht ist, neue Bücher für jung und alt anzuschaffen. 

Eine große Aufgabe der katholischen Gemeinde harrt noch ihrer Erfüllung: Der Bau eines festen Gemeindehauses. Der Platz dafür ist schon gekauft. 

Anhänger der Griechisch-Orthodoxen Kirche 

Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, daß neben den beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands, der Evangelischen und der Römisch-Katholischen Kirche, neuerdings auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche, die vor allem im Osten und Südosten beheimatet ist, in Fellbach Fuß fassen konnte - und zwar als Folge des zweiten Weltkrieges, der aus diesen Ländern Tausende von Neubürgern nach Fellbach brachte. Von ihnen waren die meisten zwar römisch-katholischen Glaubens und haben der Katholischen Kirchengemeinde Fellbachs mächtigen Aufschwung gegeben. Ein kleiner Teil davon bekennt sich jedoch zur Griechisch-Orthodoxen Kirche, so daß auch diese nunmehr in Fellbach, wenn auch nicht als eigene Kirchengemeinde, vertreten ist. 

"Stunden" und "Gemeinschaften" 

Man würde nur eine und nicht einmal die besondere Seite des regen religiösen Lebens in Fellbach würdigen, wenn man sein Augenmerk nur auf das richten wollte, was sich da im Rahmen der beiden großen christlichen Kirchen - wenn man so sagen darf - offiziell abspielt. Vor allem auf Seiten der evangelischen Kreise entfaltet sich ein wesentlicher Teil des religiösen Lebens, der Andacht und Erbauung in den sogenannten "Stunden" und "Gemeinschaften". Sie bemerkt ein fremder Besucher der Stadt allenfalls dadurch, daß an Feiertagen außerhalb des kirchlichen Gottesdienstes und auch werktagabends aus einzelnen Bauernstuben, Versammlungslokalen oder Gemeinschaftsheimen fromme Lieder erklingen und bei genauem Hinhorchen eine Stimme zu hören ist, die ein Gebet spricht oder das Wort Gottes auf ihre Art auslegt und sinnfällig deutet. 

Der Altpietisnius 

Die Hahn'sche Gemeinschaft, die auf den aus Altdorf bei Böblingen stammenden geistreichen und redegewandten Bauern Michael Hahn zurückgeht und im Grunde dem Altpietismus zugerechnet werden darf, gab - das kann man wohl sagen - während des ganzen 19. Jahrhunderts dem religiösen Leben Fellbachs das Gepräge. Aus ihr kamen, wie an anderer Stelle gezeigt wird (Seiten 111/112 und 178/179), hervorragende Persönlichkeiten, die über ihre Heimatgemeinde Fellbach hinaus Anerkennung und Wertschätzung genossen. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert und dem immer mehr um sich greifenden Geist der Modernität ging freilich ihr Einfluß zurück. Immerhin zählt die Hahn'sche Gemeinschaft noch heute in Fellbach rund 100 Anhänger, die treu zu ihrer Gemeinschaft, aber auch treu zur Evangelischen Landeskirche stehen. 

Bis in die Gegenwart ist der regelmäßige Besuch des sonntäglichen kirchlichen Gottesdienstes den Angehörigen der Hahn'schen Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit. Häufig wurden Brüder der Gemeinschaft in den Kirchengemeinderat gewählt; ja, lange Zeit hindurch setzte sich dieser aus lauter Hahn'schen Brüdern zusammen, die sogar im Gemeinderat die Mehrheit bildeten. 

Meist wird in den Hahn'schen "Stunden" aus den Schriften Hahns vorgelesen. Auch die Lieder, die nach Choralmelodien gesungen werden, sind von Hahn verfaßt. Die Schriften Hahns sind für die Gemeinschaft maßgebend wie die Heilige Schrift selbst. Die Organisation dieser Gemeinschaft ist straff. Wie der Landesbrüderrat mit seinem Vorsitzenden allen Hahn'schen Gemeinschaften Weisung gibt, so genießt der Leiter auch in der einzelnen Gemeinschaft großes Ansehen. Seinen Anordnungen leisten alle Anhänger Folge. Außer den Versammlungen am Sonntag und am Mittwoch, zu denen jedermann Zutritt hat, gibt es noch weitere Versammlungen in kleinerem, geschlossenem Kreise. Wie die Sonntage so werden von der Hahn'schen Gemeinschaft auch die Apostelfeiertage und die beiden Marienfeiertage - Mariae Reinigung am 2. Februar und Mariae Verkündigung am 25. März - gefeiert. Glieder der Hahn'schen Gemeinschaft besuchen Theater und Kino nicht, auch wenn gute Stücke gespielt oder gute Filme gezeigt werden. Ebenso tanzen sie bei Hochzeiten niemals; dagegen sprechen häufig, wenn die Hochzeit im Hause oder im Saal des Evangelischen Vereinshauses stattfindet, noch mehrere Brüder über ein Bibelwort. Ein Chor von Brüdern sowie ein Frauen- und Mädchenchor haben sich in Fellbach gebildet, um bei Beerdigungen von Gliedern der Hahn'schen Gemeinschaft zu singen; doch vereinigen sich die beiden Chöre nicht zu einem gemischten Chor. 

Weitblickend sorgt die Hahn'sche Gemeinschaft auch für ihren Nachwuchs, indem sie Kinderstunden abhält. Auch verwehrt sie den jungen Leuten nicht, sich dem CVJM oder dem Mädchenkreis anzuschließen. Einzelne Angehörige der Hahn'schen Gemeinschaft sind Mitglieder der evangelischen Kirchenchöre. 

Neben der ins Große gewachsenen Hahn'schen Gemeinschaft hatte sich auch die Altpietistische Gemeinschaft behauptet. Als der frühere Inspektor des Tempelhofes bei Crailsheim, Pfarrer Sayler, ein gebürtiger Fellbacher, seinen Ruhestand in der alten Heimat zubrachte und mit Schultheiß Brändle Sonntag für Sonntag in der "Stunde" sprach, erlebte sie sogar eine neue Blütezeit. Da sie kein eigenes Haus besaß, kam sie im Saal der Weimerkinderschule zusammen, und als im Januar 1934 der Evangelische Gemeindedienst eingerichtet wurde, zeigte sich, wie sehr sich beide Gemeinschaften am kirchlichen Leben beteiligten. Mehrere Brüder und Schwestern aus ihren Reihen fügten sich als Helfer in den Gemeindedienst ein und unterstützten so die seelsorgerliche Arbeit der Pfarrer. 

Im zweiten Weltkrieg wurde die Hahn'sche Gemeinschaft schwer heimgesucht: Am 26. März 1944 wurde ihr neues, geräumiges Haus in der Neuen Straße durch eine Sprengbombe völlig zertrümmert. Mehrere Gemeindeglieder, darunter Oberlehrer Rieger, lagen sechs Stunden lang im Keller unter den Trümmern begraben. Dank der tatkräftigen Rettungsarbeiten durften alle das Tageslicht wieder erblicken, ohne Schaden genommen zu haben. Da aber auch das alte Gemeinschaftshaus von Brandbomben getroffen war und ausbrannte, hatte die Hahn'sche Gemeinschaft nun überhaupt keinen Raum mehr. Beide Gemeinschaften vereinigten sich deshalb und hielten in der Weimerkinderschule gemeinsame Stunden ab, wobei ein Hahn'scher und ein Altpietistischer Bruder in der Leitung abwechselten. Diese enge Verbindung blieb auch bestehen, als es der Hahn'schen Gemeinschaft nach dem Kriege gelang, ihr Gemeinschaftshaus in wesentlich vergrößertem Umfang wieder aufzubauen und ihm auch einen geräumigen Saal wie ehedem anzufügen. - Nachdem schließlich die führenden Brüder der Altpietistischen Gemeinschaft gestorben waren, ging die ältere Altpietistische Gemeinschaft vollkommen in der jüngeren Hahn'schen auf. 

Der Neupietismus 

Auch der Neupietismus hat in Fellbach längst Fuß gefaßt und in den letzten Jahrzehnten sogar an Bedeutung gewonnen. Dabei bildeten sich zwei neue Gemeinschaften pietistischer Richtung heraus: Die Landeskirchliche Gemeinschaft, nach ihrem Begründer auch Munder'sche Gemeinschaft genannt - sie zählte 1955 rund 200 Seelen - und die Süddeutsche Vereinigung, zu der sich 1955 rund 120 Anhänger bekannten. Beide Gemeinschaften stellen die Auslegung der Heiligen Schrift in den Vordergrund ihrer "Stunden", die sie mit Gesang und Gebet beginnen und beschließen. Während in der Altpietistischen und in der Hahn'schen Gemeinschaft die Lieder des Kirchengesangbuches und die von Michael Hahn gesungen werden, pflegen die Neupietistischen Gemeinschaften Lieder, die in Arien-, Volks- und Marschlied-Melodien vertont sind. Beide Gemeinschaften unterhalten besondere Sonntagsschulen bzw. Kinderkirchen. 

Dennoch steht die Munder'sehe Gemeinschaft treu innerhalb der Evangelischen Landeskirche. Sie erwartet von ihren Anhängern als selbstverständliche Voraussetzung, daß sie nicht nur der Landeskirche angehören, sondern daß sie auch deren Gottesdienste regelmäßig besuchen. So ist es nicht verwunderlich, daß manche ihrer Mitglieder schon seit Jahren im Kirchengemeinderat tätig sind. - Die Gründer der Munder'schen Gemeinschaft sind die beiden Brüder Gottlob Munder (1869-1925) und Hermann Munder (1875-1946), zwei Cannstatter Weingärtner, die von der Zeltmission Jakob Vetters einst (um 1910) auf dem Cannstatter Wasen bekehrt wurden und dann den Auftrag bekamen, eine Gemeinschaft zu gründen. Im übrigen hat sich der Munder'schen Gemeinschaft in Fellbach eine große Zahl Jugendlicher beiderlei Geschlechts angeschlossen. Sie unterhält einen starken Gemischten Chor und läßt die Früchte ihrer Liebestätigkeit den Heidenmissionen, in erster Linie der Basler Mission, zugute kommen. 

Die Süddeutsche Vereinigung unterscheidet sich von den anderen Gemeinschaften dadurch grundsätzlich, daß sie auf dem Boden der Allianz (siehe a. Seite 127) steht, was besagt, daß ihre Mitglieder keineswegs nur der Evangelischen Landeskirche, sondern ebenso einer Freikirche - also der Bischöflichen Methodistischen Freikirche oder der Evangelischen Gemeinschaft - angehören können. Dennoch hält die Vereinigung in Fellbach durchaus zur Kirche. Auch von ihr sind schon wiederholt Mitglieder in den Kirchengemeinderat gewählt worden. Die Süddeutsche Vereinigung verfügt ebenfalls über einen starken gemischten Chor. Eine Hensoldshöher Schwester hat für sie Alte und Gebrechliche zu betreuen, Frauen seelsorgerlich zu beraten und vor allem die weibliche Jugend zu sammeln und zu leiten. In enger Verbindung mit der Süddeutschen 125 Vereinigung steht der Jugendbund für Entschiedenes Christentum, dem junge Menschen beiderlei Geschlechts angehören. Im übrigen unterstützt die Süddeutsche Vereinigung unter den Heidenmissionen vor allem die Liebenzeller Mission. 

Sonstige Kirchliche Religionsgemeinschaften 

An dieser Stelle verdient auch der sogenannte Viebahn'sche Kreis der Erwähnung. Er geht historisch auf den preußischen General Georg von Viebahn (1840-1915) zurück, eine fromme, markante Erscheinung, dem an einem rechten Gottesdienst ebenso gelegen war wie an einem tapferen, mannhaften Soldatentum. Der General wurde nach seinem Ausscheiden aus dem Heer (1896) innerhalb der Gemeinschaftsbewegung als Evangelisationsredner und Schriftsteller tätig. - Eine größere Zahl von Anhängern besaß er im schlesischen Raum, während sein Wirken in Württemberg dank seiner Tochter - Christa von Viebahn (1875-1955) - Eingang fand und so auch in Fellbach Fuß fassen konnte. Ist der Viebahn'sche Kreis hier auch zahlenmäßig klein, seine Mitglieder genießen im Kreise der Kirche Achtung und Wertschätzung. Er vertritt eine kirchenfreundliche Frömmigkeit neupietistischer Prägung und unterhält in Aidligen bei Böblingen, das damit ein Mittelpunkt der Bewegung geworden ist, das Mutterhaus der von Christa von Viebahn ins Leben gerufenen "Viebahn'schen Schwesternschaft". 

Nicht zuletzt ist auch die Herrnhuter Brüdergemeinde, eine der Evangelischen Landeskirche durchaus nahestehende, selbständige Religionsgemeinschaft, in Fellbach vertreten. Insofern sie G. Eppinger in seiner 1908 erschienenen Beschreibung Fellbachs an zweiter Stelle - unmittelbar nach der Michael Hahn'schen Gemeinschaft - erwähnt, möchte man annehmen, daß ihr "Häuflein" Anhänger damals stattlicher war als heute. Zur Zeit dürften es eben drei Familien sein, die sich zu ihr zählen. Sie halten jedoch untereinander enge Verbindung und erweisen sich immer wieder als überaus tätige Christen. - In ihrer geschichtlichen Herkunft gehen die "Herrnhuter" zum einen Teil auf die alte "Unität" der "Böhmischen Brüder" (1457 in Kurwald in Mähren ins Leben gerufen) und damit auf die vorreformatorische Zeit, zum anderen Teil auf Graf Zinzendorf zurück. Letzte Nachkommen jener Brüder verließen 1722 unter Führung von Christian David die alte Heimat und wurden auf den Gütern von Graf Zinzendorf in der sächsischen Oberlausitz ansässig. Der dort entstandenen Kolonie gaben sie den Namen Herrnhut, wonach später die ganze Bewegung benannt wurde. Obwohl sie ausgesprochen gemeindebildenden Charakter hat - neben Herrnhut entstanden im Lauf der Jahrzehnte selbständige Gemeinden auf dem gesamten europäischen Kontinent (und darüber hinaus), so u. a. auch in Königsfeld/Baden - hat die Herrnhuter Gemeinde nie eine eigene Lehre und eigene Dogmen entwickelt. Sie hat sich darum auch nie von den protestantischen Kirchen gelöst, sondern hat sich ausdrücklich als der Augsburgischen Konfession verwandt bezeichnet, wenn sie auch "die persönliche Herzensgemeinschaft der Einzelnen mit dem Erlöser und die innere Erfahrung der eigenen Erlösung" für das Wesentliche der Religion hält, hinter dem jegliche Lehre und Lehrstreitigkeit zurückzutreten hat. Auch die besondere Ordnung ihres Gemeinschaftslebens ist ganz auf diese Heilsgemeinschaft abgestellt. 

Zeigt schon das in Fellbach heute noch stark ausgeprägte "Stunden"- und Gemeinschaftswesen, daß man hier die religiösen Dinge nicht leicht nimmt und gewillt ist, das evangelische kirchliche Leben noch im engeren Kreise Gleichgesinnter zu vertiefen und zu ergänzen, so darf es einen nicht wundern, daß hier auch andere religiöse Bewegungen - Freikirchen, Sekten und sonstige religiöse Glaubensgemeinschaften - ihre aktiven Anhänger fanden. Wo der genius loci Menschen besonders grüblerischer, sinnierlicher und religiös sucherischer Art heranwachsen läßt, werden immer auch die verschiedensten Wege gegangen werden, um zu Gott zu kommen. Man darf an dieser Stelle nicht werten und nicht bewerten, sondern allenfalls feststellen, daß es in Fellbach auch heute noch, wie eh und jeh, viele ernste religiöse Sucher gibt, die das tun und glauben, was ihnen auf Grund persönlichen und persönlichsten Erlebens als gut und gottgewollt eilt auch wenn es sie seitab der öffentlichen Kirchen führt. Ein Stück Einsatz und Bekennermut steckt immer dahinter. 

Die Freikirchen 

Das gilt auch für die Freikirchen, die in Fellbach vertreten sind. Obwohl sie als Freikirchen selbständig neben der Evangelischen Landeskirche stehen, sind zwei von ihnen doch mit dieser und ihren Gemeinschaften in der erwähnten Allianz verbunden. Es sind dies die Bischöfliche Methodistische Freikirche, die in Fellbach im Jahr 1955 rund 350, und die Evangelische Gemeinschaft, die damals rund 200 Mitglieder zählen konnte. 

Dem Ausschuß der genannten Allianz gehören jeweils die Pfarrer der evangelischen Gesamtkirchengemeinde, die führenden Brüder der Gemeinschaften, die Leiter der Jugendkreise und die Prediger der Freikirchen an. Der Allianzausschuß selbst hält monatlich eine Sitzung und Gebetsvereinigung ab. Allianzgottesdienste finden vierteljährlich statt, und zwar abwechselnd in den beiden Kirchen, in der Methodistenkapelle sowie in den Sälen der Landeskirchlichen Gemeinschaft und der Süddeutschen Vereinigung, wozu meist zugkräftige Redner von auswärts gebeten werden. An den Gottesdiensten der Neujahrsgebetswoche beteiligen sich alle Kreise der Allianz, wobei mit den kirchlichen Räumen und Rednern abgewechselt wird. Den Höhepunkt bildet jeweils ein Gottesdienst in der Lutherkirche, bei dem meist eine namhafte Persönlichkeit die Predigt hält; so sind dafür schon Prälat Schlatter und Prälat D. Dr. Hartenstein gewonnen worden. Übertritte zwischen den einzelnen Gruppen der Allianz erfolgten in den letzten Jahren mehrfach. 

Neben der Bischöflich Methodistischen Freikirche und der Evangelischen Gemeinschaft ist es vor allem die Neuapostolische Kirche, die in Fellbach eine beachtliche Rolle spielt. Sie konnte schon im Jahr 1955 rund 570 Mitglieder zählen und bildet eine freie Gemeinschaft, die heute auch vom Staat als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wird. In den letzten Jahren ist die Zahl ihrer Gemeindemitglieder ständig gewachsen. Unmittelbar vor und zu Anfang des zweiten Weltkrieges erbaute sie sich eine große Kapelle mit einem geräumigen Keller. In ihm standen während des Krieges bei Fliegeralarm zwei Ärzte mit Personal des Roten Kreuzes bereit, Verletzte zu verbinden und zu betreuen. Das wurde dankbar anerkannt, wie die Gemeinde überhaupt Ansehen und Achtung genießt. 

An dieser Stelle sind auch die Baptisten zu erwähnen, die in Fellbach in kleinerer Zahl vertreten sind. Sie haben historisch nichts mit den viel verfolgten Wiedertäufern der Reformationszeit zu tun, die in Fellbach (siehe Seite 107) zeitweilig starken Anhang hatten und der Obrigkeit sehr zu schaffen machten, wenn sie auch - wie diese - die Kindstaufe ablehnen und sich mit einer staatlich privilegierten Kirche nicht befreunden können. 

Ähnliches gilt von den Mennoniten. Auch sie haben in Fellbach eine kleine Anhängerschaft: Ihre Geschichte reicht bis ins 16. Jahrhundert, bis auf Menno Simons zurück, der von 1492 bis 1559 in Friesland und im Holsteinischen lebte, dort mit den schwärmerischen, zum Teil gewalttätigen Wiedertäufern zusammentraf, mit diesen jedoch nur die Ablehnung der Kindstaufe gemein hatte. Im übrigen stand er der Lehre der Reformierten nahe. Auch der Gottesdienst der Mennoniten weicht von dem der Reformierten nur wenig ab. Sie verwerfen den Eid, den Krieg, überhaupt jede Art von Rache und halten auf eine strenge, makellose Lebensführung. 

Sekten und andere Gemeinschaften 

Man würde jedoch Fellbach, sein geistiges Leben und seine geistige Welt völlig verkennen, wenn man annehmen wollte, mit den bis dahin aufgeführten religiösen Bekenntnissen, Bestrebungen und Bewegungen sei die religiöse Vielfalt dieser Stadt erschöpft. Das trifft keineswegs zu. Im Gegenteil, man wird kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß sich hier wahrscheinlich mehr kirchliche, religiöse und sektenbildende Richtungen zusammenfinden, als das je sonstwo in Baden-Württemberg der Fall ist. - Und da soll man nicht von einem besonderen genius loci reden, der solche Entwicklung - aber auch solch' geistig-religiöse Zersplitterung - aus geheimen Gründen fördert, blühen und wuchern läßt ? 

Haben wir bislang drei Kirchen, fünf mehr oder weniger landeskirchlich orientierte Gemeinschaften und fünf Freikirchen christlicher Prägung erwähnt, so treten dazu noch 128 rund 12 Sekten, die sich alle in irgendeiner oder gar mehreren Fragen des Glaubens, bzw. der Interpretation der Heiligen Schrift grundsätzlich voneinander unterscheiden, die meist auf eine bestimmte Persönlichkeit als ihren Begründer zurückgehen, im übrigen aber alle im Bereich des Christentums, d. h. des Neuen und Alten Testaments, stehen. 

Es ist hier nicht der Raum, auf jede dieser Sekten und Gemeinschaften ausführlich einzugehen. Dafür seien sie alle, soweit sie erfaßt werden konnten, in gedrängter Kürze und alphabetischer Reihenfolge erwähnt und wenigstens in ihrer religiösen Besonderheit umrissen. (Wer Näheres wissen will, sei auf das Buch Kurt Huttens verwiesen: "Seher, Grübler, Enthusiasten", das auch den folgenden Darstellungen weitgehend zugrunde liegt.) 

Die Adventisten oder, wie sie auch genannt werden, die Siebenten- 7ags-Adventisten gibt es in Fellbach schon lange. Erst in jüngster Zeit schlössen sie sich jedoch auch hier zu einer öffentlichen Gemeinschaft zusammen. Ihre Bewegung geht auf den 1782 geborenen nordamerikanischen Baptistenprediger "William Miller zurück, der ursprünglich für das Jahr 1843 die Wiedergeburt Christi prophezeit hatte. Das Besondere ihrer Glaubenshaltung liegt in der Verbindung der Wiederkunftshoffnung mit der Feier des Sabbats anstelle des Sonntags. 1955 dürften sie in Fellbach etwa 50 Anhänger gezählt haben. 

Die Ernsten Bibelforscher, seit 1931 Zeugen Jehovas genannt, gehen auf den Amerikaner Charles Thaze Russell (1852-1916) zurück. Sie wurden in Europa und Deutschland erst mit dem Jahre 1920 tätig, entfalteten dann eine vielseitige, äußerst rege Propaganda, die sich aller modernen Werbemittel bediente, und fanden bald auch in Fellbach Anhänger, die regelmäßig in der Stauffenbergschule zusammenkommen. Im Jahre 1955 wurden ihrer hier etwa 40 gezählt. - Im Mittelpunkt ihrer Lehre steht das Tausendjährige Reich, das in Bälde anbrechen wird (Russell hatte seinen Beginn für 1914 errechnet und prophezeit) und das ganz real und verlockend als Königreich Gottes auf dieser Welt gedacht wird. Darauf gilt es sich vorzubereiten. Man kann nicht leugnen, daß die Zeugen Jehovas aus dieser Glaubenshaltung und -hoffnung heraus sowohl in Amerika als auch in Europa als Kriegsdienstverweigerer und Menschen, die sich von ihrem Weg nicht abbringen ließen, zu Tausenden härteste Verfolgung, brutalste Unterdrückung, ja Konzentrationslager und Todesurteile auf sich genommen und sich dabei allemal tapfer und unerschrocken gezeigt haben. 

Auch die Deutschen Christen - mit ihrer vollen Bezeichnung: Die nationale Einung Deutscher Christen - konnten in Fellbach vor dem Zweiten Weltkrieg ein starkes Anwachsen verzeichnen. Ihre Mitglieder wollten anfangs in der Evangelischen Kirche bleiben, obwohl sie sich weigerten, Kirchensteuern zu bezahlen. In den letzten Märztagen des Jahres 1939 traten dann schlagartig gegen 400 Gemeindemitglieder aus der Kirche aus. Der Gesamtkirchengemeinderat lehnte damals ihren Antrag, die beiden Kirchen für ihre Versammlungen benützen zu dürfen, einstimmig, der Ausschuß des Evangelischen Vereins ihren weiteren Antrag auf Zutritt zum Evangelischen Vereinshaus ab, weshalb sie gezwungen waren, im Gasthaus "Zum Ochsen" zusammenzukommen. Eine größere Zahl von ihnen wurde schon vor Kriegsende konfessionslos; ein kleinerer Bruchteil kehrte nach 1945 zur Evangelischen Kirchengemeinde zurück. 

Die Gemeinde Gottes tritt in Fellbach seit dem Jahre 1949 auf. Die Zahl ihrer Anhänger ist relativ klein - sie lag 1955 wohl wenig über 20 - dennoch handelt es sich bei ihr um eine Gründung der Churdh of God (Cleveland), die 1906 entstand, heute die zweitgrößte in der Vielzahl amerikanischer Pfingstgemeinschaften darstellt, in jüngster Zeit sogar das stärkste Wachstum unter allen amerikanischen Religionsgemeinschaften aufweisen soll und Ableger, bzw. Missionen, in 33 Ländern unterhält. "Die amerikanische Muttergemeinschaft betont die völlige Heiligung als zweite, endgültige Erfahrung, die der Wiedergeburt folgt. Die Taufe - die Kindertaufe wird ebenso wie die Konfirmation verworfen - erfolgt durch Untertauchen. Mit dem Abendmahl ist die ,Fußwaschung der ,' Heiligen' verbunden. Erwartung der nahen Wiederkunft, Entrückung und Tausendjähriges Reich sind weitere Bestandteile des Glaubensbekenntnisses. Verboten sind der Genuß von Alkohol, die Mitgliedschaft in Geheimorden, das Tragen von Schmuck und der Kriegsdienst" (Hütten). 

Die Leitung der deutschen Gemeinde liegt bei Hermann Lauster in Krehwinkel bei Schorndorf. Die Taufe wird an neuhinzukommenden Fellbacher Anhängern in der Wieslauf vollzogen. 

Auch die Gralsbewegung Oskar Ernst Bernhardts (1875-1941), genannt Abd-rushin, fand in Fellbach kleinen, aber gläubigen Anhang. Im Mittelpunkt ihrer Lehre steht der Glaube an Abd-rushin als den wahrhaften "Menschensohn", der gleicher Herkunft wie Christus ist. Seit 1928 lebte Oskar Ernst Bernhardt auf dem Vomperberg bei Schaz in Tirol. Dieser Berg wurde dann mehr und mehr Wallfahrtsort für den stetig wachsenden Kreis von Anhängern, bis im Frühjahr 1938 Österreich und damit auch der Vomperberg von den Nationalsozialisten besetzt und Bernhardt selbst verhaftet wurde. Er starb 1941 an den Folgen dieser Inhaftierung in Kipsdorf/Erzgebirge. Doch die Gralsbewegung erfuhr eine Renaissance: 1946 wurde der Vomperberg von der französischen Besatzung an Bernhardts Witwe zurückgegeben, im Sommer 1949 wurden dort die sterblichen Überreste des "Menschensohns" in einer Pyramide beigesetzt, der Vomperberg ward wieder Wallfahrtsort, und der Gralskult mit seinen Jahresfeiern und festlichen Einzügen in der Andachtshalle, den "Versiegelungen", Kindersegnungen und Berufungen wurde wieder aufgenommen. - Zwar werden Fragen wie die Entstehung der Welt, die Stellung des Menschen zu Gott oder die Gottesvorstellung selbst in der Gralsbotschaft aus anderer Sicht beantwortet als in der Bibel - aber gerade diese andere, mehr "magische Weltdeutung" (Hütten), gepaart mit einer scharfen Absage an den nur materiell ausgerichteten Verstand, mag es sein, die der Bewegung immer mehr Anhänger im Inland wie im Ausland und in Obersee zuführt. Darüber hinaus gibt es von seiten der Anhänger Zeugnisse genug, die dartun sollen, daß Bernhardt unzweifelhaft göttlicher Herkunft war. 

Und da sind die Heiligen der letzten Jage (genaue Bezeichnung: "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage"), der deutsche Zweig der amerikanischen Mormonen die in Fellbach ebenfalls einen kleinen Kreis von Anhängern haben. Sie gehen auf den 1805 in Sharon geborenen Joseph Smith zurück, der 1820 eine erste religiöse Vision hatte, später (1823) auf gleichem Wege verpflichtet worden sein soll, das auf goldene Platten geschriebene Buch Mormon zu übersetzen, und schließlich 1830 auf Grund dieser neuen Offenbarung die Mormonenkirche gründete. Smith selbst wurde 1844 im Gefängnis von Illinois, in das er wegen Aufruhrs gekommen war, von anstürmendem Mob erschossen. - Als Besonderheit der Mormonen gilt die von ihnen vertretene und anfangs auch praktizierte "Vielehe, deren Berechtigung sie sowohl aus einer eigens dafür bedeutsamen Offenbarung wie aus alttestamentlichen Vorbildern herleiten. Sie führte jedoch nicht nur bei den eigenen Anhängern zu Widerspruch und Ablehnung: 1862 sah sich auch der Staat gezwungen, die Mehrehe zu verbieten und unter Strafe zu stellen. Aber erst 1890 gab die Mormonenkirche nach und war bereit, diesem Gesetz auch in ihren Reihen Achtung und Geltung zu verschaffen. - Daneben bewährten sich die Mormonen jedoch als tüchtige, wirtschaftlich und organisatorisch erfolgreiche Siedler und Kolonisatoren. Ihre Lehre, die durchaus optimistische Züge trägt und im Grunde den Fortschritt und die stete Aufwärtsentwicklung nicht nur des Menschen, sondern selbst Gottes verkündet, gab für solch' praktische Erprobung die sichere Grundlage ab. Immer und überall gelten die Mormonen daher als überaus wohltätig, gemeinschafts-bildend und fleißig, vor allem aber auch als Menschen von außerordentlicher Sittenstrenge. 

Auch die Judenchistliche Gemeinde und ihr in Rußland geborener Gründer Abram Poljak machten sich in Fellbach nach dem zweiten Weltkrieg bemerkbar. Als Poljak 1951 hier auftrat, war er sofort eine heiß umstrittene Persönlichkeit, die zwar einzelne zu begeistern wußte, von den meisten aber abgelehnt wurde, und zwar schon ehe der Evangelische Oberkirchenrat das Auftreten Poljaks in der Kirche und kirchlichen Räumen untersagte. - Poljak selbst ist der Enkel eines russischen Rabbiners. Er wurde 1933 von der Gestapo in Haft genommen und hatte in dieser eine religiöse Vision, die ihm sagte, daß Jesus der gekreuzigte und auferstandene Messias seines Volkes sei. Nach wunderbar anmutender Errettung und Entlassung aus der Haft floh er ins Ausland, ließ sich in Paris taufen und besuchte die verschiedensten Länder, darunter auch Palästina. Seit 1935 war es ihm Gewißheit, daß das judenchristliche Werk seine von Gott gewollte Aufgabe sei. Noch während des zweiten Weltkriegs - von 1940 bis 1944 war er in Kanada und auf Isle of Man interniert - konnte er den ersten Gottesdienst der Judenchristlichen Gemeinde in London-Whitediapel abhalten. Diese Gemeinde wurde dann bald durch die Aufnahme von Heidenchristen erweitert. Ihre wichtigsten Glaubenssätze entsprachen dem 131 allgemeinen christlichen Gedankengut, wozu noch die Vorstellung trat, daß dem jüdischen Volk im Heilsplan Gottes eine besondere Rolle zukomme. Die Judenchristliche Gemeinde wird so als "der Vorläufer der Bekehrung Israels als Volk, der Herold des wiederkommenden Königs der Juden" gesehen. - Die 1950 von Poljak in Jerusalem gegründete "Union der Messianischen Juden" brach schon im Jahr danach auseinander. Von da ab verlegte er seine Arbeit vor allem nach Europa und gewann da vor allem in Süddeutschland gewissen Einfluß. Je mehr Poljak als gottgesandter Prophet der Endzeit auftrat und Andersdenkende einfach in das Lager der satanischen Mächte verwies, um so schärfer wurden nicht nur seine Auseinandersetzungen mit den internationalen judenchristlichen Organisationen: Auch sein Konflikt mit der Kirche nahm, zumal in Württemberg, heftige Formen an. 

Einen kleinen Anhang können auch die Lichtfreunde in Fellbach verzeichnen. Es sind dies die Anhänger des Deutschschweizers Joh. E. Keller, der um die Zeit des ersten Weltkrieges von Berlin aus tätig wurde und einen strengen Biblizismus vertrat. Auch er ging von dem Gedanken aus, daß die Endzeit herbeigekommen und deshalb ein Leben der Heiligung und der persönlichen Gemeinschaft mit Christus die ernste Forderung des Tages sei. Seine Lehre selbst hat außerordentlich spekulative Züge, wobei die Rolle Israels und seiner zwölf Stämme als die des auserwählten Volkes und die vier Weltreiche aus Nebukadnezars Traum, die zur Beurteilung des Geschichtsablaufs bis zum Anbruch des Tausendjährigen Reichs dienen, geradezu zentrale Bedeutung haben. Die Kellerschen Prophezeiungen, die gleich nach dem ersten Weltkrieg das Ende kommen sahen, gingen zwar termingerecht nicht in Erfüllung. Trotzdem blieb Kellers Anhang erhalten und führt heute noch in aller Zurückgezogenheit ein stilles Gemeinschaftsleben: Die Zeitereignisse nach 1918 und 1945 schienen eben doch dafür zu sprechen, daß das Ende bald naht... 

Einen ganz kleinen Anhang zählt in Fellbach auch die Neue Erde, die zu der Kirche des Reiches Gottes - auch Menschenfreundliches Werk oder Kleine Herde genannt - zu zählen ist und als solche eine Absplitterung von den Ernsten Bibelforschern darstellt. Sie geht auf den 1870 in Baden/Schweiz geborenen F. L. Alexander Freytag zurück, der zunächst das Genfer Büro der Ernsten Bibelforscher leitete und sich dann (1920) von diesen trennte. Er warf den Ernsten Bibelforschern vor, daß sie sich zuviel mit Terminberechnungen (im Hinblick auf die Endzeit) beschäftigten und darob das Wesentlichste vernachlässigten, nämlich die richtige innere und äußere Haltung im Hinblick auf die Nähe des Weltendes. Er verlangte ein tätiges Christentum und übte an den Kirchen scharfe Kritik, indem er ihnen vorwarf, sie lebten gar nicht, was ihnen Jesus vorgelebt habe. Als er 1947 starb, kam es auch innerhalb seiner Bewegung zu neuer Spaltung. 

Im Herbst 1951 führte die Philadelphia-Bewegung des ehemaligen Baslers Missionars Christian Röckle eine Evangelisation in Fellbach durch und konnte hier eine 132 Gruppe von Anhängern finden (1955 etwa 22), die seitdem wöchentlich zusammenkommt. - Röckle selbst beruft sich auf eigene, unmittelbare Offenbarungen und genießt darum im Bereich seiner Bewegung uneingeschränkte geistige Autorität. Im Mittelpunkt seiner Lehre steht ebenfalls die Endzeit und die sogenannte "Entrückung", wobei "der Christenheit drei verschiedene Schicksale bevorstehen. Die einen werden entrückt, die andern fliehen an den Bergungsort, und die übrigen müssen die antichristlichen Drangsale erleiden" (Hütten). Nur die erstgenannte Gruppe wird einst hohepriesterlichen Rang haben und Mitregent Jesu im Tausendjährigen Reich sein. - Obwohl Röckle weder die Kindertaufe öffentlich verwarf (er selbst neigt zur Wiedertaufe), noch einen neuen, organisierten Gemeinschaftsverband bilden wollte - "jeder schließe sich der Gemeinschaft an, von der er glaubt, daß sie ihn am inneren Menschen am meisten fördern kann" - kam es doch zum Bruch zwischen ihm und den Leitern der pietistischen Gemeinschaften. Auch die Evangelische Landeskirche in Württemberg sah sich veranlaßt, ihm jede Mitarbeit aufzusagen. Der Antrag eines Fellbacher Anhängers der Philadelphia-Gemeinde, in einer der Fellbacher Kirchen sprechen zu dürfen, wurde darum vom Gesamtkirchengemeinderat abgelehnt. 

Eine in Fellbach noch heute relativ große Gruppe stellen die Pregizerianer, in Fellbach meist "Pregizer" oder "separierte Pregizer" genannt. Ihre Anhängerzahl dürfte hier 1955 etwa bei 60 gelegen haben. Obwohl ihr Name auf den 1751 in Stuttgart geborenen und 1824 in Haiterbach (Schwarzwald) gestorbenen Pfarrer Christian Gottlob Pregizer zurückgeht - er wirkte in Besigheim, Fichtenberg, Tübingen, Grafenberg und Haiterbach, hier von 1795 bis 1824 - und obwohl dieser keine Trennung von der Kirche wollte, hat sich die Bewegung doch nach seinem Tode in eine scharfe Gegnerschaft zur Kirche begeben und sich um die Jahrhundertwende von ihr separiert. Pregizer selbst lehrte ein fröhliches, heiteres Christentum: Wer getauft ist (die Kindstaufe und das Heilige Abendmahl sind für ihn die großen, gnadenreichen Kommunikationsmittel) und außerdem wahrhaftig im Glauben steht, genießt Beglückung und Seligkeit schon in diesem Leben. - Diese Heiterkeit brachte ihn nicht nur in Gegensatz zu dem ernsten Michael Hahn, sondern zugleich in die Gefahr, daß sie bei seinen Anhängern gar zu leicht genommen wurde. Er selbst ging zu Lebzeiten dagegen an und konnte sich darum auch 1808 vor dem Konsistorium mit Erfolg verantworten. - In Fellbach sind die Pregizerianer heute in zwei Richtungen aufgespalten. Sie bezeichnen sich selbst als Lutherische Kirche und wollen damit zum Ausdruck bringen, daß sie die einzige wahre Kirche seien. Im übrigen erkennen sie alle Lehrbücher, Lied- und Gebetbüchlein der Kirche an, soweit sie vor ihrer Separierung erschienen sind. 

Und schließlich hat in Fellbach auch noch die Tempelgesellschaft oder, wie sie sich auch nennt, der Deutsche Tempel eine kleine Anhängerschaft. Sie geht auf das Wirken von Christoph Hoffmann (1815-1885) zurück, der der Sohn von Gottlieb 133 Wilhelm Hoffmann, dem Begründer von Korntal und Wilhelmsdorf, war - im Gegensatz zum Vater jedoch zu einem Gegner der Kirche wurde. Anno 1848 als Gegenkandidat von D. Fr. Strauß in Ludwigsburg ins Frankfurter Parlament gewählt, legte er dort schon ein Jahr danach sein Mandat nieder. - Zunächst versuchte er noch, seine Ziele in dem 1848 gegründeten Evangelischen Verein innerhalb der Kirche zu verfolgen, bis er sich 1854 von der Kirche löste und nunmehr eine Sammlung der Gläubigen außerhalb der Kirche und den Aufbau einer neuen Gemeinde in Jerusalem anstrebte. Er erwarb 1856 den Kirschenhardthof bei Marbach als vorläufigen Sammelplatz der Gemeinde und wurde 1859 wegen Anmaßung kirchlicher Amtshandlungen - nach einer vorausgegangenen Verwarnung - samt seiner Gemeinde aus der Kirche ausgeschlossen. 1861 legte sich die Gemeinde den Namen "Deutscher Tempel" zu; Hoffmann selbst wurde ihr Bischof, seit 1867 "Vorsteher des Tempels" genannt. Mit dem Jahr 1868 setzten dann erste Siedlungen im Heiligen Land ein, deren in den folgenden Jahren eine ganze Reihe entstand. Anno 1877 hob Hoffmann Sakramente und Dogmen für die Tempelgesellschaft auf und verkündete als allein wesentliche Arbeit die an dem von Jesu verkündeten Reich Gottes. - Mag das Schicksal mit den schwäbischen Tempelkolonien in Palästina später auch hart umgegangen sein, es steht außer Zweifel, daß ihnen zeitweilig eine hohe nationale Bedeutung zukam und daß sich der schwäbische Kolonistengeist auch in ihnen bewährte. - Gemeinden der Tempelgesellschaft bildeten sich übrigens einst auch in Württemberg (Neuweiler und Zwerenberg), im übrigen Deutschland, in Amerika und in Rußland. 

Nicht-christliche Religionen 

Es braucht nicht besonders betont zu werden: Bei aller Vielfalt, ja gelegentlichen Zersplitterung in die verschiedensten Glaubensgemeinschaften bewegt sich das religiöse Leben Fellbachs fast ausschließlich im christlichen Bereich. Das ist im Hinblick auf Herkunft und Geschichte des Orts selbstverständlich. Die abendländische Kultur, der auch Fellbach zugehört, ist eine christliche Kultur. Ihre Äußerungen und Wertungen, ihre Sitten und Gewohnheiten, ihre Lieder und Lehrgebäude vermögen selbst dort, wo sie vom Christentum unabhängig entstanden sein wollen, die Wurzeln kaum zu verleugnen, die - bewußt oder unbewußt - doch in alten christlichen Grund führen. 

Das gilt zum größten Teil auch für die Religion oder "Weltanschauung" derer, die als "konfessionslos" gelten, aus ihrer Kirche oder Sekte ausgetreten sind oder sich aus irgendeinem Grunde mit dem Christentum nicht identifizieren wollen. Ihre Zahl ist beachtlicher und im Verlauf der letzten Jahrzehnte auch in Fellbach mehr angewachsen, als man gemeinhin annimmt. Sie liegt hier etwa bei 600 (1955), wobei all jene religiös Gleichgültigen und Indifferenten nicht gezählt sind, die es in Fellbach natürlich auch gibt __ die jedoch deshalb nicht auffallen, weil sie mehr oder weniger aus Gewohnheit - weil es Vater und Großvater schon so hielten - in jener Kirche, bzw. religiösen Gemeinschaft bleiben, in die sie hineingeboren wurden, ohne darin eigentlich aktive Glieder zu sein und die Folgerungen daraus für die eigene Lebenshaltung zu ziehen. Ihre Zahl ist noch viel größer, nur ist sie auch viel schwerer zu erfassen, gerade weil sich diese Menschen nach außen nicht als "konfessionslos", "gottgläubig" oder "Atheist" bekennen, sondern den geistigen und religiösen Dingen ohne eigene Entscheidung und persönliche Stellungnahme - gleichsam die geistige Managerkrankheit unserer Tage! - ihren Lauf lassen. 

Was darüber hinaus in Fellbach an nicht-christlichem religiösem Gedankengut und nicht-christlichen Religionen Eingang fand, fällt dem äußeren Umfang nach kaum ins Gewicht: 

Die Zahl der Israeliten, die hier ansässig waren, blieb zu allen Zeiten klein. Doch verdient ein Fellbacher Jude besondere Erwähnung: Es ist der im Jahre 1955 verstorbene Jakob Stern, der Begründer der Firma "Stern & Müller KG", der sich während der Jahre des Nationalsozialismus, freilich nur in stillster Zurückgezogenheit, in Fellbach halten konnte (sein Sohn war als eines der ersten Opfer im zweiten Weltkrieg gefallen), nach dem Zusammenbruch aber nichts weniger kannte als Haß gegen die einstigen Verfolger, sondern half, wo er helfen konnte, und manch' früherem "Pg" sogar bei der "Entnazifizierung" mit Tat und aktiver Fürsprache zur Seite stand. Er zeigte damit, welch vornehmer, adliger Gesinnung ein Jude fähig ist... Heute (1955) zählt man in Fellbach wieder 12 Israeliten. 

Auch der Buddhismus, der in Deutschland vor allem nach dem ersten Weltkrieg Auftrieb erhielt und damals besonders im Kreis der deutschen Intelligenz Anhänger fand, hat in Fellbach eine ganz kleine Zahl von Vertretern gefunden. Die buddhistische Lehre ist vor allem auf die Überwindung des Leids in dieser Welt gerichtet - sie kann insofern als "pessimistisch" bezeichnet werden - und verlangt deshalb, daß alle menschliche Leidenschaft besiegt werde,- erst dann erlangt man das "Nirwana", das Endziel der Lehre Buddhas, der keinen Gott kennt, sondern eben dieses Nirwana, das nichts anderes als das Erlöschen aller Lust, das Aufhören jeder Existenz und schließlich das Eingehen ins Nichts bedeutet. Der gläubige Buddhist darf nicht töten, nicht stehlen, nicht unkeusch leben, nicht lügen und keine berauschenden Getränke zu sich nehmen. Dazu treten die Forderungen weitestgehender Nächstenliebe, die sich noch auf die Tierwelt erstreckt und so bis zum Vegetarismus führt, sowie die Forderung nach unbegrenzter Freigiebigkeit. Der gläubige Buddhist macht seinem Wesen nach nicht viel von sich reden; er lebt zurückgezogen, anspruchslos und neigt zu stiller, andächtig-religiöser Versenkung. 

Zu den nicht-christlichen Religionen, die auch in Fellbach einige Anhänger fanden, ist nicht zuletzt die Bahai-Religion zu rechnen. Sie geht historisch auf die mohammedanische Glaubenswelt zurück, basiert ebenfalls auf einer Wiederkunftserwartung und nimmt insofern eine Sonderstellung unter den Religionen ein, als sie jede der großen Religionen gelten läßt: "Mose und Jesus, Zoroaster, Mohammed und Buddha - sie alle waren Offenbarungsträger des einen Gottes und haben ewige Wahrheiten verkündet. Jede Offenbarung besteht aus einem wesentlichen und einem zeitbedingten Teil. Der erstere ist unveränderlich und bildet den Kern, der in allen Religionen derselbe ist" (Hütten). Haha u'llah (1817-1892), auf den die Bahai-Religion im wesentlichen zurückgeht, wollte darum keine neue Religion neben anderen begründen, sondern strebte nach der Weltreligion, die die Summe und Konzentration aller anderen gültigen Religionen ist. Die Bahai-Religion "schließt alles in sich: In ihr ist das Wesentliche aller Religionen zu finden. Christen, Juden, Buddhisten, Mohammedaner, Zoroastrier, Theosophen, Freimaurer, Spiritualisten usw. finden ihre höchsten Ziele in dieser Lehre verwirklicht. Audi die Sozialisten und Philosophen sehen ihre Theorien völlig in ihr entwickelt", so drückt sich Baha u'llah's ältester Sohn und Nachfolger Abdul Baha (1844-1921) aus, der an anderer Stelle noch sagt: "Der Bahai-Geist ist undogmatisch und steht über allen Gesellschaftsklassen, Parteien und Rassen." - Die deutsche Bahai-Vereinigung wurde 1907 gegründet. Nach dem ersten Weltkrieg entstanden in vielen Teilen Deutschlands kleine Bahai- Gemeinden und -gruppen. Ihr Mittelpunkt war und blieb Stuttgart. Nachdem die Bewegung 1937 von den Nationalsozialisten verboten worden war, nahm sie 1945 ihre Arbeit wieder auf und beschloß 1954, einen eigenen Tempel in Eschborn bei Frankfurt am Main zu errichten. 

Weltanschaulich orientierte Gemeinschaften 

Neben den Kirchen und Freikirchen, den Gemeinschaften und Sekten - christlicher oder nicht- christlicher Prägung - haben sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts mehr und mehr auch Bünde, Gesellschaften und Bewegungen herausgebildet, deren Gedanken- und Glaubensgut mehr philosophischer, weltanschaulicher und wissenschaftlicher, denn eigentlich religiöser Herkunft ist. Sie sind kultur- und geistesgeschichtlich ohne Zweifel eine Folge des rationalistischen wie des nachrationalistischen Zeitalters, haben immer den "Vorteil" des Modernen, des der Zeit und ihren Erkenntnissen Gemäßen und finden darum vor allem in den Kreisen der Intelligenz Eingang - zumal dort, wo diese außerhalb jeglicher religiösen Bindung steht und doch von der Sehnsucht nach einem inneren, geistigen Halt erfüllt ist. 

Auch in Fellbach, das immer an der geistigen Entwicklung der Zeit lebhaft teilnahm - schon die Nähe des "Kulturzentrums" Stuttgart wirkte in dieser Richtung - haben einige solcher Bewegungen Eingang gefunden. Das gilt - wenn wir auch hier wieder in alphabetischer Reihenfolge vorgehen - in erster Linie für die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925), die dieser im Jahre 1912 als eine Abart der Theosophie begründete. 136 Sie bezieht ihr Wissen über höhere, geistige, übersinnliche Welten vor allem aus der "geistigen Schau" Rudolf Steiners selbst, lehrt jedoch zugleich, daß auch andere durch Konzentration, Meditation und Kontemplation zur "Erkenntnis höherer Welten" gelangen können. Dieser "geistigen Schau" erschließt sich nicht nur das Wesen des Menschen, der aus mehreren (insgesamt sieben) Leibern - dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib usw. - besteht, ihr erschließt sich auch das "Geisterland" mit seinen sieben Regionen, ja die gesamte kosmische Geschichte samt der Erd- und Menschheitsentwicklung, und selbst die Krankheiten tun sich ihr auf. - Dabei ist Anfangs- und Endpunkt aller Entwicklung das Geistige. Die Anthroposophie selbst wird von Rudolf Steiner auch Geisteswissenschaft oder Geheimwissenschaft genannt. Sie verbindet alte und älteste Mystik (altindisches, kabbalistisches, rosenkreuzerisches und theosophisches Wissen) mit den Erkenntnissen der modernsten Wissenschaft und kommt damit einem Bedürfnis entgegen, das in der nachrationalistischen Zeit spürbar stärker und stärker wird. - Neben dem eigentlichen Mittelpunkt der Anthroposophischen Gesellschaft, dem "Goetheanum" in Dornach bei Basel, wurde Stuttgart zu einem ihrer führenden Zentren. Daß sie von dort auch nach Fellbach ausstrahlte und hier eine Reihe geachteter Anhänger fand, ist fast selbstverständlich. Doch pflegen die Fellbacher Anthroposophen keine örtliche Gemeinschaft, sondern schließen sich den Stuttgarter Anthroposophen und ihren Veranstaltungen an. 

In unmittelbarem Zusammenhang mit der Anthroposophie Rudolf Steiners steht die Christengemeinschaft. Auch sie hat in Fellbach einen kleineren, aber sehr regen Kreis von Anhängern, der unter sich lebendige Verbindung pflegt; sie erfuhr hier, wie anderswo, nach 1945 (sie war von 1941 ab verboten) einen spürbaren Auftrieb. In ihren Ursprüngen geht sie auf Rudolf Steiner und Friedrich Tittelmeyer (1872-1938) zurück. Dieser aus Bayern stammende evangelische Pfarrer hatte schon seit 1911 enge Verbindung mit Rudolf Steiner und wurde von dessen Vorträgen tief beeindruckt: "Nicht ein Pfarrer, auch nicht ein Prophet: der Wissende einer Wirklichkeit stand vor uns" (Rittelmeyer: "Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner"). Da war es fast selbstverständlich, daß er eine Durchleuchtung der biblischen Verkündigung mit Steiners anthroposophischen Erkenntnissen suchte, zumal er hoffen durfte, daß "sich erst dadurch der tiefste Sinn der Heiligen Schrift erschließe" (Hütten). - Im Herbst 1921 gab dann Rudolf Steiner für einen Kreis Gleich- und Ähnlichgesinnter in Dornach einen Kursus von insgesamt 30 Vorträgen, in denen er die Bibel und die Erscheinung Christi auf Grund anthroposophischen Wissens deutete und zugleich eine ins Einzelne gehende Unterweisung für priesterliche Tätigkeit gab. Damit waren die wichtigsten Grundlagen für die "Christengemeinschaft" geschaffen. Schon im Jahre 1922 wurde mit der Arbeit begonnen. Man wollte "über Katholizismus und Protestantismus hinaus" eine "dritte Kirche" bauen. Schon der Name "Christengemeinschaft" sollte andeuten, daß die alten Kirchen nicht mehr die wahre Gemeinschaft der Christen darstellten. Noch im selben Jahr nahm Friedrich Rittelmeyer die erste "Menschenweihehandlung" vor, legte sein Pfarramt nieder und wurde der geistige Führer der Christengemeinschaft (Erzoberlenker). Nach seinem Tode (1938) übernahm Lic. Emil Bock dieses Amt. - Die Christengemeinschaft selbst, die im Laufe der Jahre Gemeinden in der Schweiz, in England, Frankreich und Holland, in Österreich und der Tschechoslowakei, ja in New York und Chicago ins Leben rufen konnte, ihr Zentrum jedoch nach wie vor in Stuttgart hat, will keine neue Konfession und kein eigenes Bekenntnis. Sie verlangt von ihren Mitgliedern auch keinen Kirchenaustritt - diese Frage wird in die Entscheidung des Einzelnen gestellt - dennoch hat ihr der Rat der Evangelischen Kirche die Zugehörigkeit zur Ökumene verweigert. Der Grund dafür war, "daß in der Christengemeinschaft neben christlichem Gedankengut entscheidend eine neue Offenbarungsquelle sichtbar wird, die aus der synkretistischen (= Gedanken verschiedener Herkunft vereinigenden, jedoch nicht widerspruchslosen) Weltanschauung Rudolf Steiners stammt...". Das ließ sich nicht leugnen. Die Christengemeinschaft wies jedoch darauf hin, daß aus dieser "neuen Offenbarungsquelle" kein Dogma fließe, daß sie vielmehr geeignet sei, im Menschen ein Organ für Offenbarungen auszulösen. 

Zu den Bewegungen, die mehr weltanschaulich-wissenschaftlich orientiert sind, muß wohl auch die Christliche Wissenschaft gerechnet werden, die in Fellbach ebenfalls einige Anhänger hat. Sie geht auf die Amerikanerin Mary Baker-Eddy (1821 bis 1910) zurück, die nach einem schweren, von nervösen Leiden heimgesuchten Leben und nach einer gar wundersamen Errettung, die sie am eigenen Leib erfahren durfte, ihre eigene - man darf sagen - Philosophie von Gott und Jesus Christus entwarf. Danach ist Gott allein wirklich. Er aber ist Geist; alles sinnlich Wahrnehmbare ist demnach unwirklich, ist nur Illusion. Es gibt keine Materie, keine Substanz, kein Leben außer ihm. Selbst Krankheit und Sünde sind nicht wirklich. Für den Menschen geht es deshalb darum, diese Scheinwirklichkeit zu überwinden. Das ist nur möglich, indem er einen radikalen inneren Wandel vollzieht und sich ganz darauf einstellt, daß Gott allein Wirklichkeit ist. Gelingt ihm dies, dann fällt alle Körperlichkeit (auch alle Krankheit) von ihm ab: "Ein kranker Körper entwickelt sich aus kranken Gedanken; Siechtum, Krankheit und Tod gehen aus der Furcht hervor". - Es steht außer Zweifel, daß die Christliche Wissenschaft namhafte, an das Wunder grenzende Fälle von körperlicher Heilung aufzuweisen hat. Dennoch wäre es falsch, ihre Tätigkeit nur auf diesem Gebiet sehen zu wollen. Mary Baker-Eddy hat immer wieder betont, daß die Hauptaufgabe der Christlichen Wissenschaft das Heilen von Sünde sei. Das sei - so meinte sie - gelegentlich jedoch schwerer als das Heilen von Krankheit, "weil die Sterblichen wohl gern sündigen, aber nicht gern krank sind". Im übrigen legte sie ihre Gedanken und ihr Wissen in dem Werk "Science and Health - Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" nieder, einem Buch, das im Kreise ihrer Anhänger als unfehlbar gilt. Erst vier Jahre nach seinem Erscheinen (1875), das heißt im Jahre 1879, kam es zur Gründung der Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft in Boston. 1881 wurde Mary selbst zum Pastor an dieser Kirche bestellt; im gleichen Jahre wurde auch eine Lehranstalt für mentale Heilkunde eröffnet. Wer Mitglied der Kirche werden will, muß schriftlich bestätigen, daß er sich von jeder anderen kirchlichen Gemeinschaft "vollständig losgesagt hat". Kirchliche Dogmen, ja, jede Art von Theologie werden abgelehnt. 

Und noch eine wissenschaftlich orientierte Gemeinschaft muß hier genannt werden: Die freireligiöse Gemeinde, die in Fellbach nach 1945 die Nachfolge des früheren, 1933 aufgelösten Freidenkerverbands übernommen hat. Dieser zählte hier 1933 annähernd 60 bis 70 Mitglieder und besaß damals in Fellbach eine eigene Ortsgruppe. - Obwohl der Freidenkerverband 1951 anderwärts wieder ins Leben gerufen wurde, kam es in Fellbach nicht mehr zur Gründung einer eigenen Ortsgruppe. Die ehemaligen Mitglieder, deren es heute noch gegen 30 bis 40 geben mag, schlössen sich vielmehr einzeln der Freireligiösen Gemeinde Stuttgart an, ohne eine eigene Fellbacher Gemeinde zu gründen. - Die Bewegung selbst, die stark von Ernst Häckels Buch "Die Welträtsel" bestimmt ist, will eine wissenschaftlich erhärtete Weltanschauung mit natürlicher, d.h. nicht transzendenter Welterklärung. Im Gegensatz zu den vorher genannten Bewegungen (Anthroposophie und Christliche Wissenschaften) steht sie ganz auf materialistischem Boden. Es ist darum selbstverständlich, daß auch der historische Materialismus von Karl Marx und damit der marxistische Sozialismus schlechthin zu ihrem Gedankengut gehören. 

Faßt man all das zusammen, was bisher an kirchlichem, freikirchlichem, gemeinschaftlichem und sektiererischem Leben, darüber hinaus aber auch an weltanschaulich orientierten Organisationen und Bünden in Fellbach festgestellt wurde, so wird man zugeben müssen, daß sich da eine überraschend bunte Vielfalt auftat. Insgesamt zählt man 

3 christliche Kirchen 

5 der Evangelischen Landeskirche verbundene Gemeinschaften, bzw. ihr nahestehende, mehr oder weniger selbständige religiöse Organisationen 

5 Freikirchen, bzw. den Freikirchen verwandte Gebilde 

12 Sekten, bzw. außerhalb der Kirche wirkende religiöse Gemeinschaften, die sich auf das Alte und Neue Testament berufen 

3 nicht-christliche Religionen 

4 mehr weltanschaulich-philosophisch orientierte Gemeinschaften. 

Das sind 32 verschiedene Glaubensinhalte, Bekenntnisse und Gedankengüter. Dabei darf diese Reihe wahrscheinlich nicht einmal den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Manch einer und manch eine, die in abseitiger Stille und Zurückgezogenheit in Fellbach leben, mögen noch anderen Gedanken und anderen geistig-religiösen Führern nach- 139 hängen, ohne daß die Umgebung davon Notiz nimmt. Fellbach hat mit seinen 25000 Einwohnern auf geistig-weltanschaulichem Gebiet nicht nur von selbst moderne, städtische, ja geradezu großstädtische Allüren angenommen, auch die Nähe Stuttgarts wirkte zwangsläufig in dieser Richtung: Glaube und Weltanschauung des Einzelnen wurden mehr und mehr Privatsache; der Nachbar und Nebenmann kümmert sich heute kaum mehr darum - und so mag auch jede Art statistischer Erfassung auf diesem Gebiet der absoluten Zuverlässigkeit und absoluten Vollständigkeit ermangeln. 

Aufs ganze gesehen tut das freilich nichts: Den Schwerpunkt bilden nach wie vor die beiden großen christlichen Kirchen, vor allem - das ist historisch geworden - die Evangelische Landeskirche, neben der die Römisch-Katholische Kirche immer mehr aufholt. - Es ist aber typisch für Fellbach und seinen gar sinnierlich-grüblerischen Geist, daß hier wahre Frömmigkeit immer noch ernst, sehr ernst genommen wird. Mag das bei den Alteingesessenen zu dem vielseitigen "Stunden"-, Gemeinschafts- und Sektenwesen geführt haben - es ist kein Zweifel: Auch im andern, im neuen Fellbach sind die Kreise derer, die zu den geistig und religiös ernst Suchenden zählen, größer als man dies gemeinhin in unserem entgotteten Zeitalter annehmen möchte. Und das spricht doch wohl für die Stadt und ihre geistige Substanz. 

DAS KULTURELLE LEBEN 

Das kulturelle Leben einer Stadt erschöpft sich nicht allein in ihrem religiösen Leben und ihrem geistig- weltanschaulichen Suchen. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von Gebieten kultureller Betätigung, auch wenn man das Wort "kulturell", wie es hier geschieht, eng faßt und nur auf ein menschlich-schöpferisches Tun angewandt wissen will, das um seiner selbst willen, nicht um einer äußeren Zweckhaftigkeit willen geschieht. So definiert, gehört dazu weder alles sozial-karitative Tun, mag es noch so sehr religiösweltanschaulichen Ursprungs sein, noch etwa alle sportliche und sonstige Vereinsarbeit, soweit sie nicht ein geistig- oder künstlerisch-schöpferisches Moment zeigt. Auch von den Schulen bzw. von den verschiedenen Lehr- und Bildungseinrichtungen wollen wir [hier absehen - wenigstens soweit sie an anderer Stelle (siehe Seite 147) behandelt werden und ihrer Art nach (staatliche Aufsicht) nichts aufweisen, was nicht auch anderswo zu finden wäre. Auf das jedoch, was für Fellbach charakteristisch ist, was es änderen vergleichbaren Städten zuvor oder zum Nachteil hat, kommt es an dieser Stelle an und nicht auf das, was es mit anderen gemein hat... 

Das gilt selbstverständlich auch für ein gut Teil jenes Fellbacher Vereinslebens, dem seine ausgesprochen kulturelle Bedeutung nicht abgesprochen werden kann. Es sei nur uf die rege Tätigkeit der beiden Fellbacher Gesangvereine (Tiiännergesangverein Teil- 140 bach und Qesangverein .Vorwärts") verwiesen, deren Gesangskultur hohes Niveau hat; an die Stadtkapelle 7ellbad>, die nicht geringe Anerkennung verdient, sowie an die beiden Wandervereine Sdbwäbisdber Albverein und Die Naturfreunde, die sich nicht nur als Wandervereine betätigen, sondern immer wieder auch mit Vorträgen heimatkundlicher, völkerkundlicher und geographischer Art aufwarten, dabei meist ein erfreulich großes Auditorium verzeichnen dürfen und mit solchen Veranstaltungen eben nicht nur Wissen, sondern auch ein bleibendes Erleben vermitteln... Ähnliches gilt natürlich auch von kleineren Vereinen, wie sie etwa der i. Tlandharmonikadub Jellbadb oder der TAandolinen- und Qitarrenklub "TVanderfreunde" Tellbadb darstellen (s. Seite 222/3). Dennoch muß man festhalten, daß sich Fellbach damit kaum von anderen Gemeinden ähnlicher Größe unterscheidet, und daß sich darum aus der Tätigkeit dieser Vereine auch kein Spezifikum für das kulturelle Leben Fellbachs ergibt. 

Damit ist zugleich ein Fellbacher Grundproblem berührt. Die Wabe Stuttgarts macht es Fellbach fast unmöglich, neben seinem regen, reich schattierten religiös-weltanschaulichen Leben noch ein eigenes und eigenständiges kulturelles Leben zu entwickeln. Denkt man dabei etwa an Theater, Konzerte und Kunstausstellungen, so ist das, was Stuttgart mit seinen Staatstheatern, seiner neuen Liederhalle und seinem Kunstgebäude auf diesem Gebiet leisten kann, dem, was dem Leistungsvermögen Fellbachs entspricht, allemale haushoch überlegen. Die acht Kilometer Entfernung, die heute mit Straßenbahn, Motorrad oder Auto in wenigen Minuten überwunden werden, spielen dabei keine Rolle mehr. Und denkt man an literarische Vorträge oder an Vorlesungen namhafter Wissenschaftler unserer Zeit, so gilt dasselbe! Man kann dabei ganz davon absehen, was Presse und Rundfunk heute auch auf kulturellem Gebiet täglich in jedes Haus bringen! Betrachtet man diese Situation objektiv, so möchte man feststellen, daß da einem Gemeinwesen wie Fellbach für eigene, schöpferische Kulturarbeit kein Raum mehr bleibt. Und doch ist es erfreulicherweise nicht so. Man kann das zumindest auf drei Gebieten feststellen: 

Künstler am Werk 

Als die Stadt Fellbach im Jahre 1953 erstmals daranging, eine Ausstellung von Arbeiten ortsansässiger bildender Künstler und Kunsthandwerker durchzuführen, war das Ergebnis, das sich dabei ergab, überraschend und erfreulich zugleich. Man zählte elf Aussteller, und das künstlerische Niveau, das die Ausstellung hielt, war durchaus zufriedenstellend. - Nicht weniger erfreulich war das Ergebnis, das eine Ausstellung des Jahres 1957 zeitigte. Sie war zwar auf Kreisebene durchgeführt und auf Maler, Bildhauer und Graphiker (unter Ausschluß des Kunsthandwerks) beschränkt. Dennoch schnitten darin Fellbach und die Fellbacher Künstler nicht schlecht ab - ja man konnte dabei sogar feststellen, daß sich neben den namhafteren Künstlern der Stadt auch eine 141 ganze Reihe sogenannter "Sonntagsmaler" künstlerisch bemüht und sich dabei sogar mit den Problemen der modernen Malerei auseinandersetzt. Das ist doch wohl ein gutes Zeichen für die Stadt und ihre musisch begabten Söhne und Töchter. 

Zu den Künstlern und Kunsthandwerkern, die in Fellbach ansässig sind und in diesen beiden Ausstellungen vor die Öffentlichkeit traten, zählen übrigens der weit über Deutschland hinaus bekannte Maler Prof. Franz Lenk, der in den zwanziger Jahren neben Dix und Schrimpf zu den eigentlichen Repräsentanten der sogenannten Neuen Sachlichkeit zählte, sein Sohn Thomas Kaspar Lenk, der als junger Bildhauer schon manchen Erfolg hatte, der Maler Fritz Mader, der zugleich als Kunsterzieher am Fellbacher Gymnasium wirkt, und das Künstlerehepaar Ludwig und Suse Schäfer- Grohe, das auf dem Gebiet der Malerei, der Graphik und Plastik zugleich tätig ist. Man lernte in diesen Ausstellungen außerdem den inzwischen verstorbenen Gregor Ehling sowie Gerhard Ehrle, Anton Lansky und Otto Rieger als Maler und Graphiker (letzteren vor allem auch als erprobten Gebrauchsgraphiker) kennen sowie die Kunsthandwerker: Karl Gaßmann (Kunstschmied), Emil Kappeler (Holzbildhauer) und Werner Theile (Gold- und Silberschmied). 

Die Fellbacher Arbeitsgemeinschaft 

Geht es bei dem genannten künstlerischen Schaffen in Fellbach immer um das Werk Einzelner, so steht der Wirkungsbereich der 1949 gegründeten Fellbacher Arbeitsgemeinschaft (FAG) auf breiterer Basis. Sie muß und darf in diesem Zusammenhang genannt werden, weil sie das darstellt, was man eine spezifische Fellbacher Einrichtung nennen kann. Ursprünglich auch mit Aufgaben sozialer Art betraut - die Einrichtung einer "Gemeinnützigen Verkaufsstelle", einer "Mietwaschküche" und dergleichen war ihr Werk - ähnelt sie heute in manchen Dingen dem auch anderwärts üblichen Volksbildungswerk. Das aber nur insofern, als sie (einem dringenden Bedürfnis folgend) gegen ein kleines Entgelt hauswirtschaftliche Kurse (Nähkurse, Kochkurse, Gymnastik und dergleichen) abhält und dafür geeignete Lehrkräfte zuzieht, die für ihre Arbeit honoriert werden (Gesamtleitung: Frau Hertha Korzendorfer). Das mag zum Teil auch noch für jene Zusammenkünfte und gemeinsame Omnibusfahrten gelten, die ein anderer Frauenkreis unter Leitung von Frau Anneliese Lenk im Namen der Fellbacher Arbeitsgemeinschaft durchführt, mit dem Ziel, die Frauen mehr und mehr für ihre Aufgaben und Pflichten im öffentlichen Leben zu interessieren, ihr Urteil- und Kritikvermögen auf diesem Gebiet zu schärfen und ganz allgemein den staatsbürgerlichen Sinn der Frauen zu wecken und zu pflegen. Das gilt jedoch nicht mehr dort, wo sich in dieser Fellbacher Arbeitsgemeinschaft einzelne Kreise und Gruppen durchaus von selbst zu gemeinsamer Arbeit an irgendeinem Stoffgebiet zusammenfinden, um für sich oder andere etwas zu erstellen, was Sinn und Wert in sich selbst hat. Daß all diese Arbeit - aus Grundsatz - ehrenamtlich geschieht, daß dabei nach Möglichkeit jeder Teilnehmer in irgendeiner Form aktiv mitwirkt, daß hier nicht "doziert", sondern gemeinsam "erarbeitet" wird - das ist das Besondere dieser Fellbacher Einrichtung, das es sonstwo in dieser Form kaum gibt und das darum gelegentlich auch Teilnehmer aus Waiblingen, Rommelshausen und Schmiden, ja sogar aus Stuttgart und Cannstatt nach Fellbach lockt! - Im einzelnen seien hier folgende Arbeitsgruppen erwähnt: 

Das Kammerorchester der FAG, das im Jahre 1952 ins Leben trat und sich seitdem unter der Leitung von Erwin Kemmler und Werner Keltsch zu einem wahrhaft beachtlichen, sehr kultivierten Klangkörper entwickelt hat. Daß es zwei Musikstudenten, bzw. heranreifende Berufsmusiker waren, die dabei die Leitung übernahmen, war fast selbstverständlich, wenn etwas Rechtes erreicht werden sollte. Daß es aber zugleich zwei Fellbacher waren, die das ehrenamtlich taten, und daß ihre "Musiker" Bürger, Bürgersöhne und Bürgertöchter Fellbachs waren, die tagsüber anderen Aufgaben nachgingen, war das Stück Idealismus, das hier lebendig wurde und sich im besten Sinne bewährte. Von Konzert zu Konzert hat sich dieses Kammerorchester eine immer größere und immer begeistertere Hörergemeinde zu schaffen gewußt. Selbst ein anspruchsvolles und anspruchvollstes Publikum, das sonst eben Stuttgarter Konzerte besucht, ist nachgerade von der Leistung des FAG-Orchesters begeistert. 

Die Theatergruppe, die unter Leitung von Wilhelm May (früher in Gemeinschaft mit Ewald Dölker) steht, brachte schon manche hübsche Inszenierung heraus. Daß sie sich dabei nicht nur an leichtere Kost, wie etwa den "Meisterboxer" (Schwank von Schwarz und Mathern) und nicht nur an volkstümliche Stücke wie Anzengrubers "Pfarrer von Kirchfeld" hält, sondern sich an klassische, ja sogar moderne Werke mit Erfolg heranwagt (Kleists "Der zerbrochene Krug", Goethes "Die Mitschuldigen", Klabunds "Der Kreidekreis" und Kästners "Ringelspiel"), zeugt von dem ernsten künstlerischen Streben der Gruppe. Wie beim Kammerorchester geht es auch hier den Mitwirkenden nicht in erster Linie um die Abende öffentlichen Auftretens, wenngleich dies Höhepunkte und zugleich so etwas wie Bewährungsproben für die gesamte Arbeit sind - der eigentliche Sinn und Wert solcher Ensemblegruppen liegt in der Zusammenarbeit, im Zusammenspiel und in dem Willen, selbst immer besser, immer sicherer und ensemble-zuverlässiger zu werden. Es ist also Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst: Einsatz und Einordnung, Konzentration und Anspannung, die er da im Interesse des Ganzen von sich fordert. Wenn er da nicht versagt, wird die Arbeit zur Freude, zur Entspannung und Beglückung für alle, die da zusammenwirken, und wenn bei öffentlichen Vorführungen gar etwas davon auf Zuschauer und Zuhörer überspringt, dann wird daraus die große Beglückung des Erfolgs, die Freude, auch anderen etwas zu bieten. 

Die Heimatkundliche Gruppe - sie steht seit ihrer Gründung im Jahre 1949 unter Leitung von Dr. Siegfried Müller, der für die verschiedensten Gebiete (Flora, Fauna, Vorgeschichte usw.) jeweils geeignete Mitarbeiter zuzieht (Ernst Beck, Studienrat Franz Duschek, Maria Maneth, Oberlehrer Wilhelm Müller, Dipl.-Ing. Kölle und andere Heimatkundler) und dabei feststellen darf, daß die Arbeit gerade dieser Gruppe zu sichtlich positiven Ergebnissen führt. Was man nicht vorhersehen konnte: Nicht die Alteingesessenen und nicht die Einheimischen sind in dieser Gruppe besonders aktiv - sie sind auch dabei - sondern vielmehr die Neubürger, die irgendwo im Osten ihre Heimat verloren haben und sich nun mit Leidenschaft um ihre neue Heimat mühen. So ist es kein Zufall, daß es die Neubürgerin Maria Maneth ist, die hier schon eine lange Reihe wertvoller Funde aus der Steinzeit, aber auch aus der Bronze- und Eisenzeit sowie aus der Römerzeit gemacht hat, die nach allen Seiten, wo sie glaubt etwas aus Fellbachs Vergangenheit erfahren oder gar erhalten zu können, Verbindung sucht und Verbindung hält, und die nicht zuletzt auch in alten städtischen Archivbänden forscht und unermüdlich blättert, ob sich nicht auch daraus neue, interessante Zusammenhänge ergeben, die in der Fellbach-Forschung weiterführen könnten. - Fräulein Maneth hat dabei schon über ihre Funde hinaus zweierlei erreicht: Einmal, daß man in Fellbach bei Ausgrabungen und Schachtarbeiten ganz allgemein vorsichtiger geworden ist und bei auffallenden Erscheinungen, sie oder das Rathaus sofort verständigt, zum anderen, daß der Wunsch, für Fellbach die Schaffung eines Heimatmuseums ins Auge zu fassen, nicht nur längst ausgesprochen, sondern im April 1958 mit der Bereitstellung von Räumen in der Stauffenberg-Schule verwirklicht wurde. 

Neben diesen Arbeitsgruppen bestehen noch eine Reihe anderer, die sich besonderen Spezialgebieten widmen und in denen jeweils ein Sonderthema über mehrere Wochen oder Monate hinweg gemeinsam und gründlich er-, bzw. bearbeitet wird. So unterscheidet die FAG eine "Kommunalpolitische Arbeitsgruppe (Referenten: Oberbürgermeister Dr. Graser und Gemeinderat Dr. Pflüger), in der allgemein der Bürgersinn gepflegt und jeweils zu aktuellen Fragen der Gemeindepolitik Stellung genommen wird, eine Philosophische Arbeitsgruppe (Leitung: Dr. Erich Schlenker und Studienrat Gustav Gerstlauer), eine Arbeitsgruppe für Bildende Kunst (Leitung: Dr. Erich Schlenker), sowie eine Literarische Arbeitsgruppe (Leitung: Büchereileiter Herbert Ruthardt), zu denen je nach Bedarf gelegentlich noch andere Arbeitsgruppen treten. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sich da mehr oder weniger regelmäßig (alle 14 Tage) ein Kreis von zehn bis zwanzig oder fünfundzwanzig Menschen trifft und gemeinsam ein für das betreffende "Semester" gewähltes Thema bearbeitet - und das nicht in Form von Vorträgen, bzw. Referaten, die immer derselbe hält, sondern in echter Zusammenarbeit, echter Aussprache und echtem Ringen um die Probleme, die da gestellt sind. So mag es hier als Beispiel für viele stehen, daß gelegentlich eines Abends der Philosophischen Gruppe rund 15 Menschen volle zwei Stunden über einer halben Seite des Philosophen Heidegger saßen, dabei aber durch Gedanke und Gegengedanke, durch Einwurf und Widerspruch so in Spannung und geistiger Teilnahme gehalten waren, daß nicht nur die Zeit im Nu verging, sondern auch jedes Einzelne erleben konnte, was es heißt, einer Sache auf den Grund zu gehen, nicht oberflächlich, sondern sich in die Tiefe des Gedankens hineinzulesen und dabei zu erfahren, wie geistige Arbeit zugleich geistige Erbauung und geistige Erhebung sein kann. 

Eben darin unterscheidet sich die FAG von dem üblichen Volksbildungsbetrieb: Sie will nicht Wissen und erst recht nicht Vielwissen vermitteln, sondern will, daß der einzelne Teilnehmer - für welches Stoffgebiet er sich auch interessieren mag - bei intensiver Arbeit sich selbst ein eigenes, kein vom Referenten vor-gedachtes Urteil erwirbt, die Für und Wider dabei selbst abwiegt, die Schwierigkeiten einer letztgültigen Beurteilung in ihrer ganzen Tiefe erlebt und sich so letztlich nicht bloß Wissen zulegt, sondern sich menschlich bereichert und sich echtes Bildungsgut aneignet. 

In diesem Zusammenhang sei noch der Fellbacher Stadtbücherei gedacht. Sie wurde 1948 ins Leben gerufen, hat sich seitdem längst als ein unentbehrliches kulturelles Zentrum der Stadt bewährt, das laufend in Anspruch genommen wird; sie ist aber darüber hinaus auch zur Heimstätte der Fellbacher Arbeitsgemeinschaft geworden. Hier hat diese ihre Geschäftsstelle, zumal Büchereileiter Ruthardt ihre Geschäfte führt, hier - zwischen den vollen Bücher- und Zeitschriftenschränken in engstem räumlichen Konnex mit dieser rund 10000 Bände fassenden Bibliothek - finden aber auch ihre Gruppenabende - zumeist am großen runden Tisch - statt, und das gibt dieser Bibliothek wie den Abenden selbst eine schöne, fruchtbare Atmosphäre. 

Der Fellbacher Herbst 

Darf schon die Arbeit der Fellbacher Arbeitsgemeinschaft für sich eine gewisse Breitenwirkung in Anspruch nehmen - sie gab in den letzten Jahren gegen 200 Jahreskarten aus und registrierte pro anno insgesamt etwa 6000 Teilnehmer an all ihren Veranstaltungen - so hat Fellbach noch auf eine weitere Einrichtung hinzuweisen, die im Grunde alle Kreise der Bevölkerung angeht und der eine kulturelle Wurzel im besten Sinne des Wortes nicht abgesprochen werden kann, den Teilhaber Herbst. Wäre er an bloßes Volksfest, ein bloßer Rummel, wie er sich anderwärts gelegentlich als sogenannte Herbstfeier herausgebildet hat und eben mit reichlichem Weinkonsum, mit Tanz und Schiffschaukelbetrieb begangen wird, so verdiente er an dieser Stelle keine Erwähnung. Man muß jedoch diesen Herbst erlebt haben und muß dabei gewesen sein, wenn droben am Fuße des Kappelberges der "Herbstwagen" feierlich eingeholt wird, wenn dort die Geistlichen beider Konfessionen das Wort ergreifen, wenn der Oberbürgermeister spricht und schließlich der Choral "Nun danket alle Gott" zum Himmel steigt. . . Man muß aber auch vor der Stadthalle am eigens dafür errichteten "Weinbrunnen erlebt haben, wie dort der Festzug mit all den bunt gekleideten Teilnehmern, den Erwachsenen und Kindern, eintrifft, wie dort der Stadtvorstand und der Obmann der Bauern und Weingärtner ihre Trinksprüche tauschen, wie der Oberbürgermeister eine ernste, mahnende und zugleich von Dank erfüllte Rede hält, und wie schließlich die Jungen und Jüngsten vom Festplatz weggeschickt werden, die Ältesten der Stadt mit einem kleinen, nahrhaften Gruß zu ehren ... All das muß man erlebt haben, wenn man verstehen will, was hier gemeint ist: Mag es am Fellbacher Herbst noch so froh und beschwingt zugehen, mag für drei Tage der lustige Tingeltangel kein Ende nehmen - dieser Auftakt hat alle Jahre etwas Erhebendes, etwas, das an die Wurzeln des Fellbacher Wesens und der Fellbacher Tradition greift (siehe auch Seite 246). Hier wird in einem tieferen, geistigen Sinne offenbar, was Fellbach ist, auch wenn es nicht mehr bloß einen namhaften Weinflecken darstellt, sondern eine moderne, aufstrebende Stadt, ja sogar eine Industriestadt geworden ist. - Hier ist noch etwas am Werk, was in die Tiefe geht, was auf Sinngehalt und Wert gerichtet ist und darum, so möchte man hoffen, noch lange währen mag. 

Vielleicht ist es doch etwas wie der genius loci in dieser immer lebendigen, immer sinnierlichen Stadt, der darin zur Geltung kommt.