Straß' auf - Straß' ab: Von der ersten Hocketse der VordersträßIer in Fellbach
Ein reges Geschäftleben pulsierte in der ehemaligen Herrengaß'
Als noch Ochsengespanne zum Marktplatz an Geschäften und Handwerksbetrieben vorbeizogen
Von unseren Redaktionsmitgliedern Erich Ruckgaber und Andrea Weller
"Straß' auf, Straß' ab" hörte sich die Fellbacher Zeitung
in der vergangenen Woche in der Vorderen Straße um. Bei Karl Seibold in der Garage fanden
sich die Vordersträßler
auf Einladung der FZ zum erstenmal bei Wein und Brezeln zu einer gemütlichen Hocketse zusammen
bei der nicht nur manche alte Fotos ausgetauscht, sondern auch viele Erinnerungen an frühere
Jahrzehnte lebendig wurden. Was da die Alten alles zu erzählen wußten, war nicht nur
manchem Jungen aus der ehemaligen "Herrengasse" von Fellbach neu. Das ist es auch wert, daß es in der Fellbacher Zeitung für die
späteren Generationen festgehalten wird.
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Bei Karl Seibold trafen sich
die Vordersträßler auf |
Schon in früheren Jahrhunderten, als in der Nähe der Kreuzung von Rommelshauser Kappelbergstraße, Burgstraße und Vordere Straße der Ortsadel, die Herren von Velbach, ihren Sitz gehabt haben, muß in der Vordergass' viel los gewesen sein. Davon zeugen nicht nur die Gewölbekeller in den zum großen Teil im letzten Weltkrieg zerstörten Häusern. Alle, die hier wohnten, besaßen Weinberge auf dem Kappelberg, und viele waren auch noch Handwerker und hatten sogar einen Laden. Die Straße war mit Kalksteinen geebnet und beiderseits mit Gärten vor den Häusern, natürlich noch ohne Randsteine, begrenzt. So zeigt es das Bild vom Bodemer Haus Nummer 41 aus dem Jahr 1911, das Elfriede Egeler, geborene Bodemer, aus dem Album herbeigeholt hat.
"Wenn's richtig geregnet hat", erinnert sich Karl Seibold aus seiner Jugend in der Vorderen Straße 19, "send Küh' mit de Wage im Dreck hänge bliebe." Wollten die Vordergäßler dann am Sonntag in die Lutherkirche, mußten sie auf Brettern zur anderen Straßenseite hinüber, wo das Wasser in einem mit Platten überdeckten Kanal ins Dorf hinunterfloß. Im vorigen Jahrhundert wurde das Wasser meist noch aus Brunnen geschöpft. Einer stand zwischen den Häusern Seibold und Häußermann. Nach dem letzten Krieg kamen dann aber die Leute von der Stadtverwaltung und wollten das Prachtstück aus Buntsandstein haben. "Ein paar Mauersteine hab' i dafür kriegt", lachte Seibold und bedauert, daß der letzte Schöpfbrunnen jetzt als Brunnentrog im Hofmauerweg ein Schattendasein fristet, obwohl Bürgermeister Rosenberger eigentlich längst der FZ gegenüber versprochen hatte, daß der Brunnenbogen wieder angebracht werde.
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| Das Bodemer Haus Nummer 41 aus dem Jahre 1911 |
Albert Müller, Jahrgang 1896, der einst in der Vorderen Straße 1 im "Goldenen Lamm" gewohnt hat, erinnert sich auch noch der Italiener, die anfangs des Jahrhunderts dort im Dachgeschoß gewohnt und an der Verlegung der Abwasserkanäle gearbeitet haben. Die 86jährige Anna Hummel erzählt, wie das Abwasser aus der Küche in der Vorderen Straße 19 durch ein Rohr in einen kleinen Teich geleitet worden sei, "und dort hen dann d' Gäns rumg'schnattert". Die Grube, in der die Jauche aus seinem Haus gesammelt worden ist, kann Karl Seibold jetzt noch zeigen. In Butten wurde dann die stinkende Brühe auf den Ochsenwagen geladen und auf die Felder gefahren. Anna Hummel weiß noch, daß Milchhändler Wagner aus der Hinteren Straße mit seinem Wagen die Milch von Haus zu Haus eingesammelt habe. "Ja, oft send mr direkt vom Wengert in d' Stall zum melke", fügt Mutter Aldinger hinzu. Jetzt ist Ernst Fritz noch der einzige Landwirt in der Straße, der selber Kühe im Stall hat. Er wohnt übrigens im selben Haus, in dem der ehemalige Landtagsabgeordnete Kugler aus Fellbach gewohnt hat. Erinnert hier ein Schaukasten mit Schnapsflaschen und am Haus von Küfermeister Bodemer ein Schaukasten mit Weinflaschen an das heimische Gewerbe, so verführen die Auslagen in den beiden Weingütern Häußermann in der Vorderen Straße 5 und 21 zur Einkehr."
Ja, früher ist man ohne die Nachbarn gar nicht ausgekommen", sagt Martha Häussermann
vom Weingut Werner Häussermann, Vordere Straße 6. "Wenn eine Kuh gekalbt hat, hat man
eben mitten in der Nacht beim Nachbarn geklingelt, der dann bei der Geburt helfen
mußte." Auch im Wengert - die meisten Vordergäßler waren Weinbauern und hatten
Wengert auf Fellbacher Markung - war der Zusammenhalt großgeschrieben. Anna
Hummel aus der Vorderen Straße 17 erinnert sich gut an die Zeit, als die Männer in den
Wintermonaten gemeinsam die Wengertmauern ausgebessert oder neu gebaut und im Wald
Holz geschlagen haben.
Für die Versorgung der Weinbauern waren die Kinder zuständig, die das von der Mutter in
Essenkesselchen verpackte und in wollene Tücher verschnürte Mittagsmahl zwischen Vor- und Nachmittagsunterricht
in den Wengert trugen. "Da henn mer ganz sche
renna müssa, daß mer wiadr rechtzeitig end Schul komma send." Doch auch diejenigen
Männer, die bei Daimler in Untertürkheim oder im Eisenbahnausbesserungswerk in Cannstatt
arbeiteten, wollten ihr Mittagessen. ,,Ich weiß noch, daß eine Frau jeden Mittag mit einem
ausrangierten Kinderwagen das Essen zum Daimler gebracht hat", erzahlt Sofie Aldinger
aus der Vorderen Straße 14.
Der Speisezettel fiel bei den meisten Familien - wie im größten Teil der Kappelbergstadt - eher
bescheiden aus, obwohl die Vordere Straße mit ihren zum Teil recht wohlhabenden Anwohnern
und schönen Hausern zuweilen auch "Herrengasse" genannt wurde. Sauerkraut, Linsen, dicke Bohnen, gelbe Rüben kamen da
auf den Tisch. Das Brot wurde alle vierzehn Tage in einem der Backhäusle oder, wie es später der Brauch war, beim Bäcker
gebacken, der von jeder Familie den fertiggekneteten Teig bekam. Die Zwei-Kilo-Laibe wurden in die
kühlen Gewölbekeller gehängt, um sie frisch zu halten. Fleisch gab es nur an Sonn- oder
Feiertagen. Wenn es jedoch einmal ein Fest zu feiern gab, wurde tüchtig aufgetischt. Anna Hummel,
Jahrgang 1901, und jüngstes von neun Kindern, berichtet von ihrer Hochzeit am 20. Dezember
1923: "Bei mir gab es eine richtige Haushochzeit. Zum Mittagessen gab's Kalbsbraten und zum Abendessen gefüllte
Gänse."
Die 86jährige kann ebenso wie Sofie Aldinger noch vieles aus der Zeit berichten, als die
Vordere Straße noch eine belebte Geschäftsstraße mit zahlreichen Läden und Handwerksbetrieben war. An der Stelle, an der
heute die Fellbacher Bank steht, war ein großzügig angelegtes Eckgebäude nebst einem
niedrigen Vorbau mit hübschen Rundbogenfenstern - das Gasthaus "Zum goldenen Lamm". In der Nachbarschaft, dem
Haus Nummer 11, in dem heute die Traubenapotheke untergebracht ist, unterhielt Heinrich Frey eine Weinhandlung. Gleich
nebenan, im Haus Nummer 13 war der "Wagen-Burgler", der in seinem Handwerksbetrieb Rechen und Leiterwagen aus
Holz herstellte. Schmied Schäfer auf der anderen Straßenseite, im Haus Nummer 8,
schmiedete die metallenen Reifen für die Räder und beschlug die Pferde der Bauern. Er schärfte
auch die Felghauen und Kartoffelfelgen und dengelte die Sensen. I
m Haus Nummer 11, wo heute die Bäckerei Grau ist, gab es einstmals den Pfanderschen Kolonialwarenladen, in dem Tuch, Meterware und auch Spezereien verkauft wurden. Später zog dort der Bäcker Gruber ein, darauf der Bäcker Mendele. Im heutigen Conradi-Haus, Sitz der Fellbacher Zeitung, in dem das "Fellbacher Tagblatt" gedruckt wurde, hatte die Verleger Ehefrau Lina Conradi einen Schreibwarenladen. An einem Schaukasten vor dem Geschäft konnten sich die Bürger schon damals über die aktuellen Ereignisse im Vorbeigehen informieren.
Zu den aktiven Geschäftsleuten unter den mittleren Vordergäßlern zählte auch Schmiedemeister Riehle neben dem Bauer Schnaitmann. Nach ihm wurde ein Lebensmittelladen eingerichtet. Sein Nachbar war der Seiler Ritz, der aus Platzmangel seinen Seilerwasen droben in der Kappelbergstraße hatte und dort noch nach dem ersten Weltkrieg selbst Seile drehte. Als er sein Geschäft aufgab, zog dort ein Friseurladen ein. Und auch im nächsten Haus war ein Handwerker, nämlich der Häfner Lorenz. Gegenüber im Haus 22 hatte Schuhmacher Rittberger seine Werkstatt. Er hatte auch ein paar Kühe im Stall und war bei den Nachbarn oft Helfer beim Kalben. Offensichtlich war damals die Vordere Straße die Einkaufsstraße von Fellbach. So überrascht es nicht, daß dort im nächsten Haus Sattler Lorenz seinen Laden hatte. Als dieser sein Geschäft aufgab, folgte der Metzger Sailer und die Wirtschaft "Stern". Erst danach wurde dort der heutige Friseursalon eingerichtet.
Früher war hinter der Vorderen Straße auch eine
Ziegelei, an die heute noch die Ziegelstraße erinnert. Hier gab es noch praktisch hinter jedem Haus einen Obstgarten. Oma Sausele bot damals
sogar ihre Kloten mit dem Rufe "frisch vom Baum, ihr glaubt es kaum" den Vorbeiziehenden an, weiß Karl Seibold zu berichten. Der
Obstverkauf, der heute Fellbachs Straßenbild bestimmt, kam erst nach 1945 auf. In der Vorderen Straße 10 hatte
auch ein Schuhmacher seinen Laden. Schräg gegenüber, Nummer 7, gab es das "SchultesHaus", in dem
Schultheiß Ernst Albert Friz bis 1916 wohnte - das schönste Haus in der Straße, wie die Vordergässler
einhellig meinten. Es wurde als Amtshaus benutzt, beherbergte bis zum Bau des alten
Rathauses auch einige Amtsräume und hatte einen besonders großen Keller, der vier Meter unter die Straßensohle reicht. Von dort wurde
eine Verbindung zu dem ebenfalls großzügig angelegten Keller vom Haus Nummer 8 geschaffen.
Bei der Besitzerin Elsa Lempp kamen im Zweiten Weltkrieg die ganzen Familien aus der Nachbarschaft zusammen, im Gewölbe Schutz vor den Luftangriffen zu suchen. 60 bis 70 Leute seien oft da unten gesessen, berichtet Elfriede Lempp, die Tochter von Elsa Lempp.
Auch die Vordere Straße blieb nicht verschont. 1944, so berichtete Karl Seibold, ist
ein Flugzeug auf das Schnaitmann'sche Haus - heute das Haus von Weingut Paul Häussermann Nummer 21 - abgestürzt. Die
Besatzung starb, und im Keller kamen ein deutscher Soldat, auf Urlaub in Fellbach, sowie eine Bewohnerin
ebenfalls ums Leben. Am 2./3.. März 1944 stand der ganze mittlere Teil der Vorderen Straße in Flammen.
Auch kulturell war in der Vorderen Straße etwas geboten, vor allem auf dem Marktplatz. Jeden Sonntag
um 11 Uhr gab es ein Platzkonzert vor dem Conradi-Haus, wo sich die Kirchgänger nach dem Gottesdienst
trafen, um den Darbietungen der Stadtkapelle zu lauschen. "Ha, des war
schee", schwärmt Anna Hummel noch heute. Zwischen dem Conradi-Haus und dem Haus des
Weingärtners Rienth, heute Häussermann, stand der Brunnen, der nach dem Krieg vor das FZ-Gebäude verlegt wurde. Die Familie von
Martha Häussermann, geborene Rienth, heißt deshalb bei den Vordergässlern die "Rienthens am Platzbrunnen." Sie
wohnt zwar heute mit ihrem Mann in der Pfarrstraße, war aber auch sehr glücklich darüber, wieder einmal mit ein
paar Bekannten aus der bewegten Vergangenheit gemütlich Jugenderinnerungen bei der FZ-Straßen-Hocketse austauschen zu können.
| Vordere Straße Fragt man nach der Herkunft des Namens der Vorderen Straße, muß man weit in die Historie Fellbachs zurückblicken. Den Schlüssel dazu bildet die Burgstraße, die vor etwa 150 bis 200 Jahren den südlichen Ortsrand bildete. An der Stelle, an der sie in die Vordere Straße und in die Kappelbergstraße mündet, ist eine platzartige Erweiterung, an der auch ein Weiher lag und in die verschiedene Wege mündeten. Aus der Kontrastierung der Vorderen und der Hinteren Gasse schlossen die Historiker, daß die wichtigeren Gebäude an der Vorderen Gasse gestanden haben müssen, also vorne im Ort. An dieser Erweiterung an der Vorderen Straße vermutet man auch den "Maierhof" der "Herren von Velbach"; diese Annahme wird von der Existenz der herzoglich württembergischen Zehntscheuer in der Vorderen Strafe 39 bestätigt. |
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