Dorfleben - Gemeinschaftsleben
Viel nachbarliche Anteilnahme und Sippenverbundenheit treten in vergangener Zeit
im Dorfleben Alt=Untertürkheims zutage. Sie begleiten den Menschen von der
Wiege bis zur Bahre.
Die Taufe
Nicht der Storch brachte die kleinen Kinder, sondern die "Kindlesbase"
holte sie am "Kindlesbrunnen", dem "Häglesbrunnen" auf der
"Heid" hoch oben über dem "Wolfelesbach", der den
Röhrenbrunnen beim Rathaus speiste und von dem es hieß, daß er das beste
Wasser liefere von allen Untertürkheimer Brunnen. An dem freudigen Ereignis der
Geburt eines neuen Erdenbürgers nahm die ganze Nachbarschaft und Verwandtschaft
Anteil. Die Hauptsorge galt aber zunächst der Wöchnerin, denn wie oft kam es
vor, daß sie die Geburt des Kindes mit dem Leben bezahlte! Man beeilte sich,
sie wieder zu Kräften zu bringen, ein Bestreben, das auch dem
"Wöchner", wie man Scherzhaft den Ehemann nannte, zugut kam. Die
Sitte schrieb eine bestimmte Speisefolge vor. Nach drei Tagen erhielt die
Wöchnerin beim ersten Besuch der Taufpatin oder der den Mann vertretenden Frau
des Taufpaten eine Suppe aus Backofenschnitten und das zugehörige Stück
Rindfleisch, nach fünf bis sechs Tagen einen Kalbsbraten, beim dritten Besuch
ein Weinessen, bestehend aus Weinsoße und Kaiserkuchen, beim vierten Besuch
einen Gugelhopf oder Hefenkranz.
Solche Besuche waren besonders von den Gevatterleuten verlangt. Deshalb galt der
Spruch: "Hauzichgao ond Gvatterstao isch e Ehr ond macht de Beitel
leer." Bei der Wahl der Paten oder Gevatterleute ging man gewöhnlich nicht
über den Kreis der Verwandtschaft hinaus. Es waren in der Regel damals schon
bloß zwei Paten, einer von der Vater=, einer von der Mutterseite, der Döte und
die Dote. Bei der Namengebung hielt man sich oft an den Namen des Paten bzw. der
Patin. Doch bestand in dieser Beziehung keine feste Sitte.
Die Taufe wurde, von Nottaufen abgesehen, fast ausschließlich in der Kirche
vorgenommen. Noch war das Bewußtsein lebendig, daß das Kind nicht der Familie
allein gehört, sondern daß auch andere, größere Lebenskreise Anspruch darauf
haben. Das "Pätschekisse" oder Taufkessen, in dem der Täufling zur
Kirche getragen wurde, war mit bunten, meist grünen seidenen Bändern
geschmückt, die kreuz und quer über das Kissen gezogen waren. Auch auf ein
feines Häubchen wurde Wert gelegt. Während des Kirchgangs wurde von
Altersgenossen des Vaters die Taufe "angeschossen". Diese Ehre wurde
aber bloß den Knaben zuteil. Die kirchliche Handlung wurde im Anschluß an den
Nachmittagsgottesdienst vorgenommen. Im Mittelpunkt der häuslichen Nachfeier
stand der "Täufekaffee". Verwandten und Bekannten, die sich um die
Wöchnerin bemüht hatten, wurde, soweit sie nicht zur Taufe eingeladen waren,
eine Kanne Täufekaffee mit dem nötigen Zubehör an Gugelhopf und Hefenkranz
ins Haus geschickt. Besondere Sitten waren mit der häuslichen Feier nicht mehr
verbunden, höchstens daß ein Weingärtner seinem jungen Sohn am Tauftag einen
Löffel Wein eingab. Schon in frühesten Tagen sollte er mit der köstlichsten
Gabe des Bodens bekannt werden.