Die Pauluskirche in Fellbach
Von Pfarrer E. Rothwang


Am dritten Oktobersonntag dieses Jahres, dem Landeskirchweihfest, waren es bereits 6 Jahre, daß wir neben der altehrwürdigen Lutherkirche auch die Pauluskirche in Benützung haben. Die alte Kirche ist zu ihrem gegenwärtigen Namen erst durch den Bau dieser zweiten Fellbacher Kirche gekommen. Man mußte die beiden Gotteshäuser leicht unterscheiden können; das ging am besten mit einer Namensbezeichnung. Der Heilige, dem die alte Kirche im Anfang des 16. Jahrhunderts geweiht worden ist, kann nur gemutmaßt werden; Urkunden sind darüber nicht mehr vorhanden, es sei denn, daß solche noch im Grundstein der Kirche gefunden werden könnten. Der neue Ortsteil, für den die zweite Kirche gebaut werden sollte, war im Vergleich mit Alt-Fellbach als Missionsgebiet anzusehen. Die Gemeinde mußte erst gesammelt werden. So lag es nahe, die für die hier gesammelte Gemeinde zu bauende Kirche nach dem größten der Missionare aller Zeiten zu benennen, nämlich nach dem Apostel Paulus. Und so ist es denn auch geschehen; sie wurde als „Pauluskirche" geweiht. Von diesen Erwägungen ausgehend, lag es nahe, die erste Kirche von nun an „Lutherkirche" zu nennen. Beide Namen haben sich bei alt und jung überraschend schnell eingebürgert, als ob sie immer so genannt worden wären!


Mit dem Baustil der Pauluskirche ist es ähnlich gegangen. Während des Bauens hat derselbe freilich viel Widerspruch ausgelöst. Alles war daran nicht recht! Man stieß sich an dem massigen Turm, an den niederen Schiffswänden, am riesig großen und steilen Dach, am glasgedeckten Chor - ja, was blieb denn eigentlich von der beißenden Kritik der Leute verschont? - alles und jegliches schien nicht recht zu sein! Und heute? Das Auge hat sich an die modernen Linien des Baues gewöhnt. Man ist mit seinem Baustil nicht nur ausgesöhnt, sondern überzeugt, daß er gerade so wie er ist, für den Ort, an dem die Kirche steht, der einzig richtige sei! Wie hat sich dieser Umschwung in der Ansicht unserer Bevölkerung vollzogen? 

Die Pauluskirche.

 Das Urteil der vielen sachverständigen Besucher war bei dieser Umstellung nicht ohne Einfluß. Alle, die etwas von der Baukunst verstanden, äußerten sich dahin, daß die Pauluskirche eine über die Maßen glückliche Lösung eines evangelischen Kirchbaus darstelle. Bis auf den heutigen Tag statten Baumeister und Architekten dieser Kirche Besuche ab und ihr Urteil über dieselbe ist im großen und ganzen immer dasselbe, wie sie auch in Fachzeitschriften immer sehr anerkennend besprochen worden ist. Amerikanische Architekten, die im letzten Jahr eine Reise durch Europa machten, um die neueren Kirchbauten neben den klassischen Bauwerken der alten alten Welt zu studieren, meinten entzückt:„Wir haben nun schon die meisten der im letzten Jahrzehnt in Deutschland gebauten Kirchen gesehen. Darunter war mancher Bau, der unsere Bewunderung erregt hat, die Palme unter allen aber verdient unstreitig Ihre PauIuskirche ! Ihr Erbauer hat es verstanden, in ihr ein Gotteshaus zu schaffen, das obwohl schIicht und - einfach, dennoch überaus stilvoll ist und auf den Besucher erbaulich wirken muß. Wir beglückwünschen Sie zu diesem Gotteshaus."

Und in der Tat, es ist ganz so wie kürzlich einmal ein Glied der Luthergemeinde bei einem Besuch in der Pauluskirche sagte: „In der Pauluskirche ist es immer Festtag!" Einen solchen Eindruck sollte man in jeder Kirche beim Betreten erhalten. Ein Verslein an der Türe lädt die an der Kirche vorübergehenden Menschen zum Besuch des Gotteshauses, das ja tagsüber immer geöffnet ist, mit den Worten ein: 

„In der Unruh Deines Lebens 
suchst Du sicher nicht vergebens 
Ruhe hier fürs müde Herz, 
wo des unsichtbaren Fülle
Dich umgibt in heilger Stille, 
und den Sinn zieht himmelwärts!" 

Der Entwurf der Pauluskirche stammt von Professor W. Jost, früher Professor an der Technischen Hochschule in Stuttgart und seit einigen Jahren in derselben Eigenschaft in Dresden, seiner Heimat. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen des Architekten H. Moser von hier, der in Verbindung mit Professor Jost auch die Inneneinrichtung derselben bearbeitete. Kanzelfuß mit den Symbolen der vier Evangelisten, Altar und Taufstein mit Engelsfiguren als Träger sind nach Modellen von Professor Bildhauer Fehrle in Gmünd in Kunststein hergestellt; das Kruzifix im Chor, aus demselben Material wie die eben genannten Gegenstände, ist eine Schöpfung von Bildhauer Neumeister in Stuttgart. In seiner Natürlichkeit macht das Christusbild einen tiefen Eindruck auf den Beschauer. Außer kleinen bemalten Scheiben in den 10 Fenstern des Schiffes und der prächtig wirkenden Decke derselben, ist das ganze Kircheninnere in schlichtem Weiß gehalten. Die bemalten Fenstereinsätze stammen von Frau Professor Jost und stellen fünf biblische Männer und ebenso viele biblische Frauengestalten dar; darunter ist auch das Bild des Apostels Paulus, nach dem die Kirche genannt ist. Die Orgel wurde von Gebr. Weigle in Echterdingen gebaut und stellt mit ihrer modernen Disposition ein kleines Kunstwerk dar. Die Bemalung der Perspektivpfeifen derselben geschah nach Entwürfen von Professor Jost, der auch die Deckenbemalung selber entworfen hat. Die Engelsfiguren am Gehäuse der Orgel sind nach Modellen von Professor Fehrle in Gmünd geschnitzt worden, das eiserne Geländer an der Empore wurde von Schlossermeister Fromm in Schwenningen geschmiedet und verdient wegen seiner schönen Ausführung besondere Beachtung. Die Beleuchtungskörper sind nach Angaben von Professor Jost durch die kunstgewerbliche Metallwarenfabrik von Eugen MüIler in Stuttgart hergestellt worden. Durch ihre Anordnung teilen sie den Schiffsraum sehr gut auf und beleben so das lange, geradlinige Schiff überaus vorteilhaft.

Mancher hat schon ausgesetzt, daß die Pauluskirche keinen Mittelgang habe. Durch das durchlaufende Gestühl in derselben soll aber die Geschlossenheit und Einheit der Gemeinde dargestellt und der Blick derselben ausschließlich auf die Kanzel gerichtet werden. In einer katholischen Kirche ist der Altar die Hauptsache, dort muß deshalb auch ein Gang zum Altar führen. In einer evangelischen Kirche bleibt die Hauptsache die Wort-Verkündigung, die von der Kanzel aus geschieht. Die beiden Seitenschiffe dienen nicht nur als Zugänge zu den Bänken; sie gewähren im Bedarfsfall auch die Möglichkeit, neben den 600 festen Sitzplätzen noch mindestens ebenso vielen Besuchern auf Stühlen Sitzgelegenheiten zu verschaffen. Ins Kirchenbauprojekt wurde der Preiskommission seinerzeit unter der Erkennungsmarke: „Ohne Enge" vorgelegt. Der fertige Bau rechtfertigt voll und ganz dieses Stichwort. An manchem Festtag und bei mancher außerordentlichen Veranstaltung hat die Pauluskirche schon bis zu 1600 Menschen Aufnahme gewährt. Bei der Einweihung derselben am 16. Oktober 1927 dürften wohl gar 2000 Menschen Platz darin gefunden haben. 

Es liegt nicht im Rahmen dieser kürzeren Beschreibung der Pauluskirche, all der einzelnen Handwerker Erwähnung zu tun, die an der Kirche gearbeitet haben. Die seinerzeit zur Einweihung der Kirche herausgegebene Festnummer unseres Gemeindeblatts „Der Heimatbote" enthält darüber die Einzelheiten. So viel sei nur gesagt, daß der Kirchengemeinderat beider Vergebung der Arbeiten sich von dem Grundsatz leiten ließ, alle Arbeiten, die von einheimischen Handwerkern gemacht werden konnten, auch von diesen ausführen zu lassen. Sie haben dabei zur vollen Zufriedenheit gearbeitet. Nicht unerwähnt soll aber bleiben, daß die Grabarbeiten für die Kirche unter Leitung ihres Vorstands Joh. Kugler ausgeführt worden sind. Mit dem Bau hat die evang. Kirchengemeinde Fellbach das damals gänzlich darnieder liegende Bauhandwerk wieder „angekurbelt". Seither ist unendlich viel in unserer Gemeinde gebaut worden.

Trotz der anerkennenswerten Opferwilligkeit der Gemeindeglieder, namentlich derer, die sich zu einem heute noch bestehenden Kirchbauverein im März 1924 zusammengeschlossen haben, und freiwilliger kleinerer und größerer Gaben und Stiftungen, ist immer noch eine bedeutende Schuldenlast auf der Pauluskirche. (Die bürgerliche Gemeinde hat uns die Turmuhr aus der Werkstatt von Perrot in Calw gestiftet; gestiftet sind ferner: das Kruzfix, die gemalten Fenstereinsätze, zwei der Glocken, das Tauf- und Abendmahlsgerät, der Altarleuchter, die Kanzel- und Altarbekleidungen, usw.). Durch das Entgegenkommen des Ev. Oberkirchenrats wurde uns ein landeskirchliches Darlehen von 150.000 RM zum Bau der Kirche bewilligt. Dieses Darlehen muß innerhalb 30 Jahren in Raten von jährlich 8675 RM. „amortisiert" werden. 

Die ganze Bausumme mit Einschluß des Bauplanes und der Anlage in der Umgebung der Kirche hat die Summe von 300.000 RM. überschritten. Hätte die Kirchengemeinde den Bau eines Gotteshauses gleich in Angriff genommen, als sich die Notwendigkeit hiefür ergab, so stünde sie heute finanziell günstiger. Diese Notwendigkeit zeigte sich sofort nach Errichtung einer Pfarrstelle für den neuen Ortsteil im Jahre 1920. Der 1913 fertiggestellte sogenannte Betsaal erwies sich damals schon für die wachsende Gemeinde als viel zu klein, leider aber war „man" zu kleinmütig und hatte zu wenig Weitblick, um einen Bau zu wagen. Der hiefür gesammelte Baufonds, der durch die Inflation zunächst eine gewaltige Steigerung erfuhr, verfiel durch Einführung der Festwährung in ein Nichts. Unsere Gemeinde ließ sich aber dadurch nicht entmutigen; der oben erwähnte Kirchenbauverein wurde gegründet. Es war für die Glieder desselben wie für die ganze Gemeinde eine große Freude, schon nach wenigen Jahren ein Gotteshaus erlangt zu haben.

Und diese Kirche ist nun der Mittelpunkt, um den sich der neue Ort gruppiert. Sie macht den aus dem engeren und weiteren Vaterland sich hier ansiedelnden evangelischen Christen den neuen Wohnort erst so recht zur Heimat. Als sie zum erstenmal das Geläute ihrer Glocken über den Ort erschallen ließ, da rollten manchem Tränen über die Augen; es mutete ihn nun die Fremde ganz heimatlich an. Darum freuen sich die Gemeindeglieder auch ihrer schönen Kirche und stellen sich gerne beim Gottesdienst ein. Die gewaltige Vermehrung der Einwohnerzahl Fellbachs um 32% seit der Zählung 1925 kommt gewiß zum größeren Teil auf die Paulusgemeinde in Anrechnung. Geht das Wachstum im selben Schritte weiter wie bisher, dann wird sich die Kirchengemeinde bald wieder vor neue Aufgaben gestellt sehen. Der Bauplan der Pauluskirche sieht im Bedarfsfall eine Erweiterung derselben vor durch den Anbau eines Querschiffs an Stelle des glasgedeckten Chores. Die räumliche Ausdehnung unserer Kirchengemeinde, die sich bis zur Randsiedlung bei der Funkerkaserne erstreckt, wird es aber ratsamer erscheinen lassen, an einer anderen Stelle einmal ein weiteres Gotteshaus zu erbauen. Daß eine solche Notwendigkeit rechtzeitig erkannt und dabei nichts versäumt werden möchte, das ist unser herzlichster Wunsch für die nun im Schwabenland „jüngste", aber doch bereits recht große Stadtkirchengemeinde Fellbach.