Die evangelische Kirchengemeinde
Von Pfarrer Bochterle.


Auf der „Ebene" des Kappelbergs wurden vor einigen Jahren Reste einer Ansiedlung gefunden, die etwa auf die Zeit 1000 vor Christus weisen. Da bewohnten Spätbronze Leute die Ebene. Was hat sich alles in den etwa 2900 Jahren seither rings um den Kappelberg entwickelt! Vor etwa 1700 Jahren zogen römische Soldaten vom römischen Lager auf der Staig bei Cannstatt den Kappelberg hinauf auf der Römerstraße den Kernen entlang dem Jägerhaus zu. Sie brachten die Verehrung des Lichtgottes aus Persien auch in unsere Gegend. Davon zeugt ein Mithrasbild , das man auf dem Kappelberg am Weg nach Eßlingen in einer Weinbergmauer im 16. Jahrhundert fand. Offenbar hat einst ein Weingärtner den 130 cm hohen und 115 cm breiten Markstein dort gefunden und war froh, einen so geschickten Stein in seiner Mauer verwenden zu können. Der Stein steht jetzt in der Vorhalle der Sammlung der Kunst-und Altertumsdenkmäler in Stuttgart, Neckarstraße. 

Was ist es mit dem Stein? Der Stein zeigt einen Stier, an dem sich eine jugendliche Gestalt emporschwingt, halb sitzend greift die linke Hand nach den Nüstern des Stiers und reißt damit den Kopf des Stiers hoch. Die rechte Hand stößt gleichzeitig dem Stier einen Dolch in die Brust. Die jugendliche Gestalt ist ein Mithras, ein persischer Halbgott, dem hat der oberste Gott durch seinen Raben den Befehl gesandt, den Stier, dieses erste lebende Urtier, zu töten. Aus dem Blut des Stiers entsteht die Schöpfung. Die Schöpfung geht aus vom Lichtgott. An den Hinterfüßen des Stieres springt ein Skorpion empor, ein Bote des Gottes der Finsternis, der will die Schöpfung des Lichtgottes unmöglich machen. Das Bild stellt einen Kampf der Finsternis gegen das Licht vor - aber das Licht siegt, die Schöpfung entsteht. 

Also haben vor etwa 1700 Jahren am Kappelberg römische Soldaten den persischen Lichtgott verehrt. Ob damals irgend eine menschliche Ansiedlung in der Nähe war?

Lange Zeit liegt Fellbach für uns in völligem Dunkel. 1121 vermachte ein Herzog von Calw dem Kloster Zwiefalten einen Wald und 20 Jauchert Weinberg bei Türkheim und Velbach, ein Herzog Welf schenkt dem Kloster Adelberg ein Gut zu Felbach und bestätigt das mit seiner Gemahlin Uta 1185. 1351 verkauft Heinrich von Fehlbach alle seine Güter an die Grafen Ulrich und Eberhard von Wirtemberg. Damit hören die Herren von Fehlbach auf, das Dorf wird Württembergisch. Die Gemeinde hat eine Pfarrstelle und eine Frühmeß= Pfründe (Kaplanstelle) und gehörte als Filial zur Uffkirche in Cannstatt. Kirche mit Schulhaus (wohl früheres Schloß) und Kirchhof bildet eine Wasserburg, war mit einer Ringmauer umgeben, von einem Wassergraben geschützt (daher später die Seestraße). Man fand beim Abbruch der Mauer am Portal einen Stein, der außen die Zahl 1423 mit dem Württembergischen Wappen trug und innen die Zahl 1471, wahrscheinlich wurde 1471 die Befestigungsmauer vollendet. Ob innerhalb dieser Mauer eine Kirche stanb, vielleicht mit der Glocke von 1459? 1519 beschloß der Bundestag in Eßlingen: alle Mauern sind niederzureißen, also auch die Kirchhofmauer in Fellbach. Ob man das getan und kurz darauf eine neue Mauer gebaut hat? Jedenfalls wurde durch Peter von Lan 1519 die jetzige Kirche erbaut mit dem Turm und dem heiligen Gallus geweiht; das Osterglöcklein stammt von 1519: Osanna heiß ich, Sebastian Seydler von Eßlingen goß mich. Die größere Glocke von 1459 hatte Pantaleon Seydler, der Vater von Sebastian Seydler, gegossen. 1524 wurde der Chor angefügt. Die ausfallend verzierten Steine am Chor zeigen, daß sie anderswoher stammen, wahrscheinlich von einer Kapelle zu „unserer lieben Frau", die in den Weinbergen Rotenberg zu stand in den Frauenbronnen (Heilquelle? Die Kapelle der Maria geweiht?)

 

Lutherkirche

Von der Einführung der Reformation wissen wir nichts. Der erste ev. Pfarrer wird Jakob Reytenmann gewesen sein, der Mai 1542 mit dem württembergischen Kriegsvolk gegen die Türken zog. Sein Nachfolger wurde Magister Kilian Lilienfein 1540-64, zugleich Dekan von Cannstatt; er stammte aus Karlstadt und war verwandt mit den württ. Reformatoren Schnepf und Brenz. Da 1596 und 1597 an pestartiger Seuche 319 Personen starben, wurde ein neuer Friedhof für nötig erklärt und am 13. März 1606 mit dem ersten Begräbnis eingeweiht „nahe am Ort", südwestlich von der Kirche. 

1610 kam Pfarrer Maicler hieher, der 1611 das Kruzifix auf dem neuen Friedhof errichtete: das Kreuz mit dem Heiland wächst aus dem Leib eines am Boden liegenden Mannes, das Adam, der — den Apfel in der rechten Hand - im Sterben den Blick auf den Gekreuzigten richtet. Neben Adam kniet Eva, in den Händen Apfel und Schlange, auch sie mit dem Blick auf den Gekreuzigten. 1779 wurde die Kirche um je 7 Schuh breiter und 6 Schuh höher gemacht, dadurch kam der an der Ostseite am Turm in Stein gehauene musizierende Engel unter das neue Dach. 1804 wurde die Ringmauer um die Kirche 
abgebrochen und die Steine zum Bau des Schulhauses verwendet. 1894 wurde der Verkauf des Gestühls aufgehoben, 1918 wurde der Betsaal „in der Bahnhofgegend" gebaut; das seit 1846 bestehende Vikariat wurde 1918 in ein selbständiges Parochialvikariat verwandelt, 1920 eine zweite Pfarrstelle errichtet, nachdem die Kirchengemeinde 1919 ein Pfarrhaus, Bahnhofstraße 50, erworben hatte, und 1927 die Pauluskirche gebaut. Dabei bekam die alte Kirche den Namen Lutherkirche, weil in der Zeit der Reformation erbaut. So suchte die Evang. Kirchengemeinde mit dem raschen Wachstum der Gemeinde einigermaßen Schritt zu halten. Die Gemeinde wurde in die Teilkirchengemeinde der Lutherkirche und in die Teilkirchengemeinde der Pauluskirche geteilt, die Grenze bildet die Schulstraße, die in ihr Wohnenden gehören zur Pauluskirche. Mit dem Bau der Pauluskirche hat die Gemeinde eine große Schuldenlast auf sich genommen; der Erwerb des früheren Postgebäudes, Cannstatterstraße 29, als Luthergemeindehaus schien 1932 wegen der Nähe der Lutherkirche nötig. 

Erwähnt sei noch Pfarrer Georg Maicler 1610-1647. Er erlebte die ganze Not des 30jährigen Krieges mit seiner Pest, die 1626 nicht weniger als 536 Personen dahinraffte und wieder 1635 446 Personen. In seiner 37jährigen Amtszeit wurden hier geboren 1583, aber gestorben sind 2566 Personen, also 1000 mehr Gestorbene als Geborene; kein Wunder, daß 1654 nur noch 556 Einwohner gezählt wurden.

Bezeichnend für Fellbach ist das blühende Gemeinschaftswesen, 1759 treten zum erstenmal Privatversammlungen auf. 1758 war Christian Friedrich Sack als Pfarrer nach Fellbach gekommen; er starb am 2. Juli 1762. Die Leichenpredigt hielt Waisenpfarrer Seiz von Stuttgart, den die Fellbacher baten, der Nachfolger von Sack zu werden. Am zweiten Advent wurde er hier eingeführt, um am dritten Advent 12. Dezember 1762 zu sterben. Dieser Tod der beiden Pfarrer in einem halben Jahr, der Tob der Tochter des Ulrich Haußer in der Kiesgrube am 10. Oktober 1765 brachten der Versammlung bei Ulrich Haußer starken Zulauf. Stete Gemeinschaft trat in Beziehung mit dem 1758 geborenen Michael Hahn *). Die Süddeutsche Gemeinschaft hängt zusammen mit dem 1924 verstorbenen Prediger Giebler, die landeskirchliche (Mundersche) Gemeinschaft mit den im Zelt 1918 erweckten Brüdern Munder=Cannstatt. Daneben bestehen als Freikirchen die bischöfliche Methodistenkirche und die Evang. Gemeinschaft. Ferner sind sämtliche Sekten hier vertreten neben den hier scharf antikirchlichen Pregizerianern.

So möchte die Evang. Kirchengemeinde in der neuen Zeit mit neuer Kraft an ihre Aufgaben gehen:- das Evangelium einer verlorenen Welt anzubieten.

*) Die altpietistische Gemeinschaft ist von Pfarrer Werner (1848—72) gegründet.