Aus Chronik Neustadt I (1289-1918)

von Emil Dietz

herausgegeben von der Gemeinde Neustadt/Rems 1972


Der Hegnacher Hof

Geschichte und Erwerbung

Das Dorf Hegnach oder Grosshegnach wird urkundlich schon 1282 genannt. Kleinhegnach, der Hof, erscheint erst 1344. Damals hatte ihn Konrad von Stammheim von Eberhard dem Greiner zu Lehen. 1370 empfing Reinhart von Stammheim das Lehen.
Die Herren von Stammheim waren württembergische Lehensleute, die dem württembergischen Grafen zu Hofdiensten und Kriegshilfe verpflichtet waren. (1377 fiel als württembergischer Hofmeister in der Schlacht bei Reutlingen Wolf von Stammheim.) Dafür waren ihnen, gleichsam als Besoldung, Gefälle oder Güter erblich verliehen. Wenn sich das Lehen nur in männlicher Linie vererben konnte, hieß es Mannlehen, im anderen Fall Kunkellehen. Der Lehensmann überließ das Lehen häufig einem Bauern zur Bebauung, welcher daraus zinste (Zinslehen). So war es auch in Kleinhegnach.
Der Zehnte aus den Hofgütern gehörte um 1350 der Kapelle zu Waiblingen, d. h. der Michaelskirche. Ferner hatte Württemberg 1 Pfd. Heller Mannsteuer zu erheben. Der damalige (ungenannte) Inhaber war nämlich ein "Leibeigener", dessen Leibherr der Graf von Württemberg war. Die Leibeigenschaft haftete an bestimmten Personen, ob diese nun viel oder wenig besaßen. Sie bedeutete nicht eine Art Sklaverei, sondern nur eine sehr lästig empfundene Besteuerung. Der Betreffende hatte eine jährliche Abgabe an seinen Leibherrn zu entrichten: Männer Leibzins oder Mannsteuer, Franen eine Leibhenne, gewöhnlich am Stephanstag.
Viel schlimmer war das Recht des Leibherrn auf eine Art Erbschaftssteuer beim Tode des Leibeigenen. War' s ein Mann, dann war das Hauptrecht, d.h. das beste Stück Vieh, fällig; war' s eine Frau, so bekam der Herr ihr bestes Kleid. Dieses Recht des Leibherrn war, da es in die schwersten Zeiten der Familie ohne Rücksicht eingriff, besonders verhaßt und auch eine der Ursachen des Bauernkrieges 1525. Übrigens waren die Leibeigenen in Neustadt seit alter Zeit von diesem Hauptrecht befreit (Lagerbuch 1568/69). Die Leibeigenschaft wurde 1818 von König Wilhelm I. aufgehoben.
1438 wurde der Hof offenbar geteilt und die eine Hälfte von Wolf von Stammheim verkauft an Rudolf Rumel, herrschaftlichen Schreiber in Nürtingen, nachmaligen Vogt in Stuttgart, um 275 fl. (etwa 2000 M). 1453 kaufte die Gemeinde Hegnach eben diesen Hof für ihre Kaplanetpfründe um denselben Preis. Bis 1438 war der Hof in der "freien Hand" gewesen - so sagte man von Besitzungen des Adels und der Kirche - und hatte daher keine Steuern nach Neustadt bezahlt. 1473 weigerte sich der Inhaber Jerg Stork, dessen Vater schon hier gesessen war, die Steuern, Schätzungen und Dienste zu leisten, weil der Hof wieder in freier Hand sei. Neustadt klagte gegen Stork, der sich nicht in ihr Gericht und zum Untergänger wählen ließ, daß er die jährliche Steuer geben müsse. Der Prozeß kam vors Stadtgericht Waiblingen und Stuttgart, zuletzt vor "seiner Gnaden Hofmeister", der offenbar zu Gunsten von Neustadt entschied, denn später zahlte der Hof (wie die andere Hälfte) 10 ß Martinisteuer und beteiligte sich an Hilfsgeld, Fronen usw. wie die Neustädter Höfe auch. Die beiden Höfe waren ja etwa 85 Mg. groß, von denen 70 Mg. Acker waren. Der sogenannte Kleinhegnacher Hof gültete zur Kaplanei (1501 Pfarrei) Hegnach 9 Sch. Roggen, 9 Sch. 2 Si. Haber und 2 Martinshennen. 1568 baute ihn Theus Hauffler, 1592 dessen Witwe, 1634 Bardlin (Bartholomäus) Lebsanfft. Der Stammheimische Hof reichte an Gülte je 8 Sch. Roggen und Haber, 2 Kapaunen und 2 Fasnachthühner. 1592 war der Hof schon an die Schertlin, die Nachkommen des berühmten Heerführers der Reformationszeit Sebastian Schertlin von Burttenbach, als die Erben der Stammheimer übergegangen und heißt von da an Schertlinscher Hof. Auf dem Hof saßen 1592 die Amman, dann bis 1616 die Hörmann. 1624 kaufte ihn Hans Maichinger aus der Gegend von Bebenhausen um 2700 Gulden.
Im 3ojährigen Krieg wurden beim Einfall der Kaiserlichen beide Höfe fast gänzlich zerstört. Der der Geistlichen Verwaltung (wegen der Pfarrei Hegnach) gehörige hatte nachher noch ein "sehr übel verderbtes Haus mit Scheuer", der Schertlinsche war ein Trümmerhaufen, sämtliche Bewohner waren gestorben. Der Steg bei der Mühle war abgebrochen, Wölfe machten die Gegend unsicher, und so blieb bis 1668 alles öde und unbewohnt. 1669 wurde der Hof der Geistl. Verwaltung, also der Kleinhegnacher Hof, "renoviert" und neu verliehen (Familien Mayer und Seidelmeyer). Den Schertlinschen Hof begann der Junker Reinhard Friedrich Schertlin von Burttenbach und Stammheim 1677 aufzubauen. Dabei geriet er mit den Gemeinden Neustadt und Hegnach in Streit, da er behauptete, 3 Tagwerk in den Buchwiesen gehörten zu seinem Hof. Er ließ diese auch abmähen. Beide Gemeinden legten Beschwerde ein, und Schertlins ganz unbegründete Ansprüche wurden zurückgewiesen. Aber er beruhigte sich nicht und bezahlte nun trotzig keine Steuern an Neustadt, auch erlaubte er sich Übergriffe in der Gerichtsbarkeit, welche Württemberg bzw. dem Gericht Neustadt zustand, indem er des Mayers Frau in Stammheim "inkarzerieren" ließ. 1679 ließ er zwar 17 Mg. anbauen, aber das Gras nicht mähen, baute auch nicht weiter, sondern ließ das Bauholz verkommen. Jahrelang zog sich bei der Hartnäckigkeit Schertlins der Streit hin, bis endlich im Frühjahr 1684 Schertlin in allen Klagepunkten durch Beschluß des Geheimen Rats abgewiesen wurde. Der Versuch des Freiherren, der schon damals sehr verschuldet war, die Sache auch noch vor das Hofgericht Tübingen zu bringen, wurde im Januar 1685 zurückgewiesen mit der Begründung, er wolle "die ohnehin sehr armen Leute in Neustadt" in große Unkosten bringen, daß sie dadurch "ermüdet" werden möchten. Von 1685 bis 1705 lagen die Güter größtenteils öde und wüst, nur kleinere Teile wurden "von Anstössern angeblümt". Der Wieswachs wurde von der Gemeinde verkauft und die Steuer daraus bestritten. Im März 1705 verkaufte Schertlin seinen Hof als Mannlehen an Johannes Baur aus Neustadt. Durch den Aufkauf des Ritterguts Stammheim durch Württemberg kam 1737 der Hof zur Kammerschreiberei und damit zum Stabsamt Stammheim. Während die Bestände des Erbachhofs im 18. Jahrhundert wenig Zusammenhang mit Neustadt hatten, waren die Beziehungen zu Kleinhegnach enger. Im 18. Jahrhundert sitzen dort die Familien Fick, Beisswanger (1705 Schertlinscher Hof), Widmann (1723 Johann Georg, Stammvater der Widmann), Rühle, Volmar und Unger. 1598 waren es 2 Bürger, d. h. etwa 10 - 12 Einwohner, 1796 44 Bewohner. Im 19. Jahrhundert war der Hof stärker bevölkert als heute: 1837 waren es 53, 1850 gar 72, 1900 dagegen bloß noch 38 Einwohner.

Übersicht:

1634 Beim Einfall der Kaiserlichen werden die beiden Höfe in Kleinhegnach fast gänzlich zerstört
1653 Im Hegnacher Hof, der öde und leer steht, hausen die Wölfe. Jeder Förster muß bis 1655 jährlich mindestens 2 Wölfe erlegen. Die Männer müssen zu Wolfsjagden ausrücken.
1669 Der Teil des Hegnacher Hofs, welcher der geistlichen Verwaltung gehört, wird renoviert und an die Familien Mayer und Seidelmeyer verliehen.
1677 Junker Reinhard Friedrich Schertlin von Burtenbach und Stammheim baut den seiner Familie gehörenden Teil des Hegnacher Hofs (Schertlinscher Hof) wieder auf. Dabei beginnt ein langer Streit Schertlins mit den Gemeinden Hegnach und Neustadt. 1684 wird durch Beschluß des Geheimen Rats den Gemeinden Recht gegeben. Der Versuch des damals schon verschuldeten Freiherren, die Sache vor das Hofgericht Tübingen zu bringen wird abgewiesen. Er wolle "die ohnehin sehr armen Leute in Neustadt in große Unkosten bringen, daß sie ermüdet werden möchten."
1705 Schertlin verkauft einen Teil des Hegnacher Hofs an Johannes Bauer aus Neustadt.
1773 Als am 17.Januar 1773 Hans Michael Beisswanger von Kleinhegnach bei sehr finsterer und stürmischer Nacht heimging, geriet er bei den Hummelwiesen in die stark angeschwollene Rems und ertrank. Er wurde erst am 21. gefunden und folgenden Tags in Waiblingen begraben.
1814 Michael Häfner von Neustadt und Johannes Beisswanger vom Hegnacher Hof fallen bei den Angriffen auf Paris.
1847 In diesem Jahr beginnt eine Auswanderungswelle. Bis 1859 wandern etwa 80 Personen aus Neustadt nach Amerika und Australien aus.

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