Wilhelm Müller 

AUS DER UR- UND FRÜHGESCHICHTE 

Geschichte fußt auf Urkunden. Die Urgeschichte berichtet über die ältesten Zeiten menschlichen Auftretens und kann sich nur auf Urkunden stützen, die die Erde uns heutigen Menschen sorgsam in ihrem Schöße aufbewahrt hat. Der Zufall und eifriges Suchen bringt die für die vorgeschichtliche Forschung überaus wertvollen Schätze an das Tageslicht. Auch der Boden der Markung Fellbach hat der Wissenschaft schon manches aufschlußreiche Stück geliefert und zu seinem Teil dazu beigetragen, die Kenntnis von der heimatlichen Vergangenheit zu vertiefen. 

Urzeit und Alt-Steinzeit 
(Paläolithikum, 200000—10000 v. Chr.) 

Das ebene Gelände der Fellbacher Markung ist von einer 4 bis 10m dicken Lößdecke bedeckt. Ihre Basis bildet eiszeitlicher Wanderschutt. Darin finden sich häufig Knochen von einer Großtierwelt, die im Eiszeitalter unsere Gegend belebte, jetzt aber größtenteils ausgestorben ist. Es sind Überreste vom Ur-Elefanten und Nashorn, vom Mammut und vom Wildpferd, vom Wisent und vom Auerochs, vom Renntier und vom Riesenhirsch, vom Löwen und vom Höhlenbären. Die Sauerwasser der Mineralquellen des Cannstatter Beckens lockten die Herden zur Tränke. Aus dem Boden der Cannstatter Mulde und der Fellbacher Ebene stammen zahlreiche Funde von Skeletteilen dieser Urzeitriesen. Auch in den Lehmgruben von Fellbach und Schmiden sind Stoß- und Backenzähne vom Mammut, Backenzähne vom Wildpferd und Knochenstücke anderer Tiere gefunden worden. An der Wasserstelle von Flur Immenroi an der Markungsgrenze Fellbach-Untertürkheim wurde der Backenzahn eines Mammuts ausgegraben (Heimatbuch Untertürkheim S. 104). Wo Knochen von Mammut und Wildpferd vorkommen, können wir auch auf menschliche Spuren stoßen. Dafür haben uns Cannstatt, Kleinheppach und Steinheim/Murr Beweise geliefert. Im Jahre 1816 ist am Seelberg bei Cannstatt ein Vorratslager von 13 Mammutstoßzähnen zusammen mit Kohlenresten und Feuersteinwerkzeugen aufgedeckt worden; die Kiesgruben von Steinheim/Murr lieferten den Museen schon zahlreiche Stücke der genannten Urtiere,- aber der wertvollste Fund auf schwäbischem Boden ist ein im Jahre 1933 in einer Steinheimer Kiesgrube ausgegrabener menschlicher Schädel, der aus der letzten Zwischeneiszeit stammen und ungefähr ein Alter von 200 000 Jahren 35 haben mag. Wie wichtig es ist, auch bei Weinbergarbeiten die Augen offen zu haben, hat Eugen Reinhardt von Kleinheppach, der erfolgreichste Vorgeschichtssammler des unteren Remstales, gezeigt. In der Nähe einer Wasserrinne am Fuße des Beizbergs bei Kleinheppach kamen urzeitliche Knochen zum Vorschein und an den südlichen Weinberghängen etwa zwei Dutzend Feuersteinwerkzeuge des Jägers der Alt-Steinzeit, sog. Faustkeile, Werkzeuge zum Aufschlagen der Röhrenknochen. Eugen Reinhardt hat damit den ersten Freilandfund aus der Alt-Steinzeit in unserer schwäbischen Heimat gemacht (Sammlung in Kleinheppach). Bisher kannte man solche Funde nur aus Höhlen der Schwäbischen Alb. Was hier der Beizberg bot, kann ebenso der Kappelberg an seinen Hängen bergen! Die Lehmgruben sind Fundgruben vorgeschichtlicher Urkunden. In Fellbach und Schmiden sind in solchen Gruben seit dem Jahre 1949 Feuersteinwerkzeuge der Alt-Steinzeit zusammen mit diluvialen Knochenstücken aufgefunden worden (Fellbacher Heimatmuseum); es gilt diesen für die Kenntnis der heimatlichen Vergangenheit wichtigen Funden besondere Aufmerksamkeit zu schenken. 

Die Mittel-Steinzeit 
(Mesolithikum 10 000 — 4000 v. Chr.) 

Nach dem Abschmelzen der Gletscher des letzten Eisvorstoßes war die Landschaft von Kiefern, Zwergbirken, Kriechweiden bewachsen und hatte den Charakter einer Waldsteppe wie heute die sibirische Taiga (Kiefern-Birkenzeit). Die arktischen Tiere, so das Renntier, verschwanden nach den nördlichen Ländern, und Hirsche, Wildschweine, Rehe traten an ihre Stelle. Die Hasel breitete sich in der Landschaft aus, später folgte die Eiche und in der Jungsteinzeit die Buche. Die Ränder der Keuperhöhen waren mit lichtem Buschwald bestanden; in der Ebene und an den Wasserläufen herrschten buschreiche Sümpfe vor. Die Keuperhöhen des Unterlandes, die Terrassen des Braunjuras der Alb, die Talränder der Flüsse des Vorschwarzwaldes lieferten den Sammlern in den letzten zwei Jahrzehnten eine Menge kleiner Feuersteinwerkzeuge und mehr noch Funde von Abfallstückchen aus den Werkstätten der Mittel-Steinzeit, so daß wir auf eine stärkere Besiedlung unserer Heimat in den letzten Jahrtausenden v. Chr. durch die Jäger der Mittel-Steinzeit schließen dürfen. Die vorspringenden Keuperhöhen um Stuttgart, der Birkenkopf, der Raichberg, der Bopser, der Hasenberg, der Gähkopf, das Burgholz, der Kappelberg, die Katharinenlinde, die Höhen über Korb und Heppach, lieferten Funde aus Siedlungen der Mittelsteinzeitleute. Mit ihren kleinen Waffen machten diese Jagd auf Kleintiere, Wassergeflügel und Fische; an der Donau und an den oberschwäbischen Seen waren sie in erster Linie Fischer. Dazu sammelten sie allerlei Früchte. 

Wegen seiner überaus reichen mittelsteinzeitlichen Funde ist das Gelände des Kappelberqs und des Kernens bekannt geworden. Paul Maier von Stuttgart hat vor 25 Jahren 36 den Kappelberg als Siedlungsplatz der Mittelsteinzeitjäger entdeckt und damit die Erforschung der Mittelsteinzeit in Württemberg in die Wege geleitet. Seine Kappelberger Fundstücke sind im Landesmuseum in Stuttgart untergebracht, während von unserem auf das Fellbacher Gebiet spezialisierten Vorgeschichtsforscher Ernst Beck in jahrelanger, liebevoller Kleinarbeit zahlreiche Stücke gesammelt wurden. Neben den kleinen typischen Werkzeugen dieser Steinzeitperiode, den Pfeilspitzen, geometrischen Spitzen, Sticheln, Bohrern, kleinen Messerchen, Kratzern, Kerbstücken, fanden sich auf der Hochfläche des Kappelbergs bis hinüber zum Kernen und zur Katharinenlinde auch Werkzeuge aus Feuerstein, die einer nachfolgenden Periode der Steinzeit angehören und in die Jungsteinzeit überleiten. 

Die Jung-Steinzeit 
(Neolithikum 4000 — 2000 v. Chr.) 

Mit dem Neolithikum steigen wir von den Höhen herab in die Ebenen des Lößfeldes. Auf dem fruchtbaren und leicht zu bearbeitenden Lehmboden hat der Mensch der Jungsteinzeit den Übergang vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit vollzogen. Vermutlich haben die aus dem Osten, der Donau entlang, einwandernden Völker den Getreideanbau und die Züchtung der Haustiere zu uns nach dem Westen gebracht. Die kleinasiatischen Länder und Südrußland sind die Urheimat der meisten Getreidearten und vieler unserer Haustiere. Emmer (Weizen) und Einkorn sind in den Kaukasusländern und in Vorderasien beheimatet, ebenso die Gerste. Ziege und Schaf waren schon um 4000 v. Chr. bei den Assyrern und Babyloniern Haustiere. Die Herstellung von Tongefäßen, die Verwendung der geschliffenen Steingeräte (Beil, Hammer, Pflug, Steinhacke), das Zerreiben der Getreidekörner auf Steinmühlen, der Bau der Lehmhütten, sind Errungenschaften der jungsteinzeitlichen Kulturperiode. Mit dem Bauerntum der Jungsteinzeit treten ziemlich umfangreiche Dorfniederlassungen zu beiden Seiten des Neckars auf: Rechts auf dem Seelberg bei Cannstatt, im Gelände des Steinhaldenfeldes, auf der Anhöhe über Höfen in Richtung Schmiden und Oeffingen sowie auf der linken Seite auf der Freiberganhöhe bei Zuffenhausen, beim Viesenhäuser Hof und auf dem Felde Aldingen-Kornwestheim. Auf der Markung Fellbach befinden sich steinzeitliche Siedlungsplätze in den Schafackern, in Hur Dietbach, im Erbach, an der Rommelshauser Straße bei Haus 1, bei km 1 und 2 (Flur Hundskot), wo bei Grabungen für die Gasleitung 1926 und 1931 Scherben von Tongefaßen der Spiral- und Rössener Keramik gefunden wurden. Ein weiterer Fundplatz von vorgeschichtlichen Scherben befindet sich südlich und östlich der Funkerkaserne (Aufzeichnungen finden sich in den „Fundberichten aus Schwaben", Jahrgang 1933, S. 29). Es wäre zu wünschen, daß die Baufachleute die Leitungsgräben und Baugruben ständig auf Voschichtliche Einschlüsse beobachten. Die jungsteinzeitlichen Siedlungsstellen der Schafäcker und der Rommelshauser Straße liegen an der Fortsetzung des alten Ebitzwegs, der von Westen her an Fellbach vorbei ins Remstal und über den Schurwald führt und die Wohnplätze der westlichen Neckarseite mit den östlich gelegenen verbindet; er ist ein alter, vorgeschichtlicher Verbindungsweg, wie auch der Weg über den Kappelberg in südöstlicher Richtung. Am Nordhang des Kappelbergs wurden ein durchlochter Steinhammer gefunden (Fundberichte aus Schwaben 1928, S. 11), außerdem Scherben der Schussenrieder Keramik durch P. Maier in der Sandgrube im Wald. Die Scherben konnten zu einem kleinen Krug mit Verzierung zusammengesetzt und ergänzt werden (Heimatmuseum Fellbach). Pfeilspitzen und andere Werkzeuge aus Feuerstein fanden sich auch in den neugerodeten Stückländern des Birkenwaldes an der Rotenberger Markungsgrenze. 

Drei Arten von Keramik — Spiral, Rossen und Schussenried — sind hier vertreten, verschieden in Form und Verzierung der Tongefäße. Die Spiral- und Zickzacklinien der ersten Art geben dieser Keramik den Namen; die zweite Art weist tiefe Einstiche in den Gefäßwänden auf und wird nach dem ersten Fundort, Rossen bei Merseburg, benannt; der Fundort Schussenried in Oberschwaben gab der dritten Art den Namen. Von diesen drei Kulturkreisen der Jungsteinzeit sind die Spiralkeramiker die Träger der Ackerbauernkultur aus dem Osten, während die Rössener Leute aus der Thüringer Gegend zugezogen sind; sie haben sich neben die Spiralkeramiker gesetzt und von ihnen den Ackerbau übernommen. Zum westlichen Kulturkreis gehören die Michelsberger, deren Gefäß- und Verzierungsformen sich mit den Formen und dem Verzierungsstil anderer Kulturkreise vermischten, und die Erzeugnisse dieser Mischkultur am Ende der Jungsteinzeit sind als Erzeugnisse der Schussenrieder Kultur fast überall da zu finden, wo zuvor die Bandkeramiker (Spiral und Rossen) sich niedergelassen hatten. Die Leute der Schussenrieder Kultur sind als Siedler der Ebene (bei der Zuckerfabrik Cannstatt-Münster) Ackerbauern, auf den Höhen Viehzüchter und Jäger. Auf dem Kappelberg, dem Korber- und Kleinheppacher Kopf befinden sich Schussenrieder Höhensiedlungen. 

Auf Oeffinger Markung sind steinzeitliche Siedlungsplätze zahlreich. Damit man auch auf Fellbacher Boden weitere Siedlungsstellen findet, sollten bei Feldarbeiten, besonders beim Pflügen, dunkelverfärbte Bodenstellen beachtet werden, da sie häufig vorgeschichtliche Siedlungsplätze anzeigen. 

Die Bronze- und Eisenzeit
 (2000 v. Chr.—100 n. Chr.) 

Um das Jahr 2000 v. Chr., gegen Ende der Steinzeit, kamen aus den Ländern des vorderen Asiens Waffen, Geräte und Schmuckgegenstände aus Kupfer, später aus Bronze (einer Mischung von Kupfer und Zinn) auf dem Wege des Handels zu den Bauernvölkern an der Donau und am Neckar. Diese Waffen und Werkzeuge verdrängten lang- 38 m das Steinbeil und die Werkzeuge aus Feuerstein. Eine alte Kultur ging ihrem Ende zu und machte einer neu aufkommenden Platz. Der Ackerbau trat zurück, die Weidewirtschaft dehnte sich aus. Wahrscheinlich haben Klimaeinflüsse zu der Veränderung beigetragen. Ober den Grabstätten der Toten werden Hügel aus Stein und Erde aufgehäuft; gegen Ende der Bronzezeit werden die Verstorbenen verbrannt und in Urnen beigesetzt; es ist die Zeit der Urnenfelderleute. P. Maier fand als erster im Jahre 1925 an verschiedenen Stellen der Kappelberghochfläche Scherben von Gefäßen der späten Bronzezeit und eine Bronzenadel (7 1/2 cm lang). Daraufhin hat im Oktober 1925 Oberlehrer Fink von Eßlingsen eine kleine Grabung vorgenommen und eine Hüttenstelle von 6 m Länge aufgedeckt. Im Sommer 1926 nahm W. Haberey, der Sohn des verst. Oberlehrers Haberey von Fellbach erneut die Grabung auf. 250 m westlich vom Signalstein am Nordhang konnten zwei Hüttenstellen festgestellt und gebrannter Lehmverputz, Holzreste, Tonscherben, das Stück einer Bronzenadel und Bronzedraht ausgegraben werden. Eine Hüttenstelle 140 m weiter westlich ergab weitere Gefäßreste, so daß sechs Gefäße zusammengesetzt und ergänzt werden konnten. Diese befinden sich im Landesmuseum in Stuttgart. Auch verkohlte Getreidekörner (Emmer) entstammen dem Hütteninhalt. Durch eine weitere kleine Grabung gewann Ullrich Binder, Stuttgart, Scherben zur Wiederherstellung von zwei Gefäßen. 

Der Kappelberg war in vorgeschichtlicher Zeit eine durch Wälle mit vorgelegten Gräben und Palisadenzäunen befestigte Höhenfliehburg. Derartige Anlagen wurden am Übergang von der späten Bronzezeit zur frühen Hallstattzeit und später wieder zu Beginn der Keltenzeit auf vorspringenden Bergzungen und freistehenden Bergen (Lehmberg bei Feuerbach und Asperg) errichtet. Welcher dieser Perioden die Befestigung auf dem Kappelberg zugehört, wurde durch eine Grabung der Fellbacher Arbeitsgemeinschaft geklärt, die mit Unterstützung der Stadtverwaltung im Oktober 1951 stattfand. Der etwa 300 Schritt lange Außenwall, der „Saugraben", stammt aus dem Mittelalter. Er war für die Weinberge ein Schutzwall gegen Schäden durch Weide- und Wildschweine. Die beiden anderen Wälle, 120 auf 90 Schritte von Nord nach Süd, gehören zu der Fliehburg der Spätbronzezeit, die nach Westen durch Sperriegel gesichert war. Man muß sich die ganze Hochfläche des Berges durch einen starken Holzzaun abgeschlossen denken. Der Berg war in der Urnenfelderzeit bewohnt; Spuren von Hütten wurden bei den Grabungen vor allem im Westen der Bergfläche gefunden. Auch die Leute der Hallstattzeit bestatteten ihre Toten in Grabhügeln. Auf dem alten Höhenweg vom Kappelberg zum Kernen und zur Katharinenlinde kommen wir an einigen dieser Totenstätten vorbei. Im Hardtwald beim Tennhof liegen acht Hügel nahe beieinander. Spuren keltischer Siedler finden wir an der Mündung des Schüttelgrabens beim „Büdstödde" auf Waiblinger Markung und eine keltische Viereckschanze aus dem letzten Jahrhundert v- Chr. am alten, schon genannten Höhenweg vom Kappelberg über den Schurwald beim Jägerhaus auf Markung Eßlingen. 39 

Die Römer am Neckar und an der Rems 
(90 — 260 n. Cbr.) 

Gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. besetzten die Römer das Neckarland. Dem Neckar entlang wurden militärische Befestigungen errichtet, in Cannstatt das Kastell auf der Steig, der Sitz einer Reitertruppe. Der Neckar war die Grenzbewachungslinie, von der aus auch das Land zwischen dem Neckar und den östlich angrenzenden Keuperbergen als römisches Land in die Bewachung einbezogen wurde. Von Kirchheim am Neckar führte ein vorgeschichtlicher Völkerweg über Marbach und Korb ins Remstal bei Großheppach, der als vorgeschobene Verbindungsstraße mit Graben und Pfahl befestigt wurde und heute als Pfahlbühlweg weiterbesteht. So wurde auch die Rems zur Grenzlinie, der entlang von Cannstatt über Fellbach, Keimenmühle, Winterbach und Schorndorf eine Straße über Lorch zum Kastell bei Aalen gebaut wurde. An dieser sehr wichtigen Kastellstraße entstand in Flur Eurach (Mäurach) auf Fellbacher Boden ein römischer Gutshof, an dem auch ein römischer Weg von Neckarrems über Schmiden nach Untertürkheim vorbeiführte. Von der Fellbacher Burgstraße aus mag vielleicht auch der Dietbachweg in römischer Zeit als Verbindung zu einer römischen Niederlassung am Austritt des Dietbachtälchens ins Neckartal mit Einmündung in die Römerstraße Cannstatt-Lorch anzusehen sein. 

Vorgeschichtliche Fundstellen auf Markung Fellbach (139 kB)

Vom römischen Gutshof bei Hegnach führte eine Wegverbindung nach Fellbach, der alte Hegnacher Weg, der in den Weg nach Untertürkheim mündete. Lehrer Karl Seibold von Fellbach fand im März 1927 an dieser Stelle in Bauschutt römische Ziegelstücke und Scherben (Fundberichte aus Schwaben 1928, S. 69). Die Feldflur an der Römerstraße, von der Fellbacher Markungsgrenze zur Rems, führt noch heute den Namen „An der Heerstraße", auf Cannstatter Seite „An der Hochstraße". Ein Fellbacher Bauer berührte hier vor Jahren beim Pflügen die Steinvorlage der Römerstraße. Bei der „Keimenmühle" wird ein römisches Erdlager einer Grenzbewachungstruppe vermutet; zahlreiche römische Baureste, Reste einer römischen Ziegelei und römischer Töpfereien, am Ausgang des Schüttelgrabens ins Remstal beim „Bildstöckle", deuten auf eine ziemlich umfangreiche Zivilniederlassung. Diese bedeutende Niederlassung im Gelände der Stadt Waiblingen war zur Römerzeit auch für die Fellbacher Markung von Bedeutung. Ein römischer Wachtposten dürfte auf dem Kappelberg stationiert gewesen sein, von dem die römischen Scherben herrühren könnten, die bei der Grabung Habereys 1926 gefunden wurden (Fundberichte aus Schwaben, 1918, S. 30). Um 1600 n. Chr. wird gemeldet, daß bei Fellbach ein Mithrasbild „in einer Weinbergmauer am Wege nach Eßlingen" entdeckt worden sei; es wird heute in Stuttgart aufbewahrt (Kopie im Heimatmuseum). 

Auf der Steinplatte des Bildes ist der persische Sonnengott dargestellt, gerade einem Stier das Messer in die Seite stoßend. Aus dem Körper des getöteten Tieres erwächst die Pflanzen- und Tierwelt der Schöpfung. Verschiedene Tiergestalten und Vorgänge Vorgeschichtliche Fundstellen auf Markung Fellbach 40 auf dem Bilde gehören der Mithrassage an. Im Mithraskult haben wir den Kampf des Lichtes mit der Finsternis, den Kampf des Guten mit dem Bösen versinnbildlicht. Darin berührt sich der Mithrasglaube mit der christlichen Lehre; der 25. Dezember ist auch der Geburtstag des persischen Lichtgottes. In dem Kampfe der beiden Kulte um Anerkennung als Staatsreligion im römischen Reiche behielt die tiefere Ethik der christlichen Lehre zuletzt die Oberhand. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. hatte der Mithraskult unter den von der römischen Regierung anerkannten Religionen Aufnahme gefunden, nachdem er schon im ersten Jahrhundert n. Chr. durch das römische Heer aus dem Orient nach Rom verpflanzt worden war. Die Kultstätten, die Mithräen, befanden sich in unterirdischen Grotten; ein Gang von 2 m Breite führte mehrere Meter weit in eine Cella, in der am Ende das Mithrasbild in der Wand angebracht war. Vom Kastell Saalburg im Taunus heißt es: „Im Schatten der Buchen liegt der Tempel des Mithras, oberhalb einer ewigen Quelle." Da die Verwendung von Wasser mit dem Kulte verbunden war, müssen wir bei der Übertragung der Geländeangabe von der Saalburg auf Fellbach nach vorhandenen Quellstellen suchen. Eine solche findet sich westlich des „Waldschlößles" auf dem Kappelberg. Die Ausübung des Mithraskults an dieser Stelle würde den Kappelberg zum Kultberg in römischer Zeit (vielleicht auch noch in germanischer) machen, und die christliche Kapelle auf dem Berge würde uns verständlich werden. Zum Mithräum gehörte eine Kultgemeinde. Befand sich dieselbe in den nahen römischen Zivilniederlassungen bei Cannstatt und Waiblingen, und war der Kappelberg in römischer Zeit ein Wallfahrtsberg? Es ist schwer, diese Fragen zu bejahen, da die schriftliche Überlieferung fehlt; doch spricht schon ein Fundstück der Bronzezeit für die kultische Benützung des Berges. 

Die alemannisch-fränkische Zeit 

Um 260 n. Chr. führte der Sturm der Alemannen auf den Limes den Zusammenbruch der römischen Herrschaft bis zum Rhein und zur Donau herbei. Die römischen Gutshöfe, auch der im Eurach auf Fellbacher Markung, die römischen Militär- und Zivilniederlassungen sind in Flammen aufgegangen. Die Trümmerstätten der römischen Steingebäude blieben durch viele Jahrhunderte wüste Schutthaufen, von Gestrüpp überwachsen und von den Menschen als Stätten böser Geister gemieden. Noch weit ins Mittelalter war der Raum des einstigen römischen Gutshofes im Eurach ein öder, unbebauter Gewannteil, bis Landhunger die Gemeinde zwang, das Ruinenfeld zu säubern und anzupflanzen. Es gehörte zur Allmende. Die Parzellen wurden durchs Los der Bevölkerung zum Anbauen überlassen, woher der Flurname „in den Lußäckern" (Losäcker) kommt. Erst die neue Feldbereinigung hat die anderslaufenden Parzellen den benachbarten Ackergrenzen angeglichen. 

Über die Entstehung des Dorfes Fellbach fehlen schriftliche Urkunden, auch sind auf der Markung noch keine Reihengräber aus alemannisch-fränkischer Zeit festgestellt worden wie bei Oeffingen oder Waiblingen; man kann deshalb auch auf Grund von Grabbeigaben keine zeitliche Einreihung vornehmen. Wir müssen zur Bestimmung der Entstehung Fellbachs die Ortsnamen zu Hilfe nehmen. Die Ortsnamen mit der Endung auf -ingen, wohl auch auf -heim, können zum guten Teil auf eine Gründung in alemannischer Zeit, also in die Zeit von 400 — 500 n.Chr. hinweisen; ebenso läßt sich Schmiden (ursprünglich Schmidheim) als eine sehr frühe Siedlung ansprechen. Oeffingen ist demnach eine alemannische Siedlung, ebenso Waiblingen, eine Urmarkung von weiter Ausdehnung. Orte mit den Endungen -bach, wie Endersbach, -hausen, wie Rommelshausen, -Stetten, wie Stetten, Geradstetten, wohl auch Fellbach, dessen Herleitung umstritten ist, mögen in fränkischer Zeit, vor und nach 600, gegründet worden sein (siehe auch Seite 47). Die römischen Straßen dienten auch noch in fränkischer Zeit dem Handel und Verkehr. Die Wegsicherung war in frühfränkischer Zeit den Dorfherren, aus denen später der niedere Adel hervorging, übertragen. Vorwiegend an wichtigen Straßenkreuzungen legten die Herren ihre mit Wall, Graben und Zäunen umgebenen Sitze an, die vor dem Jahre 1000 noch in Holz erstellt wurden. Wo lag nun die Burg von Fellbach? Ist der Name Burgstraße, der Treffpunkt alter Wege, der Wegweiser zu ihrem einstigen Standort? (Auf Seite 158 ff. wird versucht, diese Frage zu lösen.)