ZUM GELEIT 

 

Wer sich näher mit dem Werden und Wachsen Fellbachs beschäftigt, merkt bald, daß die Geschichte des Orts im Lauf vieler Jahrhunderte eine fast unübersehbare Fülle von Ereignissen und Gestalten, von Schicksalen und Begebenheiten einschließt, die wert sind, der Vergessenheit entrissen zu werden. Nicht zuletzt aus dieser Erkenntnis hat der Gemeinderat meine Anregung aufgegriffen, ein Buch wie das vorliegende zu ermöglichen, ein Heimatbuch, das Land und Leute, Zustände und Geschehen, Arbeit und Glaube in Vergangenheit und Gegenwart schildert, das dem Weg nachgeht, der durchschritten werden mußte, bis aus dem kleinen Marktflecken von einst die Große Kreisstadt vor den Toren Stuttgarts wurde. Schon einmal, es sind genau fünfzig Jahre her, ist ein Büchlein erschienen, das sich mit den Verhältnissen und der Geschichte unserer Gemeinde befaßte. Es trug den Titel „Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach" und sein Verfasser war der manch' altem Bürger noch wohlbekannte Oberlehrer Johann Georg Eppinger. Als ich im Jahr 1932 auf dem Rathaus in Fellbach einzog, griff ich zunächst nach diesem Büchlein, um Art und Wesen der Gemeinde kennenzulernen. Schon damals schien es veraltet, waren seit seinem Erscheinen doch fünfundzwanzig Jahre vergangen, in denen sich die Struktur des Ortes entscheidend verändert hatte. Inzwischen ging ein weiteres Vierteljahrhundert vorüber. Neben einzelnen Veröffentlichungen in der „Fellbacher Zeitung" und in der Fellbacher „Heimatrundschau" von einst, war es noch das Büchlein „Glück und Glas" von Paul Albert, das die Glaserei Kögel im Jahre 1947 zu ihrem zweihundertjährigen Bestehen herausbrachte, das weit über eine bloße Betriebsgeschichte hinaus den verdienstvollen Versuch machte, an Hand der Kögelschen Familiengeschichte einiges aus Fellbachs Vergangenheit zu erzählen und in eigener Form lebendig zu machen. Ließen diese Einzelversuche nicht jeden, der um die Dinge wußte, wieder und wieder erkennen, daß Fellbach ein eigentliches Heimatbuch fehlte! Was ist inzwischen nicht alles geschehen, das nirgends, der Allgemeinheit zugänglich, festgehalten war! Wie hat sich das Gesicht der Stadt doch mehr und mehr verändert! Anlaß genug, an ein neues, umfangreicheres Heimatbuch zu denken, das nicht nur die Geschichte der Stadt auf Grund neuer und neuester Erkenntnisse festhalten, sondern auch der Gegenwart mit ihrem einschneidenden Wandel auf allen Lebensgebieten gerecht werden sollte. Soviel Unheil die letzten fünf Jahrzehnte mit Kriegs- und Nachkriegszeiten brachten, so sprunghaft die Entwicklung fortschritt - alles in allem genommen dürfen wir doch zufrieden sein mit dem, was erreicht wurde. Ist es uns nicht gelungen, die kommunale Selbständigkeit unseres im unmittelbaren Bereich der Landeshauptstadt liegenden Gemeinwesens zu bewahren und zu festigen? Was man gemeinhin als Vorstadtcharakter bezeichnet, blieb Fellbach fremd, vor allem deshalb, weil sich die Stadtverwaltung in dieser Hinsicht stets auf die verständnisvolle Mitarbeit der Bürger verlassen konnte. Sonst freilich hat sich in einem Menschenalter so viel verändert, daß selbst ein Bürger, der dieses Geschehen miterlebte und kritisch verfolgte, kaum noch imstande ist, das Neue in seinem ganzen Umfang zu übersehen. Gewiß, der Fortschritt war oft fast zu stürmisch, aber letzten Endes ist das Tempo ja nicht von uns bestimmt worden, sondern von den Zeitumständen. Sie sind es gewesen, die rings um Stuttgart jene hektische Entwicklung zeitigten, die zwangsläufig auch auf Fellbach übergriff. Wir konnten nichts anderes tun, als ihr Rechnung zu tragen und zu versuchen, dem Übermaß des wirtschaftlichen Aufschwungs eine solide Grundlage zu geben. Die Gefühle, die uns dabei bewegten, waren mitunter recht gemischt. Sie glichen, um ein anschauliches Bild zu gebrauchen, oft denen eines Mannes, der jedes mal, wenn er auf die Waage tritt, den Zeiger ein Stück höher klettern sieht. Bald wird nichts mehr passen von dem, was einmal nach Maß gearbeitet war - bei dem Mann auf der Waage kein Rock und kein Hemd, bei der Gemeinde keine Straße, keine Versorgungseinrichtung und keine Schule. Dem Manne kann geholfen werden: Er muß ja nicht mehr zu sich nehmen als ihm gut tut. Eine Stadt ist übler daran: Wie soll sie „abnehmen", wenn das Recht auf Freizügigkeit dem Zuwachs alle Türen und Tore öffnet? Erst jetzt, im Zeichen einer zunehmenden wirtschaftlichen Konsolidierung, dürfen wir hoffen, daß auch im örtlichen Lebensraum eine ruhigere, um so ersprießlichere Fortentwicklung eintritt. Die Stadtverwaltung hat es mit mir dankbar begrüßt, daß sich hier Männer und Frauen zusammenfanden, um in gemeinsamer Arbeit dieses Heimatbuch der Stadt Fellbach zu planen, zu schreiben und zu gestalten. Ihnen allen, die dabei Pate standen, die mit Rat und Tat zum guten Gelingen beitrugen, gilt der herzliche, aufrichtige Dank des Gemeinderats und der Stadtverwaltung. Nun ist das Buch da. Es will kein Lehrbuch, sondern ein Lebensbuch, ein Heimatbuch im wahrsten Sinn des Wortes sein. Wenn das gelang, und wir hoffen es, dann hat das Buch seinen Sinn erfüllt: Fellbachs Vergangenheit und Gegenwart zu umreißen, was war und ist zu erhalten und weiterzugeben an künftige Geschlechter. 

Fellbach, im Oktober 1958 Dr. Max Graser Oberbürgermeister