In den Straßennamen der Kappelbergstadt leben bedeutende Fellbacher Persönlichkeiten fort (1)

Pietistenpfarrer Werner als Streiter wider den Unglauben

Schon 8 Jahre nach seinem Tod war 1880 die erste Biographie über den in Stuttgart geborenen Theologen erschienen

 

Heute erinnert nur noch ein Straßenname an den einst bekannten Pietistenpfarrer Karl Friedrich Werner. Er ist der einzige Fellbacher, dem die Zeitgenossen mit einer Biographie, erschienen 1880 in Basel, ein Denkmal setzten. In einer Straßenbezeichnung hat sich hier sein Name der Gegenwart erhalten. Aber kaum mehr einer kennt den einst bekannten Pietistenpfarrer Karl Friedrich Werner. Allenfalls für eine Verwechslung mit dem Reutlinger Pfarrer und Bruderhausgründer Gustav Werner scheint sein Name noch gut zu sein. Auch für den am 4. Februar 1804 in Stuttgart geborenen Theologen selbst bildeten biographische Arbeiten einen wichtigen Bestandteil seines literarischen Werkes. Ein Lebensabriß des Großvaters mütterlicherseits, des Ludwigsburger Waisenhauspfarrers Israel Hartmann, stammte aus seiner Hand. Und dem väterlichen Freund Christian Gottlob Barth, dem Gründer des Calwer Verlagsvereins, widmete er sogar einem dreibändiges Monumentalwerk. In späteren Jahren verfaßte Werner für die populären "Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit", die sogenannten "Basler Sammlungen", noch eine ganze Reihe von Lebensbeschreibungen über Pietisten aus dem einfachen Volk. Davon profitierte nicht zuletzt die Fellbacher Ortsgeschichte. Hier porträtierte der Geistliche die Vita von Johannes Schnaitmann, Elisabetha Margaretha Daubenschmid, Johannes Schmid und der Geschwister David und Johannes Maile. Außerdem besitzen wir von ihm einen Aufsatz über den vor 340 Jahren verstorbenen Renaissance-Pfarrer und -Dichter Georg Konrad Maickler.

Werners Schwiegervater bemerkte einmal, sein Schwiegersohn gehöre "altem, echtem württembergischem Adel" an, was heißen sollte, daß dieser einer sehr traditionsreichen Pietistenfamilie entstammte.

Besonders die Mutter versuchte den jungen Karl Friedrich ganz im Geiste des Großvaters Israel Hartmann zu erziehen. Nach dem Willen des Vaters, der als Präzeptor am Gymnasium in Stuttgart lehrte, sollte er die Theologenlaufbahn einschlagen. Die strenge Erziehung im Elternhaus legte den Grund zu einer stets leidenden, pessimistischen, aber auch herrischen, strengen und ungeheuer arbeitsamen Persönlichkeit. Werner, der sich selbst einmal als einen

Traktat von Karl Friedrich Werner

 "hypochondrischen" Menschen bezeichnete, litt besonders als Schüler an schweren Depressionen und Todesängsten. Mit den in seiner Jugend modernen Klassikern, dem deutschen Idealismus oder der Romantik mochte er sich auf Dauer nicht anfreunden. Eine Freundschaft mit dem Hölderlin Freund und Dichter Wilhelm Waiblinger hat er schnell wieder gelöst. "Das Weltleben ekelte ihn an", berichtet Werners Biograph.

Auch als Student in Tübingen verläßt er den Pfad der Tugend nicht. Geradezu drohend schrieb der Vater dem Stiftler ins Stammbuch, niemals davon abzuweichen, denn "es gibt ein Auge, das über uns allen offen steht". Dort machte er bald Bekanntschaft mit einem englischen Sonderling, Greaves hieß er, dessen Streben nach Vollkommenheit und dessen Wunsch "nach Ertötung der sinnlichen Neigung" ihn eine Zeitlang tief beeindruckte.

Doch erst im Vormärz, im Gefolge einer Studienreise, die ihn erstmals über die Landesgrenzen nach Norddeutschland führte, verspürte Werner seine eigentliche Berufung. In ihm erwachte die "Lust, ein Streiter Jesu Christi" zu werden. Im Norden hatte er erfahren, wie tief manchenorts der Graben zwischen dem säkularisierten Denken der Aufklärung und dem kirchentreuen Konservativismus der "Stillen im Lande" geworden war. Der Bekämpfung des, wie er sagte, "Unglaubens" widmete er fortan seine ganze Schaffenskraft. Werner brauchte nach Gleichgesinnten nicht lange zu suchen. Schon nach den Studium während seiner Zeit als Repetent am theologischen Seminar in Blaubeuren, hatte er Kontakt zu einzelnen Persönlichkeiten der Basler Christentumsgesellschaft gefunden In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre ging der Sechsundzwanzigjährige dann direkt nach Basel, um zusammen mit Christoph Blumhardt als Lehrer am Missionshaus zu wirken. Dort lernte er auch seine spätere Lebensgefährtin Therese Zeller kennen, eine Tochter des Inspektors der Armenschullehreranstalt Beuggen bei Basel, Christian Heinrich Zeller.

Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Pfarrer im Schwarzwald und in Großheppach kam Karl Friedrich Werner 1849 auf die gutdotierte Pfarrei Fellbach. Schon damals war er eine der bekanntesten Persönlichkeiten des württembergischen Pietismus. Seine charismatische Ausstrahlung war so groß, daß ihn viele Gesinnungsgenossen gerne auf der Kandidatenliste zur Deutschen Nationalversammlung gesehen hätten. In die Parlamentspolitik zog es ihr jedoch nicht, er lehnte ab. Für den Kampf um die Seelen erspähte der Geistliche andere Betätigungsfelder, die mehr Gewinn brächten

So war er überzeugt, die Berufung in das größte Pietistendorf im Königreich sei aufgrund eines göttlichen Ratschlusses zustande gekommen, der Herr habe ihn "mit Fleiß" für die Pfarrstelle in Fellbach ausersehen. Und nicht ohne Grund konnte er sich der Hoffnung hingeben, die Fellbacher Pietistengemeinschaft ließe sich im Handstreich für die eigene Sache gewinnen. Mit mehreren Eingaben hatten sich die hiesigen Versammlungsleute beim Konsistorium für ihren Kandidaten starkgemacht, und als es schließlich soweit war, zogen sie ihm mit einem bekränzten Schäflein gen Großheppach entgegen. Einen besseren Vertrauensbeweis konnte es für den neuen Pfarrer nicht geben. Schließlich kam Werner noch der Umstand entgegen, daß in den vorangegangenen Jahren die gesamte alte Garde. der Stundenhalter gestorben war und sich im örtlichen Pietismus eine Führungslücke auf tat, die der Neuling scheinbar problemlos besetzen konnte. Dazu ist es freilich nicht gekommen, derlei Hoffnungen hatten sich bald zerschlagen.

Auch die gezielte Förderung seiner eigenen Richtung, der Altpietistischen Gemeinschaft, erlaubte es Werner nicht, das überwältigende Monopol der Hahn'schen zu brechen. Stets führte die Stunde der Altpietisten, zu der sich unter anderem die Auberlen hielten, ein Schattendasein und wurde nach dem Ersten Weltkrieg vollends von der "Mehrheitsfraktion" aufgesogen. Dennoch verdankte Fellbach seinen Ruf als Kristallisationspunkt des württembergischen Pietismus im 19. Jahrhundert nicht zuletzt der Person Karl Friedrich Werners und seiner Tätigkeiten.

Mit Begeisterung und Tatkraft versuchte der Ortspfarrer, die Sache der "Heidenmission" unters Volk zu bringen. Besonders unterstützte er die Einrichtung von Missionsfesten, die als lokale Werbeträger und Schaufenster der Basler Missionsgesellschaft dienen sollten. Dabei fungierte er als begehrter Redner, und er sammelte Geld für die Kasse des Mutterhauses. In Fellbach wurde das Missionsfest alljährlich am 2. Februar abgehalten. Selbst vor persönlichen Opfern scheute sich Werner nicht. Seine beiden jüngsten Töchter überließ er
der Basler Zentrale, die sie nach Übersee als sogenannte "Missionsbräute" an ehewillige Mitarbeiter verschickte.

Durch die Arbeit seines Bruders, des Arztes August Hermann Werner, der 1842 in Ludwigsburg eine christliche Kinderheilanstalt gründete, war der Fellbacher Ortsgeistliche mit dem Gebiet der inneren Mission eng vertraut. In Notjahren richtete er für die Ortsarmen Suppenanstalten ein oder erbaute der hiesigen Kinderschule ein neues Heim. Als weiteren Beitrag zur Lösung der "sozialen Frage" rief Werner im Oberamt einen Kinderrettungsverein ins Leben. Dieser setzte sich die Unterbringung "verwahrloster Kinder in christlichen, gottesfürchtigen Familien zum Ziele", um sie vor der Abschiebung ins Arbeitshaus zu bewahren. Die Pflegeeltern mußten versprechen, die Kinder zum Kirchgang und Schulbesuch und "zum Gebet, zur Reinlichkeit, Höflichkeit und Arbeitsamkeit anzuhalten". Namentlich galt es jede Woche einmal die Strümpfe und Hemden der Pfleglinge zu wechseln, und der Kontrakt verbot strikt, "Kinder von gleichem Geschlecht und Alter" zum Schlafen in ein Bett zu legen. 

Seine zeitgenössische Bedeutung verdankte er in erster Linie freilich einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit. Die Redaktion der "Basler Sammlungen" betreute er über zwei Jahrzehnte, ebenso lange wie die des "Gemeinschaftsblatts". In der literarischen Offensive des Landespietismus gegen "Democratismus" und Liberalismus wurde Werner zur Leitfigur. Die im Fellbacher Pfarrhaus verfaßten erbaulichen Lebensbeschreibungen verfolgten keine historische, sondern eine eindeutig propagandistische Absicht: Den zum "Unglauben abgefallenen" Bevölkerungsschichten, den verarmten Bauern oder Handwerkern oder dem der Zahl nach noch geringen Industrieproletariat, sollten die Biographien einfacher Pietistenbrüder vor allem als Bekehrungshilfen und Modelle eines gottgefälligen Lebens dienen. Als Werner am 24. April l872 achtundsechzigjährig hier starb, überschattete die Freude über die "auf so wunderbare Weise zu Stand gekommene Errichtung eines protestantischen Kaisertums" unter preußischer Führung eine untrügliche Ahnung, daß der Pietismus seinen Kampf gegen den "Unglauben" der Moderne längerfristig verloren hatte.

Einige wenige Jahrzehnte noch gehörten seine Veröffentlichungen zur Pflichtlektüre vieler Pietisten. In teilweise veränderter Form fanden sie in eine Unzahl bekehrender Traktätchen Eingang. Seitdem die pietistischen Gemeinschaften in diesem Jahrhundert zunehmend ihre ursprüngliche Größe und ihren Einfluß einbüßten, gerieten auch Person und Werk Karl Friedrich Werners in Vergessenheit. So, als hätte sein Pessimismus recht behalten.

Dr. Hans- Volkmar Findeisen