Erwin Lindner

DIE TIERWELT 

In einem Gebiet, das - wie die Karte lehrt - als Kultursteppe bezeichnet werden muß, kann für die Tierwelt nicht viel Raum bleiben. Wenn vollends gar die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zur Bewirtschaftung des letzten Quadratmeters herausfordert, so kann nur eine fortschreitende Verarmung der Tierwelt die Folge sein. Gärtnereien, Blumenzüchtereien, Landwirtschaft, Obstbau und Weinbau wetteifern in der Intensivierung der Bodenbearbeitung, der Unkrautvertilgung und Schädlingsbekämpfung. Ihr fällt ein großer Teil der niederen Tierwelt, besonders der Insekten, zum Opfer. Man denke nur an die notwendigen Spritzungen der Weingärtner und dazu an die hochwirksamen neuzeitlichen Insektenbekämpfungsmittel (DDT, E 605 usw.). Werden dadurch schon die Lebensbedingungen auch der höheren Tierwelt mittelbar sehr beeinträchtigt, so tritt ein weiterer Umstand hinzu, der entscheidend ist. Das ist die Übervölkerung, das Auftreten des Menschen in Massen, sein Bedürfnis, sich in der „freien Natur" in einer Weise auszuleben, die nicht in Einklang zu bringen ist mit der Harmonie, welche den ursprünglichen Bestand an Wild, Vogelwelt, Reptil, Lurch und Fisch in jedem Gebiet umschließt. So können nur noch wenige Stätten der Zuflucht für die Reste dessen, was war, erwartet werden. 

In den Obstgärten lebt wohl noch die für diesen Landschaftstypus charakteristische Vogelwelt; es sind das vor allem Meisen und Spechte. Zu einem nützlichen Charaktervogel des Obstbaugebietes ist der Halsbandfliegenschnäpper geworden, ein ebenso liebenswürdiges, wie in seiner Lebensweise interessantes Vögelchen, das die Nordgrenze seiner geschlossenen Verbreitung nur wenige Kilometer nördlich der Markung Fellbachs hat. Im Waldgebiet am Kappelberg und Kernen horstet noch der Mäusebussard, und wenn es die Umstände erlauben, läßt auf den freieren Stellen der Höhen im Frühling auch die Heidelerche ihr Lied ertönen. Diese hochgelegenen Punkte sind natürlich günstige Beobachtungsstellen für den Vogelzug überhaupt. Im Walde jubelt die Singdrossel, und auch der härtere Gesang der Misteldrossel ist zu hören. An sonnigen Rainen und im Walde treffen wir noch Zauneidechse und Blindschleiche als Vertreter der Reptilien. 

Von Säugetieren sind Reh und Feldhase, Fuchs, Dachs und Iltis zu erwähnen. Die Raubtiere sind in erster Linie auf Mäuse angewiesen. Der Dachs hat es als Allesfresser Vielleicht etwas besser, wenn er im Herbst vom Fallobst zehren kann. Auch Igel und Maulwurf sind noch nicht ausgerottet. Welche Arten von Mäusen, auch von nützlichen Spitzmäusen und Fledermäusen vorkommen oder nicht vorkommen, ist im einzelnen kaum erforscht. Ähnlich ist die Lage hinsichtlich unseres Wissens über den Bestand an Insekten. Gewiß kommen viele Tiere, die man überall im Lande trifft, auch in und um Fellbach vor, aber für viele Formen, die höhere Ansprüche an den Lebensraum stellen, rückt der Zeitpunkt ihres endgültigen Verschwindens immer näher. Wir denken dabei voll Besorgnis an den Ameisenlöwen, der um den Kappelberg nur noch an wenigen Punkten lebt. Der gleichmäßige „Stubensand" gibt seiner so interessanten Larve das Material für ihre Fangtrichter, in welchen sie beutelauernd ihr räuberisches Dasein fristet, bis schließlich aus der Puppe das libellenhafte Vollinsekt hervorgeht, das sich mit glitzernden Flügeln im Sonnenschein tummelt.