Der Jahreslauf im Leben des Dorfkindes

Wenn der Frühling kommt, beginnt für die Alten die strengste Arbeit, für die Kinder die des Spielens. Man kann wieder auf die Gasse. Allerdings die Mutter hat auch für diese allerhand Aufgaben bereit. Der kleine Bub muß, wenn er von der Schule daheim ist, sein noch kleineres Schwesterlein wiegen. Doch der junge Mann stellt die Technik in den Dienst seines Freiheitsdrangs. Eine Schnur reicht von der Gasse hinauf in die Stube, wo die Wiege ihren Platz hat, und gibt dem jungen die Möglichkeit, bei den Kameraden zu sein. Daß dabei die Wiege manchmal umkippt bereitet dem Bruder weniger Schmerzen als dem Schwesterlein. Rasch schiebt er ihm den "Schlotzer" in den Mund, und die Kleine beruhigt sich wieder. Oder die Kinder müssen dem Vater dann und wann "das Essen tragen", wenn er über Mittag im Feld oder im Weinberg bleibt. Mancher Bube muß schon im ersten Morgengrauen vor der Schule, die um Sieben Uhr beginnt, Milch nach Stuttgart tragen. Aber es gibt für die Kinder trotz all dieser kleinen Pflichten dazwischenhinein immer wieder freie Zeit, da man dem eigenen Vergnügen nachgehen kann. Kaum hat der Märzenwind die Straßen halbwegs getrocknet, holen die Buben alte Faßreifen hervor und jagen mit ihnen durch den Ort. Das erste Spiel der Mädchen ist "Seilhopfes". Darin liegt ein tiefer Sinn: das verhockte Blut verlangt nach  Bewegung. Dann wird der "Tänzer" hervorgeholt, an anderen Orten unter dem Namen "Topf" oder Kreisel bekannt. Die "Treibschnur" hilft dazu, daß man allenthalben durch den Ort die Peitschen knallen hört. Noch kann auf der Straße der Jugend nicht allzu viel passieren, denn sie wird durch keine Autos unsicher gemacht. Und bei den Hochrädern (Velozipede), die damals auftauchten, war bei einem Zusammenstoss der Fahrer weit mehr gefährdet als der Fußgänger.

Die Martinsgans

Wenn der erste Saft in die Weidenbüsche einschießt, gehen die Buben ins "Grün" oder ins "Gschtänd". Dort prüfen sie mit Kennerblick die einzelnen Büsche. Finden sie eine geeignete Rute, so wird sie geschnitten und auf die richtige Länge gebracht. Nun wird die Rinde mit dem Heft des "Hôbemessers" geklopft. Zweierlei Musikinstrumente kommen auf diese Weise zustand. Entweder Hupen, die keinen Stöpfel haben und nur einen Ton hervorbringen - bloß in den Ohren der Jugend klingt er lieblich - oder Pfeifen, die mit beweglichem Stöpsel versehen Sind, auf denen man deshalb die Töne variieren und eine kleine Melodie versuchen kann.

Bald wagen sich auch die ersten Veilchen heraus. Im "Grün", im "Wolfelesbach", im "Gairenwald" findet man die schönsten. Unvergeßlich die Sonntage, da die weißen Wolkenschiffe sehnsuchterweckend am blauen Frühlingshimmel dahinzogen, die Finken und Meisen Schlügen, da jener würzige Ruch der Erde entstieg, der einen so seltsam benommen machte, und da man ins "Veigelessuche" ging.

Der Märzenmarkt am 25. März, an Mariä Verkündigung, ist nicht bloß für die Alten wichtig als "Stockmärkt", an dem manche bis zu 150 Mark Einnahmen hatten, sondern ein großes Erlebnis auch für die Jungen. Schon an den Vortagen wurden in der Eßlinger, der Cannstatter, der Langen Straße die großen kofferartigen, mit Eisenbändern beschlagenen Warenkisten der Schuh- und Tuchmacher angefahren. Sie als Hindernisse beim Fangerlesspiel zu verwenden, brachte eine willkommene Abwechslung in dieses beliebtest und einfachste Spiel. Am meist recht kühlen Marktmorgen war man Zeuge, wie die Stände aufgeschlagen wurden. Das nötige Baugerät an Latten, Böcken, Stangen gehörte der Gemeinde und wurde das Jahr über im Magazin beim Rathaus aufbewahrt. Nun entstand also vor den Augen der erstaunten Dorfjugend, die an diesem Tag als einem kirchlichen Feiertag Schulfrei hatte, zu beiden Seiten der Straßen eine Reihe von Marktständen. Verkäufer und Käufer kannten Sich meist seit Jahren. Tuchmacher Rommel, Schuhmacher Eisenlohr von Reutlingen waren Persönlichkeiten, die einfach zum Bild dieses Marktes gehörten. Es ging also im Handel herüber und hinüber durchaus gediegen und ruhig zu. Der Jakob aus Amerika, d. h. der Marktschreier, ist eine Erscheinung, die einer Späteren Zeit vorbehalten blieb. Damals mochte auch der Markt einem gewissen wirtschaftlichen Bedürfnis entsprechen. Neben dem Reben- und Baummarkt war von geringerer Bedeutung der Viehmarkt. An der Runkeleskelter in der Bachstrasse wurden Schweine, von den Juden "Hirschle" und Lauchheimer auch einige Kühe feilgeboten. Dort ging es besonders lebhaft und derb zu. Der Stimmaufwand, der entfaltet wurde, ließ uns Kinder das Schlimmste befürchten. Umso eindrucksvoller war der Handschlag, der zu guter Letzt die erregten Verhandlungen in heiteren Frieden ausklingen ließ. Über der Brücke drüben in der Nähe der uralten Dorflinde war das Karussell aufgebaut; die Schießbude in einem Hof der Langen Straße rechnete mit dem Zuspruch der Erwachsenen. Einen fremdartigen Zug in das Marktbild brachten die Zigeuner, die auf keinem Jahrmarkt fehlten. Schlimme Dinge wurden ihnen nachgesagt: nicht bloß daß sie stehlen, was nicht niet= und nagelfest ist, auch Kinder sollten sie entführen. Deshalb betrachtete die Jugend mit furchtsamer Neugierde die seltsamen Gestalten, die meist noch einen Bären oder mindestens ein Äffchen bei sich führten, Auch daß sie wahrsagen konnten, umgab sie mit einem besonderen Zauber. Freilich die Alten sahen sie lieber gehen als kommen.

Vom Märzemärkt war es nicht mehr weit bis Ostern. Schon war auch die Zeit des Ballspielens gekommen. Zur Abwechslung spielten dazwischenhinein auf ein paar Tage die Buben "Schnelleres", die Mädchen "Perles" und "Bohnerles". Die Karwoche bildete bei entsprechender Einstellung des Elternhauses einen starken Einschnitt in der frohbewegten Frühlingszeit. Jedes laute Spiel, besonders in der zweiten Hälfte der Woche, war streng verboten. "Wer in der Karwoche Ball spielt, kreuzigt den Heiland", konnte die Mutter sagen. Aber für diese kurze Entsagung entschädigte das Osterfest. Schon an den Tagen zuvor hatte man am Hang des Wolfelesbachs das Moos für das Hasennest geholt. Da man dort so lustig den Hang herunterrugeln konnte, vergaß man rasch das strenge Gebot der Eltern. Auch war hier weit weg von den Häusern des Orts kein Kläger, somit auch kein Richter zu fürchten. Dem Osterfest wurde mit frohen Erwartungen entgegengesehen. Im Grün oder sonstwo am Neckar war reiche Gelegenheit, auf Felbenköpfen oder im Weidengebüsch den "Hasen" zu verstecken. Der Inhalt des Nestes, der "Hasetag", war bescheiden: einige mit Zwiebelhäuten braun gefärbte Eier, ein Zuckerhase und eine Brezel, das war alles und doch viel. Denn die Freude des Suchens und Findens war das Schönste an der Sache, besonders wenn ein freundlicher Großvater oder eine Großmuter schmunzelnd dabeistand und mit der Jugend wieder jung wurde.

So kam man allmählich an den Sommer heran. Noch war der Boden halb feucht und damit die Vorbedingung erfüllt für das interessanteste Bubenspiel, das "Spechtesspiel". Denn der Ruf durch die Gasse ging: "Wer duet mit Spechtes?", so fand die Einladung immer ein freudiges Echo. Mit fünf bis sieben Teilnehmern wurde das Spiel am interessantesten. Es handelte sich darum, ein kurzes zugespitztes Pfahlstück, das der Gegner mit kräftig ausholendem Schwung in die Erde getrieben hatte, durch den eigenen Specht so zu lockern, daß es herausfiel. War das gelungen, so durfte es beliebig weit hinausgeschlagen werden. Der Sieger wurde aber in gleicher Weise ein Opfer des Besiegten, wenn er seinen Specht nicht dreimal in die Erde getrieben hatte, ehe der Gegner mit dem seinen zurückkam und ihn, schon von weitem werfend, in den Boden spitzte.

Am Sonntagnachmittag und -abend beherrschten die Mädchen das Feld bzw. die Straße. Denn einen eigentlichen Dorfanger und Spielplatz, auf dem sich die ganze Dorfjugend getroffen hätte, gab es nicht. Das "Gschtänd" wäre ideal gewesen für diesen Zweck, aber es lag zu weit ab und war als zeitweiliger Aufenthalt lichtscheuen Gesindels Verrufen und deshalb von den Kindern gemieden. So benutzte man eben, so gut es ging, die Straße als Spielplatz, und es ging ganz gut so. Die Reigen der jungen Mädchen, die altvertrauten Melodien des "O Bue, was koscht dei Heu?", "Mädchen, du mußt tanzen", "Mariechen saß auf einem Stein" und wie die Tanzspiele alle heißen gehören mit in das Bild eines sonnigen Sommersonntags in Untertürkheim.


Spätestens das Betglockläuten oder "Uffamärgaleida" (Ave = Maria=Läuten), wie die Alten sagten, holte die Kinder von der Straße weg, wenn sie nicht schon früher heimgerufen worden waren. In Familien, die auf alte fromme Sitte hielten, wurden die Kinder angehalten, beim Betglockläuten den Vers zu sprechen: "Liebster Mensch, was mag's bedeuten, dieses späte Glockenläufen ? ..."

Vom späten Frühjahr ab wurden die Kinder ziemlich stark zur Feldarbeit herangezogen, deshalb konnte sich ihr Spieltrieb nur noch Sonntag nachmittags austoben.

Noch einmal, ehe die rauhe Jahreszeit einsetzte und die Kinder von der Straße vertrieb, feierte das ganze Dorf ein Fest, das große Fest der Kirbe. Soweit es ein Fest der Erwachsenen war, wird sein an anderer Stelle gedacht. Auch die Kinder freuten Sich darauf, nicht bloß wegen der "Märktkromet", die für sie vielleicht an einem der Stände gekauft wurde, etwa "e Hôbe" oder "e Bläsle" für die Buben, ein "Nuster" oder ein "Bääle" für die Mädchen, sondern vor allem wegen der Kuchen, die auf diesen Tag in verschwenderischer Fülle gebacken wurden. Das ganze Jahr über gab es fast keine, von besonderen Familienfestlichkeiten abgesehen, nur der Kirbe waren sie vorbehalten, aber dann gab es auch so viele, daß man sich für das ganze Jahr satt essen konnte. Es gab neben den Obst-, Grieß- und Käskuchen, wie sie heute noch üblich Sind, bescheidenere, die man heute nicht mehr bäckt. Da war der Salzkuchen, bei dem man einfach den Teig mit Eigelb bestrich, dann mit Speckwürfeln belegte und mit Salz und Kümmel bestreute, oder der Welschkornkuchen, bei dem der Teigboden mit einer 2 cm hohen Schicht Welschkornbrei bestrichen wurde. "Kirbe ond koe Kuecha, essigsaurer Wei, wer mag dô luschtich sei?", das war ein Vers, den schon die Kinder kannten, der aber in manchen vergangenen Jahren zu Anfang und um die Mitte des Jahrhunderts herbe Wirklichkeit geworden war.

Blick von der Kapelle zum Wasen

Nach der Kirbe ging es rasch dem Herbst, der Lese, zu mit ihren Freuden, bei der die Kinder allerdings eine mehr nebensächliche Rolle spielten. Dagegen standen sie am Martinitag im Mittelpunkt eines erst in den sechziger fahren aufgekommenen Brauchs. An diesem Tag wurde nämlich dem Herrn Oberlehrer von den Schülern feierlichst die "Märesgäs" überreicht. Aus freiwilligen Geldgaben hatte man die Gans gekauft. Wenn noch Geld übrig war, kamen einige Zichorienpäckchen, etwas Kaffee, die Spitze eines Zuckerhuts dazu. Damit der Empfänger der Gans das Tier vollends hermästen konnte, mußte auch Welschkorn beschafft werden. Da galt nun für ein paar Tage ein gewisses Freibeuterrecht in Untertürkheim, d. h. das Welschkorn wurde einfach von den Außenseiten der Häuser weg, wo es zum Trocknen in "Kluberten" aufgehängt war, gestohlen. Allerdings konnte es vorkommen, daß die jungen Diebe, wenn sie nach Hause kamen, an den Stangen vor dem eigenen Elternhaus auch einige Lücken bemerkten. Das andere konnten sie sich denken. Im feierlichen Zug wurde alles durch den Ort getragen, einige Lieder dazu gesungen, und man kam sich für einen Lag sehr wichtig vor.

Nun ging es rasch in den Winter hinein. Brachte er den heißersehnten Schnee, so fuhr man Schlitten in der Friedrichstraße, im Kirchgäßle und auf der "Schlittenbahn" im "Usserdorf", ganz Kühne im "Hohlweg" an der "hohen Mauer". Auf den beiden ersten Bahnen benützte man nur die einsitzigen Bergschlitten. Am Hohlweg dagegen konnte man auch die "Galetsche" oder "Lanne" bewundern, große Hörnerschlitten, die gewöhnlich landwirtschaftlichen Zwecken dienten, nun aber abends und Sonntag nachmittags, mit drei und mehr Personen beladen, in den Dienst des ländlichen Vergnügens gestellt wurden. Sie, die mit unheimlicher Geschwindigkeit den Berg herabsausten, stellten an die Geschicklichkeit ihrer Lenker schon einige Anforderungen. Schon von weitem hörte man das mehrstimmige "E Lanne kommt! Bâ frei!" und konnte an dem "Grillen" der Mitfahrerinnen merken, wenn es wieder über eine der vielen "Kandeln" hinüberging und der Schlitten ein paar Meter frei durch die Luft sauste. Ein besonderes Fest für die Jugend war es, wenn eines starken Schneefalls wegen der Bahnschlitten geschleift werden mußte und sie den Schlitten, der für den Ortsverkehr die Straßen freizulegen hatte, helfen beschweren durfte. In den verschneiten Straßen des Orts bewegten sich besonders leidenschaftliche Schlittenfahrer, auf ihren Schlitten stehend, durch Stochern mit einem "Spieß", den sie zwischen die Beine nahmen, vorwärts.

Das Christfest, der "Christtag", nahte. Das Wort "Weihnachten" fand sich bezeichnenderweise im Sprachschatz von Alt=Untertürkheim nicht. Auch der Pelzmärte ging nicht um. Andere Vermummungen dagegen kamen vor. Sie dienten in erster Linie dazu, bei den Kärzen die jungen Mädchen zuschrecken. Man bediente sich dazu einfachster Mittel: man verschmierte sich das Gesicht und zog ein Leintuch über sich. Diese Vermummungen, mehr "Butzen" als Pelzmärte, waren an keinen  bestimmten Tag gebunden. Im allgemeinen sahen die Alten diese Dinge nicht  gern. So war man auch dem Fastnachttreiben in dem ganz evangelischen Untertürkheim durchaus abhold. "Affegsiechter" wollte man keine sehen. Der Widerwille dagegen war bei diesem nüchternen Menschenschlag instinktmäßig stark.

Aus alter Zeit her hatte sich dagegen der Brauch der Knöpflesnächte noch erhalten. Einige Buben, die sich dazu verabredet hatten, zogen an den letzten Donnerstagen vor Weihnachten mit Erbsen und Welschkorn bewaffnet vor die Häuser von Bekannten und warfen eine Handvoll Körner gegen die erleuchteten Fensterscheiben, um die Insassen zu Schrecken, beobachteten aber die Wirkung besser von gesichertem Ort aus, da die Sache von den Alten meist als grober Unfug angesehen und, wenn die Täter sich erwischen ließen, entsprechend geahndet wurde.

Badinsel, links Untertürkheim, rechts hinten Obertürkheim

Sonst merkte man vom Nahen des Christtags nicht eben viel. Bloß daß die Mutter einige Zeit vorher das althergebrachte Gebäck, die "Springerle" buk, wies auf das kommende Fest hin. Da es dieses Gebäck nur an Weihnachten gab und bis Ostern keinerlei Süßgebäck mehr zu erwarten war, freute sich die Jugend sehr darauf und half beim Backen gerne mit. Besonders der Springerlesmodel mit feinen merkwürdigen Figuren interessierte sie. Nur verhältnismäßig wenige Familien besaßen Solche Model, Sie waren ja auch das ganze Jahr über totes Kapital. Deshalb entlehnte man sie gerne beim Mehlhändler, der sie dann auch um diese Zeit auf Wochen hinaus verteilt hatte. Das Schnitzbrot, das man ebenfalls für die Festzeit buk, unterschied sich vom gewöhnlichen Brot nicht allzusehr, erfreute sich aber trotzdem nicht überall gleicher Beliebtheit. Beschert wurde nicht am Heiligen Abend, sondern am Christfestmorgen. Dabei gab es keine großen Überraschungen. Die Geschenke waren durch die Sitte vorgeschrieben, aber trotzdem konnten die Kinder kaum erwarten, bis sie die Stube betreten durften. Noch im Hemd rannten sie herein. Da brannte in einer Ecke der Stube ein Bäumchen; selbst in begüterten Familien war es um diese Zeit einfach an der Wand befestigt ohne Gärtchen, geschweige denn eine Krippe. Es war geschmückt mit vergoldeten Nüssen, Äpfeln und einigen kleinen Zuckerstücken, die man beim "Kanditer" erstanden hatte. Glaskugeln verwendete man noch nicht. Und die Geschenke: Vom Döte erhielt jedes Schulpflichtige Kind Herkömmlicherweise ein Schreibheft, Griffel, Springerle, einen Herzlebkuchen mit drei Mandeln. War aber etwa noch ein Apfel beigelegt, in dem ein Sechs=Kreuzer=Stück steckte, so war die Freude vollkommen. Die Hauptfache war: die Arbeit ruhte in diesen Tagen, soweit man sie in einem ländlichen Haushalt eben ruhen lassen konnte. Am Stephanstag sah man die "Stephesreiter". Die Fuhrleute ritten, ein sonst ungewohnter Anblick,  ihre Pferde aus. Sie sollten vom langen Stehen im Stall nicht steif werden, Tatsächlich wurde aber mit diesem Ausritt auch ein alter Brauch weiter gepflegt. Die Arbeitspause dauerte bis zum vierten Tag, dem Tag, der unschuldigen Kinder oder "Pfeffertag". Auch an diesem Tag wurde noch nicht viel gearbeitet. Pfeffertag hieß er, weil die Kinder am Morgen dieses Tages mit einem Tannenwedel, der Pfefferrute, bei den Bekannten herumzogen und durch einen Schlag mit der Rute und die Frage: "Schmeckt dr Pfeffer guet?" sich Anspruch erwarben auf ein kleines Geschenk. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Schlags mit der "Lebensrute" war schon längst verloren gegangen, und so artete die Sache Schließlich in reine Erpressung aus, die besonders gegenüber den Kaufleuten des Orts geübt, von vernünftigen Eltern aber nicht geduldet wurde.

Am "Altjôhrôbed" (die Bezeichnung "Silvester" war in Alt=Untertürkheim ganz unbekannt) gab es auch ein besonderes Gebäck, das "Mitschele", an anderen Orten wegen seiner Form Neujahrsschiffchen genannt, das aber nicht selbst gebacken, sondern beim Bäcker geholt wurde. Besondere Gebräuche, von dem überall üblichen Neujahrschießen abgesehen, gab es nicht, kein besonderes Essen und auch keinen Versuch, gerade an diesem Abend oder in dieser Nacht etwas über die Zukunft zu erfahren. Das alte Jahr wurde in fast allen Familien mit tiefem Ernste beschlossen, wie es dem nüchternen Sinn der Alten entsprach, die des Lebens Not und harten Kampf kannten und auch von der Zukunft nichts anderes erwarteten.

Für Neujahr schrieb die Sitte den Kindern einen ganz bestimmten Glückwunsch vor, den sie den Eltern, besonders aber auch dem Döte und der Dote gegenüber anzubringen hatten. Er lautete: "I weisch dr a guets nuis Jôôr de gsonde Leib, de Friede, de Seage ond de heiliche Geischt ond Älles, was dr selber weische magscht!" Auch für diesen Wunsch bekam man meist eine kleine Belohnung, und wenn's nur ein kleines Gebäckstück war. Die Reihenfolge der Wünsche ist bezeichnend für die nüchterne Einschätzung der Lebensgüter durch die Alten.

Der "Oberste" oder Dreikönigstag (6. Januar) Schloß die Reihe der Festtage ab. Daß es sich in diesen Wochen um eine Zeit besonderer Art handelte, konnten die Kinder auch an einem eigenartigen Brauch merken. Der Vater stellte vielleicht an diesen zwölf "Lostägen" vom Heiligen Abend bis zum Oberen zwölf Zwiebelschalen auf, die bis zur Hälfte mit Salz gefüllt waren. Jeder der Tage bedeutete einen Monat. Nun wurde jeden Morgen Nachschau gehalten. War das Salz naß geworden, so hatte man entsprechend viel Feuchtigkeit in dem betreffenden Monat zu erwarten, blieb das Salz trocken, so durfte man mit Sonnenschein rechnen. Manche Leute, die Sogenannten "Einsteller", hatten schon am Barbaratag, dem 4. Dezember, frischgeschnittene Reben ins Wasser gestellt und den Topf am Fenster untergebracht. Je nachdem die Reben bis in die Festzeit sich entwickelt hatten, entsprechend lautete die Voraussage für das kommende Weinjahr. Hatten die "Augen" kräftig ausgetrieben, so war ein guter Ertrag zu erwarten, hatten sie gar im Wasser Wurzeln gezogen, so gab es einen Vollherbst und Ausstichwein.

Den Schlußpunkt hinter die Kinderzeit setzte die Konfirmation. "Quasimodogeniti, am Sonntich konfermiert mr mi": damit war der altüberlieferte Tag der Konfirmation gekennzeichnet. Der Konfirmand schrieb dem Döte und der Dote einen Patenbrief, in dem er sie feierlich zu dieser heiligen Handlung einlud. Der Wortlaut lag im allgemeinen fest, und die pünktliche und saubere Ausfertigung wurde vom Lehrer überwacht. Schon seit alter Zeit bestand die Sitte, den Konfirmanden im Hinblick auf den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt zu beschenken. Nun ist ganz allgemeiner Grundsatz bei den Alten, daß alles wettgemacht werden muß. Die höchste Anerkennung für ein Geschenk bedeutet der Ausspruch: "Des kâ i jô gar nemme wettmache." Wer etwas auf sich hält, will niemand etwas schuldig sein. Dahinter verbirgt sich der Stolz, aber auch ein gut Stück Lebensklugheit. Und so wurden alle diese Konfirmationsgeschenke, die zumeist in einem Geldstück, einem Taschentuch, Halstüchle usw. bestanden, wettgemacht durch Backwerk, das der Konfirmand austragen mußte. Die jüngeren Kinder warteten schon darauf, daß die Konfirmanden mit ihrem "Grättle" auf der Straße Sich zeigten, einesteils um ihnen spottend nachzurufen: "Konfermand hôt koen Verschtand", andererseits um sie anzubetteln. Denn der Konfirmand hatte die Pflicht, von den reichen Gaben, die er bekommen hatte, der übrigen Dorfjugend auch etwas mitzuteilen. Er entledigte sich dieser Verpflichtung, indem er in der Apotheke oder beim "Kanditer" Sich um einige Kreuzer "e Gikle Pfeffermenzkiechle" erstand. Die teilte er nun, nachdem er sich selbst einen erheblichen Prozentsatz einverleibt hatte, auf der Straße aus. Aber beileibe nicht so, daß er etwa seinen jüngeren Kameraden davon in die Hand gedrückt hätte, sondern wenn er einen genügenden Kometenschweif von Kindern hinter sich hatte, warf er seine Schätze hoch im Bogen über die Köpfe weg, so daß eine große Balgerei entstand. Auf diese Weise hatte er auch etwas für sein Geld, und es entstand so etwas wie ein Volksvergnügen, das durchaus harmloser Art war. Beim Fest selbst trat der Konfirmand auch äußerlich als Erwachsener auf. Ein Zylinder und ein regelrechter, meist mehr für die Zukunft als für die Gegenwart berechneter Kirchenrock gaben ihm ein Aussehen, das nur dadurch erträglich wurde, weil die Sitte es eben so verlangte. Der Einfluß der Stadt machte diese Tracht bald unmöglich. Aber es hat in der Übergangszeit in einzelnen Familien noch harte Kämpfe gekostet, bis sie abgeschafft war. Denn auch in diesen Dingen hielt man in manchen Kreisen, und nicht in den schlechtesten, streng am Hergebrachten fest. Und eben in diesen Familien hielt man auch streng darauf, daß der Ernst des Tags durch keine Ausgelassenheit gestört wurde, weder auf seiten der Alten noch auf denen der jungen, die sich ja zum erstenmal in den Mittelpunkt einer Familienfeier gestellt sahen. Besonders feierlich wurde auch der Tag des ersten Abendmahls begangen, bei dem die Sitte verlangte, daß, wenn irgend möglich, auch die Paten sich beteiligten.

Nun lagen die Kinderjahre hinter dem Konfirmanden, er tritt in die geregelte Berufsarbeit ein. Trotzdem betritt er nach Verlassen der Schule in den allermeisten Fällen kein eigentliches Neuland: der Knabe und das Mädchen aus den Weingärtnersfamilien bleiben in dem Lebenskreis, der sie schon bisher umhegt hat. Daraus erklärt sich auch das Festhalten am Althergebrachten, das wir bei den "Eingesessenen" so oft antreffen. Überlieferung gedeiht eben am besten als Familienüberlieferung.