Die katholische Volksschule

Bis zum Frühjahr 1913 besuchten die kath. Schüler der hiesigen Gemeinde teils die Evang. Volksschule Fellbach, teils die Kath. Volksschulen in Waib1ingen und Oeffingen. Dieser überaus mißliche Zustand war auf die Dauer unhaltbar. Den vereinten Bemühungen der hiesigen Katholiken, des Kath. Bezirksschulamtes, Stuttgart und des Kath. Oberschulrats gelang es, für Fellbach auf 1. Mai 1913 einen eigenen kath. Lehrer (Schulamtsverweser) zu bekommen. Untergebracht wurde die Klasse im alten Schulhaus, Neuestraße 14, in einem Lehrssaal, der, was Lichtverhältnisse und gesamte Anlage betrifft, durchaus ungeeignet ist. 

Die Katholiken Fellbachs waren der Stadtpfarrei Waiblingen zur Pastoration zugeteilt. So mußte auch der jeweilige dortige Stadtpfarrer den Religionsunterricht an der hiesigen Klasse übernehmen.

Von 1913-1919 wirkten an der hiesigen kath. Volksschule eine Reihe unständiger Lehrer. Dieselben standen alle bei den beiden Fräulein Lieb ein recht gutes Quartier, eine zweite Heimat. Der letzte unständige Lehrer war Unterlehrer Josef Hagenmeyer aus Mühlhausen, Oberamt Geislingen. 

Auf 1. Mai 1919 übernahm Hauptlehrer Alfred Miller aus Bad Ditzenbach als erster ständiger Lehrer die Klasse. Derselbe war vorher Hauptlehrer in Aschhausen Oberamt Künzelsau. Die Schülerzahl war inzwischen von 30 auf 72 gestiegen; Fellbach hatte 8000 Einwohner, darunter 700 Katholiken.

Seit 22. September 1910 hatte die kath. Gemeinde einen eigenen Seelsorger - Pfarrverweser Kehle aus Stuttgart - und damit die Schule einen eigenen Katecheten. Am 20. September 1920 war Schulrat Pollich=Stuttgart als Vertreter des Kath. Oberschulrats hier zwecks Errichtung einer zweiten unständigen Lehrstelle. In gemeinsamer Ortsschulratsitzung wurde die Angelegenheit eingehend besprochen mit dem Ergebnis, die Errichtung einer zweiten Schulstelle beim Gemeinderat zu beantragen. Diesem Antrag wurde stattgegeben unter der Bedingung, daß der Unterricht schichtweise gegeben werden darf. Auf 1. November 1920 wurde die Stelle besetzt mit der Lehrerin Beatrize Greiner aus Stuttgart. Dieselbe war vorher Lehrerin in Binzwangen, Oberamt Heilbronn. Um den Schichtunterricht zu beseitigen, bezog die Unterklasse im Erdgeschoß des neuen Schulhauses ein Notlokal. Dasselbe hat Zementboden und ist nur notdürftig möbliert. 

Als 1922 die Unterlehrerin den Handarbeitsunterricht übernehmen sollte, ließ sie sich nach Oeffingen versetzen. An ihre Stelle trat im Tauschwege Unterlehrerin Hedwig Riese aus Oeffingen. 

Auch der Katechet Pfarrverweser Kehle verließ uns im November und wurde ersetzt durch Vikar Scheible aus Riedlingen. 

Im Sommer 1929 kamen 29 Ruhrkinder in unsere beiden Klassen und verließen uns wieder am 24. September. Ihr Gepäck wurde bei der Einreise ins besetzte Gebiet von den Franzosen gründlich durchsucht. Hauptlehrer Miller wurde vom Kultministerium zum Oberlehrer ernannt. 

Vom 14. Juli bis 1. September 1924 versah die Schule Stellvertreter Anton Buck aus Stuttgart, da Oberlehrer Miller an den Folgen einer Operation krank im Städt. Krankenhause Cannstatt lag. Leider wurde er auf 1. September wieder abgebaut, ein schmerzliches, unverdientes Lehrerlos. 

Am 1. November 1924 wurde Unterlehrerin Riek aus dem Dienste entlassen, da sie sich verheiratete. Ihre Nachfolgerin war Lehrerin Angela Jacob, vorher Unterlehrerin in Binsdorf, Oberamt Sulz. Das Dienstzimmer bei Conradi wurde wieder instandgesetzt und einigermaßen wohnlich eingerichtet. 

Durch freundliches, liebenswürdiges Entgegenkommen des stellvertretenden Rektors Leins bekam die Unterklasse ein schönes, helles Schullokal an Stelle des dunklen Raumes im Erdgeschoß. Es ist Saal 6 im ersten Stock des neuen Schulhauses. Das schöne, kollegiale Verhältnis zwischen den Schulvorständen der Evang. und Kath. Volksschule verdient rühmend hervorgehoben zu werden. 

Als neuer Katechet wirkte ab Februar 1925 an der Schule Vikar Maier aus Neckarsulm.

Am 27. Jan. 1925 starb Bezirksschulaufseher Oberschulrat Dr. theol. Treutler; sein Nachfolger wurde Schulrat Knüpfe r, der vorher Studienrat am Lehrerseminar Gmünd war. Am 1. April 1928 wurde auch an der Kath. Volksschule das achte Schuljahr eingeführt; es wirkt sich dies besonders bei den Knaben sehr vorteilhaft aus, da schon sehr viele Betriebe nur noch Lehrlinge einstellen, die das achte Schuljahr besucht haben. Im Mai 1928 übernahm für die erkrankte Lehrerin Jacob die Schulpraktikantin Cäcilia Kohler von Ertingen die Unterklasse. Nachdem die Lehrerin Jacob auch noch für den ganzen Winter Urlaub erhalten hatte, trat an ihre Stelle Lehrerin Rosa Hinke. Dieselbe war vorher Lehrerin in Steinbach bei Plochingen.

Im Mai 1930 wurde die Pfarrverweserstelle in eine ständige Pfarrei umgewandelt. Damit bekam die Schule einen Katecheten, der in treuer Mitarbeit mit den Lehrkräften bestrebt ist, die Jugend zu religiösen, vaterländisch gesinnten Menschen zu erziehen. Auf 1. April 1931 stieg die Schülerzahl der Grundschule auf 67. Um die Klassenlehrerin zu entlasten, schloß der Ortsschulrat mit einer Lehrschwester aus der Kongregation der Franziskanerinnen in Schwab. Gmünd einen Vertrag ab zwecks Uebernahme der Handarbeit. Dieser Vertrag wurde vom Gemeinderat gutgeheißen und vom Bezirksschulamt genehmigt. Die Fachlehrerin, die staatlich geprüft ist, erteilt vorerst sommers 5 und winters 4 Stunden Handarbeit wöchentlich und erhält pro Stunde 120 bezw. 90 Reichspfennig.

Mit dem im September 1931 erfolgten Tode von Bürgermeister Brändle verlor die kath. Schule einen großen Freund und Gönner. Im Juni 1932 wurde der neugewählte Bürgermeister, Reg.=Rat Dr. Graser, in sein Amt eingesetzt. Auch er versprach in entgegenkommender Weise, die Interessen der katholischen Schule jederzeit zu wahren. 

Oberschulrat Knupfer wurde im November 1932 als Reg.=Rat in den Kath. Oberschulrat berufen, an Stelle des ausscheidenden Oberregierungsrats Pollich. Am 1. Januar 1933 übernahm Schulrat Sieber das Bezirksschulamt. Derselbe war vorher Studienrat am Lehrerinnenseminar Gmünd.

Im Sommer 1933 beantragte der Ortsschulrat wegen fortwährend steigender Schülerzahl der Grundschule die Errichtung einer weiteren unständigen Lehrstelle. Den Verhältnissen Rechnung tragend, gab der Gemeinderat in durchaus anerkennender Weise seine Zustimmung, und der Kath. Oberschulrat genehmigte die Errichtung einer zweiten unständigen Lehrstelle. Dieselbe wird auf 1. November 1933 nach Fertigstellung des Anbaus an das neue Schulhaus besetzt werden.

Möge das Kath. Schulwesen der Gemeinde Fellbach auch ferner gedeihen und blühen! 

Oberlehrer Miller.