Fellbacher Zeitung, Samstag, 16. Juli 1977
Von alten Fellbachern
Wirtshäusern und ihren Besitzern
Wo einst ein Wirtshausschild winkte
Die Familie Heß stelle eine ganze Dynastie
von Gastwirten
Schon in früheren Jahrhunderten haben in Fellbach, trotz des überaus ländlichen Charakters, zahlreiche Gastwirtschaften bestanden. Diese recht einfachen Wirtshäuser hatten noch nicht den Charakter von "Herbergen", das heißt, dem Durchreisenden war keine Möglichkeit gegeben, hier ein, Nachtquartier zu bekommen. Wirtsschilde, heute bedeutsames Zeichen eines Berufsstandes, kannte man in Fellbach bis ins 17. Jahrhundert hinein nicht. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts können wir in Urkunden nachweisen, daß in der Kappelbergstadt Wirtsschilde aufkamen, die zugleich dem Gastwirt als Beinamen beigegeben wurden. Am frühesten wird urkundlich ein "Ochsen"-Wirt genannt - das war um 1680 -, dann ein "Hirsch"-Wirt (ab 1725), ein "Lamm"-Wirt (ab 1750), ein "Löwen"-Wirt (ab 1757), ein "Adler"-Wirt (ab 1760) und ein "Kronen"-Wirt (ab 1785).
Der älteste in Urkunden erwähnte "Würth" in Fellbach war von über 375 Jahren ein Jakob Schnaitmann (1571-1609), der Sohn des "Hans Schnaitmann der Alt" (1537-1617). Ob auch dieser bereits eine Gastwirtschaft betrieb, das ist nicht zu ermitteln. Jakob Schnaitmann war im jungen Alter von 38 Jahren verstorben. Sein Nachfolger als "Würth" ist sehr wahrscheinlich sein Stiefbruder Joachim Schnaitmann (1587-1648), dessen Beruf als "Küffer, Gastgeber und Würth" angegeben wird.
Aus alten Urkunden konnte man
entnehmen, daß der im Jahre 1648 geborene Johannes Schmid der früheste
Fellbacher "Ochsen"-
Wirt war. Er starb im 70. Lebensjahr. Seine "Ochsen"-Wirtschaft
dürfte bereits schon am heutigen Platz gestanden haben und sein Schwiegersohn
Michael Heß, der von 1672 bis 1729 lebte, und mit Anna Maria Schmid verheiratet
war, dürfte schon zu Lebzeiten von Johannes Schmid den "Ochsen"
übernommen haben. Um 1720 hat Michael Heß das bis vor wenigen Jahren
bestandene zweistockige schmucke Fachwerk-Gebäude an der Hinteren Straße
erbauen lassen. Heute steht auf diesem Platz der Neubau der Kreissparkasse.
Dieses zweite "Ochsen"- Wirtshaus hat bis zum Jahre 1921 an seiner
Südwestecke ein altes Wirtsschild mit dem Ochsen als Wahrzeichen getragen.
Leider wurde dieses Schild, das möglicherweise noch vom ganz alten
"Ochsen" stammte, durch ein neues ersetzt. Das alte Wirtsschild erwarb
ein Stuttgarter Altertumshändler.
Der oben genannte Michael Heß wurde der Stammvater einer ganzen Gastwirtsdynastie,
die in Fellbach und auch anderswo eine Anzahl von anerkannten Vertretern
dieses Gewerbes stellte. Sein Sohn Johann Georg Heß (1705-1774) war zunächst
"Ochsen"- Wirt in Schmiden und dann auf dem elterlichen
"Ochsen"-Wirtshaus in Fellbach. Der älteste Sohn dieses Johann Georg
Heß, der in Schmiden geborene Johann Georg Michael Heß (17311804), hat auch
das angestammte Gewerbe ergriffen und um 1757 in Fellbach den "Löwen"
gegründet.
Seine vier Brüder wurden ebenfalls Gastwirte. Der drittälteste Bruder Johann
Gottlieb Heß (1743-1802) übernahm den angestammten Fellbacher
"Ochsen"; Jakob Heß übernahm den "Ochsen" in
Obertürkheim, Johann Georg Heß gründete mit der Übernahme des
"Hirschen" und der Posthalterei am Alten Postplatz die
Waiblinger Linie. Johannes Heß ging nach Schorndorf und übernahm dort
ebenfalls einen "Ochsen".
Als vierter Heß auf dem
Fellbacher "Ochsen" ist Joseph Friedrich Heß (1751-1822), ein Sohn
des "Löwen"-Wirts Johann Georg Michael Heß. Sein Bruder Georg
Michael Heß (geb. 1759) wurde "Lamm"-Wirt in Fellbach. Ein
Schmuckstück der Cannstatter Straße ist das "Hirsch"-Wirtshausschild
an der Einmündung der Hirschstraße. Über die ,,Hirsch"- Wirte ist
bekannt, daß im "Hirsch"
um 1730 der Gerichtsverwandte Johann Michael Kugler (1702-1759) aufgezogen war.
Dessen Nachfolger wurde Joseph Friedrich Ebensperger (1747-1801). Als nächster
"Hirsch"-Wirt fungierte sein Sohn Johann Friedrich Ebensperger
(1779-1816). Nach Johann Friedrich ging der "Hirsch" in
andere Hände über.
Leider ist der Brauch abgekommen, geschmackvolle und künstlerisch gestaltete
Wirtshausschilder zu führen. Doch glücklicherweise sind uns in Fellbach noch
einige alte Schilder erhalten geblieben, die teilweise Meisterleistungen der
Schmiedearbeit darstellen. Eine schöne handwerkliche Leistung zeigt das bereits
erwähnte Wirtsschild zum "Hirsch". Auch das Wirtsschild zur "Krone",
das jetzt die Südostecke des neuen Fellbacher Heimatmuseums ziert, darf
als schönes schmiedeeisernes Stück geschätzt werden. Weniger Beifall findet
das Schild zur "Traube"
am Berliner Platz. Schließlich sei auf das schlichte Wirtshausschild zur
"Sonne" hingewiesen, das auch auf unserer Federzeichnung zu sehen ist.
Das Wirtsgewerbe in Fellbach kann also auf eine traditionsreiche Vergangenheit
zurückschauen. (st)