Die evangelische Volkschule


Vor mehr als 400 Jahren kämpfte Dr. Martin Luther in Mitteldeutschland am machtvollsten von allen gegen manche Lehren und Einrichtungen der kath. Kirche an. Seine deutsche Seele trieb ihn dazu. 
Unverstanden von Rom, sah er sich genötigt, eine andere christliche Kirche zu schaffen. Das nämliche Deutschtum seiner Seele machte ihn auch zum geistigen Urheber der Volksschule. Gezwungen durch die Zeitverhältnisse gliederte er die Schule des Volkes der Kirche an. Anhänger seiner Lehre schufen ihr auch in Württemberg Raum. So kam es, daß etwa Z. Zt. von Luthers Tod in Fellbach der erste ständige Lehrer, nämlich Joh. Schuhmacher, genannt wird. Schon nach wenigen Jahren mußte er, gezwungen durch das Interim, nach Stuttgart gehen ins Stift. Ein Jahrhundert lang war die Schulstelle in Fellbach nur vorübergehend besetzt. 

So eröffnet also Nik. Werther 1649 die Reihe der Lehrer von Fellbach. Erst von da an war die hiesige Schule ohne Unterbrechung wirksam. Doch ihre Verhältnisse waren noch recht bescheiden. In der südöstlichen Ecke der Ringmauer, die um die jetzige Lutherkirche führte, war ein baufälliges Schulhaus errichtet. Die Schüler wurden vorwiegend religiös gebildet. Lesen und Schreiben nahm einen bescheidenen Raum ein in dem Lehrstoff, Rechnen und all die andern - heute selbstverständlichen - Stoffe wurden nicht berücksichtigt. Das in der Volksschule Erworbene wurde in der Sonntagsschule zu befestigen versucht. 

1693 legte Melac hier 178 Häuser zu Asche, darunter war auch das Schulhaus. Die Not der Zeit ließ nur einen behelfsmäßigen Aufbau zu. Dieser mußte mit Sprießen schließlich gehalten werden. Doch erst 1801 konnte auf der Stelle des ursprünglichen, das neu erbaute Schulhaus eingeweiht werden.

Das war z. Zt. eines Lehrergeschlechts, das nicht nur in Fellbach, sondern auch im ganzen Lande nie wird vergessen werden können. 1756 kam Gg. Daniel Auberlen von Markgröningen nach Fellbach. Sein Sohn Nik. Ferdinand wurde 1784 sein Nachfolger und wirkte bis 1828 hier. In diesem Jahr übernahm dessen Sohn Wilhelm Amandus Auberlen hier die Lehrstelle. Dieser war ein gottbegnadeter Tondichter. Schon unter seinem Vater hat der bekannte Liederschöpfer Silcher hier gewirkt. Auberlen war weniger der Mann des Volksliedes. Seine Kirchenlieder werden aber nie vergehen. Doch hat er auch als weitschauender Schulmann hier bedeutendes geleistet. Als 1836 durch Landesgesetz Rechnen und Stoffe der Sachkunde in den Rahmen der Volksschularbeit aufgenommen wurde, griff er weiter und schuf, anschließend an die Volksschularbeit einen Kurs für gewerbliches Zeichnen und legte damit den Grund für die spätere Gewerbeschule. Unter ihm wurde auch 1845 auf 46 in der Neugasse ein Schulhaus mit zwei Schulzimmern und einer Lehrerwohnung errichtet. So waren nun drei Schulklassen geschaffen. Eine bescheidene Stiftung ermöglichte es ihm 1869 hier die Handarbeit für Mädchen einzuführen. Leider mußte er nach zwei Jahren dieses Werk wieder zerrinnen sehen, weil die Stiftungsmittel aufgebraucht waren und sonstige von ihm nicht aufgetrieben werden konnten. Als tiefblickender Staatsbürger, hat er im Jahre 1858 die hiesige Weingärtnergesellschaft gegründet. Sie war gedacht von ihm als Stütze und Schutz der Witwen und Waisen der Fellbacher Weingärtner im Geschäftsleben. Auberlen ist1873 aus dem Schuldienst in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Im folgenden Jahre ist er gestorben. Seine Tochter Klara lebt in unserer Mitte und wirkt noch heute - hochbetagt - trotz bescheidener Verhältnisse tatkräftig in seinem Sinne.

 

Altes Schulhaus

Der Nachfolger Auberlens wurde Oberlehrer Dölker, dessen Sohn G. Dölker als Apotheker in Fellbach tätig ist. Unter Oberlehrer Dölker wurden an das Schulhaus an der Kirche vier Schulzimmer und drei Lehrerwohnungen angebaut im Jahre 1875. In diesem Jahre waren somit die Grundlagen geschaffen für eine „ausgebaute Schule". Sieben Klassenzimmer waren vorhanden. Jeder Jahrgang konnte für sich unterrichtet werden. Im folgenden Jahr wurde aus dem gewerblichen Zeichnen Auberlens eine eigentliche Gewerbeschule. Im Jahr 1887 wurde an das Schulhaus in der Neugasse noch ein Schulzimmer und eine Dienstwohnung angebaut. Wie 1875 das „alte Schulhaus" so war auch jetzt das Schulhaus in der Neugasse grundsätzlich abgeschlossen in der Form, wie wir heute diese Schulhäuser noch sehen. Jm Jahr 1892 schied der verdiente Schulmann aus dem Leben.

Unter dem Nachfolger, Oberlehrer Roller, wurde 1890 ein weiteres Werk Auberlens durchgeführt: die Handarbeit für Mädchen wurde eingeführt. 1900 trat Oberlehrer Roller in den Ruhestand. Sein Nachfolger Schmid starb schon nach 2 Jahren und Eppinger wurde Schulvorstand. Seine Schrift „Beschreibung, Geschichte und Führer von Fellbach" zeigt, wie innig er mit der Gemeinde verwachsen war und wie er sie zu verstehen versuchte aus ihrer Geschichte und ihren Lebensverhältnissen heraus. Der stetige Bevölkerungszuwachs zwang 1906 zur Schaffung weiteren Raumes. In der Kirchhofstraße, gegenüber des Friedhofeinganges, wurde ein Schulhaus errichtet, das 6 Schulzimmer, ein Lehrerzimmer, eine Schuldienerwohnung und ein Schülerbad umfaßte 11 Klassenlehrer und eine Lehrerin für Handarbeit waren nötig geworden. Der Lehrplan von 1907 stellte wieder neue Aufgaben. Es war eine Stoffgliederung für die Schularbeit entstanden, die im wesentlichen die heutige darstellt. Die Betreuung des Hauses wurde 1908 in die Hände von Friedrich Retter gelegt, der noch heute mit vorbildlicher Sachkenntnis, Treue und Fleiß und Umsicht seines Amtes als Hausmeister waltet.

Im Jahre 1910 wurde Eckstein hier zum Schulvorstand bestellt, der erste, der die Dienstbezeichnung Rektor in Fellbach verliehen, bekam. Bei seinem Dienstantritt waren schon 13 Klassenlehrer und eine Handarbeitslehrerin erforderlich. Trotzdem waren die Klassen unerträglich überfüllt. Auch der Raum begann zu mangeln. Nicht nur, daß Klassenunterricht in das Gemeindehaus verlegt werden mußte, auch in einem Hause Ecke Auberlen- und Ludwigsburgerstraße mußten Räume gemietet werden, um die Klassen wenigstens behelfsmäßig unterzubringen. Diesem unerträglichen Zustand suchte man 1913 in großzügiger Weise zu begegnen: an das Schulhaus in der Kirchhofstraße wurden 12 Schulzimmer angebaut. Auch Räume für Werkunterricht waren vorgesehen. Nachdem schon im Jahre 1911 eine zweite Lehrerin für Handarbeit angestellt worden war und 1913 die Zahl der Klassenlehrer auf 16 gestiegen war, auch eine - zunächst unständige - kath. Lehrstelle errichtet war, schien für absehbare Zeit die Schulfrage für Fellbach gelöst. Es kam der Krieg. Einer der Lehrer, die an der hiesigen evang. Volksschule tätig waren, Unterlehrer Adolf Knöll, ist an den Folgen einer Verwundung am 30. August 1914 gestorben. Im Felde war eine stattliche Anzahl. Die Schularbeit litt darunter bitter. 

 

Neues Schulhaus

Nach dem schmerzlichen Kriegsende schien auch die Kraft von Rektor Eckstein erschöpft. Er mußte in den Ruhestand treten. Sein Nachfolger wurde Oberlehrer Fischer. Die herben Jahre nach dem Krieg kämpfte die hiesige Schule unter Rektor Fischer bis 1924, wo er altershalber in den Ruhestand trat. In diesen Jahren hat sich manches beachtliche zugetragen. Im neuen Schulhaus war neben der evang. Volksschule die Gewerbeschule untergebracht, nun kam 1920 noch eine zweite kath. Klasse; diese wurde auch im neuen Schulhaus untergebracht. 1921 wurde die Frauenarbeitsschule ins Leben gerufen und auch ein Schulzimmer des neuen Schulhauses eingewiesen. So hatte man vier Schularten in demselben Hause beieinander. Die evang. Volksschule war dabei in vier verschiedenen Häusern untergebracht: altes Schulhaus 5 Klassen, Neugasse 2 Schulklassen, Gemeindehaus die beiden Handarbeitslehrerinnen und im neuen Schulhaus die übrigen Klassen. Dabei wuchs die Schülerzahl dergestalt, daß die Zahl der Klassenlehrer auf 22 angestiegen war im Jahre 1923. Einer derselben, Oberlehrer Haberey, wurde in diesem Jahre als bewährter Fachmann beauftragt, eine Hilfsschulklasse einzurichten. Als im Frühjahr 1924 sich nun die Ausfälle durch die Kriegsjahrgänge im ganzen Reich bemerkbar machten, kam der Abbau. Auch hier wurde eine Lehrstelle geopfert, obwohl die vorhandenen Stunden nicht dafür ausreichten, den Bestimmungen des Lehrplans gerecht zu werden. So war in verschiedenen Mädchenklassen das Turnen noch nicht eingeführt, ebenso fehlten die vorgeschriebenen Turnspielnachmittage. Dagegen wurden den Lehrern noch weitere Stunden an der damals einklassigen Gewerbeschule aufgenötigt.

Im Frühjahr 1925 wurden diese Fachstunden an der Gewerbeschule, die nahezu einen Lehrauftrag ausmachten, auf Betreiben der evang. Volksschule abgelöst. Das Mädchenturnen und die Turnspielnachmittage wurden eingeführt. Ebenso wurde eine Hauswirtschaftsschule eingerichtet, wofür im Untergeschoß ein geeigneter Raum verfügbar gemacht wurde. In diesem Zusammenhang mußte eine Fachlehrerin für Hauswirtschaft angestellt werden. Auch ein bescheidener Schulgarten wurde angelegt. Der Plan einer Mittelschule scheiterte an den Schullastengesetz, das den Gemeinden wesentlich höhere Beiträge zu den Lehrergehältern zumutete als früher. 

Im Jahre 1928 kam das achte Schuljahr zur Durchführung. Hiebei wurde die 1924 abgebaute wissenschaftliche Lehrstelle wieder errichtet. Nur unter härtesten Einschränkungen war dies möglich. Denn jedes Schuljahr umfaßte 2-3 Klassen. Für die Errichtung des achten Schuljahrs war jedoch nur eine Stelle bewilligt worden, obwohl 43 Knaben und 59 Mädchen für dieses Schuljahr in Frage kamen. Auch die Raumfrage wurde brennend. Ein Gewerbelehrer und ein Lehrer der Volksschule mußten sich in einen Raum teilen, der gesundheitlich kaum für Werkunterricht in Frage käme und nun doppeltes Klassenzimmer sein sollte. 1929 sollte nun am neuen Schulhaus ein Anbau vorgenommen werden, der 6 Klassenzimmer gebracht hätte. Auch eine Turnhalle war geplant. Der Beschluß des Gemeinderats wurde jedoch verhindert durch die ablehnende Haltung der Ministerialabteilung für Körperschaftsverwaltung. Dafür brachte dann die Gemeinde im Frühjahr 1930 die Frauenarbeitsschule in einem Gebäude in der Ludwigsburgerstraße unter. Dadurch war für die Gewerbeschule und die Volksschule je ein Klassenzimmer gewonnen. Erstere hatte weiter die Freude, das neue Schulhaus jetzt nur noch mit zwei anderen Schulen teilen zu müssen. 1931 wurde die landwirtschaftliche Fortbildungsschule eingerichtet. Dasselbe Jahr brachte die Erfüllung eines weiteren Wunsches. Im ersten Stock des neuen Schulhauses wurde das nördliche Gangende abgeschnürt und dadurch ein Lehrerzimmer geschaffen, das wenigstens annähernd zureichend ist für Sitzungen des Lehrerrats. Das bisherige Lehrerzimmer konnte nun endlich dem Rektor als Amtszimmer eingeräumt werden. Doch die Entwicklung der Gemeinde schreitet weiter. Waren es 1924 etwa 8500 Einwohner, so sind es heute über 11 000. Fellbach hat heute 25 Lehrer an der evang. Volksschule. Andere Gemeinden mit 10 000 Einwohner haben 27 und mehr, ein Zeichen, daß Fellbach an der äußersten Grenze der Sparsamkeit steht. Wären die Räume vorhanden gewesen, so wäre im Frühjahr 1933 eine weitere Lehrstelle errichtet worden. So wurde diesen Sommer wenigstens die Raumfrage in Angriff genommen. Am neuen Schulhaus ist ein Anbau erstellt worden, der einen Turnsaal, drei Klassenzimmer und einen Zeichensaal vorsieht. Vor kurzem wurde auch die Errichtung der weiteren Lehrstelle beschlossen.Die Gemeinde wächst. Die Schule sucht Schritt zu halten.  

Möge ihr beschieden sein, im Sinne unseres Führers am Neubau des Deutschen Reiches und Volkstums segensreich mitzuwirken. 

Rektor Moser.