Heute vor 50 Jahren verstarb Alt-Bürgermeister Friedrich August Brändle

Letzter Dorfschultheiß Fellbachs

Der Ehrenbürger hatte sich über 23 Jahre lang in den Dienst der Gemeindegestellt

Von unserem Mitarbeiter Andreas Reichert

 

Friedrich August Brändle, am 24. November 1881 in Dornstetten bei Freudenstadt geboren, wählten die Fellbacher am 14. Januar 1908 als Nachfolger von Alt-Schultheiß Friz, der 30 Jahre die Geschicke des Dorfes geleitet hatte, zu ihrem neuen Schultheiß. Unter 15 Kandidaten erreichte Brändle 557 von 984 abgegebenen Stimmen. Am 7. März 1908 trat der damals erst 27jährige sein Amt an, das er bis zu seinem Tode am 10. September 1931 ausübte. Heute [1981] jährt sich sein Todestag zum 50. Male.


Brändle bezog als "Ortsvorsteher" ein Gehalt von 5000 Mark im Jahr und hatte obrigkeitliche, hoheitliche, polizeiliche und richterliche Funktionen zu erfüllen. Er unterstand dem Oberamtmann von Cannstatt, dessen Anordnungen er Folge zu leisten hatte; Brändle vertrat somit - wie landesweit üblich - eigentlich keinerlei Selbstverwaltungsrechte der Gemeinde, dies oblag dem Gemeinderat und den weiteren bürgerlichen Kollegien.

Friedrich August Brändle

Dem Fellbacher Schultheiß standen zu jener Zeit ein Ratschreiber, ein Gemeindepfleger, ein Verwaltungsaktuar, ein Amtsdiener, vier Polizeibeamte, ein Wegmeister, ein "Waldmeister" sowie ein Wald- und ein Feldschütz zur Seite. Kurz nach seinem Amtsantritt schuf die Gemeinde das Amt eines Ortsbaumeisters, der für die bauliche Entwicklung Fellbachs verantwortlich zeichnete und die örtliche Feuerschau ausübte. An öffentlichen Gebäuden unterstanden dem Schultheiß das Alte Rathaus von 1592, das Kochsche Haus am Platz- oder Marktbrunnen (an dessen Stelle sich heute die Fellbacher Zeitung befindet), die 1906 erstellte Gemeindekelter an der Untertürkheimer Straße, fünf Gemeindebackhäuser, die Fellbacher Wasserversorgungsgruppe und schließlich noch die Gasfabrik.

Die erste Aufgabe ein neues Rathaus

Die erste große Aufgabe, die der Endzwanziger anpackt, ist der Bau eines neuen Rathauses, dessen Erstellung der Gemeinderat -und die bürgerlichen Kollegien 1910 beschließen. Am 6. Dezember 1912 feiert Fellbach die feierliche Einweihung des neuen Rathauses, das von allen Seiten gebührend gelobt wird und die Aufwärtstendenz des Dorfes Fellbach unter dem neuen Schultheiß anschaulich verdeutlicht. 1913 folgt der Bau eines Kindergartens im ehemaligen Betsaal an der heutigen Pauluskirche, bevor dann der erste Weltkrieg jäh das Aufwärtsstreben der Gemeinde unterbricht.

Am 4. August 1914 verabschiedet Schultheiß Brändle die ersten zu den Waffen gerufenen jungen Männer mit einer Feier am Rathaus. Fortan brechen schwere Zeiten an; größte Sorgen bereitet dem jungen Schultheiß die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. 1913 fiel der Obst- und Weinertrag nahezu völlig aus; 1915 müssen erstmals die Grundnahrungsmittel rationiert werden. Den entbehrungsreichen Kriegsjahren folgt die Inflation. Die Gemeinde gibt Gutscheine als Notgeld heraus, die die Unterschriften des Ortsvorstehers Brändle und des Gemeindepflegers tragen sowie mit einem Bild des alten Rathauses und einer Abbildung eines Maikäfers versehen sind.Trotz der Inflation schreitet die Entwicklung Fellbachs voran; die Schule an der Schillerstraße (heutige Wichernschule) wird erweitert, der Friedhof vergrößert und später mit einer Grabkapelle versehen.

Fellbach kommt zum Oberamt Waiblingen

In die Zeit der Inflation fällt auch die Neuaufteilung des Oberamtes Cannstatt. Fellbach wird 1923 dem Oberamt Waiblingen zugeschlagen. Schultheiß Brändle muß sich umstellen: von einem eher städtisch anmutenden Oberamt zu einem ländlich strukturierten. Kurz nach der Inflation beginnt jedoch wieder ein starker Aufschwung der Gemeinde. Allein die bauliche Entwicklung ist imposant: Entlang der Cannstatter- und Bahnhofstraße entstehen großzügige Wohngebäude, die auch heute noch diese zwei Fellbacher Verkehrsachsen prägen. Die Wohngebiete "Im Traubengarten" und "Im Schafgarten" (obere Schwabstraße) helfen der Wohnungsnot ab, weitere Baugebiete werden geplant. 1926 durchzieht Fellbach ein komplettes Netz der elektrischen Straßenbeleuchtung, 1927 wird die hinsichtlich der Entwicklung der Gemeinde Tiefbau wird die Grundlage für eine weitere Entwicklung der Gemeinde gelegt: 1928 erhält Fellbach eine Kläranlage im Schüttelgraben mit dem dazugehörenden Abwassersystem. Gleichzeitig werden nicht wenige Ortsstraßen ausgebessert oder erweitert.

Im selben Jahr, im März, feiert August Brändle sein 20jähriges Jubiläum als Fellbacher Schultheiß. Die Gemeinde verleiht ihm als Dank und Anerkennung für die in zwei Jahrzehnten geleistete, vorbildliche Arbeit das Ehrenbürgerrecht als erstem Bürger Fellbachs. Bei der Verleihungsfeier im Rathaus würdigen Ratschreiber Steimle, ein enger Mitarbeiter Brändles, und Gemeinderat Volzer die Verdienste des Schultheiß um Fellbach. Steimle erinnerte - wie das Fellbacher Tagblatt ausführt - "an den Amtsantritt Brändles, als Fellbach 5000 Einwohner zählte" und ,,daß es Herr Brändle verstanden habe, das Übel an der Wurzel anzupacken und die für das Gemeindeinteresse und ihren Einwohnern notwendigen Maßnahmen zu treffen, habe seine Amtsführung zu Genüge gezeigt. Wenn die Bilanz über seine Dienstjahre gezogen und Fellbach von einst mit dem Fellbach von jetzt verglichen werde, so müsse man feststellen, daß der Ort auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltung - auch hinsichtlich der Entwicklung der Gemeinde - ganz bedeutende Fortschritte zu verzeichnen habe und daß auf allen Gebieten ein hohes Gewinnkonto zu buchen sei." Volzer lobte, ,,es gäbe keine Gemeinde in ganz Württemberg, wo ohne große industrielle Steuerkräte während der Amtsführung Brändles solches geleistet worden sei wie in Fellbach".

Straßenbahn kommt nach Fellbach

Bei der Verleihung des Ehrenbürgerrechts stand bereits ein weiteres großes Ereignis vor der Tür: 
die Straßenbahn sollte Fellbach alsbald mit der Landeshauptstadt Stuttgart verbinden. Die ersten 
Bauarbeiten an der Linienführung waren bereits aufgenommen, ein Vertrag mit Stuttgart unter 
Dach und Fach. Die Planung der Einrichtung einer Straßenbahnlinie lag freilich fast 20 Jahre 
zurück. Schultheiß Brändle und Gemeinderat Andreas Maier regten die Aufnahme einer Straßenbahnverbindung nach Stuttgart an, wodurch dieses Projekt bereits 1910 ernstlich beraten wurde; der erste Weltkrieg unterbrach aber diese Bemühungen. Am 4. Mai 1929 ist es jedoch so weit: die Fellbacher weihen "ihre" Straßenbahnlinie nach Stuttgart unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung und mit einem Riesenjubel ein. Im nachhinein betrachtet zieht dieses Ereignis einen Schlußstrich hinter eine rasant vorwärtsstrebende Entwicklung, die das Dorf Fellbach seit dem Ende der Inflationsjahre zu einer Kleinstadt mit rund 9500 Einwohner hinführte. Diese rasche Veränderung kommt auch in den Versen zum Ausdruck, die anläßlich der Straßenbahneinweihung gedichtet wurden und die viel von der Stimmung unter Fellbachs Bürgern wiedergeben; da dichtete z. B. Hanns Baum ..... 

Und als der Friede war ins Land gezogen 
da schwang sich Fellbach auf, langsam und sacht, 
noch zog die Grenze keinen weiten Bogen, 
doch hat die Zukunft heimlich schon gelacht.
Bis endlich brach das Eis der morschen Zeiten,
bis endlich blies ein neuer Wind daher; 
da sah man neue Straßen aus sich breiten,
bis man Alt-Fellbach kannte fast nicht mehr."

Als Motor dieses fortschrittsfördernden Aufwärtsstrebens darf ohne Zweifel Schultheiß Brändle gelten, der mit viel zähem Elan den Boden für den Ausbau Fellbachs zur Stadt bereitete. Nun jedoch wartete auf ihn bereits eine weitere, schwere Bewährungsprobe; die Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf Fellbach voll aus, da bereits viele hundert Arbeiter hier eine Wohnstätte gefunden und in dieser weltweiten Rezession ihre Arbeitsplätze verloren hatten.

Aus "Schultheiß" wird "Bürgermeister"

Vor dem Rathaus bildeten sich lange Schlangen mit wartenden Arbeitslosen, denen Schultheiß 
Brändle nur unter großen Mühen Notstandsarbeiten zuweisen konnte. 1930 glimmt nochmals Hoffnung auf, als der Gemeinderat beschließt, das Gebiet zwischen Bahnlinie und Schorndorfer Straße für Industrieansiedlungen zur Verfügung zu stellen. Die Situation jedoch bleibt unverändert ernst. Am 1. Dezember 1930 muß August Brändle seinen Titel "Schultheiß" für den eines "Bürgermeisters" eintauschen, so wie es die neue Gemeindeordnung vorschrieb, die gleichzeitig zahlreiche Veränderungen auf dem Gebiet der Kommunalverwaltung brachte. Der Bürgermeister war nun Repräsentant, aber rechtlich nicht der Vertreter der Gemeinde. Bürgermeister Brändles Auftrag war nun, für das geistige, sittliche, körperliche und wirtschaftliche Dasein der Einwohner, kurz gesagt, für das "Menschliche" zu sorgen. Diese Umwälzungen bewältigte Bürgermeister Brandle nahtlos, obwohl es ihm nicht leicht fiel, weil er den "Schultheiß" sicherlich erhalten sehen wollte wegen des ehrwürdigen Alters dieser Amtsbezeichnung, wegen der Verbundenheit mit der Geschichte des Landes und der wohlberechtigten schwäbischen Eigenart.

BrändIe stirbt: Bürger erschüttert

Groß war die Anteilnahme, als Fellbachs 
Bürger Abschied von ihrem Schultheiß nahmen

Die rastlose Arbeit der letzten Jahre fordert nun jedoch ihren Tribut. Brändle zieht sich eine schwerwiegende, schleichende Krankheit zu, von der er sich nicht mehr erholt. Am 10. September 
1931 stirbt der fast Fünfzigjährige. Die Nachricht von seinem Tod verbreitet sich in Fellbach wie ein Lauffeuer; die Fellbacher sind erschüttert. Für sie bedeutete der Tod Brändles gerade in dieser schweren Zeit einen unermeßlichen Verlust. Die Worte, die Ratschreiber Steimle am Grabe des 
verstorbenen letzten Dorfschultheiß spricht, besitzen auch heute noch, nach fünfzig Jahren, ihre Gültigkeit: "Wenn Bürgermeister Brändle auch nicht mehr unter uns Lebenden weilt, so wird das Andenken an sein Leben und Wirken bei allen, die ihn kannten, fortleben als leuchtendes Beispiel der Arbeitsfreudigkeit und -willigkeit, der aufopfernden Liebe für seine Gemeinde, seinen Beruf und seinen Nächsten, als Förderer unserer Gemeinde. In tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht werden wir Fellbacher seiner gedenken. Mit ihm ist ein Stück Fellbacher Geschichte ins Grab gegangen."

Brändle beschrieben Zeitgenossen als einen großen, starken Mann, der sich mit seinem eisernen Arbeitswillen, seiner zähen Tatkraft und vor allem seiner Gerechtigkeit schnell Respekt verschaffte. Seine Amtsführung entsprach der damaligen Zeit; sparsam, streng, manchmal hart, aber in sozialen Belangen immer hilfsbereit und entgegenkommend, wobei letzteres wohl ganz besonders Schultheiß Brändle zugesprochen werden kann, zumal er von 1919 bis 1922 auch Vorstand und Gründungsmitglied des Evangelischen Vereins war.

Natürlich sind über Schultheiß Brändle auch einige Anektoden bekannt, die ihn treffend und augenzwinkernd charakterisieren. So spielte an einem Musikfest die Musikkapelle den zu dieser Zeit sehr beliebten Schlager: "August, deine Haare...", wobei alle Anwesenden fleißig mitsangen. Der ebenfalls anwesende August Brändle fühlte sich auf den Arm genommen und soll am nächsten Tag den Vorstand des Musikvereins aufs Rathaus bestellt und mächtig verdonnert haben.

Ein Wengerter soll über den Fellbacher Schultheiß einmal - ob aus Bewunderung oder in Rage - gesagt haben: ".... der Fetz, der elend..." Daraufhin brummte ihm der energische Schultheiß Brändle, dem dies zu Ohren gekommen war, eine saftige Strafe auf. Bald darauf lud ihn der Wengerter anläßlich einer Hausschlachtung zur Metzelsuppe ein. Er servierte ihm die Metzelsuppe, legte ein gutes Stück Schweinernes mit viel Speck dazu und sagte: "Gell, Fetts, dees magsch! Laß der's no schmecka!" Wie der Schultheiß auf diese Zweideutigkeit reagierte, ist nicht bekannt.

Nach sieben Monaten folgte Max Graser

Nach dem Tode Brändles flammte vor allem die Diskussion um eine Eingemeindung Fellbachs nach Stuttgart auf. Ein Eingemeindungsvertrag wurde aufgesetzt und unterschriftsreif ausgehandelt. Die Fellbacher wählten aus diesem Grund vorerst keinen neuen Bürgermeister mehr. Die große Wende trat jedoch ein, als Stuttgart, das sich durch die Eingemeindungen Zuffenhausens, Münsters und Rotenbergs finanziell übernommen hatte, die Forderungen Fellbachs mangels Zahlungskraft nicht erfüllen konnte. So wählten die Bürger Fellbachs am 16. April 1932 - also erst sieben Monate nach dem Tode Brändles - Dr. Max Graser zu ihrem neuen Bürgermeister. Eine neue Ära brach an, die bis 1966 andauerte und nur durch das 3. Reich schmerzlich unterbrochen wurde.