Manfred Bockenheimer

DAS SOZIALE LEBEN

Die Stadt Fellbach hatte in den letzten Jahren eine sprunghafte Entwicklung zu verzeichnen. Der Krieg und seine Folgen haben die Bevölkerungsstruktur grundlegend gewandelt. Viele tausend Vertriebene sowie Ausgewiesene aus dem Ausland und den Gebieten östlich der Oder/Neiße strömten ins Land. Auch Evakuierte, Zuwanderer aus der sowjetischen Besatzungszone und Ost-Berlin, Ausländer, Staatenlose und Umsiedler kamen dazu. So erklärt sich die ungestüme Zunahme der Bevölkerungszahl, die Ende 1957 nahezu 25 000 Einwohner betrug. Etwa 22 Prozent davon entfallen auf Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Die ständige Zuwanderung hat sich nicht nur auf die Einwohnerzahl, sondern vor allem auch auf die soziale Bevölkerungsstruktur ausgewirkt. Mit den Zuwanderern der verschiedensten Art sind vielfach auch Not und Armut in Fellbach eingezogen. Dies galt besonders für die Nachkriegsjahre und für die Zeit der Währungsumstellung.

Damit soll nicht gesagt sein, daß alle Notstände allein auf die Folgen des Krieges zurückzuführen seien. Auch in ruhigen und normalen Zeiten sind in jeder Gemeinde Armut und Not anzutreffen, nur eben nicht in der ungewöhnlichen Häufung von damals. Aber auch heute ist es vielen noch nicht möglich, die Wechselfälle des täglichen Lebens aus eigener Kraft zu meistern. Dank der günstigen Situation Fellbachs und der wirtschaftlichen Konjunktur kann jedoch allgemein festgestellt werden, daß besonders die Kriegsfolgen immer mehr überwunden werden konnten. Dem Großteil der neu zugezogenen Bürger ist es in den letzten Jahren auch mehr und mehr gelungen, sich in die neue Heimat einzuleben und einzugliedern. Nach Jahren, in denen große Fürsorgeausgaben zu finanzieren waren, kann ein langsamer Obergang zu normaleren Verhältnissen beobachtet werden. Es ist zu wünschen, daß diese Tendenz anhält.

Der Kreis der Unterstützten

Wenn wir zeigen, wie sich die Zahl der Unterstützten zur Bevölkerungszahl der Stadt verhält, so ergibt sich folgendes interessante Bild: Eine laufende Unterstützung beziehen 0,25 Prozent aller Bürger; davon entfallen auf Altbürger 0,14 Prozent und auf die Personen, die der Kriegfolgenhilfe zuzurechnen sind (Heimatvertriebene, Zugewanderte aus der sowjetischen Besatzungszone, Ost-Berlin, Evakuierte, 215 Umsiedler usw.) 0,11 Prozent. Gewiß stellen diese Personengruppen nicht die Fürsorgeempfänger allein dar. Deren Personenkreis erstreckt sich viel weiter, insbesondere wenn vorübergehend in Not geratene Menschen unterstützt werden oder wenn Leistungen auf Grund anderer Rechtsansprüche, wie des Lastenausgleichsgesetzes, des Unterhaltssicherungsgesetzes, einmalige Unterstützungen, Vorschüsse auf Sozialrenten und dergleichen bewilligt werden müssen.

Wenn wir nun feststellen wollen, was eine Stadt von Fellbachs Größe und — was in diesem Zusammenhang nicht unwichtig ist — am Rande der Großstadt hier leistet, und welches Ausmaß diese Leistungen angenommen haben, so erscheint es zweckmäßig, einen Blick in den entsprechenden Einzelplan des Haushalts aus dem Jahr 1957 zu tun.

Dieser Haushaltsplan gibt über Unterstützungen solcher Art genauen Aufschluß. Es sind Ausgaben in Höhe von insgesamt 308035 DM (ohne Personalaufwand und ohne Lastenausgleich) veranschlagt, die jedoch nicht nur die reinen Fürsorgekosten umfassen, sondern daneben auch Leistungen der Kriegsgefangenen- und Heimkehrerbetreuung, Zuweisungen an Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, die Gesamtaufwendungen für den Betrieb und die Unterhaltung des Städtischen Kindertagheims mit Kinderkrippe und erhebliche Leistungen für die Kindergärten des Evangelischen Vereins und den katholischen Kindergarten einschließen. Diese Ausgaben können sich mit der Verabschiedung eines Nachtragsetats noch erhöhen.

Von der Fürsorge werden insgesamt 475 Personen betreut; es handelt sich um Minderjährige, Alte, Invaliden, Kranke, Anstaltsinsassen sowie um Personen, die die Kriegsfolgenhilfe für sich in Anspruch nehmen können (Heimatvertriebene, Evakuierte, Flüchtlinge aus dem Osten, Ausländer, Staatenlose, Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene, Angehörige von Kriegsgefangenen und Vermißten, Heimkehrer, Umsiedler, Auswanderer usw.)

Regelmäßige Zuwendungen

Folgende gemeinnützige Verbände erhalten von der Stadt regelmäßig kleinere Geldbeträge, die im Laufe eines Jahres eine ansehnliche Summe ergeben: Die verschiedenen örtlichen Vereine (bei Jubiläen und laufenden Veranstaltungen), die Caritas, die Innere Mission, die Arbeiterwohlfahrt, der Verband der Kriegsbeschädigten, die Blindenhilfe, die Kriegsgräberfürsorge, das Jugendherbergswerk, das Deutsche Rote Kreuz, die Studentenhilfe, die Württembergische Landesstelle für Volksgesundheit, der Landesverband zur Erforschung des Krebses, die Evangelische Landesarbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Alkoholsucht, der Tierschutzverband, die Bibliotheksgesellschaft Stuttgart, der Schwäbische Heimatbund. Besondere Würdigung verdient die ehrenamtliche Tätigkeit, die durch die Mitglieder des Vereins Volkshilfe Fellbach e. V. entfaltet wird. Dieser Verein hat längere Zeit eine gemeinnützige Verkaufsstelle unterhalten, an die Haushaltsartikel, Kleider, Schuhe, Schmuck und sonstige Gebrauchs- und Wertgegenstände gegen Entgelt abgetreten werden konnten. Diese Gegenstände wurden dann wiederum an Liebhaber und Bedürftige verkauft. In der ersten Zeit nach der Währungsreform, in der noch ein spürbarer Warenmangel herrschte, hat sich diese Einrichtung bestens bewährt. Nachdem sich die allgemeine Versorgungslage gebessert hatte, wurde die Verkaufsstelle im März 1953 aufgehoben. Die gemeinnützige Mietwaschküche der Volkshilfe darf gegen eine geringe Gebühr von folgenden Personen benützt werden: Von Frauen von Schwerkriegsbeschädigten, Spätheimkehrern, Kriegsgefangenen und politisch Verfolgten,
Das Fellbacher Wappen seit dem 1. April 1956. 
(Drei silberne Wolfsangeln auf rotem Grund.)

 Kriegerwitwen, Flüchtlingen, Ausgebombten, Fürsorgeempfängern. Die Hauspflege des Vereins ermöglicht es, alleinstehenden kranken und arbeitsunfähigen Personen eine Hausgehilfin zu vermitteln. Ein weiterer Ausbau der hauspflegerischen Arbeit ist im Gange. Audi die Flick- und Nähkurse verdienen genannt zu werden; aus scheinbar unbrauchbaren Textilien werden für Bedürftige nützliche und brauchbare Kleidungsstücke angefertigt. Schließlich ist der Verein „Volkshilfe Fellbach e. V." auch noch für die Altenspeisung, die sich großer Beliebtheit erfreut, verantwortlich. Unter dem Motto „Das goldene Alter" lädt die Volkshilfe regelmäßig die über 70 Jahre alten Bürger und Bürgerinnen, soweit diese allein stehen und ohne Verwandtschaft am Ort sind, zu gemütlichen Nachmittagen ein.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Stadtverwaltung nach dem Kriege war und ist noch die Förderung des sozialen Wohnungsbaues. Diese gemeinnützige Pflicht hat die Stadt mit besonderem Nachdrude erfüllt. Seit 1948 wurden im stadteigenen Wohnungsbau etwa 240 Wohnungen erstellt, in die fast durchweg Familien eingezogen sind, bei denen besondere Notstände vorlagen und die vor allem nicht in der Lage waren, höhere Mieten zu bezahlen. Diese Art des städtischen Wohnungsbaues für Bevölkerungskreise mit besonders niedrigem Einkommen wird angesichts des

 starken Wachstums Fellbachs noch geraume Zeit fortgesetzt werden müssen. Daß von der Stadt auch die Fellbacher Wohnungs- und Siedlungsbau- Genossenschaft eGmbH (Fewog), die seit ihrer Gründung im Spätjahr 1948 insgesamt 640 Wohnungen erstellt hat, nach besten Kräften unterstützt wird, versteht sich von selbst. Diese Genossenschaft ist die örtliche Trägerin des sozialen Wohnungsbaues und hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens besondere Wertschätzung in allen Kreisen der Bevölkerung, insbesondere auch des örtlichen Handwerks, erwerben können.

Mit diesen Darlegungen sind nur die wichtigsten Fragen und Probleme auf dem sozialen Sektor des gemeindlichen Geschehens genannt. Je weiter und je rascher die Entwicklung sich vollzieht, um so mehr werden im sozialen Wirken neue Gedanken und Formen sich durchsetzen, was noch einmal die Erkenntnis des altgriechischen Philosophen bestätigt, daß alles sich im Fluß befindet.