Das waren noch Zeiten: Der Stuttgarter Platz 1929 mit Straßenbahnhaltestelle - und ohne Verkehrsprobleme


Vor genau 65 Jahren [1929] stieg eine Honoratioren-Delegation an der Fellbacher Endhaltestelle am Berliner Platz aus dem Triebwagen

Begeisterte Menge empfing die erste Straßenbahn


Vier Jahrzehnte lang Pappelallee beidseitig der Strecke - Heutzutage mehr als 12.000 Fahrgäste täglich in der Linie 1


Die Ehrengäste hatten sich in ihre besten Anzüge geworfen, die beiden nagelneuen Züge standen festlich geschmückt parat. Gegen 16 Uhr setzte sich der Troß vom Stuttgarter Schloßplatz zuckelnd in Richtung Cannstatt zum Wilhelmsplatz in Bewegung, wo er um die Uff-Kirche herumkurvte. Über die Waiblinger Straße kam man zur Stadtgrenze nach Fellbach. Hier wartete eine Abordnung Fellbacher Bürger und ein Musikcorps zum feierlichen Empfang der Honoratioren. An der Endstation Lutherkirche schließlich bildete eine begeisterte Menschenmenge das Spalier für die Triebwagen. All das ereignete sich vor 65 Jahren: Am Samstag, 4. Mai 1929, fuhr erstmals eine Straßenbahn von Stuttgart nach Fellbach.

Und seitdem ist die Bahn ein fester Bestandteil des Fellbacher Alltagslebens geworden. Bereits im Jahr 1910 waren die Fellbacher Bürger darauf aus, einen Straßenbahnanschluß an Stuttgart zu bekommen. Doch dauerte es fast noch zwei Jahrzehnte, ehe der erste Straßenbahnwagen nach Fellbach gelangte. Im März 1929 schließlich schickten die zuständigen Behörden die langerwartete Genehmigung zum Bau und Betrieb einer Straßenbahn von Stuttgart-Bad Cannstatt nach Fellbach los. 

Die Straße nach Fellbach mußte ab der Stadtgrenze Cannstatt auf einer lange von fast eineinhalb Kilometern verbreitert und. teilweise die Trasse dazu aufgefüllt werden. Gleichzeitig wurde auch die für fast vier Jahrzehnte charakteristische, beschauliche Pappelallee beidseitig der Straßenbahnstrecke angelegt. Bei der Fahrt auf Fellbacher Markung erreichte man wieder die im Straßenplanum verlegten Gleise, Dort bogen die Straßenbahnen nach rechts in die Bahnhofstraße ein - wo bereits in jenen Tagen die große Fellbacher Schleife begann - und rollten bis zur Endhaltestelle am Berliner Platz. Alle zwölf Minuten fuhr seinerzeit ein Zug auf der mit 19,02 Kilometern damals längsten Strecke der Stuttgarter Straßenbahnen von Fellbach nach Rohr mit einer Fahrzeit von einer Stunde und 13 Minuten.

Die durchgehende Linienführung von Fellbach nach Stuttgart mit der Linie 1 wurde lediglich nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsweise unterbrochen. Kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen und französischen Truppen im Großraum Stuttgart waren die Neckarbrücken gesprengt worden, so mußte am 20. April 1945 der Straßenbahnbetrieb eingestellt werden. Als dann nach einigen Wochen die ersten "Einser" Fellbach wieder erreichten, war ein durchgehender Verkehr nach Stuttgart nicht möglich. Die Fahrt endete rechts des Neckars vor der König-Karls-Brücke. Die Fahrgäste mußten die Bahnen verlassen und zu Fuß über den Berger Steg den weiten Weg über den Neckar machen. Beim Schwanenplatz wartete die andere Linie 1 links des Neckars, die in jener Zeit ihre Endstation in Münster hatte, zur Weiterfahrt in die Stuttgarter Innenstadt. 

Von 1961 bis 1986 bedienten die Gelenktriebwagen des Typs GT 4 die ehemalige „Hauptlinie" der SSB. 1975 beschloß der Stuttgarter Gemeinderat, anstelle der U-Bahn eine kostengünstigere "Stadtbahn" zu bauen. Als erste Strecke in der Stadt wurde die Linie 1 ausgewählt. Die Umgestaltung der Trasse auf das neue System mit einer Spurweite von 1435 Millimetern erfolgte ab 1976. Da die Fellbacher Endhaltestelle bei der Lutherkirche erhalten bleiben sollte, entschied man sich für eine völlig neue Trasse - mit der neuen Führung biegen die Bahnen an der Esslinger Straße nach Süden ab, fahren um das Jugendhaus herum, um entlang der Tainer Straße zur Endhaltestelle zu gelangen. Im Herbst 1984 begannen die Bauarbeiten.

Während das Teilstück entlang der Esslinger Straße als konventioneller Schotteroberbau, nämlich Vignolschienen auf Holzschwellen im Schotterbett, ausgeführt wurde, stellt die Trasse im Zuge der Tainer Straße eine Besonderheit dar. Hier wurde zum erstenmal bei der SSB ein ,,Grasbahnkörper größeren Ausmaßes hergestellt. Am 19. April 1986 war es dann so weit. Die Linie 1 von Vaihingen nach Fellbach konnte stadtbahnmäßig auf vollkommen neuer Trasse in Betrieb genommen werden. 130000 Gäste säumten die Strecke und begrüßten den ersten Stadtbahnzug - wie 57 Jahre zuvor die erste „Strambe" auf der alten Strecke. Über 100-mal am Tag fährt die moderne Stadtbahn von Fellbach nach Vaihingen, wobei sie von der Lutherkirche bis zum Charlottenplatz in Stuttgart 23 Minuten benötigt. Mehr als 12000 Fahrgäste steigen täglich ein oder aus.
(he)





Die letzte Strassenbahnfahrt in der Bahnhofstrasse am 19.April 1986, 
Foto von Frau Irmgard Wagner