Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute (1935)

Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute

Von Johannes Lechler

4) 1800-1850

[pag163] Weil der Landtag sich nicht von der Neutralität abbringen ließ, wurde er aufgelöst und unter starkem Regierungsdruck Frühjahr 1800 ein neuer gewählt; auch bei der Wahl des Ausschusses griff der Herzog ein. Als aber Moreau den Rhein überschritt, floh der Herzog nach Erlangen und nahm die Landschaftskasse mit. Das Hauptquartier der Franzosen war in Cannstatt. Die französischen Soldaten waren wohl jetzt besser diszipliniert. Sie durften nicht mehr mit der Pfeife im Mund ins Zimmer des Vorgesetzten treten und die Offiziere selbst wählen. Aber das Eigentum der Landesbewohner sahen sie immer noch als den Preis ihrer Tapferkeit an, und vor allem wollten sie fein leben. „Der französische Soldat liebt nicht die vollen Schüsseln wie der Österreicher und der Russe; aber er besteht durchaus auf Wein, Fleisch und besonders Geflügel." So ist es nicht zu verwundern, wenn in der Gemeindepflegerechnung von 1800/01 die Gesamtkriegskosten mit 18 805 Gulden aufgeführt werden und die Quartierkosten mit 11322 Gulden. Moreau verlangte jeden Monat 600 000 Franken. Der Hohentwiel wurde den Franzosen übergeben gegen das ehrenwörtliche Versprechen, daß die Festung unversehrt nach Friedensschluß zurückgegeben werden solle. Auf Befehl Napoleons wurde sie aber in einen Trümmerhaufen verwandelt. Februar 1801 wurde der Friede von Luneville geschlossen, aber erst im Mai zogen die Franzosen ab. Der Herzog kehrte nach Ludwigsburg zurück und ordnete für Pfingstmontag, den 25. Mai, ein Dank- und Friedensfest an mit dem Psalmtext: „Der Herr bauet Jerusalem und bringt zusammen die Verjagten in Israel." Trotz des Friedens waren aber die Lasten groß und das Leben teuer. Der Eimer Wein kostete 45 Gulden, der Scheffel Dinkel 7, Haber 6 Gulden, das Pfund Kalbfleisch 8, Ochsenfleisch 10, Schweinefleisch 12 Kreuzer, und dabei bekamen die Ortsarmen 9-12 Kreuzer in der Woche. Gleichwohl wurde auf herzoglichen Befehl eine Kollekte für das Schulbauwesen in Fellbach eingesammelt, und die Untertürkheimer steuerten bei in der Hoffnung, daß die Nachbargemeinde sich einmal erkenntlich zeigen werde, wenn für den hiesigen Schulbau, der immer noch nicht unternommen war, geopfert werde. 

9. November 1799 war Napoleon Herr von Frankreich geworden, und die deutschen Fürsten entblödeten sich nicht, sich um seine Gunst zu bemühen, um ihre Entschädigungsansprüche durchzusetzen. Gemäß dem Friedensschluß von Luneville sollten sie für das abgetretene Gebiet in Deutschland entschädigt werden. Für Württemberg ergab sich noch das besonders erbauliche Schauspiel, daß der Herzog, ohne nach den Landständen zu fragen, einen Gesandten nach Paris schicke und dann die Landstände wieder ihren eigenen Gesandten abordneten. Dazu kam, daß der Erbprinz Wilhelm, der „sich nicht entschließen konnte, in des Vaters Gedanken einzugehen und seinen idealistischen Grillen den Abschied zu geben", nach Paris floh. Von den Ständen erhielt er eine jährliche Dotation von 20 000 Gulden. Der Herzog aber war aufs Höchste empört und hätte seinen Sohn ohne Napoleons Einsprache wegen Hochverrats und Fahnenflucht verurteilen lassen. Der Tod seines Freundes und ersten Ministers Zeppelin war ein Unglück für das Land; ein biederer, echt deutscher Charakter, hatte er sich bestrebt, den Herzog über sich selbst emporzuheben und seine stürmische Leidenschaft zu beschwichtigen, die Äußerungen seines heftigen, oft harten Charakters zu mildern. Im Reichsdeputationsschluß des Jahres 1803 erhielt der Herzog für das abgetretene Mömpelgard eine ganze Anzahl Reichsstädte und etliche [pag164] Abteien und Klöster. So wurden nun das einst schwer umstrittene Reutlingen und die alte Gegnerin Eßlingen württembergische Landstädte. Dazu bekam der Herzog den Kurfürstentitel. Zur Feier der neuen Würde ließ er über die Psalmstelle predigen : „Du legest Lob und Schmuck auf ihn, denn du setzest ihn zum Segen ewiglich." Aus den neu erworbenen Landesteilen bildete er einen besonderen Staat Neuwürttemberg, und die Ständeversammlung, die damit nicht einverstanden war, schickte er nach Haus. Beschwerden des Ausschusses beantwortete er mit Strafbefehlen wegen verletzter Untertanenpflicht. 

In Untertürkheim hat man, nachdem der Friede geschlossen war und die Franzosen abgezogen, der Bürgerschaft die Erweiterung der Kirche ans Herz gelegt. Um die Mittel dazu zu bekommen, beschloß man, allen Schuldnern des Heiligen zu kündigen und dann sich an die vermöglichen Bürger und die Gemeindekasse zu halten. Aber die Bürger waren erschöpft vom Krieg und die Gemeindekasse war erschöpft von den Ausgaben für allerlei Kriegslieferungen und -lasten, und dazu kamen die Kosten der Wiederherstellung der Neckarbrücke. So hat man eben im Jahr 1803 dem neuen Heiligenpofleger Philipp Friedr. Häberlen den gesamten Barvorrat des Heiligen mit 198 Gulden überwiesen, damit er aus demselben Bauholz anschaffe, und damit ist das Kirchbauwesen in Gang gekommen. Mit der Erweiterung der Kirche wurde der Friedhof ins Oberdorf verlegt. Die an der Langen Straße liegende Wendelinskapelle wurde abgebrochen und ein Friedhof angelegt, der, 1830 erweitert, bis zum Jahr 1906 der Gemeinde als Ruheplatz ihrer Toten gedient hat. Während der Bauzeit wurde der Gottesdienst im Freien unter der Linde über der Brücke drüben gehalten, die Wochengottesdienste in der Schule. Für die neue Kanzel schaute man nach einem passenden Vorbild aus und fand es schließlich in nächster Nähe auf dem Rotenberg, „die Einfachheit und Simplizität" der Rotenberger Kanzel wurde das Muster der hiesigen. Orgel und Empore waren bisher von neunerlei Säulen getragen worden. Sie wurden nun alle gleich gemacht. Die alten eichenen Säulen waren so dick, daß der Erlös aus denselben beinahe die Kosten der neuen einfachen tannenen gedeckt hätte. Auch eine neue Bekleidung für Kanzel, Altar und Taufstein von dunkelblauem Tuch mit hellblauen Fransen wurde angeschafft. Dem Kirchbau ist die geräumige Sakristei auf der Nordseite der Kirche zum Opfer gefallen. An ihrer Stelle wurde auf der Südseite eine heizbare, aber kleine Sakristei erbaut, an deren Stelle im 20. Jahrhundert die heutige getreten ist. Schwierig war die Neuordnung in betreff des Besitzes der Kirchenstühle. Männerstühle kosteten gewöhnlich 1 Gulden 30 Kreuzer, Weiberstühle 1 Gulden, das Billigste war 30 Kreuzer, also 1/2 Gulden. Um die Ordnung während des Gottesdienstes aufrechtzuerhalten und der Entheiligung der Sonn= und Feiertage entgegenzuwirken, wurde im Mai 1804 der Umgang wieder eingeführt und die Scharwache verschärft. 

Im November 1804 wurde ein neuer Landtag eröffnet, weil er aber nicht alle Forderungen des Kurfürsten bewilligte, wurde er schon im März 1805 wieder fortgeschickt. Als auch der Ausschuß die verlangten Gelder verweigerte, ließ der gestrenge Herr die Landschaftskasse erbrechen und das Geld mit Gewalt nehmen. Im Jahr 1804 war Napoleon Kaiser der Franzosen geworden, und im folgenden Jahr brach der dritte Koalitionskrieg aus. Am 3. Oktober 1805 hatte Napoleon eine Unterredung mit Kurfürst Friedrich, bei der es hieß: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. „Meine Staaten wären zertrümmert worden, und mein Haus hätte von der Barmherzigkeit fremder Höfe leben müssen." So schloß er den Allianzvertrag mit dem Übermächtigen, und am 4. Oktober hörte man in Untertürkheim gewaltigen Kanonendonner und das Geläute aller Glocken von Stuttgart herüber. Napoleon hielt seinen Einzug von Fellbach her. 8000 Mann mußte Friedrich seinem Gebieter zum Kampf gegen Österreich und Rußland zur Verfügung stellen. Es gab wieder Einquartierung in Masse. Die kaiserliche Armee fühlte sich jetzt als die Herrin der Welt, aber Diebereien und Quälereien kamen immer noch vor. Was jedoch für das Land besonders schmerzlich war, das war, daß die nach England bestimmten Reiterregimenter mit den Pferden des Landes beritten gemacht werden mußten. 

Bei diesem Krieg ist es jedenfalls gewesen, daß russische Gefangene in Eisenlohrs Keller eingesperrt
waren, unter ihnen auch ein Remstäler. In Gölten ließ man den Gefangenen den Kartoffelbrei, Russenbrei genannt, hinunter. Da ging einmal das Licht aus und der Remstäler [pag165] wurde am Seil heraufgezogen. Man gab ihm einen Kreben auf den Buckel und begleitete ihn bis Rommelshausen. Erst nach einiger Zeit merkten die Franzosen, daß einer fehlte. Es kam aber nichts heraus. Der nach der Schlacht von Austerlitz geschlossene Friede zu Preßburg brachte dem Verbündeten des Kaisers die Königswürde und große Gebiete in Oberschwaben und im Hohenlohischen. Das „Reich" des neuen Königs zählte nun 1 200 000 Einwohner. Am 1. Januar 1806 wurde in Stuttgart mit viel Lärm und großer Feierlichkeit und einem Festgottesdienst die Königswürde proklamiert. „Seine Kgl. Majestät hat allergnädigst zu befehlen geruht, daß in "Beziehung auf allerhöchstdero Person keine andere Titulatur gebraucht werde als: Friedrich von Gottes Gnaden König von Württemberg." War der König in Wirklichkeit von Napoleons Gnaden, so war er dafür in seinem Lande souverän, unbedingter Herr und Gebieter. Den Rat seines Freundes: „Chassez les bougres", jagt die Schurken fort, befolgte er mit Freuden und erklärte die landständische Verfassung für aufgehoben. Am 30. Dezember 1805 „gingen die Ausschußmitglieder vom Landschaftshaus über den Schloßplatz, ein langsam schwankender Zug dunkel gekleideter Männer mit gesenktem Blick. Ich konnte mich nicht erwehren, an einen Leichenzug zu denken". Das Kirchengut wurde eingezogen mit dem Versprechen, für die Bedürfnisse der Kirchen zu sorgen. Die allgemeine Dienstpflicht wurde nach französischen Vorbild eingeführt. Ein Organisationsmanifest setzte an die Stelle des alten Geheimrats ein Ministerium mit sechs Departements, besonders wichtig das Polizeiministerium. Die Polizei hatte zwar nicht die Fähigkeit, wohl aber den Willen, auch den Gedanken nachzuspähen. Die öffentliche und geheime Überwachung ging so weit, daß man nicht einmal mehr in Privatgesellschaften freie Meinungsäußerung wagen durfte. Am 12. Juli 1806 wurde in Paris der Rheinbund geschlossen, dessen Protektor und Schutzherr Napoleon war. Das alte Deutsche Reich war damit zerstört. Aber die jammervollen, verlotterten, schmählichen Zustände im alten Reich hatten alles Nationalgefühl ertötet, und jetzt konnte ein angesehener deutscher Schriftsteller schreiben : „Reichtum, Ruhe und Genuß werden für den Verlust der Selbständigkeit entschädigen; das politische Joch wird süß sein, und über Europa wird ein goldenes Zeitalter aufgehen. "Zunächst hatten die Untertanen freilich eben das politische und polizeiliche Joch zu tragen: zahlen, parieren, 's Maul halten. Alle Beamten bis zum letzten Kastenknecht und dem Stuttgarter Mesner wurden vom König ernannt. Die Beamten wurden schlecht bezahlt, aber für das geringste Vergehen exemplarisch gestraft und mußten den Eid unbedingter Treue und Untertänigkeit leisten. Zwei hohe Kirchenbeamte, Prälat Sartorius und Konsistorialrat Georgii verweigerten ihn und legten ihre Ämter nieder. Die Neuwürttemberger ließen sich's gleichmutig gefallen, daß das  württembergische Wappen an den öffentlichen Gebäuden angeschlagen wurde; aber mit Seufzen zahlten die die Ordinaristeuer, die von 3 1/2 auf 14 Simpel, also um das Vierfache gestiegen war, und noch schlimmer war die Aushebung zum Kriegsdienst. Aber nicht bloß für das Heer brauchte der neue König viel Geld, sondern er war entschlossen, seinen Hof zu einem der glänzendsten zu machen; und das Geld hatten die Untertanen unweigerlich aufzubringen, Landstände, die mäßigend einwirken und übertriebene Forderungen verweigern konnten, gab es nicht mehr. So war statt des goldenen Zeitalters eine eiserne, teure und böse Zeit. Die Untertürkheimer hatten die Kirchenerweiterung durchgeführt, aber das Jahr 1805 brachte einen Fehlherbst, und als die Handwerksleute ihr Geld wollten, war keines da; denn fast niemand zahlte dem Heiligen den Zins. So mußte die Heiligenkasse ein Anlehen von 400 Gulden aufnehmen; aber bis die königlichen Ämter sich zur Genehmigung desselben herbeiließen, verging wieder Jahr und Tag. Und zu der Geldnot kam die Krankheitssnot. In Cannstatt brach das Nervenfieber aus, und bald verbreitete es sich auch nach Untertürkheim. Im Jahr 1806 forderte es hier 13 Todesopfer. Ein Beweis der Not und der Unterernährung durfte es auch sein, wenn in einem Jahr unter 47 Gestorbenen 38 Kinder waren, von denen 12 an Husten starben, im folgenden von 54 Toten 36 Kinder, 23 an Gichtern, 8 an Roten Flecken starben. Hat die Königliche Regierung despotisch strenge Zucht über das Volk geübt, so wurde leider die Zuchtlosigkeit der Jugend dadurch nicht geringer. Immer wieder mußte über die ungezogene Aufführung der ledigen Söhne während des Gottesdienstes geklagt werden, und die unerlaubten [pag166] 

Neckarpartie bei der Daimlerbrücke

Schulversäumnisse nahmen so überhand, daß man schließlich eine Strafe von 3 Kreuzer zum Besten der Schule festsetzte. Am Jakobifeiertag 1808 aber kam es vor, daß der Landreuter nachts 12 Uhr im „Ochsen" 22 Personen beim Wein traf. Als er ihnen pflichtgemäß ausbot, gehorchten sie nicht und bedrohten ihn sogar, so daß er den Säbel ziehen und die Pistole spannen mußte, um ungefährdet fortreiten zu können. Die 22 Burschen wurden dann um je einen Nachtgulden in den Heiligen gestraft, und man beschloß, um Einquartierung eines Landreuters im Flecken gehorsamst nachzusuchen, falls solcher Unordnung durch Scharwache und Beiwächter nicht gesteuert werden könne. 

Zur Verherrlichung seines Königtums ließ Friedrich die Königstraße erstehen mit dem Marstall, der von der Solitüde herab verlegt wurde, und der katholischen Kirche, das Reich war ja jetzt paritätisch. Aus den Kartoffelfeldern und sumpfigen Wiesen zwischen dem neuerrichteten Königstor und Cannstatt schuf er die herrlichen Anlagen, diese Lunge der zukünftigen Großstadt. Die Verbesserung der Volksbildung lag dem König sehr am Herzen, so ließ er das erste Schullehrerseminar einrichten. Bisher hatten die Inzipienten drei Jahre bei einem Schulmeister gelernt und wurden dann Provisoren. Den Pfarrern wurde regelmäßiger Schulbesuch eingeschärft und zur Pflicht gemacht, auch selbst Religionsunterricht zu geben. Sodann wurden Schulkonferenzen zur Fortbildung der Lehrer eingeführt. Dem Untertürkheimer Pfarrer Busch, der schon bisher sich bemüht hatte, die Kenntnisse seines Schulmeisters und der Provisoren zu erweitern, wurde die Leitung einer Schulkonferenz übertragen. Über die Verbesserung des baufälligen hiesigen Schulhauses wurde freilich immer noch nur „deliberiert". Und als das Oberkonsistorium allergnädigst verordnete, daß jeder Lehrer sein eigenes Zimmer haben sollte, half man sich damit, daß die erste Klasse von 6 bis 8 Uhr, die zweite von 8 bis 10 Uhr in der Schulstube und die dritte in der Kirche unterrichtet werden sollte. Statt des Pfingstexamens wurde eine öffentliche Prüfung der Sonntagsschüler in der Kirche gehalten, bei der Geldprämien ausgeteilt wurden. Die Söhne bekamen 12, 9, 6 und 3 Kreuzer, die Töchter 9, 6 und 3 Kreuzer. Eine Wohltat für die Lehrer war, daß das Schulgeld vom Bürgermeisteramt eingezogen wurde, und der Lehrer sich nicht mehr mit morosen Schuldnern herumschlagen mußte; dagegen hatte er 6 notorisch arme Kinder gratis zu unterrichten. Die Fürsorge des Königs für die Kirche zeigte sich in der Einteilung der evangelischen Landeskirche in 6 Generalsuperintendenzen und 53 Dekanate. Die neugewonnenen katholischen Untertanen gehörten nicht weniger als fünf verschiedenen [pag167] Bistümern an. Durch Königliche Ordonnanz, ohne das Gutachten der Synode einzuholen, wurde eine neue Liturgie eingeführt, der ein schwülstiger Stil die fehlende Wärme und Innigkeit ersetzen sollte, an der aber niemand eine Freude hatte, obgleich sie die „Ausbildung der religiösen Gefühle, Erhöhung der Andacht und vernünftige Gottes Verehrung" bei der Gemeinde erreichen sollte. Auch im Rechtswesen brachte die neue Zeit eine Verbesserung, im Jahr 1809 wurde die Tortur abgeschafft, dagegen wurden den Dorf- und Stadtgerichten ihre Gerichtsbarkeit entzogen und den neugebildeten Oberamtsgerichten alles zugewiesen. Während der König den Gang der Zivilprozesse nie störte, griff er im Eifer seiner Gerechtigkeitsliebe in die Kriminalprozesse manchmal ein, und Fälle von dem, was man Kabinettsjustiz nennt, waren nicht selten. Seine Gerechtigkeit kam auch den Juden zugut, denen er den Erwerb liegender Guter, um sie zu bebauen, und die Ausübung zünftiger Gewerbe gestattete. Der Schorndorfer Buchhändler Palm, der ein Büchlein „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung" verbreitet hatte, wurde auf Befehl Napoleons erschossen. Sonst muß gesagt werden, daß Friedrich mit Napoleon wie Macht gegen Macht verkehrte. Nie lieferte er einen Untertanen französischen Gerichten aus. Nach der Niederwerfung des Aufstands im Allgäu weigerte sich Kronprinz Wilhelm, den gefangenen Rädelsführer den Franzosen auszuliefern. Der Bauernaufstand in Mergentheim wurde freilich von Friedrich aufs grausamste bestraft, obgleich die „.Rebellen" noch nicht einmal ihrer bisherigen Untertanenpflicht entlassen waren und die Mergentheimer sich an dem Aufstand gar nicht beteiligt hatten. In die inneren Angelegenheiten seines Landes gestattete Friedrich dem Kaiser keinen Eingriff. Er weigerte sicht den Code Napoleon einzuführen, gestattete aber auch nicht, daß seine Truppen in Spanien und gegen die aufständischen Tiroler verwendet wurden. Als im Jahr 1809 der Krieg mit Österreich ausbrach und 16 000 Württemberger mitziehen mußten, da wurde im Land ein Aufruf verbreitet, die schmachvollen Ketten zu zerbrechen, die dem Volk unter dem Schutz Frankreichs auferlegt worden seien. Nun wurde die 1808 eingeführte Zensur noch verschärft, besondere Beamte zur Beaufsichtigung der Buchhandlungen angestellt und jedes politische Gespräch bei schwerer Strafe verboten. Ein Perückenmacher, welcher unwahre und unschickliche Äußerungen über die Kriegsereignisse und politische Konjekturen gemacht hatte, wurde zum abschreckenden Beispiel für alle in den Tag hinein räsonierende Schwätzer mit Festungshaft auf unbestimmte Zeit bestraft. Im Jahr 1809 erließ der König eine Konskriptionsordnung, nach der jeder Untertan vom achtzehnten bis vierzigsten Jahr dienstpflichtig war. Seine Gerechtigkeit bewies er jetzt damit, daß er keine Ausnahmen mehr gestattete. Nicht bloß Studenten, sondern auch angestellte Schreiber, Advokaten, Ärzte, Apotheker wurden ausgehoben. Er wollte sich aus ihnen gute Offiziere heranschulen. Daß im Jahr 1808 die Einführung von pfarramtlichen Familienregistern befohlen wurde, mag seinen Grund vor allem darin gehabt haben, daß die Pfarrer mit Hilfe derselben die Konskriptionslisten genauer führen konnten. Das Militär bildete jetzt eine eigene Kaste und war dem Souverän zu unbedingtem, blindem Gehorsam verpflichtet. Während früher die Bürger bei Leistung des Bürgereides mit ihren Waffen erschienen waren, als die zur Verteidigung des Vaterlandes Berufenen, mußten jetzt alle Gewehre der Ortsobrigkeit abgegeben werden. Das geschah allerdings nicht bloß aus Furcht vor einem Ausstand, sondern namentlich auch, um den Wilderern das Handwerk zulegen. Der Wildschaden war wieder ins Ungeheure gewachsen. Der König hatte die Gemeindewildschützen wieder abgeschasst und die Jagden zu Hoffesten gemacht, für die die Bauern wochenlang vorher fronen mußten, vom Jagdpersonal aufs gemeinste behandelt. Nach Beendigung des Kriegs mit Österreich verheiratete sich Napoleon, um den Glanz seiner Herrschaft zu vollenden, mit der österreichischen Kaiserstochter und beschied seine untergebenen Rheinbundfürsten nach Paris. Hier wurden ihnen weitere Gebiete zugeteilt. König Friedrich erhielt Ulm und andere Oberländer Reichsstädte und Hohenloher Gebietsteile, und sein Reich umfaßte jetzt 354 Quadratmeilen mit 1 400 000 Einwohnern. Bei Napoleons Besuch in Stuttgart seien seine Mienen so freundlich gewesen wie nie vor- oder nachher. Im Jahr 1811 gebar ihm seine Gemahlin Marie Louise einen Sohn und er stand nun auf dem Gipfel seiner Macht. England hatte er durch die Kontinentalsperre, die zu der Erfindung des Rübenzuckers [pag168] führte, schwer geschädigt, und das übrige Europa lag ihm zu Füßen. Nur Rußland war ihm noch nicht ganz zu Willen. Um durch Niederwerfung dieses Gegners seine Weltherrschaft zu vollenden, bereitete er den Krieg vor, ja dem ein Heer in noch nie gesehener Größe und Vollkommenheit der Ausrüstung gesammelt wurde. Württemberg mußte 16 000 Mann stellen. Als König Friedrich am 1. Mrz 1812 Heerschau hielt, war er besonders ernst gestimmt. Doch es konnte ja nicht fehlen, und nachdem im Juni das Heer die Grenze überschritten hatte, kamen im Laufe des Sommers und Herbstes Siegesnachrichten, so daß am 4. Oktober ein Dankfest für die errungenen Siege angeordnet wurde. Aus dem Kriegsgebet mußte aber der Satz gestrichen werden : „Entferne alles Unglück von dem Anführer der Truppen !" Dann kamen dunkle Gerüchte von dem Brand von Moskau. Die Bulletins aber lauteten noch Mitte Dezember ganz beruhigend; aber auf Neujahr 1813 wurden alle Festlichkeiten abbestellt, und das letzte Bulletin lautete brutal: „Die große Armee ist vernichtet, die Gesundheit Sr.Majestät ist nie besser gewesen." Anfang des Jahres kehrte der jämmerliche Rest des stolzen Korps zurück. Als von einem Regiment nur noch ein Manu übrig war, kamen auch dem König die Tränen. Doch bereits war die Aushebung wieder im Gang, und um die Mittel aufzubringen, ordnete der König eine Vermögens-, Besoldungs- und Pensionssteuer an, redete aber doch von unverschuldet aufgelegten Lasten. Napoleon hörte das nicht gerne, beruhigte sich aber damit, daß dieses maßvolle, vernünftige und duldsame Volk nicht genug Mörder sei, um eine Revolution zu machen. Daß es übrigens in Untertürkheim Verehrer des Korsen gegeben hat, ist daraus zu sehen, daß der Bürgermeister und Handelsmann Widmann sein Büblein Napoleon Leopold Benjamin hat taufen lassen. 

Im Sommer 1812 war die Gemeinde Untertürkheim vom Oberamt gerüffelt worden, weil der Neckar wieder einen ungeheuren Uferriß gemacht habe, der Schultheiß erwiderte aber, an der Zerstörung sei bloß die Stauung am Berger Königlichen Mühlenwehr schuld. Die Uferbauten des Neckars seien für die Gemeinde unerschwinglich. In dem furchtbar kalten Winter 1812/13 hatte man das Geld zur Unterstützung der Armen nötig. Die Ortsarmenkasse hatte 300 Gulden zur Verfügung. Der Armenfonds von 2020 Gulden trug 100 Gulden Zins, Opfergelder waren 102 Gulden 30 Kreuzer eingegangen, dazu kam das Glöcklensgeld mit 36 Gulden und das jährliche Fruchtgratil, das fernd 28, 1813 aber 42 Gulden ausmachte, und endlich der Zuschuß des Heiligen. Vor allem mußte der neue Heiligenpfleger Christoph Friedrich Keefer Zwei Maß Tannenholz kaufen, um sie scheiterweis unter die Bedürftigsten auszuteilen. In der Amtsstube des kränkelnden Rates Heller wurde über einen Plan der Landvogtei Rotenberg zur Versorgung der Armen beraten. Aufstellung besonderer Armenpfleger wurde nicht für nötig befunden, da der Heiligenpfleger und die beiden Bürgermeister genug Personenkenntnis und ein Herz für die Armen haben. Die hiesige Bevölkerung war im Vergleich mit andern Orten nicht schlecht gestellt. Abgesehen von den Verdienstgelegenheiten, die es am Ende überall gibt, wie Spinnen, Stricken, Waschen oder im Sommer Taglohnarbeit, ernährten sich sommers und winters viele mit Milch- und Gemüsehandel nach Stuttgart, und dann gaben die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Fabriken in Berg, Cannstatt, Eßlingen auch manchem regelmäßigen Verdienst. So waren denn ganz nahrungs- und verdienstlos nur 6-8 Arme. Unser Ort war mit 1673 Einwohnern der zweitgrößte des Bezirks, erst war Fellbach mit 2539 Einwohnern, Ulbach mit Rotenberg hatte 1337, Rommelshausen 1170, Weilimdorf 1166, Hedelfingen 999, Wangen 975, Rohracker 831, Obertürkheim 727, Mühlhaufen 655, Schmiden 650, Münster 398. Die Zahl der Schulkinder war hier 297, in Fellbach 360, in Uhlbach 231, in Wangen 196. Nach zwanzigjährigem Dienst ist Pfarrer Busch abgezogen, und an seine Stelle trat Johann Friedrich Pfister, der als Diakonus in Vaihingen a. d. E. die Archive der neuen Lande zu untersuchen und für das Hauptarchiv in Stuttgart auszusondern gehabt hatte. Er ist hierher versetzt worden, um in der Nähe des Archivs seine geschichtlichen Studien, insbesondere seine Geschichte Württembergs leichter fortsetzen zu können. 

Die Aushebung des Frühjahrs 1813 hat wieder 12 000 Mann zusammengebracht. Sie wurden in dem Feldzug des Jahres von den Franzosen an die gefährlichsten Posten gestellt, „weil [pag169]sie doch bald gegen uns fechten". Das wurde dann wahr, als in der Schlacht bei Leipzig Graf Normann mit zwei Reiterregimentern zu den Verbündeten überging. Der König war wütend. Normann floh und die Reiter mußten bei der Rückkehr zu Fuß und ohne Waffen einziehen. Erst nachdem Napoleon den Rhein überschritten hatte, schloß Graf Zeppelin im Auftrag des Königs einen Bündnisvertrag mit Metternich, demzufolge Württemberg 24 000 Mann stellte unter dem Oberbefehl des Kronprinzen Wilhelm. Bei den Durchmärschen der Verbündeten war am Sonntag, den 19. Dezember, das ganze Dorf voll von Kosaken, die einen solchen Lärm und solche Unruhe machten und die Einwohner so in Atem hielten, daß den ganzen Tag kein Gottesdienst gehalten werden konnte. Bei dem Feldzug in Frankreich stand der Kronprinz bei Monrereau mit 10 000 Mann 30 000 Franzofen gegenüber, und als er einmal mit seinem Stabsoffizier und dem Ordonnanzunterossizier Bartholomäus Warth von den Franzosen umzingelt wurde, sagte er kaltblütig: „Für mich ist noch keine Kugel gegossen" und hat sich mit Hilfe seiner Begleiter durch die Franzosen durchgehauen. Bartholomäus' Bruder Andreas, der bei den Schwarzen Jägern stand, fiel auf der Seinebrücke bei Montereau. Diesmal mußte der Kronprinz zurück, aber einen Monat später hat er Napoleon bei Arcis über die Aubebrücke zurückgeworfen, und am 30. März stand er mit seinen Württembergern vor Paris. Am 7. April vernahm man hier Kanonendonner und Glockengeläute. In Stuttgart sprengte ein Herold durch die Straßen und verkündigte: „Paris ist gefallen !" Am Ostermontag wurde ein allgemeines Dankfest gefeiert. Die zurück- kehrenden Truppen wurden vom König nach einet Parade bei Vaihingen glänzend bewirtet. Der Kronprinz wollte in aller Stille heimkehren, aber sein Wagen wurde erkannt und von einer jubelnden Volksmenge bis zum Schloß begleitet. Am 1. März 1815 erließ der König eine neue Konskriptionsordnung, durch die das Los und die Stellvertretung wieder gestattet wurde. Und sie sollte gleich in Anwendung kommen, denn am 20. März war Napoleon wieder in Paris, und es wurden 21 000 Württemberger ausgesandt um mit den Verbündeten den Friedensstörer unschädlich zu machen. So gab es neue Truppendurchmärsche Am 18. Juni half Blücher dem Engländer Wellington zum endgültigen Sieg über Napoleon, der nun in St. Helena sicher aufbewahrt wurde. Die Rückkehr Napoleons hatte den Wiener Kongreß gestört, zu dem 

 

Ulrichs Kampf auf der Postwiese (Zeichnung von Carl Schmauk) 

[pag170 auch unser König gereist war. Er war schon am 1. Januar 1815 zurückgekehrt und erließ ein Manifest, daß er beschlossen habe, seinem Volk eine den Rechten des Einzelnen und den Bedürfnissen des Staates angemessene Verfassung und ständische Repräsentation zu geben. Am 1 5. März übergab der König feierlich in einer goldenen Kapsel dem versammelten Landtag die von ihm beschlossene neue Verfassung. Aber der Landtag wollte kein geschenktes Recht und erklärte, nur auf der Grundlage des alten Rechts könne über das neue verhandelt werden. Als dann nach Vertagung des Landtags eine Darlegung erweisbarer Tatsachen, betreffend die Beschränkung der Wirksamkeit der Geistlichen, verlangt wurde, versammelte Spezial Klett seine Pfarrer, und es wurde eine gemeinsame Eingabe verfaßt, Se. Majestät möchte die Liebe aufs neue begründen und die bisher so kalt gefeierten Geburtsfeste wieder in eine freiwillig allgemeine und segensvolle Feier der Herzen verwandeln. Aber sie wurde sehr ungnädig aufgenommen. Es werde durchaus keine Einmischung der Geistlichen in die öffentlichen Angelegenheiten geduldet, noch weniger ein gemeinschaftliches Vorgehen. Das Oberkonsistorium hatte die Anmaßenden ernstlich zurechtzuweisen. Der Dekan nahm die Zurechtweisung mit der Gelassenheit hin, die er dem Ministerium schuldig sei. Der gesamten Geistlichkeit wurde dann unter Androhung nachdrücklicher Ahndung verboten, politische Gegenstände in ihren Kanzelvorträgen zu berühren oder auch nur Anspielungen darauf zu machen. Den Landständen machte der König weitgehende Zugeständnisse, so daß Freiherr vom Stein sagte, der König habe sich bei dieser Sache wahrhaft groß gezeigt. Aber der Landtag blieb halsstarrig auf seinem doch im Grunde kleinlichen Standpunkt. Am Ende des Jahres hat man dann Dekan Klett, den tapferen Kämpfer für die gute Sache, zu Grab getragen. Was bei alledem erreicht wurde, war, daß der König beinahe 4000 Stück Rotwild und 2500 Stück Schwarzwild abschießen ließ. 

Dagegen kamen die Untertürkheimer im Jahr 1816 um ein gutes Stück weiter. Im Winter 1814/15 hatte man die vermietete Wohnstube des Schulmeisters als zweite Schulstube benützen müssen, weil der Schulhausbau immer wieder auf sich warten ließ. Pläne wurden gemacht und verworfen und eine Eingabe Jahr und Tag unbeantwortet gelassen, bis endlich im Frühjahr 1816 der Ankauf eines Bauplatzes gelang und der Bau in Gang kam. Und gerade noch vor Einbruch des Winters konnten die drei Schulstuben bezogen und die 300 Kinder in Gegenwart der geistlichen und weltlichen Ortsvorsteher in ihre drei Klassen eingeführt werden. Daß dieser Schulhausbau fertig wurde, war deshalb noch besonders dankenswert, weil er in die Zeit der größten Not fiel. Im Jahre 1815 versuchte der Medizinalpraktikant Schmank Genehmigung zur Errichtung einer Hausapotheke zu erhalten, er wurde jedoch abgewiesen mit seinem Gesuch. Der Winter 1815/16 war besonders streng. Schon im Dezember und dann wieder im Januar waren Holzverteilungen vorgenommen worden, und im Februar wurden außer den schon bedachten 59 Familien an weitere 49 Familien 3-6 Scheiter ausgeteilt. Von einer Stuttgarter Unterstützungsgesellschaft wurden 420 Gulden übergeben zur Verteilung unter die würdigsten und bedürftigsten Weingärtner. Bei dem steigenden Brotpreis mußte aber dann im April eine Verteilung unter denen vorgenommen werden, die keinen Weinberg besaßen. Im Mai fingen die Gewitter an mit nachfolgender Kälte, am 13. hat es geschnieen. Dann regnete es, daß der Juni nur vier, der Juli nur drei Tage mit heiterem Himmel hatte. Im August kamen sonnigere Tage, daß das Korn schnittreif wurde; aber das Unkraut: Schwindelhaber, Dippelhaber, Kornraden u. a. ist viel besser geraten als das Korn. Die Schafe wurden krank, das Vieh kraftlos. Im Lauf des Jahres stieg der Preis des Scheffels Kernen von 13 auf 36 Gulden, der der Kartoffeln von 20 Kreuzer auf 1 Gulden 8, also 68 Kreuzer. Wenn ein Weingärtner für den Morgen 24 Gulden 20 Kreuzer Baulohn bekam, konnte er noch keinen Scheffel Kernen dafür kaufen. Am 24. Juli wurden die von der Regierung angewiesenen 34 Scheffel Dinkel zu wohlfeilen Preisen verteilt. Unter die, die nicht zahlen konnten, wurden 86 Pfund Brot ausgeteilt, so daß 30 Personen je 2-4 Pfund erhielten. Am 1. und 19. August wurden 33, am 25. August 43 Personen mit 2-4 Pfund Brot bedacht. Vom 23. August bis 14. September dauerte die Ernte. Der Herbst begann erst im November; man las einzelne weniger harte Trauben heraus, um einen sauren Saft herauszupressen, die andern ließ man [pag171]cm Stock hangen. Ende Oktober und Anfang November war das Wetter heiter und warm, und man wollte die Kartoffeln vollends ausreifen lassen. Da setzte um Martini Sturm und Schneegestöber ein, so daß Anfang Dezember noch ein großer Teil der Kartoffeln in der gefrorenen Erde lag. Auf der Alb begannen sie Anfang November mit der Haberernte, da kam Regen und Schnee, und als im Dezember Tauwetter eintrat, haben die Leute unter Regen und Schnee Garben gebunden. Der Flachs und Hanf lag auf der Spreite und verdarb unter der Schneedecke. Das hatte dann wieder große Arbeitslosigkeit zur Folge. Am 17. November hielt Pfarrer Pfister die Ernte- und Herbstdankpredigt über den Text: „Die Güte des Herrn ist, daß wir nicht gar aus sind." Klagel. 3, 22-26. Am 22. Dezember wurde die Trauerpredigt für den verstorbenen König gehalten. Er hatte sich bei den Mammutausgrabungen zu Cannstatt erkältet und starb am 30. Oktober an einer Lungenlähmung. Napoleon nannte ihn einen harten, aber rechtlichen Mann, den geistvollsten Fürsten Europas; wenn er 80 000 Mann hätte, würde er ihn fürchten. Seine Untertanen hatten Grund, ihn zu fürchten. Er hat mit despotischer Gewalt die verschiedenen Städte und Landschaften, die ihm zugeteilt wurden, zu einem wohlgeordneten, festgefügten Staatswesen bereinigt. Aber für die Bürger seines Reiches gab es nur eines: schweigen, gehorchen, bezahlen. Die Steuer stieg auf 20 Gulden pro Kopf. Seine Leidenschaft für schöne Jünglinge hatte zur Folge daß er den Bereiterjungen Dillen zum Grafen machte und ihm das Jagdwesen unterstellte. Tausende von Morgen blieben unangebaut, weil das Wild, namentlich die Säue, alles verwüsteten. 

König Wilhelm I. bestieg den Thron unter dem Jubel des Volkes, empfangen mit einem Maß von Liebe, Vertrauen und Hoffnung, wie nicht leicht ein Fürst, und dasselbe galt seiner Gemahlin Katharina. Man glaubte es ihnen, daß das einzige Ziel ihrer Bemühungen das Glück und die Wohlfahrt ihrer Landeskinder sein werde. Gleich am 9. Januar 1817 stiftete der König den Wohltätigkeitsverein für das ganze Land, um dem großen Elend zu steuern. Am 11. Januar beschloß der Untertürkheimer Kirchenkonvent, vier besondere Armenaufseher zu wählen: Gottlieb Zaiß, Gottlieb Friedrich Warth, Ratsverwandter Neef und Johannes Kurz. Sie stellten eine Liste von 53 Familien und 17 Einzelnen auf, die besonders bedürftig erschienen. Von den Bürgern, die bisher Unterstützung gegeben hatten, waren 130 auch in Bedrängnis geraten, und nur 160 konnten noch etwas geben. Es wurden 210 Gulden unverzinsliches Anleihen gezeichnet, und der Heiligenpfleger Keefer kaufte in Münchingen 75 Simri Kartoffeln zu 1 Gulden 16 Kreuzer. An der nach Fellbach anzulegenden Straße, die in einem greulichen Zustand gewesen war, fanden im Februar 40 Personen mit 30 Kreuzer Taglohn Arbeit, auch wurde beschlossen, Hanf und Abwerg zur Beschäftigung der weiblichen Armen zu kaufen. Die Vermöglicheren wurden veranlaßt, monatliche Beiträge zu geben, so daß doch 40 Gulden und etwas Kartoffeln im Monat zusammenkamen. Der Bettel wurde verboten. 17 verschämte Hausarme bekamen monatlich 2 Scheffel 1 Vierling Kartoffeln. Um den Bettel der Durchreisenden verbieten zu können, wurde beschlossen, einem ordentlichen Handwerksburschen 2 Kreuzer, einem sonstigen Durchreisenden 1 zu verabreichen. Die Zumutung des gemeinschaftlichen Oberamts, Untertürkheim solle auf das altherkömmliche Fruchtgratial verzichten, wurde mit Entrüstung zurückgewiesen. Der vorjährige Obstsegen sei das einzige, was nach vier Mißjahren den Einwohnern zugute gekommen sei. Dagegen habe die Überschwemmung nicht bloß den Heu- und Öhmdertrag, sondern auch einen großen Teil der Erdbirnen verdorben. Zwei Familien haben hier je eine dritte für dieses Jahr zu versorgen. Bis 1. April haben 50 Bürger um einen Vorschuß gebeten, um Saatkartoffeln kaufen zu können. So mußten 700 Gulden vom Heiligenpfleger aufgenommen werden, ein kleiner Teil davon unverzinslich. Daß es übrigens den Untertürkheimer Armen nicht am schlechtesten ging, sieht man daraus, daß eine Rumfordsche Suppenanstalt nicht eingerichtet werden konnte, weil der größte Teil der Armen zu leckerhaft war. Diese Suppe wurde nämlich gemacht aus 40 Maß Wasser, in dem ein Quantum Knochen so ausgekocht wurde, daß es eine kräftige Brühe, mit einer dicken Fettschicht bedeckt, gab. In dieser Brühe wurden 16 1/2 Pfund Grütze, 15 Pfund Erbsen, 9 Pfund Brot mit 4l/a Schoppen Essig und 22/3 Pfund Salz gekocht. Auch für das Brot wurden allerlei Ersatzmittel vorgeschlagen [pag172]gen, obgleich im April Schiffe mit ausländischem Getreide in Cannstatt ankamen. Man stellte ein Runkelrübenbrot her, machte Mehl aus Queckenschnüren, buk ein Brot aus 10 Pfund Malzschlamm und 5 Pfund geringem Mehl, von dem der Laib um 24 Kreuzer verkauft wurde. Im Juni wies das Oberamt dem hiesigen Ort 14 Scheffel Haber und 14 Scheffel Dinkel an. Trotz der Getreidevorräte, die der König gleich nach seiner Thronbesteigung zu kaufen befohlen hatte, und die im Mai und Juni allmählich ankamen, stieg doch der Getreidepreis unaufhörlich. Am 14. Juni wurden als Höchstpreis festgesetzt 42 Gulden für Kernen, 27 für Roggen, 12 für Haber, 2 Gulden 30 für Kartoffeln. Daß aber die Fürsorge des Königs doch von großem Nutzen war, zeigt der Vergleich mit Augsburg, das mitten im Kornland liegt, und wo der Preis des Kernen auf 87, des Habers auf 23 1/2 Gulden gestiegen ist. Der hiesige Wohltäfigkeitsvcrein hat von Februar bis Juli 540 Gulden für die Armen verwendet: 60 Gulden betrug das Fruchtgratial, 238 Gulden hat die Bürgerschaft aufgebracht, der Rest wurde vom Heiligen bestritten, dessen Kräfte nicht erschöpft waren. So konnte vor der freudig erwarteten reichen Ernte noch einmal an 50 Bürger Geld ausgeteilt werden, damit sie an den von der Kommune erkauften Früchten etwas abtragen konnten. Am 28. Juli wurde in Stuttgart der erste Wagen mit Roggen festlich bekränzt von 1800 mit Blumen und Kornährenkränzen geschmückten Schulkindern unter Lobgesängen und dem Geläute aller Glocken in die Stadt geführt. In den Kirchen wurden Dankgottesdienste gehalten. Ähnlich wurde auch hier das Dankfest gefeiert. Im August waren es nur noch 11 Personen, die monatliche Unterstützung nötig hatten. Der Herbst ist allerdings wieder schlecht ausgefallen. Am 27. September feierten die Württemberger zum erstenmal mit Freude und Dank gegen Gott den Geburtstag König Wilhelms. Wieviel hatte er schon für das Wohl des Landes getan! Er hat den üppigen Hofhalt vereinfacht, Gefangene begnadigt, die geheime Polizei aufgehoben, das Briefgeheimnis und die Preßfreiheit wiederhergestellt. Eine besondere Wohltat für das Land war die Verordnung, daß alles Wild außerhalb der Wälder abgeschossen werden dürfe und Schwarzwild nur noch in eingehegten Parken gehalten werden solle. Und als sein Verfassungsentwurf auch abgelehnt wurde, erklärte er, er werde das Volk doch in den Genuß der ihm zugedachten Rechte setzen. So ordnete er die Wahl von Gemeindedeputierten (Bürgerausschuß) an, durch die die Gemeinden vor Übergriffen und Ungerechtigkeiten des Magistrats geschützt werden sollten. 

Am 31. Oktober, einem Werktag, wurde die Jubelfeier der Reformation begangen. Des Pfarrers sechsjähriges Büblein trug eine Bibel vor der Prozession der Schulkinder her, der sich am Rathaus der Magistrat anschloß. Der Gottesdienst begann mit einem Wechselgesang zwischen einem Mädchenchor auf der Orgel und einem Knabenchor am Eingang der Kirche. Die Bibel wurde auf den Altar gelegt. Hinter demselben war das lebensgroße Kruzifix wieder aufgerichtet, auch die von Bürgermeister Koch gestiftete Pfarrerstafel wurde ergänzt und wieder aufgehängt. Am Himmelfahrtsfest hatte nämlich der Blitz in den Kirchturm eingeschlagen und ihn an mehreren Orten beschädigt. Auf das hin wurde ein Blitzableiter angebracht und dann auch das Innere der Kirche auf das Reformationsfest erneuert, die bunte Vertäfelung der Emporkirche und die Kirchenstühle wurden gleichmäßig mit silberner Leimfarbe gestrichen. Im Sommer 1818 wurde vom Kirchenkonvent eine Industrie« und Arbeitsschule ins Leben gerufen, besonders für Mädchen, die nicht auf dem Felde zu arbeiten hatten. 60 Mädchen meldeten sich, auch auswärtige, die dann statt 15 Kreuzer 20 im Monat zu zahlen hatten. Die Lehrerin sollte in den Sommermonaten 20, im Winter 12 Gulden monatlich erhalten. Was nicht durch Schulgeld einging, hatte der Heiligenpfleger draufzulegen. An Stelle Keefers war Johann Jakob Hammer zum Heiligenpfleger gewählt worden. Am Andreastag wurde vor dem Feiertagsgottesdienst das fünfzigjährige Amtsjubiläum des ehrwürdigen Schulmeisters Schönlin festlich begangen und ihm in Gegenwart des Kirchenkonvents und der gesamten Schuljugend vom Pfarrer die ihm vom König zuerkannte goldene Verdienstmedaille überreicht. Seit 1775 unterrichtete er die Untertürkheimer Jugend. Er wohnte im eigenen Haus. Wegen seines Alters und eines Augenleidens wurde in der letzten Zeit ein dritter Provisor angestellt. Sein Gehalt 

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Blick gegen Obertürkheim

betrug 514 Gulden, nämlich 337 Gulden Schulgelder, 25 Gulden für den Organistendienst und 152 Gulden Mesnereieinkommen. Durch ein Organisationsdekret wurde das Land in 4 Kreise und 64 Oberämter eingeteilt. An der Spitze stand jetzt neben dem Oberamtmann, früher Vogt, der Oberamtsrichter. Die Selbstverwaltung der Gemeinden wurde ausgedehnt, ein Stiftungsrat unter dem Vorsitz des Pfarrers und Schultheißen eingesetzt. Vor allem aber wurden durch Vereinfachung des Gemeinderechnungswesens und der freiwilligen Gerichtsbarkeit „dem allgemein verhaßten Lindwurm (dem Schreibertum) die Zähne ausgebrochen". Die Stadt und Amtsschreiber hatten das Monopol auf alles, was zu Schreiben war. Sie hielten sich 20-30 Schreibersubjekte, die alle Kaufbriefe, Testamente und Verträge in Stadt und Land ;u schreiben hatten. Dabei fehlte es den Schreibern an jeder Bildung. Es konnte jeder Schreiber werden, den ein Prinzipal annahm. Durch Sparsamkeit und Vereinfachung der Ausgaben wurden die Steuern vermindert und doch die Abzahlung der Staatsschulden ermöglicht. Am 9. Januar 1819 wurden der König und das ganze Land von schwerem Leid betroffen durch den Tod der allgeliebten Landesmutter, die ihre ganze Kraft und ihr ganzes Herz dem Dienst ihres Volkes, vor allem den Armen und Notleidenden geweiht hatte. Zu einem aus Kornähren geflochtenen Kranz war der Vers gefügt : 
Nimm, o Verklärte, die du früh entschwunden, nicht Gold noch Kleinod war dazu verwendet, auch nicht aus Blumen ist der Kranz gebunden (in rauher Zeit hast du die Bahn vollendet), aus Feldesfrüchten hab' ich ihn gewunden, wie du in Hungertagen sie gespendet, ja gleich der Ceres Kranze flocht ich diesen, Volksmutter, Näherin, sei mir gepriesen! 

Am 7. März wurde im ganzen Land ein Trauergottesdienst gehalten mit dem Text: „Die Liebe höret nimmer auf." Die bleibende Ruhestätte wurde die Kapelle auf dem Rotenberg, zu der König Wilhelm am 29. März 1820 den Grundstein legte, nachdem er das Schlossgebäude, das ein niederer Wall, ein tiefer Graben und drei Ringmauern umgaben, von Grund aus hatte abbrechen lassen. 

Im Jahr 1816 starben hier 21 Kinder am Krampfhusten. Die Kindersterblichkeit war fortgesetzt sehr groß; sind doch im Jahre 1814 in einem halben Jahr allein 31 Kinder an Masern gestorben. Aber auch unter den Hochbetagten haben die letzten Jahre besonders aufgeräumt.[pag174]10 Gemeindeglieder im Alter von 80—85 Jahren sind heimgegangen, unter ihnen der achtzigjährige Rat, Keller- und Amtmann Johann Friedrich von Heller. Im Jahr 1766 ist dieser würdige und rüstige Greis der Nachfolger des Amtmanns Wolff geworden und hat 50 Jahre lang der Gemeinde treu und fleißig gedient. Kurz ehe ihn ein Schlaganfall wegraffte, hat er noch an der Sitzung des Kirchenkonvents teilgenommen. Im Trauerbrief geben ihm seine Angehörigen das Zeugnis: er lebte seinem König, seinem Amt bis an sein Ende. Sich selbst lebte er wenig, um desto mehr den Seinigen. 

Der Landtag machte dem König ein Geburtstagsgeschenk, indem er den Verfassungsentwurf einstimmig annahm, „der Tag, an dem ich ihn unterzeichnen kann, wird der schönste meines Regentenlebens sein", hatte der König gesagt. Die über Deutschland hereingebrochene Metternichsche Reaktion und die das deutsche Volk knebelnden Karlsbader Beschlüsse hatten den Landständen gezeigt, was eine Verfassung wert ist, die Freiheit der Person, des Eigentums, der Presse und des Gewissens zusichert und den Ständen Mitwirkung bei Steuererhebung und Gesetzgebung gewährt. Am 15. April 1820 verheiratete sich der König mit Pauline Therese Luise, der zwanzigjährigen Tochter seines Oheims Ludwig. Als der König von Warschau zurückkehrte, wo er vergeblich vor den Herrschern von Rußland, Österreich und Preußen gegen die Entrechtung des deutschen Volkes protestiert hatte, wurde er mit solcher Begeisterung empfangen, daß das Volk die Pferde ausspannte und jubelnd den Wagen in den Schloßhof zog, wo Behörden, Bürgerschaft und Schuljugend aufgestellt waren und ein „Nun danket alle Gott" anstimmten. 

Schon am 21. Januar 1820 hot der ehrwürdige Pädagoge Johann Friedrich Schönlin seinen Ruhestand mit der ewigen Ruhe vertauscht. Sein Schwiegersohn Maurer, der bisher Amtsverweser gewesen war, wäre gerne sein Nachfolger geworden und hatte den Bürgerausschuß für sich gewonnen. Der Gemeinderat aber hatte aus den acht Bewerbern drei andere vorgeschlagen und vor allem den Schulleiter Schneider von Alpirsbach der Behörde empfohlen. Er wurde denn auch am 1. Juli' bestätigt, durfte aber erst Anfang November aufziehen. Er war auch imstande, lateinische Privatstunden zu geben. Den Schulbesuch fand er freilich nicht in bester Ordnung. Die bedrängten Verhältnisse, in die die Gemeinde durch zwei harte Fehljahre gekommen war, wirkten auf den Schulbesuch ein, und als das Jahr 1820 reichen Obstsegen brachte, nahmen die Schulversäumnisse so zu, daß man von der Herbstvakanz 8 Tage vorausgeben mußte. Die Industrieschule, die der Bürgerausschuß überhaupt für überflüssig erklärt hatte, wurde 1821 auf 6 Monate vom März an eingeschränkt, und als der Winter 1821/22 sehr mild war, hörten die Feldgeschäfte und damit die Schulversäumnisse fast gar nicht auf. Die große Not veranlaßte viele, ihre Kinder zu einigem Verdienst anzuhalten. Man hat dann den 7 Kindern, die kein Versäumnis haften, eine Prämie von je 3 Kreuzer zugesprochen. Die Kriegsnöte und die Mißjahre brachten es so weit, daß die laufenden Bedürfnisse und besonders die Steuern aus dem Vermögen gedeckt werden mußten, weil das Einkommen einfach nicht reichte. Nirgends war Geld, und wer Geld entlehnte, mußte Wucherzinsen zahlen. Häuser und Grundstücke hatten keinen Wert, und in den öffentlichen Kassen stiegen die Ausstände ins Ungeheure. Die Viehställe leerten sich, und die Zuchthäuser füllten sich. Auf den Straßen aber trieb sich ein Heer von Arbeitslosen und Bettlern umher.

In dieser Notzeit hat nun der Besuch der Privatversammlungen einen unerhörten Aufschwung genommen. Im Jahr 1816 ist die Trennung der Geschlechter vom Konfissorium angeordnet worden. Es waren damals je 20-30 Männer und Frauen. Bis zum Jahr 1821 stieg die Zahl auf gegen 200: 50 Männer, 80 Weiber, 25 ledige Bursche und 35 ledige Töchter. Die 6 Vorsteher waren: Joh. Friedr. Vollmer, Gottlieb Friedr. Warth, Joh. David Schering, Gottfried Paule, Georg Jakob Klotz und Gottlieb Weste. Dazu kamen 6 durch Wahl und Los beigegebene Gehilfen: Johannes Kurtz, Moritz Zaiß, Jakob Friedr. Warth, Andreas Wahl und Johannes Vollmer. Sie kamen am Sonntag nach der Kinderlehre und abends, auch Donnerstag und Samstag abends zusammen und beschäftigten sich mit Betrachtung der Bibel, mit der Sonntagspredigt und mit Liedersingen. Der Pfarrer stand in gutem Einvernehmen mit der „Gemeinschaft", wie sie sich nannten, und diese beschloß aus eigenem Antrieb, das Auslaufen [pag175]in andere Kirchen, besonders nach Korntal, einzuschränken, zumal es bei vielen nur der Neugierde diene. 

Am 6. März 1823 wurde dem König ein Sohn Karl geboren. Die Mitfreude drückten verschiedene Städte durch Stiftungen für arme Kinder aus. Als der König sich geweigert hatte, die Karlsbader Beschlüsse durchzuführen und die freiheitliche Verfassung abzuändern, beriefen zuerst Österreich und dann Preußen und Rußland ihre Gesandten ab, und der König mußte nachgeben; aber er nahm sich vor, alles zu tun, um seinem Sohn die Festigkeit und den Mut einzuflößen, um das Wohl des Vaterlandes als einzigen Lebenszweck zu betrachten. Er selbst sorgte für sein Land schon durch die Einfachheit seines Auftretens. Sein Vater war sechs- und achtspännig gefahren mit großem Troß. Er fuhr zweispännig und kutschierte oft selbst. Weil er ein Gefühl hatte für die, die bisher die schwersten Lasten getragen hatten, schaffte er die Akzise ab und führte eine Besoldungs-» und Kapitalsteuer ein. Bei der Entlassung der Landstände 1821 erklärte der König, daß ihm ihr Rat und ihre patriotische Gesinnung zum großen Nutzen gewesen sei, und dankte für die tätige Mithilfe. Der Präsident aber sprach den Dank, die Ehrfurcht und Liebe zu dem Vater des Vaterlandes aus. Im April 1821 wurde die Einrichtung einer Schullehrerwitwenkasse angeordnet. Eine sehr notwendige Veranstaltung, wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl der Schullehrer nicht mehr als 150-250 Gulden Einkommen hatten und die besseren Einkommen durch den Unterhalt eines Provisors geschmälert wurden. So konnte kaum einer etwas für seine Familie zurücklegen. Verwunderlich ist, daß trotz des wohlgeordneten Schulwesens doch eine ganze Anzahl von Rekruten Analphabeten waren. Aber bei der Häufigkeit der Schulversäumnisse mag es auch vorgekommen sein, daß Kinder überhaupt nicht in die Schule kamen, namentlich in abgelegenen Orten. Und auch hier kam es vor, daß eine Schustersfrau beim Gant ihres Mannes ihre Namensunterschrift abschwur. Schulmeister Schönlin behauptete, sie habe in der Schule geschrieben, sie aber sagte, ihre Schriften haben ihre Mitschülerinnen für sie geschrieben, sie habe nie Schreiben gelernt. Es wurde angeordnet, daß jedes Kind beim Austritt aus der Schule eine Schrift hinterlassen müsse. Nachdem Schulmeister Schneider einen Anfang damit gemacht hatte, wurde vom Kirchenkonvent und Gemeinderat beschlossen, eine ordentliche Kirchenmusik einzurichten. Das Posaunenblasen und Geigenspielen halte die jungen Leute vom Wirtshausbesuch ab. Vom Heiligen sollte etwas ausgesetzt werden zur Anschaffung von Instrumenten, Suiten und Noten. Auch im Singen brachte es Schneider so weit, daß im Gottesdienst ein mehrstimmiger Schülerchor mit der Instrumentalmusik abwechseln konnte und der Gemeinde unbekannte Weisen vorsingen. Den Pfarrern ist aufs strengste eingeschärft worden, daß sie sich in ihren Predigten aller politischen Betrachtungen und Anspielungen enthalten sollen. Dazu war allerdings Veranlassung gegeben, nachdem der König seinen freisinnigen Bundestagsgesandten Wangenheim hatte abberufen müssen. Es wurde dann die Pressezensur wieder eingeführt, und eine besondere Kommission mußte demagogischen Umtrieben nachspüren, die freiheitliche Universitätsverfassung wurde aufgehoben, und die Burschenschaftler, die die verbotenen deutschen Farben trugen, wurden eingesteckt. Der maßgebende Mann im Königreich war jetzt der württembergische Metternich, der Justizminister Maucler. 

Am 30. Oktober 1824 wurden um Mitternacht die Bewohner des Ortes aus dem Schlaf aufgeschreckt durch das donnernde Brausen des Flusses, das Sturmläuten, das von überall her erscholl, das Brüllen des Viehs, das man aus den Ställen ziehen mußte, und das Geschrei der vom Wasser Bedrohten. Als es Tag wurde, sah man, daß zwischen Straße, Baumgut, Acker und Flußbett kein Unterschied mehr war, der Strom lief von Berg zu Berg. Die Untertürkheimer kamen noch glimpflich weg. Dem Zimmermann Neeff riß der Strom Pferd und Wagen fort, und das Haus, in dem G. F. Tübinger und G. J. Keefer wohnten, wurde schwer beschädigt. Dagegen hat der tobende Strom in Cannstatt sich ein zweites Bett gegraben, daß die Stadt vom Verkehr abgeschnitten war, und das Wasser stand an den höchsten Plätzen noch 3 Fuß hoch. 60 - 80 Kufen mit Weinmost wurden fortgeschwemmt. In Heilbronn stand der Pegel 10 Fuß höher als bei der Überschwemmung des Jahres 1817. Obgleich der Herbst recht gering und der Wein fast unverkäuflich war, wurde doch eine Hauskollekte für die Hagel- und [pag176]Wasserbeschädigten veranstaltet, da der Ort vom Hagel verschont geblieben und bei der Überschwemmung besser weggekommen war als die andern Talorte, und sie ergab 84 Gulden 39 Kreuzer, mehr als man bei der gegenwärtigen Geldarmut erwartet hätte. Im Jahr 1825 fiel im März noch einmal eine ungewöhnliche Kälte ein, und dazu kam am 16. Mai eine Frostnacht, die einem Drittel der Weingärtner den ganzen Ertrag vernichtete. Auch das Obst fehlte fast ganz, und so mehrten sich die Fälle, daß bei dem gesunkenen Wert der Güter den Bürgern vergantet wurde. Eine Kollekte bei den vermöglicheren Bürgern wurde dazu verwendet, Brennholz unter die ärmsten Weingärtner auszuteilen. Nachdem der König als vornehmster Weinbergbesitzer 100 Gulden gestiftet, auch das Dankopfer 63 Gulden ergeben hatte, standen 170 Gulden zurr Verfügung und es wurden den Weingärtnern 1/5 oder 1/10 Meß, den gewöhnlichen Hausarmen 10—12 Scheiter ausgeteilt. Das war sehr angelegt; denn im Januar trat so strenge Kälte ein, daß bis zum 2. Februar die Betstunde wegen Kälte ausgesetzt werden mußte. Im Jahr 1828 gab es endlich einmal wieder einen guten Herbst. Im Jahr 1827 hatte es viel Wein gegeben, vom Viertel beinahe 21/2 Eimer, aber es war ein ziemlich saures Gewächs. Im folgenden Jahr aber trugen die Weinberge 4 Eimer vom Viertel, und zwar sehr guten Wein. Um die Verbesserung unseres Weines hatte sich der König bemüht, indem er seit 1822 Rieslingreben anpflanzen ließ, die in dem schlechten Jahr 1824 immerhin 1 Eimer vom Viertel trugen und einen Wein gaben, der mit 73, das Jahr vorher mit 80—90 Gulden bezahlt wurde. Mit diesem Riesling veredelt, sollte unser Wein seinen alten Ruhm wiedererlangen. Als im Winter 1828/29 sehr strenge Kälte eintraf, stieg die Zahl der Bedürftigen trotz dem guten Herbst. 1825 wurde das herrschaftliche Fruchtgratial an 68 Bedürftige ausgeteilt, 1827 schon an 97 und im Winter 1828/29 vollends an 119. Es wurden 4 Meß Tannenholz verteilt; aber was war das unter so viele? Es war ja auch bei den Geldunterstützungen so, daß einer Witwe wegen Krankheit statt 30 Kreuzer 1 Gulden, also 2 Kreuzer für den Tag gereicht, einem Ehepaar wegen großer Armut und Gebrechlichkeit auf 48 Kreuzer für den Monat aufgebessert wurde. 

Im Jahr 1828 fand einmal wieder eine Hebammenwahl statt, nicht durch den Kirchenkonvent, sondern durch alle Ehefrauen unter 45 Jahren. Es wurden an Stelle der Verstorbenen 2 gewählt, so daß der Ort mit über 2000 Seelen 3 Hebammen bekam, da ja auf 1000 Seelen eine kommen sollte. Sie wurden dann zur Ausbildung in die Hebammenschule des Katharinenspitals geschickt. Am 21. April 1830 wurde der erweiterte Friedhof mit der Beerdigung der neunzigjährigen Anna Elisabeth Doh geb. Schwarz eingeweiht. Die Kapelle von St. Wendelin war seinerzeit um 304 Gulden verkauft worden, nur ein Gewölbe, in dem Tragbahren untergebracht wurden, blieb in Benützung. Amtmann Brodbeck und die bürgerlichen Kollegien bestritten, daß diese Kaufsumme zum Grundstock des Heiligen gehöre. Die Gemeinde zahlte nun den Platz mit 305 Gulden, und der Heilige mußte die Ummauerung mit 684 Gulden leisten, der Stiftungsrat hätte einen Teil der Kosten übernommen, aber der Bürgerausschuß war einstimmig dagegen. Durch die Erweiterung wurde der Kirchhof von etwa 20 a auf 1 Morgen 1 Achtel, also etwa 40 a vergrößert. Der Winter 1829/30 war noch strenger als der vorhergehende. 14 Wochen dauerte die Kälte, die bis zu 23 Grad stieg, mit wenigen Tagen Tauwasser bis Anfang März. Es wurden in diesem Winter 18 Meß Tannenholz ausgeteilt, das Meß zu 12 Gulden, in Portionen von je 5 Scheitern, 180 auf 1 Meß. Das Jahr der französischen Julirevolution 1830 brachte auch bei uns allerlei Erregung, Spannung und Unzufriedenheit, besonders infolge der Unterdrückung freier Meinungsäußerung durch die Pressezensur. Auch in kirchlichen Kreisen regte sich der Wunsch nach einer freien, selbständigen Kirchenvertretung in einer Synode, auch wurde eine Gesamftingabe um die in der Verfassung verheißene Ausscheidung des Kirchenguts geplant. Aber ein „auf besonderen Befehl" ergangener Konsistorialerlaß gestand der Geistlichkeit als solcher keineswegs die Befugnis zu, in dieser Angelegenheit, die sie nicht mehr angehe als alle anderen, mit einer Kollektiveingabe von Amts wegen aufzutreten. Die untergeordneten Kirchendiener seien keineswegs zur Vertretung der Kirche, sondern allein zur Befolgung der von der Kirchengewalt ausgehenden [pag177

Eisgang 1893 

Anordnungen berufen. Am 27. Juni wurde das dreihundertjährige Gedächtnis des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses gefeiert. Am Morgen zog der Schulmeister mit den Kindern und der Kirchenmusik auf den Berg, und von dort sangen sie unter Posaunenbegleitung ihre Lieder. Die Kirche wurde auf das Jubelfest frisch geweißnet und mit dem neuen amarantroten Gedeck, das der Stiftungsrat angeschafft hatte, geschmückt. Mit dem Gottesdienst war die Feier des Abendmahls verbunden. Die Scharwache war besonders instruiert, für Ruhe und Stille an dem Festtag zu sorgen. Vorbereitet war das Fest durch Vorträge am Sonntagnachmittag zu näherer Erklärung der Augsburgischen Konfession. 

Der Herbst des Jahres 1830 brachte wenig, aber ziemlich guten Wein und einen besonders reichen Obstsegen. Bei der Einweihung des Landhauses Rosenstein lud der König etwa tausend Gäste aus allen Ständen ein. Durch die Vollendung der Soleleitung von Wilhelmsglück bis Hall ist nun Württemberg vollends ein an Salz reiches Land geworden, das Salz ausführen kann. Im November 1831 wurden die Gemüter geängstigt durch die drohende Cholera, zu deren Bekämpfung auf Befehl der Regierung eine Kommission eingesetzt wurde. Doch mußte dieselbe glücklicherweise nicht in Tätigkeit treten. Eine größere Aufregung brachte die Landtagswahl, die vom 15. bis 19. Dezember vorgenommen wurde. Verfassungswidrig war nicht bloß die Zensur, die von den anderen Mächten erzwungen worden war, sondern auch das Verbot der konstitutionellen Vereine und die Anordnung der Wahltermine, die so getroffen war, daß die .Regierung ihre Kandidaten, wenn sie in dem einen Bezirk durchfielen, in einem anderen zur Wahl stellen konnte. Als der Landtag gewählt war, wurde er nicht einberufen. Das führte zu der Boller Versammlung im April, deren Erklärung von der Zensur gestrichen wurde. Seit 1824 war die Zensur auf alle Tagblätter und Zeitschriften ausgedehnt, und der Hochwächter (später Beobachter) bot einen seltsamen Anblick, wenn bald ganze Seiten leer, bald ein Artikel mit größeren oder kleineren Zensurlücken durchsetzt war. Die Fesselung der Presse, die der Minister wunderbarerweise bestritt, mehrte natürlich die Erregung der Gemüter, und auf dem Hambacher Fest am 27. Mai 1832 kam es zu republikanischen Kundgebungen. Zu solchen aufrührerischen Reden trug die Not der Zeit nicht wenig bei. Die Industrie hatte zwar nicht wenig zugenommen. In Stuttgart mit seinen 35 000 Einwohnern arbeiteten in 17 Fabriken etwa 600 Leute, in Cannstatt in 8 Fabriken 460, und in Eßlingen gab es 7 mit 640 Arbeitern. Aber wenn auch von Untertürkheim der eine oder andere hier Verdienst fand, so war doch der Haupterwerb die Landwirtschaft. War doch auch die Residenz noch so ländlich, daß viele kleine [pag178]Häuser mit Kolben türkischen Korns (Welschkorn) umhängt waren, und im Herbst duftete die ganze Stadt nach Wein oder Apfelmost. Als im Frühjahr die Getreidepreise auf eine unerhörte Höhe stiegen und die vorjährigen Kartoffeln nicht mehr recht genießbar waren, suchte man durch kleine Geldanleihen, durch Arbeiten an der Straße und sonst zu helfen; aber endlich mußte man doch beschließen, schon um dem Hausbettel der Kinder wehren zu können, jede Woche Brot und Kochgeräte, die man wegen der Choleragefahr angeschafft hatte, auszuteilen. Mit dem Monat Juni war Pfarrer Pfister, der es zum Prälaten gebracht hat, abgezogen, und in einer Sitzung, die Pfarrverweser Pfähler am 26. hielt, meldeten sich 136 Unterstützungsbedürftige, die dann wöchentlich 2 Pfund Brot auf den Kopf erhielten, ebenso ein Quantum Kochgeräte. Bis zum 2. August wurde diese Austeilung fortgesetzt, inzwischen war am 12. Juli die Gemeinde in Schrecken und Betrübnis versetzt durch den Tod des Pfarrverwesers, der mit einem Freund beim Baden im Neckar ertrank. Ende Juli traf Pfarrverweser Bühler an seine Stelle, nachdem am 29. Prälat Pfister seine Abschiedspredigt gehalten hatte. Pfarrer Pfister ist es gewesen, der vor seinen Studierstubenfenstern, wo früher die Besoldungsreisachbüschel aufgehäuft gelegen waren, ein hübsches Gärtchen (die Terrasse) angelegt hat, das dem mit Maulbeer- und anderen fruchtbaren Bäumen bepflanzten Kirchplatz einen freundlichen Abschluß gab. Sein Vorgänger, Pfarrer Busch, hatte an der Mauer der Terrasse eine Kammerz angelegt. Im Jahr 1833 starb der Sohn des verdienten Schulmeisters Schneider am Scharlachfieber. Er hatte 4 Jahre lang seine Klasse, die mehr als 100 Schüler zählte, zu voller Zufriedenheit unterrichtet, auch sich um einen taubstummen Schüler treulich angenommen. Die Schule war überhaupt in diesen Jahren in gutem Zustand. Einmal heißt es: „Die Schüler sind aufgeweckt, lernbegierig, ehrliebend und anständig in ihrem Äußeren. Es herrscht durchgehends Ordnung. Die Schüler halten einander selbst in Aufsicht. Die Oberklasse hat viererlei Schreibhefte zum Schön- und Diktiersschreiben, Aufsatz und Predigt nachschreiben. Religionsfragen werden von den Ältesten auch schriftlich gut beantwortet. Sorge für Zurückgebliebene ist nicht mehr so nötig wie früher." Ein andermal: „Es wird fertig, schön und richtig gelesen, die Handschriften sind bis weit hinab eigentliche Schönschriften mit festen, reinen und regelmäßigen Formen. Der vierstimmige Gesang läßt sich mit Vergnügen hören." Der Sängerchor der Schüler, durch ältere Personen erweitert, übte Dienstag und Freitag abend und eröffnete an Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst. An Festtagen kam noch die früher übliche Instrumentalmusik dazu, und die Posaunen begleiteten jeden Sonntag den Gemeindegesang. Bei den Schulvisitationen wurden Geldprämien ausgeteilt, und die schreibenden Schüler bekamen zwei Bogen Papier und zwei Federkiele.

Als am 15. Januar 1833 der Landtag endlich eröffnet wurde, erschien der König nicht, weil er nicht wollte, daß Paul Pfizer, der für die Führung Preußens unter Ausschluß von Österreich eingetreten war, den Eid in seine Hand ablege. Pfizer brachte dann eine Motion ein. „Statt der Preßfreiheit haben wir Zensur, statt freier Volksbewegung Verbot der Vereine, ja der Sitten." Vor Beratung derselben erschien eine Königliche Erklärung, die verlangte, daß die .Motion mit „verdientem Unwillen verworfen" werde. Die Kammer aber nahm mit 53 gegen J1 Stimmen eine Adresse Uhlands, des Abgeordneten von Stuttgart, an, die sich dagegen verwahrte, daß in den Gang der Verhandlungen eingegriffen und sogar noch eine bestimmte Gemütsstimmung angesonnen werde. Nun wurde der „vergebliche Landtag" aufgelöst. Vom 22. Mrz bis 12. Mai hat die Zensur dem „Beobachter" zwölfmal ganze Artikel gestrichen. Ein Konsistorialerlaß verbot den Geistlichen, besonders den Vikaren, jede Einmischung in die Wahlangelegenheiten aufs ernstlichste. Die Wahl geschah durch Wahlmänner, die zu zwei Dritteln von den Höchstbesteuerten, zu einem Drittel von den übrigen Steuerpflichtigen gewählt wurden. Die Abstimmung geschah durch Wahlzettel mit der Unterschrift des Wählers. Am 21. Mai wurde der neugewählte Landtag eröffnet. Uhland hatte, weil ihm der Urlaub verweigert wurde, seinen Abschied aus dem Staatsdienst genommen, der ihm „sehr gerne" erteilt wurde. Auch der neue Landtag nahm mit 64 gegen 27 Stimmen den Antrag auf Aufhebung der Zensur an. Auch die mit Nein Stimmenden wollten nicht Anwälte der verhaßten Knebelung [pag179der Presse sein. Die Demokraten fanden, bei dieser Abstimmung habe der Zeitgeist Wunder getan. Einen Erfolg hatte sic freilich nicht. In diese unerfreulichen Händel trat als erfreulicher Lichtblick und Vorbote einer besseren Zukunft der Abschluß des Deutschen Zollvereins, der mit 64 gegen 22 Stimmen beschlossen wurde. Man fürchtete, daß „unser Vaterland mit den auf Not und Elend der untersten Klassen gebauten Industrien verwickelt" werde; aber der Anschluß war zum „unvermeidlichen Schicksal" geworden. Und es war ein großer Augenblick, als mit dem letzten Glockenschlag des Jahres 1833 sich die Schlagbäume hoben, die Rosse anzogen und es unter Jubelruf und Peitschenknallen vorwärts ging durch die von Maut und Zoll befreiten Lande. Zwei Gesuche um Genehmigung einer Apotheke in Untertürkheim von dem Stuttgarter Pharmazeuten Eduard Ludwig und von dem Pharmazeuten Rudolf Brodbeck aus Untertürkheim beschied das Ministerium abschlägig. 

Am 17. August 1834 hielt Pfarrer Magister Johan August Schmid seine Antrittspredigt. Er richtete alsbald seine Bemühungen darauf, dem überhandnehmenden nächtlichen Unfug ein Ende zu machen, und den Besuch der Kinderlehre und Sonntagsschule wieder in Ordnung zu bringen. Der ungewöhnlich gute Herbst des Jahres 1834, da es sehr viel sehr guten Wein gab, mag dazu beigetragen haben, daß die Jugend etwas wilder war; wenigstens wurde die Martinivisitation erst am 4. Dezember gehalten, weil man den durch die Herbstfreuden zerstreuten Schülern Zeit lassen mußte, sich zu sammeln und ins alte Geleise zu kommen. Die Klasse des Schulmeisters Schneider hat das Lob, daß fertig und mit Ausdruck gelesen und gewandt gerechnet wird. Für den Religionsunterricht zeigten die meisten Kinder viel Interesse, das religiöse Gefühl war vom Lehrer geweckt, und die Freude um Schulbesuch zeigte sich an der geringen Zahl der Schulversäumnisse. Die im Jahr 1818 eingeführte Industrie- und Arbeitsschule hatte schon 1821 wieder aufgehört. 1823 wurde sie wieder eröffnet, nachdem 50 Mädchen sich dazu gemeldet hatten. Es wurden zwei hiesige Lehrerinnen dafür gewonnen. 1835 wurde die Strick- und Nähschule fast gar nicht mehr besucht, und erst auf eine Mahnung der Zentralleitung hin wurde der Witwe Neef, die zum Unterricht, namentlich im Nähen, nicht recht fähig war, April 1836 eine tüchtige Kraft in der Tochter des Gesundheitsgeschirrfabrikanten Gastegger beigegeben. Am 29. September 1836 wurde das neue Schulgesetz veröffentlicht. Als bei der Beratung desselben der Antrag Deffners, die Sonntagsschulpflicht der Mädchen auf das sechzehnte Jahr herabzusetzen, 43 Stimmen bekam, erschien ein Gedicht: 

Die 43 sollen leben, die ihre Stimme uns gegeben, ihr Name glänzet frisch und grün, solange Schwabenmädchen blühn. 
Bei Buben lass ich mir's gefallen, wenn sie bis zum 18ten Jahr noch in die Sonntagsschule wollen, denn diesen schadet es kein Haar. 
Sie reifen später, und auf Ehre! käm' mancher nicht in unsre Lehre, er bliebe tölpelhaft und stumm und wohl auch gar sein Lebtag dumm. 

Durch das neue Gesetz wurden die Schullehrergehälter immer noch nicht auf die Höhe niederer Staatsbeamter gebracht. Bei größeren Orten betrug das Gehalt 350, bei 2000-4000 Seelen 300, bei 60 und weniger Schulkindern 200 Gulden. Der Unterlehrer bekam 150 Gulden. Als Höchstzahl der Schüler einer Klasse wurde 90 festgesetzt. Infolge davon sollte unsere Gemeinde eine vierte Lehrerstelle errichten und dann auch ein viertes Schulzimmer erstellen. Die Gemeinde kam nun darum ein, daß ihr ein Termin bis 1. April 1839 verwilligt werde, da sie erst 1817 für den Schulhausbau einen Aufwand von 7000 Gulden gemacht habe. Daß auch in unserem Weingärtnerort Industrie und Gewerbe sich allmählich ausbreiteten, beweist der Geschirrfabrikant Gastegger und der Optiker Berner, der so viel Arbeit hatte, daß er seine fünf neukonfirmierten Lehrlinge, Beurer, Uhl, Zwicker, Hammer, Hahn, auch am Sonntag arbeiten ließ; er versprach aber dem Kirchenkonvent, es nicht mehr zu tun und die Buben auch in die Freitagskinderlehre zu schicken, für die sie im ersten Jahr nach der Konfirmation verpflichtet waren. Im Dezember 1836 beschloß der Wohltätigkeitsverein, bei Eintritt strenger Kälte [pag180] 3 Teppiche und 17 Paar Strümpfe an Bedürftige auszuteilen. Da die Cholera wieder drohte, wurden 5 männliche und 6 weibliche Krankenpfleger unterschriftlich verpflichtet und eine Cholerakommission gewählt, bestehend aus Pfarrer Schmid, Dr. Stimmel, Amtmann Brodbeck und den Bürgern Wünsch, Hammer, Kloz, Diener, Warth, Münzenmayer, Vollmer, Steinle und Weste. In Berlin hat die Cholera 1837 in 2 Monaten über 2000 Menschen hingerafft. Auch wurde 1837 eine Liste von 12 Knaben und Mädchen aufgestellt, denen, wenn ihre Eltern nicht dafür sorgen, zu einem ordentlichen Gewerbe oder Dient geholfen werden sollte. 

Als der neue König von Hannover die Verfassung seines Landes einfach aufhob und 7 Professoren der Universität Göttingen mit Entziehung des Gehaltes entließ, weil sie ihm den Eid verweigerten, gab es große Aufregung in ganz Deutschland. Die Elbinger sprachen ihrem Landsmann, Professor Albrecht, ihre Teilnahme aus, wurden aber vom preußischen Minister Rochow angefahren: Dem Untertanen ziemt es nicht, an die Handlung des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen (daher der „beschränkte Untertanenverstand"). Der Bundestag, in dem Österreich und Preußen maßgebend waren, wagte nicht, gegen den Rechtsbruch aufzutreten, dagegen stellte König Wilhelm einen der Entlassenen, Ewald, in Tübingen an. Später stellte der Hannoveraner den König einmal zur Rede: „Warum haben Sie den Professor angestellt, den ich fortgejagt habe?" „Eben deswegen", war die lakonische Antwort. Die württembergische Kammer nahm mit 82 gegen 2 Stimmen eine Erklärung an, daß durch den Rechtsbruch des Königs erst August der Rechtszustand in ganz Deutschland gefährdet sei. Zu gleicher Zeit hat der Herzog von Koburg das monarchische Prinzip gefährdet durch 15 Millionen Sechser, mit denen er nicht bloß seine Untertanen, sondern ganz Deutschland betrog, und die durch den deutschen Münzvertrag abgeschätzt werden mußten. Als am 8. Januar 1838 die Untertürkheimer Stiftungsratskasse gestürzt wurde, fanden sich an abgeschätztem Geld 26 Sechser und 30 Groschen vor, die mit einem Verlust von 1 Gulden 28 Kreuzer eingewechselt werden mußten. Der damalige hiesige Arzt Dr. Stimmel brachte die "Bitte um Konzessionierung einer Apotheke in Untertürkheim sowohl 1838 als auch wieder 1839 vor. 

Anfang 1838 traf ein außerordentlicher Landtag zusammen, um über die Strafgesetzgebung zu beraten. Minister Schlayer eröffnete ihn mit einer Rede an die durchlauchtigsten, durchlauchten, erlauchten, hochgeborenen, hochwohlgeborenen, hochwürdigen, hochzuverehrenden Mitglieder. Mit 50 gegen 33 Stimmen wurde die Öffentlichkeit des Strafverfahrens abgelehnt, die Todesstrafe und die körperliche Züchtigung (nun nicht mehr als 50 [fünfzig!] Streiche) beibehalten. Die Strafen sollten nicht erziehen, sondern abschrecken. Schott, Pfizer, Uhland und Römer erklärten, daß sie keine Wahl mehr annehmen. Der neugewählte Landtag enthielt dann fast lauter Staats- und Gemeindebeamte und 20 Schultheißen. 

Nachdem die Schonfrist für Errichtung einer vierten Schulstelle 1839 abgelaufen war, kamen die bürgerlichen Kollegien darum ein, daß der einfache Abteilungsunterricht eingeführt werden dürfe, da ja die Schülerzahl nur um 13 mehr als dreimal 90 betrage. Im Jahr 1840 wurde Joh. Michael Rümelin als Polizeidiener mit einem Gehalt von 36 Gulden angestellt. Er war ein hiesiger Bürgersohn und hatte im griechischen Heer gedient. Mit 40 Jahren war er krank und abgerissen in die Heimat zurückgekehrt. Im Armenbaus behagte es ihm aber nicht sehr, und so suchte er als gelernter Schreiner Arbeit in der Schweiz, kehrte aber 1838 zurück und wurde im Armenhaus verköstigt und zu leichten Arbeiten angehalten. Er machte sich aber wieder auf die Wanderschaft, bis er von Tusslingen im Schub zurückgebracht wurde. Da er bei Metzger Stierlen um 8 Kreuzer täglich, also 48 Gulden jährlich, in Kost gegeben worden war, wurden ihm zu seinem Gehalt noch 12 Gulden Unterstützung zugelegt. Nach 2 Jahren mußte er den Dienst aufgeben und ist 1843 gestorben. Bei ihm hat's wirklich geheißen: „Was ist mein ganzes Leben von meiner Jugend an als Müh' und Not gewesen !" er hat im Jahr 1840 den Umzug aus dem alten ins neue .Rathaus mitgemacht. 1840 wurde endlich die Genehmigung zur Errichtung einer Apotheke für Untertürkheim erteilt. Ins alte Amtshaus kam die Apotheke, die bisher im Außendorf gewesen war, und die Metzger, die im Erdgeschoß ihre Läden hatten, mußten weichen. 

[pag181]Das ganz unmotivierte Kriegsgeschrei der Franzosen, dieser ewigen Unruhestifter Europas, hat die Gemüter in diesem Jahr sehr erregt. Und als die alte freche Forderung der Rheingrenze wieder laut wurde, erwachte in Deutschland die Vaterlandsliebe, und mit Begeisterung sang man : „ Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie rote gierige Raben sich heiser darnach schrei'n." 

Die alte Linde wurde gefällt

Am 28. September 1841, seinem sechzigsten Geburtstag, wurde das fünfundzwanzigste Regierungsjubiläum des Königs gefeiert. Unter Kanonendonner und Glockengeläute bewegte sich ein Festzug von mehr als 10 000 Teilnehmern durch die festlich geschmückte Stadt. Auf einem rotsamtenen goldverzierten Kissen wurde von Stadträten der drei Städte Stuttgart, Tübingen und Ludwigsburg die Urschrift der Verfassungsurkunde getragen. 23 Wagen führten die verschiedenen Berufsarten und Erwerbszweige vor. Ein Wagen, auf dem auch Untertürkheimer waren, zeigte die Weingärtner mit Keltern beschäftigt. Die Stuttgarter Weingärtnersöhne marschierten einher, mit Grashalmen Musik machend. „Sie walleten höchst vergnüglich einher in ihrem Teil und blättelten ganz vorzüglich: „Heil unsrem König, Heil!" Den Schluß des Zugs bildete ein „Nun danket alle Gott", von der ganzen Menge gesungen. Am Abend wurde auf der Prag ein Feuerwerk angezündet, und rings auf den Höhen durchs ganze Land hin flammten die Freudenfeuer auf. Eine kirchliche Feier fand am 31. Oktober, dem Tag seines Regierungsantritts, statt, über Psalm 85, 110 f., wo davon die Rede ist, daß „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen". Bei der Weinlese des Jahres wurde an dem armen Weingärtner Gottlieb Beck ein Bubenstück verübt, indem der Zapfen aus seiner Bütte gezogen wurde, so daß der ganze Herbstseegen, etwa 2 1/2 Eimer, auslief. Auf einen Aufruf, den Pfarrer Schmid zu den Beobachter rückte, kamen 45 Gulden zusammen, und es konnten wenigstens die dringendsten Ausgaben gedeckt werden. Beck starb bald darauf an einer Lungenentzündung. Durch die Liebesgaben wurde sein Glaube an die väterliche Fürsorge Gottes gestärkt und ihm das Sterben erleichtert. 

Anfang Februar 1842 wurde das neue Gesangbuch, das an die Stelle des rationalistischen von 1791 treten sollte, vom König genehmigt. Schon 1838 war der Entwurf ausgearbeitet worden. Wohl hieß es bei den Pietistengegnern, man habe „die rationalistischen Flächen mit mystischen Pflanzen ausgesetzt und mit altertümlichen Floskeln verbrämt", aber doch mußte jedermann zugestehen : evangelischer im ganzen ist das neue Gesangbuch ausgefallen. Am Adventfest wurde es feierlich in Gebrauch genommen und mittags eine Kinderlehre über ein Lied aus denselben gehalten. Die Bekanntmachungen nach dem Gottesdienst vor der Kirche am Rathaus, die schon lange ein Ärgernis gewesen waren, wurden wenigstens auf allgemeine Vorschriften beschränkt; Verkäufe, Steuern, Gante u. dgl. sollten im „Intelligenzblatt" angezeigt werden. Die alte Linde muß gefällt [pag182]Ein Erlaß des gemeinschaftlichen Oberamts ordnete die Abschaffung des Bettels auf den Straßen und in den Häusern an. Es wurde nun beschlossen, daß je zwei Mitglieder des Gemeinderats und des Bürgerausschusses von Haus zu Haus aufzeichnen sollen, was jeder statt der bisher gereichten Almosen an freiwilliger Armensteuer zu geben bereit sei. 173 Gulden 24 Kreuzer kamen so fürs Jahr zusammen, und 14 Familien, bei denen man namentlich dem Kinderbettel wehren wollte, bekamen nun wöchentlich 4 Pfund Brot oder 3 Pfund Mehl auf den Kopf. 

Am 2. Januar 1843 wurde der tüchtige und erfolgreiche Schullehrer Schneider zu Grab getragen. Sein Nachfolger Koch trat erst auf Martini seine Stelle an. Aus Anlaß des Todes des Totengräbers und Kalkanten (Orgeltreters) Firnhaber wurden die Ämter geteilt und Christoph Schönhaar, Bürger, Weingärtner und Veteran, aus 15 Bewerbern zum Totengräber, Christian Hummel, Bürger und Schuhmacher, aus 5 Bewerbern zum Orgeltreter gewählt. Die Stelle der verstorbenen Leichensägerin Höschle wurde aus 12 Bewerberinnen Christ. Magd. Schwarz zugeteilt. Als im Juni die drei unständigen Lehrer mit ihren Klassen einen Spaziergang in die Eßlinger Berge machen wollten und dazu einen Beitrag aus dem Schulfonds erbaten, hielt der Kirchenkonvent es nicht für erlaubt, bei der gegenwärtigen teuren Zeit die Eltern zu Ausgaben zu veranlassen. Dagegen beschloß der Stiftungsrat, ein weiteres Lehrerzimmer und ein Wohnzimmer für einen zweiten Unterlehrer zu erbauen. 

Schon im Jahr 1835, da die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth eröffnet wurde, erging eine Aufforderung zum Bau einer Eisenbahn von Stuttgart nach Cannstatt. Es wurde eine Aktiengesellschaft gegründet. Der Plan, eine Bahn über Ulm nach Friedrichshafen zu bauen, wurde freilich als Hirngespinst bezeichnet: Über die Alb müßte die Linie ja in schwindelnder Höhe an Felswänden hin gleichsam durch die Luft gezogen werden; eine Remstalbahn würde physikalische, nationalökonomische und politische Vorteile bieten. Der Eisenbahnbau wurde das Losungswort der Zeit. Der Landtag wählte eine Eisenbahnkommission, und endlich 1843 wurde mit 48 gegen 26 Stimmen der Eisenbahnbau beschlossen. Unser Landsmann List, der schon 1833 ein deutsches Eisenbahnsystem ausgedacht hatte, versicherte, daß dasselbe nicht bloß sich verzinsen, sondern auch die Mittel zur Herstellung eines Kanalsystems liefern werde. Es wurde nun zunächst die Strecke Cannstatt-Untertürkheim gebaut und am 5. Oktober 1845 die erste Probefahrt gemacht mit der Lokomotive „Neckar", zur Rückfahrt benützte man die Lokomotive „Fils". Eine unabsehbare Menschenmenge war längs der Bahnlinie versammelt, und auch die auf dem Felde Arbeitenden eilten herbei, um das unheimliche Ungetüm, das ohne Pferde den Zug so rasch vorwärts brachte, zu sehen. Am 22. Oktober begannen die regelmäßigen Fahrten, und im November konnte man schon bis Eßlingen fahren; aber im Dezember wurde auch schon das Gefährliche des neuen Verkehrsmittels offenbar. Beim nächsten Übergang nach Untertürkheim fuhr ein Steinwagen trotz Warnung des Bahnwärters über das Geleise. Der Wagen wurde zerschmettert, der Fuhrmann Diener und die Pferde blieben unversehrt, und die Fahrgäste kamen mit dem Schrecken und einem Puff davon. Schlimmer ging es dem Nachtwächter Joh. David Munk. Er fuhr auf der Landstraße neben den Bahngeleisen her auf einem von einer Kuh gezogenen Pflug. Hinter ihm her kam ein mit zwei Rappen bespannter Wagen. Als der Zug vorbeifuhr, wurden die Pferde scheu, das eine bäumte sich und traf den Bauern so unglücklich, daß er an den Wunden starb. Als weitere Errungenschaft der Neuzeit wurde im November in Stuttgart die Gasbeleuchtung eingeführt mit 450 Laternen. Als sie zum erstenmal angezündet wurden, waren Hunderte von Zuschauern auf den Straßen, und eine große Schar Kinder folgte mit Freudengeschrei dem Anzünder von Laterne zu Laterne. 

Hatten sich die Untertürkheimer für diese Neuerungen sehr interessiert, so haben sie weniger teilgenommen an der Aufregung, die Professor Vischer in Tübingen hervorrief. Er hatte in seiner Einstandsrede 1844 pantheistische Wendungen gebraucht, und vier Stuttgarter Pfarrer hielten nun Predigten gegen seine Ketzereien und ließen dieselben drucken. Es wurde ihm dann das Halten von Vorlesungen verboten. Außer Vischer wurde auch noch Professor Robert von Mohl kaltgestellt, weil er der Regierung unbequem war. Gegen 200 Studenten machten eine Demonstration, weil ihnen in einem Jahr zwei ihrer berühmtesten Lehrer entrissen worden [pag183]waren. Erregung und Begeisterung weckte in Stuttgart und anderen Städten das Auftreten des deutschkatholischen Priesters Ronge, das durch die Ausstellung des Heiligen Rocks in Trier veranlaßt war. Unter ungeheurer Beteiligung wurde ein Kongreß der Deutschkatholiken auf der Silberburg gehalten. Freiheit der Religion, Freiheit des Glaubens, Freiheit des Gewissens war die Losung bei der nach Freiheit verlangenden Menge. Etwas Dauerhafteres als der Deutschkatholizismus war der Gustav=Adolf=Verein, der im September seine Hauptversammlung in Stuttgart hielt. „Im Namen Jesu dran, ans Werk der Einigkeit! Hinaus, wo Brüder uns in Drang und Not erwarten!" Zwei Männer haben damals die Aufmerksamkeit der Christen in unserem Lande besonders auf sich abzogen. Pfarrer Blumhardt in Möttlingen, der durch die urchristliche Gabe der Krankenheilung einen ungeheuren Zulauf gewann, und Gustav Werner, der den kühnen Gedanken faßte, die Industrie zu verchristlichen, und in seinen Häusern und Fabriken einen christlichen Kommunismus erstrebte, da alles arbeitete für die gemeinschaftlichen Zwecke des Hauses, verbunden durch die Liebe Jesu Christi. Im „Beobachter" hieß es: Das Symbol der neuen Zeit muß die Liebe sein, sie ist nicht das konservativste, sondern das revolutionärste Ding der Welt. 

Das Jahr 1845 hatte nach einem harten Winter mit über 19 Grad Kälte einen heißen Sommer gebracht, weil aber der Regen zur rechten Zeit fehlte, gab es zum drittenmal einen geringen Herbst. Von da an kam bis 1849 ein guter Herbst um den andern. Hatte man 1844 8 Eimer vom Hektar bekommen, so waren es 1848 fünfmal mehr. Trotz dem heißen Sommer trat aber die Kartoffelkrankheit heftig auf, und die Felder lagen voll mit schlechten Kartoffeln, aus denen man immerhin noch hätte Stärke machen können. So redete man im Jahr 1846 nicht mehr von Freiheit, sondern vom Brotpreis. Mostbrocken und Leirenwein waren bei den armen Weingärtnern das einzige Labsal. Die Handwerker aber hatten keine Arbeit. Wie groß die Not war, zeigt die Zahl der Gantprozesse. 1835 waren es im ganzen Land 727, 1845/46 2397. Als der Büttel in Stuttgart ausschellte, daß jetzt der Brotlaib statt 27 Kreuzer 26 koste, zogen die Kinder jubelnd hinter ihm her: "Jetzt kriegen wir bald wieder satt Brot zu essen !" Nach der Erinnerung einer hiesigen Frau habe die Mutter bei der Mesnerin Geld entlehnt, um Brot zu kaufen, und es mit Milch von ihrem Kühle heimgezahlt. Auch der Bürgermeister habe Ölmehl in der Mühle holen lassen, um das Brot damit zu strecken. Alle Tage habe man Reis gekocht. Der Vater habe die früh reifende Wintergerste gesät, die habe man dann gleich zu Brot vermahlen. 

Der Eisenbahnbau ist im Jahr 1846 fortgeschritten. Der Pragtunnel und der Rosensteintunnel, der große Schwierigkeiten gemacht hatte, wurden fertig und die Strecke mit einem großen Eisenbahnfest eingeweiht. Der Fahrplan wurde dann freilich so ungeschickt entworfen, daß ein Eßlinger vor 10-11 Uhr nicht in Ludwigsburg sein konnte und ein Cannstatter zu Fuß so schnell nach Ludwigsburg kam wie mit der Bahn. Die Zahl der Beschwerden erreichte beinahe die über die Thurn=und=Taxische Post. Ein Brief von Plochingen nach Obertürkheim mußte nach Reichenbach geschickt werden, von da kam er über Eßlingen nach Cannstatt und von dort durch Amtsboten nach Obertürkheim. Bahn und Post haben sich damals offenbar noch nicht gekannt und zusammengeholfen. Im November konnte man von Bietigheim bis Süßen fahren, während au der Geislinger Steige die Felsen gesprengt wurden. Dem Eisenbahnbau ist der größere Teil des Pfarrgartens, der bis zum Neckar hinunterging, zum Opfer gefallen. Weil man nun das Wasser nicht mehr am Neckar holen konnte, hat man von dem Erlös einen Brunnen gegraben um 127 Gulden, die übrigen 400 Gulden sollten mit 4 v. H. verzinst werden, bis ein anderes Stück gekauft werden könnte, was freilich nicht geschehen ist. Im September hielt Kronprinz Karl mit seiner Gemahlin Olga, der Tochter des Zaren Nikolaus, seinen Einzug in Stuttgart. Seine Wohnung nahm er im Rosenstein, bis die Villa Berg fertig war. Im August trat hier an die Stelle des Amtmanns Brodbeck Schultheiß Mäulen. In unserer Schule, die seit 1844 vierklassig geworden war, arbeiteten neben Schulmeister Koch zwei tüchtige Unterlehrer, denen schon 1845 wegen ihres Eifers und der guten Früchte desselben eine außerordentliche Belohnung zugesprochen wurde. Bei der Martinivisi [pag184]tation des Jahres 1846 bewiesen in der Klasse des Unterlehrers Vöhringer treffende Antworten, daß nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Urteilskraft angeregt worden war. Bei Unterlehrer Fladt herrschte viel Lebendigkeit, Bekanntschaft mit der Biblischen Geschichte, und im Rechnen war ein guter Grund gelegt. Provisor Krämer kam mit seiner überfüllten Klasse von 117 Schülern nicht recht zustande. Im folgenden Jahr mußte Abteilungsunterricht eingerichtet werden. In dem harten, schneereichen Winter 1846/47 wurde die Zahl der wöchentlich mit Brot oder Mehl Unterstützten von 14 auf 27 erhöht. Im Frühjahr 1847 stieg der Brotpreis auf 40 Kreuzer. Es wurde wieder Mischung mit Malzteig empfohlen. In Stuttgart gab es am Abend des 3. Mai einen Krawall. Von einem Bäcker in der Hauptstätter Straße hieß es, er habe nicht genug Brot gebacken, weil er auf den Ausschlag warte. Taglöhner, Fabrikarbeiter, Gesellen und Lehrlinge fanden sich zusammen, im Hintergrund Weiber, die auf Gelegenheit zum Plündern warteten. Als das Militär kam, wurden die Staketen der Nesenbachbrücke abgerissen, um sie gegen die Soldaten zu verwenden. Vom Pfeifen und Schreien kam es zum Steinewerfen, und als nun das Militär Feuer gab, wurde ein Schustergeselle tödlich getroffen. Zwischen 9 und 10 Uhr ritt der König mit dem Kronprinzen durch die Straßen, auf denen sich noch das Volk drängte. Zwischen 11 und 12 Uhr war die Ruhe wiederhergestellt. Am andern Morgen wollten alle die Kugellöcher an den Mauern und Türen der Neuen Brücke sehen. Die Straßen waren von Militär und Bürgerwache besetzt. „Wenn dem Bürgertum seine Rechte nicht mehr vorenthalten werden, ist es die beste Sicherheitswache gegen die Zerstörungsgelüste des Proletariats." Der hiesige Stiftungsrat beschloß nun, 300-400 Gulden in kleinen Posten an Unbemittelte gegen Bürgschaft auszuleihen und mit der Brot- und Mehlgabe um 1 Pfund aufzuschlagen. Auf 20. Juni wurde ein allgemeiner Bettag angeordnet, der eröffnet wurde durch das Blasen der Posaunen vom Turm; der Gottesdienst wurde verschönt durch Instrumental- und Vokalmusik, Posaunenblasen und Chorgesang. Die große Hitze des Juli ließ die ersehnte Ernte rasch reifen, und am 2. August wurde sie durch einen Gottesdienst um 10 Uhr feierlich eröffnet. Der Brotpreis sank bis auf 21 Kreuzer. Dagegen fehlten auch diesmal wieder die Kartoffeln. Ganz ungeheuer war aber der Obstsegcn. Von einem einzigen Birnbaum wurden 6 Eimer Most gemacht, ohne Zusatz von Wasser. Außer dem Mosten und Dörren, das die Schnitztruchen auf Jahre hinaus füllte, wurde auch viel Obst zum Schnapsbrennen verwendet. Wein gab es viel, aber der regnerische September ließ die Trauben nicht völlig ausreifen. Eine Eingabe der Stuttgarter Kollegien um Pressefreiheit in inneren Angelegenheiten wurde von Stadtdirektion und Regierung mit einem Rüffel abgewiesen, und doch unterwühlt der die Grundlagen des Staates, der die Opposition als aus gemeinen Beweggründen entsprungen verdächtigt. („Opposition geit Liecht", hat einmal ein Untertürkheimer Stundenmann gesagt.) Am 22. Januar 1848 wurde der Landtag eröffnet. In der Thronrede hieß es, die Teurung sei geendet; bei der Linderung der Not haben die Geistlichen vorangeleuchtet. Allen Versuchen, Unordnung zu stiften, werde der König mit demselben Mut, mit dem er einst gegen den Feind gekämpft, entgegentreten. Als die Ereignisse der Pariser Februarrevolution bekannt wurden, bemächtigte sich aller eine selten erhebende Bewegung. Am 3. März erschien das Dekret, das die Zensur aufhob.

Frisch auf, du deutsche Jugend, du hast noch Mark und Blut! 
Nur Mut ist jetzt noch Tugend, nur Freiheit noch ein Gut. 
Wir haben lang die Schande in uns zurückgepreßt. 
Freiheit dem deutschen Lande! Schmach, wer sein Volk verläßt! 

Am 9. März ernannte der König Duvernoy zum Minister des Innern, Pfizer zum Kultminister, Römer für die Justiz, Goppelt für die Finanzen. Alle Welt war jetzt liberal. Man grüßte, nickte, zog den Hut, wo man sonst wegsah und vorüberging. Im Hohenlohischen kam es zu Bauernaufständen, bei denen die Akten der Standesherrschaften verbrannt wurden. In Weiler verbrannten 300 Bauern alle Papiere auf einer Wiese, dann brachten sie ein schallendes Hoch auf den König aus und zogen ab, arm, wie sie gekommen waren. Diese Königstreue hat der alte Kriegskamerad des Königs, Bartholomäus Warth,, ihm auch bezeugt. Er war gerade [pag185]am Rübenfelgen, als der König in Zivil zu ihm herritt. „Grüß Gott, Herr Warth, ich wollte nach Ihnen sehen und fragen wie es aussieht." „Majestät, ich bürge mit meinem Kopf, daß alles gut königlich gesinnt ist." „Das werde ich den Untertürkheimern gedenken." Ein Schweizer sagte damals: „Alles hat keinen Wert, wenn ihr nicht das ganze Volk mit der Idee der Macht und der Größe Deutschlands zu durchdringen versteht." Die Probe auf die neueingeführte Volksbewaffnung und Bürgerwehr gab der sogenannte Franzosenfeiertag, 25. März 1848. Die ungeheuerlichsten Gerüchte wurden verbreitet und geglaubt, und die Zweifler waren in Gefahr, als Landesverräter behandelt zu werden. Als der Schultheiß von Eschenbach den oberamtlichen Befehl erhielt, mit der waffenfähigen Mannschaft sofort nach Göppingen zu marschieren, meinte er: „Dui Sach wurd et so pressant sei, des wurd's morge au no dau." Der Mut und die Begeisterung, mit der die Scharen auszogen, war groß, ungeheuer der Verkehr mit der Regierung. In Untertürkheim war man ja weit vom Schuß, aber eine Frau erinnert sich doch, daß alles, Mutter und Kinder, zusammen geheult hat. Für die an der Landstraße Wohnenden mag es unterhaltend gewesen sein, wenn alle zehn Minuten ein gelbbefrackter Postillion mit weißen Lederhosen und hohen Stulpstiefeln vorbeisprengte, dann wieder ein Wagen mit Flüchtlingen oder einer mit geflüchteter Habe vorbeifuhr oder eine Kutsche mit einer Deputation an die Regierung. Diese hatte einen Adjutanten nach Karlsruhe geschickt, der im Lauf des 25. mit beruhigenden Nachrichten zurückkehrte. Am Sonntag, dem 26., war der Spuk vorüber. 

Dem Revolutionsfieber, das das ganze Volk in Stadt und Land schüttelte, mag es zuzuschreiben sein, daß in den zwei ersten Monaten in den Klassen der beiden Unterlehrer 15 und 18 unerlaubte Versäumnisse vorkamen und zwei Sonntagsschüler sich sehr störrig, und widerspenstig bewiesen. Unterlehrer Fladt wollte den einen mit Gefängnis gestraft wissen; aber dem Kirchenkonvent war es nicht ums Strafen, sondern um Besserung, und so begnügte er sich mit Verweis und Verwarnung. Der Not suchte man durch kleine Anleihen und Brot- und Mehlerteilung zu steuern und nahm dankbar ein unverzinsliches Anlehen von 200 Gulden an, das die Hirschwirt Lausterers Witwe zur Verfügung stellte. Zum Stiftungspfleger wurde an Stelle von Heinrich Weste Gemeinderat Johannes Kloz auf drei Jahre gewählt und für die Verwaltung der Privatalmosenkasse Kaufmann Fausel. "Bei der erschreckenden Arbeitsund Verdienstlosigkeit erschien vielen der Kommunismus als der einzige Retter, und man wendete ihn zunächst praktisch an, indem jeder nahm, nach was ihn gelüstete, und tat, was er wollte. So haben in der Göppinger Gegend Trupps von 10-15 Mann Holz gefällt, gescheitet und in vierspännigen Wagen abgeführt, und der Förster mußte sich von sechzehnjährigen Buben verhöhnen lassen. Seine Schuldigkeit gegen Staat, Gemeinde oder Private zu erfüllen, galt für dumm. Im hofkammerlichen Weinberghaus, dem „Reibhäuschen", wurde eingebrochen. Der Dieb fand freilich bloß eine Fahne, die er mitnahm und zu einem Kleidungsstück verwendete. Mehr fand ein Einbrecher, der aus der Kapelle auf dem Rotenberg heilige Gefäße raubte. Hier aber stiegen Buben während des Gottesdienstes in den Turm hinauf und nahmen Spatzen- und Schwalbennester aus, mißhandelten auch die jungen Vögel. 

Das Frühjahr über beschäftigte die Wahl der Nationalversammlung die Gemüter. Am 18. Mai 1848 wurde sie in der Paulskirche in Frankfurt eröffnet und Erzherzog Johann zum Reichsverweser gewählt und in einem Festgottesdienst am 11. Juli Heil und Segen auf ihn herabgewünscht. Daß der Waffenstillstand mit Dänemark, durch den Schleswig von Holstein getrennt und Dänemark zugesprochen wurde, doch noch von der Nationalversammlung genehmigt wurde, hatte den Barrikadenkampf in Frankfurt, die Ermordung des Fürsten Lichnowsky und den Einfall Struves in Baden zur Folge. Am 20. September wurde der neugewählte Landtag eröffnet. Als am 23. wegen der Unruhen im Lande das dritte Banner der Stuttgarter Bürgerwehr aufgeboten wurde, ging der König, der eben von Meran zurückgekommen war, in bürgerlicher Kleidung über den Platz, mit lebhaften Hochrufen empfangen. An diesem Tag war in Untertürkheim Faßmarkt, und in Erwartung des reichen Herbstes wurden beinahe 6000 Eimerfässer verkauft. Am Volksfest aber war eine gedrückte Stimmung. Wegen der angekündigten Zuzüge glich Stuttgart einem Kriegslager. Als Robert Blum wegen[pag186]seiner Teilnahme am Wiener Aufstand am 9. November erschossen worden war, wurde ihm zu Ehren ein Fackelzug veranstaltet, der sich über die ganze Länge der Königstraße erstreckte. Im Landtag und im Land wurde heftig darüber gestritten, ob sich der König noch „von Gottes Gnaden" heißen dürfe. Auf Weihnachten bescherte die Nationalversammlung dem deutschen Volk die Grundrechte, die in Württemberg am 17. Januar 1849 bindende Kraft erhielten, während Preußen sie nicht annahm; die andern Staaten folgten meistens dem Beispiel Württembergs. Durch § 23 wurde das Unterrichts- und Erziehungswesen der Beaufsichtigung der Kirche entzogen. Trotz der ablehnenden Haltung Preußens hat die Nationalversammlung am 30. März 1849 eine Deputation von 32 Mitgliedern nach Berlin geschickt, um Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anzubieten. Sie wurde schlecht behandelt und das Anerbieten abgelehnt, dagegen stellte der König das preußische Schwert gegen äußere und innere Feinde zur Verfügung, und als im Mai in der Pfalz und in Baden sich Volk und Heer für die Reichsverfassung erhob, die am 28. März beschlossen worden war, wurde der Aufruhr unter Führung des Prinzen von Preußen, nachmaligen Kaisers Wilhelm, durch preußisches Militär blutig niedergeschlagen. Als die württembergische Kammer mit Zweidrittelmehrheit die Reichsverfassung für gesetzlich bestehend erklärte, verließ der König die Hauptstadt. Um aber Aufstand und Blutvergießen zu Vermeiden, unterschrieb er, wenn auch widerwillig, eine Erklärung, daß er die Reichsverfassung annehme, unter der Voraussetzung, daß sie in Deutschland in Wirksamkeit trete. Eine Versammlung in Reutlingen am Pfingstmontag erklärte Preußen für den Reichsfeind und forderte ein Schutz- und Trutzbündnis mit den Aufständischen. Aber die Nationalversammlung schwand zusammen. Österreich und Preußen beriefen ihre Abgeordneten zurück, und das Rumpfparlament, 103 Abgeordnete, verlegte am 6. Juni seinen Sitz nach Stuttgart. Aber schon am 18. wurde ihnen das Reithaus, in dem sie ihre Sitzungen hielten, vom „Märzminister" Römer gesperrt. 

Während all dieser Unruhen ging das Leben in unserer Gemeinde ruhig seinen Gang. Wegen Kopfleidens hatte Pfarrer Schmid schon 1847 seinen Sohn als Vikar bekommen. Der Vikar hat Männer und Jünglinge versammelt, um sie über die Zeitereignisse zu unterrichten. Es gab auch hier politische Wühler, aber der Kirchenbesuch war gut auch an Bußtagen, und die Privaterbauungsgesellschaft (Stunde) wurde von etwa 200 Mitgliedern besucht. In all dem Drang und der Not der Zeit sind die Mittel zur Anschaffung eines silbernen Kruzifixes zusammengekommen (jetzt im Gartenstadtkirchlein). 153 Gulden wurden gestiftet oder geopfert, die fehlenden 68 sollten durch Festtagsopfer vollends aufgebracht werden. Am meisten empfand man die unruhige Zeit bei der Jugend, namentlich den Sonntagsschülern. Da fehlten drei, weil sie auf der Brücke von ledigen Leuten ausgespottet worden seien, als sie in die Sonntagsschule gingen. Neun andere mußten wegen mutwilligen Schwänzens gestraft werden. Bei zehn Werktagsschülern begnügte man sich damit, den Müttern die Notwendigkeit des Schulbesuchs ans Herz zu legen. Die Errichtung einer Kleinkinderschule, für die schon vor Jahren 200 Gulden Beitrag angeboten wurden, kam der Ausführung näher. Der Stiftungsrat erkannte das Bedürfnis für die etwa 200 Kinder an. Mit Hilfe des Schulfonds, der auf 700 Gulden angewachsen war, und freiwilliger Beiträge im Betrag von 300 Gulden hoffte man sie in dem der Zehntkelter angehängten Weinhaus einrichten zu können. Für die Mehrkosten müßte dann die Gemeindepflege einstehen. Am 2. Juli 1849 kehrte der König nach Stuttgart zurück und unterschrieb das Gesetz zur Wahl einer verfassunggebenden Versammlung nach allgemeinem Wahlrecht. Württemberg hatte fast allein der Reichsverfassung noch nicht entsagt. Aber als am 30. Oktober Minister Schlayer an Römers Stelle trat, wurde der Eid auf die Reichsverfassung gestrichen, und als sich die verfassunggebende Versammlung dagegen und gegen das Fortbestehen der ersten Kammer wehrte, wurde sie aufgelöst. „Als in dem Monat Märzen die neue Zeit begann, da fing im deutschen Herzen auch neu die Hoffnung an. Kaum ging ein Jahr vorüber und schlimmer ward's und trüber, du armes Vaterland!" So hieß es bei den Demokraten. Ein Franzose aber schrieb: „Württemberg wird von einem Herrscher regiert, dessen Weisheit und Festigkeit es durch geschickte Mischung von Milde und Autorität erreicht hat, daß seine Haupt-.[pag187]Stadt weder die Unterdrückung der roten Republikaner noch die Befreiungskanonade der Preußen zu erdulden hatte. "Bei der Landtagswahl im Februar 1850 wurde der Untertürkheimer Schultheiß Mäulen mit 1655 gegen 635 Stimmen seines Gegenkandidaten gewählt. Er war ein konservativer, königstreuer Mann, der auch in den kommenden Notjahren den Notleidenden geholfen hat, so gut er konnte, und nicht wie andere sich bereichert hat, indem er Güter um ein Nasenwasser aufkaufte. Er wurde in den Ausschuß des Konservativen Zentralvereins gewählt. Der neugewählte Landtag wurde schon am 3. Juli wieder heimgeschickt, weil er sich gegen das Fortbestehen des Bundestags und der Kammer der Standesherren sträubte, und ein Ministerium Linden berufen. Bei der Eröffnung der am 21. September gewählten Kammer sagte der Stiftsprediger Klemm in seiner Eröffnungspredigt: „Den Frieden soll man lieben, aber nicht um jeden Preis." Und auf dem im September in Stuttgart gehaltenen Kirchentag war davon die Rede, daß es nicht bloß eine Pflicht des Gehorsams, sondern auch des Widerstands gebe. Die Gegensätze waren unversöhnlich, so wurde der Landtag am 11. November wieder aufgelöst. Bei der Wahl im September hatten im Bezirk Cannstatt von 4498 Wahlberechtigten 1255 für Mäulen, 288 für den Gegenkandidaten und 149 für Se. Majestät den König gestimmt. Es hatten also 2806 nicht abgestimmt. Diese Wahlmüdigkeit des Volkes gab den Vorwand, den neuen Landtag erst im März 1851, und zwar nicht mehr nach dem allgemeinen Wahlrecht, sondern nach dem alten Recht von 1819 wählen zu lassen. Bei der Eröffnungspredigt hatte Stiftsprediger Klemm den Mut, vor dem Streben, das Alte wiederherzustellen, zu warnen. „Die Gewalt der Bajonette tut's nicht, unumgänglich notwendig ist die Gerechtigkeit, die das Recht nicht unter die Füße tritt." Eines hatte die Kammer des Frühjahrs 1850 zustande gebracht: den Zehntablösungsvertrag in sechzehnfachem Betrag. Für Untertürkheim bedeutete er eine Summe von 39554 Gulden, in 25 Jahresraten zu bezahlen, nämlich aus Lehen und Zinsgütern 9747 Gulden, Fronen 274, Hellerzins und Vogthaber 1821, Zehntabgaben 26 064 und Gefälle der Stiftungsverwaltung Eßlingen 1743 Gulden.