August Lallatin

DAS FELLBACHER SCHULWESEN


Das Mittelalter wußte von einer allgemeinen Volksbildung wenig, doch fehlten die Schulen nicht ganz. Schon Karl der Große richtete für seine Beamten Hofschulen ein. Mit den Klöstern waren die äußeren und inneren Klosterschulen verbunden. Die Städte bekamen ihre Lateinschulen. Auch Fellbach soll um 1519 eine solche gehabt haben, doch ist das nirgends belegt. Die fortschreitende Entwicklung des Wirtschaftslebens brachte die Stadtschulen, die privaten Schreib- und Rechenschulen (auch Winkelschulen genannt), hauptsächlich für die angehenden Beamten und Kaufleute. Doch soll es im Herzogtum Württemberg nicht mehr als 20 solcher Schulen gegeben haben. Besser stand es um das Schulwesen in den freien Reichsstädten wie Eßlingen, Ulm, Heilbronn.

Das 16. Jahrhundert brachte eine große Wendung auf diesem Gebiet. Die geistigen Bewegungen der Zeit, die rasche Entwicklung der Buchdruckerkunst und damit verbunden die Verbreitung des Buches, vor allem der Bibel, führten zur Volksschule, während die bisherigen Schulen mehr Standesschulen gewesen waren.

Bald nach der Einführung der Reformation in Württemberg tauchte auch in Fellbach eine "Teutsche Schule" auf. Nach den vorausgegangenen Versuchen eines Pfarrers wurde im Jahre 1546 Johannes Schumacher als erster Lehrer in Fellbach angestellt. Mit Beginn des Interims (1546) konnte Pfarrer Lilienfein sein Amt nicht mehr versehen. Er übernahm dann die Schule, die der oben genannte Schumacher schmählich im Stich gelassen hatte.

Anno 1551 tauchte er wieder auf. Die Gemeinde war aber nicht gewillt, ihn von neuem aufzunehmen. Man konnte es ihm nicht verzeihen, daß er "um des Bauches willen" das Interimsbekenntnis angenommen hatte. Sicher hat er auch, wie die meisten seiner Nachfolger in den nächsten Jahrhunderten, nebenbei das Mesneramt versehen. Die Volksschule war, wie das damals nicht anders sein konnte, ein Kind der Kirche. Das Schulmeisteramt allein konnte seinen Mann nicht ernähren. Inwieweit die Fellbacher Schulmeister, wie das anderwärts vielfach der Fall war, nebenher ein Handwerk betrieben haben, ist nicht bekannt.

Der Schulbesuch war freiwillig. Die Eltern hatten Schulgeld zu bezahlen, zunächst an den Lehrer selbst, erst später an die Gemeinde. Die Schulgeldablösung kam in Fellbach übrigens erst 1909. Aus dem Jahr 1559 ist uns bekannt, daß die Teutsche Schule in Fellbach im Sommer von 40, im Winter von 60 Schülern besucht wurde. Um diese Zeit zählte Fellbach "mehr denn 1000 Menschen und 180 Hofstatt". Es leiste "soviel wie etwa ein Städtlein im Land", so vermeldet eine zeitgenössische Urkunde. Dieses Jahr 1559 ist für die Entwicklung des Volksschulwesens in ganz Württemberg und damit auch für die Fellbacher Schule von entscheidender Bedeutung geworden. Es brachte unter Herzog Christoph im Rahmen der "Großen Kirchenordnung" eine weit über Württembergs Grenzen hinaus vorbildliche Schulordnung. Knaben und Mädchen sollen zur Schule geschickt werden. Sie sind in drei Häuflein zu teilen:

Das erste Häuflein lernt die Buchstaben, das zweite lernt sie zu Silben zusammenschlagen, das dritte lernt Wörter und Sätze lesen und dann auch schreiben. Rechnen wurde vorerst nicht gelehrt. In einem Verzeichnis der Schulen des Herzogtums Württemberg aus dem Jahr 1581 wird unter den Schulen des Cannstatter Amtes auch die Fellbacher deutsche Schule erwähnt.

Für die Zeit vor 1600 kennen wir aus den Kirchenbüchern den Fellbacher Schulmeister Georg Lilienfein, der 1596 im Alter von 37 Jahren an der Pest starb. Er war der Sohn des ersten, oben genannten, evangelischen Pfarrers in Fellbach, des Magisters Kilianus Lilienfein. Fellbach zählte damals zu den sechs württembergischen Dörfern, die nicht nur eine Winterschule, sondern auch eine Sommerschule unterhielten. Im Winter zählte die Schule 100 Schüler, im Sommer nur deren 8. Die Eltern benötigten ihre Kinder bei den Feldgeschäften und zum Viehhüten.

Der "Dreißigjährige Krieg wirkte sich auch auf die Schule verheerend aus. Es fehlte an Lehrern und Schülern. Nach 1634 war die Einwohnerzahl von etwa 1500 auf 450 herabgesunken. Das Lehramt versah in dieser Zeit der Schulmeister Melchior Hohl. Sein Amt wurde ihm zum Verhängnis. Die plündernden Kriegshorden hatten es besonders auf Amtspersonen abgesehen. Sein Schwiegervater Ulsheimer wurde schrecklich verstümmelt, er selbst verschleppt und im Pfarrhaus in Hochberg am Neckar schließlich erschossen (s. auch Seite 60).

Sicher ist es dem tatkräftigen Wirken des rühmlich bekannten Pfarrers Maickler in erster Linie zu verdanken, wenn 1637 bereits wieder ein Lehrer angestellt wird: Hans Lipp. Er wird durch einen Erlaß des Dekanats Cannstatt aufgefordert, noch nachträglich sein Schulmeisterexamen abzulegen. Schulmeister Nikolaus Werther war von 1649 bis 1686, also 37 Jahre an der Fellbacher Schule tätig. Sein Gehilfe und Nachfolger wurde "Jörg Thusnith. Dessen Sohn Simon Thusnith war Schultheiß von Fellbach. Sein Name steht auf der großen, 1625 gegossenen Glocke der Lutherkirche (s. a. S. 118 und 178).

Das Jahr 1649 brachte die Einführung der allgemeinen Schulpflicht für Knaben und Mädchen. Eine solche Anordnung, ein Jahr nach dem furchtbaren Krieg erlassen, stellt einen Beweis für die unverwüstliche Lebens- und Tatkraft des schwäbischen Volkes dar! Aus dem Jahr 1683 berichtet eine Chronik, daß die Fellbacher Schule 80 Knaben und 70 Mädchen zählte, mit einem Schulmeister und einem Provisor (Einwohnerzahl 1050). Ferner wird bemerkt: "Die liebe Jugend und Schulkinder wurden auf das Feld in die May geführt." 1686 finden wir einen Wilhelm Klein im Amt. "Er traktiert die Orgel und singt dabei den Choral, scheint auch fromm zu sein." über die Einkommensverhältnisse der Schulmeister dieser Zeit erhalten wir u. a. wertvolle Aufschlüsse aus einem Bericht über den Lehrer Joh. Erhard Lenz. Als Vierzigjähriger wird er 1696 zum erstenmal erwähnt. Lenz wendet sich in einer langen Bittschrift an den Vogt Ramßler zu Cannstatt. Er beruft sich darauf, daß man ihm neben seiner Besoldung zwei Eimerlein Wein zugesagt und ihm nun in einem Ratsbeschluß doch nur ein Eimer genehmigt worden sei. Er brauche den Wein dringend, schon infolge des "starken Singens", des Schulstaubs und anderer Ungelegenheiten, die er "einnehmen müsse", und außerdem, so erklärt er abschließend, sei er ohne den Wein ein "blöder Mann". Der Vogt von Cannstatt untersucht auf dieses Gesuch die Besoldungsverhältnisse und fordert vom Schultheiß eine ins einzelne gehende Aufstellung an, der zufolge der Schulmeister eine "um ein namhaftes verbesserte Besoldung" hatte, und zwar an Geld:

Von der geistlichen Verwaltung Cannstatt 7 Gulden, 9 Kreuzer, 

vom Schultheißenamt 5 Gulden, 

vom Heiligen (Kirchenpflege) 5 Gulden.

Anstelle von "Mesnerlaiben" erhält er 15 Scheffel Dinkel; dazu einen Eimer Wein, Brennholz, das er selber hauen und heimführen lassen muß, sowie ein Holzgeld von 6 Gulden. Er nutzt drei Viertel Wiesen und zwei Viertel Land in und um den Kirch- hof. Der Schultheiß fügte noch an, daß Lenz die Schulmeisterwohnung vollständig unentgeltlich überlassen werde und daß er von jedem Schulkind im Sommerhalbjahr 16 Kreuzer und im Winterhalbjahr 24 Kreuzer als Schulgeld erhalte. Außerdem sei nicht möglich, "specifice" zu melden, was der Lehrer das Jahr über für Hochzeiten, Kindstaufen und Leichenbegängnisse, auch Sänger- und Läutelohn beziehe.

Für das Halten eines Provisors im Winterhalbjahr erhält der Schulmeister außerdem noch einen Zuschuß von 6 Gulden, die zur einen Hälfte vom Heiligen, zur anderen von der Gemeinde aufgebracht werden. 1702 war Johann Michael Kißling als Provisor tätig. Die zwei Lehrer hatten im Sommer 90, im Winter 150 bis 160 Schüler zu unterrichten. Da die beiden nicht gut miteinander auskamen, kam es zu Spannungen, bis Lenz dem Provisor an einem Sonntag, als dieser zum Nachtessen kam, erklärte: "Er solle hersitzen und fressen, das sei das letzte Mal, morgen solle er fort und möge fressen wo er wolle !" Auf die Beschwerde des Provisors sollte eine Einigung versucht werden, doch der eigensinnige Kopf des Lenz war nicht geneigt nachzugeben, vielmehr wurde er recht unbotmäßig, und so kam der Fall vor den Spezial (Dekan) Bülfinger in Cannstatt und vor den Herzog, da die Lehrer nicht mehr von der Gemeinde, sondern nur noch vom Landesherrn entlassen werden durften. Der herzogliche Befehl setzte Lenz eine Frist; dem Pfarrer wurde bedeutet, öfters nach der Schule zu sehen, und der Gemeinde wurde aufgegeben, für den Provisor etwas mehr zu zahlen. Im Jahr darauf ist an Stelle des Provisors Kißling ein 'Johann Philipp Göbel angestellt, der ganze 20 Jahre alt und ein Pfarrerssohn war. Eine Visitation in diesem Jahr fiel für Lenz geradezu glänzend aus. Anscheinend hatte er gewaltig Respekt bekommen und sich redliche Mühe gegeben.

Der Bericht besagt, es sei eine Lust, die volljährige Jugend zu examinieren. Der Eifer des Lehrers sei nicht genugsam zu loben, die Kinder hätten recht schön geschrieben, fertig gelesen, sehr viele Sprüche, Psalmen und Lieder auswendig gekonnt. Man habe noch keinen besseren und vollkommeneren Schulmeister gehabt.

Das Ergebnis wurde dem Herzog berichtet, und Lenz konnte bleiben. Allerdings nicht sehr lang. 1710 mußte er endgültig abtreten. Die Gründe, die seine Entlassung herbeiführten, lassen sich nicht mehr im einzelnen aufdecken. Auf alle Fälle waren es unüberbrückbare Zwistigkeiten mit dem Pfarrer. Nach seiner Entlassung wurde wegen der Bezahlung der Verfahrenskosten, die Lenz nicht aufbringen konnte, noch lange hin- und hergeschrieben. Er kam in bitterste Not und mußte schließlich noch als Provisor bei seinem Nachfolger Johann Christof Wegmann einen Teil des Brots für sich und seine Familie verdienen.

Die Schule war bis dahin in einem Gebäude untergebracht, das in der Ringmauer der ehemaligen Wehrkirche stand (s. auch Seite 158). Eine Brücke und ein Torbogen führten in den Schulhof. Im Jahr 1693 sank dieses Gebäude bei einem Franzoseneinfall unter Melac mit 178 anderen Häusern des Dorfes in Schutt und Asche. 1695 wurde es dann notdürftig wieder aufgebaut. Die 1740 geplante Erweiterung konnte bei der herrschenden Armut des "Heiligen" erst 1771 ausgeführt werden, die Räume waren aber trotzdem so ungenügend, daß 30 bis 40 Schüler nicht sitzen konnten, sondern während des Unterrichts stehen mußten. Mehrere Mißernten nacheinander hatten zu einer allgemeinen Verarmung geführt. Zudem waren wieder einmal Franzosen und Österreicher im Land und die Kassen leer. An einen Neubau konnte zunächst nicht gedacht werden, das baufällige Haus mußte schließlich gesprießt werden. 1799 waren die Sprieße jedoch abgefault und das Schulhaus stand vor dem Einsturz, so daß es abgebrochen werden mußte. Der damalige Pfarrer Köhler betrieb energisch die Erstellung eines neuen Gebäudes.

Im Jahr 1801 wurde aus der allmählich zerfallenden Ringmauer der alten Wehrkirche, deren Steine mit verwendet wurden, ein neues Schulhaus erstellt. Die restlichen Steine wurden verkauft. Bei den Städten und Ämtern mußte eine Kollekte veranstaltet werden. Das neue Haus galt als sehr geräumig, enthielt es doch drei abgeteilte Zimmer für drei Klassen und eine Lehrerwohnung. Der Dekan spendete sein Lob: "Das neue Fellbacher Schulhaus wird wohl im Lande wenige seinesgleichen haben !" - Besondere Sorge bereitete immer wieder und immer noch die Sommerschule. Die Klagen über ihren Besuch wollten nicht verstummen. 1736 besuchten im Sommer nur 100, im Winter 241 Schüler die Schule. - Die "Erneuerte Schulordnung von 1729" forderte neben Lesen und Schreiben nun auch Rechnen und Gesang. Der Schulmeister mußte seitdem zwei Provisoren halten, über ihre Dienstauffassung und ihren Lebenswandel wird immer wieder bitter geklagt. Wir entnehmen aus einem Bericht über den Schulmeister Wegmann folgendes:

Im Jahre 1722 und 1730 war dieser noch mit Ermahnungen und Verwarnungen ziemlich glimpflich abgekommen. Eine "Beschwehrungs- und Klageschrift" gegen ihn, die von Schultheiß und Gericht (Gemeinderat) und etwa zwanzig Bürgern unterzeichnet wurde, führt zehn Punkte auf, in welchen Wegmann beanstandet wird. Ganz allgemein wird geklagt, die Kinder hätten nichts gelernt, weil der Lehrer viel über Feld laufe und die Schulstunden versäume; auch halte er sich viele Vögel, Tauben, Hunde und andere "nichtsnutzige Tiere". Insbesondere wurden die Hunde beanstandet, weil einer davon "etliche Künste" (Kunststücke) gekonnt und die Kinder dadurch vom Lernen abgehalten habe. Sein Sohn, der Provisor, treibe mehr Kinderpossen, als daß er Unterricht gebe, und sei ein läppischer Kerl. Der Lehrer hatte als Mesner auch die Kirchenglocken zu läuten. Dem Wegmann sei es nun zuweilen passiert, wenn er nicht mehr ganz nüchtern und ziemlich spät heimkam, daß er "zweimal so früh um Mitternacht die Glocken gelitten, daß man uff dem Rotenberg vermeint, es brenne, und bald Lärm geschossen hätte". Das Trinken wird natürlich noch besonders hervorgehoben. Einmal habe er "Sonntag morgens den Rausch noch in die Kirche gebracht", was an dem liederlichen Singen zu bemerken gewesen. - Der Amtsverweser des Dekanats in Cannstatt bestellte Wegmann alsbald zu sich, bewilligte zur Besserung eine Frist von einem Vierteljahr bis Lichtmeß 1739, und als dies anscheinend auch nichts half, mußte der Mann gehen.

In diese Zeit fällt die Einführung der Sonntagsschule, teils als Ersatz für die werktägige Sommerschule, teils als Fortsetzung der Volksschule für die schulentlassene Jugend. Sie bestand für die Mädchen bis etwa 1910. - Die männliche Jugend wurde vom Jahr 1858 ab in der Winterabendschule oder Allgemeinen Fortbildungsschule zusammen- gefaßt. Ihre Aufgabe bestand darin, das in der Volksschule erworbene Wissen und Können zu wiederholen und zu vertiefen. Darüber hinaus hatte sie aber besonders in Rechnen und Aufsatz den praktischen Bedürfnissen des Lebens zu dienen.

Viele Schul-Erlasse aus der Zeit vor und nach 1800 beschäftigen sich mit der Pflege des Gesangs. Von Seiner Königlichen Majestät wurden später für gute Leistungen auf diesem Gebiet sogar Gesangpreise ausgesetzt. Solche Anregungen fielen bei den damaligen Schulmeistern von Fellbach auf besonders fruchtbaren Boden. Es handelte sich dabei um das weit über die Grenzen Württembergs hinaus bekannt gewordene Lehrergeschlecht der Auberlen (s. a. Seite 179). Seine Angehörigen waren durch hohe musikalische Begabung ausgezeichnet und wurden auf dem Gebiet der Musikpflege in Schule und Kirche durch ein ganzes Jahrhundert hindurch geradezu führend und richtungweisend. Noch um das Jahr 1800 hatte die Fellbacher Volksschule nur einen Schulmeister, der zwei Provisoren halten durfte. Sie waren zugleich auch seine Schüler, die er wissenschaftlich und praktisch auf den Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Jede der drei Klassen zählte im Jahr 1811 rund 120 Schüler. In dieser Zeit scheint ein vermöglicher Fellbacher ein besonderes Interesse an der Einrichtung einer Lateinschule gehabt zu haben. Er stiftete zu diesem Zweck 225 Gulden. Zur Errichtung dieser Schule kam es jedoch nicht. Zu den bisherigen Fächern, Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen, traten in neuerer Zeit mit immer stärkerer Betonung die Realfächer: Geschichte, Erdkunde, Naturgeschichte, dann auch Zeichnen. Der Lehrplan von 1870 räumte ihnen eine selbständige Stellung im Unterricht ein. - Da die rasch wachsende Gemeinde Fellbach um 1800 etwa 2300, um 1845 über 3000 Einwohner zählte, und zu jener Zeit wieder mehr Schulraum benötigte, wurde 1845 die "Neue Schule" in der Neugasse gebaut. Zunächst gab es in diesem Schulgebäude zwei Schulsäle, denen 1899 ein weiterer Unterrichtsraum angefügt wurde. Dazu waren im ersten Stock drei Lehrerwohnungen untergebracht. Auch das "Alte Schulhaus", das heutige Rathaus II, mußte erweitert werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte in Fellbach große Schulraumnot. Für etwa 600 Schüler standen acht Räume und acht Lehrer zur Verfügung. Auf eine Klasse kamen zeitweise 80, 90, ja 100 Schüler. Die an sich düsteren Lokale im "Alten Schalhaus" mußten vollgepfropft werden. Wenn die Sitzgelegenheiten in den Bänken nicht ausreichten, half man sich dadurch, daß man Brettchen über Holzklötze legte. Auch aus dieser Zeit seien die Namen einiger besonders verdienter Lehrer genannt: Johann Martin Schmid, Jacob Friedrich Roller, Johann Georg Eppinger. Letzterer wurde durch die von ihm verfaßte Fellbacher Heimatkunde "Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach" (1908) bekannt. Nach harten Kämpfen entschloß sich der Gemeinderat im Jahr 1906, einen neuen Schulhausbau beim alten Friedhof zu errichten. Die Zahl der Schulstellen konnte nun auf elf erhöht werden. An Stelle einer alten Zehntscheuer wurde in der Schmerstraße ein Gemeindehaus mit zwei Schulsälen für Handarbeits- und Zeichenunterricht gebaut. Da die Zahl der katholischen Schüler in Fellbach auf etwa 100 angestiegen war, lag es nahe, eine besondere katholische Schule zu errichten, die in der Neugasse untergebracht war und bis zur Einführung der Gemeinschaftsschule im Jahre 1936 bestehen blieb. Die Schülerzahl wuchs weiterhin stetig, weshalb der damalige Schultheiß Brändle im Jahr 1921 die heutige Stauffenbergschule weiter ausbauen ließ, der 1933 die letzten Schulräume und eine Turnhalle angefügt wurden.

Unterdessen hatte aber die Volksschule auch einige Schwestern bekommen. Das nach 1870 rasch aufblühende Gewerbe stellte nun an die Schule seine Forderungen. So entstand 1876 für die männliche Jugend neben der Allgemeinen Fortbildungsschule eine Gewerbliche Fortbildungsschule, die 1908 zur eigentlichen Gewerbeschule ausgebaut wurde. Die praktische Ausbildung in weiblichen Handfertigkeiten, die der Handarbeitsunterricht schon längst gepflegt hatte, erfuhr eine Bereicherung und Erweiterung mit der 1925 eingerichteten Hauswirtschaftsschule und der 1930 ins Leben gerufenen Frauenarbeitsschule in der Ludwigsburger Straße. - Einen schweren Kampf kostete die Einführung des achten Schuljahres, auf das man heute gewiß nicht mehr verzichten möchte.

Vor Beginn des zweiten Weltkriegs zählte die Volksschule 1120 Schüler und 28 Klassenlehrerstellen. Die durchschnittliche Klassenstärke betrug also genau 40 Schüler. Nach zehn Jahren war die Schülerzahl auf 2200 angewachsen, die von 36 Lehrkräften unterrichtet werden mußten. Während sich also die Schülerzahl verdoppelt hatte, war die Zahl der Lehrkräfte nur um ein Viertel gestiegen. Bis zum Jahr 1953 haben sich die Schulverhältnisse weiterhin wesentlich gebessert. Die Zahl der Lehrerstellen konnte auf 43 erhöht werden, und die durchschnittliche Klassenstärke kann nun wieder als "normal" bezeichnet werden. Der Unterricht in Handarbeit, Hauswirtschaft und Mädchenturnen wird von vier Fachlehrerinnen erteilt. Die Hilfsschule, die etwa seit dreißig Jahren besteht, ist zweiklassig und verfügt über zwei Lehrkräfte. Schwer lastete auf unserem Schulwesen durch Jahre hindurch die Schulraumnot. Zwar hatte sich die Stadtgemeinde entschlossen, das von Oberbürgermeister Dr. Graser schon während seiner ersten Amtstätigkeit geplante neue Schulgebäude - die heutige Silcherschule - in den ersten Kriegsjahren zu erstellen; aber zum Innenausbau kam es nicht mehr. Dagegen unternahm es die Stadtgemeinde trotz schwierigster wirtschaftlicher Verhältnisse, im Jahrl946 das Erdgeschoß und 1949 dann die weiteren Stockwerke auszubauen. 1951 erhielt die Silcherschule einen Anbau mit zehn Schullokalen. Wie aber ist es zu erklären, daß die Raumnot in den Schulen noch immer nicht gebannt ist? Die Ursache liegt zunächst in der geradezu sprunghaften Entwicklung der Gemeinde während der letzten zwei Jahrzehnte, dann vor allem auch darin, daß Fellbach noch während des Krieges zwei neue Schularten einführte: Die Mittelschule und die Oberschule. Unter der Leitung von Oberstudiendirektor "Karl Söhner wurden die Grundlagen für die Oberschule geschaffen und ihr Ausbau zur Vollanstalt durchgeführt. Es war auch nachgerade Zeit, daß man sich dazu entschloß. Die Mittelschule zählte 1957 sechs Klassen mit 168 Schülern, die Oberschule siebzehn Klassen mit 653 Schülern. Schwere Sorgen bereitete den Eltern, die nördlich der "Landstraße" wohnen, die Tatsache, daß ihre Kleinen auf dem Schulweg täglich den verkehrsreichen und darum für den Fußgänger so überaus gefährlichen Stuttgarter Platz überschreiten mußten. Ihre Anregung, das städtische Gebäude in der Ludwigsburger Straße, das bisher verschiedenen Zwecken gedient hatte, für Schulzwecke umzubauen, fiel bei der Stadtverwaltung auf fruchtbaren Boden. Das Gebäude wurde völlig umgebaut, vergrößert und 1952 als "Maicklerschule" eingeweiht. Es konnten dort acht Klassen untergebracht werden. Die heimatlos gewordene Frauenarbeitsschule erhielt Raum in einem städtischen Gebäude in der Wiesenstraße. Trotz allem will der Ruf nach weiterem Schulraum nicht verstummen. Mittelschule, Oberschule und Gewerbeschule wachsen mehr und mehr in die Breite und benötigen weitere Schullokale. Vor allem fehlen ihnen, wie auch der Volksschule, die Sonderräume für die musischen und naturwissenschaftlichen Fächer.

Die Stadtverwaltung befaßte sich daher erfreulicherweise ernsthaft mit dem großzügigen Plan, im nördlichen Stadtteil ein Sammelschulgebäude für die verschiedenen Schularten zu errichten. - Ein sehr bedeutsamer Anfang ist bereits gemacht: Der Neubau des Friedrich-Schiller-Gymnasiums wurde im Herbst 1957 seiner Bestimmung übergeben. Das Fellbacher Gymnasium, nunmehr Vollanstalt mit 21 Klassen, 683 Schülern und 25 Lehrkräften, ist damit der Schulraumsorgen enthoben. Wenn erst das ganze Silcherschulgebäude der Mittelschule und Mädchen-Volksschule zur Verfügung steht, wird die Raumfrage auch für die übrigen Schulen - vorerst wenigstens - gelöst sein. - Die Volksschule mit Hilfsschule zählt zur Zeit (15. Juli 1957) 45 Klassen, 1603 Schüler und 50 Lehrkräfte; die Mittelschule 11 Klassen, 381 Schüler und 12 Lehrkräfte; die Gewerbeschule 8 Klassen, 180 Schüler, 2 hauptamtliche Lehrkräfte und 2 Lehrmeister; die Frauenarbeitsschule 1 Klasse, 26 Schülerinnen und 1 Lehrkraft; die Hauswirtschaftliche Berufsschule 6 Klassen, 99 Schülerinnen und 1 Lehrkraft.