Die Gewerbeschule und ihre Entwicklung
Von Gewerbeoberlehrer Schill.


Fellbach hatte schon in alter Zeit einen rührigen Handwerkerstand. Dieser hat in der praktischen Ausbildung seiner Lehrlinge eine, hohe, wichtige, unter Umständen mit Opfern verbundene, aber auch befriedigende Aufgabe erkannt. Diese praktische Ausbildung konnte wirksam unterstützt werden durch theoretische Unterweisungen. Die Gemeindeverwaltung Fellbach hat deshalb auch verhältnismäßig früh eine Einrichtung geschaffen, die diesen Unterricht ermöglichte.

Im Jahre 1836, also vor beinahe 100 Jahren, hat sich der damalige Schulmeister W. A. Auberlen sehr eingehend mit der Errichtung einer Gewerbeschule in Fellbach befaßt. Er studierte schon bestehende Schulen in anderen Orten, vor allem die Anstalt im nahen Bad Cannstatt, und machte damals dem "Wohllöblichen Stiftungsrath" in Fellbach bis ins einzelste gehende Vorschläge über gewerblichen Unterricht für die hiesigen Lehrlinge. Es ist außerordentlich interessant, daß schon damals Unterricht in den Fächern als wünschenswert erachtet wurde, die auch heute noch die Grundlage des Gewerbeschulunterrichts bilden. Dabei handelt es sich natürlich nicht nur um rein berufskundliche, sondern auch um allgemein bildende Stoffgebiete.

Auberlen ist es damals allerdings nicht gelungen, den löblichen Stiftungsrath so zu überzeugen, daß er allem zugestimmt hätte. Es hat noch Jahrzehnte gedauert, bis seine Gedanken voll verwirklicht werden konnten. Unter den Fächern, die für notwendig gehalten wurden, hat das Zeichnen jeder Art naturgemäß die führende Rolle eingenommen. Der Königliche Studienrath, die oberste Schulbehörde, schreibt in einem Erlaß vom Jahr 1851, daß für die berufliche Ausbildung das Zeichnen eines der wichtigsten Fächer sei. So entstanden zunächst einmal die Sonntagsgewerbe- und die "Zeichnungschule". Wir wissen, daß an der Fellbacher Zeichnungsschule im Jahr 1856 22 Schüler der verschiedensten Gewerbe teilgenommen haben. Nach und nach wurden die Schulen weiter ausgebaut. Aus bezw. neben der Sonntags=Gewerbeschule entstand die Abendschule, neben dem Zeichnen wurden noch andere elementare, wissenschaftliche und kaufmännische Fächer an der gewerblichen Fortbildungsschule eingeführt. Im Jahr 1856 wurde in den Wintermonaten der Unterricht an 3 Wochentagen mit je 2 Stunden erteilt. Sommers fand der Unterricht Sonntags vor dem Hauptgottesdienst statt.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat ein Mann, der im Schulleben Fellbachs eine große Rolle gespielt hat, die Leitung der gewerblichen Fortbildungsschule übernommen: Oberlehrer Eppinger. Er und seine späteren Mitarbeiter, die Kollegen Schmidhuber, Gutbrodt, Zoller und Schlichenmaier, haben in unermüdlicher Arbeit sich um den Ausbau der Schule bemüht Es war nicht gerade einfach, die Schule der gewerblichen Entwicklung des Ortes anzupassen. So bedurfte es mehrerer Hinweise der Königlichen Kommission für die gewerblichen Fortbildungsschulen, bis der Gemeinderat Fellbach sich zu einer Erweiterung der Schule oder zur Anschaffung von Zeichenmodellen oder ähnlichen Lehrmitteln herbeiließ. Selbst die Handwerkskammer Stuttgart hat sich damals für den weiteren Ausbau der Schule eingesetzt und die Erteilung der Befugnis zur Abhaltung der Gesellen=Prüfungen für die Orte Fellbach, Schmiden, Oeffingen, Rommelshausen, Schanbach und Stetten an den Gewerbeverein Fellbach von der Erfüllung ihres Wunsches abhängig gemacht. Es war auch damals schon die leidige Geldfrage, die manchen gutgemeinten Vorschlag ins Wasser fallen ließ. Mit bestimmend mag auch gewesen sein, daß damals die Weingärtner, die die ausschlaggebende Rolle im Gemeinderat hatten, dem gewerblichen Unterricht nicht das Interesse entgegenbrachten, wie es das Handwerk gewünscht hätte.

Entsprechend den verschiedenartigen Bedürfnissen war das gewerbliche Schulwesen in den einzelnen Orten oft grundverschieden. Das war natürlich auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand. Es wurde deshalb eine einheitliche Regelung für das Land Württemberg durch die Einführung des Gewerbe- und Handelschulgesetzes vom 22. Juli 1906 angestrebt. Die Gemeinde Fellbach beschloß, dieses Gesetz auf 1. April 1909 durchzuführen. Die Neuregelung brachte für das gewerbliche Schulwesen große Veränderungen. So wurden zunächst einmal alle gewerblichen und kaufmännischen Arbeiter bis zum 18. Lebensjahr erfaßt. Der Unterricht mußte Werktags in den Tagesstunden in drei aufzeigenden Jahresklassen erteilt werden und zwar für jeden Schulpflichtigen in mindestens 7 Wochenstunden. Das war natürlich ein gewaltiger "Eingriff" in den Betrieb des Meisters. Trotzdem als Entschädigung dafür die Lehrzeit allgemein erhöht wurde, konnte sich doch mancher Handwerksmeister nicht mit der Neuregelung befreunden. Die Eingaben einzelner Meister um Befreiung ihrer Lehrlinge vom Schulbesuch, "da der Unterricht für sie nicht nötig sei", waren allerdings nicht so überzeugend begründet, daß der örtliche Gewerbeschulrat, der für die Entscheidung zuständig war, dem Wunsche entsprochen hätte Selbst die Handwerkskammer Stuttgart hat um die Ablehnung eines Gesuchs gebeten, als gleich sämtliche Angehörige eines Berufes die Befreiung ihrer Lehrlinge wünschten.

Der so erweiterte Unterricht wurde besonders vorgebildeten Gewerbelehrern übertragen. Oberlehrer Eppinger, der mehrere Jahrzehnte die gewerbliche Fortbildungsschule im Nebenamt geleitet hatte, konnte im Jahre 1909 Die inzwischen zur Gewerbeschule „aufgerückte" Anstalt abgeben an Gewerbeschulrat Schneider, der ihr bis zum Jahre 1928 vorstand. Mit großer Energie und unermüdlicher Arbeit wurde am Aus- und Aufbau der Schule gearbeitet und die Oeffentlichkeit für die neue ungewohnte Einrichtung gewonnen. Besonders waren es die Ausstellungen der Schülerarbeiten, die großes Interesse bei den Handwerkern fanden. Bis zum Frühjahr 1914 war ein verheißungsvoller Anfang gemacht worden. Schülerwerkstätten, wie sie größere Berufsschulen für die einzelnen Berufsgruppen einrichten können, kommen naturgemäß für eine kleinere Schule nicht in Frage. In der Erkenntnis, daß aber zu einer kleinen Schule wenigstens ein Raum vorhanden sein sollte, in dem praktische Versuche durchgeführt werden können, und von dem Bestreben geleitet, auch in dieser Hinsicht den Vorschlägen des Gewerbeschulgesetzes zu entsprechen, hat die Gemeinde der Gewerbeschule einen Raum mit einer bescheidenen Einrichtung im Untergeschoß des neuen Schulhauses zur Verfügung gestellt. Einige hiesige Gewerbetreibende haben Einrichtungsgegenstände und Werkzeuge gestiftet.

Leider hat dann der Krieg eine Reihe von bedauerlichen Rückschlägen gebracht. Aus mancherlei Gründen war eine geregelte Durchführung des Unterrichts fast nicht mehr möglich. Der hiesige Gewerbelehrer mußte teilweise auswärts Unterricht erteilen. Der Werkstattraum wurde als Verteilungs- und Aufbewahrungsraum für Lebensmittel verwendet. Einrichtungsgegenstände und Werkzeuge litten Schaden. 

In den Nachkriegsjahren setzte eine rasche Aufwärtsentwicklung ein. Aus den 80 Schülern im Jahre 1912 sind es 180 im Jahre 1926 geworden. Das ist zwar nicht zuzuschreiben dem Vorhandensein von gewerblichen Großbetrieben, sondern einer größeren Anzahl mittlerer und kleiner Betriebe. Die Fabriklehrlinge machen nur einen kleinen Prozentsatz der gesamten Schülerzahl aus. Die Zahl der Lehrlinge, gemessen an der Einwohnerzahl Fellbachs ist klein. Es ist dabei zu bedenken, daß Fellbach Wohngemeinde ist, daß es im Verhältnis wenig Gewerbebetriebe mit Lehrlingen hat und daß nach Fellbach keine Schüler aus Schulbezirksgemeinden kommen. Wenn so die Schülerzahl auch verhältnismäßig klein ist, so kann man das von der Zahl der vorhandenen Berufe keineswegs behaupten.

Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre in Verbindung mit der Tatsache, daß gerade in diesen Jahren die schwachen Kriegsjahrgänge gewerbeschulpflichtig wurden, hat sich natürlich in der Schülerzahl auswirken müssen. Mancher Meister wollte keinen Lehrling mehr nehmen, da der katastrophale Mangel an Aufträgen eine geregelte, allseitige Ausbildung des Lehrlings nicht mehr zuließ. Andere Meister wieder konnten keinen Lehrling finden. Auf der anderen Seite machte sich aber ein starkes Bedürfniss nach freiwilligen Abendkursen geltend. An erster Stelle standen die Zeichenkurse, die sich aus den Kreisen der Lehrlinge und der Gesellen eines recht guten Besuchs erfreuten. Außerdem konnte eine große Anzahl hiesiger Gewerbetreibender in Buchführung, Gesetzeskunde, Rechtslehre und Kostenrechnen auf die Meisterprüfung vorbereitet werden. Endlich wurde noch in Verbindung mit dem Arbeitsamt Stuttgart für erwerbslose Arbeiter eine Reihe von theoretischen Weiterbildungskursen durchgeführt.

Selbstverständlich konnte diese Arbeit auf die Dauer von einer Kraft nicht mehr bewältigt werben. Jahrelang mußten Lehrer der hiesigen Volksschule an der Gewerbeschule Unterricht im Nebenamt erteilen, bis auf Beschluß des Gemeinderats am 1. April 1928 eine zweite Stelle errichtet und mit einem Gewerbelehrer besetzt werden konnte. Natürlich waren auch inzwischen die Räume nicht mehr ausreichend. Mit der Zuteilung eines zweiten Lehrsaales und der Schaffung eines Lehrmittelzimmers wurde den dringendsten Bedürfnissen abgeholfen. Die Erweiterung der Räume ermöglichte wiederum eine geordnete Unterbringung der Lehrmittel aller Art. Dank dem besonderen Entgegenkommen auswärtiger und hiesiger Firmen konnte in den letzten Jahren über das übliche Maß hinaus die Lehrmittelsammlung ausgebaut werben, so daß die Schule den gesteigerten Ansprüchen der verschiedenen Berufe gerecht werden kann.

Das Jahr 1933 wird auch in der Entwicklung des gewerblichen Schulwesens einen Markstein bilden. Seit Beginn der nationalen Erhebung sind an die Schule in mancher Beziehung neue Anforderungen gestellt worden. Auch der Berufsschule wird einzig und allein als Richtschnur für die Lehrgestaltung zu dienen haben das Wort des Führers: „Der völkische Staat hat seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Willens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an die Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als letztes die wissenschaftliche Schulung."