Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute (1935)

Ortsgeschichte von Untertürkheim von der Gründung des Ortes bis heute

Von Johannes Lechler

5) 1850-1900

[pag187] Der Winter 1849/50 war sehr schneereich. Am 28. Januar hatte man noch 12 Grad Kälte, dann kam Tau- und Regenwetter und verwandelte das Tal von Untertürkheim abwärts in einen großen See, nach Wangen konnte man nur mit Nachen gelangen. Den jungen Leuten wurde den Winter über eine Art Fortbildungsschule gegeben von Schulmeister Koch und den beiden Unterlehrern, auch Vikar Schmid beteiligte sich daran, „um der erwachsenen Jugend die langen Winterabende auf eine nützliche Weise zu verkürzen". Am 1. Mai wurde die  

 

Alte Neckarbrücke 

[pag188] Kleinkinderschule eingeweiht, und zwar als Privatanstalt, nur für die Einrichtung gab die Gemeindekasse 100 Gulden. In der ersten Begeisterung wurden 100 Kinder angemeldet, später waren es 80-90. Schon damals hat sich Unterlehrer Fladt, der 124 Kinder in seiner Klasse unterrichtete, hervorgetan durch lobenswerte Disziplin und besonders dadurch, daß der Abstand zwischen den ersten und letzten Schülern viel geringer war als in anderen Klassen. Auch hatte er die meisten musikalischen Kenntnisse. Allerdings hatte ihn auch das Konsistorium schon wegen allzu scharfer Züchtigung bedräuen müssen. Im allgemeinen war die Schule in dieser Zeit in recht gutem Zustand. 

Am 7. Juli konnte man in aller Morgenfrühe den Zug durchfahren sehen, der mit vier schön bekränzten Wagen die Fahrt von Stuttgart bis Friedrichshafen machte. In Geislingen wurde die „kolossale" Lokomotive „Alb" vorgespannt, und in Friedrichshafen waren 5000 Gäste versammelt, um den Zug mit Musik, Böllerschüssen und tausendstimmigem Lebehoch zu empfangen. Der Herbst war so, daß die Remstäler hofften, der Wein werde wenigstens einen Most ersetzen. Die rasch eintretende Kälte hatte im Herbst 1849 vielfach das Pflegen unmöglich gemacht, und so war vieles erfroren, und obgleich man mit der Lese bis zum 29. Oktober wartete, war der Wein doch sauer, und sauren hatten die Weingärtner vom Vorjahr noch im Keller, aber lesen mußte man unter Schnee und Regen. Die Kartoffeln waren krank, der Kernen schlug in einem Monat um einen Gulden auf, man sah einem schlimmen Winter entgegen. Bei einem Armengottesdienst am 15. Januar 1851 wurden die neugewählten sieben Armenpfleger eingeführt, und nachher verhandelte man auf dem Rathaus über Vorkehrungen gegen den Handwerksburschenbettel und über die Unterbringung verwahrloster Kinder. Das Osterfestopfer wurde für die Armen bestimmt, und drei Pfarrgemeinderäte und drei Armenpfleger mußten von Haus zu Haus für die Armen sammeln. Am 4. April hatte nämlich die Wahl des neueingeführten Pfarrgemeinderats stattgefunden. Von 365 Wahlberechtigten stimmten immerhin 160 ab. Der Pfarrgemeinderat sollte „die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten besorgen"; aber fast die einzige praktische Aufgabe war die Teilnahme an der Armenpflege. Gewählt wurden Gottlieb Warth, Johannes Wörz, Jakob Zaiß, Gottfried Paule, Gemeindepfleger Warth, Friedrich Strauß, Gottlieb Schwarz, Johannes Münzenmayer. Die Pfarrgemeinderäte bemühten sich, die Sonntagsfeier zu schützen; aber am Sonntagnachmittag kamen sie nicht auf gegen den Strom der Ausflügler, der sich vom Bahnhof in den Ort ergoß, und so ließ der Eifer bald nach. 

Am 1. August stieg der Neckar infolge anhaltender Regengüsse fast so hoch wie 1824. An der Untertürkheimer Brücke hatte sich schon frühe ein Floß quer herübergelegt, und nun häufte sich Hausgerät und allerlei Holzwerk an, bis am Abend die Brücke unter starkem Krachen zusammenbrach. Ein paar Tage nachher wollten drei Männer und drei Weiber auf einem Schiff über den Fluß setzen, mitten im Strom aber fing das Boot an zu sinken, und nur mit größter Anstrengung gelang es den Fischern, die Gefährdeten weit unten ans Land zu bringen. Die Stuttgarter Bötin war dabei und hatte allerlei Bestelltes in ihrem Korb, aber das meiste wurde gerettet. Auch im Jahr 1851 traf die Kartoffelkrankheit wieder auf. Die Frucht war schlecht durch den Winter gekommen, nur Futter gab es genug, daß die Leute wenigstens ihr Vieh behalten konnten. Im Jahr 1851 wurde endlich das Postregal, das 1819 dem Fürsten Thurn und Taxis verliehen worden war, mit 1 300 000 Gulden abgelöst. Jetzt kosteten die Briefe im Inland 3 und 6 Kreuzer, und die Frau, die hier in ihrem Korb die Briefe austrug, mußte auf den Kreuzer, den sie bisher für einen Brief bekommen hatte, verzichten. 

Im Winter 1851/52 stieg die Not immer höher. Alle Geschäfte stockten, niemand hatte Geld zu kaufen oder etwas machen zu lassen. Es gab im Lande Gemeinden, wo bei 1500 Seelen 500 unterstützt werden mußten. Hier wurde die Zahl der „wahrhaft Bedürftigen" auf 72 Familien und Einzelpersonen festgestellt, und in der Woche teilte man 285 Pfund Brot oder 204 Pfund Mehl aus. Die kleinste Portion war 3 Pfund Brot oder 2 Pfund Mehl, die größte bei einer kinderreichen Familie 9 Pfund Brot oder 8 Pfund Mehl. Das gab kleine Stücklein! Dabei bemühte man sich, den Armen Verdienst durch Notstandsarbeit, den Frauen durch Spinnen, [pag189] Stricken, auch Weißsticken zu verschaffen. Der Preis des Kernen stieg von 15 auf 22 Gulden. Bei den Grabarbeiten zum Legen der Gasröhren war ein junger Mann beschäftigt, der 15 Kreuzer Taglohn hatte. Sein Mittagsmahl hielt er mit einem Krug Wasser und einem Laib Schwarzbrot. Ein Laib Schwarzbrot kostete aber beinahe zwei Taglöhne. Drum war das Saubohnenbrot. Die Saubohnen seien angelaufen, man habe sie nicht wegwerfen wollen, sondern gemahlen und verbacken. Es gab längst allerhand Brot. Solches, das aus Mehl und Malzteig gemacht war oder aus Mehl und Zuckerrübenrückständen; das beste mag noch das aus zwei Teilen Mehl und zwei Teilen Mohrrüben gewesen sein. In der Zeit vor der Ernte kehrte die Not auch bei dem Mittelstand ein, bei den nicht ganz Armen, die die Mildtätigkeit ihrer Mitbürger nicht anrufen und der Gemeinde nicht zur Last fallen wollten, während dort alle Vorräte aufgezehrt waren. Als man ernten wollte, kam endloses Regenwetter, so daß man in „den Altwassern", den Äckern am Exerzierplatz, Reiterle aufstellen und einen Rost aus Pfählen machen mußte, um das Korn daran zu lehnen. In einzelnen Äckern stand das Wasser so hoch, daß man in Zubern oder Booten hineinfuhr und die Ähren absichelte. Kein Wunder, daß das neue Mehl nichts taugte und der Teig zum Backofen herauslief, so daß Flaschner Paule Blechkapseln machen mußte statt der Brotkörble. Die Kartoffeln wurden knitz oder nur so groß wie Schneller. Am besten gerieten noch die Rüben und Bodenkohlraben. Die glücklichen Schulkinder, die zum Vesper einen Bodenkohlraben mitbekommen hatten, wurden von den ärmeren bestürmt, ihnen doch auch einen Schnitz zu geben. Als nun aber nach langen Regenwochen das Volksfest unter einem sonnigen Septemberhimmel gefeiert wurde, drängte sich auf dem Wasen eine unerhörte Menschenmenge, und die Tribünen reichten nicht aus für die Schar der Schaulustigen. Ein Schauspiel hatten die Untertürkheimer in diesem Jahr 1852 auch zu genießen. Eines Tags im Frühjahr erschien auf dem Neckar ein schlanker Dampfer, der seinen Weg neckarabwärts nach Heilbronn zu machen suchte, nachdem er von der Maschinenfabrik Eßlingen vom Stapel gelassen worden war. Es war das um dieselbe Zeit da die deutsche Flotte, eine Frucht der Revolutionsjahre, unter den Hammer kam, weil der Bundestag sie nicht über nehmen wollte. 

Ein andersartiges Schauspiel war es für die Untertürkheimer, als während der Weinlese der König zum erstenmal wieder seit 1846 in den Herbst kam und der kleine Prinz Wilhelm mit seinem Butten auf dem Rücken unermüdlich Trauben aus dem Weinberg ins „.Reibhäusler" trug, wo die Trauben gekeltert wurden. Der Herbst war nicht schlecht und vom Wetter begünstigt. Denn auf den regenreichen Sommer folgte ein unglaublich milder Herbst und Winter. Anfang Dezember konnte man Märzveilchen pflücken. Schmetterlinge und Bienen flogen. Im Januar blühten Huflattich und Batenken und allerlei andere Frühlingsblumen, und in der Luft summten die Bienen und geigten die Schnaken. Bis Mitte Januar standen die Schäfer mit ihren Herden auf den Feldern, und an Weihnachten brachte einer einen Strauß reife Erdbeeren heim. Vom 18. J°nuar 1853 an setzte aber der Winter ein mit reichlichem Schneefall. Bis Anfang März hatte man eine Schlittenbahn. Und nun kamen aus den abgelegenen Dörfern Scharen von Bettlern, wahre Jammergestalten, in die Städte und wohlhabenderen Dörfer. Der furchtbare Wolkenbruch, der am 12. Mai 1853 von Rottenburg bis Heilbronn, am heftigsten im Oberamt Göppingen niederging, demolierte hier den Notsteg und überschwemmte das Tal, ohne doch größeren Schaden anzurichten. Am schlimmsten tobte das Unwetter in Rechberghausen , wo ein kleines Bächlein zum Strom anschwoll und 7 Häuser mit 38 Bewohnern einfach wegriß. Ein einziger kam mit dem Leben davon, indem er einen Baumzweig ergriff und sich auf den Baum rettete. Die Untertürkheimer haben dann zum Dank, daß sie so glimpflich davongekommen sind, den Überschwemmten ein Kirchenopfer bestimmt. 

Bei der ersten Kirchenkonventssitzung, die Dekan Heyd, der an die Stelle des pensionierten Pfarrers Schmid getreten war, am 26. November 1853 hielt, waren außer ihm und Schultheiß Mäulen anwesend: Bürgermeister Warth, Gemeindepfleger Warth und Stiftungspfleger Warth. Der Herbst war wieder gering, die Kartoffeln waren krank oder sehr klein, und der Obstsegen konnte den Ausfall aller sonstigen Bodenerzeugnisse nicht ausgleichen. Der Kornpreis stieg [pag190] bis Dezember von 13 auf 25 Gulden 28 Kreuzer. Seinen Höhepunkt erreichte er vor der Ernte des Jahres 1854 mit 31 Gulden 14 Kreuzer. In den Städten wurden Suppenanstalten errichtet. In dem kleinen Murrhardt wurden täglich 250 Portionen ausgeteilt. In Untertürkheim verzichtete man auf diese Einrichtung. Dagegen wurden 28 Kinder zur täglichen Verköstigung unter wohlhabendere Familien verteilt. Die vorhandenen und ersammelten Armenmittel wurden zur Anschaffung von Reis, Mehl und Brot verwendet. Und es ist zu hoffen, daß hier niemand hat Hunger leiden müssen, wie z. B. im Backnanger Bezirk. Von dort kamen 43 junge Leute nach Cannstatt und wurden mit Reissuppe gesättigt. Sie sollten an Oberländer Bauern verdingt werden und erzählten unter Tränen, daß ihre Eltern nichts mehr haben als Fleisch von gestorbenen oder gefallenen Pferden, das um 1 1/2-3 Kreuzer das Pfund verkauft wurde; oft haben sie zwei Tage gar nichts zu essen. Da kochten dann die Armen Wurzeln und Kräuter der Wiesen und des Waldes ab, um den Magen zu füllen. Von anderen hörte man, daß sie von Welschkorn- und Kleiensuppe ohne Milch und ohne Schmalz leben; halbkreuzerweise kaufen die Armen Viehsalz, weil es zu rechtem nicht reiche. 

Die Ernte des Jahres 1854 wurde nach Beschluß des Kirchenkonvents und Pfarrgemeinderäte mit einer Erntebetstunde morgens sechs Uhr begonnen. Sie fiel gut aus. Die Garben gaben noch einmal soviel Korn wie das Jahr vorher. Die Kartoffeln freilich waren immer noch krank oder gaben doch wenig aus. Vor allem aber hatten die Handwerker keine Arbeit. Die Zahl der Gantprozesse stieg von 3605 im Jahr 1847 auf 8536 im Jahr 1853. So nahm die Auswanderung fortwährend zu. (Sie bedeutete nicht bloß einen Menschen-, sondern auch einen Geldverlust, und der deutlichste Beweis für die Trostlosigkeit der Zustände waren die fröhlichen Gesichter, mit denen die Auswanderer die Heimat verließen. Der Kurs der Regierung wurde im Lauf der Jahre immer schärfer,, namentlich der Presse gegenüber. Übrigens wurden von 16 Beschlagnahmen des „Beobachters" im Jahre 1853 10 durch gerichtliches Urteil wieder aufgehoben. Der König war voll Argwohn. Als er an Weihnachten 1854 3000 Gulden für die Armen stiftete, wurde dabei bemerkt, daß er es die Armen nicht büßen lassen wolle, daß Kundgebungen stattgefunden haben, die beweisen, daß einzelne Sr. Majestät feindlich gesinnt seien. Aus dieser Einstellung wird es auch zu erklären sein, daß der König am 24. August 1855 die „lammfromme Kammer" auflöste. Bei der Neuwahl war unser Schultheiß Mäulen nicht mehr konservativ genug, sondern ein ultrakonservativer Kaufmann Keller wurde in den Landtag geschickt.

Die Cholera ist im Jahr 1854 von München, wo von 1450 Erkrankten 491 starben, nach Ulm gekommen, und am 17. Oktober ist in Cannstatt die „epidemische Brechruhr" aufgetreten. Doch breitete sich, die Seuche nicht weiter aus. Der Herbst 1854 fiel wieder mager aus, doch konnte das wenige zu 50—70 Gulden der Eimer verkauft werden. Als im Landtag behauptet wurde, nach Schluß der Besenwirtschaften (die auf drei Monate beschränkt wurden) haben die Weingärtner keinen Wein, aber auch kein Geld mehr, wurde entgegnet, der Weingärtner sei der anspruchloseste Staatsbürger, der bei der schlechtesten Kost das ganze Jahr hindurch die härteste Arbeit verrichte. Im Jahr 1854 wurde die Einführung von Diözesansynoden angeordnet, die freilich erst durch eine Landessynode ihre Bedeutung erhielten. Bedeutungsvoller war es, daß nun endlich das neue Volksschullesebuch erschien, gegen das noch 1852 eine Eingabe protestiert hatte, da die Bibel alles Wissenswerte enthalte. 

Nachdem im Jahr 1853 die Näh- und Strickschule durch Aufteilung einer zweiten Lehrerin etwas belebt worden war, verpflichtete sich 1855 Karl Neff in Stuttgart, einen jährlichen Beitrag von 100 Gulden zu leisten unter der Bedingung, daß 15 Mädchen aus den Nachbarorten an der von der Tochter des Metzgers Kizelen geleiteten Schule teilnehmen dürfen. Die (Schule ist allerdings schon 1858 wieder eingegangen. Als eine Art (Schlußergebnis der schlimmen Jahre für die Gemeinde ist es anzusehen, daß die Stiftungspflege nicht bloß die 900 Gulden, die sie hatte aufnehmen müssen, zurückzuzahlen hatte; sondern die Königliche Kreisregierung verlangte, daß der Geldgrundstock statt auf 3500 auf 6209 Gulden festgesetzt werde. So mußte der Stiftungsrat sich entschließen, jährlich 50 Gulden aufzubringen, bis der Grundstock ergänzt sei. Auf Unterstützung der Gemeinde war nicht zu rechnen, sie war durch die Kosten der [pag191] Uferbefestigung und des Brückenbaus zu sehr belastet. Im Jahr 1853 war die neue Brücke mit einem Aufwand von 80 000 Gulden fertiggestellt worden. Es war eine eiserne Gitterbrücke nach amerikanischem Muster, die auf zwei massiven Land- und zwei schlanken Wasserpfeilern ruhte. 1861 betrug die Brückenschuld noch 28 000 Gulden. Der Herbst 1855 war zwar wieder gering, aber der Wein war gut und fand einen guten Preis. 

Das Jahr 1856 begann so kalt, daß der Bodensee zufror. Dagegen wurde die neugewählte Ständeversammlung vom König aufs wärmste eröffnet und die Herren zu einem Festessen ins Schloß geladen. Es waren offenbar nicht mehr viele darunter, die ins Schwarze Buch gehörten, wie Ludwig Uhland, von dem es hieß: „Als Staatsbürger war sein Ruf sehr bedenklich. Er war Volksmann." Bunsen sagt: „Keine Kraft ohne Freiheit, keine Freiheit ohne Maß, ohne den sittlichen Ernst und die Liebe des Evangeliums, welche allein das Maß geben." Und bei einer Versammlung des Gustav Adolf Vereins sagte einer: „Der Glaube macht selig, nicht die Lehre. Bei den größten Unterschieden in der Lehre kann der Glaube, das Gottvertrauen und die Liebe zu Christus in gleicher Stärke vorhanden sein." Bei solchen Grundsätzen wäre der Christ und Menschenfreund Gustav Werner nicht zum Kandidaten und dann zum Seminaristen degradiert worden, weil er nicht orthodox genug war. Der leiblichen Not der Zeit suchte die Regierung durch Ortssparvereine zu wehren. Und der Kirchenkonvent in Gemeinschaft mit dem Pfarrgemeinderat beschloß, daß auf allerlei Weise Junge und Alte zum Sparen ermuntert werden sollen; auch wurden acht Vertrauensleute aufgestellt, die kreuzerweise Einlagen annehmen und an den Agenten, wenn's ein Gulden geworden war, abliefern sollten. Es mehrten sich nun die Anzeichen, daß die Notzeit zu Ende gehe. Schon im Dezember 1856 las man: „Handwerks» burschen werden selten gesehen, der Bettler ist beinahe verschwunden. Statt der Arbeitslosigkeit ist Mangel an Arbeitern bei den kleinen Gewerben wie bei den Fabriken. Die Steuerkraft wächst, dem Volke wird es wieder wohler." Und das Jahr 1857 wurde so gut und reich gesegnet, daß es im Herbst hieß, noch nie sei so viel Arbeit gewesen, der Mangel an Arbeitskräften sei so groß, daß die Löhne von selbst auf das Doppelte steigen, und zwar nicht bloß in der Landwirtschaft, sondern auch das Handwerk blühte nun auf, und in Untertürkheim wurde von Fladt und Vöhringer eine gewerbliche Fortbildungsschule mit 30—40 Schülern ins Leben gerufen. Zur Aufnahme der Apotheke wurde das Anwesen an der Ecke Cannstatter und Lange Straße um 8300 Gulden von den Erben des Amtmann Brodbeck erworben. Auf die Höhe kam das Jahr 1857 mit dem reichgesegneten Herbst, dem ersten wirklich guten der fünfziger Jahre, auch 1858 gab es sehr viel und guten Wein und 1859 ziemlich viel und guten. Beim Untertürkheimer Faßmarkt wurde ausverkauft, und „Buben und Mädchen tanzten unter großem 

 

Altes Weingärtner-Ehepaar

 

[pag192] Jubel auf der Straße um eine ungeheure Traube, wie man sie nicht alle Jahre um diese Zeit auftreiben kann". Die Weinberge waren eben von allem, was dem Weine schaden kann, verschont geblieben. In der Hauptstadt gab es in diesem Herbst auch sonst noch Umtrieb. Am 22. September wurde der neunte Kirchentag von Bethmann=Hollweg eröffnet. „Das wahre Christentum besteht in der Einigung der Konfessionen in dem Geist der Liebe trotz aller Verschiedenheit der Form und des äußeren Kultus." In diesem Sinn wäre eine Nationalkirche keine Utopie. Das Volksfest des Jahres 1857 bekam nicht nur durch den in Aussicht stehenden guten Herbst und den herrlichen Sonnenschein, sondern auch dadurch besonderen Glanz und Zulauf, daß auf demselben der russische Kaiser Alexander II. und der französische Napoleon III. erschienen. Der König traf seinen alten Freund Warth auf dem Volksfest und sagte zu ihm : „Da ist man doch im tiefsten Frieden, wenn die Fürsten so beieinander sind." „Majestät, dem Franzosen traue ich nichts Gutes zu. Es ist halt ein Franzos." Ärgerlich wandte sich der König ab. „Desmol hau e eibüßt." Als aber 1859 der Krieg zwischen Österreich und Sardinien und Frankreich ausgebrochen war, sagte der König, als er den Warth wieder traf: „Herr Warth, ich hab's Ihnen übelgenommen, aber Sie haben recht gehabt", und streckte ihm die Hand hin. Bartholomäus war auch Königlicher Weingartmeister. In den schlechten fünfziger Jahren befahl der König, alles herauszuhauen und Clevner zu legen. Warth legte aber nur unten etliche Gräben. Als 1857 das gute Weinjahr kam, wollte der König die Neuanlage sehen. Den Hofkammerräten war es angst. Warth aber führte den König zu den Clevnern, die recht wenig Trauben haften, dann die Stäffele hinauf, und auf dem Riegelberg hatte es Trauben die Menge, daß der König sich nicht genug daran freuen konnte. Dann beichtete der Weingartmeister, daß er den Erlaß nicht befolgt habe, und der König sagte: „Es freut mich" und befahl den Hofkammerräten, sie sollen Warth nur machen lassen, „der macht's recht". Der König hielt dann 1857 eine Herbstfeier und stellte der Hofgesellschaft, bei der auch die Königin der Niederlande war, seinen Weingartmeister und alten Kriegskameraden vor. Es wurde im „Reibhäusle" abgekocht, und Militärmusik spielte auf. Beim letzten Herbst im Jahr 1863 wurde der König ohnmächtig, und Warth ließ schnell aus dem Mönchskeller Champagner holen, sie hatten aber nur Malaga. Der König dankte ihm dann für seine Fürsorge mit einem Korb Rieslingweinflaschen. 

Im Jahr 1859 stiftete die hier wohnende Wilhelmine Roth 250 Gulden, deren Zins auf Weihnachten an Dienstmädchen von Unter- und Obertürkheim ausgeteilt werden sollte, die mindestens vier Jahre lang derselben Herrschaft treu und zur Zufriedenheit gedient hatten. Die Stiftung ist wie alle andern durch die Inflation auf ein Minimum herabgesetzt worden und muß erst allmählich wieder durch Zinseszins sich erholen. Eine recht angesehene Stellung hat sich Schulmeister Fladt in der Gemeinde geschaffen. Nachdem Schulmeister Koch, dem es nicht mehr recht gelingen wollte, die Disziplin aufrechtzuerhalten, sich zur Ruhe gesetzt hatte, übernahm er die Oberklasse, und schon bei der Martinivisitation 1859 trat der Unterschied zum Teil auffallend hervor. Besonders sah man an der Ruhe und Ordnung der Schüler, daß ein anderer Geist in der Schule herrschte. Auch in der Sonntagsschule konnte ihm die Zufriedenheit mit seinem Fleiß und der energischen Behandlung der jungen Leute ausgesprochen werden. Zwölf Sonntagsschüler, die sich in der Kirche unbotmäßig aufgeführt hatten, wurden von ihm dem Kirchenkonvent gemeldet, der ihnen einen ernstlichen Verweis gab, und ein besonders schlimmer, der seine Frechheit auch dem Kirchenkonvent gegenüber bewahrte, wurde mit sechs Stunden Arrest bestraft. Im Winter 1860/61 rief Fladt eine Privatmittelschule ins Leben, für die ihm die mit Steinkohlen geheizten Schulzimmer überlassen wurden. Es war eine Art Nachhilfe oder Fortbildung, namentlich im Rechnen, für die man etwa alle 14 Tage einen Groschen zahlte. "Mer got ins privat", hieß es. Auch Rekrutensingstunde hielt er. Damit die Rekruten, die gewohnt waren, den Winter über zweimal in der Woche im Ort herumzusingen, nicht immer das gleiche Lied vom Franzosenschlagen hören ließen, lehrte er sie zweistimmige Volkslieder Singen gegen eine gewisse Entschädigung. Dekan Heyd hatte schon im Anfang des Jahres 1860 die Gemeinde zur Gründung eines Orgelfonds durch eine Hauskollekte aufgefordert. „Nach den [pag193] letzten Segensjahren dürfte wohl manches Herz sich geneigt zeigen, das Haus des Herrn mit einer neuen Orgel zu schmücken." Als im Lauf des Jahres im Oberamt Besigheim ein schweres Hagelwetter niederging, wurde aber im «September für die Hagelbeschädigten eine Hauskollekte veranstaltet, die von je zwei Mitgliedern des Gemeinderats, des Pfarrgemeinderats und des Bürgerausschusses gesammelt wurde und 111 Gulden ergab. Gleichwohl wurden für die Abgebrannten in Thuningen noch 36 Gulden und für die von den Türken heimgesuchten syrischen Christen 58 Gulden geopfert. Die Apothekengerechtigkeit wurde 1860 Julius Sallmann aus Stuttgart übertragen. Im Jahr 1860 fiel der Herbat ganz gering aus. 1861 wurde das wenige, das gewachsen war, doch recht gut, und 1862 hatte es zuerst ganz schlimm ausgesehen, dann bekam man doch noch viel und guten Wein. Und nach diesem unerwartet gesegneten Herbst wurde nun eine Hauskollekte für die neue Orgel veranstaltet. 

Im Jahr 1861 verwarf der Landtag mit 63 gegen 27 Stimmen die Konvention, die der König 1857 mit dem Papst abgeschlossen hatte. Dafür wurden durch Gesetz vom 30. Januar 1862 die Verhältnisse der katholischen Kirche auf dem Weg der Landesgesetzgebung geordnet. Daß eine neue Zeit gekommen war, zeigte auch die Einführung der Gewerbefreiheit, die auch hier mit Begeisterung begrüßt wurde. Die Handwerkslehrlinge mußten entweder die Sonntagsschule besuchen, die im Sommer am ersten Sonntag des Monats, im Winter zweimal in der Woche als Winterabendschule gehalten wurde, oder die Gewerbeschule, die am Sonntag im Zeichnen unterrichtete, aber bezahlt werden mußte. 

Das Jahr 1863 war ein Segensjahr, „das uns die Güte Gottes in ausgezeichnetem Maße hat erfahren lassen", während sieben Gemeinden des Oberamts Künzelsau durch Hagelschlag und Überschwemmung schwer gelitten haben. Das Jahr 1864 machte die Herzen mitleidig mit den um ihres Deutschtums willen verfolgten und mißhandelten Schleswig-Holsteinern. Auch hier hörte man überall das „Schleswig-Holstein meerumschlungen" singen. Der Schreiner Reichert war als Freiwilliger im preußischen Heer bei Erstürmung der Düppeler Schanzen gewesen und rühmte sich, was die Freiwilligen für Draufgänger gewesen seien, da habe es allemal nur geheißen : „Mutwillige vor!" Die Gemeinde bewies ihre Teilnahme für die Schleswig-Holsteiner durch eine für sie gesammelte Hauskollekte. Am 25. Juni 1864 starb auf seinem Landhaus Rosenstein der greise König Wilhelm, der älteste der deutschen Fürsten, ein Vater des Landes, der „König der Landwirte". Er hat es in weitgehendem Maße wahr gemacht, was er bei seinem Regierungsantritt versprochen hatte, daß die Wohlfahrt seiner Untertanen das einzige Ziel seiner Bemühungen sein werde. Von seinen freiheitlichen Anfängen ist er, allerdings zunächst gezwungen, ziemlich weit abgekommen und hat auch die durch die Revolution endlich erreichte Preßfreiheit nachher wieder aufgehoben. Seine Bestattung neben seiner Gemahlin Katharina in der Kapelle auf dem Rotenberg sollte in aller Stille geschehen. So ist der Sarg des Königs unter den Klängen der Musik seiner Garde (bei der der alte Ehmann gedient hat) nachts zwölf Uhr durch den Ort geführt worden, und die Untertürkheimer haben in der schlichten Art der Zeit zum Zeichen der Trauer ihre Häuser beflaggt, indem sie schwarze Tücher an Stecken banden und als Trauerflaggen heraushängten. Ein Kanonenschuß vom Berg herab kündete an, daß nun der König in der Gruft beigesetzt sei. 

König Karl berief an Stelle des reaktionären Ministers Linden Varnbüler und 1866 Mittnacht, der durch viele Jahre sein treuer Ratgeber gewesen ist. Er hat auch seinem Volk die Freude gemacht, den unwürdigen Zwang der Preßzensur aufzuheben. Die württembergischen Truppen kehrten aus dem schleswig-holsteinischen Krieg unverrichteter Dinge zurück, da Österreich und Preußen alles ohne das Bundeskontingent machten. In dieser Zeit kam auch die Rathausuhr zurück. Nach dem großen Brand in Gschwend hoffen die Untertürkheimer großmütig ihre Rathausuhr den Gschwendern geschickt, die sie als geliehen ansahen und nun mit Dank zurückerstatteten. Im Jahr 1864 wurde die Kirche frisch verblendet oder kann man sagen : in der Verblendung haben die Untertürkheimer die Quadersteine angestrichen, die doch ohne Auftrieb schöner sind. Auch die Fenster wurden erneuert. Und der Pfarrgemeinderat, dessen Wirkungskreis so gar gering war, verpflichtete sich, während des Gottesdienstes den altgewohnten Umgang [pag194] wieder aufzunehmen. Dabei machten Sie die Wahrnehmung, daß während des Gottesdienstes die Läden offen waren, die Mägde Wasser holten und die Kinder sich auf der Straße herumtrieben. Ja selbst der Karfreitag und das Osterfest wurden durch Arbeit entheiligt. 

Im Jahr 1865 wurden die Lehrerbesoldungen neu festgesetzt. Der erste Lehrer erhielt 475 Gulden, der zweite 450 und 100 Gulden Wohnungsgeld, der dritte 400, der Unterlehrer 260 und der Lehrgehilfe 170 Gulden. Für die anzustellende Industrielehrerin wurden 235 Gulden und freie Wohnung in dem zu bauenden Schulhaus vorgesehen. Die zwei Organisten mußten sich in den Zins einer Stiftung von 500 Gulden teilen. In den neueingerichteten Ortsschulrat traten außer den Schulmeistern Decker und Fladt als Ortsschulräte Johannes Münzenmayer und Schlosser Hummel ein. Im Kriegsjahr 1866 wurde dann das neue Schulhaus gebaut mit zwei Schulsälen und zwei Lehrerwohnungen und einer Wohnung für die Industrielehrerin im Dachstock. Als solche wurde 1867 Margarete Bloch angestellt. Mit der Fertigstellung der Lehrerwohnungen kam dann auch die Anstellung eines dritten Schulmeisters Schlienz, und in den Ortsschulrat trat ein drittes Mitglied Hammer ein. An die Stelle des verstorbenen Mesners Hummel wurde sein Sohn gewählt. 

Als der Krieg ausbrach, wurde am 23. Juni, morgens sechs Uhr, eine außerordentliche Betstunde gehalten, auch wurde ein Sanitätsverein gegründet, der Gaben für Verwundete sammelte, und Scharpie gezopft. Sonst hat der Krieg auf das Leben der Gemeinde nicht weiter eingewirkt. Dagegen kamen nach Beendigung des Krieges zwei Schwadronen Reiter auf sechs Wochen hierher ins Quartier, bei denen Kronprinz Wilhelm als Leutnant stand. Er war als Urkundsperson beim Löhnungsappell, bei dem der Mann 10-11 Gulden Kleinmontierungsgeld bekam, und der Achtzehnjährige ermahnte die Reiter zur Sparsamkeit. Der Hauptmann dagegen ermahnte sie zum Tanzen bei der Untertürkheimer Kirbe. Er ließ 50-60 Flaschen Champagner kommen und regalierte seine Reiter damit. Die hatten es bei den Untertürkheimern sehr gut gehabt. Den Rotenbergern aber haben sie ihre Kirbetrauben gestohlen. Beim Abzug hielt der Hauptmann eine Rede und ließ die Untertürkheimer hochleben. 

Auch ein Zeichen der neuen Zeit war es, daß der Stiftungsrat beschloß, die freiwerdenden Kirchenstühle nicht mehr zu verkaufen oder zu verpachten. Eine neuzeitliche Einrichtung, die doch sehr wenig geeignet war, eine neue Zeit heraufzuführen, war der Pfarrgemeinderat, dessen Stellung und Wirkungskreis so unbefriedigend war, daß die Untertürkheimer ganz neuzeitlich streikten. Bei der Pfarrgemeinderatswahl am 18. November 1866 erhielt Gemeindepfleger Jakob Warth 33 Stimmen (bei etwa 400 Wahlberechtigten), Heinrich Zais 31, Alt Johannes Wörz 26, Gottlieb Schwarz 23. Alle vier lehnten einstimmig die Wahl ab im Einverständnis mit den vier nächsten, die 5-11 Stimmen bekommen hatten und als Ersatzleute zu fungieren gehabt hätten. Bei dem kleinen Wirkungskreis des Pfarrgemeinderats habe die ganze Sache keine Bedeutung. So mußte bis 1869 der Kirchenkonvent, der ja nebenher bestand, für den nicht mehr bestehenden Pfarrgemeinderat eintreten. Merkwürdig reich waren die sechziger Jahre an Stiftungen. Zu der Rothschen kam 1864 die Schönlinsche mit 200 Gulden. Dekan Heyd stiftete 150 Gulden zum Andenken an seine verstorbene Frau. 1866 wurden 300 Gulden zum Andenken an J. Zinsers Witwe gestiftet. Das alles für die Armen, und 1867 stiftete die Tochter des Hirschwirts Lausterer 1000 Gulden für Konfirmanden. Auch diese Stiftungen müssen aus dem dürftigen Rest, den die Inflation übriggelassen hat, sich wieder aufbauen. 

Im Jahr 1867 wurde der viel bewunderte neue Bahnhof in Stuttgart eingeweiht. Als Napoleon III. bei seiner Durchreise lebhaft begrüßt wurde, erklärte nachher Minister Varnbüler: „Aber der letzte Mann und der letzte Groschen, wenn's gegen Frankreich geht." In diesem Jahr wurde das allgemeine Wahlrecht von 1849 für den Landtag Gesetz, und Württemberg ging damit den andern Staaten voran und hat so wieder einmal die Reichssturmfahne vorangetragen. Das Jahr war naß, und der Wein wurde nicht viel, dagegen gab es massenhaft Obst. Als die Kirbe kam, mahnte der Pfarrer: „Lasset bei dem aufs neue uns reichlich geschenkten Segen nicht Tag und Nacht aufeinander folgen, welche mit Unmäßigkeit und Mißbrauch der Gaben Gottes in Saus und Braus zugebracht werden!" 

[pag195] Bei der Ortsschulratswahl des Jahres 1868 stimmten von 182 Wahlberechtigten 10 ab. So mußte der Ortsschulrat die nächsten drei Jahre ohne gewählte Mitglieder sein, und der Kirchenkonvent "traf wieder in seine Rechte und Pflichten als Ortsschulrat ein". Als dann aber im Jahr 1872 wieder eine Wahl vorgenommen wurde, waren es trotz wiederholten Läutens mit der Rathausglocke gar nur zwei, die sich zur Abstimmung bemühten. (Die Ratbausglocke wurde sonst nur beim Steuereinzug geläutet, da läutete sie oft der Bürgermeister selbst. Wenn der Polizeidiener Jakob Beurer aus seinem Steinbruch am Diebach oder sonst woher herbeigerufen werden sollte, wurde nur die Glocke fünf bis sechsmal angeschlagen.) Zu einer gültigen Ortsschulratswahl kam es erst 1874. Da hatten auch bloß 5 von 257 Berechtigten abgestimmt. Nun wurde aber die Wahl angefochten, und dadurch kam Leben in die Wähler, und bei der neuangesetzten Wahl gelang es 101 Stimmen, also mehr als das gesetzliche Drittel, zusammenzubringen. Es wurden der Weingärtner Gottlieb Rühle, David Paule und der Holzhändler und Gemeinderat Wilhelm Stierlen gewählt. Als dann später im Jahr 1884 die Wahl wieder ergebnislos blieb, trat auch, wieder der durch die drei Lehrer verstärkte Kirchenkonvent in die Funktion ein. 1890 stimmte von 297 Wahlberechtigten gar niemand ab. 

Dekan Heyd war im September 1868 gestorben, und sein Vikar Gerok wurde Pfarrverweser, bis am zweiten Epiphaniensonntag 1869 Pfarrer Gottlob Friedrich Haußmann ins Amt eingesetzt wurde. In der ersten Sitzung, an der er teilnahm, wurden von den Kollegien Stiftungspfleger Paule und Schulfondspfleger Brodbeck auf 6 Jahre wiedergewählt und beschlossen, eine Kleinkinderschule einzurichten. Die als Privatschule 1850 eingerichtete Kinderschule war wohl in den Notjahren eingegangen. Die neuerrichtete wurde nach Ostern eingeweiht. Sie war zunächst in einem Schullokal untergebracht und für Kinder vom fünften bis siebten Jahr bestimmt als eine Art Vorbereitung auf die Volksschule. Die Heppacher Schwester sollte den Kindern die Anfangsgründe des Schulunterrichts beibringen, und erst mit 7 Jahren sollten die Kinder in die Volksschule aufgenommen werden. Im Jahr 1871 wurde auch den Vierjährigen der Eintrittritt in die Kinderschule gestattet. Die 1867 angestellte Industrielehrerin sollte auch Elementarunterricht 

 

Gräberfeld mit Württemberg im Hintergrund 

[pag196] an der Volksschule geben. Die Folge war, daß die Industrieschule trotz aller Mahnung immer schlechter besucht wurde, bis sie 1872 vollends einging und man nun eine Lehrerin suchte, die am Mittwoch und Samstag den Volksschülerinnen Arbeitsunterricht geben sollte. Mit der Einrichtung der Kinderschule wurde auch eine Neuordnung der Volksschule verbunden. In den oberen Klassen wurden die Geschlechter getrennt. Aufsichtslehrer Bühler, der an die Stelle des verstorbenen Schulmeisters Decker getreten war, übernahm die Mädchen, Fladt die Knaben. Schulmeister Deckers Lieblingsfach war das Rechnen gewesen. Er brachte es bis zu der Berechnung von Kreisen und Ellipsen. Pfarrer Haußmanns Tätigkeit war eine sehr kurze. Schon im Juni mußte er sich durch Vikar Blessing vertreten lassen, und bald darauf starb er. Erst kurz vor Ausbruch des Krieges zog sein Nachfolger Pfarrer Karl August Staudenmaver auf. Die Gemeinde zählte jetzt etwa 2500 Seelen. Es mußten aber doch bloß 48 ausrücken, von denen einer, Gottlieb Hahn, an seinen Wunden, ein zweiter, Jakob Gugeler, an Krankheit gestorben ist. Am 30. Juli wurde ein Buß- und Bettag und von da an wöchentlich zwei Kriegsbetstunden gehalten, an denen sich auch der Männergesangverein beteiligte. Diese Kriegsbetstunden benützte Pfarrer Staudenmaver auch, um seine Gemeinde über den Gang des Kriegs, Gefechte, Schlachten und Verluste auf dem Laufenden zu halten. Im Ort bildete sich ein Sanitätsverein. Scharpie, Binden, Leintücher, Kleidungsstücke wurden vom Wundarzt Held gesammelt. Die Frauen der Ausmarschierten wurden unterstützt. Ein Haus mit einem schönen Garten (das Dr Feldmannsche an der Wilhelmstraße) wurde als Reservespital eingerichtet, in dem eine Helds die Köchin machte. Privathäuser nahmen Leichtverwundete auf. Eine Kollekte für den Sanitätsverein ergab 482 Gulden, später eine Hauskollekte 400 Gulden. Im ganzen kamen 1300 Gulden zusammen. Die ersten Pfleglinge waren sieben verwundete Württemberger; auf sie folgten dann andere aus Norddeutschland. Das Christfestopfer wurde zu einer Weihnachtsgabe für die Ausmarschierten verwendet. Bei der kirchlichen Friedensfeier März 1871 wurde ein Festzug mit der Schuljugend vom Rathaus zur Kirche veranstaltet. Im Oktober 1870 war der Landtag aufgelöst worden. Einer hatte gegen Teilnahme am Krieg gestimmt, 37 mit Ja, weil das Land bedroht sei. Durch die Neuwahl im Dezember sank die Opposition auf 15, teils Demokraten, teils Ultramontane. Gleich nach Friedensschluß wurde für die Elsaß-Lothringer gesammelt, Geld und Lebensmittel, namentlich Kartoffeln. 

In der Adventszeit 1871 wurde eine Subskription für Einrichtung einer Kirchenheizung eröffnet, die so gut ausfiel, daß schon in demselben Winter 1871/72 die Heizung eingerichtet werden konnte. Das Wachstum der Gemeinde in den siebziger Jahren, zu dem jedenfalls auch das 1871 beschlossene Gesetz über Freizügigkeit und Unterstützungswohnsitz beigetragen hat, kann man abnehmen an der Vermehrung der Schulstellen. 1874 wurde eine fünfte Lehrstelle nötig, 1880 eine sechste. Das neue Reich brachte allerhand Neuerungen : vor allem gemeinsames Maß und Gewicht nach dem Metersystem ; 1875 die Markwährung. Der Taler 3 Mark, der Gulden 1 Mark und 71 Pfennig, die zierlichen Silberkreuzerle verschwanden (der Kreuzer 3 Pfennig), dagegen gab es zierliche silberne 20-Pfennig-Stücke. Das entsprach beinahe dem allgemeinen Aufschwung des Geschäfts und der Löhne, den die fünf französischen Goldmilliarden ins Land brachten. Während die Untertürkheimer beim Graben des Liederhallekellers noch 48 Kreuzer verdienten, wenn sie von 5 Uhr morgens bis 7 Uhr abends in ihren Butten die Erde heraustrugen, stiegen Anfang der siebziger Jahre die Löhne so, daß ein Maurer bis zu 5 Gulden im Tag verdiente. Als Obermedizinalrat Elsäßer das ,,Schlößle", die heutige Kinderkrippe, baute, arbeiteten hiesige Feldmaurer daran im Akkord, und weil sie gewohnt waren, fleißig zu arbeiten, hatten sie es auf 7-8 Gulden im Tag gebracht, wenn man nicht den Lohn gekürzt hätte. Man sagte damals: "Die Maurer zünden ihre Zigarre mit 5-Mark-Papierle an." An Industrie war bisher nichts hier gewesen als zwei Gipsmühlen. 1874 wurde die erste Fabrik gegründet, die Kunststeinfabrik von Krutina & Möhle. Sie machten zunächst hauptsächlich Rohre. 1879 wurde der obere, größere Bau ausgeführt. 

Mit schwerem Herzen nahmen die kirchlichen Kreise die Einführung der Zivilehe auf; auch dem alten Kaiser ist es schwergefallen, seine Zustimmung zu geben. 1876 wurden die Standesämter [pag197] eingerichtet und den Pfarrern die Führung der standesamtlichen Register abgenommen. Am 12. Januar 1876 fand in Stuttgart die erste Ziviltrauung statt. In Preußen war der Kulturkampf ausgebrochen. Bischof Ketteler sagte. ,,Machen Sie keine Gesetze, die Rebellen sind gegen Gottes Gesetz, dann werden wir Bischöfe auch gegen die Landesgesetze nicht rebellieren." Bismarcks stolzes Wort : "Nach Kanossa gehen wir nicht !" ist nicht wahr geworden. Aber erst 1887 ist der Kampf, der der römisch-katholischen Kirche, vor allem aber dem Zentrum, eine ungeheure Stärkung brachte, endgültig beigelegt worden. Mitte der siebziger Jahre brach der schwindelhaft gewordene Aufschwung der Industrie mit einem großen Krach zusammen, und nun trat an die Stelle der hohen Löhne Arbeitslosigkeit. 1875 wurde in Gotha die Sozialistische Arbeiterpartei gegründet, die sich später Sozialdemokratische Partei nannte. Gegen sie wurde nach den Attentaten von Hödel und Nobiling 1878 das Sozialistengesetz erlassen, das ähnlich wirkte wie der Kulturkampf: Märtyrer machte und die Erbitterung und Kampflust vermehrte und die Partei stärkte. 

Auf den vorzüglichen Herbst des Jahres 1868 folgten mindere. 1873 erfroren die Berglagen, aber der Wein galt 100 Gulden der Eimer. 1874 erfroren die niederen Lagen, und die Rotenberger hatten den reichsten Obst- und Weinsegen. Ein ganz schlimmes Jahr war 1877. Da hingen die Stöcke so voll wie 1868. Dann kam während des Volksfestes ein Frost, der alles verderbte. In einem ganzen Wengert fand man kaum ein paar reife Portugieser. Man suchte von den weicheren Trauben einen Wein zu machen, aber es gab etwas ganz Saures, Raßmann hieß mau diesen Wein. So blieb nichts übrig, als die Trauben zu Schnaps zu verwenden. Das Jahr 1881 war nicht schlecht, ebenso das Jahr 1884, aber da ging der Verkauf nicht. Als Weinmarkt gehalten wurde, wurden von 600 Eimern 25 verkauft. 1883 hat der Hagel den Herbst vernichtet. 

Auf eine Anregung der Diözesansynode des Jahres 1875 hin wurde vom Pfarrgemeinderat, der seit 1869 wieder bestand, beschlossen, die Ausbildung freiwilliger Krankenpflegerinnen einzuleiten und sich an der Anstellung einer Bezirkskrankenpflegerin zu beteiligen. Die Anstellung einer eigenen Gemeindediakonissin wurde 1879 für unmöglich erklärt und 1881 von einer Bürgerversammlung ausdrücklich abgelehnt, dagegen die Einrichtung getroffen, daß an arme Kranke regelmäßig Kost verabreicht wurde. Im Jahr 1876 wurde die Kirche im Innern restauriert und die Kirchenstühle neu gestrichen. 1879 trat Pfarrer Staudenmaver in den Ruhestand Pud an seine Stelle Pfarrer Dr. Adolf Schmidt. In demselben Jahr wurde nach dem Tod des altbewährten Schultheißen Mäule Eduard Fiechtner zum Ortsvorstand gewählt. Damit war der Mann an die Spitze des hiesigen Gemeinwesens getreten, der mit großer Klugheit und Energie, weitsichtig und tatkräftig, sein Ziel mit unerschütterlicher Folgenrichtigkeit verfolgend, der Gemeinde selbstlos gedient, und kurz gesagt, aus dem schlichten Weingärtnerort einen weltberühmten Sitz der Industrie und eine begehrenswerte Vorstadt Stuttgarts gemacht hat. In welcher Weise sich die industrielle Entwicklung ausgewirkt hat, mag die Statistik zeigen. Die Bevölkerung wuchs von 1890 bis 1925 von 3722 auf 9324, die Zahl der Wohngebäude von 366 auf 682. 1925 gab es 839 männliche und weibliche landwirtschaftlich Erwerbstätige, dagegen in Industrie und Handwerk 3107, Handel und Verkehr 1082. Ganz charakteristisch ist die Veränderung der Tierhaltung. 1892 hatten die Untertürkheimer noch 346 Stück Rindvieh, dazu 344 Schweine, nur 100 Ziegen und 1268 Stück Geflügel. Bis 1925 war die Viehhaltung auf 74 Stück gesunken, nur noch 115 Schweine, dagegen 349 Ziegen und 3144 Stück Geflügel. Der Winter 1879/80 brachte eine seit 1829/30 nicht rnehr erhörte Kälte. Im Dezember hatte es 24 Grad Reaumur. Der Neckar bekam Grundeis, und als das Eis brach, lief er über, so daß in der Mühlstraße das Wasser zu. den Fenstern hereinlief und noch in der Cannstatter Straße das Wasser stand. Es wäre noch höher gestiegen, wenn nicht in Wangen die Dämme gebrochen wären. Dabei verlor ein Jude, der nach Stuttgart fahren wollte, seine beiden Pferde, er selbst rettete sich auf einen Baum. Das Hochwasser im Dezember 1882 stieg nicht so hoch, dagegen blieb mehr Eis im Tal liegen.

[pag198] Mit der Einrichtung einer sechsten Lehrstelle mußte die Kleinkinderschule aus dem Schulgebäude weichen, nicht zum Schmerz der Lehrer. Es war immer schwierig gewesen, eine Störung des Unterrichts durch den Lärm der Kinderschüler zu vermeiden. Im Juni des Jahres 1880 wurde eine neue, von Orgelbaumeister Schäfer in Heilbronn gebaute Orgel mit 21 klingenden Registern in unserer Kirche aufgestellt und im Zusammenhang damit die Orgelempore vorgerückt. Nach der Pensionierung des Schulmeisters Bühler, Anfang 1882, wurde auf Antrag der Ortsschulbehörde die Stelle nicht ausgeschrieben sondern die Lehrer Fladt, jetzt zum Oberlehrer gewählt, Schlienz und Dußler rückten vor, und eine siebte Schulstelle und die Anstellung einer Industrielehrerin wurden beschlossen, "um der weiblichen Tugend die längst vermißte Gelegenheit zu gründlicher Erlernung der verschiedensten weiblichen Handarbeiten zu bieten". Als Arbeitslehrerin wurde dann Karoline Haas angestellt und ihr das Lehrerzimmer für den Unterricht eingeräumt. Um den nötigen Raum zu gewinnen, wurde die Amtswohnung Bühlers in zwei Lehrsäle und ein Lehrerzimmer umgebaut. Die Kleinkinderschule fand ihre Stätte in dem Gebäude hinter dem Rathaus, dessen Dachstock, als Lehrerwohnung benützt, später Schwesternwohnung wurde. In dem Schulsaal durfte auch der Jünglingsverein, der seit 1881 aus kleinen Anfängen herangewachsen war, am Sonntag von 4 bis 5 Uhr zur Bibelstunde zusammenkommen. Für die Benützung des Saales durch die Jugend von 6 bis 8 Uhr war Voraussetzung, daß "für Überwachung ganz genügend gesorgt" wurde. Der Jünglingsverein hat sich auch bei der Lutherfeier des Jahres 1883 beteiligt und vor der Kirche eine Eiche gesetzt, die aber draufgegangen ist. 

Am 5. Juli ergoß sich über die Markung ein Wolkenbruch, der solche Wassermassen aus den Weinbergen hervorbrechen ließ, daß "im Grün" draußen die Quadersteineinfassung auf die Bahngeleise geworfen wurde und der Zug halten mußte, bis sie weggeräumt waren. Auf den Wolkenbruch folgte dann am 10. Juli ein schweres Hagelwetter, am schlimmsten am Daimlerweg, das eine solche Verheerung anrichtete, daß im Pfarrgemeinderat extra beschlossen werden mußte, die Erntebetstunde doch zu halten, "da ein Ausfallenlassen wegen des Hagelschlags sich nicht rechtfertigen ließen. Im Jahr 1885 wurde die Trikotfabrik von Veitinger, später Rudolf Behr & Cie., hier eingerichtet, der dann 1887 die Straussche Bettfedernfabrik folgte. Mit der vermehrten Arbeitsgelegenheit wuchs die Einwohnerzahl und begann eine rege Bautätigkeit. Es ist in Untertürkheim von jeher so gewesen, daß Kinder, die im elterlichen Haus keinen Platz fanden, deshalb doch nicht aus dem Ort weggingen, weil es doch "nur ein Untertürkheim gibt" und nirgends so schön ist wie da. Im Lauf der achtziger und neunziger Jahre wurde eine Reihe von Straßen eröffnet oder verlängert und ausgebaut. Aus dem 2 Meter breiten Feldweg, der Sattelfurche, wurde die Wilhelmstraße. Zu dem Seybothenschen Haus, dem alten Kindergarten, in dem die Tochter des Oberjustizrats von Seybothen wohnte, gehörte ein mehrere Morgen großer Garten, der bis zur Wilhelm- und Urbanstraße reichte und allmählich überbaut wurde. Damals bekam mau den Quadratmeter noch um 4-5 Mark. Der Platz um die Kirche wurde 1885 verschönt durch Anpflanzung von Bäumen, die Pfarrer Schmidt zum Teil stiftete. Im folgenden Jahr wurde das Kirchendach vollends ganz mit Falzziegeln statt der Hohlziegel gedeckt. Das Kränze- und Girlandenflechten für die Konfirmation hatte Anlaß gegeben, daß Knaben und Mädchen sich zu allerlei Kurzweil und Bossen zusammentaten. Es wurde deshalb auch aus Wunsch des Ortsvorstehers das Aufhängen von Girlanden der ganzen Emporkirche entlang verboten. Es sollte genügen, wenn am Altar der Bogen angebracht und einzelne Kränze an der Emporkirche aufgehängt wurden. Der Friedhof war bisher vom Totengräber als Weide für seine Kühe benützt worden. Auf den Gräbern standen einzelne Holzkreuze, auf vielen aber nur Rosenbüsche. Der Friedhof enthielt so viel Rosen, daß der Totengräber Säcke voll Rosenblätter nach Stuttgart liefern konnte. Unten im Friedhof standen Zwetschgenbäume, auf den Gräbern außer den Rosenbüschen auch andere Sträucher und Bäume. Alles war aber sehr verwildert, und die Grabdenkmäler waren zum Teil ganz verdeckt. Auf Antrag des Otsvorstandes wurde nun 1887 vom Stiftungsrat beschlossen, den Friedhof säubern und in einen geordneten Zustand bringen zu lassen, auch eine Friedhofsordnung aufzustellen, um gegen Ungehörigkeiten und Unordnungen wirksam einschreiten zu können.

[pag199] Im Jahr 1879 hatte Bismarck sich von den Liberalen abgewendet und mit Hilfe des Zentrums, das er durch Abbau der Maigesetze günstiger gestimmt hatte, den Schutzzoll eingeführt. 1881 begann die soziale Gesetzgebung als positive Leistung neben dem Sozialistengesetz. Die kaiserliche Botschaft kündigte an, daß man die Teilung der sozialen Schäden durch Forderung des Wohls der Arbeiter erreichen wolle. Mit dem Jahr 1883 begann die koloniale Ära. 1887 kam es zum endgültigen Friedensschluß mit Rom. Das Zentrum stimmte allerdings trotz des Wunsches des Friedenspapstes Leo XIII. nicht für das Septennat, enthielt sich aber der Abstimmung. In der evangelischen Kirche mußte 1886 der Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen gegründet werden. Im Dreikaiserjahr 1888 übernahm der neunundzwanzigjährige Kaiser Wilhelm II. das Erbe seines Vaters und Großvaters. Dieser hatte einst auf das Entlassungsgesuch Bismarcks mit einem Niemals ! geantwortet, und sein Enkel erklärte auch, daß er den Rat Bismarcks nicht entbehren möchte, aber Bismarck täuschte sich nicht darüber, daß Wilhelm II. sein eigener Kanzler werden wolle. Von der Kaiserin sagte Bismark: "Ich habe mich mit vier Königinnen zurechtfinden müssen und weiß daher die jetzige doppelt zu schätzen. Sie ist einfach weiblich im guten Sinn und ganz ohne Falsch. "Am 20. März 1890 wurde dann Bismarck entlassen und General von Caprivi trat an seine Stelle. Er schloß einen für England sehr günstigen Vertrag über Ostafrika, durch den wenigstens Helgoland deutsch wurde. Den Rückversicherungsvertrag mit Rußland hat er nicht erneuert. So kam es zum Zusammenschluß von Frankreich und Rußland. 1894 wurde dann Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst Kanzler. 

Für unsere württembergische Kirche waren die Jahre 1887-1889 entscheidungsvoll durch die Neuordnung der Landeskirche im Sinne der Selbstverwaltung der Gemeinden und Trennung von bürgerlicher und Kirchengemeinde. Diese Neuordnung wurde von der Landessynode beschlossen durch Gesetz vom 29. Juli 1889. Zum tiefsten Bedauern des Kollegiums mußte Pfarrer Schmidt dem Pfarrgemeinderat mitteilen, daß der Versuch, von § 92 Gebrauch zu machen und alles beim alten zu lassen, wie für 400 andere Gemeinden gescheitert sei. Offenbar dachten die Pfarrgemeinderäte jetzt anders als ihre Vorgänger vor 23 Jahren. Eine Kirchensteuer wurde immerhin erst nach Jahren eingeführt. Der letzte Beschluß des nunmehr ausgehobenen 

 

Friedhof , Gräber an der Mauer

[pag200] Pfarrgemeinderats war die Zustimmung zu der Absicht der bürgerlichen Kollegien, die Winterabendschule in eine Fortbildungsschule zu verwandeln. Am 5. Juli 1889 wurde die Kirchengemeinderatswahl vorgenommen. Es stimmten aber auch da von 529 Wahlberechtigten nur 59 ab. Die Fortsetzung der Wahl brachte es auf 73. Gewählt wurden: Gemeindepfleger Jakob Warth, Gemeinderat Gottlieb Warth, David Strauß, Andreas Warth, Jakob Zaiß, Gerichtsnotar Mauk, Friedrich Paule, Cannstatter Straße, Christian Warth, Rechnungsrat Seitz, Alt August Paule mit 21 Stimmen. Die folgenden: Philip Warth, Fabrikant Weber, Schullehrer Mast erhielten 18 und 17 Stimmen. 

Wurde die neue Kirchenordnung nicht mit Freuden begrüßt, so brachte auch sonst das Jahr nicht viel Erfreuliches, sofern im Juni die Gemeinde von Hochwasser heimgesucht wurde und im Juli von Hagelschlag, der auch eine Anzahl Kirchenfenster zerschlug. Dagegen war jetzt durch die Anstellung einer Industrielehrerin nach all den vorübergehenden Anläufen und mißglückten Versuchen ein erfreulicher Anfang mit der endgültigen Regelung des Arbeitsunterrichts gemacht. Fräulein Haas veranstaltete im April die erste Industrieausstelluug, und im Herbst trat an ihre Stelle Anna Wilhelm, die bald eine vielseitige Tätigkeit entfaltete und den Gedanken Fiechtners, die Sonntagsschule in eine " Werktagsschule mit fortgesetztem Arbeitsunterricht" zu verwandeln, durchführen half. Im November 1893 wurde dann die weibliche Fortbildungsschule provisorisch eröffnet, das Jahr darauf Emilie Kull als Arbeitslehrerin angestellt, und im Jahr 1896 trat Anna Wilhelm von der Arbeitsschule zurück, da sie ihre ganze Kraft der Volksschule zu widmen hatte, und es wurde nun eine zweite Lehrerin für die Arbeitsschule angestellt. Neben diesen Lehrerinnen unterrichteten noch drei Volksschullehrer im Zeichnen und wissenschaftlichen Fächern. Bald hatte die Untertürkheimer Arbeitsschule einen so guten Ruf, daß sie auch von Mädchen aus anderen Gemeinden besucht wurde. Da aber eine Verpflichtung zum Besuch noch nicht bestand, so mußte die Sonntagsschule weiter gehalten werden, im Winter mittwochs von 1 bis 3 Uhr, weil "den Eltern der Besuch einer Schule, die Aufwand erfordert, nicht zugemutet werden konnte". Die Volksschule zählte im Jahr 1891 sieben ständige Lehrer, Hengstberger, Forstner und Gras, der dann nach Amerika ging, waren neu hinzugekommen, dann zwei Unterlehrer, eine Lehrgehilfin und eine Arbeitslehrerin. Aber in sämtlichen Klassen mußte wegen Überfüllung Abteilungsunterricht gegeben werden. So war die Erbauung der Wilhelmsschule eine Forderung der Zeit. Im Jahr 1892 wurde sie unter Glockengeläute eingeweiht, und die Mädchen durften nun in die hellen luftigen Räume der Wilhelmsschule einziehen mit ihrem weiten Hof in guter Luft, während die Knaben bis auf den heutigen Tag sich mit den zum Teil recht dunkeln und dumpfen Räumen der alten Schule und ihrem engen Hof begnügen müssen. 

Für die Kirchengemeinde handelte es sich jetzt um die Ausscheidung des Kirchenvermögens. Die schwierige Sache wurde hauptsächlich dank dem Beistande Schultheiß Fiechtners, der ja von Amts wegen auch Mitglied des Kirchengemeinderats war, sehr freundschaftlich erledigt. Die bürgerliche Gemeinde löste eine Reihe von Verpflichtungen : die Lieferung von Felbenholz, den Pfarrwasen u. a. mit einem Kapital von 10000 Mark ab, und am 29. April 1891 konnte das Schlußprotokoll unterzeichnet werden. Dasselbe wohlwollende Entgegenkommen bewiesen die bürgerlichen Kollegien denn auch im Jahr 1902, als es sich um die Ausscheidung der Mesnereibesoldungsteile aus den Schulbesoldungen handelte, indem sie 16000 Mark verwilligten. Im April 1904, unmittelbar vor der Eingemeindung, wurden noch 10000 Mark zur Verbesserung des Turmes der Kirchengemeinde geschenkt. Im Jahr 1891 wurde Christian Warth, der 1889 in den Kirchengemeinderat gekommen war, zum Kirchenpfleger gewählt. Im Jahr 1892 starb Pfarrer Schmidt, ein trefflicher Kanzelredner, aber wegen Fußleidens schwer beweglich. Der Kirchengemeinderat bat nun daß "bei der Größe der Gemeinde ein Geistlicher in der Blüte der Jahre hieher berufen werden möchte". Da wurde der halbblinde, leidende Pfarrer Karl Rüdiger hierher ernannt, der gleich seinen Auszug wegen Krankheit hinausschieben mußte. Ansang Juni 1893 wurde er dann feierlich von den kirchlichen und bürgerlichen Kollegien und den Lehrern auf dem Bahnhof empfangen. Die älteren Schulklassen bildeten Spalier bis zum Pfarrhaus und sangen einen Choral.

[pag201] Am 3. Oktober 1891 starb König Karl, nachdem er 1889 noch sein fünfundzwanzigjähriges Regierungsjubiläum gefeiert hatte, bei dem das Denkmal Herzog Christophs auf dem Schloßplatz eingeweiht worden war. Schon jahrelang hatte er immer wieder Erholung von seinem qualvollen Leiden im Süden gesucht. Ihm folgte Wilhelm II., der der letzte König von Württemberg werden sollte. Dem Kaiser Wilhelm II. soll er zu demokratisch gewesen sein. Unter seiner Regierung wurde 1906 eine demokratische Verfassungsänderung vorgenommen. Kraft derselben wurde der Landtag zum Teil durch Verhältniswahl gewählt und bestand aus lauter vom Volk gewählten Abgeordneten. Die Privilegierten kamen in die Erste Kammer, die bei 51. Mitgliedern nur noch 20 Standesherren zählte. 

Im November 1892 bekam der Kirchengemeinderat die erfreuliche Mitteilung, daß Schullehrer Hengstberger bereit sei, einen Kirchenchor zu gründen und zu leiten. Es wurde dann auch gleich am 11. Dezember beschlossen, vier Dutzend buchene Stühle für die erweiterte Orgelempore anzuschaffen, so daß der Chor sie an Weihnachten benützen könne. Vom Jahr 1891 an kaufte die Heeresverwaltung die Güter im Wasen auf, um den großen Exerzierplatz von der Degerlocher Höhe herunter verlegen zu können. Dadurch sind viele Untertürkheimer um die schönsten Baumgärten und Felder gekommen, und damit hat die Umwandlung des Weingärtnerorts in einen Fabrikort und Vorort Stuttgarts begonnen. Die Güter wurden mit 75 Pfennig bis l,10 Mark für den Quadratmeter gezahlt, reich sind also die Leute dadurch nicht geworden. Das Jahr 1893 begann mit einem furchtbaren Eisgang. Der wilde Strom riß Grundstücke und Wege auf und trug die Eisschemel durch das ganze Tal, und die Obstbäume wurden zum Teil grausam verstoßen. Der König kam selbst, um den Schaden zu besehen, der auf 40 000 Mark geschätzt wurde. Im Lauf des Sommers hat sich dann allerdings herausgestellt, daß die Überschwemmung die Mäuse, die sonst in diesem Jahr viel Schaden anrichteten, sauber kaputt gemacht hatte und daß auf den überschwemmten Stücken das schönste Gemüse wuchs. Der Neckar hatte gleich dem Nil gearbeitet. Im November wurde das fünfhundert jährige Jubiläum unserer Kirche gefeiert. Die Zahl über dem Turmtörlein wurde damals 1493 statt 1478 gelesen. Zur Feier des Tages wurde eine neue grüne Altarbekleidung gestiftet. Nachdem Pfarrer Rübiger auf 13. November 1894 in den Ruhestand versetzt war, hat der Kirchengemeinderat wiederum, es möchte ein nicht zu alter, tatkräftiger Mann, der körperlich und geistig vollständig rüstig sei, an seine Stelle gesetzt werden. Und diesmal wurde der Bitte entsprochen. 

In Pfarrer Dr. Eugen Baur bekam die Gemeinde einen Führer, der mit Kraft und Freudigkeit überall, wo es not tat, eingriff. Er ging selber in die Häuser der säumigen Christenlehrpflichtigen und konnte berichten, daß sie sich nun ziemlich vollzählig einfinden. Um den Hauptgottestdienst zu entlasten, wurde für die Festtage ein Kindergottesdienst eingeführt, den der Vikar gleichzeitig im großen Saal der Wilhelmsschule hielt. Wenn einmal kein Vikar da war, übernahmen die beiden Oberlehrer diesen Dienst. 1895 verwilligten die bürgerlichen Kollegien 60 weitere Stühle für den Saal. Am 1. Juli starb, erst 41 1/2 Jahre alt, der Verwalter der Apotheke Abt, Schwiegersohn des Besitzers Sallmann. Sein Nachfolger bis 1902 wurde Apotheker Eugen Pfleiderer. Zur Hebung des Abendmahlbesuches, der 1879-1894 etwa 30 v. H. betragen hatte, wurde das seit 1881 ausgefallene Abendmahl am Palmsonntag und vor der Ernte wieder eingeführt. Der Konfirmandenunterricht wurde so geordnet, daß der Pfarrer die Konfirmanden, der Vikar die Zuhörer zu unterrichten hatte, also beide gleichzeitig Unterricht geben konnten. Als Pfarrer Baur 1898 auf 2-3 Monate das Amt des Bezirksschulinspektors übernehmen mußte, hatte Vikar Wilhelm das hiesige Amt allein zu führen. Die Kirche wurde 1895 mit einem Aufwand von 5000 Mark innen erneuert. An drei Eingängen wurden Vortüren angebracht, um die Kirche warmzuhalten. Die Wände wurden geweißnet und quadriert, das Holzwerk mit Ölfarbe gestrichen, Läufer in der Kirche gelegt und zwei Luftschächte angebracht. Eine gemeinsame Sache des Pfarrers und des Ortsvorstandes war die Einschärfung des Verbots der Wirtshäuser für die fortbildungsschulpflichtige Jugend und des Aufenthalts der Kinder auf der Straße nach dem Betglockenläuten. 

[pag202] Das umsichtige und unermüdliche Wirken des Ortsvorstands begann von 1894 an sichtbare Früchte zu tragen. Nach jahrelangen Bemühungen gelang es ihm, in einer Versammlung am 21. März 1894 162 Teilnehmer an der Wasserleitung zu gewinnen und damit dieses große und segensreiche Werk in Gang zu bringen. Noch in demselben Jahr konnte die Wasserleitung eingeweiht werden. Bisher war das Bedürfnis des Orts durch 12 Pumpbrunnen und den Türkenbrunnen, den einzigen laufenden, befriedigt worden, daneben gab es noch 7 private Brunnen, 4 davon im Innern der Häuser. Von den 12 Pumpbrunnen waren früher 8 Ziehbrunnen gewesen, aus denen man das Wasser mit Eimern geschöpft und heraufgezogen hatte. Bei der Pumpstation der Wasserleitung wurde ein Badehaus erbaut. Im Jahr 1895 wurde der untere Teil des Gögelbaches überwölbt. Der Winter 1894/95 war so streng, daß der Boden etwa 1 Mieter tief gefroren war und man in dem schönen sonnigen März 1895 mit den Grabarbeiten noch nicht anfangen konnte, weil man gleich auf gefrorenes Erdreich stieß. Im Jahr 1896 wurde der Bahnhof der Post überlassen, deren Aufgaben mit dem Aufschwung der Industrie gewaltig zugenommen hatten, seit der Zeit, da eine Frau in ihrem Korb zweimal im Tag die Post ausgetragen hat. An das Postgebäude wurde dann das neue Bahnhofgebäude angebaut, wie es in der Hauptsache heute noch ist. Dem neugebauten Rangierbahnhof sind wieder viel schöne und fruchtbare Grundstücke zum Opfer gefallen. Jetzt war der Güterpreis schon 2-4 Mark der Quadratmeter. Um des Bahnhofs willen mußte auch die Cannstatter Straße verlegt werden. Jenseits derselben begann dann der bis in die neueste Zeit fortgesetzte Bau von Dienstwohnungen. 

Neben den laufenden Geschäften und der Sorge für den Ausbau der neuen oder verlängerten Ortsstraßen beschäftigte den unternehmenden Ortsvorsteher ein großer lebenswichtiger Gedanke : die Durchführung der Neckarkorrektion. Die Katastrophe von 1893 hatte wieder einmal bewiesen, wie notwendig dieses Werk sei; aber es war auch schwierig. Doch auch für Fiechtner waren die Schwierigkeiten dazu da, daß sie überwunden werden. Und in welch kluger und umsichtiger Weise er dies verstand, zeigte sich, als er am 8. Februar bei einer Verhandlung, die die Regierung mit den Wasserwerkbesitzern anberaumt hatte, die Versammelten mit der Mitteilung überraschen konnte, daß er vor ein paar Tagen mit Genehmigung der Kollegien die Ludmannsche Mühle angekauft habe und die Gemeinde also als Wasserwerkbesitzerin mitsprechen könne. Nach schwierigen Verhandlungen gelang es ihm, mit Behr & Vollmöller und Straus & Cie. Verträge abzuschließen, nach denen sie ihre Wasserkraft, 25 und 53 Pferdestärken, gegen unentgeltliche Lieferung von elektrischer Kraft auf 99 Jahre abtraten. Damit war die Bahn gebrochen für die weitschauenden Pläne, die dann im Jahr 1900 zur Ausführung kamen. Am 1. Oktober 1896 wurde ein langgehegter Wunsch der Gemeinde erfüllt und eine Gemeindeschwester in ihr Amt eingeführt. Ein Krankenpflegeverein sorgte für sie und zog jährliche Beiträge von den Mitgliedern ein, denen die Schwester Babette dafür unentgeltliche Dienste leistete, und sie hat sich in den elf Jahren ihres Dienstes dankbare Anerkennung erworben. 

Im Januar 1899 wurde eine Turnhalle eingeweiht, die sogar rentierte, sofern die Vereine für die Benützung eine Miete zahlten. Anno 1896 starb das ehrwürdige Haupt des Lehrerkollegiums, Oberlehrer Fladt, der zwei Generationen mit Strenge, aber mit großer Treue und nicht geringem Erfolg herangebildet hat. Es war immer ein Fest gewesen, wenn seine Buben ihm auf Martini die Martinsgans überreichten mit den Welschkornkolben, die sie im Ort zusammengefochten hatten, damit die Gans auch richtig gemästet werden konnte. Und es ist merkwürdig, wie alle, die durch seine Schule gegangen sind, sich trotz aller, manchmal ja auch zu großen Strenge mit dankbarer Freude seiner erinnern. An die Stelle Fladts trat am 28. April Oberlehrer Staiger, der gleich seinem Vorgänger seine Buben in guter Zucht hielt, auch in bezug auf den Besuch des Sonntagsgottesdienstes. Anfang 1900 beantragte die Ortsschulbehörde die freiwillige Errichtung einer achten Schulstelle, damit „die tüchtige Lehrkraft des Unterlehrers Keinath der Schulgemeinde erhalten bleibe". Am 25. Juli 1897 war derselbe mit 9 von 10 Stimmen zum Organisten gewählt worden. Er hat diesen Dienst mit großer Pflichttreue, mit lebendigem Interesse und bedeutendem musikalischem Können bis zum 31. Dezember 1922 [pag203] geübt. 1895 hatte Pfarrer Baur das von zwei württembergischen Herzoginnen 1656 gestiftete Taufgeräte an die Altertumssammlung um 200 Mark verkauft und dafür ein neues angeschafft. Eine Abendmahlskanne aus Geislinger Metall wurde gestiftet, ebenso ein Silberner Abendmahlskelch. Der andere ist mitten im Dreißigjährigen Krieg gestiftet worden und Raub und Plünderungen entgangen. Wiederum mit Hilfe einer Stiftung wurden dann die vier zinnernen Abendmahlskannen auch versilbert. 

Im Jahr 1898 kamen zu den vorhandenen zwei neue Fabriken: die Schokoladefabrik von Stängel & Ziller, Eszet, die während der Inflationszeit 1921/22 ihre jetzige Größe erlangte, und die Bubecksche Konservenfabrik. Aber das genügte dem weit|schauenden Ortsvorstand nicht; denn er befürchtete, der Ort möchte eine Arbeiterwohngemeinde werden ohne die Steuerleistung großer Fabriken, und so brachte er es dahin, daß die bürgerlichen Kollegien seinem Plan, ein Industrieviertel zu begründen, zustimmten. Das ganze Gebiet zwischen Güterbahnhof und Neckar, das zu einem großen Teil der Gemeinde gehörte, wurde dafür bestimmt. Nach schwierigen Verhandlungen mit der Eisenbahnverwaltung wurde der Geleiseanschluß bewilligt. Die Daimlermotorengesellschaft hatte als sie ihren Platz 1899 um 343 000 Mark kaufte, den Geleiseanschluß zur Bedingung gemacht. Es gelang dann wirklich, eine industrielle Anlage um die andere anzusiedeln: gegenüber von Daimler die Vereinigten Seifenfabriken. In der Kurvenstraße entstand das Geschäftshaus der Tiefbaufirma C. Baresel, weiter das Sägewerk des Zimmermeisters Jakob Zaiß, das später auch zu den Daimlerwerken kam. Und endlich bauten 1904 Wolff & Söhne ihre Anlage zur Herstellung von Kunstwolle. Auch eine Anzahl Miethäuser, das sogenannte Fabrikviertel, wurden in nächster Nähe der Fabriken gebaut. 

 

Friedhofkapelle

Im Jahr 1899 wurde eine Darlehenskasse eröffnet, um den Leuten eine bequeme Gelegenheit zu verschaffen, ihr Geld anzulegen und nach Bedarf abzuheben. Zu dem immer städtischer werdenden Charakter des Dorfes gehörte auch die Anschaffung eines Leichenwagens. Der Pfarrer ging nun nicht mehr im Ornat mit dem Leichenzug, sondern erwartete ihn am Friedhof. Die Kleinkinderschule war 1898 so überfüllt, daß die Schwester bis zu 150 Kinder zu betreuen hatte. So war es ein dringendes Bedürfnis, daß ihr mehr Raum geschafft wurde. Es wurde dann das ehemals Seybothensche Haus an der Gartenstraße, das die Gemeinde erworben hatte, umgebaut; es [pag204] enthält zwei Säle und Wohnungen. Der Garten gab einen schönen großen Spielplatz, den heranwachsende Bäume allmählich beschatteten. Auf 1. Mai 1901 wurden an Stelle der Großheppacher Schwestern zwei Kindergärtnerinnen aus der Fröbelschen Schule, Fräulein Weißeisen und Frösner angestellt. Den geäußerten Bedenken gegenüber wurde die Fortdauer christlicher Erziehung garantiert. Die zwei hatten immer noch je etwa 90 Kinder, und so wurde 1905 ein neues Kindergartengebäude an der Friedrichstraße mit zwei Sälen für die Kleinen und zwei Zeichensälen erbaut. Der Kindergarten wurde dann unter städtischer Verwaltung interkonfessionell und auch katholische Kindergärtnerinnen angestellt. 

Oktober 1899 richteten die Oberlehrer Staiger und Mast und die ständigen Lehrer Hengstberger, Klingler, Forstner, Hirsch, Wiedmann, Keinath an die bürgerlichen Kollegien das Gesuch um Einführung eines örtlichen Altersklassensystems mit Gehältern von 1400 bis 2500 Mark, das dann auch bewilligt wurde. Im Jahr 1898 wurde vom Reichstag das Flottengesetz angenommen, durch das Deutschland erst eigentlich in die Reihe der Seemächte eintrat. In demselben Jahr starb Bismarck und machte Kaiser Wilhelm jenen Besuch in Palästina, bei dem er durch das Wort: „Ich bin zu allen Zeiten der Freund von dreihundert Millionen Mohammedanern gewesen", die Großmächte ärgerte, die Mohammedaner beherrschten. 1900 hat der Kaiser dann Bernhard von Bülow zum Kanzler ernannt. Im Jahr 1899 begründete Julius Schauwecker die Untertürkheimer Zeitung, die nach seinem Tod von Matthäus Ableitet fortgesetzt wurde, seit dessen Tod 1919 ist Arthur Schiler der erste Leiter.