Träumereien beim Lämmler

Ort: Fellbach. Irgendwo und überall, wo er im Glase vor Dir steht.

„Ich glaube, Zenturio, hier sind wir richtig. Der Weg durch den Schurwald war lang und die Sonne schien heiß." -
„Ist mir immer noch lieber, als die verdammte Kälte, wenn euer Wald einen Hermelin umhat oder euer verflixter Nebel uns Söhnen Italiens in die Knochen fährt. Na, Monsignore, was machen wir hier? Zum Zapfenstreich, Ihr wißt, muß ich in meinem Kastell sein. Drunten im Hallschlag. Ihr wißt!"
„Wohl, wohl! Zenturio! Wird gemacht, wir gehen immer den limes nach, immer an der Wand lang, dann kommen wir zum sicheren Ziel, auch wenn wir noch so schief geladen haben."
„Nanu, wovon?"
„Von dem Wein, der dort drüben am Kappelberg wächst und von dem wir nun einen heben wollen. Kommen Sie, Zenturio!"
„Abgemacht! Setzen wir uns!"
„Rickele! Zwei mal Lämmler! Und zwei Ripple! Aber saftig! gelt! Von der Sau, die ihr gmetzget habt! Schauen Sie, 
Zenturio! Die ganze Stube ist schon voll. Kein Tischle ist mehr zu haben. Das macht, der 1933er ist der richtige Festwein geworden. Und mit dem wollen wir anstoßen! Prost! Auf unser Fellbach !"
„Worauf?"
„Auf unser Fellbach, unsere neue Stadt! Die Gratulanten aller Jahrhunderte hocken schon hier in der Stube. Dort hinten, in der Ecke, um den runden Tisch, am Kachelofen, dort geht's schon ganz kriegerisch zu. Zenturio, das schlägt in Ihr Handwerk!"
„Wieso?"
„Sehen Sie ganz hinten, dort an der Wand, das ist ein Eßlinger. Das ist ein ganz Letzer! Der war dabei, als die 
Reichsstädter unser armes Ober= und Untertürkheim und unser schönes Uhlbach niederbrannten. Ganz schwarz ist der Ritter noch vor lauter Rauch. Nur die Nase ist rot - vom vielen Lämmler. Denn er hat den Reichsstädtern eben immer gut geschmeckt. Schauen Sie weiter, Zenturio, zu seiner Linken, der wilde Kerl mit dem struppigen Strähnenhaar -"
„Der immer den Stein in die Höhe wirft?"
„Ja, der! Zenturio! Das ist der Gaispeter, der die aufrührerischen Remstäler Bauern angeführt hat. Damals, als sie 
gegen unseren Herzog Ulrich sich erhoben. Er war gewiß kein zahmer Mann, der Herzog! Aber wir Fellbacher haben ihm Treue gehalten, weil er nun mal unsere Obrigkeit war. Und das haben die Reichsstädter uns wieder höllisch krumm genommen. Dort, neben dem Gaispeter, sitzt so ein anderer Reichsstädter."
„Der mit dem großen Landsknechtbarett?"
„Eben der, der so wütend dreinschaut. Der ärgert sich jetzt noch, daß er unsern Kirchhof nicht im Sturm hat nehmen 
können. Ja, umgekehrt wird ein Schuh daraus! Gelt. Die ihm gegenüber am Tisch schimpfen überhaupt alle. Na, Grund haben sie ja auch dazu."
„Wieso?"
„Weil sie sich alle an unseren Mauern blutige Nasen geholt haben. Aber nun schauen Sie mal, Zenturio, bloß den windigen Franzosen, den Me1ac'schen Reiter, wie der mit der Faust auf den Tisch haut. Der meint, er könnte heute noch unser Fellbach in Asche legen. Aber der neben ihm, das ist ein napo1eonischer Grenadier, der hat noch das Biwakstroh vom Schmidener Feld an seiner Montur und trinkt grad dem Oesterreicher zu, der als Bursche seines Erzherzogs Karl ins Pfarrhaus einquartiert war."
„Eine ganz bunte Gesellschaft, Monsignore!"
„Von den Jahren, da eure Legionen den Kappelberg hinaufzogen, bis zu dem Tag, da Napoleon dort draußen auf 
unserer Markung rekognoszierte - ist alles vertreten."
„Und die beiden, unten am Tisch, die gerade mit ihrem Lämmler anstoßen und sich Bruderschaft zutrinken?"
„Sie sind weiland in 30 Kriegsjahren Hund und Katze gewesen, Zenturio! Der eine, mit der gelbblauen Schärpe, ist ein schwedischer Dragoner, der bei der Nördlinger Affäre dabei war. Der oder sein Bruder in vino - das ist ein Holkischer, also kaiserlicher Jäger - war Zeuge des Massenmordes drunten in Waiblingen, wo über 2000 Bürger in die Rems getrieben wurden. Und heute? Heute sitzen die Lumpen alle friedlich bei unserem Lämmler und saufen sich einen Rausch an auf das Wohl unserer neuen Stadt Fellbach. 's Mäusle soll die Soldaten beißen. Da lobe ich mir, Zenturio, lieber, die Herren in Zivil, dort drüben auf der Bank vor dem Tisch mit dem Asternstrauß."
„Die alten Leutchen mit der Brille auf der Nase, von denen der eine eben einen Zettel bekripselt?"
„Pst! Zenturio! Das ist der Mörike! Na, den kennt ihr in Italien doch auch. Oder net? Sein Hutzelmännchen, seinen Feuerreiter?"
„Ach, das ist der Mörike? Monsignore, den hatte ich mir nun ganz anders vorgestellt! Heiterer, sonniger! Mit einem Staren sich unterhaltend. Und nun schmeckt ihm selbst der Lämmler, der vor ihm steht, nicht?"
"Zenturio, das ist auch nicht der Mörike, der das Lied vom „Heute gewesenen Tage" gedichtet hat. Das ist vielmehr der kranke, innerlich zermürbte alte Mann, der wenige Monate vor seinem Tode zu uns kam und drüben in einer „Einzechte" mit seinen beiden Töchtern gewohnt hat. Aber der Mann neben ihm ist umso aufgeräumter!"
„Quist est, civis Germanus?"
„Das ist unser anderer schwäbischer Dichter, der Gustav Schwab, der hat unser Fellbacher Land mit euerem Italien verglichen und sogar mal gesagt, es scheine, als ob eine südlichere Natur das Füllhorn ihres Segens über seine Landschaft ausgegossen habe. Na, Zenturio, also bitte!"
„Na, gegen euer Fellbach wende ich ja auch gar nichts ein, Monsignore, und gegen sein Lämmle –„
„Komparativ, Zenturio! Lämmler"
„Am Lämmelsten schon gar nichts! Auch gegen den sympatischen Mann neben Schwab nicht."
„Das ist der Uhland. Der war auch öfters bei uns, d. h. drüben in Schmiden. Im Pfarrhaus, wo sein Onkel wohnte. Sie sehen, Zenturio:

Der Schiller und der Hegel, 
Der Uhland und der Hauff, 
Das ist bei uns die Regel, 
Das fällt uns gar nicht auf."

„Bravo! Monsignore! Aber wie steht's mit dem Gesang?"
„Abwarten, Zenturio! Abwarten! Schauen Sie sich mal an der Breitseite des Tisches, wo Mörike sitzt, die beiden Männer an, die sich gegenseitig was vorzeichnen. Das find nämlich Noten. Der eine ist Gustav Si1cher, der schwäbische Lieder=Komponist, der war bei uns in Fellbach als junger Lehrer angestellt."
„Alle Achtung vor Fellbach, und der andere?" 

„Das ist der Wilhelm Amandus Auberlen, der viel gesungen und noch mehr komponiert hat und außerdem 
an unserem Lämmler nicht ganz unbeteiligt ist. Er hat nämlich unsere Fellbacher Weingärtner zusammengeschlossen in einem Bund und seitdem halten sie zusammen wie die Kletten!" „Kelten?"
„Nein, Kletten, Zenturio! Genau, wie die Kerle rechts von uns am Nebentisch. Das sind nämlich die neuen 
Fe1lbacher, die reingeschmeckten. Die bei uns was werden wollen. Der eine, der schon einen sitzen hat, will 
Zugführer auf unserer Bergbahn zum Kappelberg werden; der neben ihm, der sich eine rote Mütze aufgesetzt hat, spitzt auf den Posten des Fahrdienstleiters der U=Bahn vom Nesenbach ins Remstal, Station Adolf=Hitler=Platz=Fellbach und der dritte hofft gar, Direktor des Flughafens auf unserem Schmidener Feld zu 
werden." „Und der vierte? Der junge Herr mit dem Studentenschmiß?" „Pst, Zenturio! Kommen Sie näher! ich sag's Ihnen ins Ohr! Das ist unser Oberbürgermeister!" 

„Und was gestikuliert Ihr Oberbürgermeister so?" 

„Er entwirft den drei Stellenjägern um ihn herum gerade einen Plan, wie man Fellbach an den Neckar oder an den Bodenseebringen kann, damit endlich mal nicht mehr das Wasser fehlt, nach dem es Fehlbach genannt ist." - „Monsignore, was ist das? Was soll das?" „Das Signal, Zenturio? Das kommt von drüben, von der Höhe dort. Das gilt den Funkern. Sie sehen, die Feldgrauen neben uns schnallen bereits um. Doch da höre ich ein zweites, ein langgezogenes Signal. Es kommt vom Burgholzhof her ..."
„Das Signal gilt mir, gilt dem Zenturio. Es bläst unser Tubabläser im Kastell beim Staigfriedhof. Es ist der Zapfenstreich der römischen Legionen. Also: vale civis Germanus! Hopla! Aufrecht! Zenturio! Hoffentlich finde 
ich den Weg!"
„Dem Limes nach, immer an der Wand lang! Und wenn Sie der Weingott narrt, Zenturio, dann kommen Sie 
ruhig wieder zu uns zurück. Wir bleiben inzwischen hocken und warten auf Sie. Servus Zenturio! - Rickele! 
noch einen Lämmler und noch ein Ripple!"

Rudolf Ableiter Fellbach.