Thomas Knubben

Im Labyrinth der Nachkriegszeit-Fotografische Momentaufnahmen von Hansel Mieth und Otto Hagel

Als das New Yorker Museum of Modern Art 1955 die Ausstellung The Family of Man eröffnete, wurde sie als die größte fotografische Schau aller Zeiten angekündigt. Über 500 Bilder aus 68 Ländern, von den besten Fotografen der Welt aufgenommen, sollten gezeigt werden. Jahrelang hatte Edward Steichen, der schon damals große alte Mann der Fotografie, an dem Projekt gearbeitet. Der Titel, den er der Ausstellung gab, war Programm. Steichen hatte den Ersten Weltkrieg als Militärbeobachter mitgemacht und im Zweiten für die U. S. Navy fotografiert. Er hatte zu viel vom Krieg, zu viel von dem gesehen, was die Völker trennte. Nun wollte er zeigen, was die Menschen, woher sie auch stammten und wo immer sie leben mochten, verband. Seine Ausstellung sollte ein für allemal deutlich machen, daß die Menschen alle auf dem gleichen Planeten lebten und daß sie eine Weltenfamilie bildeten.

So utopisch das Anliegen erscheinen mochte, Edward Steichen hatte für seine Beweisführung genau das richtige Medium gewählt. Denn die Fotografien, die er in der Ausstellung versammelte, stellten nicht einen Wunschzustand in ferner Zeit dar, sondern dokumentierten auf eindrucksvolle Weise das Leben, wie es sich tagtäglich in Nord und Süd und Ost und West gestaltete. Die Aufnahmen zeigten Bauern in Kenia und in Sizilien, Fischer in China und an der Goldküste, Viehzüchter in Neuseeland und im Iran, sie schilderten das Leben der Mütter in Guatemala und in Österreich, der Kinder in Lappland und auf Java, sie belegten die Mühen der Schulpflichtigen in London und Moskau, und sie offenbarten das Leid, das der Krieg über die Völker brachte [1].

Eines der Bilder in der New Yorker Ausstellung zeigte einen kleinen Jungen mit einem Schulranzen auf dem Rücken, wie er in einer zerbombten Stadtlandschaft eine lange Treppe hinunterstieg. Das Foto war in Pforzheim entstanden, und der Fotograf hieß Otto Hägele. Er stammte aus Fellbach, lebte damals aber bereits seit zwei Jahrzehnten in den USA und hatte seinen Namen inzwischen zu Hagel verkürzt.

Otto Hagel: Sophies Suche, 1949. Die Bildunterschrift in LIFE: Onkel Fritz «pendelt» für meine Schwester Sophie und ihren Sohn Siegfried, um das Schicksal von Sophies Mann Eduard, der seit 1944 in Rußland vermißt ist, weiszusagen. «Er wird im März heimkehren», prophezeite Fritz. Aber Eduard kam nicht. 1947 hatte uns Sophie geschrieben: «Man darf sich nicht zu sehr quälen. Es hilft nichts. Das Beste ist, wenn man wie ein Ochse lebt. Eines ist sicher, wir wollen keinen Krieg mehr; lieber will ich mit der ersten Bombe umkommen, so sehr fürchte ich den Krieg.» Sophie machte weiter ihre Runde durch Kriegsgefangenenlager und Bahnhöfe, um mit heimkehrenden Gefangenen zu reden. Vor ein paar Tagen hat sie uns wieder geschrieben: «Ich habe jetzt herausgefunden, daß Eduard 1944 am Bauch verletzt wurde. Der Lastwagen, auf dem er lag, wurde zurückgelassen, weil sie kein Benzin mehr hatten. Ich hätte ihm einen schöneren Tod gewünscht.»

Ausbrüche aus der dörflichen Welt
Ende der 20er Jahre von Fellbach in die USA


Otto Hagel zählte 1949, als er die Aufnahme in Pforzheim machte, zusammen mit seiner Frau HanseI (Johanna) Mieth zu den wichtigsten und bekanntesten Bildreportern in Amerika. Ende der zwanziger Jahre waren sie auf recht abenteuerliche Weise ins Land gekommen [2]. Otto hatte 1928, als er gerade 19 Jahre alt war, auf einem Frachter angeheuert, der Kanarienvögel in die USA brachte. Eigentlich hatte er sich zur mehrmaligen Überfahrt verpflichtet, aber in Baltimore angekommen, verließ er schleunigst das Schiff, auf dem ihn wochenlang die Seekrankheit geplagt hatte. Ohne ausreichende Papiere und mit gerade 25 Cents in der Tasche machte er sich aus dem Staub.

Hansel, 1909 in Oppelsbohm geboren und wie Otto in Fellbach aufgewachsen, folgte ihm zwei Jahre später. Beide hatten sie bereits genug Erfahrungen mit ungewöhnlichen Reiseunternehmungen gesammelt. Der dörflichen Welt überdrüssig, waren sie noch keine 18 Jahre alt - 1927 mit dem Fahrrad zu einer langen Tour durch Frankreich, Spanien und Italien aufgebrochen. Kaum zurückgekehrt, zogen sie gleich wieder los. Diesmal war Indien ihr Ziel. Über Wien, Ungarn, Jugoslawien und Bulgarien schafften sie es zu Fuß immerhin bis in die Türkei. Fotos, die sie unterwegs aufnahmen, schickten sie zusammen mit kurzen Berichten an verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch an die Stuttgarter Zeitung. Ob sie je veröffentlicht wurden, haben sie nie erfahren. Wenn sie Indien auch nicht erreichten, so hatten die zahlreichen Versuche, aus der Enge des dörflich geprägten Lebens auszubrechen, doch deutlich werden lassen, daß ihnen ihr heimatliches Umfeld keine Perspektive bieten konnte.

Otto Hagel: Ein Junge in den Ruinen von Pforzheim, 1949.



Hansel Mieth: Emma Mieth, 1948.
Die Bildunterschrift in LIFE: Meine Schwester war unheilbar herzkrank, seitdem sie bei einem Bombenangriff auf dem Stuttgarter Bahnhof einen Herzinfarkt erlitten hatte. Sie hatte auf ihren Verlobten gewartet, der auf Urlaub kommen sollte. In den letzten Tagen des Krieges wurde der Verlobte von hinten erschossen, als er versuchte, mit Emmas Fahrrad von seiner Einheit zu fliehen. Bis zu ihrem Zusammenbruch war Emma eine emsige Sekretärin und Buchhalterin bei einem Chemiefabrikanten. Während der letzten fünf Jahre mußte sie zur Behandlung von einem Krankenhaus zum anderen ziehen. Sie ist vor wenigen Wochen gestorben und wurde neben meiner Mutter beerdigt. In einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: «Wir tragen eine schwere Schuld.»


Als Hansel nach Amerika kam, lebte Otto in San Francisco. Eine der frühesten noch erhaltenen Fotografien aus dem Jahre 1929 zeigt ihn bei der Arbeit als Fensterputzer hoch über den Straßen von San Francisco. Otto Hagel hatte das Foto, das streng komponiert und gleichzeitig sehr dynamisch wirkt, mit einem Selbstauslöser aufgenommen. Als er es bei einem Fotowettbewerb der Zeitung einreichte, gewann er den ersten Preis von zehn Dollar und erzielte damit seine erste Einnahme. Otto und Hansel hatten sich die schlechteste Zeit für den Beginn ihres gemeinsamen Lebens in Amerika ausgesucht. Die USA steckten nach dem großen Börsenkrach tief in der Wirtschaftskrise. Eine feste Anstellung zu bekommen, war so gut wie aussichtslos. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs unaufhörlich, und die Löhne sanken, da arbeitsrechtliche Sicherungssysteme fehlten, immer mehr [3]. Um überhaupt die Miete für ihr kleines Zimmer mit Kochecke bezahlen zu können, nahmen Otto und HanseI jede Arbeit an, die ihnen ein paar Cents bot. Sie schrubbten Böden, fuhren Müll weg, erledigten Reparaturen und entschlossen sich schließlich, wie so viele andere, als Erntearbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Mit einem alten, wackligen Auto, das sie mit ihrer spärlichen Habe beluden, fuhren sie von einer Farm zur anderen, um Bohnen und Kartoffeln, Erdbeeren und Pfirsiche, Aprikosen und Trauben, Orangen und Baumwolle - und was sonst noch in den fruchtbaren Tälern der Westküste wuchs, zu ernten. Ihr Zuhause war das Zelt, und der Mittelpunkt des Lebens war das Lagerfeuer, an dem die Taglöhner abends die müden Glieder ausstreckten. Ums Feuer sitzend, so Hansel Mieth im Rückblick, erzählte man sich Geschichten, sang man Lieder, half man den Kranken, bis sie wieder arbeiten konnten. Freundschaften wurden geschlossen und Feindschaften durchgestanden, Kinder wurden geboren und Tote begraben [4]. Bei ihrem Wanderleben in Kalifornien lernten die beiden Schwaben die Härte und Unerbittlichkeit des Konkurrenzkampfes in Zeiten elementarer Not kennen. Zugleich konnten sie aber auch Beispiele großer Solidarität und menschlicher Anteilnahme erfahren.

Beim Nomadenleben Kamera im Gepäck -
Arbeiten für führende amerikanische Zeitschriften

Was die beiden davor bewahrte, sich im täglichen Existenzkampf, der sich über Jahre hinzog, zu erschöpfen, das war die Fotografie. Wie schon während ihrer früheren Wanderschaften durch Europa führten sie auch jetzt ständig eine Kamera im Gepäck. Otto wurde bewußt, daß es galt, das eigene Leben und die eigene Zeit festzuhalten. Die Menschen mußten sich an diese Zeiten erinnern, in denen so viele nicht wußten, wo sie nachts schlafen sollten, wo so viele keine Wohnung hatten, wo sie Nomaden waren - ohne Möbel, ohne Bücher, ohne Strom und ohne Wasser [5].

Mit dem wenigen, was sie jede Woche sparen konnten, kauften sie sich Fotomaterial und Chemikalien. Sie fotografierten die Baumwollpflücker auf den Feldern und das Leben am Lagerfeuer, und sie dokumentierten die «Hoovervilles», jene Hüttendörfer der Hoffnungslosen, die während der Großen Depression in der Nähe von Müllhalden entstanden und die nach dem tatenlos zusehenden Präsidenten Herbert Hoover benannt waren.

Mitte der dreißiger Jahre waren die Aufnahmen, die Hansel und Otto unter dem Titel Der große Hunger zusammenfaßten, schon so bekannt geworden, daß sie von verschiedenen Seiten Aufträge bekamen. Hansel fertigte für mehrere Dokumentationsprojekte, die die Regierung zur Begründung dringend notwendiger sozialer Maßnahmen benötigte, Serien über nationale Minderheiten in San Francisco, über das Leben elternloser Jugendlicher und über arbeitslose Männer auf  Jobsuche, während Otto gleichzeitig das Milieu der Hafenarbeiter festhielt. Um diese Zeit begann sich auch Time, schon damals eine der führenden amerikanischen Zeitschriften, für die Arbeit der beiden Fotografen aus Fellbach zu interessieren. Als dessen Herausgeber Henry R. Luce 1936 daneben eine Foto-Illustrierte gründete, die den Namen LIFE trug und den Ehrgeiz besaß, die besten Fotografien aus der ganzen Welt zu drucken, wurden Hansel Mieth und Otto Hagel zur Mitarbeit aufgefordert. Hansel nahm das Angebot nach einiger Bedenkzeit an und zog 1937 als festes Mitglied des Fotografenteams von LIFE nach New York[6] . Otto ging mit ihr, band sich aber nicht, sondern arbeitete weiterhin free-Iance, sowohl für LIFE wie für Time, Fortune und andere Zeitschriften.

In den folgenden Jahren hasteten Hansel und Otto von einem Fotoauftrag zum anderen. Hansel machte Reportagen über Bergarbeiter und Cowboys, über Scheidungen in Reno und über Heime lediger Mütter, über Volkszählung und Geburtenkontrolle, über Waisenhäuser und soziale Fürsorge. Am meisten interessierten sie Themen aus Medizin und Forschung. Mit Wissenschaftlern verstand sie sich angeregt zu unterhalten und ihren nimmersatten Wissensdurst zu stillen. Einer dieser Aufträge brachte sie 1941 mit Albert Einstein zusammen, den sie fotografierte, als er Waisenkindern gerade auf der Violine vorspielte.

 

 



LIFE: We return to Fellbach Rückkehr in
die schwäbische Heimat




Hansel Mieth: An Helmuts Grab, 1949. Die Bildunterschrift in LIFE: «Mein Bruder Helmut», sagt Otto, «war noch nicht geboren, als unser Familienfoto aufgenommen wurde, und er war noch keine 20, als er in einem Kriegsgefangenenlager an Tuberkulose starb. Wir erinnern uns an ihn nur als einen kleinen Kerl mit lockigem Haar.» Als er etwa neun Jahre alt war, schrieb Mutter, daß Helmut jetzt einen Haarschnitt wie Hitler trüge. Wir schrieben zurück und warnten sie, daß Helmut niemals ein Schnurrbart wie Hitler wachsen dürfte, und damit war unser Briefwechsel zu Ende. Helmut wuchs in den Naziorganisationen auf und kam in das schwarzgekleidete Elitekorps der SS. 1945 ließ uns Mutter über die Schweiz einen Brief zukommen. «Von Helmut wissen wir überhaupt nichts.» Der nächste Brief ein 1 paar Monate später: «Unser Sorgenkind ist nicht mehr unter uns. Vater und ich durften ihn im amerikanischen Kriegsgefangenenlager sehen, am Tag bevor er starb. Nach vielen Mühen durften wir ihn nach Hause nehmen. Tot kam er noch einmal in unseren Hof, bevor wir ihn auf den Friedhof brachten. Gerade kommen wir von seinem Grab, wo wir ihn jeden Tag besuchen. Solange er lebte, konnten wir ihn nicht besuchen, jetzt machen wir es gut.»


Hansel Mieth war die vielen Jahre in Amerika immer, so gut es ging, in Kontakt geblieben mit ihren Angehörigen. Otto Hagel dagegen hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen und seit seiner Ankunft in Amerika kein Wort Deutsch mehr gesprochen. Eine Rückkehr in die alte Heimat war für ihn unvorstellbar. Als sich Hansel nach langem Hin und Her 1948 entschloß, ihre Schwester, die als einzige von ihrer Familie noch am Leben war, zu besuchen, lehnte Otto es kategorisch ab, sie zu begleiten. Erst die Fotografien, die Hansel bei ihrem Besuch aufgenommen hatte, ließen auch bei ihm den Gedanken an eine Reise nach Deutschland aufkommen.

Die Rückkehr nach Fellbach, die beide in einer umfangreichen Reportage für LIFE dokumentierten[7], war nicht leicht. Was sie aus der Heimat vertrieben hatte, waren vordergründig das Gezänk und die Sorgen zu Hause. Dahinter aber verbarg sich, wie sie in der Reportage bekannten, die tödliche Angst vor einem aussichtslosen Lebensweg. Beide hatten sie auch nie einen Hehl aus ihrer entschiedenen Gegnerschaft zum Naziregime gemacht und waren darüber oft in Streit mit ihren Verwandten geraten. Zwischen Otto und seiner Familie war der Kontakt ganz abgerissen, als seine Mutter ihm - noch vor Kriegsbeginn - geschrieben hatte, sein jüngerer Bruder Helmut trüge jetzt einen Haarschnitt wie Hitler. Otto schrieb knapp zurück: Vielleicht glaubt Ihr, er hat Grund, stolz auf seinen Haarschnitt zu sein. Aber ich bin sicher, wenn es so weitergeht in Deutschland, wird er nicht alt genug werden, auch einen Schnurrbart wie Hitler zu tragen. Sein Leben wird zu Ende sein, ehe ihm der Bart wächst. Das nächste, was Otto von Helmut hörte, war, daß er 1946 in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager an Lungenentzündung gestorben sei. Und nun kehrte Otto selbst als amerikanischer Staatsbürger und Angehöriger der Siegermächte in das am Boden liegende Deutschland zurück.

Aber lag Deutschland tatsächlich am Boden? Wie dachten die Deutschen darüber, wie über den Krieg, wie über Schuld und Verantwortung, wie über den Neubeginn und die Zukunft? Das waren Fragen, die Hansel und Otto schon lange beschäftigten und die sie jedem zu stellen gedachten, dem sie bei ihren Reisen, die sie zunächst jeder für sich allein und 1950 dann gemeinsam unternahmen, begegneten.


Otto Hagel: Fritz Hägele, 1949. Die Bildunterschrift in LIFE: Mein Vater ist 62 und leidet an Wassersucht. Aber täglich geht er seinem Beruf als Dachdecker nach. Es ist eine harte und gefährliche Arbeit, die ihm ein anständiges Leben ermöglicht. Während des Krieges hatte er russische Fremdarbeiterinnen, die ihm die schweren Dachziegel die zwei- und dreigeschossigen Gebäude hochtrugen, aber jetzt arbeitet er allein. In den frühen Nazijahren gehörte er der SA an. Bei seinem Geschäft verdiente er gutes Geld, und jahrelang zahlte er jeden Monat für einen Volkswagen ein. Wie Tausende anderer Deutscher bekam er das Auto nie zu Gesicht. «Nie wurde ein Volk schlimmer betrogen als wir Deutschen», brummt er. «Wer jetzt noch einen Krieg will, gehört am nächsten Laternenpfahl aufgehängt.»

Die Antworten, die sie darauf fanden, faßten sie zusammen in dem Bildbericht, der am 26. Juni 1950 unter dem Titel We return to Fellbach in LIFE erschien. Er bestand aus einer Reihe von Fotografien, die sie mit knappen, aber prägnanten Texten versahen. Das Besondere an ihrer Reportage bestand darin, daß sie zwar professionelle Fotografen waren, hier aber nicht von Berufs wegen die Stimmungslage irgend einer Stadt in Deutschland mit mehr oder weniger großer Anteilnahme festzuhalten versucht hatten, sondern daß sie als Eingeweihte über ihr eigenes Umfeld, ihre eigene Familie und ihre eigenen Freunde berichteten. Auf diese Weise erhielt ihre Schilderung eine sehr persönliche Note. Zugleich wiesen die Fotos durch ihre spürbare Wärme und die intensive Hinwendung zu den Portraitierten jene Charakteristik auf, die die Arbeiten von Hansel
Mieth und Otto Hagel schon immer ausgezeichnet hat. Daß andere Fotografen, die nach Deutschland gegangen waren, anderes gesehen und berichtet haben, darauf wurde im Einleitungstext zur Reportage zu Recht hingewiesen. Ebenso wurde aber auch festgehalten, daß nur wenige so aufgewühlt und eindringlich hingeschaut haben wie diese beiden, die ihren Bericht über die Heimat <mit einem flauen Gefühl im Magen> verfaßt haben.

Keine Trümmerhaufen, sondern leidgeprüfte Gesichter wenig
Schuldbewußtsein, viele Unschuldsbeteuerungen


Was sich die beiden mit ihrer Reportage vorgenommen hatten, war in der Tat dazu angetan, ein flaues Gefühl hervorzurufen, denn ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Nachkriegsdeutschland haben durchaus gespaltene Empfindungen hinterlassen. Gewiß sollten ihre Aufnahmen aus Fellbach zuallererst eine Anklage des Krieges an sich sein, wie dies auch Ed Thompson, der damalige Chefredakteur von LIFE, sah. Hansel Mieth und Otto Hagel formulierten ihre Anklage jedoch nicht in den geläufigen Aufnahmen von Schutt und Trümmern,  Toten und Verstümmelten, sondern in Portraits leid geprüfter Gesichter, die sie mit großer Sensibilität einfingen.


Hansel Mieth: Die Hochzeit, 1949. Die Bildunterschrift in LIFE: Das Schönste, was wir bei unserem Deutschlandbesuch erlebten, war die Hochzeit von unserem Vetter Hermann Laipple, der mit seiner Braut zur Kirche geht. Hermann kämpfte während des Krieges in Rußland. Er verlor zwei Zehen und alle seine Zehennägel. «Mann, hatte ich Glück», sagte er.

Das Foto, das Hansel von ihrer Schwester Emma aufgenommen hat und das ebenfalls für die Ausstellung The Family of Man vorgesehen, aber nicht verfügbar war, offenbart vielleicht am besten den besonderen Stil der Reportage. Es zeigt ihr Gesicht in extremer Nahaufnahme mit nach oben, weit in die Feme gerichtetem Blick - ein Gesicht, das einiges von der Not erkennen läßt, die ihr im Krieg widerfahren ist: Augen, die viel Enttäuschung und wenig Hoffnung ausdrücken, eine Haltung, die Schuldgefühl zeigt und Mitgefühl weckt, ein Bild, das bei aller Individualität einen Zustand beschreibt, der dem vieler Deutscher in der frühen Nachkriegszeit entsprach. Das Leid, das die beiden heimgekehrten Fotografen sahen, spiegelte sich nicht nur im Gesicht der Schwester. Es offenbarte sich ebenso im Bild der Mutter am Grab ihres Sohnes, und es zeigte sich in der Aufnahme des Onkels Wilhelm Geiges und seiner Frau Mathilde, die in sich gekehrt der sonntäglichen Bibellektüre nachgehen und ohne Hoffnung auf die Rückkehr des in Rußland verschollenen Sohnes sind.

Es kommt selten vor, daß solch ein intimer Einblick in persönliche Verhältnisse und Empfindungen gegeben wird, wie es Hansel und Otto in ihrer Nachkriegsreportage getan haben. Noch seltener aber sind die Beispiele, wo dies in einem pietistisch geprägten Umfeld geschah, waren die Vorbehalte gegen die Fotografie hier doch oftmals ganz grundsätzlicher Natur und zutiefst religiös motiviert[8]. Es bedurfte wohl der verwandtschaftlichen Beziehungen und des Blicks aus der Distanz, um solche Bilder zu fertigen.

Niedergeschlagenheit, Bedrückung und Verletztheit waren aber nicht die einzigen Empfindungen, denen Hansel Mieth und Otto Hagel bei ihrer Reise in die Heimat begegneten und von denen sie ihren amerikanischen Lesern berichteten. Sie mußten ebenso erfahren, wie Überheblichkeit, Wehleidigkeit und blanker Zynismus ihren Platz behaupteten, und sie verschwiegen es den Lesern nicht. Sie berichteten von den Unschuldsbeteuerungen der vielen Bürger, die alles auf die großen Esel schoben, die sie dahin gebracht hätten, und sie zitierten den alten Nazi, der darauf wartete, daß Deutschland wieder wachsen kann, wenn die Russen und die Amis sich gegenseitig umgebracht haben.

Otto Hagel: Die Familie Hägele, 1949.
August Hägele, der vor sich die Bibel
aufgeschlagen hat, wirkte als Prediger bei den
"Pregizerianern», die als pietistische
Strömung ein heiteres Christentum
verkündeten.

Zwar stellten sie fest, daß die meisten Deutschen für Frieden beteten und niemand mehr von Herrenklasse und Herrenrasse sprach. Aber ihnen fiel auch auf, daß das Schuldbewußtsein eher mangelhaft ausgeprägt war. Es schien ihnen, als hätte sich nichts verändert, seitdem sie ihren Heimatort verlassen hatten. Sie fanden die Wände vollgeklebt mit Plakaten der politischen Parteien, sahen die Schaufenster wieder mit teuren Waren gefüllt, zählten die Arbeitslosen und fühlten sich fast in die Tage der Weimarer Republik zurückversetzt. Nach einer Weile des genauen Zuhörens bemerkten sie jedoch, daß die alten Zeiten für immer vergangen waren. Eine Zeit der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer, der Konzentrations- und Vernichtungslager, der Grausamkeit und des Krieges liegt wie eine Kluft zwischen Gegenwart und Vergangenheit [9].

Die Reportage von Hansel Mieth und Otto Hagel war ein Bericht von den Schäden, die der Krieg selbst dort hinterlassen hatte, wo man keine äußeren Zeichen der Zerstörung wahrnahm. Sie war eine Momentaufnahme, die den langen Augenblick festhielt, der sich zwischen die Erinnerung an die leidvolle unmittelbare Vergangenheit und die Hinwendung an die drängende Zukunft schob. Eben diesen Augenblick hat Otto Hagel auch in dem Foto von Pforzheim gebannt, das Edward Steichen für seine Ausstellung ausgewählt hat.

Starkes Echo in den USA und Deutschland

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland selbst fanden die sensiblen Aufnahmen aus der Nachkriegszeit große Beachtung. Zwei Monate, nachdem die Reportage in LIFE erschienen war, wurde sie in der Neuen Münchner Illustrierten nachgedruckt [10]. Auch deren Redakteure sahen einen erschütternden Bericht darin, fügten aber hinzu: So traurig wie die LI FE-Reporter sehen wir die deutsche Wirklichkeit längst nicht. Sie haben die tiefsten Punkte des deutschen Schicksals nicht miterlebt. Wir wissen, es geht - trotz allem - aufwärts.

Genau diese Selbsteinschätzung scheinen Hansel Mieth und Otto Hagel gespürt zu haben. Otto hat Deutschland danach nicht wiedergesehen; er starb 1973 auf seiner Farm bei Santa Rosa in Kalifornien. Hansel lebt noch immer dort. Vor kurzem ist sie nach über 40 Jahren wieder einmal nach Fellbach zurückgekehrt.

Hansel Mieth: Onkel Wilhelm Geiges und seine Frau Mathilde, 1948. Die Bildunterschrift in LIFE: Fast jeden Sonntagnachmittag nach dem Essen sitzen Onkel Wilhelm Geiges und Tante Mathilde, die jetzt 80 sind, in ihrer Stube. Im besten Sonntagsstaat lesen sie die Bibel und warten auf die Prediger, die sich wöchentlich in ihrer Stube versammeln. Sie hatten zwei Söhne. Der ältere ging in die Stadt. Der jüngere, Gotthilf, sollte den Bauernhof übernehmen. Aber er wurde eingezogen und kam als Bursche bei einem Oberst nach Rußland. Er ist nie zurückgekehrt. «Er sah so stattlich aus in seiner Uniform», schluchzt Tante Mathilde. «Für was haben wir unser ganzes Leben lang gearbeitet und gespart? Jetzt, wo wir alt und krank sind, sind wir allein.»


ANMERKUNGEN
[1] The Family of Man. Ausstellungskatalog des Museum of Modem Art, New York 1955.
[2] Über den biographischen Hintergrund der beiden Fotografen informieren: Johanna Mieth / Christiane Barckhausen: Im Tal der singenden Hügel. Erinnerungen einer Deutsch-Amerikanerin, Stuttgart 1991; Thomas Knubben: Simple Life. Zum Leben und Werk von Hansel Mieth und Otto Hagel. In: Hansel Mieth / Otto Hagel: Simple Life. Fotografien aus Amerika 1929-
1971,Stuttgart1991,S.8-24.
[3] Vgl. Philip S. Foner / Reinhard Schultz: Das andere Amerika. Geschichte, Kunst und Kultur der amerikanischen Arbeiterbewegung, Berlin 1983.
[4] Mieth/Hagel: Simple Life (wie Anm.2), 5.30.
[5] Ebenda.
[6] Dazu auch Susan Ehrens: Hansel Mieth. In: Photo Metro 5/1987,5.5-12; LIFE. The First Fifty Years 1936-1986, New
York 1986.
[7] LIFE 28/1950 vom 26. Juni 1950, 5.105-111.
[8] V gl. Ralf Beckmann: Fotografie im ländlichen Raum - Fragen an einen Fellbacher Nachlaß. In: Schwäbische Heimat
1991/3,5.231-240.
[9] LIFE 28/1950 (wie Anm. 7),5.108.
[10] Die Neue Münchner illustrierte 30/1950 vom 26. August 1950, 5.6-7.