Der Rekrut

Nun sorgte aber der Staat selbst dafür, daß die Überlieferung nicht allzu starr wurde und der junge Mensch auch über die Grenzen seines Heimatorts hinausschauen lernte. Er zog, was tauglich war, auf zwei bis drei Jahre zur militärischen Ausbildung ein. Diese Jahre warfen ihre Schatten voraus. Ehe man in ihre harte Zucht genommen wurde, wollte man sich noch einmal austoben. Füllte man sich doch mit seinen zwanzig Jahren voll strotzender Jugendkraft und voll Drang nach Lebensfreude. Noch war man ungebunden, hatte nicht für Weib und Kind zu sorgen, und da nun der Vater Staat einen als Vollbürger anerkannte, durften auch die Sitten einen nicht mehr so Stark unter der Fuchtel halten und mußten ein Auge zudrücken können, wenn der Sohn da und dort einmal über die Stränge Schlug. Freilich nicht alle Väter waren Solchen oder ähnlichen Gedankengängen so ohne weiteres zugänglich. Aber nach einiger Bearbeitung gaben doch die meisten ihrem Sohne die Erlaubnis zum Eintritt in seinen "Jahrgang". Die angehenden Rekruten schlossen sich nämlich in dem Winter, ehe sie "spielen" mußten, zu einer Kameradschaft eigener Prägung zusammen. Man nahm Singstunden bei einem Lehrer, in denen eine Unzahl Volks-, vor altem einige kräftige Soldatenlieder eingeübt wurden. Wen man diese Ausbildung hinter Sich hatte, konnte man auch der Öffentlichkeit unter die Augen treten. In den Winternächten zogen nun die Rekruten unter Gesang im Dorf umher. Sonntag nachmittags ging man auswärts und erfreute die Nachbarorte mit seiner Gesangskunst. Der Gesang war freilich nicht immer ein Gesang zu nennen. Immerhin wurde dem Hörer einiges nachdrücklich ins Gedächtnis geprägt, so der endlose Kehrreim: "Dann schickt uns König Wilhelm wieder ohne, ohne Geld nach Haus", und das ganz blutrünstige: "Da liegt ein Fuß, ein Arm, ach daß es Gott erbarm', man sieht fast keinen Boden vor Sterbenden und Toten." Nicht alle Nachbarorte vertrugen sich miteinander. Untertürkheimer und Wangener Rekruten besonders lagen in ständiger Fehde. Den Abschluß des Sonntags bildete nach diesen Märschen regelmäßig eine ausgedehnte Sitzung in einer Wirtschaft. So ging es den Winter über bis zum Frühjahr.

Da war Musterung und dann "Ziehung". Denn angenommen, es wurden von mehreren Gemeinden zusammen 300 Rekruten ausgemustert, so brauchte man tatsächlich vielleicht kaum 200. Der Rest mußte, obwohl tauglich, ausgeschieden werden. Diese Ausmerzung geschah durchs  Los, deshalb sprach man von "Ziehung" und "Spielen". Wer eine hohe Nummer, in unserem angenommenen Fall also eine Nummer zwischen 200 und 300 zog, hatte sich "frei gespielt". So fuhren nun die Rekruten im Frühjahr auf einem Leiterwagen, der mit Maien geschmückt war, voll Stolz gen Cannstatt zur Musterung. Auch dabei stachen die verschiedenen Ortschaften aufeinander, jede wollte den schönsten Wagen haben. Schon die vorgeschriebene gründliche Reinigung des Körpers hatte in den ländlichen Verhältnissen Alt=Untertürkheims, wo es keine Badegelegenheit gab, allerhand Schwierigkeiten bereitet, und bei der Musterung selbst ereignete sich in der allgemeinen Aufregung manch ergötzliche Szene, die noch lange willkommenen Unterhaltungsstoff auf Kosten der Beteiligten bot. Wenn jetzt die Entscheidung gefallen war, waren die Freigekommenen gehalten, den andern die bunten Rekrutenbänder zu bezahlen, mit denen man die Hüte schmückte. Wer tauglich befunden wurde, trug lange und breite Bänder um den Hut geschlungen, die noch weit über den Rücken herunterfielen; die Untauglichen durften nur kurze, schmale Bänder tragen. Auf der stolzgeschwellten Braust trug jeder ein Täfelchen mit der Bezeichnung der Waffengattung, für die er ausersehen war. Der Tag, der so entscheidend in das Leben der jungen Leute eingriff, wurde entsprechend gefeiert, zunächst in der Oberamtstadt, dann aber auch im Heimatort. Wie so oft bei allerhand Streichen, die sie verübt, so pochte die Jugend besonders an diesem Tag auf das Wort: "Rekrutebluof ischt koe Riehrmilch."

Nach einiger Zeit fand dann die "Ziehung" statt, von der oben gesprochen wurde. Zum sonstigen Schmuck hinzu konnte man nun auch noch die gezogene Nummer am Hute befestigen. Damit war die Spannung, unter der man gelebt hatte, endgültig gelöst, und man sah klarer in die Zukunft. In den sechziger Jahren gab es allerdings auch noch die sogenannten "Einsteher". Wer das nötige Geld dazu aufbringen konnte und wollte, hatte die Möglichkeit, sich gewissermaßen loszukaufen. Er bestimmte gegen Zahlung von 300-400 Gulden einen andern, der schon gedient hatte und eben entlassen wurde, für ihn einzustehen und an seiner Stelle noch einmal zwei bis drei Jahre abzudienen.

Das weitere Schicksal der bunten Rekrutenbänder zeigt, wie wichtig diese entscheidungsvollen Tage genommen wurden. Der Rekrut Schenkte die Bänder seiner "Bekanntschaft", wenn er eine hatte, und die hielt sie in hohen Ehren, sie zierte damit ihre Kunkel und forderte dadurch den Neid mancher weniger glücklichen Altersgenossin heraus.

Nach der Musterung flatterte der Jahrgang keineswegs auseinander. Wohl blieb in den arbeitsreichen Sommermonaten wenig Gelegenheit, die Kameradschaft zu pflegen. Dafür brachte der Herbst die Krönung des Kameradschaftslebens: die Kirbe. Tonangebend auf der Kirbe waren die "Kirbebuebe", eben der Rekrutenjahrgang. Sie verteilten sich auf die drei Hauptwirtschaften, den "Hirsch", die "Kronen, den "Löwen". Das ganze Jahr über hatte man auf diese zwei Tage gespart, die eigentliche Kirbe, die auf den Donnerstag nach Kreuzerhöhung festgelegt ist und auf die "Nôchkirbe", den Sonntag nach diesem Donnerstag. Bis zu zehn Gulden, eine gewaltige Summe für die damalige Zeit gedachte mancher springen zu lassen. Zunächst galt es, die Wirtschaft, an der man den "Trauben" heraushängte, festlich zu schmücken. Zu diesem Zweck fuhr man zwei Tage vor der Kirchweih mit den Pferden und dem Leiterwagen des Wirts etwa in den Eßlinger Stadtwald, wo man sich die Erlaubnis ausgewirkt hatte, einige Maien (Birkenbäume) zu schlagen. Ehe die Rekruten in den kühlen Morgen hinausfuhren, hatte der Wirt - so verlangte es der Brauch - ihnen einen Trunk guten Weins gereicht. Dem Förster, der die Aufsucht hatte, brachte man ein Körbchen Trauben mit, in der berechtigten Hoffnung, daß er es beim Messen des Holzes - man kaufte die Birken dem Längenmaß nach - nicht allzu genau nehmen werde. Nach der Rückkehr wurden die Maien in festesfroher Vorfreude an dem Gasthaus aufgestellt.

Auch der große Trauben der vor dem Gasthaus aufgehängt werden sollte, mußte gerichtet werden. Es erforderte Geduld und Geschicklichkeit, ihm die richtige Form zu geben, Denn er wurde nachher, wenn er hing, von den Alten fachkundig begutachtet. Die Trauben lieferten die Kirbebuben. Jeder wollte natürlich die schönsten bringen. War der Jahrgang gut und der Reifegrad schon weit vorgeschritten, was selten der Fall war, denn wir befinden uns erst Mitte September, dann wurde an den schönsten Trollingern in des Vaters Weinberg der Stiel umgezwirbelt, damit sie rascher schwarz wurden. Auch bei diesem Geschäft des Traubenrichtens mußte der Wirt auf seine Kosten fleißig einschenken.

Der Kalebstrauben wird aufgehängt

Nun ist der große Tag angebrochen. Schon am frühen Morgen hatten Sich Musikanten eingefunden. Es waren jedes Jahr dieselben. Sie stammten von den Fildern, von Häfner=Neuhausen. An diesem Tag mußten sie sich von den Rekruten manches gefallen lassen. Diese nahmen für sich das Recht in Anspruch, mit ihnen allerhand Narrenpossen zu treiben, ließen Sich aber andererseits, wenn es ans Zahlen ging, auch nicht lumpen. Zunächst zogen die Musikanten im Ort umher und verbreiteten allenthalben festliche Stimmung. Vor allem tat sich dabei das Bombardon mit seinen Baßtönen hervor. Bald entwickelte Sich auch das vom Märzmarkt her bekannte Markttreiben. Diesmal Sind es Fässer, Leitern, Butten und sonstiges Küblergeschirr, die dem Markt das Gepräge geben. Diese ernsthaftere Seite der Kirbe kümmerte aber die Rekruten nicht viel. Ihre Zeit kam erst nach Mittag, wenn der große Trauben aufgehängt wurde. Schon hatte sich auch viel neugieriges Volk eingefunden, um dem feierlichen Akt beizuwohnen. Im blütenweißen Hemd, das schwarzweißrote Band über der Weste, ohne Kittel, so tragen die zwei kräftigsten und gewandesten Kirbebuben den Riefentrauben heraus, der ein ordentliches Gewicht hat. Unter Viel juchzen, das man das letzte Jahr über ausgiebig geübt hat. Steigen sie mit dem Trauben die Leitern empor und bringen das Kunstwerk fertig, ihn oben am Haken einzuhängen. Ein Kamerad steigt ihnen nach und reicht ihnen ein Glas Wein, das mit weiteren kräftigen Juchzern geleert wird. Zur Freude der Kinder wird auch der kleine Trauben aufgehängt. Er besteht bloß aus drei verschiedenfarbigen Trauben, einem weißen, einem roten, einem blauen, um ihn herum aber hängt an einem Reif in kleinen Nachbildungen das ganze Geschirr, das der Weingärtner zu seinem Beruf braucht. Weil das alles so putzig aussieht, freut es die Kinder. Um die Leitern herum ist der Platz freigehalten worden, und da drehen sich die Paare schon im Tanz, bis die zwei Kirbebuben die Leitern herunterkommen. Die Mädchen tragen die gleichen farbigen Bänder wie ihre Burschen, nur in schmälerer Ausführung. Schon hat sich unter der Masse der Zuschauer auch eine Menge Städter eingefunden, und nun geht der Rummel los, den man Kirbeleben nennt. Nicht laut und ausgelassen genug kann es ja zugehen. Es ist viel überschüssige Kraft vorhanden, die sich austoben will. Die Nachkirbe bringt dasselbe Schauspiel noch einmal, dann beginnt wieder der graue Alltag.

Und ein Oktobermorgen setzt den Schlußpunkt hinter das lustige Rekrutenjahr. Schon lange vor Morgengrauen donnern vom Berg herunter die Karabiner der zurückbleibenden Kameraden, in aller Frühe entführt der Zug die Rekruten in die Garnisonstadt: das Spiel ist aus, der Ernst beginnt.