Aus der Oberamtsbeschreibung Waiblingen von 1850:

Kapitel 24: Gemeinde Neustadt mit Badhaus, Mühle, Erbachhof, Klein-Hegnach. Gemeinde zweiter Klasse mit 1058 Einwohner, worunter 1 Katholik.

Der Gemeindebezirk erstreckt sich einestheils über dem rechtseitigen Remsufer, auf der Winnender Hocheben, die hier an ihrem südwestlichen Ende in ein wellenförmiges Hügelland übergeht, anderntheils auf dem linksseitigen Remsufer, wo sich das Terrain in der bei Hegnach angegebenen Weise an das Schmiedener Feld anschließt. Die Markung grenzt hier im Westen an das Oberamt Canstatt. Sie ist von der Rems durchschnitten, deren interessante, bei Hegnach, Hohenacker und Neckarrems bemerkte Krümmungen jetzt beginnen. Die Seitenwände des anmutigen Thales sind hier weniger steil und meistens angebaut; der Thalgrund ist fruchtbarer Wiesboden. Auch die mäßigen Anhöhen sind größtentheils angebaut. Die höchste derselben ist der östlich von Neustadt liegende Leonberg oder Serrenberg, ganz mit Weinreben angepflanzt und die Ueberbleibsel einer Schanze tragend, von wo aus das Auge eine erquickende Aussicht in's Remsthal und gegen das Neckarthal genießt. Bei heller Witterung zählt man 42 Ortschaften.

Die Markung ist auf dem linksseitigen Remsufer von der guten Ludwigsburger Straße, auf dem rechtseitigen von der nach Hohenacker und Schwaickheim führenden gleichfalls guten Straße, die bei Waiblingen in die dort erwähnte Allee ausmündet, durchschnitten. Sie hat 5 größere, meist immer fließende Quellen, wovon 4 in Brunnen gefaßt sind. Der Mineralquelle wird hienach gedacht werden. Der Boden - hauptsächlich Lehm und Kalk -  ist fruchtbar,  die Luft rein und mild, im Dorfe oft scharf, im Thale häufig neblig. Frühlingsfröste sind nicht selten; Hagelschlag ist selten. Steinbrüche liefern hauptsächlich nur Straßenbaumaterial. Die Ausbeutung der 8-10 Gypssteinbrüche dagegen ist für manche Besitzer kein unbedeutender Erwerbs- und Handels-Artikel.

Die Gemeinde ist dem Forstamte Reichenberg und - da der Staat allein Grundherr ist - dem Cameralamte Waiblingen zugetheilt. Für den großen Zehenten erhebt dieses 245 Scheffel Getreide nach Rauhem, für den kleinen 115 fl., für den Heu- 36 fl., für den Wein- 520 fl. und für den Noval-Zehnten 36 fl., sowie 28 fl. Surrogatgelder, 10 fl. 55 kr. und 31 Scheffel Frucht als Lehengefälle, 8 Scheffel Landacht und 67 fl. und 56 kr. für Bodenwein, und in Erbach 128 fl. Surrogatgeld, 6 fl. 55 kr. Lehengefalle und 16 Scheffel Landacht.

a) Das Pfarrdorf Neustadt, auch "Neustädtle", liegt auf einem Vorsprung der zuvor gedachten Hochebene, die sich auf der rechten Seite des Remsthales erhebt, 1/2 Stunde nordöstlich von Waiblingen, und hängt etwas gegen die Rems herab. Der Felsen, auf welchem das Dorf  steht, zeigt gegen Südwesten Ueberreste ehemaliger Befestigung. Noch vor etwa 60 Jahren war es mit einer Mauer umgeben, wovon sich noch Spuren finden. Das gegen das Bad herunterschauende Haus heißt "in der Burg".

Es sind (in der ganzen Gemeinde) 138 Haupt- und 43 Nebengebäude. Das Aussehen ist darum ungünstig, weil früher kein Bauplan eingehalten wurde. Die Kirche zum heil. Bernhard, mitten im Orte, ist alt, unansehlich und finster, doch geräumig genug; der Thurm schlecht und nieder gebaut. Die Baulast haben die Ortskassen. Entfernt von der Kirche, aber im Orte selbst liegt der Gottesacker. Nahe bei derselben steht das wegen des Kirchengutes vom Staat zu erhaltende Pfarrhaus, das eine liebliche Aussicht in das unten sich hinziehende Remsthal gewährt. Das in der Nähe befindliche Schulhaus haben die örtlichen Kassen 1845 zu einem geräumigen und freundlichen Lokal umgeschaffen. In der Mitte des Ortes steht das 1845 erbaute stattliche Rathhaus.

b) das Badhaus, von einer Familie bewohnt, liegt im Thale, zu den Füßen des Dorfes. Der dermalige Besitzer des Hauses, Wilhelm Friedrich Schuler, hat das 1819 errichtete Bad, dessen Bestandtheile S. 10 näher angegeben sind, auch neu geschaffen; denn obgleich schon 1684 entdeckt und chemisch erprobt, dann wegen der französischen Einfälle verlassen, 1711 aber in Stein gefaßt, wurde die Mineralquelle erst 1816 neu gefaßt und bedeckt. Sie entspringt bei der naheliegenden, sogleich zu erwähnenden Mühle. Außer der Wirthschaftslokalitäten enthält das Haus 18 freundliche, den Sommer über größtentheils mit weiblichen Kurgästen besetzte Wohnzimmer, nebst 10 Badekabinetten mit Hahneneinrichtung. Unmittelbar am Hause befindet sich ein hübsch angelegter, 5 Morgen großer Garten, der den Sommer über von den Umwohnenden fleißig besucht wird, da Küche und Keller des zuvorkommenden Wirthes überall vortheilhaft bekannt sind. Die Zahl der Badegäste ist 60 - 80, die der abgegebenen Bäder 1200 - 1500 jährlich.

c) Die Mühle, von 2 Familien bewohnt, liegt an der Rems, einige hundert Schritte unterhalb des Bads.

d) Erbachhof, 3/4 Stunden nordöstlich von Neustadt, auf der Gemeindegrenze gegen Schwaickheim. Der Hof gehörte 1560 der Stadt Waiblingen, die daraus der dortigen Prädikatur 5 Scheffel  1 1/4 Simri Haber, 3 Scheffel 4 1/2 Simri Roggen und  5 Scheffel Dinkel reichte. Das Landbuch von 1744 gedenkt desselben als "zur fürstlichen Kammerschreiberei" gehörig. Im Jahr 1799 verkaufte ihn die Kammerschreiberei an die Gemeinde Neustadt. Der jetzige Weiler, wobei ein 1/8  Morgen großer Weiher, besteht aus 4 Familien, hat aber keine eigene Markung. Dasselbe gilt von

c) Klein-Hegnach, 1/4 Stunde von Neustadt auf dem linken Remsufer liegend. Es führt ein Fußsteg dahin. Die Einwohnerzahl (1846 72) ist gleichfalls unter Neustadt begriffen. Als Lehen von Württemberg besaßen die von Stammheim allhier einen Hof seit 1344; solcher gelangte später an die Schertel, welche 1608 damit belehnt wurden. Zum Verkauf eines hiesigen Schlosses gab Herzog Eberhard Ludwig im Jahr 1694 denen von Gaisberg die Erlaubniß. Einen Hof besaß die Pfarrei Hegnach.

 

Die Einwohner nähren sich von Ackerbau, Weinbau und Viehzucht. Sie sind fleißig und betriebsam und der Vermögensstand ist in Vergleichung mit anderen Orten ein gut mittlerer. Die Markung umfaßt 50 3/8 Morgen Gärten, 1020 3/8 Morgen Aecker, 162 2/8 Morgen Wiesen und 22 1/8 Morgen Weinberge, wovon 9 5/8 Morgen der Hofdomainenkammer gehören. Durchschnittlich kommen etwa 7 Morgen auf eine Familie. 83 Familien haben einen Besitzstand von mehr als 5 Morgen. Ausschließlich vom Taglohn leben 22 Familien. Im Jahr 1792 zählte die Gemeinde 663 Einwohner. Der landwirtschaftliche Betrieb steht keinem der Nachbarorte nach. In der Ernte- und Herbstzeit kommen fremde Taglöhner. Die Aussaat ist beim Dinkel 7-8 Simri, der Ertrag 7-9 Scheffel, bei der Gerste 4-5 Simri und 4-5 Scheffel, beim Haber 4 Simri und 250-280-Simri. Der Pflug wird in der Regel mit 2 Ochsen bespannt. Die genannten Getreidearten gehören zu den vorzüglichsten der Umgegend; in Winnenden und Waiblingen wird ziemlich viel davon abgesetzt. Die Wiesen, deren Ertrag jedoch kaum für den eigenen Bedarf hinreicht, sind zweimähdig und werden nicht gewässert. Die Weinberge liegen größtentheils an Bergen, meist mit Sylvanern, Elblingen, Veltlinern, Walschen und Gutedeln bestockt. Der Wein - 2-4 Eimer vom Morgen - ist dem der besseren Remsthalorte ziemlich gleich. Die beste Lage ist der Hauflerberg, ein Bergkegel über der Rems, in welchem noch vor 10 Jahren die Reste eines unterirdischen Ganges waren, von schwerem Thonboden, der auf Liaskalkstein von ziemlicher Mächtigkeit Ruht. Die der Hofdomainenkammer zustehenden Weinberge in den Hauflern ("Hofler - 1560 "Hochflor") mit weißen und schwarzen Clevnern, Traminern und Rießlingen bestockt, deren Bau und Verjüngung in gleicher Weise wie in Klein-Heppach geschieht, liefern namentlich ein sehr gutes Erzeugniß, das jedoch von dem von Klein-Heppach durch Zartheit und Annehmlichkeit des Bouquets übertroffen wird. Die Haufler (etwa 34 Morgen) geben überhaupt sehr guten Wein, dessen Preis immer 15-20 fl. höher steht als der übrige Neustädter. Die Obstzucht ist gleichfalls bedeutend; feines Obst aber seltener. Der Luikenäpfel ist hier ganz zu Hause. Der Waldbesitz ist unbedeutend. Der Preis eines Morgen Ackers ist 125-800 fl., Wiesen 140-500 fl., eines bessern Weinbergs 600-800 fl. Die Rindviehzucht hat sich gehoben; die Racen sind Simmenthaler und Neckarschlag. Die Farrenhaltung ist gut. Bei größerem Wiesenbesitze würde die Viehzucht noch stärker seyn. Sie ist, wie schon erwähnt, ein Haupterwerbszweig. Schafe besitzt außer dem Pachtschäfer, der die Winterung im Orte hat, niemand. Von den Gewerben sind außer der Mahlmühle nur 5 von Pferden getriebene Gypsmühlen in Neustadt und 2 in Erbach zu erwähnen, welche jährlich 6 Monat gehen und die Waare bis Gmünd und Ellwangen absetzen.

Der Pfarrsprengel entspricht der politischen Gemeinde. Das Patronat ist königlich. Die Katholiken sind nach Oeffingen eingepfarrt. Neustadt war von 1635-1653 wieder nach Waiblingen eingepfarrt. An der auch für die Filialen bestimmte Schule stehen ein Schulmeister und ein Lehrgehilfe. Winters besteht für Mädchen eine Industrieschule.

Das Gemeindevermögen besteht nur aus 41 1/8 Morgen Grundeigenthum, worauf 2000 fl. Schulden haften; das Vermögen der Stiftungspflege in 3096 fl. Oeffentliche Stiftungen sind nur zwei vorhanden, eine von 80 fl. und eine von 150 fl.; die letztere zu Schulbüchern für arme Kinder.

Neustadt erscheint als "daz Stättel, doz niuwe Waibelingen heizzet" in einer Urkunde von 1298, November 19. K. Adolph hatte den in Graf Eberhards von Württemberg Besitz befindlichen Ort für das Reich genommen; als daher Graf Eberhard sich im Frühjahr 1298 zu dem Herzog Albrecht von Oesterreich schlug, war es sein erstes Anliegen, sich die Wiedereinsetzung in diesen Besitz versichern zu lassen (Urkunde Herzog Albrechts von 1298, Mai 7., bei Gabelk.), welche am 19. Dezember dieses Jahres durch den jetzigen König Albrecht wirklich erfolgte (Sattler, Gr. 1 Beil. 23.).

Was die Grundherrschaft betrifft, so besaß 1494 die Herrschaft 1 Lehen, Frustingers Pfründe zu Waiblingen 1 Lehen, die hiesige Caplanei 1 Hof, der Heilige zu Winnenden 1 Hof und unser lieben Frau Caplanei zu Schorndorf 1 Lehen.

Im Jahr 1481 wurde eine Caplanei, welche früher hier als Filial von Waiblingen bestand, auf Veranstaltung Graf Eberhards des Jüngeren zur Pfarrkirche erhoben. Neben derselben bestand aber von der Reformation noch eine Caplanei. Der kleine Zehente gehörte damals der Dechanei zu Stuttgart; an den übrigen Zehenten waren die alte Frühmesse und die Allerheiligencaplanei zu Waiblingen betheiligt.

Im Jahr 1747 litt der Ort durch Feuersnoth. Am 22. August 1809 brannten wieder 3 Häuser ganz und eines zum Theil ab. Im Frühling 1835 herrschte eine Nervenfieber-Epedemie.


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