Werden und Wachsen der Katholischen Kirchengemeinde

Im Jahre 1899 waren in Fellbach 5 Katholiken ansäßig; heute, im Jahre 1933, zählt die katholische Pfarrgemeinde mehr als 1200 Seelen. 34 Jahre sind für eine Pfarrgemeinde eine kurze Zeitspanne; aber inhaltsreich kann sie trotzdem sein. Schon die beiden Zahlen: 5 Seelen im Jahre 1899 und mehr als 1200 im Jahre 1933 stellen einen interessanten Gradmesser dar für die außerordentliche Entwicklung der Gemeinde im ersten drittel des 20. Jahrhunderts. 

Anfangs besuchten die katholischen Einwohner von Fellbach den Gottesdienst in Oeffingen; bald jedoch wurden sie der katholischen Stadtpfarrgemeinde Waiblingen als Filiale zugeteilt, in welcher damals Stadtpfarrverweser Nägele Seelsorger war. Ein späterer Nachfolger, der dritte, Stadtpfarrverweser Miller, erkannte weitblickend die große Zukunft des im Weichbild Stuttgarts liegenden Marktfleckens Fellbach und faßte den Plan, an geeigneter Stelle den Platz für eine künftige Kirchenanlage sicher zu stellen. Nach Ueberwindung einiger Schwierigkeiten wurde im Jahre 1908 das Gelände erworben, auf dem heute die Kirche und das Pfarrhaus stehen.

Im Jahre 1912 schritten die Katholiken von Fellbach unter Führung des Stadtpfarrverwesers Brehm von Waiblingen zur Gründung eines Kirchbauvereins. Einige gemeinsame Feiern, die in diesem und dem folgenden Jahre stattfanden, bewiesen, daß schon eine kleine Gemeinde entstanden war. Die Gründung einer katholischen Einklassenschule auf den 1. Mai 1913 sei nur nebenbei erwähnt, da das Werden und Wachsen der katholischen Volkschule eine besondere Behandlung erfahren wird. 

Katholische Kirche

Je größer die Gemeinde wurde, desto lauter wurde auch der Ruf nach einem eigenen katholischen Gottesdienst in Fellbach. Auf dem Gang nach Waiblingen zum Gottesdienst bei jeder Witterung war diese Frage ein naheliegender Gesprächsstoff, der um so intensiver diskutiert wurde, je mehr die Witterung dazu Anlaß gab. Die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Wunsches rückte in greifbare Nähe, als die Trikotfabrik Maier & Sohn in Stuttgart-Wangen in Fellbach ein Fabrikgebäude erstellte. Katholische Angestellte der Firma, die von da ab bis in die jüngste Zeit der katholischen Gemeinde viel Gutes taten, erkannten, daß von den beiden Sälen einer unbenutzt liegen bleibe. Durch das Entgegenkommen der Fabrikleitung wurde dieser Saal den Katholiken Fellbachs mietweise überlassen; damit war ein genügend großer Raum zur Einrichtung einer Notkirche gewonnen. Vorbildlicher Opfergeist der Gemeindeglieder und die gütige Hilfe des hochseligen Bischofs Paul Wilhelm von Keppler sorgten für würdige Ausstattung des Raumes. Am Neujahrstag 1914 wurde nach Benedizierung des Saales in Fellbach wieder die erste hl. Messe gefeiert, der die kleine Gemeinde in Ermanglung von Bänken stehend in dankbarer Genugtuung und Freude beiwohnte. Außer dem Sonntagsgottesdienst betreute das Waiblinger Stadtpfarramt die neue Gemeinde an Wochentagen mit zwei Schülergottesdiensten.

Der regelmäßige Gottesdienst in Verbindung mit dem ständigen Wachstum der Gemeinde forderte immer nachdrücklicher einen eigenen Seelsorger. Die besonders nach dem Kriege einsetzenden Bemühungen für dieses Ziel waren schließlich mit Erfolg gekrönt. Am 22. Dezember 1919 erhielt die junge Gemeinde in Pfarrverweser KehIe ihren ersten ständigen Vorstand. 

Die Entwicklung drängte aber immer weiter. Nun trat das Verlangen nach einem eigenen würdigen Gotteshaus stark in den Vorbergrund; ja es kam in ein dringliches Stadium, als die Firma den gemieteten Saal kündigte. Von da ab ging es mit aller Macht an den Bau einer Kirche, wenn es auch nur eine Notkirche wurde. Am 6. Mai 1923 wurde der Grundstein gelegt, am 14. Oktober desselben Jahres war schon die Kircheinweihung, vorgenommen durch den damaligen Weihbischof Sr. Sproll; Schutzpatron der Kirche wurde der Evangelist Johannes. Planung und Bauleitung lagen in der Hand des Architekten Philipp Olkus, der diesen Bau in der selbstlosesten Weise durchführte. 

Ein Beitrag des Architekten zur Pfarrchronik berichtet von den ungewöhnlichen Schwierigkeiten und Mühsalen, die sich bei dem in der schlimmsten Inflationszeit erstellten Kirchenbau 1923 ergaben; aber auch von dem rührenden Opfergeist und Tatwillen, der die kleine Gemeinde beseelte und alles Widrige überwinden ließ. Schweiß von Kindern, Frauen, Männern und Greisen hängt an den Mauern des bescheidenen Gotteshauses. Alles half zusammen, alles mußte mühsam beigebracht werden; das Geld war wertlos geworden; nur persönliche Mitarbeit und Beischaffung von Material hatte noch Wert. In Goldmark ausgedrückt hatte der Bau fast gar nichts gekostet. Der damalige rührige Pfarrverweser Scheible beteiligte sich hemdärmelig in alter feldgrauer Militärhose persönlich an allen vorkommenden Bauarbeiten. Sein festes, zielbewußtes Schaffen im einzelnen wie im ganzen war die Grundlage für die rasche Vollendung des Kirchenbaues. „Worte belehren, Taten reißen hin!" — Auch die politische Gemeinde verfolgte mit Wohlwollen das Vorwärtsstreben und Vorwärtskommen der katholischen Gemeinde. Aus dem Protokoll des Kirchenstiftungsrates vom 24. Oktober 1923 sei dankbar angeführt, daß der Gemeinderat auf Anregung des Schultheißen Herrn August Brändle als Weihegabe die zur Anlage der Zuleitung des Wassers erforderlichen Gußrohre, Fassonstücke nebst Blei und Kordeln, laut Aufstellung des Ortsbauamts im Wert von 47.865.115.000 M., bewilligt hat.

In der ersten Sitzung des Kirchenstiftungsrates, die unter dem nachfolgenden Pfarrverweser Maier am 22. März 1925 stattfand, wurde der Bau eines Pfarrhauses beschlossen. Dasselbe kam im Sommer desselben Jahres zur Ausführung, wieder unter Leitung des Architekten Olkus. Bei der Gestaltung des Pfarrhauses wurde das greifbare Anwachsen der Gemeinde berücksichtigt; es mußte aber auch der damals geplanten Straßenführung der politischen Gemeinde Rechnung getragen werden. 

Nebenher Schritt die Ausstattung des Gotteshauses, die den Verhältnissen entsprechend nicht reich sein konnte, aber überaus geschmackvoll durchgeführt wurde. Sie fand mit der Erstellung einer kleinen Orgel durch die Orgelbaufirma Gebr. Späth-Ennetach im Jahre 1929 einen gewissen Abschluß. 

Die Bevölkerungszunahme von Fellbach, die von 8500 Einwohnern im Jahre 1925 auf 11200 im Jahre 1933 stieg und eine Vermehrung um nahezu ein drittel darstellt, wirkte sich auch bezüglich der katholischen Bevölkerung aus. Darum wurde die Pfarrverweserei Fellbach am 4. April 1930 zur ständigen Pfarrei erhoben. Als ersten Pfarrer berief der H. H. Bischof den damaligen Kaplan Sturm von Stuttgart - St. Maria, der bis heute die Pfarrei führt. Seine Investitur wurde am 4. Mai 1930 in feierlicher Weise begangen, an der auch die politische Gemeinde großen Anteil nahm.

In den Rahmen einer Kirchengemeinde, besonders in der Diaspora, gehört eine Schwesternstation. Nach langem, wohlbegründeten Ueberlegen wurde am 22. März 1931 ein katholischer Schwesternverein gegründet; die Schwesternstation selbst wurde mit einer schlichten, herzlichen Feier eröffnet am 1. Mai 1931. Zunächst ist sie betreut von zwei Schwestern für Krankenpflege und Handarbeit, die aus dem neugegründeten Mutterhaus (Canisiushaus) in Schwab. Gmünd kommen. In den 2 1/2 Jahren ihres Bestehens hat sich die Station wohl bewährt. Niemand möchte Sie mehr missen. Sie dient ja nur charitativen Zwecken, sie will den Menschen dienen. Dazu bietet sich reiche Gelegenheit in Krankheitsfällen und durch Anleitung und Beihilfe zu Flick- und Näharbeiten, wodurch den einzelnen und Familien in unserer so armen Zeit viele Ausgaben erspart bleiben.

Die Ausgestaltung des katholischen Lebens in der Pfarrgemeinde wird beleuchtet durch die im Dienste desselben wirkenden katholischen Vereinigungen, von denen zu nennen sind: Schwesternverein, Familien- bezw. Kirchbauverein, Kirchenchor, Kolpingsfamilie, Jungmädchenverein, Mütterverein. Sie meisten derselben sind mit kulturellen und geselligen Veranstaltungen wiederholt an die Oeffentlichkeit getreten. Diese Vereinigungen haben alle den Zweck, die Mitglieder der Pfarrgemeinde, die von überall her hier zugewandert sind, miteinander zusammenzubringen, sie menschlich einander näher zu bringen, sie hier heimisch zu machen. Dies ist bei einer Gemeinde ohne lange Tradition wohl schwer, aber um so notwendiger. Zur Anregung und Befruchtung des inneren kirchlichen Lebens fanden zweimal, in den Jahren 1929 und 1932 Volksmissionen statt durch einen Kapuzinerpater bezw. durch zwei Dominikanerpatres.

An der Erhebung Fellbachs zur Stadtgemeinde nimmt auch die katholische Pfarrgemeinde freudigen und dankbaren Anteil. Sie wünscht der politischen Gemeinde, daß dieser Schritt zum Segen des Ganzen, wie auch zum Segen für jeden einzelnen Bürger Fellbachs sich auswirken möge. Vielleicht wird die Erhebung Fellbachs zur Stadt auch dem schon seit einiger Zeit als notwendig erkannten Neubau des Gotteshauses einen gewissen Nachdruck verleihen. Dessen Verwirklichung wird dann nicht bloß in der Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde, sondern auch in der Geschichte von Gesamt-Fellbach wieder einen Markstein darstellen.