Die bauliche Entwicklung Fellbachs von 1910-1933

Von Richard Ulmer, Ortsbaumeister

Wenn ich als Ortsbaumeister des nun zur Stadt erhobenen Fellbach einen kurzen Rückblick auf seine bauliche Entwicklung geben darf, so sei mir zunächst eine persönliche Erinnerung gestattet. Es war im Jahre 1910, als unser verehrter, inzwischen leider verstorbener Professor August Schirmer mit einem Kreis seiner Baugewerkschüler nach Fellbach kam, um hier eine Reihe von Partien des damals noch ausgesprochen ländlichen Weingärtnerfleckens zeichnen zu lassen. Ich weiß mich noch wohl zu entsinnen, mit welcher inneren Lust und Liebe wir damals diese Aufgabe übernahmen, und welche malerischen Reize wir dem damaligen Fellbach abzugewinnen versuchten. Keiner von uns hätte geahnt, daß dieser Ort in den nächsten zwei Jahrzehnten einen solchen Aufschwung nehmen und sich baulich und bevölkerungspolitisch so vergrößern würde, wie dies nachher der Fall war.

Damals führte noch ein schmaler Pfad zwischen Wiesen und Gärten hinaus zum Bahnhof, der mit dem eigentlichen Ort nur durch vereinzelte Gebäude verbunden war. Auch die innere Bahnhofstraße war noch lange nicht in dem heutigen Sinne ausgebaut, sondern führte noch vielfach an weiten Gärten vorbei, und in Richtung Waiblingen hörte, wie man im Volksmund sagte, Fellbach „hinter Salzmanns Kegelbahn" auf.

Inzwischen hat sich gar viel ereignet: die Bevölkerung hat sich mit einem Anwachsen von 5561 Einwohnern im Jahre 1907 auf 11133 Einwohner im Jahre 1933 annähernd verdoppelt und mit ihr stieg die bebaute Fläche von 55 ha auf 100 ha. Damit war nicht nur eine äußerliche Vergrößerung des Ortes gegeben, sondern war gleichzeitig ein innerer Strukturwandel bedingt. Der ursprünglich vorherrschend ländliche Charakter erfuhr ein maßgebendes Gegengewicht durch den wachsenden Zuzug aus Stuttgart, der Fellbach immer mehr auch eine Vorstadtsiedlung Groß-Stuttgarts werden ließ. Im Gefolge davon entwickelte sich naturgemäß ein immer stärkerer Lokalverkehr zwischen Fellbach und Stuttgart, der im Jahre 1929 schließlich zu der Straßenbahnverbindung mit Stuttgart führte. Aus dem einst rein ländlichen Weingärtnerdorf war eine Wohngemeinde geworden, die auf der einen Seite zwar ihre alte Tradition des angestammten Wengerters wohl zu wahren wußte, die sich aber auf der andern Seite doch auch dem Modernen, großstädtischen Leben immer mehr erschloß. 

Die neuen Hochbauten. 

Die genannte Bevölkerungszunahme Fellbachs stieg in den vergangenen 25 Jahren in immer rascherem Tempo. Das mag die nachfolgende amtliche Statistik erhärten. 

1907 = 5 561 Einwohner
1910 = 6780 Einwohner
1925 = 8500 Einwohner
1933 = 11133 Einwohner

Damit war, wie bereits angedeutet, auch eine erhebliche Zunahme der Gebäude verbunden. So standen in Fellbach 

am 1. Januar 1910 = 1828 Haupt- und Nebengebäude
am 1. Januar 1926 = 2146 Haupt- und Nebengebäude
am 1. Oktober 1933 = 2684 Haupt- und Nebengebäude

Insbesondere aber würden mit dieser Entwicklung ganze Ortsteile, so der Ortsteil Neu-Fellbach, die Schrebersiedlung, die Traubengartensiedlung und die Siedlung an der Kaserne neu erstellt.

An öffentlichen Bauten, die diese Gesamtentwicklung zwangsläufig mit sich brachte, entstand zunächst das neue Rathaus (1912). Welch großzügiger Geist schon damals unter der Aegide des noch lange unvergessenen Schultheißen Bränd1e in Fellbach herrschte, mag daraus hervorgehen, daß eigens zum Zweck der Neugestaltung des Rathauses ein großzügiger Wettbewerb unter den württembergischen Architekten ausgeschrieben wurde, aus dem damals als Sieger der Architekt Hermann Moser hervorging, der gleichzeitig mit der Bauleitung beauftragt wurde. Das Werk desselben Architekten war die Erweiterung des 1906 von den Architekten Bihl & Moltz in Stuttgart erstellten Schulhauses am alten Friedhof, das in den vergangenen Wochen einen letzten Anbau erhielt, neben einer großzügigen Turnhalle, die darin untergebracht wurde, besitzt damit Fellbach drei ausgebaute Schulgebäude mit 35 Schulsälen und eine vierräumige seit 1930 eröffnete Frauenarbeitsschule. Auch die ursprünglich einzige Kleinkinder Schule in der Weimerstraße reichte bald für den ständig wachsenden Zustrom nicht mehr aus und musste darum durch einen Neubau in der Eberhardstraße ergänzt werden.

Aehnlich wie auf dem Gebiet des Schulwesens war die Entwicklung auf dem Gebiet des Kirchengemeindewesens. Der immer steigende Bevölkerungszuwachs erheischte dringend auch kirchliche Neubauten. So entstand im Jahre 1925 die erste katholische Kirche in der Kirchstraße, dem Evangelisten St. Johannes geweiht, die nach den Plänen des Architekten Philipp Olkus ausgeführt wurde, und im Jahre 1927/28 die von Professor Joft entworfene Pauluskirche als zweite protestantische Kirche des Orts. Fellbach besitzt damit neben einer Reihe von Gemeinschaftshäusern drei Kirchengebäude, die sich in schöner Harmonie in das Gesamtbild des Ortes einfügen.

Als weitere Gebäude, die in der baulichen Entwicklung Fellbachs einen Markstein darstellen, muß noch vor allem der in den Jahren 1925 und 1926 erweiterte Bahnhof und das im Jahre 1931/32 in der Stuttgarterstraße neu erstellte Postamt erwähnt werden, das gleichzeitig eines der modernsten württembergischen Postgebäude darstellt und mit dessen Errichtung einem dringenden Bedürfnis abgeholfen wurde. - Neben diesen öffentlichen Bauten waren es vor allem noch eine Reihe von Industriebauten, die mit ihren Industriegleisanlagen dem baulichen Charakter Fellbachs ein durchaus neues Gepräge und einen in mancher Hinsicht modernen, großstädtischeren Zug gaben. Selbstverständlich, daß in einer Zeit der Begeisterung für allen Sport auch die beiden Turn- und Sportplätze eine Modernisierung erfahren mußten, und daß die Errichtung von zwei Schießhäusern, in denen die männliche Jugend und Wehrhaftigkeit gepflegt werden soll, einem dringenden Erfordernis entsprach.

Im Lauf der Jahre war auch der alte, ehrwürdige Friedhof mit seinem idyllischen Glockentürmchen nicht mehr ausreichend. Man mußte dem Problem einer neuen Friedhofanlage näher treten. Es war dies das letzte große Projekt, das der verstorbene Schultheiß Brändle noch in Angriff nehmen und wenigstens in der Planung zu Ende führen konnte. Von vornherein war er darauf bedacht, hier ein in jeder Weise großzügiges und auf lange Sicht gedachtes Werk zu Schaffen. Es entstand der neue Friedhof als Abschluß der ihm zu Ehren genannten August Brändle Straße, der in seiner Gesamtanlage eine schlichte, aber würdige und in allen Seilen großzügige Gestaltung erfuhr. Leider war es seinem geistigen Urheber nicht mehr vergönnt, die Fertigstellung und offizielle Eröffnung zu erleben. Der neue Friedhof konnte erst am 6. August 1933 durch den neuen Gemeindevorstand, Bürgermeister Dr. Graser, seiner Bestimmung übergeben werden.

Eingang zum neuen Friedhof in der August Brändle-Straße
Urnenfeld des neuen Friedhofs

Die Tiefbauarbeiten.

Mit der baulichen Erweiterung Fellbachs waren selbstverständlich auch dringende Erweiterungen im Straßen- und Kanalisationsnetz verbunden. Welchen Umfang sie im Laufe der Jahre annahm, mögen folgende kurze statistische Angaben erweisen: 

Im Straßenbau wurden in den Jahren 1910 -1925 insgesamt 43000 qm ortsbauplanmäßige Straßen hergestellt, davon entfielen auf

Fahrbahnen etwa 30000 qm 
Gehwege etwa 10000 qm 
Kandel etwa 3000 qm

Dazu wurden seit dem Jahre 1926 nicht weniger als weitere 157000 qm ortsbauplanmäßig angelegter Straßen erbaut bezw. alte und zu eng gewordene Straßen erweitert. Die Tatsache, daß in den 15 Jahren von 1910 bis 1925 nur etwas mehr als ein Viertel der in den 8 Jahren von 1926 bis 1933 neu errichteten Straßenfläche gebaut wurde, ist vielleicht einer der schlagendsten Beweise für die gewaltige Entwicklung, die Fellbach sowohl im alten wie im neuen Ortsteil gerade in den letzten Jahren genommen hat. Mit diesen 157000 qm neu angelegten Straßenflächen entfielen auf 

Fahrbahnen 110 000 qm
Gehwege 35 000 qm
Kandel 12 000 qm

von den 110000 qm Fahrbahnfläche wurden etwa 60000 qm mit Oberflächenteerung im Heißverfahren hergestellt, etwa 20000 qm mit Teermakadam versehen, etwa 11200 qm mit Walzasphalt belegt und etwa 16000 qm als wassergebundene Fahrbahnfläche ausgebaut.

Insgesamt wurden also in den Jahren von 1910-1933 nicht weniger als 200000 qm neuer Straßen geschaffen, darunter fallen in erster Linie die äußere und innere Bahnhofstraße, die Ludwigsburgerstraße, die Hinterestraße, die Cannstatterstraße, die Vorderestraße, die Rommelshauser- und Burgstraße und nicht zuletzt die Stuttgarterstraße, die als wichtige Einfallstraße nach Stuttgart in Bälde einen doppelseitigen Ausbau verlangen wird, darunter fallen aber auch die beiden Plätze, der Hindenburgplatz und der Adolf-Hitler-Platz, der als besonders frequentiertes Verkehrszentrum erst in jüngster Zeit eine Neugestaltung erfuhr und dabei gleichzeitig zu dem repräsentativen Platz Fellbachs ausgebaut wurde.

Auch die Kanalisation erfuhr in den vergangenen Jahren eine gewaltige Erweiterung und Neugestaltung. Sie war in Fellbach von jeher nach dem Misch-System ausgebaut, d. h. sie nahm sämtliche Abwässer, sowohl das Regenwasser wie die Haushaltungsabwässer, auf und führte diese ursprünglich durch Deckeldohlen in den seit urdenklichen Zeiten vorhandenen, öffentlichen Wassergraben, den sogen. Schüttelgraben, der als Vorflut für das gesamte Kanalnetz Fellbachs wirkt und dessen Abwässer in die Rems zwischen Beinstein und Waiblingen leitet. Dieses Kanalisationssystem wurde in den vergangenen Jahren von Grund auf modernisiert. Die alten Deckeldohlen wurden durch gemauerte bezw. Steinzeugrohrkanäle ersetzt. Das derart modernisierte Kanalnetz umfaßt heute 16500 lfd m, von denen allein in den Jahren 1925 bis 1933 11500 lfd m gebaut wurden.

 

Kläranlage am Schüttelgraben

Es lag auf der Hand, dass die in die Rems geleiteten Abwässer des stetig wachsenden Fellbachs eine immer unerträglichere Verunreinigung dieses Flusses mit sich brachten und dass darum die Nachbargemeinde Waiblingen immer mehr darauf drang, daß Fellbach eine Kläranlage baue. Diese schon vor dem Krieg geäußerte Anregung mußte im Jahre 1928 verwirklicht werden. Damit wurde für Fellbach gleichzeitig die ebenfalls längst zu einem dringenden Bedürfnis gewordene Einrichtung von Wasserspülanlagen ermöglicht. Sie wurden noch im letzen Jahre eingeführt und trugen wesentlich zur Besserung der hygienischen Verhältnisse einer Wohngemeindevon der Größe Fellbachs bei. 

Gemeindefarrenstall bei der Endersbacher straße

Die sowohl dadurch wie durch das allgemeine Anwachsen Fellbachs und den Ausbau seiner Straßenbefestigungen bedingte Vermehrung der Abwassermenge machte im Lauf der Jahre eine erneute Korrektion des Schüttelgrabens notwendig. Sie wurde von dem neuen Gemeindevorstand, Bürgermeister Dr. Graser, als eines seiner ersten Werke mit aller Energie in Angriff genommen. Das Fassungsvermögen des Schüttelgraben betrug früher 7 cbm/Sekunde und wird zur Zeit auf 13 bezw. 16 cbm/Sekunde erweitert. Diese gegenwärtig noch im Aufbau begriffene Korrektion, die gleichzeitig als ein wichtiges Arbeitsbeschaffungsprogramm der Gemeinde Fellbach zu bewerten ist, wird mit dem Ablauf dieses Jahres fertiggestellt sein und wird dann die Gemeinde einer großen, seit Jahren quälende Sorge entledigen. 

Die Wasser-, Gas- und Elektrizitätsversorgung. 

Parallel mit der Erweiterung der Abwasserkanalisation wuchsen naturgemäß auch die Ansprüche, die an die Wasserversorgung der Gemeinde Fellbach gestellt wurden. Welche Ausmaße die Entwicklung in dieser Richtung annahm, mögen folgende Zahlen schlaglichtartig erhellen: Während der Gesamtwasserverbrauch Fellbachs im Jahre 1910 noch 122040 cbm Wasser betrug, war er im Jahre 
1932 auf 452813 cbm angestiegen und dürfte in diesem Jahre annähernd das vierfache des Verbrauchs von 1910 erreichen. Dieser Mehrverbrauch kann nicht allein aus der Einführung der Wasserspülung und der Zunahme der Bevölkerung, die im gleichen Zeitraum nur auf das doppelte gestiegen ist, erklärt werden. In ihm spiegelt sich vielmehr noch eine andere für Fellbach charakteristische Entwicklung. Die Erweiterung alter und die Gründung neuer Gärtnereien, die sich hier mit dem nahen Markt Groß-Stuttgarts sehr erfolgreich entwickeln konnten und das alte Weingärtnerdorf Fellbach immer mehr auch zu einem wichtigen und unentbehrlichen Produktionszentrum für Stuttgarts Bedarf an Gärtnerei-Erzeugnissen werden liessen. Nur aus dieser Entwicklung erklärt es sich auch, daß mit dem Anwachsen des Fellbacher Gesamtwasserverbrauchs der Verbrauch pro Kopf und Jahr von 18 cbm auf 44 cbm stieg.

Diese Entwicklung erforderte naturgemäß auch eine grundsätzliche Neugestaltung der technischen Wasserversorgungseinrichtungen. Fellbach ist dabei von jeher der Wasserversorgungsgruppe Fellbach=Schmiden=Oeffingen mit dem Wasserwerk in Aldingen a. R. und dem Hochbehälter am Fuße des Kappelberges angeschlossen. Das 1904 in Aldingen erbaute Wasserwerk mußte infolge des auch in den übrigen Gemeinden der Gruppe erhöhten Wasserverbrauchs im Jahre 1927 auf eine modernere Förderungstechnik umgestellt worden. Dabei wurde eine Transformatorenanlage gebaut und der Pumpbetrieb elektrifiziert. Im Gefolge davon wurde sodann im Jahre 1928 der bis dahin nur aus einer Kammer bestehende Hochbehälter am Fuße des Kappelbergs, der ursprünglich nur 800 cbm Wasser aufnahm, durch den Anbau einer zweiten Kammer auf ein Fassungsvermögen von 2400 cbm Wasser gebracht, womit vor allem die Wasserreserve für unvorhergesehene Brandfälle ganz wesentlich erhöht und damit eine für solche Fälle bedeutend größere Sicherheit gewährleistet werden konnte.

Mit der Einrichtung des Wasserwerks in Aldingen war natürlich auch ein umfangreiches Leitungsnetz notwendig geworden. Es wurde gleich nach Einführung der Wasserversorgung im Jahre 1904 und in den darauffolgenden Jahren eingerichtet und hielt sich bis 1926 etwa auf demselben Stand von 20000-21000 lfd. m. Erst mit dem zunehmenden Wasserverbrauch in den letzten Jahren wurden im Anschluß an die Modernisierung der gesamten Einrichtung vom Jahre 1927/1928 auch im Leitungsnetz neue Erweiterungen geschaffen und zwar im Umfang von etwa 7000 m neuer Rohrstränge, so daß die Gemeinde Fellbach heute über annähernd 30 km Wasserleitungsnetz verfügt und damit alle wesentlichen Bedürfnisse auf dem Gebiet seiner Wasserversorgung befriedigen kann.

Ein ganz ähnliches Bild zeigt die Entwicklung der Gasversorgung Fellbachs: Die feierliche Eröffnung des ortseigenen Gaswerks geschah am 9. November 1907. Sie war ein Markstein in der Geschichte der Gemeinde, bedeutete sie doch einen ganz wesentlichen Fortschritt gegenüber der vorher üblichen Feuerung und Beleuchtung. Der Gasverbrauch betrug daher auch gleich im ersten Jahre (1908) 121000 cbm, die durch 7377 m Hauptleitungsrohr zugeführt wurden. Während sich die Erweiterung des Leitungsnetzes in folgender Weise vollzog:

1907 = 7377 m 
1914 = 10027 m
1918 = 10097 m 
1926 = 11899 m
1932 = 18 654 m

steigerte sich der Gesamtverbrauch auf einen Gegenwartsstand von 581058 cbm pro Jahr. Gerade diese Tabelle zeigt übrigens mit aller Deutlichkeit die Entwicklung Fellbachs (nach der Stagnation in den Kriegsjahren) von 1926 bis Anfang 1933 und rechtfertigt gleichzeitig den Entschluß, die Gasversorgung Fellbachs, wie es in diesem Jahr geschah, auf eine breitere Basis zu stellen. Dem vermehrten Gasverbrauch konnte der 1907 erstellte Gaskessel schlechterdings nicht mehr entsprechen, so daß die Gemeinde vor die Frage gestellt war, einen neuen, größeren Gaskessel zu bauen, oder sich an sie Ferngasversorgung Groß= Stuttgart anzuschließen. Wenn dabei der letztere Weg gewählt wurde, so war dies nicht nur naheliegend insofern die Groß= Stuttgarter Ferngasversorgung ohnedies unmittelbar am Ort vorbeiführt, sondern war auch zweifelsohne die einzige großzügige und auf eine fernere Zukunft abzielende Lösung der immer brennender geworbenen Frage.

Im gleichen Jahr, da das Wasserwerk in Aldingen erstellt wurde und damit Fellbach seine Wasserversorgung erhielt, wurde von den Neckarwerken A.G. Eßlingen a. N. der erste elektrische Strom in die Gemeinde geliefert. Schon im Jahre 1905 wurden dann 51000 Kilowattstunden verbraucht. Inzwischen ist dieser Verbrauch auf mehr als das 27fache (!) gestiegen und betrug im Jahre 1932 1380000 Kilowattstunden. Davon entfielen auf Licht 361000, auf Kraft 335000 Kilowattstunden, auf Großabnehmer 684000 Kilowattstunden. Sieht man davon ab, daß darin auch der Verbrauch der 1926 eingeführten elektrischen Straßenbeleuchtung inbegriffen ist, die heute 150 Straßenbeleuchtungskörper umfaßt, so spiegelt auch diese Zusammenstellung die unerwartet große Entwicklung Fellbachs wider. Insbesondere ist daraus zu entnehmen, in welchem Maße Fellbach auch die Anfänge eines Industrieortes aufweißt und wie sehr seine landwirtschaftlichen und gärtnerischen Unternehmen zu einem moderneren Betrieb übergegangen sind. Der weltaufgeschlossene und jedem sinnvollen Fortschritt zugewandte Charakter der Gemeinde, der mit ein wesentliches Auftriebsmoment für seine Gesamtentwicklung war, kommt gerade darin besonders deutlich und nachhaltig zum Ausdruck.

Rückblick und Ausschau.

Freilich gingen auch an der Gemeinde Fellbach die wirtschaftlichen und sozialen Sorgen der Nachkriegsjahre nicht vorbei, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Manches der inzwischen ausgeführten Projekte konnte erst dann einer Lösung entgegengeführt werden, als es längst zu einer fast unerträglichen Notwendigkeit geworden war, manches mußte auf das Allerdringlichste zurückgeschnitten und manches konnte überhaupt noch nicht in Angriff genommen werden, obgleich es einer dringlichen Abhilfe bedarf, während auf der anderen Seite die Zahl der Arbeitslosen und die damit gegebenen sozialen Lasten der Gemeinde immer neue und neue Sorgen aufbürdeten. Wenn jedoch auch in diesen Jahren der allgemeinen Not die Verhältnisse in Fellbach immer noch verhältnismäßig günstig blieben, so war das vor allem zweierlei zu danken: Einmal dem Umstand, daß Fellbach in seiner Gesamtstruktur immer eine gesunde Mischung von bäuerlicher, gewerblicher und in der Industrie tätiger Bevölkerung aufwies, in der das bodenständige, alteingesessene, bäuerliche und gewerbliche Element einen besonders wertvollen Bestandteil ausmacht, zum andern die Tatsache, daß mit diesen zahlreichen Bauprojekten zugleich ein wirkungsvolles Arbeitsbeschaffungsprogramm verbunden war, das einem großen Teil der Erwerbslosen in Form von Notstandsarbeiten Arbeit und Brot gab. Mancher der zur Ausführung gekommen Pläne konnten sogar mit unter diesem Gesichtspunkt der Arbeitsbeschaffung durchgeführt werden. Welche Bedeutung den einzelnen Projekten dabei gerade in dieser Hinsicht zukam, mag folgende Tabelle erweisen:

Jahr  Projekt  Kosten in RM Tagwerke 
seit 1926  Straßenbauten einschließlich Unterhaltung 1.210.000  75.000
seit 1926  Hauptkanalbauten einschl. Kläranlage und Unterhaltung 690.000 68.000
1933  Schüttelgraben ohne Grunderwerb.  105.000 11.000
2.005.000  154.000

Dabei sind neben anderem die ebenfalls umfangreicheren Bauten von Feld- und Waldwegen und deren Unterhaltung nicht berücksichtigt worden. Trotzdem sprechen diese Zahlen für sich. Sie zeigen, in welchem Unfang diese Bauten Arbeit, und zwar auch erheblich Handarbeit in die Gemeinde gebracht und damit den Arbeitsmarkt entlastet haben.

Auch die nächste Zukunft wird die Gemeinde Fellbach vor neue Aufgaben stellen. Sie dürfen mit der Erhebung zur Stadt nicht mit geringerer Großzügigkeit in ihrer Gesamtplanung und in ihrer technischen Durchführung in Angriff genommen werden. Sie setzen vor allem einen zielklaren Ortsbauplan für weitere Sicht voraus. Es wird sich dabei in erster Linie um die planmäßige Erschließung des Geländes westlich der inneren Bahnhofstraße und des Geländestrichs östlich der äußeren Bahnhofstraße, sowie des landschaftlich besonders reizvoll gelegenen Gebiets an der Staig handeln müssen. Auch der Ausbau der Nordseite der Stuttgarterstraße wird nicht mehr lange auf sich warten lassen können. Eine bedeutsame Reihe weiterer Projekte harrt damit ihrer Lösung. Sie wurden zum Teil schon in Arbeit genommen, wobei im Hinblick auf die weitere Entwicklung Fellbachs naturgemäß jetzt schon bei einzelnen Fragen mit den ortsbauplanmäßigen Absichten Groß=Stuttgarts gerechnet werden muß. Je mehr sich Fellbach vergrößert, umsomehr wird es an der Peripherie seiner Markung mit Groß=Stuttgart zusammenstoßen. Das gilt nicht nur für das Gelände bei der Funkerkaserne, sondern nicht weniger für das Gebiet an der Staig, wo eines Tages das Problem der Abwasserleitung in das Untertürkheimer und damit Groß=Stuttgarter Kanalnetz akut werden wirb. Das Bürgermeisteramt Fellbach hat unter seinem neuen Ortsvorsteher, Bürgermeister Dr. Graser, im Verein mit dem Gemeinderat auch diese Fragen bereits in Erwägung gezogen und wird mit aller Intensität eine für Fellbachs Weiterentwicklung erfolgverheißende Lösung dieser Probleme betreiben.

Gemeindewohngebäude in der Endersbacherstraße, Vorderansicht
Westansicht desselben Gebäudes

Fellbach hat die verflossenen Jahre verhältnismäßig leicht überstehen können. Es hat umsomehr Grund, mit Zuversicht in die weitere Zukunft zu blicken. Die nationale Erhebung brachte nicht nur im gesamten Reich eine neue Tatfreudigkeit, die im Absinken der Zahl der Arbeitslosen ihren wirtschaftlich gewaltigsten Ausdruck fand, sondern sie nahm auch von den Gemeinden ein gut Teil jener finanziellen Belastungen, die, wenn sich diese Verhältnisse nicht geändert hätten, selbst das bestfundierte Gemeindewesen in kürzester Zeit vor den sicheren Ruin geführt hätten. Der Einzelne sowohl wie jedes Land und jede Gemeinde sind heute mehr denn je mit dem Gesamten von Volk und Reich auf Gedeih und Verderb verbunden. So darf man hoffen, daß mit dem Reich und seinen Ländern auch die Gemeinde Fellbach einer schöneren und freieren Zukunft entgegengeht und dabei in ihrem Teil durch sparsame Wirtschaft und tätige Arbeitsfreudigkeit, die allein aus der Not der Zeit führen können, mitwirkt am Neuaufbau des Reiches.

 

Fellbach vor 50 Jahren [=1883]
Flugzeugaufnahme von Fellbach