Rudolf Haberhauer

DIE HEIMATVERTRIEBENEN


Unter den unheilvollen Auswirkungen des zweiten Weltkrieges ist wohl die Vertreibung von rund 18 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten die folgenschwerste. Sie betraf nicht nur die unglücklichen Menschen, die dabei Hab und Gut und Heimat verloren, sondern veränderte auch die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse von ganz Mitteleuropa. Sie stellte jedes deutsche Land, jeden Kreis, jede Gemeinde vor schwierige Probleme, die noch heute nachwirken und in ihren Folgen die ganze Bevölkerung treffen.

Betrachten wir zunächst eine Bevölkerungskarte aus der Zeit vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges, so sehen wir, daß der deutsche Siedlungsraum im Osten über die Grenzen Deutschlands weit hinausragte und daß sich in Südost- und Osteuropa eine erhebliche Anzahl größerer und kleinerer deutscher Siedlungsgebiete befand. Die ehemals deutschen Länder östlich der Oder-Neiße-Linie, dazu die deutschen Gebiete von Polen, von Böhmen-Mähren, der Slowakei und von Siebenbürgen, wurden im Zuge der großen deutschen Ostkolonisation im 12. und 13. Jahrhundert besiedelt. Gerufen von den Fürsten und Grundherren zogen Bauern und Bergleute, Handwerker und Kaufleute, Ritter und Mönche aus den deutschen Westgebieten in die Ostlande, rodeten die Wälder, trockneten die Sümpfe, brachen das Urland, gründeten in der Wildnis Dorf an Dorf und planmäßig angelegte Städte. Deutsche Klöster wurden Mittelpunkte christlichen Lebens und zugleich Musterwirtschaften für Acker- und Gartenbau. Feste Burgen schützten das neu gewonnene Land. Bald war es erfüllt von abendländischer Kultur, und abendländische Wirtschaftsform regelte das Leben.

Die deutsche Einwanderung nach Rußland vollzog sich in den Jahrzehnten vor und nach 1800. Hauptziele waren Südrußland und das Wolgagebiet bei Soratow. Das günstige Angebot des Zaren Nikolaus I. — für jede Familie 60 ha Land, ein Paar Ochsen, etwas Ackergerät und Baumaterial, einen Geldvorschuß, zehnjährige Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst auf „ewige Zeiten" und eigene Schul- und Kirchenverwaltung — fand in Württemberg, der Heimat seiner Mutter, starken Widerhall. Viele Familien von Kleinbauern und Handwerkern fuhren die Donau abwärts, die erste Gruppe im Jahre 1814. Sie wurde in Bessarabien, dem Land am Schwarzen Meer zwischen Prut und Dnjestr, angesiedelt. Andere Gruppen zogen auf dem Landweg über Polen in die Ukraine. So entstanden die deutschen Siedlungen in Südwest- und Südrußland. Schwäbischer Fleiß schuf hier in wenigen Jahrzehnten aus wüster Steppe blühendes Bauernland, schwäbische Art und Sitte lebte im Volke, und manche Familien standen nodi immer mit Verwandten in der alten Heimat in Verbindung.

Die deutschen Siedlungen im ungarischen Donauraum, westlich und südwestlich von Budapest, in der Batschka und im Banat, sind im 18. Jahrhundert nach glücklicher Abwehr der Türkenflut entstanden. Auch in diese Landgebiete waren die Deutschen gerufen worden. Tüchtigkeit und Fleiß der Ansiedler verwandelten die verwüsteteten und brachliegenden Gebiete bald in die bestbestellten des ungarischen Landes. Man bezeichnet die Deutschen dieser Landstriche als Donauschwaben, wenn auch der größte Teil von ihnen aus Franken stammt.

Von Sonderfällen abgesehen, wurde das große Werk der deutschen Ostsiedlung friedlich getan, und die fremden Länder, Fürsten und Völker hatten daraus reichen Gewinn an Kultur und Wohlstand. Das Deutschtum im Osten war wirtschaftlich wohl bestellt, die Deutschen waren treue Bürger ihres Staates, dabei aber stolz auf ihr Volkstum. Dank ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen standen sie, und damit auch Deutschland, im Südosten und Osten Europas in großer Achtung, und die deutsche Sprache wurde in diesen Ländern viel gebraucht.

Im zweiten Weltkrieg und besonders nach dessen unglücklichem Ausgang traten hier Veränderungen ein, die das Werk vieler Generationen grausam vernichteten und über die ostdeutschen Menschen namenloses Leid brachten. Im Jahre 1940 schloß Deutschland mit Rußland ein Abkommen, wonach die deutschen Volksgruppen Rußlands nach Deutschland zurückgeführt werden sollten. Im starken Glauben an die alte Heimat folgten viele dem Ruf. In großen Tredcs zogen sie im Winter 1940/41 hoffnungsvoll gegen Westen. Damit aber begann für diese Menschen eine schwere Leidenszeit. Nach langen Fahrten und niederdrückendem Verweilen in Lagern wurden sie im Wartheland und in Westpreußen (Polen) angesiedelt. Doch im Winter 1944/45, nach dem Zusammenbruch der Ostfront, mußten sie abermals Haus und Hof verlassen und nach dem Westen flüchten. Auf Umwegen kamen sie schließlich in das Land ihrer Väter zurück. Etwa ein Viertel ist dabei elend zugrunde gegangen. Die Deutschen, die in Rußland geblieben waren, traf nach Ausbruch des Krieges mit Rußland ein noch härteres Los. Sie wurden in fernöstliche Industriegebiete zwangsverschickt oder fanden in den Wirren des Krieges den Tod. Wir denken hierbei schmerzlich an die etwa 400 000 Wolgadeutschen.

Für die Deutschen im südöstlichen Donauraum, in Rumänien und Ungarn sowie in Jugoslawien begann die Leidenszeit, als in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 sich die deutsche Front aus diesen Gebieten zurückzog. Die deutsche Wehrmacht veranlaßte die deutsche Bevölkerung zur Flucht nach Österreich und Deutschland. Etwa die Hälfte leistete dieser Aufforderung Folge. Der Rest wurde von der schnell vorrollenden russischen Front daran gehindert oder ist im Vertrauen auf das gute Gewissen in seinen Wohnsitzen geblieben. Rumänien hat keine Ausweisungen vorgenommen. Es sollen dort etwa 350 000 Deutsche zurückgeblieben sein. Sie verloren aber ihren Besitz und wurden teilweise auch im Lande selbst umgesiedelt. Sie besitzen heute wieder deutsche Schulen. Ein schreckliche Los traf die in Jugoslawien zurückgebliebenen Deutschen. Sie wurden vogelfrei und das Opfer grausamer Verfolgung. Nur ein Drittel, etwa 100000, entging der Vernichtung, wurde aber zur Zwangsarbeit auf Kolchosen ins Innere des Landes verschickt.

Die größte Katastrophe erlitt der deutsche Osten nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands. Auf der Konferenz zu Potsdam vom 2. Juli bis 2. August 1945 beschlossen die führenden Männer der damaligen Weltpolitik — Stalin, Truman und Churchill, (der im Verlauf der Konferenz infolge eines Regierungswechsels in England durch Artlee ersetzt wurde) — die deutsche Bevölkerung der Länder ostwärts der Oder-Neiße-Linie sowie aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland auszusiedeln. Damit wurde der Vertreibung der Deutschen, die sich bereits vielerorts unter unmenschlichen Leiden vollzog, eine scheinbar rechtliche Grundlage gegeben. Nach dem Wortlaut des Potsdamer Abkommens sollte die Überführung der deutschen Bevölkerungsteile „geordnet und human" erfolgen. Die traurige Tatsache, daß dabei und bei den bereits vorher vollzogenen Austreibungen und Zwangsverschickungen etwa 3 Millionen Deutsche einen elenden Tod fanden, zeugt davon, wie „menschlich" diese Umsiedlung vor sich gegangen ist. Männer, Frauen und Kinder wurden gezwungen, ihr Hab und Gut aufzugeben und die Heimat zu verlassen, in der ihre Vorfahren durch Jahrhunderte gelebt und Kulturwerte geschaffen hatten. Familien wurden brutal zerrissen, Siedlungsgemeinschaften sinnlos aufgelöst. In Viehwagen wurden die Menschen nach Deutschland verfrachtet, ohne Vorsorge für ihr weiteres Leben. Unsagbares Leid war die Folge dieses unmenschlichen Beschlusses, der in krassem Widerspruch zu der von den Alliierten im August 1941 feierlich verkündeten Atlantik-Charta stand.

Für das hungernde, zerbombte, zerstückelte Deutschland bedeutete das Einströmen von etwa 12 Millionen verzweifelter Menschen eine außerordentliche soziale und politische Belastung. Es muß sowohl der deutschen Verwaltung als auch der deutschen Bevölkerung, einschließlich der Heimatvertriebenen, das ehrende Zeugnis ausgestellt werden, daß durch Verständnis, Umsicht und Tatkraft der Ausbruch eines Chaos' verhütet und die schwierigen Probleme allmählich gelöst worden sind.

Nach Fellbach kamen die ersten Vertriebenen in der Nacht zum 1. Februar 1946 — ein Teil eines Transportes aus der russischen Zone Wiens, meist Südmährer und Brünner, die bereits vor dem Potsdamer Abkommen von den Tschechen erbarmungslos nach Österreich ausgetrieben worden waren. Der warmherzige Empfang auf dem Bahnhof und dei fürsorgliche Betreuung erweckten in den gequälten Menschen neue Lebenshoffnungen gaben ihnen den Glauben an die Zukunft wieder. Neue Transporte kamen und damit neue Einweisungen. Die nachstehende Aufstellung zeigt den jeweiligen zahlenmäßigen Stand der Vertriebenen in Fellbach:
31. Dezember 1947 ... 1944, gleich 10,8 vH der Einwohner
31. Dezember 1950 ... 2750, gleich 13,8 vH der Einwohner
 31. Dezember 1953 ... 3307, gleich 16,4 vH der Einwohner 
 31. Dezember 1956 ... 4570, gleich 18,8 vH der Einwohner

Zum Vergleich sei der Bevölkerungsanteil der Vertriebenen an der Gesamtzahl der Einwohner vom 30. Juni 1956 angeführt: Er betrug im Kreis Waiblingen 23,4 vH und im Land Baden-Württemberg 17,0 vH.

Fellbach hat in den ersten Jahren verhältnismäßig wenig Vertriebene eingewiesen erhalten. Der Grund lag darin, daß die Gemeinde bereits vor Beginn der Einweisungen die Häuser ganzer Straßenzüge für die Unterbringung von amerikanischen Besatzungsangehörigen und von IRO- Ausländern (Litauern, Letten, Esten und Polen) zur Verfügung stellen mußte. In dem Maße, wie die IRO-Leute von 1947 bis 1949 aus Fellbach nach Übersee auswanderten, kamen weitere deutsche Ostvertriebene in die Stadt, in den letzten Jahren auch Umsiedler aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern. Dazu kam noch, daß Vertriebene auch von sich aus nach Fellbach umsiedelten, weil sie hier gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten vorfanden. Nur der Mangel an Wohnraum wirkte einem stärkeren Zustrom entgegen.

Die folgende Aufstellung gliedert die Vertriebenen Fellbachs nach dem Stand vom 31. Dezember 1956 nach ihren Herkunftsländern auf:

Deutsche Reichsgebiete östlich Oder-Neiße 1682 Vertriebene, gleich 36,8 vH
Tschechoslowakei 1920 Vertriebene, gleich 42,0 vH
Ungarn (270), Rumänien (161), Jugoslawien (303)   734 Vertriebene, gleich 16,0 vH
 Polen, Sowjetunion und sonstige Länder   234 Vertriebene, gleich    5,2 vH
  4570 Vertriebene, gleich 100,0 vH


     

Unter dem Stichwort „Deutsche Reichsgebiete östlich Oder-Neiße" sind Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern und Ostpreußen zusammengefaßt. Es ist verständlich, daß den Vertriebenen aus diesen Gebieten schon wegen ihrer unbestrittenen deutschen Staatsangehörigkeit gegenüber anderen manche Vorteile erwuchsen, insbesondere bei der Wiedereinstellung im öffentlichen Dienst. Zur Tschechoslowakei gehören die Länder Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien und die Slowakei. Die Vertriebenen aus Böhmen und Mähren- Schlesien werden als Sudetendeutsche, die aus der Slowakei als Karpatendeutsche bezeichnet. Mit dem Anschluß des „Sudetenlandes" im Jahre 1938 und der Errichtung des Protektorates „Böhmen-Mähren" im Jahre 1939 erhielten die Deutschen dieser Gebiete die deutsche Staatsangehörigkeit. Da im Jahre 1945 diese Staatsgebilde zu bestehen aufgehört hatten, war nun nach Ansicht der deutschen Behörden die Staatsangehörigkeit der Sudetendeutschen „ungeklärt". Mit Entscheidung vom 28. Mai 1952 hat aber das Bundesverfassungsgericht anerkannt, daß die deutsche Staatsangehörigkeit der Sudetendeutschen zu Recht besteht. — Die Staatsangehörigkeit der Vertriebenen aus dem Osten und Südosten harrt heute noch der endgültigen Regelung. Sie sind aber in ihren Rechten den deutschen Staatsangehörigen gleichgestellt.

Die Vertriebenen sind unter sich verschieden nach Mundart, Sitte, Brauchtum und Lebensart; sie unterscheiden sich darin auch mehr oder weniger von der einheimischen Bevölkerung. Die natürlich gewachsene Bevölkerungsstruktur der Aufnahmegebiete wurde durch diese Zuwanderung stark verändert. Das wirkt sich in Fellbach augenfällig aus. Die katholische Bevölkerung erfuhr durch die Vertriebenen eine starke Zunahme. Nach vor- liegenden Unterlagen stieg die Zahl der Fellbacher Katholiken von 2118 im Jahre 1939 auf 4009 im Jahre 1950. Diese Entwicklung ist vornehmlich auf die sudetendeutschen Vertriebenen zurückzuführen, die fast durchweg katholischen Bekenntnisses sind.

Die sozialen Verhältnisse der Gemeinde wurden von solchem Zuzug schwer belastet, denn die Vertriebenen waren bei ihrer Ankunft natürlich obdachlos und arm, in allem hilfsbedürftig und in einer fremden Umwelt. Der Gemeindeverwaltung erwuchsen daraus Aufgaben, deren Lösung nicht immer leicht war, und die sie heute noch beschäftigen. Die erste Sorge war wohl die Bereitstellung von Wohnraum. Die einheimischen Familien mußten zusammenrücken, aber zwangsläufig waren die Unterkünfte der Vertriebenen oft recht beschränkt. Dank der regen Bautätigkeit ist inzwischen vieles besser geworden. Die auch heute noch bestehende Wohnungsnot trifft naturgemäß die Vertriebenen stärker als die Einheimischen. — Die nächste dringliche Aufgabe war die Besorgung von Kleidung und Wäsche, von Hausrat und Wohnungseinrichtung, in einer Zeit, in der es daran allgemein mangelte. Dieser Not durch erhöhte Zuteilung von Bezugsscheinen zu steuern, erwies sich als unzureichend. Aufrufe an die Bevölkerung brachten Geld- und Sachspenden; die Leistungen des Evangelischen Hilfswerkes, der Caritas und die Hilfe der Arbeiterwohlfahrt sowie des Roten Kreuzes müssen rühmend genannt werden.

Ebenso wichtig war es, die Vertriebenen in Arbeit und Verdienst zu bringen, um ihnen damit die wirtschaftliche Grundlage für eine neue Existenz zu bieten. Dank des regen Wirtschaftslebens in Fellbach und Umgebung vollzog sich das im allgemeinen leicht. Solange die arbeitsmäßige Unterbringung nicht erfolgt war oder infolge Arbeitsunfähigkeit nicht in Frage kam, sorgte das Kreiswohlfahrtsamt für den notwendigsten Lebensunterhalt in Form einer Wohlfahrtsunterstützung, die wohl karg bemessen war, aber doch über die ärgste Not hinweghalf.

Der Bevölkerungszuwachs durch die Vertriebenen wirkte sich bei der Schule in einem sprunghaften Ansteigen der Schülerzahlen aus. Das erschwerte den Schulbetrieb, da nach Kriegsende die Schulräume ohnehin nicht mehr ausreichten. Dieser Mangel ist inzwischen wesentlich gemildert worden und wird in absehbarer Zeit überwunden sein. Eine im Jahre 1953 vom Verfasser dieser Zeilen vorgenommene Erhebung der Schülerzahlen ergab, daß der Anteil der Kinder aus vertriebenen Familien etwas unter dem Bevölkerungsanteil der Vertriebenen lag. Das hatte seine Ursache in dem Umstand, daß während der Vertreibung viele Kleinkinder gestorben waren. Der Anteil der heimatvertriebenen Schüler entsprach an der Mittelschule ungefähr dem Bevölkerungsanteil der Vertriebenen, an der Oberschule erreichte er aber kaum die Hälfte. Der Grund dafür ist in den schlechteren sozialen Verhältnissen der Vertriebenen zu suchen. Auch in Fellbach zeigt sich die allgemein wahrzunehmende Erscheinung, daß die vertriebenen Familien kinderreicher sind als die einheimischen. So kamen nach dem Stand von Ende Dezember 1956 auf 1000 Einwohner bei den Vertriebenen 98,7 Kinder im Alter bis zu 6 Jahren, bei den Einheimischen aber nur 69,3.

Die soziale Lage der Vertriebenen hat sich — allgemein betrachtet — wesentlich gebessert. Die meisten sind nun wohnungsmäßig befriedigt, und die Beschäftigten haben wieder einen Verdienst. Bei der Beurteilung ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse darf man aber nicht übersehen, daß sie mit der Vertreibung ihre gesamte Habe verloren haben, bei ihrer Ankunft also vor dem Nichts standen. Es mußte erst wieder das Notwendigste für den neuen Haushalt und die persönlichen Bedürfnisse angeschafft werden. Das belastete die Lebenshaltung. Alte und arbeitsunfähige Leute besaßen überhaupt nicht mehr die Möglichkeit, aus der Notlage, in die sie unverschuldet gestoßen wurden, herauszukommen. Am schwersten tragen die Verarmung und das soziale Absinken jene Frauen und Männer, die früher vermögend waren und nun in ihren alten Tagen als Unterhaltsempfänger ein kümmerliches Dasein fristen müssen. Das betrifft besonders frühere Industrielle, Gewerbetreibende, Kaufleute und Bauern. In den ersten Jahren oblag die Fürsorge für die Vertriebenen den Gemeinden, Kreisen und Ländern; jetzt trägt sie der Bund. Die Vertriebenen gehören nach dem Lastenausgleichsgesetz vom 14. August 1952 zum Personenkreis der Kriegsgeschädigten und haben damit den gesetzlich anerkannten Anspruch auf Abgeltung von Schäden und Verlusten, die durch die Vertreibung entstanden sind. Als Zuwendungen aus dem Lastenausgleich werden bereits die Kriegsschadensrente (Unterhaltshilfe) an alte und erwerbs- unfähige Personen, die Hausratshilfe, außerdem Aufbaudarlehen für die gewerbliche Wirtschaft, Ausbildungsbeihilfen für Jugendliche, Darlehen für Wohnungsbeschaffung und Entschädigungen von Ostsparguthaben gewährt. Für verlorenen Realbesitz und für Existenzverlust wurde noch keine Entschädigung geleistet. Die Zuwendungen aus dem Lastenausgleich werden niemals die großen materiellen Verluste der Vertriebenen ausgleichen, können aber dringende Not lindern und zum Aufbau eines neuen Haushaltes und einer neuen Existenz verhelfen.

Die wirtschaftliche Lage der vertriebenen Beamten, Angestellten und Ruheständler des öffentlichen Dienstes hat sich mit dem bedeutsamen Artikel 131 des Bonner Grundgesetzes wesentlich gebessert. Der genannte Personenkreis erhielt damit das gesetzliche Anrecht auf Wiederverwendung entsprechend den früheren Dienstverhältnissen und auf ein Ruhegehalt, das ebenfalls der früheren Dienststellung entspricht.

Es ist wohl selbstverständlich, daß die Regelung der Vertriebenenangelegenheiten vom Bundestag bis zur Gemeindebehörde als eine wesentliche Aufgabe erachtet wird. Die Vertriebenen haben in allen diesen Körperschaften ihre gewählten Vertreter. Bei den Gemeinderatswahlen in Fellbach ist es den Vertriebenen bis jetzt immer möglich gewesen, über eine eigene Liste Vertreter in den Gemeinderat zu entsenden. Im übrigen haben sich Gemeinderat und Stadtverwaltung den Belangen der Vertriebenen immer aufgeschlossen gezeigt.

Der Beitrag der Vertriebenen zum Wiederaufbau im Lande und in den Gemeinden wurde von berufenen Stellen wiederholt anerkannt und gewürdigt. Auch in Fellbach spielt ihr Arbeitseinsatz eine bedeutende Rolle. Ungefähr die Hälfte der Vertriebenen ist erwerbstätig. Den Umständen entsprechend sind diese fast durchweg Arbeitnehmer; nur wenigen ist es bis jetzt gelungen, in Gewerbe, Handel oder freien Berufen eine selbständige Existenz zu gründen. Bei der letzten Volkszählung, im September 1950, waren von 100 Beschäftigten in Fellbach 16,4 Heimatvertriebene. Ihr Bevölkerungsanteil betrug aber damals nur 13,4 vH. Seitdem hat sich ihre Zahl um fast 2000 erhöht und damit auch ihr verhältnismäßiger Anteil an der Zahl der Beschäftigten wesentlich nach oben verschoben. Im Bauwesen und in verwandten Arbeitszweigen ist ungefähr ein Drittel der Arbeiter heimatvertrieben; zu ihm gehören vielfach Bauern, die früher einen eigenen Hof bewirtschafteten und jetzt in abhängiger Stellung ihr Brot verdienen müssen.

Bei richtiger Einschätzung der Bedeutung der Vertriebenen für das Fellbacher Wirtschaftsleben muß auch ihre Bedeutung als Käufer in Rechnung gestellt werden. Was sie als Lohn für ihre Arbeit verdienen oder als Renten- und Fürsorgeempfänger erhalten, fließt unmittelbar zurück in die Fellbacher Wirtschaft. Die Vertriebenen sind auf allen Gebieten Verbraucher. Die Befriedigung ihres großen Nachholbedarfes an Kleidung, Hausrat, Wohnraum, Einrichtung und dergleichen, belebt die Produktion, steigert Umsatz und Verdienst der Fellbacher Geschäftswelt und beeinflußt über das Steueraufkommen nicht unwesentlich auch die öffentliche Wirtschaft.

Trotz der traurigen Erinnerungen an die Tage der Vertreibung lieben die Vertriebenen die verlorene Heimat und geben dieser Liebe immer wieder deutlich Ausdruck. Es ist daher auch verständlich, daß bei ihren kulturellen Veranstaltungen meist die frühere Heimat im Mittelpunkt steht, in Wort und Lied, in Sitte und Brauchtum, nach Geschichte und Landschaft, lebendig wird. Diese Veranstaltungen bilden eine wertvolle Bereicherung des kulturellen Lebens der Gemeinde. — Es ergab sich auch von selbst, daß sich die Vertriebenen nach ihren Heimatländern zu Landsmannschaften zusammenschlössen. Dies soll keine Absonderung gegenüber den Einheimischen oder den Vertriebenen anderer Herkunftsgebiete bedeuten, sondern ist einfach der Ausdruck der heimatlichen Verbundenheit. Die Landsmannschaften betrachten es als ihre Aufgabe, den Anspruch auf die geraubte Heimat nie verstummen zu lassen sowie den inneren Zusammenhang ihrer Angehörigen und auch die Bereitschaft zu einer Rückkehr aufrechtzuerhalten, die für manche Gebiete vielleicht doch einmal möglich sein kann.

Neben den Landsmannschaften besteht ein Gesamtverband der Vertriebenen, der „Bund der vertriebenen Deutschen", dem die Vertretung der gemeinsamen Interessen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet und die Förderung der landsmannschaftlichen Anliegen obliegt. In Fellbach ist die Sudetendeutsche Landsmannschaft zahlenmäßig weitaus am stärksten und auch sehr rührig. Das kulturelle Leben der Vertriebenen in der Gemeinde wird vornehmlich von ihr gestaltet. Erwähnt seien hier die Singgemeinde und das kleine Orchester der Heimatvertriebenen, die alle Veranstaltungen der Vertriebenen musikalisch umrahmen.

Die Eingliederung des einzelnen Vertriebenen in das soziale Leben Fellbachs ist nach Eigenart und Fähigkeit verschieden. Berufliche Arbeit, außerberufliche Betätigung und gesellschaftliche Beziehungen erleichtern sie wesentlich. Vertriebene, die infolge ihres Alters oder sonstiger Umstände am sozialen Leben nicht Anteil nehmen, bleiben abseits und kommen schwer über den Verlust der Heimat hinweg. Leicht und schnell vollzieht sich die Eingliederung bei der Jugend. Sie wächst in der schwäbischen Umwelt heran, sie kennt die Heimat der Eltern nicht mehr oder bloß aus gelegentlichen Erzählungen, und so ist zu befürchten, daß in kaum einem Menschenalter weiten Kreisen der Vertriebenen die Bindung an die Stätten, wo ihre Vorfahren gelebt und geschafft haben, verloren gegangen ist.

Von der einheimischen Bevölkerung wurden die Vertriebenen in der ersten Zeit oft als Belastung empfunden. Die Vertriebenen wiederum, von einem harten Schicksal als Folge der gesamtdeutschen Katastrophe unschuldig betroffen, mußten oft wahrnehmen, daß ihr großes Opfer nicht verstanden wurde. Das erzeugte eine Kluft zwischen Einheimischen und Vertriebenen. Die Zeit hat inzwischen vieles gewandelt. Die Vertriebenen sind heute keine Belastung mehr, ihre wirtschaftliche und kulturelle Eingliederung bedeutet eine wertvolle soziale Bereicherung von Stadt und Land. Die Kluft zwischen Alt- und Neubürgern beginnt sich zu schließen und wird in nicht zu ferner Zeit ganz verschwunden sein.