Fellbach im Spiegel des Weltgeschehens

Von Rudolf Ableiter, Fellbach

 

Die Festung Fellbach

Wenn mir heute durch unser friedliches Fellbach schlendern, so will es uns gar nicht recht in Kopf, daß diese Stätte einmal eine trutzige Feste gewesen sein soll. 

Das war im 15. Jahrhundert. In den beständigen Kriegen der Grafen von Württemberg mit den Reichsstädten, von denen ganz besonders das nahe Esslingen und das wilde Reutlingen sich als kriegerisch erwiesen, war auch Fellbach infolge seiner offenen Lage an dem Eingang ins Remstal der Willkür der Kriegführenden preisgegeben. Es mußte deshalb auf Mittel und Wege sinnen, wie es sich gegen etwaige Ueberfälle werde schützen können. Das Schicksal des nahen Wirtenberg, dessen Stammburg im ersten Städtekrieg im Jahr 1311 in Schutt und Asche gelegt worden war, und die Verwüstung des Stiftes Beutelsbach, das die Gräber der württembergischen Grafen barg, mahnten auch die Fellbacher an die Möglichkeit eines ähnlichen kriegerischen Schicksals. Zudem lag es ja unmittelbar vor den Toren des von Graf Eberhard 1321 zur Landeshauptstadt erhobenen Stuttgarts und war damit in den ständigen Fehden ein ewiger Spielball der Launen der Geschichte.

Aus Fellbachs alter Zeit: Ummauerte Kirche und Schule

 Die Fellbacher begannen also mit der Anlegung von Wall und Gräben, von gewaltigen Schutzmauern und Palisaden und bauten vor allem das Schloß immer mehr zu einer Festung aus. Wie recht sie mit der Anlegung dieser Wehr hatten, bewies bereits der Ueberfall 1340, der die Schutzmauern niederriß. Besondere Sorgfalt ließen sie ihrer Kirche zukommen, die sie zusammen mit dem Schulhaus durch einen Wassergraben und einer Ringmauer schützten und mit zwei Fallbrücken in den inneren Hof noch widerstandsfähiger machten, unser Bild zeigt Kirche und Schule als Festung im Jahre 1423. Ueber dem Portal der Ringmauer sah man neben dem Wappen die württ. Hirschhörner, außen die Jahreszahl 1423, innen 1471.

Ruhe kehrte in diesen Zeiten der ewigen Städtekriege nie ein. Die Nähe des streitbaren Esslingens, das zwar von Graf Ulrich belagert wurde, aber immer wieder Ausfälle gegen Ober- und Untertürkheim und Uhlbach machte und diese unglücklichen Dörfer niederbrannte, war auch für Fellbach ein ewiges Menetekel gewesen. Die Mißwirtschaft des Herzog s Ulrich tat dann noch neben Pest und Hagelschlag das ihrige, um das unglückliche Fellbach in weitere Nöte zu bringen. 

Der Aufruhr rast durchs Land 

Im nahen Beutelsbach war es, wo im Jahre 1514 sich eine Anzahl von armen Gesellen, die nichts mehr zu verlieren, vielmehr zu gewinnen hatten, zusammenschloß, um die Fahne des offenen Aufruhrs zu erheben. Dieser Aufstand, in der Geschichte unter dem Namen „armer Konrad" bekannt, gewann dank der fanatischen Führung durch einen der Rädelsführer, Gaispeter, gar rasch an Umfang und Gefahr. Unter Trommeln und pfeifen, mit wehenden Fahnen und kriegerischem Gesang zogen die Massen an die Rems hinab. Ein Gottesurteil sollte über ihr Recht oder ihr Unrecht entscheiden. Gaispeter, der Fanatiker, wußte es aber so anzulegen, daß von vornherein das Recht auf Seite der Bauern war. Er warf nämlich einen Stein in die Rems und befahl ihm: „Falle zu Boden, wenn der Bauer recht hat! Schwimme oben, hat der Herzog recht!" 

 

Altes Patrizierhaus

Der Stein ging natürlich unter; die Wut war in das Volk getragen, gar bald standen über 2000 Aufrührer unter den Waffen. Aber merkwürdig. Während beinahe alle Ortschaften um Fellbach, vor allem Untertürkheim, Waiblingen, das ganze Remstal sich um die Fahnen des „Armen Konrad" scharten, bewahrten Cannstatt und Fellbach die Ruhe und fanden sogar das Vertrauen des Herzogs, sein Stammschloß Wittenberg gegen die Aufrührer zu schützen. Die Remstäler aber beharrten in ihrer fanatischen Unbotmäßigkeit gegen den Herzog, vermochten jedoch infolge der Unschlüssigkeit ihrer Führer - Konrad = koan Rat - nicht mehr das Feld zu behaupten und wurden für ihren Widerstand vom Herzog auf das Grausamste bestraft. 

Daß Fellbach treu zur Sache Herzog Ulrichs gestanden hatte, ärgerte dessen zahlreiche Feinde, vor allem die Reichsstadt Esslingen. Deren Söldner überfielen am Sonntag Lätare 1519 Fellbach, holten sich aber vor den Mauern des befestigten Friedhofs blutige Nasen. Als aber das Bundesheer unter Führung des bekannten Schöpfers des deutschen Landsknechttums, Georg von Frundsberg, zu ihrer Unterstützung heranzog, konnten die Fellbacher nicht länger ihre Festung halten; ihr Ort ward ausgeplündert. Die Vertreibung des Herzogs Ulrich gestaltete die Lage der Fellbacher noch bedrohlicher und ungünstiger, denn das siegreiche Esslingen rächte sich an seinen alten Feinden Ober- und Untertürkheim und Uhlbach und diktierte auch Fellbach den Frieden, der darin bestand, daß es seine Mauern niederreißen und seinen Friedhof entfestigen musste. Die Bundessoldaten selbst waren die Vollstrecker dieser Entfestigungen. Fellbach war ein ungeschützter, offener Ort geworden.

Fellbach unter der Zucht des dreißigjährigen Krieges

Fellbach ist in der glücklichen Lage, über die furchtbaren Geschehnisse des 30 jährigen Krieges, die auch unsern Ort mit Nöten, Drangsalen und Leid ohnegleichen heimsuchten, einen Chronisten zu besitzen, der in der Person des damaligen Ortspfarrers Maicler wahrheitsgetreu und ausführlich im Kirchenbuche über die Katastrophen der 30 Jahre berichtet hat. 

Seuchen und Teuerung leiteten den Krieg ein, der vorläufig zwar Württemberg verschonte. Der schwarze Tod, die gefürchtete Pest, wurde 1626 von einem Weinbergknecht aus Schwaikheim in das Haus des Fellbacher Bürgers Hans Pfister getragen; von dort aus griff sie in das Pfarrhaus über und ließ sich nicht mehr aufhalten. Von Monat zu Monat öffneten sich mehr Gräber, der Würgengel mähte mit unerbittlicher Strenge und am Ende des Unglücksjahres 1626 lagen bereits 536 Fellbacher Bürger draußen auf dem Gottesacker. Erst am 17. April des darauffolgenden Jahres ward der schlimme Gast vertrieben, die Seuche gebannt. 

 

Marktplatz

Der der Seuche folgte die Soldateska der Kriegführenden. Das Erscheinen und der Sieg des Schwedenkönigs Gustav Adolf verlegte zwar den Schauplatz der kriegerischen Geschehnisse mehr nach Mitteldeutschland, allein die Truppendurchzüge, Einquartierungen und Plünderungen nahmen ständig zu und als Gustav Adolf auf Lützens Feld 1632 sein Leben ließ, wurden auch aus dem disziplinierten Schwedenheer immer mehr sengende und brennende Horden, die an Grausamkeit und Willkür nicht viel mehr hinter den gefürchteten Kroaten zurückstanden. 

Die unglückliche Schlacht bei Nördlingen brachte vollends 1634 Not und Tod nach unserem unglücklichen Württemberg. Zwar wurde Fellbach von einem ähnlichen Schicksal, wie es das nahe Waiblingen erleben mußte, wo von 2530 Bürgern nur noch 145 (!) übrig blieben, verschont, allein das Unglücksjahr 1634 und die ihm folgenden Zeiten brachten auch Fellbach so viel Not und Tod, daß das Elend nicht mehr zu überbieten war. Dabei ewig die Einquartierungen mit ihren entsetzlichen Folgen der Schändung, Plünderung und des Raubes. 

Holzfachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert

1643 lagerte der bayrische General Mercy auf dem Schmidener Feld; im Pfarrhaus von Fellbach wohnte Herzog Bernhard von Weimar. Den Schweden folgten 1646 die Soldaten des Franzosen Turenne, die mit ihren drei Regimentern Fellbach bis aufs Blut aussogen und ausmergelten. Was der fremde Soldat nicht nahm, nahm des Herzogs Karl Alexander von Württemberg gewissenloser Günstling, der berüchtigte Jud Süß, der zu einer wahren Landplage wurde und unter dessen Tyrannei auch Fellbach 1737 empfindlich zu leiden hatte. Der Hexenwahn konnte auch in Fellbach Boden fassen, 1663 wurde die 65 jährige Witwe eines Gemeinderats wegen angeblicher Hexerei mit glühenden Zangen gerissen und dann mit dem Schwerte hingerichtet. 

Allein Fellbachs kriegerische Nöte und Drangsale konnte auch der Friede von Osnabrück 1648 nicht beenden. Dem dreißigjährigen Krieg folgte eine Aera, die für Fellbach sich nur noch katastrophaler und blutiger gestalten füllte.


Mordbrenner Melac in Fellbach


Wir kennen die blutige Spur, die der vom französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. vor bald 300 Jahren nach Süddeutschland entsandte General Melac in der Pfalz, in Baden und in Württemberg hinterlassen hat. Damals als Heidelbergs Schloß in Asche fiel, das Kloster Hirsau zerstört wurde und wertvollstes deutsches Kulturgut einer viehischen Soldateska zum Opfer fiel. 

Wohl traten den Eindringlingen Reichstruppen entgegen, wohl versuchten auch die Württemberger an der bayrischen Grenze Melac das Vordringen zu verwehren und auch die Fellbacher entsandten 31 Söhne in die Reihen der Landesverteidiger, aber als die Franzosen die Reichstruppen bei Bretten überrumpelten, die Stadt ansteckten und mit den übrigen Opfern des Ueberfalls auch die Fellbacher nach der Champagne in Gefangenschaft abführten, da war der Weg für die französischen  Mordbrennerbanden offen. Bald stand Melac, der gefürchtete Schrecken aller Länder, mitten im Herzen Württembergs, im Unterlande bei Eßlingen. Schorndorf unter Führung seiner tapferen Bürgermeisterin Künkelin stellte sich ihm zur Wehr, was den beleidigten Führerstolz Melacs nur noch mehr reizte und wofür er sich dann im Remstal entschädigen wollte. Dorf um Dorf ging in Flammen auf; Unglück über Unglück zog ins Land. 

Am 8. August 1693 hielt er vor dem unbefestigten Marktflecken Fellbach und verlangte den Pfarrer, den Schulmeister und noch einige angesehene Bürger als Geißeln. Die Herbeibringung dieses wertvollen

Menschenpfandes scheint dem französischen Feldherrn nun nicht genügend rasch gegangen zu sein. Er wartete das Eintreffen der Geißeln erst gar nicht ab, sondern befahl am 9. August das Inbrandsetzen des unglücklichen Fellbachs. Dem Befehl kamen die des Mordbrennens und der Plünderung gewohnten Horden mit strammster Pünktlichkeit nach und binnen wenigen Stunden lagen 178 Gebäude, unter ihnen das Schulhaus, in Asche. Aus der Kirche wurden alle silbernen Gefässe für das Abendmahl und die Taufe mitgenommen, die Kirchenbücher wurden zerrissen, die Bewohner aufs teuflischste gequält und 11 Bürger von Fellbach von den Plünderern hingemordet. Die Namen dieser unglücklichen Opfer sind die ersten in dem im Jahr 1693 neu angelegten Totenregister. Nicht einmal Gelegenheit zum Begraben ihrer Bürger scheint den Fellbachern gegeben worden zu sein, denn in dem Register stehen die anklagenden Worte: „ist auch deren keiner auf dem Friedhof begraben, sondern liegen teils in ihren Gärten hinter ihren Häusern, ohne Bahre und Bretter". Mit Fellbach gingen damals noch weitere 40 Ortschaften der Umgebung in Flammen auf. 

Namenloses Unglück war über das kleine, arme Fellbach gekommen und es brauchte wieder Jahrzehnte, bis sich der Ort einigermaßen wieder erholte. Noch im Jahre 1700, also elf Jahre nach der unglücklichen Affäre von Bretten, schrieb ein französischer Feldprediger an den Pfarrer in Cannstatt von den in Frankreich dienenden Fellbachern, von denen nur einer, Joh. Bernhard Aldinger an Weihnachten 1690 - also vor der großen Zerstörung Fellbachs - nach Hause hat zurückkehren können.

Auf Melacs Raubzüge folgten später der spanische Erbfolgekrieg 1707 und der österreichische Erbfolgekrieg, die ebenfalls für das Remstal und vor allem Fellbach Einquartierung auf Einquartierung, Kriegsleid auf Kriegsleid brachten. Dafür hatte Fellbach allerdings auch die zweifelhafte Ehre, am 31. August 1744 das Hauptquartier des Prinzen Karl von Lothringen zu beherbergen.

Fellbach an der Straße der Truppendurchzüge

Ueberhaupt brachte es die Lage Fellbachs an der großen Straße von dem wichtigen Punkte Cannstatt ins Remstal mit sich, daß der Ort zu allen Zeiten bei kriegerischen Verwicklungen verheerende Gruppendurchzüge und aussaugende Einquartierungen zu bestehen hatte. 

Wohl am schlimmsten waren für Fellbach die blutigen Jahre, die mit dem Ausbruch der französischen Revolution einsetzen und dann in die napoleonischen Kriege und die Befreiungskriege übergingen. Was Fellbach in diesem Zeitraum von mehr als 20 Jahren an Buntfarbigkeit und Völkergemisch seiner Einquartierungen geschaut, an aufgeblasenem Siegerstolz erlebt und durch Anmaßung, brutaler Gewalt, Drohungen und Erpressungen fremder Eindringlinge durchlitten hat, kann einfach nicht widergegeben werden. Dazu ewig Kriegskontributionen, Abgaben, Naturalleistungen und Felder- und Weinbergverwüstungen, so daß man sich nur wundern muß, daß das an und für sich arme Fellbach diese Leidenszeit hat überstehen können.

Am 19. Juli 1796 begann das Elend. Tags zuvor waren die Franzosen, die unter General Moreau den Kniebis erstürmt hatten und plündernd durch Württemberg gezogen waren, in Stuttgart einmarschiert. Zwischen Fellbach und Schmiden, auf dem sogenannten Schmidener Feld, lagerte so ziemlich das ganze österreichische Heer, das herangezogen wurde. Noch stand die Frucht auf dem Halm, die Kartoffelernte reifte ihrer Erfüllung entgegen. Mitten im reifenden Hafer standen die Pferde der Schwadronen und fraßen die Frucht vor der Ernte vom Halme! Im Pfarrhause Fellbach aber hatte Erzherzog Karl, der Bruder des Kaisers Franz von Oesterreich, mit seinem ganzen Generalstab Quartier bezogen und in Fellbach selbst war kein Haus, kein Stall, keine Scheune ohne Einquartierung! Drei volle Tage blieben die Oesterreicher im Quartier, zogen dann weiter nach Schorndorf und überließen die Quartiere in Fellbach den nachrückenden französischen Jägern zu Pferd. Man kam also vom Regen in die Traufe. Ort und Feld war angepropft von Soldaten, die sich in vielen Fällen roh und herrisch gegen die Bevölkerung, die im übrigen alles hergab, was sie hergeben konnte, benahmen und die den armen 73 jährigen Magistratsbeamten Johann Georg Schäfer, weil er seiner Einquartierung nicht weiter Wein aus dem Keller holen wollte, kurzerhand totschlugen. 

Den Reitern folgte französische Infanterie, die sich ebenfalls zwei Tage zu Gaste lud und so ging es wochenweise fort, ein ewiges Leid, eine nie ruhende Sorge, eine ständige Prüfung der geduldigen Bevölkerung. Im darauffolgenden Jahre, 1797, besuchten die Franzosen wiederum Württemberg und als Napoleon sich zum Kaiser gemacht und Oesterreich den Krieg erklärt hatte, da sahen ihn die Fellbacher auf derselben Höhe zwischen Fellbach und Schmiden, auf der sich 1796 Erzherzog Karl mit seinen Oesterreichern gelagert hatte. 

Den Franzosen folgten im Laufe der Jahre Russen. Gleich Cannstatt und Rotenberg, wo die Pferde in der Kirche standen, und Schmiden erhielt auch Fellbach überreiche Einquartierung. Wie furchtbar diese ewigen Gruppendurchzüge, Einquartierungen und Naturalleistungen das arme Fellbach aussogen, möge die Aufzeichnung in einem alten Fellbacher Steuerbuch beweisen, nach der sich die Kriegskosten in Fellbach im Jahre 1810 auf 800, 1812 auf 2807, 1813 auf 1398 und 1815 auf 9802 Gulden beliefert! Dazu kam noch die öffentliche Kriegssteuer, so daß Fellbach in diesen 20 Jahren der ewigen Kriege und Unruhen materiell und menschlich aufs Schwerste geblutet hat.

Im neuen Deutschen Reiche

Der Fellbacher war aber zu allen Zeiten selbst ein guter, tüchtiger Soldat und braver Untertan seines Königs. Treue dem König und dem Vaterland bewiesen auch jene 60 Fellbacher Söhne, die im Juli 1870 zu den Fahnen eilten und von denen 21 bei der Reiterei und 39 bei der Infanterie in Frankreich kämpften. Vier Fellbacher: J. Hösch, K. Schnaitmann, J. Off und G. Schächterle sind am 2. September 1870 bei Champigny gefallen; ihre Namen sind auf der Gedächtnistafel in der „Krone" für alle Zeiten verewigt. 

Nach dem Einheitskriege sah ganz besonders das Schmidener Feld mehrmals größere Gruppenübungen, Manöver und und Paraden. Dadurch kam auch wiederholt Einquartierung nach Fellbach, die aber immer überaus herzlich aufgenommen und bewirtet wurde, denn der Fellbacher hatte im ganzen Lande den Ruf eines militärfrommen, tapferen und gut schwäbischen Bürgers. So ist auch mir selbst der Rasttag, der mich als Angehörigen des 2. Bataillons der Stuttgarter Siebener 1904 nach Fellbach ins Quartier führte, durch die Gastfreundschaft meines wackeren Weingärtners stets in lieber Erinnerung geblieben.

Fellbach und der Weltkrieg 

 

 

 

 

Kriegerdenkmal

Dieses Ehrenmal hat die dankbare Gemeinde ihren im
Weltkriege 1914-18 gefallenen Söhnen an der West=
seite der altehrwürdigen Lutherkirche errichtet.

Als dann im August 1914 der deutsche Kaiser marschieren ließ, da eilten auch Fellbachs Söhne zu den Fahnen und taten als gute, treue Württemberger ihre Soldatenpflicht an der Front, in der Etappe und in der Heimat bis zum letzten Schuß. Trauer und Herzeleid kehrten in die Häuser ein; bange Sorge um das Schicksal der Ausmarschierten legte sich auf die Gemüter. 278 Gefallene hatte Fellbach zu beklagen. Ihnen setzte am Reichstrauertag 1926, am 28. Februar, treues Gedenken und liebe Pietät an der Lutherkirche in Fellbach ein würdiges Ehrenmal. 

Auf sieben Ehrentafeln stehen die Namen unserer toten Helden eingemeißelt. Unter der Bauleitung des Architekten Moser wurde 1925 aus Muschelkalkstein aus den Crailsheimer Steinbrüchen der Firma Schön & Hippelein durch die Kunstbildhauer Frey von Stuttgart, Bährle von Fellbach und Gräber von Bad Cannstatt, sowie dem Bauunternehmer und Architekten G. F. Maile von Fellbach das einfache, schlichte, aber würdige Denkmal erstellt, das allen Fellbachern lieb geworden ist. Die hochragende Säule mit dem nach Westen blickenden Löwen; an den Wänden des Kirchenschiffs und des Turms die steinernen Ehrentafeln mit den Namen der Gefallenen und in der Mitte der Denkmalsanlage der Altarstein mit dem Stahlhelm und dem Schwert. Am Fries der Ehrentafeln aber stehen die schlichten Worte: „Die dankbare Gemeinde ihren im Weltkrieg 1914-18 gefallenen Söhnen".

Möge dies Denkmal das Letzte sein, das die junge Stadt Fellbach an Schicksale der Kriegsnot erinnern soll und möge unter der Kanzlerschaft seines geliebten Führers den Jahren der Völkerzerfleischung, des Weltbrands und der lähmenden Atmosphäre des Wettrüstens der Siegerstaaten ein Zeitalter des wirklichen Friedens und der Ausgleichung alter kriegerischer Gegensätze folgen!

Fellbach und Württemberg
Zwei Begriffe, die sich verstehen und mögen.

Wenn nun unser liebes Fellbach, das sich so lange und so tapfer gegen den Gedanken, Stadt zu werden, gesträubt hat, doch aus der Reihe der schwäbischen Marktflecken ausgeschieden ist, so wird diese Tatsache doch wenig oder nichts an der Liebe zu ändern vermögen, die ihm das Württemberger Land seit Jahrhunderten traditionsmäßig entgegenbringt. Es ist nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft Fellbachs zu dem Berge, der jedem echten Schwaben geweiht ist, dem Württemberg, was dem Namen Fellbach im Schwabenland einen guten Klang gibt. Es ist auch nicht nur sein Ruf als bedeutender Weinort, an dessen Hängen ein guter Tropfen wächst, was Fellbach besuchenswert macht. Es sind endlich auch nicht nur Meisters Pfizer herrliche Dahlien, Gladiolen oder sein märchenhaft schöner roter Feuerball, was Fellbachs Namen in die Welt getragen hat. 

Es ist eben alles in allem: unser Fellbach. Mit allem, was gut und böse an ihm ist von Jugend an. Mit seinen verschlossenen, oft recht wortkargen und dem Fremden wenig zugänglichen Alt=Fellbachern, die - na, wir wissen es ja selbst am besten - oft recht „oguete Dinger" sein können; mit seinen aber wiederum so treuen, biederen, herzlich lieben Einwohnern und mit seinen Schultheißen an der Spitze, die im ganzen Ländle ob ihrer Tüchtigkeit bekannt sind! 

Wir müssen eben unser Fellbach nehmen, wie es war, wurde und ist. Mit all seinen Schwächen und Vorzügen. Von dem „fehlenden Bach", von dem einige Witzbolde von Chronisten seinen Ramen ableiten wollen, angefangen, bis zu den Grünflächen, Bänken und Untergrundbahnen, bis zu der Zahnradbahn System Rigi auf den Kappelberg, die uns immer noch fehlen. 

Dafür haben wir Fellbacher auch achtbare Vorzüge, die jeder Schwabe so gut kennt wie unsere Schwächen und Mängel. Vielleicht eher noch besser. Darum: 

Ihr, ihr dort draußen in dem Land, 

[GRAF EBERHARD DER 
GREINER VON WIRTEMBERG
Kriegslied von Friedrich Schiller, 
Anthologie auf das Jahr 1782]

die Nasen eingespannt,
gar manchen Mann, gar manchen Held
im Frieden brav und treu im Feld
gebar euch unser Land.

Ja, da ist es vor allem das Fellbacher Land, das Fellbacher Land bleibt, und wenn wir uns tausendmal nun Stadt nennen werden. Wißt ihr draußen denn überhaupt, daß wir eine „südländische Region" sind? Nein? Bitte, wir nennen als Kronzeugen keinen geringeren als Gustav Schwab. Na, und den kennt ihr doch. Also, Gustav Schwab hat einmal in Bewunderung der Fruchtbarkeit, Anmut und Schönheit unserer Markung die Worte geschrieben: „es scheint, als ob eine südlichere Natur das Füllhorn ihres Segens über diese Landschaft ausgegossen habe". Also bitte, meine lieben schwäbischen Landsleute „die Nasen eingespannt!" 

Da wir nun mal gerade bei unseren Dichtern sind, so können wir Fellbacher auch mit Mörike aufwarten. Allerdings. Wir müssen sehr bitten, daß man es nicht anzweifelt. Zwar ist der große Lyriker weder bei uns geboren, noch gestorben, aber letzteres beinahe! Er kam nämlich nur wenige Monate vor seinem Ende nach Fellbach, wo er sich in einer „Einzechte" innerlich sammeln wollte. Die Zerwürfnisse mit feiner Frau Margarethe hatten den armen Silcher seelisch bös durcheinander gebracht und er hoffte zu Füßen des Kappelberges Erholung und Frieden zu finden. Seine Töchter Klara und Maria begleiteten ihn, am 12. September 1873 trafen die drei müden Menschlein von Lorch kommend in Fellbach ein. „Zwischen Gärten und offenen Feldern" lag diese „Einzechte", die Mörike mit seinen Töchtern beinahe ein Vierteljahr lang beherbergte. Mitunter besuchten ihn der Neffe Vischers, der spätere Hofbibliothekar Wilhelm Henschen, Berthold Auerbach oder Herr und Frau Walther und versuchten ihn aufzuheitern. Allein Mörike, der ja immer ein Hypochonder gewesen ist, taute nur wenig mehr auf und wenn seine Lyrik in Fellbach keine neuen Knospen mehr trieb, so trug nicht Fellbach, sondern Mörikes Schicksal daran Schuld, das sich bereits eineinhalb Jahre nach seinem Wegzug nach Stuttgart erfüllen sollte.

Nicht weit von Fellbach, früher einen kräftigen Steinwurf entfernt, jetzt mit uns durch schmucke Häuser verbunden, liegt Schmiden. Das liegt uns sogar so nah, daß wir vom Bahnhof Fellbach näher nach Schmiden, als zum Fuß des Kappelbergs haben. Darum rechnen mir Schmiden eigentlich auch ganz zu uns. Auch ohne, daß dort Ludwig Uhland im Pfarrhaus oftmals eingekehrt wäre. In Schmiden amtete von 1800 bis 1813 nämlich sein Onkel, der Bruder seiner Mutter, als Pfarrer und im Pfarrhaufe von Schmiden ist der Meister der Tübinger Schule, Ferdinand Christian Baur geboren. Also, bitte, ihr draußen in der Welt, die Nasen eingespannt. 

Daß unser Pfarrhaus in Fellbach in den Zeitläuften die höchsten Gäste einquartiert sah, daß dort u. a. der Erzherzog Karl von Oesterreich zu Gaste war, daß die Stäbe der Weltarmeen in ihm untergebracht waren, das alles nennt unsere Chronik heute ausführlich an anderer Stelle. Wir wollen heute nur noch auf zwei Erinnerungen aufmerksam machen: Da ist einmal die Familie Auberlen , die in nicht weniger als drei Generationen im Fellbacher Schuldienst tätig war! Von 1756, wo Daniel Auberlen von Markgröningen aus als Lehrer nach Fellbach kam, über Nikolaus Ferdinand Auberlen, der von 1784-1828 an der Schule wirkte, bis zum dritten Auberlen, der noch vielen Fellbachern bekannt ist, dem Wilhelm Amandus Auberlen. Er lebt nicht nur als Lehrer und Musikfreund, als Komponist vieler Schullieder und Choralmelodien in der dankbaren Erinnerung der Fellbacher fort, sondern auch als Gründer der Fellbacher Weingärtnergesellschaft 1858. Als zweite Erinnerung aber sei noch genannt, daß unser Silcher als junger Lehrer in Fellbach bei Nikolaus Ferdinand Auberlen angestellt war, und daß der Komponist des Liedes „In einem kühlen Grunde", Glück, als Vikar in Fellbach gewirkt hat. 

Was zu beweisen war: Fellbach und Württemberg, zwei Begriffe, die sich verstehen und lieben. Zwei Herzen und ein Gedanke. Nämlich der Gedanke, über unser Württemberg geht eben doch nichts und in seinem funkelndem Diadem sind Fellbach und seine Landschaft, seine Weingärtner und sein Bürgertum, seine Vergangenheit und Zukunft ein Stein von höchstem Werte und edelster Schönheit.

R. A.