Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute (1935)

Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute

Von Johannes Lechler

1) vor 1600

[pag125] Nachdem die Alemannen ins Zehntland eingebrochen waren und das Kastell auf der Altenburg wie die Häuser und Gutshöfe der römischen, gallischen und germanischen Ansiedler gründlich zerstört hatten, siedelten sie sich am Fuße des Wirtembergs, rechts und links vom Einfluß des Gögelbaches in den Neckar, zwei alemannische Sippen an. Nach dem einen, angeseheneren der Häuptlinge bekam die Ansiedlung den Namen Duringoheim, woraus später Türkheim geworden ist. Mit dem stattlichen Türken, der einst auf dem Röhrenbrunnen an der Langen Straße stand, hat also der Name unseres Ortes nichts zu tun. Die stolzen, kriegerischen Alemannen mit ihrem hinten zusammengebundenen Haarschopf hausten in ärmlichen, aus Holz und Lehm gebauten, mit Stroh gedeckten Hütten, von denen nicht die geringste Spur zurückgeblieben ist.

Was sie uns hinterlassen haben, das sind die Reihengräber, die oben und unten am Dorf aufgedeckt worden sind und außer den Gebeinen allerlei Waffen, Schmuck und Geräte enthielten. Die freien Männer gingen auf die Jagd. Seit der Verwüstung der römischen Gutshöfe und der sonstigen Ansiedlungen und Pflanzungen war der Wald wieder fortgeschritten. Neben der Jagd trieben sie Fischfang. Der Neckar, ein ganz anderer Strom als heutzutage, füllte mit seinem wechselnden Bett und zahlreichen Altwassern die ganze Talsohle aus und bot reichliche Gelegenheit. Das des Mannes Würdigste aber war der Kampf und Krieg. Noch ums Jahr 550 machten die Alemannen mit den Franken einen Raubzug nach Italien, von dem freilich nur fünf Alemannen zurückgekehrt sein sollen. Ihre zahlreichen Viehherden wurden von Sklaven, wohl meist Kriegsgefangene, geweidet, die Schweineherde fand im Eichen- und Buchenwald ihre Mast. Schafe hatten sie nicht viel, da sie die Wolle noch nicht zu verwenden wußten. Dagegen war ihr Stolz die Pferdezucht. Den Haber zu ihrem Brei und zum Futter der Pferde mußten die Weiber und Sklaven bauen, wo noch offenes Land war oder ein Stück Wald gerodet wurde. Den Honig, aus dem sie ihren Met bereiteten, lieferten die Bienen des Waldes.

Seit Chlodwig ums Jahr 500 die Alemannen besiegt und unterworfen hatte, befestigte sich die Herrschaft der Franken immer mehr. Die fränkische Regierung trieb eine Steuer ein, die Osterstufe, bestehend in Honig und Gewändern, in Lämmern, Hühnern und Eiern oder auch in Geld. Mit den Franken kam auch das Christentum ins Land, und zwar waren es im 6. und 7. Jahrhundert vor allem irisch-schottische Mönche, Columba 590, die von ihren dorfartigen Missionsklöstern aus das Land durchzogen und das Evangelium verkündigten. Bauten die Franken Martinskirchen, so weihten die Alemannen ihre Gotteshäuser dem heiligen Michael, der für sie an die Stelle des Kriegsgottes Tiu trat. Aber bis ins 8. Jahrhundert versuchten die stolzen Krieger immer wieder, das fränkische Joch abzuwerfen, bis zu dem schwarzen Tag im Jahr 736, da einer der Männer verstört und blutend ins Dorf kam und berichtete, wie der fränkische Hausmeier Karlmann die Alemannenhäuptlinge an der Thingstätte auf der Altenburg versammelt habe, und auf einmal seien sie umzingelt und alle niedergehauen worden. Auf [pag126]  

Hubenbauer kehrt aus französischem Kriegsdienst heim, 1706 (Seite 147)

der Altenburg stand dann die Kirche, an der der heilige Urban predigte. Von überall her wallfahrteten die Leute zu dem Heiligen, der sie nicht bloß im christlichen Glauben unterrichtete, sondern auch lehrte , die sonnigen Hänge des Tales mit Reben bepflanzen. Er zeigte ihnen, wie man den Weinstock behandelt und den Wein in Kufen bewahrt. Und er hat in Untertürkheim gelehrige Schüler gefunden. Wo im Frühjahr ein Abhang zuerst schneefrei wurde, haben sie ihn mit Reben bepflanzt . Aber auch sonst bekommt im Lauf des 8. Jahrhunderts unser Tal ein anderes Ansehen, vollends nachdem der große Kaiser Karl die Ruhmarbeit in seinem Reich begonnen hat. Drüben in Waiblingen ist eines seiner Mustergüter. Da steht ein steinernes Haus mit zwei Zimmern und zwei Söllern, daneben allerlei Wirtschaftsgebäude und dabei ein Gemüse- und Obstgarten und wohlgepflegte Felder. So ist nun auch unser Ort mit Obstgärten umgeben, und die Felder werden außer mit Haber mit Spelt (Dinkel), Roggen und Gerste bereits in Dreifelderwirtschaft bestellt. Saftige Wiesen, die sie auch schon zu wässern verstehen, liefern Heu, das mit der Sense gemäht wird, während man das Korn mit der Sichel schneidet. Die Viehherden aber werden auf die den Ösch umgebenden Weiden, die Allmand getrieben. Kirchlich ist der Ort eingepfarrt nach Cannstatt, dorthin müssen sie ihre Kinder zur Taufe bringen. Sie sind jetzt alle Christen. Aus den freiheitsliebenden Kriegern, die Jagd und Kampf für die einzige, eines freien Mannes würdige Beschäftigung ansahen, sind jetzt Bauern geworden, die, in eine Marktgenossenschaft zusammengeschlossen, ihr Feld bauen. Weil der Kriegsdienst sie allzu lang von der heimatlichen Hufe abzieht, so sind sie bereit, als Schutzpflichtige sich einem der Edeln u eigen zu geben, werden dann wohl auch als an die Scholle gebundene Hörige Eigentum eines Klosters. Der Adlige mit seinen Knechten, den Reisigen, muß nun in den Krieg ziehen, der Bauer aber muß sein Land bauen, Herren - und Frondienste tun. Doch bleibt der Bauer, wenn er nicht zum Leibeigenen herabsinkt, der freie waffentragende Mann, der, wenn der Feind ins Land kommt, auch zum Kriegsdienst verpflichtet ist. Er ist bekleidet mit ledernen oder leinenen Hosen, einem wollenen oder leinenen Rock; wenn er ausgeht, trägt er das Schwert an dem buntdurchflochtenen und verzierten Wehrgehänge und über allem den althergebrachten [pag127] bunten Wollmantel. Das Haus ist immer noch aus Holz und Lehm gebaut, mit Stroh gedeckt, einräumig. In der Mitte der Herd, über dem der eiserne Kessel hängt. Das Vieh wird auf den Allmand von Hirten gehütet, die Schweine im Eichen- und Buchenwald gemästet, und die Schinken und Speckseiten und Würste an der Decke des Hauses geräuchert, denn der Rauch des Herdfeuers zieht noch nicht durch ein Kamin ab, sondern durch die Ritzen im Dach oder durch die noch nicht mit Glas, höchstens mit Tüchern und hölzernen Läden verschlossenen Fenster. Eine Unterkunftsstätte für das Vieh musste man wegen des Dunges haben, während in der alten Zeit das Vieh auch im Winter im Wald und auf der Weide blieb und gleich dem Wild sich ein dürftiges Futter unter dem Schnee suchen musste. 

Im 10. Jahrhundert fielen die Reiterscharen der Magyaren in Deutschland ein, und an der Schlacht auf dem Lechfeld 955 nahm auch der Allemannenherzog Burchard teil, dessen energische und gelehrte Witwe Hedwig auf dem Hohentwiel ihren Sitz hatte und sich von dem St.Galler Mönch Ekkehard Lateinisch lehren ließ. Unter Konrad II. empörte sich dessen Stiefsohn, der Herzog Ernst von Schwaben, der lieber Acht und Bann auf sich nahm, als seinen Freund verließ und 1030 im Kampf gefallen ist. Im 11. Jahrhundert brach die Verheerung des Kriegs über unser Land herein, als Heinrich IV. nach dem Tag von Canossa 1077 mit dem Gegenkönig Rudolf von Schwaben zu kämpfen hatte. Damals wurde die Priesterehre in ganz Schwaben abgeschafft. Die Hirsauer Mönche, von ihrem Abt Wilhelm gesandt, durchzogen das Land und predigten gegen den gebannten Kaiser, während der Staufer Herzog Friedrich von Schwaben im treu zur Seite stand. So gingen Morden, Rauben und Verheerung in Schwaben fort. Bis Eßlingen wurde das Neckarland mit Plünderung und Verwüstung heimgesucht. 

Für die Untertürkheimer war der 7. Februar 1083 ein wichtiger Tag. Wurde doch an diesem Tag die Burgkapelle auf dem Rotenberg von dem Bischof Adelbert von Worms eingeweiht, der vor Kaiser Heinrich IV. sich ins Kloster Hirsau geflüchtet hatte. Der zuständige Bischof wäre Otto von Konstanz gewesen, aber der stand auf des Kaisers Seite und war von Papst Gregor VII. gebannt, weil er den verheirateten Pfarrern nicht Weib und Kinder aus dem Haus jagen wollte. Ritter Konrad von Beutelsbach hatte auf dem Berg sich eine stattliche Burg erbaut, Wirtinberg, nach der sich das Geschlecht die Herren von Wirtenberg nannten. Hatten die Untertürkheimer beim Bau der Burg ohne Lohn Frondienste leisten müssen, so hatten sie an diesem Tag den Ausblick der vornehmen Herrschaften zu genießen, die im prunkvollen geistlichen Gewand oder in schimmernder Rüstung durchs Dorf ritten. An dem Festmahl im Rittersaal der Burg durften sie freilich nicht teilnehmen. 

Wo nicht der Streit zwischen Kaiser und Papst Krieg und Verheerung ins Land brachte, hatten es die Einwohner nicht schlacht. Die Abgaben an den Grundherrn und dei Fronen waren mäßig. Um jene Zeit ging Untertürkheim von den Calwer Grafen an die Beutelsbacher, die Herren von Wirtemberg, über, und so hat es in Untertürkheimer durch all die Jahrhunderte hin immer geheißen: Hie gut Wirtemberg alleweg! Das Land war wohl bebaut, der Ort mit Obstgärten umgeben. Die Talsohle freilich müssen wir uns noch als das Gebiet des wilden Wassers denken, in dem ein feldmäßiger Anbau nicht wohl möglich war. Umso mehr blühte der Weinbau. Der Zwiefalter Mönch Berthold nannte unsere Gegend , das Mark des besten Landes. Eine ganze Reihe von Klöstern bekamen hier Besitz, Hirsau 1100 16 Huben in Durinkeim mit einer Mühle. Schon im 11. Jahrhundert wird in einer Stiftung der Goldberg genannt. Im 12., 1121 schenken Cannstatter Herren dem Kloster Zwiefalten Weinberge im Kesselsberg. Das Kloster hielt einen Schaffner und baute die Mönchskelter. Auch Hirsau baute eine eigene Kelter. Aber auch Bebenhausen, Denkendorf, Konstanz hatten miteinander die Teilkelter. Der Bischof von Konstanz hatte den Zehnten und so auch den Weinzehnten. Später, 1318, hat dann Wirtenberg den Hirsauern, 1616 den Zwiefaltern ihren Besitz abgekauft. So ist der Mönchsberg herrschaftlich geworden. Das Leben der Bauern war einfach; Hülsenfrüchte, Haberbrei, Brot, Milch und Schweinefleisch, soweit es in den Sommer hinein reichte, bildeten die Nahrung. Die Kleider waren im Gegensatz zu den bunten Gewändern der Vornehmen meistgelb oder braun. Das Haar trug man nicht mehr wie die freien alemannischen Vorfahren [pag128] langwallend, sondern bis zum Nacken geschnitten. Eine Kopfbedeckung, Hut oder Mütze war jetzt allgemein geworden. In den achtziger Jahren des 12, Jahrhunderts, 1180-1182, hat es vielen und guten Wein gegeben. Ein ganz wunderbares Jahr war 1186. Da blühten schon im Januar die Bäume, und im August fand die Weinlese statt, und es gab reichlich guten Wein, ebenso 1191. In der Zeit der Kreuzzüge mögen manchmal Häuflein oder Scharen von Rittern, Bürgern oder Bauern auf der Straße von Cannstatt nach Eßlingen durch den Ort gezogen sein, mit dem Kreuz auf der Brust, fromme Lieder singend. Die Untertürkheimer sahen ihnen nach und dankten Gott, daß sie in ihrem lieblichen, friedlichen Tal bleiben durften; oder hat auch einen frischen Burschen, einen kühnen Mann oder einen in seinem Gewissen beschwerten Übeltäter die Lust angewandelt, mitzuziehen in ferne Länder und am Heiligen Grab für sich und die Seinen Gnadenschätze zu holen und seine Sünden abzubüßen oder auch mit Beute und allerlei morgenländischen Merkwürdigkeiten heimzukehren. In dieser Zeit der Blüte des Rittertums gab es für die Untertürkheimer Jugend auch oft etwas zu gucken, wenn eine Reiterschar den Burgberg herabsprengte, Ritter und edle Frauen, den Falken auf der Hand, ausziehend zu fröhlichen Jagd. 

Mit dem Untergang der Hohenstaufen brach die "kaiserlose schreckliche Zeit" an. Unsere Gegend war voll von Burgen: bei Cannstatt die Burg Brie und Altenburg, Weißenburg, Brag u. a. bei Stuttgart. Nördlich von Hedelfingen und bei Fellbach stand eine Burg. Zwischen Ober- und Untertürkheim soll eine Burg Hohenberg gestanden sein. Ob überall "Raubritter" hausten? Rudolf von Habsburg hat sich ja dann alle Mühe gegeben, mit starker Hand den Raubrittern das Handwerk zu legen. Aber nicht bloß die Kleinen, sondern auch die Großen waren auf Raub und Beute aus. Als mit Konradin von Hohenstaufen das edle Geschlecht ausgestorben war, 1268, suchten die Nachbarn sich möglichst viel von dem Erbe zu verschaffen. Ulrich der Stifter oder Ulrich mit dem Daumen hatte sein Gebiet durch Kauf vergrößert mit dem Geld, das ihm Richard von Cornwallis, der Kaiser werden wollte, gegeben hatte. Sein Sohn Eberhard der Erlauchte, auch der Keche (Kecke) genannt, sah sich als Erben der Staufer an, wie er auch die Staufer Löwen in sein Wappen aufnahm, zu den Wirtenberger Hirschhörnern. So kam der Krieg ins gesegnete Neckartal. 1286 kam König Rudolf nach Eßlingen, um Frieden zu schaffen; aber der kampflustige Wirtenberger brach gleich wieder los. Und nun rückte der König vor Stuttgart. Von der Wagenburg aus belagerte er die Stadt, und als die "Mangen" etliche Löcher in die Mauern gestoßen hatten, ergab sich Eberhard. Der König besetzte die Stadt und ließ die Mauern niederreißen. Sie wurden aber bald wieder aufgebaut. Während der Belagerung hat auch in unserem Tal, bei Hedelfingen, ein Gefecht stattgefunden. Im Jahr 1287 ging's schon wieder los. Im Juli kam König Rudolf, zerstörte die Altenburg bei Cannstatt, die Burg Berg und vier andere. Als er aber abgezogen war, überfiel Eberhard die Eßlinger bei Untertürkheim. Lange hörten die erschreckten Dorfbewohner das Toben der Schlacht, das Schreien der Kämpfenden. Endlich wurde es still, und man fand viele Tote und Verwundete von beiden Seiten auf dem Schlachtfeld. Die kämpfenden Heerhaufen aber, von denen keiner sich den Sieg zuschreiben konnte, führten nun den Krieg nach der barbarischen Weise der Zeit, in dem sie das Gebiet des Gegners verwüsteten. Im Oktober hat dann endlich der Erzbischof von Mainz den Frieden zwischen dem König und Graf Eberhard und seinen Verbündeten vermittelt. 

Nachdem 1308 König Albrecht von Österreich ermordet und Heinrich von Luxemburg zum König gewählt worden war, erschien Eberhard in Speier vor dem Neugewählten, bei dem allerlei Klagen eingelaufen waren, mit einem Gefolge von 200 Rittern und bot dem König Trotz, zog auch ohne Abschied wieder ab. Nun bot der König Fürsten und Städte gegen den Unbotmäßigen auf, sie brachen von allen Seiten in sein Land ein, voran die Eßlinger, die ein Lager in der Nähe der Burg Wirtenberg bezogen, um sie zu belagern. Am 22. Mai 1311 gelang es Eberhard, das Lager zu überfallen und zu erobern. Aber als sich sine Leute, Beute suchend, zerstreuten, kehrten die Städter um, und nun wurden die Wirtenberger völlig geschlagen und erlitten die schwersten Verluste. Das Dorf Rotenberg ging in Flammen auf, und die Burg wurde [pag129] erobert und zerstört. Sie wurde dann wieder aufgebaut, aber mehr als Festung denn als Schloß und Wohnung, mit tiefen Gräben und dreifacher Mauer. 200 Stufen führten vom Dorf zu einem Seitentörlein, durch das die Frondienstpflichtigen eingelassen wurden. Die Grafen verlegten von da an ihre Residenz nach Stuttgart, das 1229n zum erstenmal genannt wird. Eberhards Niederlage in diesem Reichskrieg war so vollkommen, daß er von 30 Burgen und festen Orten nur noch 4 besaß und bei seinem Neffen, dem Markgrafen von Baden, in einem Turm von Besigheim sich verbarg. Da starb der Kaiser 1314, und alsbald brach Eberhard los und war mit Hilfe des Markgrafen in erstaunlich kurzer Zeit wieder im Besitz seines Landes, mit Ausnahme der Städte Stuttgart und Waiblingen, die erst 1315 von König Friedrich von Österreich dem Grafen zurückgegeben wurden. Da das Stift Beutelsbach im Krieg von den Eßlingern aufs greulichste verwüstet worden war, verpflanzte es Eberhard 1320 nach Stuttgart , und die Heiligkreuzkirche wurde Stiftskirche. Bei der Belagerung von Eßlingen und den Kämpfen um die Stadt, bei denen Eberhard mit König Friedrich verbündet war, hatte unser 

 

Altar 
geschmückt 
zum 
Erntedankfest

[pag130] Ort nichts zu leiden. Diesmal wurde das Eßlinger Gebiet verwüstet. Anders ging es beim ersten Städtekrieg. Nach der Schlacht bei Reutlingen, die Uhland im Gedicht beschrieben hat, belagerten die Reutlinger im Bund mit Eßlingen die Residenz Stuttgart. Gegen die Stadt richteten sie nichts aus, umso mehr wurde die Umgegend arg verwüstet. Man begnügte sich ja damals nicht mit dem Plündern und Anzünden der Häuser, dem Rauben und Verderben der Ernte, nein, Obstbäume mußten abgehauen, die Rebstöcke abgeschnitten werden, ja man gab sich womöglich noch die Mühe, Ackersend und anderes Unkraut in dei Felder zu säen. Und doch hätten es die Menschen in diesem 14. Jahrhundert, dem Jahrhundert der göttlichen Strafgerichte, nicht nötig gehabt, Not und Jammer noch mutwillig zu mehren. Der greuliche Kirchenstreit, da der Papst zu Rom den zu Avignon mit allen seinen Anhängern in den Bann tat und umgekehrt, hatte zur Folge, daß unser Land 1330 mit dem Interdikt belegt wurde. Nun wurden die Untertürkheimer davon insofern weniger betroffen, als sie noch keine Kirche hatten; aber auch ihre Kinder wurden nicht getauft und ihre Toten nicht in geweihter Erde begraben. Wie zur Strafe dafür kam nun eine Plage um die andere. Der Untertürkheimer gewesene Schulmeister Einschopf berichtet in seiner Chronik von eine siebenjährigen Teuerung, die 1321 begonnen habe bis zum Jahr 1328, da die Bäume schon im Januar und die Weinreben im April blühten und vor Pfingsten schon die Ernte begann, "ist aber ein großer Sterbend darauf gefolgt". Und dann trat im Jahr 1349 jenes "erschröckliche unerhörte allgemeine Sterbend ein, nachdem die Gemüter im Vorjahr durch ein unerhört greulich Erdbidern (Erdbeben) erschreckt worden waren, das 40 Tage lang sich immer wiederholte. Der "Schwarze Tod", die Beulenpest, zog durch ganz Deutschland und verschonte kein Gebiet. Der Pöbel fiel dann über die Juden her, die schuld sein sollten, statt sich durch die Not zu Gott und zur Buße treiben zu lassen. In Eßlingen verbrannten damals die Juden sich selbst in ihrer Synagoge, um den Mißhandlungen der fanatisierenden Menge zu entgehen. Die Buße kam dann auch noch in Gestalt der Geißelbrüder. Sie sind auch durch Untertürkheim gezogen auf dem Weg nach Eßlingen, wo sie ihre öffentlichen Bußübungen veranstalteten. Im Jahr 1338 kam eine noch nie erlebte Plage. Aus dem Osten kommend, fielen ungeheure Heuschreckenschwärme in das Land ein, die alles Grüne verzehrten. Abgehsehen von diesen besonderen Nöten und Landplagen, war die Lage der Bauern keine ungünstige. Die Städte kamen auf, und arbeitsfähige Leute waren gesucht. Die Zahl der Leibeigenen nahm ab. Die abhängigen Landbauern, die man wohl die armen Leute nannte, waren zuweilen recht wohlhabend. Die Fron dienste waren leichter, und was von alters her festgesetzten Abgaben, weil der Wert des Bodens und seiner Erzeugnisse wie der Ertrag zugenommen hatte und den Bauern mehr blieb als früher. Das hat sich besonders bei den Weingärtnern geltend gemacht. Am Werktag ging der Bauer in grauen Hosen und grauem Kittel, aber an der Festtagen nahm er auch an dem bei den höheren Ständen eingerissenen Kleiderluxus teil. Das Haus, Holz- oder Fachwerkbau mit Stroh gedeckt, war nicht mehr einräumig. Der Herd steht jetzt im Hausflur. In der Stube besteht die schlichte Einrichtung aus einem handfesten Tisch, Bänken an den Wänden, Schemeln und aus dem stattlichen Ofen aus Stein und Lehm. Der Rauch zieht jetzt durch ein Kamin ab. Unter dem Haus wird der gewölbte Keller immer mehr üblich. Das Essen ist einfach, der altherkömmliche Brei immer noch beliebt. Im Sommer tanzt die Jugend unter der Linde und bei den ländlichen Festen, vor allem der Kirbe, aber auch bei Familienfesten geht es hoch her, und der Hochzeitsschmaus geht manchmal über das Maß hinaus. Inder Zeit des aufstrebenden Bauerntums, da viele als Kolonisten in den Osten zogen, mag auch die Entstehung des Weilers Immenrode fallen. Der Gairen- (Gehren-) Wald wurde ein Obstwald, und an seinem Ende siedelten sich die jüngeren Söhne der Untertürkheimer Weinbauern an. Im Jahr 1409 verlieh Eberhard der Milde seine Güter und Weinberge in Untertürkheim, darunter 18 Morgen auf dem Mönchsberg, an die Untertürkheimer gegen den dritten Teil des Ertrags, (1609 wurden sie den Besitzern wieder abgekauft.) 

Seit der Zeit der Zerstörung der Burg Wirtenberg, bei der die Untertürkheimer "auch nicht glimpflich weggekommen sind", ist der Ort mehr als 100 Jahre lang von den Kriegsnöten nicht mehr heimgesucht worden. Im Jahr 1432 war trotz eines Wolkenbruchs im August "des [pag131] Kornes und eines guten Weinsein ziemlicher Überfluß". Man hat in Stuttgart mit dem geringen Wein früherer Jahre Kalk gelöscht, weil man dei Fässer brauchte. Viel Trauben sind an den Stöcken geblieben, "weil man den Wein nicht fassen konnte". Das folgende Jahr 1433 brachte von Martini bis Lichtmeß Kälte mit tiefem Schnee. Im Januar sind die Weingärten erfroren. Dann kam ein großes Wasser , und mit diesem Jahr begann eine fünfjährige beschwerliche Teuerung. Im Jahr 1441 begann im November die grimmige Kälte, die 14 Wochen andauerte. In dieser Zeit hat es siebenunddreißig mal geschneit. Man konnte nicht reisen, und wegen der großen Kälte konnte keine Mühle umgehen. Dann aber gab es einen trockenen Sommer und einen sehr reichen Herbst. 

Im Jahr 1448 begann der Krieg mit den Städten. Die Eßlinger hatten eine Zollerhöhung angeordnet, und Graf Ulrich V. von Wirtenberg verbot die Zufuhr von Lebensmitteln nach Eßlingen und nahm den Eßlingern die Wagen, mit denen sie Lebensmittel geholt, weg, auch etlichen Weibern ihre Körbe. Im bloßen Hemd wurden sie in dei Stadt zurückgeschickt. Einer der Streitpunkte war, daß die Städte hörige Bauern als Beisaßen und Bürger aufnahmen. Ein solcher aus Untertürkheim fiel Ulrich in die Hände, und er ließ ihn als eidbrüchigen Untertanen die Augen ausstechen und dei Schwurhand abhauen. Vor Zusendung des Fehdebriefs fielen die Eßlinger in Untertürkheim ein und verbrannten eine Kelter. Daraufhin zogen Untertürkheimer Bürger neckaraufwärts und warfen die Brandfackel in das Siechenhaus zu Mettingen, nahmen den Siechen ihr Geld ab und ließen sich 3 Eimer Wein verfüllen. Wieder kamen die Eßlinger nach Untertürkheim und Wangen und zündeten einen Teil der Orte an. In Uhlbach verbrannten sie 200 Bütten und zerschnitten einen ganzen Morgen Weinberg, der schon gepfählt und gebunden war. Ein andermal kam ein Hause Eßlinger auf den Rotenberg, und weil sie gegen die Burg nichts ausrichten konnten, verbrannten sie zwei Häuser bei der Burg, plünderten den Ort und fuhren mit Wagen voll geraubten Guts davon. Als dann die Wirtenberger den Eßlingern die Reben "ausschlugen", machten diese einen Rachezug in die Gegend von Unter- und Obertürkheim , verbrannten das Heu, das auf den Wiesen lag, rissen das unreife Obst ab, verbrannten die Pfähle der Bohnenländern, zerhieben das Kraut mit ihren Schwertern, trieben das Vieh von den Weiden weg und säten schließlich noch Senf auf die Äcker, damit sie recht verunkrauten. Man sieht, im Schweiß ihres Angesichts haben sie den Gegnern allen Schaden getan. Die Wirtenberger wiederum fingen 140 Weiber und Kinder, die Gras und Holz sammelten, und schleppten sie nach Stuttgart, von wo sie nach Wochen mit abgeschnittenen Kleidern zurückgeschickt wurden. 1450 belagerte Ulrich Eßlingen. Während dieser Zeit hatte der Schäfer von Stuttgart die Frechheit, im Juni eine Herde Ziegen in die Eßlinger Weinberge zu treiben, damit sie die frischtreibenden Reben abfressen. Die Belagerung wurde aber so wenig ernsthaft betrieben, daß die Eßlinger Streifzüge bis ins Remstal hinüber machten und Raub und Brand üben konnten. So war das Ergebnis dieses trostlosen barbarischen Raufens, Raubens und Zerstörens , daß die ganze Umgegend verwüstet war und die Dörfer ringsum zum Teil in Asche lagen und die Häuser, wo nicht verbrannt, doch ausgeplündert und verwüstet waren. Teuerung und Hungersnot stimmten endlich die Streitenden friedlich. 1450 vermittelte der Kaiser den Frieden; aber zur völliger Versöhnung zwischen Ulrich und Eßlingen kam es erst 1454. Eßlingen verzichtete auf seinen Zoll und Ulrich auf das Verbot der Einfuhr von Lebensmitteln. Die Untertürkheimer aber konnten nun die abgebrannten Häuser wieder aufbauen, Reben und Obstbäume frisch pflanzen und auf ihren Feldern den Kampf mit dem wuchernden Senf und anderem Unkraut wieder aufnehmen. 

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hat sich der Ort dann wieder erholt nach dem Dichterwort "wenn man dich schon verderbt, daß man es doch nicht kann". Im Jahre 1471 kostete der Scheffel Dinkel noch 14 Schilling, 1472 nur noch 9, denn alles war gut geraten und ein "Ausbund von Wein" gewachsen. Einem Ausbund von Korn und Wein brachte auch das Jahr 1473. Von Advent bis Mathiastag war grimmige Kälte gewesen, was nicht "pfogen" (bezogen) war, erfror; dann kam ein sehr heißer Sommer, daß "die Wälder von der Sonnenhitz angangen und 14 Wochen brunnten". Mensch und Vieh hatten [pag132] Wassermangel; aber doch wurde es ein gutes Jahr; und 1474 ist ebenfalls "Korn und alle Kuchenspeis wohl geraten"; der Dinkel kostet nur noch 8 Schilling, Wein gab es wenig, "aber ein guter Trunk", 1473 war ein "überaus volles fruchtbares Jahr, in allem der Überfluß, guter Wein und viel Korn". Der Dinkel kostete noch 6 Schilling. Auch 1478 war noch ein gutes fruchtbares Jahr. Was Wunder, daß es nach dieser Reihe von guten Jahren den Untertürkheimern die Lust und der Mut kam, als ein bleibendes Dankopfer zu Gottes Ehre eine eigene Kirche zu bauen, etwas erhöht über der Eßlinger Landstraße, mit Mauern umgeben, die durch Tore verschlossen waren. Irgend eine Kapelle müssen die Untertürkheimer schon vorher gehabt haben. Wann die Wendelinskapelle am alten Friedhof gebaut worden ist, ist nicht bekannt. Der Weiler Immenrod war dorthin eingepfarrt. 1289 wurde das Patronat der Kirche zu Cannstatt und Untertürkheim von Graf Hartmann von Gröningen, eine Seitenlinie der Wirtenberger, an das Hochstift Konstanz verkauft. Um 1351 stifteten die Untertürkheimer zu dem Altar der heiligen Jungfrau und der Heiligen Johann Baptist, Katharina und Margareten eine Kaplanei mit dem Vorbehalt, daß der Kaplan bei ihnen residiere. Das Domstift Konstanz hatte das Vorschlagsrecht, und der Pfarrkirche in Cannstatt sollte die Kaplanei keinen Eintrag tun. So war also eine Kapelle mit Altären und ein Kaplan hier, als die Kirche 1478 erbaut wurde. Mit der Erbauung derselben wird wohl auch der Ort selbstständiger Pfarrort geworden sein. Als 1512 das alte Schulhaus hinter dem Kirchhof (der hintere Teil des Hirsches) gebaut wurde, trat Pfarrer Oswaldus Silcher ein Achtel seines Gartens an den Flecken ab. Als Entgelt dafür mußten Schultheiß und Gericht den Pfarrer der Steuer von 6 Simri Vogthaber, die auf seinem Haus, Garten und Hofreite ruhten, entheben. So hatte denn Untertürkheim seit 1478 eine Kirche mit Turm, der wohl erst später seine jetzige feine und anmutige Form bekam. Drüben in Wangen hatten sie schon seit Jahrhunderten ihre Michaeliskirche. Warum unsere Kirche dem heiligen Germanns geweiht wurde, ist nicht bekannt. (Die Jahreszahl stand auf dem Täfelchen über dem Turmtörlein und wurde früher 1493 gelesen. Durch die giftigen Schwefeldämpfe der neueren Zeit geht das Täfelchen unaufhaltsam der Verwitterung entgegen.) Mit ihrem Kirchbau sind die Untertürkheimer dem Zug der Zeit gefolgt. Das 15. Jahrhundert ist ganz besonders reich an allen möglichen Kirchbauten. Graf Ulrich V., der Vielgeliebte, hat während seiner Regierung nicht bloß zum Ausbau der Stiftskirche beigetragen, sondern auch die Leonhardskirche gebaut und als einzige Klosterstiftung des Hauses Wirtenberg die Liebfrauenkirche, jetzige Spitalkirche, die den Dominikanern übergeben wurde. 

Eine andere für Handel und Verkehr sehr wichtige Errungenschaft des 15. Jahrhunderts war, daß Eberhard im Bart 1491 eine hölzerne Brücke über den Neckar baute. Bisher hatten die Stuttgarter, wenn sie nach Eßlingen wollten, bei Cannstatt über den Neckar gehen müssen, damit sie nicht den Eßlingern den Brückenzoll zahlten. Jetzt durften sie bei Untertürkheim hinüber. Nach dem Vertrag, der beim Bau abgeschlossen wurde, mußte die Herrschaft die Hälfte, Cannstatt und Untertürkheim je ein Viertel der Baukosten zahlen. Die Untertürkheimer aber mußten sich verpflichten, "ihre Brück allewegen zu ewigen Zeiten in gutem Stand zu erhalten, daß man sicher wandeln möge". Dafür sollte dann "das Holz, das bei den großen Wasser gegeben und zugelaufen und bei der Brück liege", zum Bauen und Ausbessern derselben verwendet werden dürfen. 

Mit dem 15. Jahrhundert hatte der deutsche Bauer sine wirtschaftliche Glanzzeit erreicht: aber er erreichte es nicht, daß er als selbstständiges Glied dem politischen Organismus des Reiches eingefügt wurde. Von jetzt an ging es abwärts, vor allem infolge des Einbringens des römischen Rechts und der Geldwirtschaft an Stelle der Naturalwirtschaft. Bisher fanden die aus den Genossen gewählten Beisitzer unter einem leitenden, aber nicht das Urteil sprechenden Richter das Recht. Mit dem römischen Recht kamen immer mehr die gelehrten Richter und die "Schreiber" auf. Dieses Recht, das an Stelle des deutschen den römischen Eigentumsbegriff setzte, nach dem der Besitzer mit seinem Eigentum tun kann, was er will, begünstigte das Bestreben der Herren, die Erbpächter zu hörigen Zinsbauern und am Ende zu Leibeigenen herabzudrücken. Vom Wald und der Waldweide wurden die Bauern immer mehr ausgeschlossen, und daß die [pag133] Herren die Jagd ganz für sich genommen hatten, führte zu den grausamsten Strafen für "Wildfrevel" und zu dem oft die Bauern förmlich ruinierenden Wildschaden, dem nach langen Kämpfen erst im 19. Jahrhundert ein Ende gemacht wurde. Auch Fronden wurden vermehrt: die landesherrliche Besteuerung immer ausgiebiger gestaltet. Der junge Herzog Ulrich, der nicht "bausen" und sich irgendwie einschränken wollte, kam darauf, eine Verbrauchssteuer auf Mehl, Fleisch und Wein zu legen. Eine Vermögenssteuer wagte er nicht einzuführen aus Rücksicht auf die Ehrbarkeit. So kam es zum Aufstand des armen Konrad, der namentlich im Remstal drüben tobte. Aber auch in Untertürkheim wurde am 28. Mai 1514 bei der Kirmeß eine Versammlung gehalten, bei der sie vom Ober- und Unterland zusammenkamen und berieten, wie man das alte Recht wieder bekommen könnte. Daß die Untertürkheimer damals mitgetan haben, könnte dafür bürgen, daß es sich nicht um Umsturzbestrebungen handelte, sondern nur die gerechte Empörung über eine ungerechte Regierung. Durch den Tübinger Vertrag, 8. Juli 1514, verpflichtete sich die Landschaft, des Herzogs Schulden allmählich abzuzahlen, und der Herzog, seine Steuer auszuschreiben ohne Rat und Willen der Stände, und dei wirtenbergische Volksrechte und Freiheiten wurden für alle Zeit festgelegt. Aber der Ungerechtigkeit kann kein Vertrag wehren, und Ulrich hat ein grausames und ungerechtes Strafgericht über die Aufständischen, vor allem im Remstal, verhängt. Dann aber hat der jugendliche gewalttätige Hitzkopf durch die Ermordung Hans von Huttens und dadurch, daß er Reutlingen mitten im Frieden überfiel, sich den Schwäbischen Bund und seinem Lande den Krieg auf den Hals gezogen. Und zwar bekam Untertürkheim die ganze Schwere des Kriegsgeschicks zu erfahren. Am 6. April lagerte sich das Bundesheer bei Untertürkheim. Sie nannten es das Weinlager, haben aber den Untertürkheimern nichts bloß ihren Wein weggetrunken, sondern auch sonst Küchen und Kasten und Ställe geleert. Herzog Ulrich mußte fliehen, machte aber im Herbst noch einmal einen Versuch, sein Land wiederzugewinnen, und wurde selbst von den Remstälern mit Freuden aufgenommen. Diesmal war es das Heer Ulrichs, das bei Untertürkheim lagerte und mit den ausgeplünderten Dorfbewohnern aus einer Schüssel essen wollte. Die jungen Bürger mußten schanzen helfen, denn es wurde übers ganze Tal herüber ein tiefer Graben gezogen. Als es aber am 14. Oktober zum Treffen kam, besetzten die Bündischen die "Burg" über Hedelfingen und beschossen von da aus das Lager Ulrichs. In kühnem Anlauf versuchten die Wirtenberger den Feind von dieser für sie gefährlichen Stelle zu vertreiben; aber sie wurden mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Nun gab Ulrich die Schlacht verloren und flüchtete in der Nacht auf den 15. Oktober nach Stuttgart. Sein Heer, das meist aus Bauern bestand, lief auseinander. Und als am anderen Morgen in aller Frühe die Bündischen kampf- und todesmutig zum Angriff vorrückten, fanden sie keinen Feind und den ganzen Ort leer von Kriegern, umso tapferer haben sie dann die Häuser ausgeplündert und angezündet. Im "newen Lied vom wirtenbergischen Krieg" heißt es:
Wir fielen gen Hedelfingen, man das ist wahr, die pauren stachen wir zu tot, ihr Geschrei war ihn'n vergangen. Jörg Staufer und der Kneißer waren vornen dran, nun nehmet kein'n gefangen. Am Morgen in der siebenten Stund, da ließen die Hauptleut schlagen umb, ein Schlacht wollt' wir verbringen. Wir zogen gen unter Türken hinein, kein Pauren konnten wir finden. Zuo unter Türken sind wir gelegen, die Landschaft hat sich auf Gnad und Ungnad aufgegeben; Die Städt auch desgleichen, wäre sie from Biderleut von dem Pund (Bund) täten sie nit weichen. 

Der Feldhauptmann des Schwäbischen Bundes, Herzog Wilhelm von Bayern, ließ die Burg Wirtemberg niederbrennen, und später wurden durch die Eßlinger die Mauern der ausgebrannten Burg "gar niedergelegt und abgetan" (1534 ist sie wieder aufgebaut worden). Im Gefolge des Kriegs hauste eine böse Seuche in der Gegend, die unzählige Opfer forderte. Das Land kam dann unter österreichische Herrschaft; und das bedeutete vor allem auch strenge Unterdrückung jeder evangelischen Regung. In den nächsten 15 Jahren gab es in Wirtenberg zwei Todsünden: gut wirtenbergisch und evangelisch sein. Im Winter aber las man wohl in den Schnee geschrieben: Hie gut Wirtenberg alleweg! Als der Bauernkrieg ausbrach, zog das Bauernheer [pag134] durch Untertürkheim auf dem Weg von Stuttgart nach Eßlingen. Ob Untertürkheimer mitgezogen sind, wissen wir nicht. Droben auf der Filder bei Böblingen wurden die Bauern vernichtend geschlagen. Die Grausamkeit und Härte, mit der vor allem den "Bauernjörg", Truchseß von Waldburg, das Strafgericht hielt, d. h. Rache übte stellte das, was die Bauern sich z. B. bei Weinsberg hatten zuschulden kommen lassen, weit in Schatten. Das Erfolg des Kriegs unter dam dann alle Bauern leiden mußten, war, daß sie noch mehr gedrückt wurden, "der Bauern ist an Ochsen Statt, nur daß er keine Hörner hat", und daß man den Evangelischen ohne allen Grund die Schuld am Krieg zuschrieb, um sie umso nachdrücklicher und grausamer verfolgen zu können.

So stand Wirtenberg unter dem Druck des Habsburger Regiments, bis Ulrich 1534 durch die Schlacht bei Lauffen sein Land wiedereroberte. Und wer am 15. Mai, zwei Tage nach der Schlacht, von Untertürkheim nach Stuttgart herüberkam, der konnte den festlichen Empfang des Herzogs mit ansehen und dei Kinder singen hören: "Bidibom, bidibom, der Herzog Ulrich kommt, er liegt nicht weit im Feld, er bringt en Sack voll Geld." Den Sack mit Geld hat Ulrich freilich nicht gebracht, wohl aber das Evangelium. Und wenn der Herzog auch einen großen Sack voll Schulden mitbrachte, so ist es doch ganz wunderbar, wie er scheinbar dem Segen seinem Land gebracht hat; denn während seiner ganzen Regierungszeit bis 1550 sind nur drei Jahre schlecht gewesen: 1538 kalt und naß, 1542 ein später Jahrgang, da man erst nach Simon und Judä lesen konnte und an den Kelterbäumen Eiszapfen hingen einen Schuh lang, und 1544 ein unfruchtbar Jahr. Dagegen war 1534 ein "vollkommen fruchtbar", 1537 ein ausbündig fruchtbar Jahr, 1540 um Johanni die Ernte, um Bartholomäi der Herbst; die Trauben waren von der Hitze geschmort, dann kam ein Regen und sie liefen wieder auf; und das ist der beste Wein geworden. Das Jahr 1541 brachte eine reiche Ernte; 14 große Wecken um 1 Schilling, der Scheffel Kernen kostete 14 Batzen. In dem guten und fruchtbaren Jahr 1546 kostete der Kernen sogar nur 12 Batzen, und 1547 war noch einmal ein sehr fruchtbares Jahr. Aber freilich in diesem Jahr des Schmalkaldischen Krieges wurde das Land überschwemmt von den Kaiserlichen, die "unaussprechlichen Schaden mit Verheerung von Land und Leuten, Plündern und Morden" anrichteten; dazu war das Volk "mit Kriegsschatzung überladen". Aber 1549 gab es wieder viel und gutes Korn und 1550 ein "gutes, fruchtbares Jahr, Wein und Korn im Ausbund". 

Um nun auch den Segen des Evangeliums in seinem Lande zu verbreiten, bestellte der Herzog Ambrosius Blarer von Konstanz für das Land ab der Steig und Erhard Schnepf für das Unterland. 1536 bekam Untertürkheim in Balthasar Wolleb schon seinen ersten evangelischen Pfarrer, dem 1539 Wendel Kamm folgte. In diesem Jahr starb der letzte Frühmesser, und das Kaplaneihaus wurde verkauft, 1540. Kamm war Mönch in Adelberg gewesen und hat bei seinen Freunden in Untertürkheim die Kutte ausgezogen, wurde Pfarrer in Straßburg; aber weil er von frommen Eltern geboren war, wurde er auf Wunsch seiner Untertürkheimer zum hiesigen Pfarrer bestellt. Er starb 1543. Seine Witwe hat am 9, März 1543, ihr die 40 fl. ausfolgen zu lassen, die jedem Konventualen zu Adelberg versprochen waren. Nach Kamms Tod empfahl Schnepfen Österreicher Theobald Diedelhuber, Pfarrer in Illingen, hierher, einen frommen und gelehrten Mann, den 1534 Luther selber insonderheit empfohlen hatte. Im Imerin blieb er treu und amtete weiter, wenn er auch keine Besoldung bekam. 1549 kam er nach Baltmannsweiler als Pfarrer. Als Kaiser Karl zum Krieg gegen den Schmalkaldischen Bund rüstete und der Papst den Hilfstruppen, die er dem Kaiser sandte, Kreuz und Fahne für den Glaubenskrieg übergab, da flammte bei den Schwaben die Begeisterung hell auf. Stuttgart erbot sich, noch mehr Kriegssteuer zu zahlen als verlangt wurde, und selbst die Landsknechte ließen sich vernehmen, sie haben noch nie so einen Hauptmann gehabt wie den allmächtigen Gott. Aber es war kein rechter Zusammenhalt bei den Evangelischen. Wirtenberg und die schwäbischen Reichstädte standen allein, nachdem der unentschlossene Kurfürst von Sachsen die rechte Zeit zum Angriff verpaßt und Moritz von Sachsen sich auf des Kaisers Seite gestellt hatte: und nun mußten sich Fürsten und Städte Oberdeutschlands einandernach [pag135] unterwerfen. März 1547 mußte Ulrich im Ulm einen Fußfall vor dem Kaiser tun. Und nach dem Sieg bei Mühlberg erließ der Kaiser Karl V, das Interim, durch das den Evangelischen Priesterzehe und Abendmahl unter beiderlei Gestalt zugestanden, im übrigen katholischer Gottesdienst, Messe und bischöfliche Gewalt auferlegt wurde. Die evangelischen Pfarrer mußten all in Stuttgart erscheinen, und wer das Interim nicht unterschrieb, wurde entlassen. So sind 300-400 Pfarrer auf einmal um Amt und Brot gekommen. Sie suchten als Schullehrer unterzukommen oder mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot zu verdienen. Als der Herzog aber sah, daß ein Ersatz nicht zu schaffen war, denn die wenigen Interimspfarrer waren meist bedenkliche Subjekte, da begann er vorsichtig, vom Frühjahr 1549 an, die Pfarrer, die meist in ihren Orten geblieben waren, als Katecheten anzustellen, die das Pfarramt versehen, nur nicht von der Kanzel, sondern vom Altar oder von einem Stuhl aus predigen und die Kinder den Katechismus, aber auch lesen und schreiben lehren sollten. Herzog Christoph, der 1550 seinem Vater Ulrich gefolgt war, fuhr fort mit der vorsichtigen Wiederaufrichtung der Kirche. Seinen treuen Ratgeber Johannes Brenz durfte er allerdings in kein Amt einsetzen. Aber als Moritz von Sachsen, der Verbündete des Kaisers, nun an ihm den Verräter machte und ihn 1552 zum Passauer Vertrag nötigte, mußte der Kaiser die Augsburgische Konfession dulden, und am 30. Juni 1552 konnte Christoph den Befehl erlassen, daß alle Pfarrämter die Messe einzustellen haben. 1559 war in Untertürkheim dem Theobald Diedelhuber Vitus Kederich gefolgt, der dann bis 1579 das Amt versah. Seine evangelische Amtsführung und der fromme Wandel seiner Frau werden gerühmt. Auch solange das Interim noch nicht aufgehoben war, predigte er das Evangelium lauter und ohne päpstlichen Zusatz und reichte die Sakramente nach der Einsetzung Christi. Er hat aber nicht nur von der Spaniern als Feinden viel zu leiden gehabt, sondern auch vom Obervogt zu Schorndorf, "welcher mich Messe zu lesen und das Interim anzunehmen zwingen wollen, wo nicht, so soll ich an den Galgen gehängt werden". Er ließ sich aber nicht einschüchtern. Nach Aufhebung des Interims wurde Johannes Brenz Probst an der Stiftskirche und neben dem Landeshofmeister als weltlichem der geistliche Direktor des Kirchenrats. 1559 wurde durch die große Kirchenordung di Reformation des Landes abgeschlossen. Alles war streng geordnet, wurde scharf beaufsichtigt und häufig visitiert. Wirtenberg war ein orthodox-lutherischer Kirchenstaat. Der Volksschulunterricht wurde allgemein eingeführt, den Mesnern unter Aufsicht des Pfarrers übertragen. Nach den Kriegsstürmen und der Verwirrung der Interimszeit empfand das Volk die feste Ordnung wohltätig, und es kam über das Volksleben die "liebliche angenehme Ruhe", die Brenz für das Gedeihen des religiösen Lebens gewünscht hatte. 

Im Bau der Weinberge, Gärten, Felder und Wiesen folgte jener Segenszeit unter Ulrich ein weiteres gutes Jahr. 1552 ist Korn und Wein herrlich wohl geraten. Dagegen war 1553 ein grausam kalter Winter: was nicht bezogen war oder der Schnee zugedeckt hatte, ist erfroren. Das Jahr 1559 war naß und kalt, "Korn und Wein ist nahe zusammengegangen", der Wein war dazu ziemlich

Die alte Glocke

[pag136] sauer. 1562 ist alles über die Maßen reichlich gewachsen, aber ein furchtbar Hagelwetter, 18 Meilen lang und 4 Meilen breit, ist über das Land hingezogen. Als da der alte Aberglaube sich regte und das Volk nach Hexen suchte, die dieses Wetter gemacht haben sollten, es war ja in Deutschland die Zeit der Hexenprozesse, da predigte der Stiftsprediger Alber von Bidenbach gegen den Hexenwahn, und sie gaben ihre Predigten im Druck heraus: "Besser 1000 Schuldige loslassen als Einen Unschuldigen verurteilen und töten." 1564-1566 wurde das Land von einem "pestilenzischen Sterben" heimgesucht. 1567 gab es viele Käfer, wenig Futter. Die Wanne Heu kostete 7 Gulden, dagegen bekam man viel und gutes Korn, so daß der Scheffel auf 3 Gulden 6 Batzen kam. 

Am 28. Dezember 1568 ist Herzog Christoph gestorben, durch eifriges Streben nach der Wohlfahrt des Volkes, durch rastlose Tätigkeit und reine Gesinnung einer der tüchtigsten Herrscher. Zwei Jähre nachher folgten ihm Brenz und Alber im Tode nach. Und es ist, als ob mit der Edlen Sterben auch der leibliche Segen vom Land gewichen wäre. 1569 gab es viel Schnee und langwierige Kälte, die Frucht ist unter dem Schnee erstickt, so daß man Sommerfrucht nachsäen mußte, aber sie ist in einem kalten und nassen Sommer schlecht gediehen, und der Kernen kostete jetzt 7 1/2 Gulden. Auch die zwei folgenden Jahre waren sehr unfruchtbar, das Jahr 1572 war so grimmig kalt, daß die Weingärten erfroren. Drei "Eisgüsse" verstießen fast alle Brücken, zwei Fuß dicke Eisschemel lagen noch bis nach Ostern auf dem Land. Am 25. April ist der Wein erfroren, hat aber "wieder Äuglein mit kleinen Träublein gegeben, daraus ein ziemlich guter Wein geworden". "Ist's kein Wein, so doch ein Weinle." Dangen gab es wenig Korn, aber viel Gras, und der Scheffel kostete jetzt 10 Gulden. 1573 hat man in Eßlingen und Stuttgart wöchentlich zweimal Brot ausgeteilt, nachdem der Preis des Kernen auf 12 Gulden gestiegen war. 1574, im siebten Jahr der Teuerung, zeigte es sich, daß auch in Wirtenberg der Hexenwahn herrschte. Eine ledige Tochter hat in Echterdingen eine Feuersbrunst verursacht. Sie wurde als eine, die sich dem Teufel ergeben habe. in Stuttgart verbrannt. Endlich im Jahr 1575 gab es "herrlich gut und viel Wein, Korn, Obst und allerlei Kuchenspeis". Der Kornpreis fiel auf9 Gulden, und als im Jahr 1576 noch einmal ein "geschlacht", fruchtbar Jahr kam, wurde der Laib Brot um einen halben Batzen verkauft, denn der Kernen kostete nur noch 2 Gulden 30 Kreuzer. Im Jahr 1579 zog als Pfarrer in Untertürkheim auf Thomas Birk, ein vielseitig begabter Mann und eifriger Prediger und Seelsorger. Er verfaßte 1590 ein geistliches Volksschauspiel, das von Untertürkheimer Schulkindern "in Gegenwart der Herzogin Ursula, Frauenzimmer und Hofgesind beneben etlichen Herren des Konsistorii, welche die ganze Aktion gesehen und gehört", feierlich aufgeführt wurde. Auch als Tondichter bewies er sich, indem er den Habermann "gesangsweise stellte". Seine Predigten beweisen, wie bewundert er in Welt- und Kulturgeschichte gewesen ist. Daneben stattete er auch der damals herrschenden lutherischen Streittheologie den gebührenden Tribut ab. Als er sich aber dann verpflichtet fühlte, auch von der Mißwirtschaft des "übel bestellten Dorfregiments" Anzeige zu machen, wurde er, obgleich seine Anschuldigungen sich bewahrheiteten, suspendiert und dann auch Befehl Herzog Friedrichs "abgeschafft". So haben ihm die Untertürkheimer auch wohl den Vers übelgenommen: "Ach tu doch das Erwägen, ob Türknen, Türknen, Türkenbert! Verscherz nicht Gottes Segen, laß doch die Buß sein dein Gefährt." 

Der Neckar, der damals allem nach viel mehr Wasser geführt hat als heutzutage, hat den Untertürkheimern immer viel zu schaffen gemacht, seit sie ihm nicht mehr das Tal zu freier Benützung überließen. Im Jahr 11554 beklagen sie sich dem Herzog gegenüber, daß sie durch den Fluß schon so viel Schaden haben erdulden müssen, weil man es versäumt habe, dem Neckar zur rechten Zeit ein sicheres Bett zu geben. Sie bitten nun um einige Wagen Stotzen, nachdem sie schon 80 Wagen verbraucht hatten, und 1568 bitten sie wieder um 4 Wagen Stotzen aus dem Schorndorfer Forst, da der Neckar erneut aus seiner Richtung zu laufen drohe, und 1576 bitten sie, die Herren der herzoglichen Rentkammer nebst dem Cannstatter Vogt und Bürgermeister möchten zu einem Augenschein nach Untertürkheim kommen, damit man darüber berate, wie einem großen Unglück zuvorgekommen werden könne: denn der Neckar drohe, hinter der [pag137] Brücke herunterzulaufen. 1596 berichtet dann der Vogt, die drei Flecken Unter- und Obertürkheim und Wangen haben in den letzen Jahren "die namhaft große Summe von 5200 Pfund Heller ungeheuerlich verbaut", um ihre Wohnungen und Feldgüter vor Überschwemmung zu schützen. Jetzt aber können sie sich nicht einigen, wieviel von dieser Summe jeder Ort zu übernehmen habe. Im folgenden Jahr kam denn der herzogliche Bescheid, daß Untertürkheim die Hälfte, Obertürkheim zwei und Wangen ein Sechstel der Summe zu übernehmen habe. Ferner solle der Wassergraben in Hedelfingen, über den die Poststraße geht, mit einem steinernen Brücklein versehen werden, damit man auch darüber reiten könne. Zu diesem Bau müssen die drei Gemeinden sich zu Frondiensten einfinden und die benötigten Steine und andere Baumaterialien liefern, auch die entsprechenden Fuhren stellen. Die Unterhaltung der Brücke übernimmt dann die Herrschaft.