Der Aufstieg Fellbachs unter Bürgermeister Brändle

1908 - 1931

Von W. Steimle

 

August Brändle, Notariatsassistent, damaliger Gerichtsschreiber beim Amtsgericht Stuttgart=Stadt (vorher Assistent beim Grundbuchamt Fellbach) wurde auf den Rücktritt des Ortsvorstehers, Schultheiß Ernst Friz, am 14. Januar 1908 als jüngster Bewerber mit 557 von 983 abgegebenen gültigen Stimmen zum Ortsvorsteher der Landgemeinde Fellbach, Oberamts Cannstatt, gewählt. Am 7. März 1908 wurde er von dem Vorstand des Oberamts Cannstatt, Oberamtmann (nachm. Oberregierungsrat) Nick feierlich in sein Amt eingesetzt. Die Gemeinde Fellbach hatte damals gut gewählt; denn schon als junger Ortsvorsteher hat er sich als rühriger und umsichtiger Mann gezeigt, der mit weitschauendem Blick die künftige Entwicklung Fellbachs maßgebend bestimmt hat.
Wenn auch ein großer Teil der heutigen Einwohner unserer Stadt die Geschehnisse in der Gemeinde in den letzten 25 Jahren selbst miterlebt hat. so erscheint es doch angebracht, anläßlich der heutigen festlichen Begehung der Erhebung der „Landgemeinde Fellbach" zur „Stadtgemeinde" einen Rückblick auf diese Zeit zu werfen, nicht nur deshalb, weil dem Menschen die Erinnerung an Vergangenes rascher entflieht als die Zeit selbst sondern besonders deshalb, weil gerade in die Amtszeit des Schultheißen und Bürgermeisters Brändle der eigentliche Aufstieg der Landgemeinde Fellbach fällt.
Große Aufgaben in der damals 5000 Einwohner zählenden Gemeinde standen dem neugewählten jungen Ortsvorsteher bevor, einschneidende Fragen harrten nach ihrer Lösung. Er griff alle Aufgaben an nach dem Grundsatz: „Frisch gewagt ist halb gewonnen".
Selbstverständlich würde es heute zu weit führen, alle die Arbeiten, die in der mehr als zwei Jahrzehnte langen Tätigkeit des Ortsvorstehers Brändle ausgeführt wurden, hier einzeln aufzuzählen. Ich möchte nur die wichtigsten jahrgangsweise herausgreifen und diese nur in kurzen Schlagworten bezeichnen.


1908. Erledigung des 1906/07 aufgestellten Ortsbauplans. Neuaufstellung des Wasserstatuts und Neueinschätzung von ganz Fellbach. Einführung der Gewerbeschule in vollem Umfange. Umbau des oberen Schulhauses und des Armenhauses. Kanalisation verschiedener Ortsstraßen. Anlage verschiedener Ortsstraßen, so der Ringstraße, eines Teils der Ziegelstraße, der Burgstraße. Daß die Kosten zu diesen Arbeiten nicht aus laufenden Mitteln gedeckt werden konnten, ist einleuchtend. So mußte z. B. im Jahre 1909 allein zu Kanalisationszwecken ein Darlehen von 300000 Mark aufgenommen werden.


1909. Gebäudenummerierung. Aufhebung des Schulgelds in der Volksschule. Endgültige Feststellung des Ortsbauplans nördlich der Stuttgarter und Schorndorferstraße. Fertigstellung des Gaswerks (Kosten 250000 Mk. nach dem Voranschlag). Beratungen und Verhandlungen über Automobilverbindungen, die sehr viel Zeit des Ortsvorstehers und der Gemeindekollegien in Anspruch nahmen und die sehr viel Staub aufwirbelten

1910. Beschlußfassung über Schulhauserweiterung an der Kirchhofstraße und Umbau des Rathauses. Kanalprojektberatung. Leitung der Ab wasser in den Schüttelgraben. Verhandlungen hierüber mit der Stadtgemeinde Waiblingen und Vertragsabschluß. Erlass des Kanalbaustatuts. Vorschriften über den Ansatz von Kanalbeiträgen und Festsetzung der Höhe derselben. Kanalisation verschiedener Ortsstraßen, so der Werner-, Falkenstraße usw. Anlage der Cannstatterstraße, Umfangreiche Grundstückserwerbungen.

1911. Kanalisation verschiedener Ortsstraßen, so der westlichen Schulstraße, des weiteren Teils der Cannstatterstraße. Anlegung der Auberlen- und Wernerstraße sowie sonstige Straßenbauarbeiten. Ausstellung einer Ortsbausatzung betr. die Heranziehung der Grundeigentümer zur Bestreitung des der Gemeinde aus der Herstellung der Ortsstraßen und Anlage von Gehwegen erwachsenen Aufwands. Einrichtung der Kehrichtabfuhr. Aufstellung eines Bebauungsplans über das Industriegelände östlich der Kronprinzstraße zwischen Eisenbahnlinie und Schorndorferstraße als Grundlage für das Feldbereinigungsunternehmen IV. Neuordnung des Eichwesens auf 1. April 1912. Neuorganisation der Baupolizei ab 1. Juli 1911. Erlassung einer
Polizeiverordnung betr. Regelung des Plakat- und Reklamewesen. Beitritt der Fellbacher Wasserversorgungsgruppe zur staatlichen Landeswasserversorgung.

1912. Wettbewerb für die Schulhauserweiterung und einer Turnhalle. Ortsbauplanmäßige Anlage verschiedener Ortsstraßen, so der Kirchhofstraße nach dem neuen Schulhaus, Moltke-, Falken- (westliche Seite) , Burg-, Untertürkheimer- und Ringstr. sowie Bewalzung verschiedener Ortsstraßen. Durchführung der ortsbauplanmäßigen Anlage der Cannstatterstraße. Provisorische Anlage der mittleren Bahnhofstraße durch Schwellenbahn. Verhandlungen mit der Stadtgemeinde Stuttgart wegen Beseitigung des schienengleichen Uebergangs beim Krankenhaus in Cannstatt und Bereiterklärung der Gemeinde, das zunächst von privaten Personenvereinigungen geplante Straßenbahnunternehmen zu unterstützen. Einweihung des umgebauten Rathauses mit Anbau.

1913. Verhandlungen mit der Eisenbahnverwaltung über Unterführung der Straße nach Schmiden, Anlage der Bahnhof-, Ring- und nördlichen Zufahrtsstraße. Fertigstellung des Schulhauses. Kanalisation verschiedener Ortsstraßen, so der König-, Eberhard- und Kirchhofstraße, auch teilweise der Ringstraße. Schüttelgrabenkorrektion bis zur Markungsgrenze. Anlegung verschiedener Ortsstraßen, so der Falken-, König- und teilweisen Kirchhofstraße, sowie Ring- und Wilhelmstraße. Durchführung der Feldbereinigung IV und Drainierungsunternehmen im Gewand Schmidjäckle. Bei der Gemeindevisitation durch das Oberamt wurde den Gemeindekollegien insbesondere für ihre fortschrittliche, weitsichtige und kluge Gemeindepolitik uneingeschränktes Lob gezollt. Das Jahr war in jeder Beziehung ein wirtschaftlich schlechtes Jahr. Herbst- und Obstausfall, Niedergang in Gewerbe und Industrie, Arbeitslosigkeit. Wirkung war Steuerniedergang 1914. Aus diesem Grunde mußten alle Wünsche zurückgestellt werden.

1914. Die Arbeiten des Jahres 1914 waren begrenzt in erster Linie und die schlechte Wirtschaftslage des Jahres 1913 und zweitens durch den Ausbruch des Weltkriegs. Von den notwendigsten seien erwähnt. Vertrag mit der Landeswasserversorgung. Einrichtung der katholischen Volksschule auf 1. Mai 1914. Anlage der Ochsenstraße. Dann kam der Krieg.

Krieg 1914-1918. Diese Jahre waren hauptsächlich ausgefüllt durch die vielen unzähligen Kriegsmaßnahmen. Das Jahr 1919 war trotz der schweren Nachkriegszeit sehr arbeitsreich. Erstellung eines Lagerschuppens im Gaswerk. Erstellung des zweistöckigen Notwohnungsgebäudes Bahnhofstraße 147/1, 2, 3 mit je 3 Wohnungen, 9 Wohnungen. Einrichtung eines weiteren Schulsaals im neuen Schulhaus, Einrichtung einer Wohnung im Armenhaus (nun Gemeindehaus, Cannstatterstr. 74. Umbau der Dorfkelter. Erweiterung des Friedhofes. Ausführung von Notstandsarbeiten und zwar Kanalisation der Bahnhofstraße zwischen Schul- und Stuttgarterstraße, ferner Bismarkstraße, sowie sonstige Straßenbauten (120520 Mk.) Erwerb des Haller'schen Anwesens (110000 Mk.) Erwerb der Ziegelei Schmiden einschließlich Maschinen etc. (165000 Mk.) und teilweiser Wiederverkauf desselben. Errichtung einer Stiftung für Kriegswohlfahrtspflege von 50000 Mk. an Stelle von Empfangsfeierlichkeiten der heimkehrenden Krieger. Errichtung der Gemeindefrauenarbeitsschule auf 1. Mai 1920.

1920. Käufliche Erwerbung des Gasthauses zum „Hirsch". Desgleichen der Grundstufe des früheren Waldheims und Wiederverkauf. Einbau einer Wohnung in Gebäude Nr. 57 der Gartenstraße. Vertauschung dieses Gebäudes, sowie Einbau von 6 Wohnungen in „Hirsch". Verkauf von Gebäude Nr. 147 der Bahnhofstraße. Verhandlungen über elektrische Straßenbahn, über Einrichtung von Kraftwagenlinien Cannstatt-Fellbach und Untertürkheim-Fellbach-Schmiden-Oeffingen. Die Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit und zur Minderung der Erwerbslosennot nahmen einen großen Raum in der Tätigkeit der Gemeindeverwaltung ein.


1921. Einrichtung der Regiefarrenhaltung im Gasthaus zum „Hirsch". Beschlußfassung über ortsbauplanmäßige Anlage der Rosen- und Linden=, sowie Lutherstraße, letztere Straße wurde teilweise 1923 angelegt, während die Anlage der beiden anderen Straßen erst 1927 erfolgte. Beschlußfassung über Einrichtung von 8-10 Feuermeldestationen. Einführung der Baulandsteuer ab 1. April 1921. Aufstellung der Steuerordnung. Erhebung eines Zuschlags zur Grundstückswertzuwachssteuer ab 1. April 1921. Neuaufstellung der Bierabgabeordnung. Aufstellung der Besoldungssatzung für die Gemeinde Fellbach. Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Wege der produktiven Erwerbslosenfürsorge. Behandlungen wegen Aufteilung des Oberamtsbezirks Cannstatt durch Eingemeindung von Hedelfingen und Obertürkheim nach Stuttgart. Eine ganze Anzahl Schuldaufnahmen waren in diesem Jahre notwendig, z. B. zur Bestreitung von Bauzuschüssen und Beihilfedarlehen zu Neubauten, zur Unterstützung der Kriegerwitwen, Beschaffung von Arbeit für Erwerbslose, zur Deckung der Unterstützungen an Minderbemittelte usw. Im Jahre 1921 fand auch die infolge Ablaufs der Wahlzeit vorzunehmende Neuwahl des Ortsvorstehers statt. Schultheiß Brändle wurde wiedergewählt.

1922. Beratung wegen Erstellung der Abwasserreinigungs-(Klär-)Anlage am Schüttelgraben. Erste Grunderwerbungen hiezu. Chaussierung verschiedener Wege zur Weidachbrücke, zum Güterbahnhof usw. Verkauf eines Grundstücks an die evangelische Kirchengemeinde zur Erstellung einer zweiten Kirche Pauluskirche. Umfangreiche Behandlungen wegen Anlage des Güterbahnhofs. Vertragserneuerung mit den Neckarwerken. Aufstellung der Wertzuwachssteuerordnung. Umfangreiche schwierige Verhandlungen und Beratungen über die Aufteilung des Oberamts Cannstatt und über die Zuteilung der Gemeinde Fellbach.

1923. Erteilung der bau- und flußpolizeilichen Genehmigung durch die Kreisregierung zur Errichtung der Abwasserreinigungsanlage. Baulinienfestsetzung und Aenderung. Erwerbslosenfürsorge. Brennholzversorgung der Kriegsbeschädigten. Kartoffelversorgung. Mehlaufkauf und Abgabe an Minderbemittelte. Milchversorgung. Unterstützung der Speiseeinrichtung im Ev. Vereinshaus durch Geld und Materialien und Einrichtung einer Wärmestube. Abgabe verbilligter Särge. Ausgabe von Gutscheinen (Notgeld) bis zu 200 Milliarden, dann bis zu 80 Billionen und zuletzt bis zu 200 Billionen. 

1924.Die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, insbesondere in den Inflationsjahren zurückgestellten Arbeiten und Aufgaben mußten nun in den folgenden Jahren nachgeholt werden. - Reparaturen des Rathauses, unteren Schulhauses und des Gasthaus zum „Hirsch". Anstrich der neuen Kelter. Aenderung des Ortsbauplans behufs zweckmäßiger Bebauung und Beschaffung von Bauplätzen. Anlage der Straße zum Güterbahnhof. Errichtung einer Gemeindestraßenwartstelle. Versorgung eines Teils der Gemeinde Schmiden mit Gas. Neuaufstellung des Gebührentarifs in Bausachen. Verschiedene Verhandlungen bezüglich der Unterführung nach Schmiden. Einführung der Schulkinderspeisung mit Unterstützung der amerikanischen Quäker. Vergrößerung des Turn- und Sportplatzes an der Untertürkheimerstraße. Vorbereitende Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit. Abbau der Milchzwangswirtschaft. Bei der im Dezember 1924 stattgehabten Gemeinde=Visitation führte der damalige Oberamtsvorstand des Oberamts Waiblingen aus, daß der Eindruck der äußeren Besichtigung der Gemeinde ein sehr guter sei und hier, soweit es die Verhältnisse erlaubten, sehr vieles geleistet worden und weiterhin in Aussicht genommen sei, insbesondere sei in der Behebung der Wohnungsnot nach seinem Eindruck sehr viel geschehen. Die Gemeindeverwaltung selbst sei sehr gut, äußerst pünktlich, gewissenhaft und weitsichtig geführt. Letzteres komme auch insbesondere in der von ihm wahrgenommenen gut betriebenen Boden- und Baupolitik zum Ausdruck. Zusammenfassend könne er seine volle Befriedigung aussprechen.

1925 war ein arbeitsreiches Jahr mit ebenfalls viel Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten. In diesem Jahr war die Durchführung der hoch- und tiefbautechnischen Arbeiten durch die Krankheit des damaligen Ortsbaumeisters ungeheuer erschwert. An Arbeiten sind hauptsächlich zu nennen: Reparatur des Daches der neuen Kelter. Errichtung der Freibank. Kanalisation und ortsbauplanmäßige Anlage der Pfarr-, Waiblinger-, Bühl-, Ziegel- und Vorderestraße. Ortsbauplanmäßige Anlage der östlichen Auberlen- und Kronprinzstraße. Kanalisation weiterer Ortsstraßen (Christof-, Teil der Blumen- und Sängerstraße). Erweiterung des westlichen Gehwegs in der äußeren Bahnhofstraße. Asphaltierung der Ortsetterstrecke der Staatsstraße. Einrichtung der elektrischen Straßenbeleuchtung an Stelle der bisherigen Gasbeleuchtung. Ortsbaupläne für das Industriegebiet; für das Gebiet südlich der Staatsstraße und östlich der Cannstatterstraße sowie verschiedene Baulinien Aenderungen. Einrichtung der Hauswirtschaftsschule im neuen Schulhaus, Errichtung einer zweiten Lehrstelle an der Gewerbeschule, die vorerst nur mit einem Anwärter besetzt wurde. Bildung eines Fonds zur Wiedereinführung einer Ortsbibliothek. Umzäunung des Sportplatzes. Führung der Gasfern=Druckleitung des Gaswerks Stuttgart durch die Markung Fellbach. Ausbesserung des Denkmals auf dem Friedhof und Erstellung einer Schutzhalle dazu. Beginn der Erstellung des Kriegerdenkmals. Sehr viele Verhandlungen und Beratungen bezüglich der  Straßenbahnverbindung mit Cannstatt. Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit. Zwangsweise Einführung der Wertzuwachssteuer ab 1. Oktober 1925. Beschlußfassung über die Aushebung der Baulandsteuer auf 1. April 1926.


Das schöne Rathaus mit seinen Arkaden

1926.Beschlußfassung über die Erstellung der Gemeindegebäude in der Schwabstraße. Umdeckung des Dachs des unteren Schulhauses und des Verwaltungsgebäudes des Gaswerks. Vergrößerung des alten Farrenstalls. Umfangreiche und teilweise recht schwierige Kanalisation der inneren Bahnhof-, Hinteren-, Linden-, Rosen-, Wilhelm-, Friedrich- und Schwabstraße, desgleichen der Wernerstraße und teilweise der Ludwigsburgerstraße. Ortsbauplanmäßige Anlage der letzteren zwischen Auberlen- und Eisenbahnstraße. Bewalzung und Oberflächenteerung der inneren und äußeren Bahnhofstraße, Cannstatterstraße, sowie der im Jahr 1925 ortsbauplanmäßig angelegten Vorderen-, Waiblingerstraße usw., Bewalzung der Zufahrtsstraße zum Güterbahnhof im Letroalverfahren. Vollendung der elektrischen Straßenbeleuchtung. Erneuerung des alten Brunnens am Marktplatz. Oeffnung der Schwabstraße zwischen Friedrich- und Untertürkheimerstraße. Erwerbung des Gebäudes Nr. 14 der Cannstatterstraße. Ausgedehnte Verhandlungen und endgültige Beschlußfassung über die Aufwertung der Gemeinde schulden, sowie über Rückzahlungsgesuche. Verschiedene Aenderungen des Ortsbauplans und von Baulinien zwecks besseren Erschließungen von Baugelände und Bauplätzen. Vollendung und Einweihung des Kriegerdenkmals. Neuregelung des Plakat- und Anschlagswesen, Vertragsabschluß mit dem Stuttgarter Plakatinstitut. Vermehrung der Schutzmannschaft um 2 Stellen. Omnibusverkehr Cannstatt - Fellbach - Waiblingen. Weitere Verhandlungen betr. Straßenbahnverbindung Cannstatt-Fellbach. Ausnahme einer Reihe von Schulden, so u. a. zur Durchführung von Notstandsarbeiten, Kanalisationen, ortsbauplanmäßiger Anlage von Ortsstraßen, Bezahlung von Grundstückeskaufpreisen, Erstellung der Gemeindegebäude in der Schwabstraße, zur Abwasserreinigungsanlage, elektrische Straßenbeleuchtung usw.

1927. war wohl eines der reichsten Arbeitsjahre. Ortsbauplanmäßige Anlage der Hallerstraße, der inneren Bahnhofstraße zwischen Schul- und Seestraße, der Hinterenstraße zwischen Kirchhof- und Lindenstraße, der See-, Hirsch- und Vorderenstraße, der Linden-, Rosen-, Friedrich- und oberen Schwabstraße. Kanalisation eines Teils der Ludwigsburgerstraße mit privaten Seitenstraßen, der Maicklerstraße und der östlichen Eberhardstraße. Die größte Summe an Straßenunterhaltungskosten verschlang wiederum die teilweise Bewalzung und Oberflächenteerung der inneren und äußeren Bahnhofstraße, der Cannstatter- und Vorderenstraße und einiger östlich der Cannstatterstraße gelegenen ortsbauplanmäßig angelegten Straßenstrecken. Abschluß des Vertrags mit den Stuttgarter Straßenbahnen nach Überwindung vieler Schwierigkeiten. Beginn mit den Vorarbeiten für die Herstellung des Straßenbahnkörpers. Zur Behebung der Wohnungsnot. Erstellung von 18 Wohneinheiten in der Schwabstraße und zwar 4 Einfamilienhäuser, die wieder verkauft worden sind und 2 Siebenfamilienhäuser, die im Eigentum der Gemeinde verblieben sind. Aufhebung der Bezeichnung der Gemeinde Fellbach als Wohnungsmangelgemeinde auf 1. Oktober 1927, nachdem sich die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt und dadurch die Wohnungsnot ganz wesentlich gebessert hatten. Beschlußfassung des Gemeinderats über die Erstellung von 51 Einfamilienhäusern und 1 Geschäftshaus (ursprünglich geplant 50 Einfamilienhäuser und 2 Geschäftshäuser – Bäckerei und Metzgerei) im Gewand „Hofgärten" (sog. Traubengartensiedlung). Elektrifizierung der Pumpanlagen samt Einbau einer Kreiselpumpe im Pumpwerk Aldingen. Erneuerung der Friedhofturmglocke aus Mitteln freundlicher Stifter. Erwerb des neuen Friedhofgeländes im Gewand „kleines Feld" ( 2 ha 54 a 13 qm – Aufwand 83582 Mk.) Weitere Grundstücke wurden später noch dazu gekauft. Festestellung des Ortsbauplans zwischen Cannstatter-, Schorndorfer-, Waiblinger- und Wiesenstraße, sowie der Baulinien der Stuttgarter und Rheinlandstraße. Weganlagen im Gemeindewald und Weinbaugebiet.
Feier des 20jährigen Jubiläums des Schultheißen Brändle und Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Gemeinde an ihn.

  August Brändle straße
und 
Traubengartensiedlung


1928. Erstellung der im Jahre 1927 beschlossenen Siedlung im Gewand „Hofgärten" (sogen. Traubengartensiedlung). Einschließlich der Wohnung im Farrestallgebäude hat die Gemeinde in diesem Jahre 57 Wohungen erstellt. Fertigstellung der Kanalisation der oberen Hinterenstraße, der Friedrich- und der unteren Schwabstraße und ortsbauplanmäßige Anlage dieser Straßenstrecke. Kanalisation der östlichen See-, der westlichen Bühl- und südlichen Traubenstraße mit Anschluß an die Waiblingerstraße, der Katharinen=, Wieland- und östlichen Königstraße, der Stuttgarter- und Rheinland Straße südlich bis zum „Cannstatter Lindle" nördlich bis zur Markungsgrenze mit Cannstatt. Ortsbauplanmäßige Anlage der Stuttgarterstraße bis zur Esslingerstraße. Oberflächenteerung der unteren Hinterenstraße, der See-, Kirchhof-, Hirsch-, Weimer-, Linden-, Rosen-, oberen Schwab-, Friedrich und Wilhelmstraße. Erstellung der mechanischen Abwasserreinigungsanlage am Schüttelgraben „System Emscherbrunnen" zur Klärung der Abwasser der Gemeinde. Erweiterung und Verbesserung der elektrischen Straßenbeleuchtung. Inbetriebnahme der Autobuslinien Waiblingen-Fellbach-Stuttgart und Schmiden-Fellbach-Ludwigsburg-Untertürkheim. Verkauf des Gasthauses zum „Hirsch" . Erstellung eines neuen Wohn und Stallgebäudes für die Farren-, Eber- und Ziegenbockhaltung in der Endersbacherstraße. Vergrößerung des 800 cbm haltenden Hochbehälters auf dem Kappelberg. Um einen weiteren 1600 cbm fassenden Behälter unter gleichzeitiger Modernisierung des Behälterhäuschens. Erweiterung der Gas- und Wasserhauptleitungen nicht nur in den vielen neuen Baustraßen, sondern auch in der Stuttgarter- und Rheinlandstraße – südlich und nördlich – je bis zur Markungsgrenze mit Cannstatt. Aufstellung eines generellen Ortsbauplanprojekts über das große Gebiet zwischen Untertürkheimerstraße bis zur Eisenbahnlinie westlich der Bahnhof und Hinterenstraße und das Gebiet südlich der Burg- und Rommelshauserstraße. Einrichtung einer Weckerlinie mit 36 Anschlüssen, Ausstellung von 7 in der ganzen Gemeinde verteilten Feuermelder und 3 Alarmsirenen. Einführung der Trichinenschau. Einführung des 8. Schuljahres in der evangelischen u. katholischen Volksschule.

1929. Kanalisation eines Teils der Ludwigsburgerstraße und der westlichen Eberhardstraße, der westlichen Schulstraße, der Karl-, verl. Schmer- und Endersbacherstraße. Ortsbauplanmäßige Anlage der Ludwigsburgerstraße, der westlichen Eberhardstraße, der Sängerstraße, der westlichen Werner- und westlichen Schulstraße. Oberflachenteerung einer Anzahl Straßen. Erweiterung der Müllabfuhr auf zwei Tage in der Woche (Mittwochs und Samstags). Erweiterung und Verbesserung der elektrischen Straßenbeleuchtung mit großem Aufwand. Wiedereinführung der Wohnungszwangswirtschaft und im Zusammenhang damit die Erstellung des 20-Familienhauses in der Endersbacherstraße mit einem Gesamtaufwand von 137000 RM. Einweihung der elektrischen Straßenbahn am 4. Mai 1929. Beschränkung des Autobusverkehrs vom Ortsinnern auf den Reichsbahnhof, infolge der Einführung der Straßenbahn, nur noch auf die Zeiten des Hauptverkehrs. Erneuerung des 3er-Ofens im Gaswerk.

Vorderestraße

1930. Kanalisation der Hegnacher- und der Bruckstraße. Ortsbaullanmäßige Anlage der Hegnacher-, östlichen Königstraße, östlichen Eberhard-, Karl=, verl. Schmer- und Endersbacherstraße, der Friz= und Wiesenstraße einschließlich Cannstatterplatzes (nun Hindenburgplatz), der östlichen Schulstraße, sowie eines Teils der Bruckstraße. Beginn der Straßenbauarbeiten in der Traubengartensiedlung Oberflachenteerung einer Anzahl Ortsstraßen. Einstellung der Autobuslinie vom Ortsinnern zum Reichsbahnhof. Feststellung des Ortsbauplans für das sogen. Industriegebiet zwischen Eisenbahnlinie und Schorndorferstraße östlich der äußeren Bahnhofstraße und für das Gebiet zwischen Bruck- und Rommelshauserstraße östlich der Cannstatterstraße. Einbau von zwei Schulsälen und einem Reservesaal für die Frauenarbeitsschule in Gebäude Ludwigsburgerstraße 18, sowie einer Wohnung im Erdgeschoß. Vorbereitung und Ausführung verschiedener Feldweganlagen im abgekürzten Feldbereinigungsverfahren. Anlage des Cannstatterplatzes (nun Hindenburgplatz) und eines Erholungs- und Kinderspielplatzes auf dem Wasserhochbehälter. 

Kappelbergstraße

1931. (Hier sind sämtliche auch nach dem Tode des Bürgermeisters Brändle im Jahre 1931 ausgeführten Arbeiten usw. aufgeführt). Kanalisation der Vorderen-, Kappelberg-, östlichen und westlichen Gartenstraße, Burgstraße zwischen Vordere- und Neuestraße, Rommelshauser-, Stettener-, Urbanstraße, Schmerstraße zwischen Vordere- und Neuestraße, Seestraße (nun August-Brändle-Straße) zwischen Waiblinger- und Kleinfeldstraße-, Gerok-, Bismark- und Freiligrathstraße. Einlegung eines Abwasserkanals in die Kleinfeldstraße. Instandsetzung der Uferböschungen des Schüttelgrabens (Aufwand 6150 RM.). Ortsbauplanmäßige Anlage der Katharinenstraße, der Vorderen-, Kappelberg-, westlichen Gartenstraße, Rommelshauserstraße einschließlich Erweiterung derselben, der Stettener- und Urbanstraße, sowie von Teilstrecken der Burg- und Schmerstraße - soweit kanalisiert - mit Ausnahme der Gehwegbefestigungen dieser Straßen. Ferner Fertigstellung der Straßenanlagen in der Traubengartensiedlung. Oberflachenteerung einer Anzahl von Ortsstraßen. Erstellung von zwei Doppelwohnhäusern an der König-, Blumen- und Kronprinzstraße rnit zusammen 12 Dreizimmerwohnungen im Rahmen des Reichsergänzungsbauprogramm 1930. Einlegung der Gas- und Wasserhauptleitungen in die neuen Baustraßen. Erneuerung der alten Gashauptleitung in verschiedenen Ortsstraßen. Erneuerung des 3er=Ofens im Gaswerk. Fortsetzung der Feldweganlagen im Feldbereinigungsgebiet VI, sowie Instandsetzung einer Anzahl alter Feldwege. Aufstellung einer neuen hydraulischen Presse in der Dorfkelter anstelle der hölzernen Spindelpressen. Aufgabe der Eberhaltung. Drainierung und Planung des neuen Friedhofgeländes. Annahme des Projekts des Ortsbauamts für die Gebäudeanlagen des neuen Friedhofs durch den Gemeinderat. Teilweise Umänderung, Neueinfriedigung, sowie Drainierung und Planierung des Turn- und Sportplatzes an der Untertürkheimerstraße.

Aus den angeführten wichtigsten Arbeiten ist ersichtlich, daß während der Amtszeit des Schultheißen und Bürgermeisters Brändle doch ganz Gewaltiges geleistet wurde.
In Anerkennung dieser ungeheuer großen Arbeitsleistungen und Verdienste und im Hinblick auf den ganz bedeutenden Fortschritt auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltung, hat der Gemeinderat aus Anlaß der 20 jährigen Amtstätigkeit des Schultheißen Brändle am 7. März 1928 beschlossen, diesem das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde zu verleihen. Die künstlerisch ausgeführte Ehrurkunde hat folgenden Wortlaut:

Ehren-Urkunde.
Der Gemeinderat hat einstimmig beschlossen, dem
Ortsvorsteher, Herrn Schultheiß A u g u s t  B r ä n d l e
in dankbarer Anerkennung seiner großen Verdienste um
das Gemeinwesen und die Entwicklung der Gemeinde das
E h r e n b ü r g e r r e c h t
der Gemeinde Fellbach zu verleihen.

Fellbach, den 7. März 1928

Der Gemeinderat:
- folgen Unterschriften -

Das 20jährige Amtsjubiläum wurde am 7. März 1928 im engeren Kreis der Gemeindeverwaltung in schlichtem, einfachem Rahmen im großen Sitzungssaal des Rathauses feierlich begangen. Dabei wurden von verschiedenen Rednern die großen Verdienste des unermüdlichen, arbeitsfreudigen Kommunalpolitikers gewürdigt und dem ersten und einzigen Ehrenbürger der Gemeinde die Ehrenurkunde überreicht. Von sämtlichen Rednern wurde der von Herzen kommende Wunsch ausgesprochen, daß der Jubilar und noch weiterhin in geistiger und körperlicher Frische und Gesundheit erhalten bleiben möge, zu Nutz und Frommen unserer Gemeinde Fellbach und ihrer Einwohner.

Wer hätte damals auch nur im Entferntesten daran gedacht, wie anders es bald kommen sollte. Eine schleichende Krankheit hatte ihn bald darauf befallen, der er aber nicht achtete, sondern nach wie vor ohne Rücksichtnahme auf seinen Krankheitszustand seinen Amtsgeschäften oblag.

Das Jahr 1931 sollte nicht nur das letzte Jahr der Amtstätigkeit, sondern auch das letzte Lebensjahr des Bürgermeisters Brändle werden. Mitten aus seiner Tätigkeit heraus wurde er auf das Krankenlager geworfen, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Am 10. September 1931 schloß er für immer die Augen.

Tiefbewegt trauerte die ganze Gemeinde um ihren Ortsvorsteher, dem nur das Einzige am Herzen lag: "Das Wohl der Gemeinde und ihren Einwohner". Die große Wertschätzung, die dieser echte deutsche Mann nicht nur in der Gemeinde selbst, sondern auch weithin außerhalb derselben genoß, kam in den damaligen Trauersitzung des Gemeinderats zum Ausdruck.

Als äußeres Zeichen der Dankbarkeit und Wertschätzung hat der Gemeinderat der Straße, die er selbst geschaffen hat, und zu dem von ihm begonnen Werk - dem neuen Friedhof - führt, seinen Namen gegeben.

Er, der doch gerade seiner "Landgemeinde" das Gepräge einer künftigen "Stadt" und somit den Grundstein zur heutigen "Stadtgemeinde Fellbach" legte, würde nunmehr sicher auch der Verleihung der "Stadteigenschaft" seine Zustimmung gegeben haben.

Auch die Stadtgemeinde Fellbach wird ihres verstorbenen Ortsvorstehers und Ehernbürgers August Brändle stets in Dankbarkeit gedenken als leuchtendes Beispiel der Arbeitsfreudigkeit, der aufopfernden Liebe für seine Gemeinde, seinen Beruf und seinen Nächsten, als Förderer unserer Stadt.

Ehre seinem Andenken !

Altes Rathaus

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